Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Dienstag, 14. August 2018

Der Hausfreund ODER Nehmt euch ein Beispiel an den Schülern


Als ich begann zu bloggen, wusste ich, dass die Art der Beziehung, in der die Müllers leben, definitiv einer der Inhalte meines Schaffens werden würde. Ein Inhalt. Nicht der Inhalt. Bis auf wenige Ausnahmen stieß ich mit der sozialmedialen Bekanntgabe einer Vierecksbeziehung irgendwo zwischen Freigeist-Schnarch und Herztod jedes überzeugten Monogamieanhängers nahezu durchweg auf mindestens neutrales, wenn nicht sogar interessiertes bis wohlwollendes Leserfeedback. Das macht mich wirklich glücklich und ist sicher nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass ich in der Regel darauf achte, dass die Leser zum Content finden und nicht umgekehrt. Zu Lasten der Reichweite, aber zugunsten meiner Nerven. Mit Trollen diskutieren ist anstrengend, wenn auch manchmal sehr unterhaltsam. In erster Linie aber eigentlich Zeitverschwendung. Logisch. Hau ich mir ohne hinzukucken jede Menge lose Kirschen in die Tüte im Supermarkt, sind einige gammlige dabei. Dann lieber Augen auf bei der Kirschenwahl, auch wenn's mal wieder länger dauert.
Auch mich selbst hat die schreiberische Auseinandersetzung mit unserem ganz individuellen Partnerschaftsmodell zum Nachdenken gebracht und auf eine ganz eigene Art wachsen lassen, ich möchte fast sagen zwischenmenschlich auf eine neue Ebene gebracht, deren Existenz mir vorher nicht wirklich klar war. Das hört sich spirituell an, ist allerdings weder aus einem Forum für frischgebackene Mütter noch meiner Yogalehrerin entlehnt. Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen, die ich natürlich wie immer nicht erfunden habe. Nein, sie spielte (oder spielt) sich in meinem direkten Umfeld ab...

Da ist eine junge Frau in der Blüte ihrer Dreißiger. Gerne und mit Leidenschaft Frau, wenn ihr wisst was ich meine. Auch gerne und genauso leidenschaftlich Mama. Sie ist glücklich verheiratet und nennt zwei Schulkinder ihr Eigen. Im Laufe der Vergangenheit fiel öfters der Name eines Mannes, wenn ihre Familie mit ihr sprach. Es war nicht der Name ihres Mannes, aber auch ihr Mann war bei diesen Gesprächen dabei und ihn schien das gar nicht zu stören. Nach allem was man hörte, schien die Familie sogar einiges an Freizeit mit diesem Mann zu verbringen, es war sogar die Rede von gemeinsamen Urlauben. Aber keiner stellte Fragen. 

Eines Tages, auf einer Familienfeier, bekam dieser Name plötzlich ein Gesicht für alle, die bisher nur beiläufig von ihm gehört und keine Notiz genommen hatten. Plötzlich allerdings nahm jeder von diesem unbekannten Mann Notiz, weil er und die junge Frau auf eine Art miteinander umgingen, die weit über den „guten Freund“ der Familie hinausging. Dabei gaben sich beide keinerlei Mühe, den Narren aneinander weder vor den Familienangehörigen noch dem Ehemann zu verbergen. Letzterer schien kein großes Problem mit dem zu haben, was die Gemüter einiger Anwesender auf Erdkerntemperatur erhitzte. Auch die Kinder kennen und mögen den jungen Mann. Fragen stellte keiner.

Wenige Monate später wiederholt sich das Schauspiel auf einer neuerlichen Familienzusammenkunft und nachdem klar ist, dass es sich bei den unglaublichen Beobachtungen der vorangegangenen Festivität nicht um einen einmaligen und somit zum Wohle des Familienfriedens zuvernachlässigenden Vorfall handelt, drohen die Fässer zumindest zeitverzögert überzulaufen. Tatsächlich traut sich niemand, die verheiratete Frau, den scheinbar gehörnten Ehemann und vor allem den schamlosen Ehestörer zur Rede zu stellen. Dennoch hat jeder mehr Meinung als Ahnung und vor allem handfeste Interventionsambitionen. Man müsse reden, schallt es aus Richtung der ehemaligen Erziehungsberechtigten der jungen Frau. Das könne so nicht weiter gehen. Und überhaupt: Was ist da los? 
Bemerkenswertes Verständnis jedoch für das glückliche Dreieck ausgerechnet aus der Richtung der Schwiegereltern, also von den "Verantwortlichen" für den unglücklichen Ehemann: "Haben die Meckerer vergessen, dass sie auch mal jung waren und wie geil ein Dreier ist?" . Keine Sorge ums Gefühlsleben des erwachsenen und mündigen Sohnes, sondern eher Sympathie für den Ergänzer, den die Gegenseite argwöhnisch als Reindrängler verurteilt....


Natürlich sprachen und sprechen wir auch in der Quattroehe über diese kleine wahre Geschichte und ihre Beteiligten. Und in der Tat ertappt man sich selbst viel zu schnell beim Verurteilen. Ist das nicht egoistisch? Kommt der Ehemann nicht zu kurz? Das kann doch niemals gutgehen. Darf man das seinen Verwandten und Bekannten zumuten oder ist sowas Privatsache? Solche Vorverurteilungen liegen vermutlich in der Sozialisation von uns allen begründet. Außerdem teilen die meisten Menschen nicht gerne und geben noch weniger gerne etwas ab, wenn sie nichts dafür bekommen. Und tatsächlich erscheint unsere eigene Interpretation einer zumindest leicht geöffneten Ehe sehr viel ausgeglichener und erfolgsversprechender. Aber können wir uns nicht absolut sicher sein, dass irgendwo Menschen hocken und ähnlich über uns denken? Die behaupten, dass es keine Liebe sein kann, wenn man seinen Ehepartner jemand anderen überlässt? Dass man überhaupt nur eine einzige Person lieben kann? Dass sicher der Sex zu zweit vorher einfach langweilig oder sogar tot war? Dass in so einer Familie nur völlig verkorkste Kinder leben können? 

Abgesehen von der Tatsache, dass uns egal ist, was andere denken, müssten uns diese Vorurteile rasend machen, weil sich Menschen anmaßen über unser Gefühlsleben zu entscheiden. Sie glauben zu wissen, wie wir empfinden und wie wir empfinden sollten. Aber steht uns das zu? Eigene Maßstäbe an das Lieben und Leben Anderer anzulegen? 
Ertappt. Wir hatten gerade das Selbe getan. Genau das, was wir von unseren Diskussionspartnern fordern, nämlich das „Leben und leben lassen“ waren wir gerade selbst nicht zu leisten bereit. Wir sind SO glücklich. Ihr seid ANDERS glücklich. Wir ALLE sind glücklich. Punkt. Keine Urteile.
Interessant ist, dass sich die meisten Außenstehenden scheinbar bestens vor allem mit dem Gefühlsleben des Ehemannes auskennen, aber ihn weder jemand nach seinem Befinden bezüglich des Geschehens fragt, noch seine tiefe Entspanntheit wahrnimmt. Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Wie kann sie ihn nur so bloßstellen? Und wie kann dieser Fremde sich eigentlich so in diese Ehe drängen mitten in einer Situation, in der niemand irgendwie bedrängt wirkte. Sie geht zu weit und er natürlich auch. Und nur aufgrund der Tatsache, dass eben nicht sein kann, was nicht sein darf, kommt keiner auf die Idee, dass es vielleicht noch viel weiter gehen würde. Der Ruf nach Intervention wird laut, Konsequenzen wollen gezogen werden. Aber gefälligst schön vorsichtig und bitte erst am Morgen, nachdem die Gangs die Straßen verwüstet haben und nur noch das Knacken der Scherben unter den Schuhen zwischen den Häusern hallt. 

Ist es wirklich angenehmer per großer Ankündigung ein ernstes Wörtchen reden zu wollen, statt sich mitten im Geschehen zum Beispiel mit einem Bierchen neben den Ehemann zu hocken und zu sagen: „Hey, was is denn bei deiner Frau los?“ oder den Arsch zusammenzukneifen und die Frau zu fragen „Hast du jetzt einen Hausfreund oder wie seh ich das?“. 
Fragt man den erklärten Feind des Familienidylls vielleicht unterbewusst genau deshalb nicht nach seiner Funktion, weil man befürchtet, er könnte antworten "Wenn es auch nur einem der beiden mit dem was ich tue, nicht gut gehen würde, würde ich mich sofort zurückziehen. Die bestehende Familie ist mir heilig. Ich sehe mich als Bereicherung."

Warum wühlt man lieber allein im gedanklichen Salat aus eigenen Wertvorstellungen, Eindrücken und moralischen Grenzen, vor allem wenn die scheinbar so verworrenen Verhältnisse drohen, einem den verdienten Nachtschlaf zu rauben? Warum reden Menschen lieber übereinder statt miteinander?
Erst kürzlich hat mir eine Zufalls-Neuleserin unterstellt, eine schlechte Lehrerin zu sein. Das tat sie auf Basis eines in ihren Augen zu abwertenden Posts bezüglich meiner Klasse. Zack. Verurteilt. Und der Post war noch nicht mal besonders lang und für meine Verhältnisse höchstens durchschnittlich kreativ. Na klar, mein Hass auf Kinder ist der Motor meines beruflichen Wirkens. Ich wüsste nicht, wofür ich morgens aufstehen sollte, wenn mich nicht die Aussicht locken würde, den ganzen Vormittag lang unschuldige Kinderseelen zu drangsalieren. Kindertränen sind wie Regen auf meiner ausgedörrten Pädagogenseele. Und wisst ihr was ich am meisten an den Kindern hasse? Sie fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Und wenn sie fragen, dann tun sie das direkt, haben dabei weder Erwartungen an die Antwort noch an das Gefühlsleben des Gefragten. Sie wollen einfach wissen. Oder wie es Justin ausdrücken würde: „Frau Müller, is das dein Enkel, da auf dem Bild auf deinem Tisch?“

Lies mehr von schlechten Lehrern 
und schlechten Ehen 
bei Frau Müller auf Facebook. 

Mittwoch, 20. Juni 2018

Von Dirtytalk und Hobbygärtnern: Wie man Wünsche verwirklicht und Blümchen tötet ODER (K)eine Anleitung zur Eheöffnung


Ich glaube, ich erwähnte es bereits: entgegen all der Food-, Beauty- und Fitnessblogger schreibe ich nicht um gute Ratschläge und geniale Hacks loszuwerden (außer es ist Blogtober und ich mach mal was Verrücktes), sondern um Geschichten zu erzählen oder Gedanken loszuwerden, die mir durchs Hirn spuken. Präbloggerisch meinten einige meiner privaten Kontaktpersonen, es sei manchmal recht unterhaltsam, mir zu zu hören. Unterhaltsam erzählen. Mehr wollte ich gar nicht. Mir scheint, als schaffe ich das auch das ein oder andere Mal. Und dann erreichen mich eben hin und wieder Nachrichten, die von mehr als nur guter Unterhaltung berichten. Es soll nämlich vorgekommen sein, dass in einigen wenigen Menschen etwas bewegt wurde. Von solchen Prozessen berichtete kürzlich bereits der SchMärz, aber auch ganz abseits der Folterwerkzeuge flattern hin und wieder blaue Umbruchbänder durch die Lüfte...
 
Von allen Artikeln, die im Lehrerzimmer so dahin gehobelt werden, sind die SchMärz-Geschichten sowie alle Artikel mit einem Bezug zur Quattroehe, die mit dem stärksten Feedback. Und entgegen der Erwartungen vieler, hielten sich kritische Äußerungen bezüglich unseres nennen wir es alternativen Partnerschaftsmodells eher in Grenzen. Was muss man eigentlich für einen Shitstorm noch leisten???

Mich schrieben zum Beispiel Frauen und Männer an, die ganz ähnlich leben. Vor kurzem allerding kontaktierte mich eine junge Dame, deren Nachricht mich nachdenklich stimmte. Ich muss dazu sagen, ich nehme mir für alle Nachrichten von Lesern Zeit, diese zu beantworten, so lange sie über ein „Daumen hoch“, „Hallo“ oder ein GiF, in dem ein Teddy mit einer roten Rose winkt, hinaus gehen. Ich beantworte Fragen, wenn ich dahinter ehrliches Interesse und nicht pure Neugierde oder irgendwas Ekliges wahrnehme und der Fragende nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Und soweit ich das kann, berate ich auch im Rahmen meines Erfahrungshorizontes. Beratung ist ein großes Wort. Sagen wir, ich gebe meine Meinung zu einer Problemstellung ab.

Diese Leserin schrieb mir also sinngemäß, dass sie die Art, wie wir unsere Vierecksbeziehung leben, ganz klasse findet und obwohl sie seit einigen Jahren verheiratet ist, die monogame Art zu leben als nicht normal und langweilig empfindet. Sie würde ihren Partner gerne überzeugen, aber das sei sehr schwierig, schrieb sie außerdem. Bei dem Wort überzeugen begann mein Inneres unruhig auf seinem Stuhl herum zu rutschen. 
Was rat man in so einem Fall? Tagelang von nichts anderem reden und wenn es sein muss, laut und deutlich schmollen? Ich denke, diese Strategie funktioniert, wenn es um überteuerte Schuhe, notfalls noch die Wahl des Urlaubsziels oder die Anschaffung einer dritten Katze geht. Bei dem Vorhaben, eine Beziehung zu öffnen, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückchen, ist Vorsicht und Einfühlungsvermögen die Mutter im Porzellanladen. Wo bitte gibt es eigentlich einen Porzellanladen?
Wie dem auch sei. Ich habe kein Patentrezept, keinen To-Do-List oder einen Fünf-Stufen-Plan zum Erreichen sexueller Offenheit jenseits ehelicher Grenzen. Ich weigere mich zu sagen: Tu dies oder mach jenes. Menschen und Wege sind verschieden. Und sicherlich erzählt jeder Swinger oder Poly oder anders alternativ lebend und oder liebender Mensch seine Geschichte anders. Nur Sex. Nur Liebe. Sex und Liebe. Allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, mit festen, mit wechselnden Partnern. Jeder sucht sich aus, was er mag. Was alle gemeinsam haben, ist das Einvernehmen. Mit allen Beteiligten.
Was also raten, einer jungen Frau, die nicht unglücklich aber für sich selbst scheinbar langweilig verheiratet ist, mit einem Mann, der sich von Experimenten jenseits der Zweierintimität nur mäßig begeistert zeigt. Ich rate nichts, ich erzähle. Das kann ich besser. 

Bei den Müllers war es eigentlich weniger die Langeweile, als vielmehr der Wunsch danach, einige der blumig ausgeschmückten Dirtytalkgeschichten in die Realität umzusetzen. Dirtytalk ist für mich persönlich schon ein Qualitätsmerkmal für guten Sex, vor allem dann, wenn er über Standard-Pornodialoge wie "Oh ja" und "Mmmh" hinausgeht. 

Diese Art der Gesprächsführung ist für mich eine Art Anzucht von Gesprächskeimlingen. Ihr wisst schon, diese klitzekleinen Sonnenblumenkerne, die man auf der Fensterbank im Joghurtbecher zunächst heranwachsen lässt, um sie später ins Beet umzusetzen. So funktioniert das auch mit Wünschen und Vorstellungen sexueller Natur. Man kümmert sich gemeinsam um das kleine Pflänzchen, achtet ganz sorgfältig darauf, was der andere tut, ob er es gießt oder in die Sonne stellt und richtet sich danach. Bloß nicht überwässern oder vertrocknen lassen. Wenn das Wunschpflänzchen groß genug ist, dann kann man es in den Alltag pflanzen. Beim Autofahren, Kaffeetrinken oder Fernsehen wird weiter sinniert. So kann ein Wunsch durchaus Gestalt annehmen.

Bei Müllers war es zunächst der Wunsch nach einer zweiten Frau. Und der kam wider allgemeinen Erwartens nicht von Herrn Müller. Nein, ein Mann fühlt sich nun mal an wie ein Mann (und das ist gut und richtig so) aber um eine Frau zu fühlen, braucht es nun mal ne Frau. Bis zu diesem Punkt scheint das für die meisten Leser vermutlich keine großen Einbußen für den Mann zu bringen. Aber ihr werdet lachen: wenn man ins Gespräch kommt, trifft man tatsächlich auf nicht wenige Männer, für die es schon eine Hürde ist, die eigene Frau mal einer anderen Frau zu überlassen. Wenn die Herren der Schöpfung dann noch nicht mal zuschauen dürfen, wird’s noch schwieriger…

Der Freundes- und Bekanntenkreis war gedanklich schnell ausgewildert. Nee, dat war den Müllers nix. Was, wenn der Sex mies ist? Werde ich dann jemals wieder mit diesen Menschen unbefangen grillen können?
Erotikforen sind für mich persönlich eine absolute Bereicherung. Dank Nickname bleibt man anonym und kann sich als Pärchen erstmal in Ruhe umschauen, stößt auf andere Pärchen und auch das hilft, das Wunsch-Sonnenblümchen weiter gedeihen zu lassen. Nachdem Müllers festgestellt hatten, dass Frauen, die gerne ein Gastspiel auf ehelichen Laken geben, recht rar sind, orientierte man sich in Richtung zweites Paar. Hier gab es nämlich erstaunlich viele Mitsuchende, deren Wunschkonstellation ähnlich geartet war, wie die der Müllers. Man zog einen Swingerclubbesuch in Erwägung und machte seine ersten Erfahrungen. An anderer Stelle ging ich bereits näher darauf ein (Hier klicken).
Nach diesen ersten Erfahrungen war allerdings erstmal gar nichts so richtig in Butter. Denn das was man sich vorgenommen hatte und das was am Schluss dabei heraus kam, lagen so weit auseinander wie Nord- und Südpol. Plan: ein zaghafter Anfänger-Vierer bei dem sich die Männer zurückhalten und die Frauen Spaß haben, mehr neben- als miteinander. Was tatsächlich geschah: Partnertausch in getrennten Räumen. Die Königsdisziplin sozusagen. Der Effekt: Computernerd läuft Ironman. Nulllinie.

Wie es zu diesem folgenreichen wrong turn kam, habe ich auch bereits an anderer Stelle ausführlicher erzählt. Das Pflänzchen war totgegossen. Und daran hatten zunächst wir beide und danach vor allem die Müllerin Schuld. Weil wir auf falsche Gärtner hörten, die sagten: „Je mehr du gießt, desto schneller wächst die Blume.“ Das kam uns absolut logisch vor. Schließlich waren die beiden Experten. Ab einem gewissen Punkt goss nur noch die Müllerin, so sehr beschäftigt mit dem Gießen, dass sie nicht bemerkte, dass Herr Müller bereits aufgehört hatte zu gießen und mäßig angetan war, angesichts der Emsigkeit seiner Frau.
Wir fanden uns wieder an einem Punkt, an dem Herr Müller grundlegende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Versuchs hatte und ich für mich die Feststellung machte, dass ich mindestens auf Frauen nicht mehr verzichten wollte. Schwierige Tage und Wochen und die Beziehung ins Mark erschüttert. An einem Punkt, an dem man feststellt, dass die Bedürfnisse – wenn auch nur scheinbar – auseinander gehen, wird jede Beziehung auf eine Zerreißprobe gestellt. Jemand hat ein grundlegendes Bedürfnis, dem der andere nicht nachkommen kann und oder will. Setzt man die Bedürfnisse durch, verbiegt sich der andere. Stellt man seine Bedürfnisse zurück, existiert fortan ein impliziter Vorwurf, mit dem der andere Partner leben muss. Dünnes Eis für eine Ehe. 

Jetzt könnte man meinen, ein Kompromiss wäre die einfachste und fairste Lösung. Fair möglicherweise. Einfach mitnichten. Dafür wäre es ja zunächst nötig, den Standpunkt des jeweils Anderen zu akzeptieren. Das ist selbst in unserer scheinbar ach so modernen Gesellschaft heutzutage für jemanden, der sich eine Öffnung seiner Beziehung wünscht, nicht ganz leicht, denn Akzeptanz für dieses Lebensmodell findet man nicht mal ebenso am Straßenrand. Im ungünstigsten Fall möchte man in den Augen des Partners also etwas völlig Absurdes und noch dazu Unmoralisches. Etwas, das die Vorstellungskräfte mancher Menschen weit überschreitet und vor diesem Hintergrund zwangsläufig in einer Flut aus Vorwürfen endet: Reiche ich dir nicht?

Wie soll man(n) oder frau also akzeptieren. Letztendlich müssen beide Partner, wenn es zu einem Kompromiss kommt, ein Stück weit von ihrem Standpunkt abrücken. Wie genau das beim tatsächlichen Ausleben des Wunschs nach mehr Offenheit funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich kann aber am müllerschen Beispiel beschreiben, wie zumindest der Weg hin zur Offenheit zum Kompromiss wurde.
Ebenso viel Schweigen wie Reden, eine (beruflich bedingte Zwangs-) Sexpause und das Zurückerinnern an das hübsche Pflänzchen, das man gemeinsam groß gezogen hatte, bevor es totgewässert wurde, half den Müllers beim Neustart in Richtung Wunscherfüllung und ausgewachsene Sonnenblume. Ganz ohne Verabredung inklusive Erwartungen besuchten wir den Swingerclub vom Anfang nocheinmal. Wir hatten erstaunlich wenig gesehen von dem hübschen Ambiente bevor wir quasi von den Wölfen in ihren Bau gezerrt wurden. 

An diesem Abend hatten wir Sex, viel Sex und ausgezeichneten Sex. Und ausschließlich miteinander. Diese Erfahrung und die Erkenntnis, dass auch zwischenmenschlich wenig bis gar nichts in unserer Startkonstellation mit den Wölfen gestimmt hatte, ließen das neue Pflänzchen kräftig wachsen. Das Eingeständnis an uns selbst, dass völlig anonymer Sex, bei dem höchstens Vornamen eine Rolle spielen und Sympathien über das gemeinsame Glas Sekt an der Bar nicht notwendig sind, nichts für uns ist, war die eigentliche Öffnung. 

Der darauffolgende Weg, in den Artikeln der Reihe „Friends with benefits“ schon ausführlich beschrieben, war auch nicht ohne jeden Stein, aber wir gingen ihn gemeinsam bis an den Punkt, an dem wir heute stehen und rundum glücklich sind.

Ich bin nicht die Päpstin der Beziehungsöffnung. Und am Rande: so offen ist die Beziehung der Müllers nicht. Wir sind monogam in unserem Viereck und Alleingänge gibt es nicht. Wenn das für einige Schandmäuler und Überdrüssige der eigenen Einöde aus dem Bekanntenkreis schon reicht, um von Orgien zu sprechen, dann bitte schön. Manchmal verrät man damit schon sehr viel über den eigenen Horizont – und wenn dieser nur vom Ortseingangs- zum Ortsausgangschild reicht. Kleiner, nicht verkneifbarer Seitenhieb aus gegebenen Anlass.
Alle, die sich nun durch die knapp 1500 Wörter quälten, auf der Suche nach echtem Mehrwert und einer aus Piktogrammen bestehenden Anleitung zum Selbstbau eines unendlichen Sexuniversums belohne ich abschließend mit den ersehnten Ratschläge – aber nur drei und nur, weil sie aus den müllerschen Erfahrungen wuchsen - die Sonnenblumenkerne sozusagen:
  • Achtet aufeinander und überredet nicht.
  • Das Tempo bestimmt der Langsamere.
  • Ihr beide habt ein Recht darauf, dass der jeweils Andere eure Wünsche ernstnimmt.
Das Leben ist kein Swingerclub.
Manchmal ist auch eine ordentliche
Portion Absurdistan dabei und
schließlich hat vermutlich jeder
seine ganz eigene MüllerMansion.
Den Newsticker aus allen drei
Mikrouniversen gibt's per

Mittwoch, 6. Juni 2018

Vom Arschloch Stoffwechsel, Laubpfauen und sexuell bedingt schütterem Haar


Wenn man eine Weile bloggt, sammelt sich ein bisschen was an. Und zwar nicht nur in dem für alle öffentlich zugänglichen Setzkasten, welcher all meine gedanklichen Ü-Ei-Figuren beherbergt, sondern auch auf dem virtuellen „Nicht fertig“- oder „Lass liegen, vielleicht gefällt es dir in ein paar Monaten besser“-Stapel. Genau an diesen Stapel wagt man sich, wenn man mal wieder entweder keine Lust oder keine Zeit (oder beides) hat, etwas Neues aus den Tasten zu quetschen. Selbiges habe ich auch heute getan. Entstanden ist ein wirres Gedankencluster aus Ansichten und Erlebnissen von damals und heute, welches sich hervorragend in den präsommerlochschen Kehraus einfügt.
  
Ich habe kein Problem mit meinem Alter. Als ich nach meinem 30. Geburtstag feststellte, dass ich nun aktiver gegen körperliche Verfallsprozesse vorgehen muss weil Gesicht allein nicht mehr reicht, war das eine Erkenntnis mit der verbundenen Konsequenz, zumindest etwas Sport zu treiben. Mehr nicht. Ich altere nicht, ich geilere. Das ist alles eine Frage der Einstellung. 
Allerdings hab ich ein Problem mit Arschlöchern. Und mein Stoffwechsel ist ein Arschloch. Dieses Arschloch schert sich herzlich wenig darum, ob und wie viel ich esse oder mich bewege. Nicht ich entscheide, wo es schwabbelt und dellt, nein – das tut Arschloch Stoffwechsel. „Es gibt kein Recht auf Gerechtigkeit“ sagte einst mein talentierter Psychotherapeut und somit wohl auch keinen Schutz gegen Arschlöcher. Nicht im richtigen Leben und auch nicht im Kopf. Und genau wie im richtigen Leben, kommt man an manchen Tagen mit den Arschlöchern besser zurecht und an anderen Tagen eben schlechter.

Einen zuverlässigeren Stoffwechsel haben vermutlich die meisten Mittzwanziger, dennoch sind sie nicht zu beneiden. Sie haben einen furchtbaren Musikgeschmack, sind gerade am Anfang der Familienplanung (haben also keinen Schimmer von Dammschnitten und Elternabenden) und frieren ständig an den Knöcheln. Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe. Allerdings fror man zu meiner Zeit eher im Nierenbereich oder am Arschansatz. 

Wir sind heute eingeladen zu Rudis Überraschungsparty anlässlich seines 30.Geburtstags. Rudi ist die Kurzform von Rudolf aber Rudolf heißt natürlich nicht wirklich Rudolf. Allerdings ist Rudolfs tatsächlicher Name genauso unpassend für einen Dreißigjährigen. So unpassend, dass die sehr direkte Sabrina einst in der großen Runde einer Hochzeitsgesellschaft Rudis Freundin fragte: „Rudolf? Er heißt wirklich Rudolf? Ich dachte Rudi ist nur ein Spitzname wegen irgendwas. Wie um alles in der Welt stöhnt man denn Rudolf?“
Darauf hatte die hübsche zierliche Frau mit der Hüftbreite einer Siebenjährigen so spontan keine Antwort, obwohl sie sonst weniger verlegen bezüglich der Bekanntgabe sehr persönlicher Informationen war, zumindest wenn es darum ging, mir ohne Umschweife und in Zimmerlautstärke mitzuteilen, dass sie schon den ganzen Tag kacken muss, während ums Eck vor dem Zugang zu den Toiletten die halbe Gästeliste unfreiwillig mithörte.

(Ich weiß, Grundsatzdiskussion. Wer stöhnt eigentlich den Namen seines Partners? Das macht doch kein Schwein, oder? Nur Pornosternchen schreien ekstatisch „Jaaa, Jerome, jaa. Schneller, tiefer, härter, du geiler Hengst.“ oder kichern mit süffisant überspitzten Stimmchen: „Hansi, du Stier. Gib‘s mir schmutziger, als je zuvor.“ Aber ja, sie hat es trotzdem gefragt.)

Rudis Freundeskreis besteht überwiegend aus Mittzwanzigern. Während die Feiergesellschaft auf das Eintreffen des Jubilars wartet, der seit heute in ihren Augen gefährlich an der Frühbucherrabattgrenze fürs Altersheims kratzt, höre ich die folgende Aussage einer Hipsterin gegenüber ihrer Girlsclique: „ Also wenn ich mal 30 werde, will ich nicht so ein Tamtam.“ Ich glaub ich kotze gleich. Im Strahl. Nicht weil ich mich in diesem Moment um 20 Jahre gealtert fühle. Nein, so habe ich mich tatsächlich nur einmal gefühlt, als ich zu einem Konzert der Band Kraftklub mitten in 5000 bezahnspangten Teenies mit einem BMI unter 15 stand und sich Müllers nach dem Konzert einen Fluchtweg durch den Konvoi wartender Eltern bahnen mussten. 
Vielmehr habe ich den sicheren Eindruck, diese Aussage erwuchs nicht aus dem respektablen Keim der Bescheidenheit einer Person, die nicht gerne im Mittelpunkt steht und weiß, dass Luftballons eine Gefahr für Meerestiere sind. Nein, sie hätte ebenso sagen können „Wenn ich sterbe, dann möchte ich kein Hochglanzgrab aus poliertem Marmor mit Bronzeengel in Lebensgröße. Bitte streut meine Asche nur in aller Stille in den Wind.“ Alle metasprachlichen Parameter wären die gleichen.  

Warum glauben viele Menschen in den Zwanzigern, 30 zu werden ist etwas Schreckliches? Es gibt schlimmere Dinge, als einen lahmen Stoffwechsel. Milchstau, Maggifix, Rosenthaler Kadarka oder H&M zum Beispiel. Ja, man wird im Alter anspruchsvoller in vielen Dingen. Auch das habe ich an diesem Abend gemerkt. „Wer gut tanzen kann, kann auch gut vögeln.“ schnappe ich am Rande der Tanzfläche auf. Das mag gut möglich sein aber: so wie ich nicht zu allem tanze, vögle ich auch nicht mit jedem. Und noch was hat Tanzmusik mit Sex gemeinsam: Je nüchterner du bist, desto wählerischer bist du auch.

Diese Mittzwanziger-Wunschmusik ist auf jeden Fall bestialisch: sie feiern wie die Tiere zu alemannischen Botox-Blondinen mit Dyspnoe bei Dunkelheit oder Adolf Presley (wäre der mal lieber auf seinem Trecker geblieben) mit Schmalzfrise und Stricksocken. Ohne jedweden Anspruch auf hochwertige Unterhaltung. Und genauso scheinen die auch über Sex zu denken. Rudi (seines Zeichens Trauzeuge zur Quattroehe-Schließung durch den Dragqueenpfarrer.. oder die Pfarrerin?) meint zu Sarah mit Blick auf das Pärchen, dass uns am Tisch schräg gegenüber sitzt: „Die würden auch gut in eure Gruppe passen.“ 
Hallo? Gruppe? Ich meine: Wer sind wir? Das THW? Wo jeder mitmachen kann, der Lust dazu hat?Wir sind die Quattroehe. Wir sind quasi verheiratet.

Abgesehen davon warten Männer Mitte Zwanzig scheinbar alle noch auf den letzten Wachstumsschub. Die sind irgendwie klein. Ich hab mal gehört, dass Männer im Alter deswegen zu Glatzenbildung neigen, weil das Hirn nochmal wächst und daher die Kopfhaut spannt. Ich glaube ja eher, dass die Haare sich in dem Alter einfach ergeben, weil sich schon so viele Frauen drin festgekrallt haben. Dass diese fünfundzwanzigjährigen großen Jungs noch so dicht bewachsene Hinterköpfe haben, ist in dem Zusammenhang Indikator für fehlende sexuelle Qualitäten und hohen Fortbildungsbedarf. Was genau Ü30-Sex so erstrebenswert macht, habe ich übrigens HIER schon mal ausführlicher verbloggt…
  
Ich mag unsere exklusive Gruppenbildung ja sehr, aber was diese jungen Menschen unter Gruppenbildung verstehen, finde ich schon schräg. Als Pärchen dort angekommen, scheinen sie den restlichen Abend unter so etwas wie Geschlechtertrennung zu verbringen. Am Frauentisch eher wenig Alkohol. Schließlich befindet man sich ja in der Familienplanung, stillt noch oder muss morgen früh fit sein weil die lieben Kleinen ja keine Rücksicht nehmen. Hipster-Mutti-Themen: Schnittmuster für Partnerlook-Mützchen und Brei kochen im Thermomix. Die Männer am anderen Ende des Raumes müssen ihr Bier heute mal nicht in der Garage auf einem Bierkasten sitzend trinken, sondern dürfen mit Geschlechtsgenossen unter dem wachsamen Glucken-Blick vom Mutti-Tisch öffentlich männlich sein. Na, wer will jetzt nochmal Mitte Zwanzig sein?

Ich habe an solchen Abenden immer das Gefühl, der Pfau in der Entenschar zu sein. Oder die Rose im Laubhaufen. Klar, der Stoffwechsel der Rose, mit der ich mich hier vergleiche, ist sicher noch kein Arschloch. Dafür ist das Laub schon tot. Aber darum geht es nicht. Laub ist nur hübsch wenn Herbst ist, jemand einen Filter drüber legt oder die Sonne drauf scheint. Und im Herbst scheint die Sonne nun mal selten. Ansonsten ist Laub eben Laub. Rosen haben Würde. Versteht das nicht falsch. Ich mag Enten. Und Laubhäufen. Letztere sind wichtig im Kampf gegen Igel-Obdachlosigkeit. Aber beide, der Pfau und die Rose wirken in diesem Setting deplatziert. Man vergleicht nicht, weil man nicht vergleichen kann, was in unterschiedlichen Ligen spielt.
  
Weil die Musik nicht besser wird, als diese jungen Erwachsenen anfangen ihrer Ehrfurcht vor dem Alter durch Klassiker und Oldies auszudrücken und mein Versuch auf dem Klo einfach zu sterben scheitert, beschließen wir zu gehen. Wir bahnen uns den Weg durch die rauchenden Pfirsichwangen vor der Tür, die nur davon träumen können, bei gleichbleibender Nikotin-Exposition in zehn Jahren noch meine Haut zu haben.

Mir drängt sich in dem Moment eine Frage auf: Du kannst dreimal die Woche Yoga oder Crossfit machen um nicht körperalt zu werden. Du kannst teuer schmieren und günstig nichtrauchen um nicht gesichtsalt zu werden. Aber was kannst du AKTIV tun, um nicht kopfalt zu werden? Damit meine ich weniger senil als viel mehr unbeweglich. Gibt es da gesicherte Erkenntnisse?

Im Auto provoziert mich Herr Müller: „Schatz, wenn du 30 wirst, schmeiß‘ ich dir auch so ne Party.“ Ich antworte ihm nur mit einem hysterischen Lachen. Ich möchte jetzt nicht an Partys denken. Ich möchte raus aus diesem engen Kleid, den furchtbar hohen Schuhen und aufs Sofa zu meinem Einteiler. Dort sollte man mir morgen früh wortlos eine Kopfschmerztablette und einen Eierlikör reichen und mich die nächsten 72 Stunden für nichts einplanen. Schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste, feiern ist anstrengend und dann ist da ja auch noch das Stoffwechselarschloch. Das hält sich in meinem Alter gerne länger an Alkohol und Pizzabrötchen auf.


An dieser Stelle stelle ich den Laptop beiseite, lehne mich in mein Terrassensofa zurück und nehme Mittwochnachmittag kurz nach fünf einen großen Schluck gekühlten Riesling. Dank fernspielender Müllerkinder ist es hier so ruhig, dass ich zwischen Vogelgezwitscher das leise "wuuuäääähhh" aus den Kinderwägen der Mittzwanziger hören kann, die vorne auf der Straße vorbei rollen. 
Absurdistan,
die Quattroehe und
alle wichtigen und weniger
wichtigen Protagonisten rund
um die MüllerMansion haben
um nichts zu verpassen.