Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Montag, 24. Juli 2017

Komm'se näher, komm'se ran! Der "Flohmarkt der Gefühle" hat eröffnet...

Nicht lange ist es her, da rief Frau Müller zum munteren Gefühlsaustausch auf. Im Sinne einer Entrümpelung wurden Leser und Blogger aufgerufen, ihren Gefühlsballast der Leserschaft anzubieten und Emotionen, die nicht mehr benötigt werden in etwas Tolles für Andere zu verwandeln. Ich selbst erlebte mit dem Beginn meines Bloggerdaseins die kathartische Wirkung des Schreibens immer wieder. Mittlerweile ersetzt das emotionsgeladene Tippen eines Artikels für mich vermutlich die zweite Psychotherapie. 

  Ob die reinigende Wirkung des "RausschreiBens" bei den Teilnehmern der BLOGPARADE auch so weitreichend ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ihre Beiträge sind jedenfalls nicht minder unterhaltsam:


1. Beitrag: "Ich reformiere"

Der erste teilnehmende Gefühlsanbieter ist Dirk Weder vom Blog Brycke. In seinem Artikel "Ich reformiere" beschreibt er sehr anschaulich und mit eingebautem Leser-Selbstversuch seine Bemühungen, zukünftigen Vollblut-ITlern die Schönheiten der Orthographie näher zu bringen.



"(...) Als gtuer Mnesch hbae ich Hflie zguegast. Nchit fchailch. Aielln in der Rtchescheirubng, der Gmmartaik, dem Stzaabu. In dseien ltzeetn Tgean vor der Agabbe der Porkjetabrieetn mtueire ich zur fileschgwedroneen Rtchtescheirbfrerom. Nien, eehr zur Rvoeuliotn.(...)" Hier klicken zum Weiterlesen

Keine Sorge - er hält diesen kryptischen Schreibstil nicht lange durch. Der Kampf des Komma-Missionars endet nicht selten mit Krämpfen der unteren Extremitäten. Wir lernen dabei Heiner aus der 100-Seelengemeinde und seine bahnbrechende Excel-Tabellen sowie unfassbar viel wirtschaftliches Gespür kennen. Heiners Vita erinnert mich an die öffentlichen Bekundungen vieler Prominenter, in Deutsch oder Mathematik immer grottenschlecht gewesen zu sein, es aber dank ihres Gespürs für Erfolg dennoch zu etwas gebracht zu haben. Es steht ihm also eine große Karriere bevor...


2. Beitrag: "Arschloch - Angst braucht einen Namen um sie zu bekämpfen" 

Ein Flohmarkt lebt von der Vielfalt. Anders als vielleicht bei den meisten MEINER Blogartikel habe ich beim Lesen des Paradebeitrags von Milchzahneinhorn & Mama nicht gelacht sondern bekam Gänsehaut. In "Arschloch - Angst braucht einen Namen um sie zu bekämpfen" bietet euch die Autorin ganz besonders starke Gefühle zum Austausch an und erzählt euch anhand ihrer persönlichen Geschichte (die so wohl die wenigsten von uns erlebt haben und sehr wahrscheinlich auch nicht erleben wollen), wie man aus dem Arschloch Angst Kraft und Mut macht. Respekt, liebes Milchzahneinhorn. 

"(...) Dieses Gefühl wie es ist, eine Knarre am Kopf zu haben kann man nur nachempfinden wenn man es erlebt hat.  Aber das Gefühl wie es ist, wenn man plötzlich die Knarre nimmt und den Lauf einfach umdreht, das brauche ich wohl nicht zu beschreiben.(...)" Hier klicken zum Weiterlesen


 
Starke Frau mit einer starken Geschichte. Schaut mal bei ihr rein und holt euch jede Menge Zuversicht und Stärke ab.

Zwei Beiträge zur Blogparade, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wo bleibt deiner? Email an: lehrerzimmer@outlook.com 
Und ihr nochmal der Link zum Aufruf: https://kuckuckseiimlehrerzimmer.blogspot.de/2017/07/frau-mullers-flohmarkt-der-gefuhle.html

 

Mittwoch, 19. Juli 2017

Der erfolgreiche Junggesellenabschied: Vegetarisch oder mit Braut im Eintopf?



Es ist Sommer und damit Hochzeitshochsaison. Zu den traditionellen Must-Haves eines jeden Vor-Hochzeits-Horrors gehört ein zünftiger Junggesellenabschied...

Junggesellenabschiede scheinen sich sowohl bei einigen Teilnehmern als auch bei Beobachtern keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Wenn wir auf ein solches Grüppchen treffen, wechseln wir wenn möglich sofort die Straßenseite, schauen angestrengt in die andere Richtung oder schubsen die Freundin nach vorn, wenn es darum geht dem stark alkoholisierten Bräutigam in Spe ein Herzchen aus dem Schritt seines rosa Schlüpfers zu schneiden.

Auch man selbst empfängt die Nachricht, Teil einer solchen „Bauchladen-Fremdschäm-Aktion“ in der Fußgängerzone zu werden, ähnlich freudvoll wie einen positiven Streptokokken-Abstrich. 
Frau Müller sagt: ES KOMMT DARAUF AN!

Ein erfolgreicher Junggesellenabschied ist in etwa wie Eintopf kochen. Zu allererst – und das ist ganz wichtig: genauso wie ein Eintopf mit oder ohne Fleisch schmecken kann, funktioniert ein JGA mit oder ohne Braut bzw. Bräutigam. Man muss sich einfach herantrauen an solch eine vegetarische Variante . 
Wir hatten vor zwei Jahren einen äußerst legendären echten Junggesellenabschied. Höhepunkte  waren mehrere Flaschen Sekt, spendiert vom regionalprominenten Baulöwen gesetzten Alters, die in Teilen aus Pumps getrunken wurden, der Bräutigam in Socken, Schlüppi und T-Shirt mit "SALE"-Aufdruck im Schaufenster einer Teenager-Modekette, der gemeinsame Ausklang beider JGAs (Braut und Bräutigam) im Stripclub, bei dem die Braut von einem irritieren weiblichen Gast gefragt wurde „wieviel sie hier an einem Abend verdient“, ein von unserer frisch getrennten Freundin an der Bar abgeschleppter Chirurg und das finale Versacken mit allen Beteiligten um morgens halb fünf im Hotelbett. Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen dann der Beschluss: war scheiße - das machen wir mal wieder! 
Völlig egal, wenn niemand heiratet geht es auch ohne Brautpaar. 

Die Sache mit dem Bauchladen ist wie Wirsing – da kann man drauf verzichten, da steht eh kaum jemand drauf und der Effekt ist nicht wie erwartet. Die Teile funktionieren wie Freddy Krügers Klingenhände. Erst sie machen das Ganze so abstoßend. Es reicht völlig gut auszusehen und in der Gruppe aufzutreten. Damit erweckt man genug Aufmerksamkeit.  Stichwort "Gut aussehen": ALLES was ihr beim Versandriesen unter dem Suchbegriff "Junggesellenabschied" angezeigt bekommt gehört NICHT dazu. Damit übt ihr eher eine abschreckende Wirkung aus, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Menschen an den Tischen der Straßencafes angestrengt in ihrem Latte rühren sobald ihr in Sichtweite gelangt.

Dann ganz wichtig: KEINE Schwangeren oder Stillenden! Tut mir leid wenn ich das so proletenhaft sagen muss aber: Alkohol ist das Salz im JGA-Eintopf. Ja, manch eine Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie den Sprecher nicht gerade auf das Level eines Philosophen hievt. Und kommt mir nicht mit "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Das ist wie Jodeln - nur ein Bruchteil der Personen, die behaupten sie könnten dass, können es tatsächlich.
Zu viele Drinks aber auch nicht gut. Es kann nämlich passieren, man legt sich unter massiven Alkoholeinfluss nur ganz kurz im Hotelzimmer hin um später selbst durch laute Klopfattacken nicht zu erwachen, so dass das Gruppentaxi ewig wartet und eine Befreiung erst durch eine an der Rezeption erbettelte Schlüsselkarte möglich wird. Manche Aktionen verlieren durch zu viel Alkohol auch ihren Charme. Unwiederbringlich weggeworfene Schlüssel von Fußfesseln oder abrasierte Augenbrauen zum Beispiel.

Mit zu wenig Sekt schmeckt der Eintopf aber fade und wird nicht aufgegessen bzw. alle sitzen um halb elf im Zug und fahren nach Hause.

Ich hörte sogar schon von Junggesellinnenabschieden, bei denen Mütter ihre Kinder mitnahmen. Hallo? Ein Kinderwagen zum JGA ist ungefähr so passend wie mit einem BobbyCar an einer Ausfahrt der HellsAngles teilnehmen zu wollen. Kann man zwar machen aber das führt dazu, dass die ganze Gruppe nicht mehr ernstgenommen wird. Ein Junggesellenabschied ist nicht wie Kacken gehen. Wenn sich das große Geschäft ankündigt dann MUSS man halt, notfalls mit Hosenscheißer neben der Kloschüssel. Kollektiv auffallen KANN man auch aufschieben und auf einen Zeitpunkt termineren, zu dem sich die Küken ihre Würmer selbst suchen können und nichts von Mama in den Hals gesteckt bekommen müssen. Notfalls lasst ihr die Glucken einfach daheim.

Ganz wichtig ist noch das Ambiente in dem der Eintopf serviert wird, so wie man in einem Nobel-Restaurant niemals auf die Idee käme, Eintopf brotstippenderweise vor sich hin zu schlürfen sondern das eben eher bei Mutti auf der Eckbank tut, sollte man einen JGA oder Pseudo-JGA (die vegetarische Variante ohne Brautpaar) nicht in die Fußgängerzone der Kleinstadt verlegen. Ein Junggesellenabschied im Einkaufscenter? Leute, ganz ehrlich, wenn das euer Makrokosmos ist, was ist dann der Mikrokosmos? Euer Nachttisch?

Man nehme also zum Beispiel das großstädtische Flair garniert mit dem regenbogenfarbenen Glitter des Christopher-Street-Days. Dies bietet Raum für öffentlich konsumierten Alkohol, viel nackte Haut, obszönes Verhalten und Phallus-Symbole auf offener Straße. Man muss sein Rezept unterscheiden von Standard-Eintöpfen damit es gegessen wird und auch Kritiker mal kosten. Also keine Schärpen, rosa Krönchen und „Xy heiratet“-Tops sondern schwarze Mini-Fummel mit sehr hohem Nuttenfaktor und für den Trash-Bonus ein Gruppen-Regenbogen-Arsch-Tütü! Ich hab mich umgeschaut: Wir sind die geilsten hier.


Für unseren vegetarischen Bitch-Barbie-Eintopf fehlt nur noch diese eine besondere Zutat, sozusagen das gewisse Etwas: wie Ingwer, Muskat oder Creme Fraiche. Also werfen wir noch einen niedlichen devoten Schwulen in den Topf, der es liebt sich mit schönen Hetero-Frauen zu umgeben und von uns allen die größte und einzig wahre Hure ist - und das mit Stolz! 
Irgendjemand muss ja den Trolly mit den Prosecco-Dosen und Einhorn-Lollies ziehen. Rick, unser homosexueller Haupt-Sekt-Sklave der ersten Stunde hat im Vorfeld weder Kosten noch Schmerzen gescheut und zusätzlich zur Hyaluronsäure-Implantation am Augenknochen täglich Termine zur permanenten Haarentfernung auf sich genommen. Kaum zu glauben, dass er – der seinen Beauty-Doc auch gerne mal mit der anderen „Spritze“ von hinten an sich ran lässt wenn die Botox-Dosis dafür umsonst ist - zumindest dann mal rot wird wenn er in Hündchenstellung auf dem Behandlungstisch kniet um sich auch den kleinsten Flaum permanent entfernen zu lassen.
 
Rick ist unser Mädchen für alles. Er pilgert los und holt Wasser, wenn unser Küken feststellt, dass der Pegel ungewohnt hoch ist, er mimt bereitwillig die Braut wenn mit Google geplante JGAs die Botschaft unseres Grüppchens nicht so ganz verstehen und geht in erbitterte Preis-Verhandlungen wenn wir mal wieder als begehrtes Foto-Motiv herhalten müssen. Notfalls streckt er dem Fotopirat energisch die flache Hand gegen die Linse. Im Übrigen sorgte dieses wirtschaftliche Talent am Ende für eine prall gefüllte Schwarzkasse und das ohne dass wir ursprünglich Gewinnabsichten hatten. Zum Dank darf er sich von uns an der Leine führen lassen und sich mit uns schmücken. Oooooh my fucking goooooood – wir sind sooo awesome!

Der Eintopf köchelt vor sich hin – mit der Mengenzusammensetzung der Zutaten hat jedoch der ein oder andere seine Probleme. Es ist Sellerie. Nicht jedermanns Sache. Wichtige Benimm-Regel: Versohle dem besoffenen Junggesellen und seinen Kumpels den Arsch, so dass er sich nach dem Ausnüchtern durch die blauen Flecken daran erinnert, dass er in der Fußgängerzone blank gezogen hat aber zieh ihm in Gottes Namen nicht die Hose ganz runter. Das will KEINER sehen. Also ich mag Schwänze nicht so gerne ankucken, wenn sie schlaff an einem Besoffenen mit Strohhut runter baumeln. 
Korrekt wäre ein divenhaft-abweisender Gesichtsausdruck gepaart mit der Peitsche in den verschränkten Armen und die Aussage über sich selbst in der 3.Person: „Die Domina hat jetzt keine Lust!“ gewesen, nur um sich dann doch für ein paar Schläge herabzulassen. So fühlt sich der Gepeinigte geehrt und nicht vergewaltigt. Das hat Stil.   
Was bleibt vom Sellerie ist der Nachgeschmack  - wie die Aussage „Sonntag ist mein Tag. Da dusche ich und kuck mich im Spiegel an!“, ein Satz der uns allen noch heute Muskelkater in den Denkfalten auf unserer noch ungebotoxten Stirn verursacht.

Wie auch immer, Eintopf geht immer – und lecker war es trotzdem irgendwie. Wir werden am Rezept feilen. Vielleicht etwas weniger Sellerie, dennoch vegetarisch. Wir brauchen die Braut wie der JGA den Bauchladen – sowas von gar nicht.  Mal sehen was uns noch so an Geheimzutaten einfällt. Glitzer und Regenbogen geht immer. Und Einhörner. Um Himmels Willen, vergesst die Einhörner nicht! Und nein! Flamingos sind NICHT die neuen Einhörner. Weil Äpfel auch nicht die neuen Birnen sind. Wo kommen wir da hin!

Schau bei Frau Müller auf Facebook rein 
wenn du keine Angstvor Einhörnern hast. 
Wenn du ein Einhornphobiker bist - 
Tu es trotzdem. 
Ängste sind da um besiegt zu werden.
Tatsächlich enthalten höchstens 3,5% aller Posts Einhörner.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Inklusion beginnt beim Frühstück: Gebt den Haferflocken eine Stimme



In einem anderen Blogartikel lernten die Leser bereits eine Menge über die Schattenseite des Ferienmysteriums. Ich vergaß dabei zu erwähnen, dass der gemeine Lehrer bereits in der dritten Woche sozialer Isolation zu Wahnsinn neigt. 
Es heißt immer man soll auf seinen Bauch hören. Ich sage: Hört auf die Lebensmittel. Sie haben kein SocialMedia...

Ich hatte heute Morgen ein langes und sehr intensives Gespräch mit den Haferflocken. Sie vermissen die Milch. Von ihr wurden sie immer akzeptiert und sind gerne ins Müsli gegangen. Dort haben sie sich prima mit den Leinsamen verstanden und hatten eine richtig gute Zeit. 

Nun ist es noch nicht lange her, da kam Unruhe ins Müsli. Amaranth, Chia und Quinoa waren neu hier und plötzlich die Stars in der Schüssel. Acai und Aronia kamen auch noch dazu. Aber statt einem friedlichen Miteinander gab es nur Stress. Die Haferflocken fühlten sich gemobbt. Die Neuen im Müsli behaupteten, das olle Getreide wäre nicht cool genug. Die Himbeeren wurden sauer, nicht zuletzt weil ihrem Kumpel,dem Apfel plötzlich vorgeworfen wurde, er hätte zu viel Zucker und wäre viel zu weltlich. 

Alles zusammenhalten sollte der Sojadrink, so war zumindest die Hoffnung all der alteingesessenen und neu dazugekommenen Cerealien in der Schüssel, als sie frisch ihren Dienst antrat. Tatsächlich schaute sie aber nur tatenlos zu, wie sich Unmut breit machte und Antipathien entstanden. 

Die Haferflocken meinten im Vertrauen zu mir: „War doch klar, dass die das nicht schafft. Viel Lärm um nichts. Tut so als wäre sie was großes, tatsächlich ist sie doch nur weißes Wasser, neben dem irgendwann mal Soja lag.“ 

Da war nun also dieses Wasser, dass sich erhoffte von der legendären Sojakraft zu profitieren. Doch irgendwann fliegt jeder Etikettenschwindel auf. Der Schüsselinhalt war kurz vor der Eskalation und so weigerten sich an diesem Morgen die Haferflocken vehement ins Müsli zu gehen...

"Nein, wir machen das nicht mehr mit. Amaranth und Chia denken ständig, sie sind die Geilsten. Der Leinsamen steht zwischen den Stühlen und der Apfel hat schon längst aufgegeben. Von dieser Soja-Lusche kommt NULL – wir sagen NULL SUPPORT. Vergiss es. Da bleiben wir lieber in dieser dunklen Blechdose und warten darauf, dass uns jemand zu Zucker und Butter bringt.*trotzig* Urlaub im Backofen mit denen war damals ziemlich geil. Man kommt knackig und braun wieder."

"Hallo? Das könnt ihr nicht so einfach machen. Ihr seid Haferflocken. Ihr habt Müslipflicht."

"Einen Scheiß haben wir." *sehrtrotzig*

"Sagt mal wie redet ihr eigentlich mit mir?"

"Wie wir mit dir reden? Ist dir das zu ordinär oder was? Stehst du jetzt auf das schnöselige Hauptstadt-Hipster-Gehabe von diesen Amaranth-Deppen? Wir waren früher mal deine Frühstücks-Buddies. Du wärst nie drauf gekommen unseren Slang, übrigens unser GEMEINSAMER Slang, zu kritisieren. Hattest du zu viel Superfood *äffendenschnöseltonfallnach*, oder was?"

"Jetzt macht aber mal halblang. Ich steh zu euch. Wenn ich das nicht tun würde, hätte ich euch längst durch Buchweizen oder Dinkel ersetzt." (provozieren kann ICH auch)

Püh.*sehrbeleidigterunterton*

Langes Schweigen.

"Weißt du noch: damals bei deiner Oma, da haben wir uns kennengelernt. Da waren wir total oft im Backofen-Urlaub. Und wenn‘s mal nicht für den Urlaub gereicht hat, dann hatten wir zumindest mit Zucker und Milch richtig richtig geile Frühstückspartys. Erinnerst du dich. DAS waren noch Zeiten…." (die Haferflocken klingen jetzt sehr wehmütig).

"Na klar war das schön damals. Aber Zeiten ändern sich eben. Die Menschen schreiben auch nicht mehr auf Schiefertafeln oder treiben ihre Maschinen mit Dampf an. Man muss sich weiterentwickeln. Ich muss das. Und Haferflocken müssen das eben auch."

"Hm." *kurzunduneinsichtig*

Sehr sehr lange Pause.

"Weißt du, wir kennen dich schon echt lange. Du warst noch nie jemand, der jedem Trend hinterher gerannt ist und wenn, dann hast du dir das rausgesucht, was dir gefällt. Was bist du jetzt, ein erbärmlicher Mitläufer? Is doch scheißegal, was alle Welt von Milch hält. Dieses Sojadrinkdings ist eine Lusche und an diesem ganzen Zoff im Müsli erst schuld. Warum? Jetzt kuck nicht so doof. Wir sagen dir warum: Dieser Spinner hat von Frühstück keine, nicht die geringste Ahnung! Er hat sich NIE, NIE, NIE darum bemüht uns mit den anderen zusammenzubringen. Diese Hipster-Cerealien hätten mal in ihre Schranken gewiesen werden müssen. Die Aufgabe der Flüssigkomponente im Müsli ist es doch, allen in der Schüssel ihren Rang zuzuweisen. Aber nichts von alle dem ist passiert. Er kam einfach und hat sich feiern lassen für das, was er ist. (kurze Pause) Oder gerne wäre. Here I am." (in Schnöselsprache) 

*verächtlichesschnaufen*

Ich schweige lange. Die Haferflocken auch.

"Die Milch hätte den Job besser hinbekommen, glaub uns."

"Aber die Milch? Ich weiß nicht. Hat die überhaupt ein Feeling für diesen überheblichen Amaranth? Die stammen aus völlig verschiedenen Frühstücksgesellschaften." *nachdenklich*


"Versuchs doch einfach mal. Was soll denn schon schief gehen?"

Hm.

"Jetzt hab dich nicht so. Wir für unseren Teil gehen jedenfalls erst wieder in die Schüssel wenn die Milch den Job wieder macht. Soja soll sich verpissen. Der kann NICHTS. Die Leinsamen sehen das übrigens genauso. Oder Leinsamen?" (rufen in Richtung Tüte)

Äh naja, mit Milch war es schon irgendwie cooler… *unsicher* (aus der Tüte)

"Siehst du, da hast du’s. Die Leinsamen sind zwar Muschis und wollen sich’s mit niemand verkacken aber im Inneren denken sie genauso wie wir. *kämpferischer*

Soo-jaa muss weg. Soo-jaa muss WEG. SOO-JAAA MUSS WEG." (entschlossenes Rufen)

"Schon gut, schon gut. Wenn der Tetrapack leer ist, okay?"

"Vergiss es. Dann kannst du die nächsten Tage ohne uns frühstücken. Und wer weiß, vielleicht sind wir im Urlaub wenn du uns dann wieder brauchst!?"

"Booooaaar, von mir aus. Bitte. Ab sofort wieder Milch." (rollt mit den Augen)

"Geht doch." (kumpeln mit dem Milchkaffee ab)

Vielleicht gönne ich den Haferflocken später zur Entschädigung noch einen Urlaub, denke ich, spreche es aber nicht laut aus. Dieses rebellische Getreide soll nicht denken, es hätte mich in der Hand.


Was sagt uns dieses spannungsgeladene Gespräch unter langjährigen Frühstücksbuddies? Erstens: Soja-„Milch“, nein halt, das darf man zu Recht nicht mehr sagen, also Sojadrink, das klingt so ekelhaft hip, also dieses Sojazeug ist mies.
Zweitens: Inklusion KANN funktionieren. Unter den richtigen Rahmenbedingungen. Im Dialog mit den Beteiligten. Und nur wenn man sowohl das Bewährte respektiert als auch Neues ausprobiert.

Drittens: Haferflocken haben einen ziemlich starken Willen, die besseren Argumente und einen langen Atem.

In diesem Sinne: guten Appetit.

(Ich danke allen kommentierenden Facebook-Followern für die Inspiration. Ihr seid die Besten.)
Werdet Teil meiner Inspiration und folgt mir auf Facebook.
Dort verpasst ihr auch nicht, wenn die Fanpage
 der eloquenten Haferflocken online geht. 

Mittwoch, 5. Juli 2017

Frau Müllers Flohmarkt der Gefühle - Blogparade: Schreib-Katharsis für ALLE



Es sind Ferien und das Hirn macht 137 Updates. Bitte unterbrechen sie die Stromzufuhr nicht. Dennoch soll der 50. Blogeintrag etwas Besonderes sein. Sehr viel Output gibt es heute nicht, dafür aber Hilfe zur Selbsthilfe...
 
Es ist tatsächlich ein bisschen wie Ebay. Etwas, das man nicht mehr braucht oder sogar dringend loswerden will, nimmt ein anderer sehr gerne und hat womöglich auch noch viel Freude damit. Ebay für Emotionen. Besonders aus den Feedbacks zu Artikeln, in denen ich mich über irgendetwas auskotze, lese ich nicht selten viel Dankbarkeit heraus. „Ich habe mich köstlich amüsiert“, „Zum Totlachen“ und vor allem viel Wiedererkennungswert im eigenen Gefühlsleben. Also meine Inneneinrichtung ist gut mit eurem Interieur kombinierbar. Wie schön, dass euch Gefühle, die ich loswerden wollte, so viel Freude bereiten. Nicht selten wird ein kleiner netter Austausch daraus, von dem man dann als Gefühls-Anbieter auch noch etwas hat. Genau wie bei Flohmärkten und Kleinanzeigen.
 
Eine Bekannte, die über die Pathogenese meiner wechselnden Gefühlszustände rudimentär Bescheid wusste - oder kurz, bei der ich mich ab und zu smalltalkmäßig ausgekotzt hatte -  sagte, als der Blog gerade seine ersten Atemzüge getan hatte, einmal zu mir: „Jetzt hast du deine Therapie gefunden!“ 
Und auch eine psychotherapieerfahrene Kollegin gab mir in einer schwierigen Phase schon einmal den Rat ‚alles aufzuschreiben‘, wobei sie ihren eigenen Therapeuten zitierte. 
Valide Nachweise zur Wirksamkeit dieser „Therapieform“ kann ich euch an dieser Stelle nicht bieten und gewohnheitsmäßig verweigere ich auch die Recherche. Vielleicht ergänzt das die Schwarmintelligenz in den Kommentaren.

Ich kann aber sagen, dass das sich dem Ende nähernde Schuljahr, in welchem ich zu bloggen begann, das Erste ist, in dem ich KEINEN kopfbedingten Krankenschein benötigte.
Wie auch immer. Lange Rede – kurzer Sinn. Ich möchte mit euch einen Flohmarkt veranstalten und euch die Möglichkeit geben, eure Gefühle erstens loszuwerden und zweitens im günstigsten Falle noch in irgendwas Positives umzuwandeln.


Was müsst ihr dafür tun? 
Möglichkeit 1: Im Sinne einer Blogparade veröffentlicht ihr den Artikel zum Gefühlsflohmarkt bei euch auf dem Blog und ich stelle euren Post hier im Lehrerzimmer vor. Selbstredend gegenseitig verlinkt im Sinne der Vernetzung. Wuuuuh. Ich hab die bösen Blogger-Wörter in die Tasten getippt.
Möglichkeit 2: Ihr habt keinen Blog aber was loszuwerden? Kein Problem. Schickt mir eure fertig im Text verpackten Gefühle per Mail an lehrerzimmer@outlook.com und ich mach einen „Gefühls-Flohmarkt-Artikel“ hier für den Blog draus. Ihr dürft dabei gerne anonym bleiben, müsst ihr aber nicht. 
 
Erlaubt ist alles was raus muss. Allen voran der Job. Hey, nur weil man sich vielleicht eine Arbeit ausgesucht hat, muss das nicht heißen, dass man nichts daran scheiße finden darf. Nerven euch Chefs, Kunden, Kinder, Eltern, Kollegen oder wer auch immer? Dann her damit, wir lesen euch zu. Euch gehen Menschen allgemein oder Teile unserer Gesellschaft auf den Geist? Dann bitte. Rassistisches oder homophobes Zeug lasst ihr aber bitte stecken.

Ein offenes Ohr bzw. Auge haben wir auch für bescheuerte Expartner und Schwiegermütter, Personalchefs, Beamte, Nachbarn oder oder oder. Probiert es aus und erlebt die heilende Wirkung des „Gefühle einfach rausschreiBens“.

Viel mehr hab ich heute dann gar nicht zu sagen. Ich gebe der Aktion Frau Müllers Flohmarkt der Gefühle keinen Zeitraum, sie läuft neben her und ich hoffe natürlich auf die ein oder andere emotionsgeladene Beteiligung. Rege Teilnahme trau ich mich nicht zu schreiben, da die Reaktionen auf solche Aufrufe meistens sehr überschaubar sind.

Ich schließe heute mit ein paar Auszügen aus meinen in den Gefühlskleinanzeigen angebotenen Artikeln und den Links dazu. Sozusagen zur Inspiration…

„(…)Ich hasse Facebook. Ich hasse es wenn Herr Müller morgens nach dem Aufwachen bei geschlossenem Rollladen vor dem Fenster zu mir sagt: „Schatz, es hat geschneit!“ – er weiß es von Facebook. Verdammt, was bringt Menschen dazu morgens nach dem Aufwachen die Großwetterlage zu posten?(…)“ 

„(…) Ich träume die Szene anders: auf dem Billigflug nach Palma dutzt der neunjährige Kevin die Stewardess, besteht auf die Trovatos im Bordfernsehen, protestiert 45 Minuten lautstark weil es kein Bordfernsehen gibt und spült seine Schuhe aus Protest die Bordtoilette runter. Die Stewardess ruft: „Ein Lehrer. Ist hier ein Lehrer an Board?“ Ich mache mich ganz klein in meinem Sitz, halte meinen ausgestreckten Zeigefinger vertikal vor meine gespitzten Lippen und schaue meine Kinder drohend mit aufgerissenen Augen an. Dann wache ich schweißgebadet auf. (…)“ 


„(…) Sollen wir ernsthaft ein schlechtes Gewissen wegen unserer Arbeitszeiten haben gegenüber Eltern, die vormittags genug Zeit haben Anzeige gegen Sechstklässler wegen harmloser Rangeleien auf dem Schulhof zu erstatten, uns in verdienten Pausen auflauern um uns zu einem ungeplanten Gespräch wegen Belanglosigkeiten zu nötigen oder die zu bequem sind, bei einem Unfall ihres Kindes mit dem Bus in die Schule zu fahren weil alle anderen arbeitslosen Freunde mit Auto ohne TÜV wohl gerade einen Pflichttermin beim Arbeitsamt wahrnehmen? Ich denke nicht. (…)“ 

„(…) Weitere fünf Minuten später – die Tür öffnet sich erneut. Kollege M.: „Weißt du wo Pflaster sind?“ Ich: „Äh, ja, da – im Verbandskasten!“ M. wirkt etwas gestresster und verlässt mit dem Pflaster den Raum. Diesmal nicht ganz fünf Minuten später öffnet sich die Tür ein letztes Mal. M.: „Ich brauch mal mehr als Pflaster!“ – „Ja, im Verbandskasten…“ Bei der Erstversorgung der Wunde eilt ihm dann schließlich noch der unterrichtende Kollege der dritten Werkgruppe zu Hilfe. Mittlerweile ist der Schülerfinger, nachdem er später noch fachmännisch notfallmedizinisch versorgt wurde, gut verheilt. Keine bleibenden Schäden. In diesem Fall.(…)“ 

„(…) Da ich hier aber nun mal nicht in der Schule sondern in MEINEM Lehrerzimmer bin MUSS ICH GAR NICHTS. Und wisst ihr was noch besser ist? IHR MÜSST AUCH NICHTS. Ihr dürft kommen wann ihr wollt und lesen was ihr wollt und ich schreibe WAS ICH WILL. Hört sich doch traumhaft an, oder?! Im günstigsten Falle finden wir sogar gelegentlich einen gemeinsamen Nenner… JACKPOT.(…)"

„(…) Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch! (…)“ 

Mit diesen bedeutungsschwangeren Worten möchte ich heute schließen. Nächste Woche gibt's wie gewohnt einen neuen Blogartikel - unabhängig vom Flohmarkt. Vom Niveau her wird sich dieser rund um die Grenze zwischen Schlaf und Wachzustand bewegen, also seicht. Für die Eindämmung eurer wissenschaftlich übrigens nachgewiesenen Ferien- bzw. Urlaubsverblödung bin ich nicht verantwortlich. Ich hab da mit mir selbst zu tun. Löst doch ein paar Sudokus, hab gehört das soll helfen. Oder nehmt einfach an meinem Flohmarkt teil. Das ist Psychohygiene at it's best. 

Wem bis dahin ganz fürchterlich langweilig ist,
 dem rate ich in der Lehrerzimmeraußenstelle 
Dort tue ich in unregelmäßigen Abständen 
nichts gegen Verblödung. Aber gegen Langeweile.