Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 23. Mai 2018

Ballermann im Krankenhaus: Zweiklassengesellschaft zwischen Speichelersatzspray und Minibar



Ich war in den letzten Monaten unfreiwillig Tester einiger Leistungen unserers Gesundheitssystems. Nachdem ich im letzten Post vor dem Hintergrund der idyllischen Schwarzwaldklinik meine persönliche Krankenhaus-Historie dargelegt habe, geht es heute mit den jüngsten Ereignissen weiter. 
 
In einem Zustand irgendwo zwischen wach und Tiefschlaf fühle ich das Aufeinanderschlagen meiner Zahnreihen und höllische Schmerzen. Irgendwer zerrt an mir herum. „Frieren sie?“ fragt jemand aus der Ferne. Ich murmle etwas, dass die Frage bejahen soll und kurze Zeit später wird es warm und mein Körper hört auf zu zittern. 
„Hier ist die Klingel. Drücken sie wenn was ist!“ sagt die Stimme jetzt schon etwas näher und jemand schiebt mir das Kästchen mit dem Knopf unter die Hand. In den nächsten Stunden kehrt das Bewusstsein zurück während sich der Vorgang Drücken – Warten – Haben sie Schmerzen? – Hm! – Spritze – Entspannung einige Male wiederholt. Mittlerweile habe ich das Gefühl unter dieser Decke mit Warmluftgebläse zu schmelzen. Also wieder drücken.

Allmählich werde ich wacher. Mein Mund fühlt sich an wie brandenburgischer Waldboden im Hochsommer. Ein Drücker auf die Klingel. Nein, diesmal nicht Aua. Jetzt Durst. „Aber sie dürfen nichts trinken. Der Arzt hat nichts darüber ins OP-Protokoll geschrieben.“ Sie kommt wieder mit einer kleinen Sprühflasche. Angesichts meines immer noch leicht vernebelten Geistes wäre „Bitte mal den Mund aufmachen“ als Aufforderung, verbunden mit Abwarten für einen Sekundenbruchteil, angemessen gewesen. Stattdessen sprüht sie mir eine Flüssigkeit mitten ins Gesicht, die geschmacklich stark an das erinnert, was man nach dem Zähneputzen ins Waschbecken spuckt. Danke dafür.

Auf dem Überwachungsmonitor kann ich neben meinen Vitalfunktionen die Uhrzeit ablesen, es ist gleich fünf Uhr morgens. „Schwester! Schwester! Schweeeeester! Ich muss mal!“ ruft die Stimme eines offenbar männlichen Erwachsenen über den Gang. Die Tür ist nur angelehnt. An den Hilferuf schließt sich minutenlanges Stöhnen und Jammern an. Nach zehn Minuten ist Ruhe. Das ganze Hörspiel findet im Anschluss etwa stündlich statt, immer pünktlich dann wenn ich mich an der Schwelle vom Dusel zum Schlaf befinde.

Gegen sieben schreitet ein Arzt herein. Außer seinen Namen und seine Funktion hat er mir nichts zu sagen, dafür fällt das Schließen von Türen anscheinend nicht in seinen Aufgabenbereich. Ich überlege, angesichts des stattlichen Luftzugs zwischen Tür und offenem Fenster, wie der kleine Häwelmann angetrieben vom Laken als Segel, in meinem Bett auf den Flur hinauszurollen.

Eine weitere Stunde später stürmen sechs Ärzte zwischen 30 und 60 Jahren mein Zimmer und glotzen mir auf meinen nackten Unterleib. Trotz der Verbände ist mein Tattoo auf dem Schambein, eine subtile aber dennoch eindeutige Aufforderung zu Handlungen erotischer Natur in verspielten Lettern, deutlich zu sehen und bleibt nicht unkommentiert. Sehr fein, lacht ruhig. Ich sprühe ohnehin gerade vor Sexappeal. Nachdem ich die Schwester darauf hingewiesen habe, dass ich zuletzt vor 12 Stunden etwas getrunken hatte, dafür aber schwitze wie ein Teilnehmer des Iron Man und offenbar auch keine Infusion an irgendeinem der Kabel und Schläuche an meinem Körper baumelt, erbittet sie von der Männerrunde die Erlaubnis mir etwas zu trinken zu geben. Bitte, sie soll trinken. Danke, das war mir euer dummer Spruch wert.

Allmählich geht mir die Geschäftigkeit auf dieser Überwachungsstation auf den Keks. Ich sehne mich nach einem Kämmerchen, in dem ich in Ruhe mit meinem Schmerz kommunizieren kann ohne dass Türen fliegen, jemand um Hilfe schreit oder Alarmtöne erklingen. Drei Stunden später werde ich auf die Pflegestation verlegt. Ruhe sollte ich dort nicht finden. Dafür fand ich Berta.

Was war zuvor geschehen? Ich bin kein großer Fan von Ärzten und Krankenhäusern. Ein Arztbesuch verlangt mir in der Regel mehr Motivation ab als ein 10.000-Teile-Puzzle einer Allgäuer Bergwiese. Wenn es mir also nicht richtig richtig schlecht geht, therapiere ich mich bevorzugt selbst mit einem Medikamentencocktail aus Ignoranz, Globuli und Paracetamol. So richtig richtig schlecht ging es mir eigentlich auch nicht, aber irgendein Gefühl und Herr Müller sagten mir, es sei wohl doch besser zum Freitagabend die Notaufnahme aufzusuchen. 
„Nein, beim Hausarzt war ich nicht, der macht nämlich Freitagmittag Feierabend. War ja nich so schlimm, bis jetzt. Jetzt hab ich aber Fieber und komische Schmerzen!“ – „Na dann setzen se sich ma!“. Das tat ich und so saßen wir die nächsten anderthalb Stunden.

„Soll ich ihren Mann jetzt holen?“ fragte mich die Schwester nach den Eingangsuntersuchungen. Ich bejahte und sie rauschte ab. Den Kerl, der zwanzig Sekunden später in der Türe stand, hatte ich noch nie gesehen. „Das ist der falsche Mann!“ sagte ich und sie dampfte wieder ab. Kurz nach Herrn Müller, der im zweiten Anlauf seiner Frau richtig zugeordnet wurde, rollte ein Arzt samt Ultraschallgerät herein. In den nächsten zwei Stunden kamen noch weitere zwei Ärzte aus anderen Fachbereichen plus deren Ultraschallgeräte dazu. Ergebnis des Konsiliums: wir wissen, dass wir nichts wissen aber wir müssten da mal reingucken. Arzt Nummer vier – seines Zeichens Anästhesist – stieß hinzu und dann ging alles ganz schnell. 
Übrigens sollten wir Deutschen uns mal ernsthaft Gedanken über unsere Sprache machen, wenn einem Nicht-Muttersprachler das Wort „kotzen“ geläufiger ist als „übergeben“ oder „erbrechen“. Das nur so am Rande.

Man machte also Nägel mit Köpfen oder besser gesagt Patienten mit Narkosen. Nach der letzten Narkose bei einer ambulanten OP (die zwischen dieser und der in der Schwarzwaldklinik) hatte ich die Sache eigentlich in guter Erinnerung. Nach einer Leck-mich-am-Arsch-Pille gepflegt auf den OP-Tisch schweben, ein lallendes Schwätzchen mit dem Team und im Aufwachraum ein Eis für den eben noch intubierten Hals kann man schon ertragen. Diesmal musste aber alles recht flott gehen. Not-OPs auf nicht nüchternen Magen sind ziemlich unentspannt. Es folgte ein Filmriss bis zum Nahtod durch Erfrieren auf der Aufwachstation.

Zurück zu Berta. Man brachte mich also nach diesem intensivmedizinischen Horror in ein Dreibettzimmer. Ich hatte mir, wie bereits erwähnt, etwas Ruhiges ruhigeres erwartet. Stellt euch vor ihr verlasst den Ballermann und geht, um runterzukommen, in den Megapark. Und Berta ist Jürgen Drews. Guter Vergleich. Kurz: vom Vorzimmer der Hölle direkt in die Hölle. 
Nachdem ich mit meinem Bett über jede Schwelle des Krankenhauses gerattert war, öffnete sich eine Tür und dahinter hörte ich eine Stimme, die überaus kleidsam für eine Barkeeperin der ältesten Kneipe St.Paulis hätte sein können. Berta hatte morgens gegen elf Besuch von ihrem Mann und es gab jede Menge Verwandte und Bekannte durch den Kakao zu ziehen.

Hier werden Patienten schneller kalt als ihre Betten...

Wenn man jahrelang neben einem Flughafen wohnt, hört man die Triebwerke der startenden Maschinen irgendwann nicht mehr. Sobald es allerdings Änderungen in der Geräuschkulisse gibt, horcht man auf und der Prozess der Habituation startet neu. Bertas Mann gab sich mit der Putzfrau nämlich die Klinke in die Hand. Zum Inhalt der nun folgenden Konversation kann ich nicht viel sagen, Gesprächsatmosphäre und Lautstärke erinnerten an ein Vorstandstreffen der Hells Angels-Leadership.

Diese Dame im fortgeschrittenen Alter war aber nicht nur im Dialog nervig. Selbst im Monolog erweckte sie fortwährend meine negative Aufmerksamkeit. Wie ein Perpetuum Mobile für Klänge produzierte sie fortwährend Schallwellen indem sie schmatzte, laut seufzte, nach dem Essen fünfzehn bis zwanzig Mal aufstieß oder jede ihrer Handlungen kommentierte. Mit meinem Schlafplatz direkt neben der Wand zum Bad durfte ich quasi, ähnlich wie bei diesen Blinden-Kommentaren im Fernsehen, bei ihrer Körperkultur morgens und abends live dabei sein. Verschlafen konnte ich ihren Gang zum Bad keinesfalls, da sie das Ende meines Bettes konsequent als Stütze für ihre wackligen Gehversuche nutzte und mich dabei jedes Mal durchschüttelte.

Die Frau in dem Bett zwischen Blubber-Berta und mir war Philanthropin aus Überzeugung und schaffte es ein Ying zu meinem Yang zu erzeugen. Zumindest bis die Nervensäge am zweiten Abend explosionsartigen Durchfall bekam. Berta schaffte es nicht rechtzeitig bis zum Klo und hinterließ eine Spur, die es sogar dem Förderschul-TKKG leicht gemacht hätte, sie in ihrem gefliesten Versteck zu orten. Ihr war das natürlich unangenehm und sie versuchte nach Kräften das Malheur mit Klopapier zu beseitigen. Sauber genug für die einzige Schwester der Schicht, nicht sauber genug jedoch für die zwei frisch am Verdauungstrakt operierten Zimmergenossinnen, mich eingeschlossen. 
„Ich kann ja wohl jetzt keine Endreinigung machen. Das sieht doch sauber aus. Desinfizieren sie sich die Hände wenn sie im Bad waren. Und hier. Ich stelle noch eine Packung Desinfektionstücher hin.“ Aha. Das ist also der Umgang mit möglichen Magen-Darm-Viren und Krankenhauskeimen in einem Klinikum mit über 600 Betten und deutschlandweiten Filialen

Herrn Müller hatte das gereicht um seiner Frau gleich am nächsten Tag ein Zimmer auf der Wahlleistungsstation zu buchen. Es erwartete mich neben einer Minibar, einem Blumenarrangement auf dem Nachttisch, einem Bademantel und der Tageszeitung eine Mitbewohnerin, die zwar genauso alt wie Berta war, allerdings stumm zu sein schien und sich das Bewegungsmuster mit einem Chamäleon teilte. Herrlich, das war fast wie alleine sein. Über die Schreie der Patienten auf den psychiatrischen Stationen unter uns, die sich ins idyllische Vogelgezwitscher vor dem Fenster mischten, sehe ich da gerne hinweg. Alles war besser als Berta und ihre Kamikaze-Diarrhoe.

Kurze Gegenüberstellung „Feldlazarett versus ärztlich begleiteter AIl Inklusive-Urlaub“:

Kassenfinanziert

  • -      ein TV-Gerät für drei Patienten. Es herrscht das Recht des Ältesten.
  • -      „Salat? Gibt’s nur Mittwochs. Eier nur Sonntags. Ich könnte ihnen eine Gewürzgurke anbieten.“
  • -      Klingeln bei Durst, Schwester erscheint nach 15 Minuten und verspricht gleich etwas zu bringen. Sie wurde nie wieder gesehen.
  • -      Nachtschwester: welche Nachtschwester?
  • -      Blutergüsse von Thrombosespritzen, die auch zwei Wochen später  noch schmerzen
  • -      Verbandswechsel auf Nachfrage oder alle drei Tage

Privatzahler

  • -      SKY oder auf Wunsch DVDs, mit im Programm: „Stirb langsam“ und „Stirb an einem anderen Tag“, Nicht mit auf der Liste "Sudden Death" oder "Haus der stummen Schreie"
  • -      „Was wünschen sie als Beilage zum großen Salatteller? Putenbrust? Feta? Thunfisch?“ – beim Servieren: „Ach, mir ist heute doch nicht nach Salat.“ – „Kein Problem. Möchten sie vielleicht eine Suppe? Tomate? Spargel? Kartoffel?“
  • -      Minibar und Wasser in Glasflaschen auf dem Servicewägelchen zweimal am Tag, nicht zu vergessen das Kuchenwägelchen am Nachmittag
  • -      Nachtschwestern vorhanden und mit Special-Skills im Bereich „Türen leise schließen“ ausgestattet
  • -      Wettbewerbsorientiertes Spritzensetzen mit dem Ziel möglichst keine dauerhaften Spuren zu hinterlassen.
  • -      Verbandswechsel täglich, Arzt binnen dreißig Minuten, Blutwerte in einer Stunde, Entlassungspapiere nach etwa 10 Minuten druckerwarm

Der spitzfindige Bildbetrachter könnte meinen, der Kassenpatient isst, was dem Selbstzahler nicht anstand. Tatsächlich waren die Karotten aber erst würfelförmig und DANACH rund. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen.
  
Was soll ich sagen. Egal ob Tapetenkleister mit Blumenkohlaroma zu Mittag oder langsam gedünsteter Lachs im Nudelbett. Krank sein ist kacke. Punkt. Ich scheiß auf Pay-TV und Gerbera auf dem Nachttisch. Ich bin nicht verwöhnt. Zumindest nicht in jeder Hinsicht. Selbstversorgerurlaub oder Camping? Warum nicht. Was ist also die Hard- und Software eines Genesungsprozesses? Aus meiner Sicht: Hygiene und ein Minimum an Menschlichkeit. Schwestern, die eine ganze Station alleine stemmen müssen und dadurch so überarbeitet sind, dass Patienten für sie zu Anonymen werden sind der falsche Weg. Während die Schwarzwaldkliniken dieser Welt geschlossen werden, wachsen die Franchise-Krankenhäuser und Versorgungszentren sowie deren Bettenzahlen ins Unermessliche. Möglichst viele Patienten so wirtschaftlich wie möglich abgefertigt.

Halt. Ich wollte eigentlich gar nicht politisch werden. Nachdem in den letzten acht Monaten insgesamt dreimal in meinem Inneren herumgedoktert wurde, reicht es jetzt langsam. Ich habe für euch eine kassenfinanzierte Methode getestet, bei der man Gewicht reduziert indem man sich nicht lebenswichtige Organe oder Teile davon entfernen lässt. War scheiße, hat nicht funktioniert mit der Körperoptimierung, zumal nach solch einer Aktion Bauchmuskeltraining für mindestens acht Wochen Tabu ist. Also macht mir solche Aktionen eher nicht nach. Und wenn, dann seht zu, dass ihr ein Bett in der Schwarzwaldklinik erwischt.

Und noch etwas: alle Indikationen, die diesen ganzen Schnippelkram notwendig machten, waren pillepalle im Vergleich zu dem, was so viele andere Konsumenten von Leistungen unseres Gesundheitssystems binnen zum Teil wochen- oder monatelanger Krankenhausaufenthalte ertragen müssen. Oft mit gelinde gesagt beschissenen Diagnosen. Ich zieh den Hut vor euch.

Und nun Schluss. Es soll nicht der Eindruck von Wartezimmer-Smalltalk entstehen. Nächste Woche schreibe ich mal wieder was Schlüpfriges, denke ich.

Bonusheftchen und IGEL-Leistungen gibt es bei mir nicht.
Wohl aber eine Facebook-Präsenz, die als Vorsorge dafür, nichts zu verpassen zwar hoch wirksam ist, allerdings von den Krankenkassen 

Mittwoch, 16. Mai 2018

Spielzeug für Erwachsene, ein hungriger Abend und anders lieben


Ein Artikel, für alle die sich bei all der Theorie fragen, wie man eine Quattroehe ganz praktisch lebt.

„Ich haaaabe was zu berichten!“ platzt es aus Sandra heraus, meiner Fachfrau für Kunststoffnägel, mit denen man auch mehrere Kubikmeter kantigen Kies in neu angelegten Gartenteichen verteilen kann, die man sich aber beim Yoga versehentlich auch mal im Nagelbett bis aufs Blut umkrempelt und dann nur dank meditativ begünstigter Schmerzresistenz nicht alle Mit-Yogis aus dem Shavasana zurück holt. Sandra hat einen Pathos in der Stimme, als hätte sie die letzten drei Nächte mit allen Chippendales auf einmal verbracht. Dabei macht sie mit Armen und Händen eine Geste, vermutlich zum Druckausgleich um nicht zu platzen.

Sandra kenne ich schon lange und Sandra kannte die Quattroehe schon, als Facebook sie noch nicht kannte. Wenn ich spüre, dass Menschen mit der Wahrheit gut zurechtkommen, dann mache ich auch kein Geheimnis aus unserem Lebensstil. Wer Fragen hat, der möge fragen, dann bekommt er auch eine Antwort. Sandra modellierte meine Nägel schon, als die Müllers noch monogam unterwegs waren und als Airbrush-Design noch angesagt war. Um genau zu sein, löste sie den netten Vietnamesen ab, der mir seine undefinierbaren Pinseleien immer mit den Worten „iiist Kuunst“ und diesem charmanten asiatischen Lachen schmackhaft zu machen versuchte. 

Mit Sandra habe ich French Nails, oder wie sie es nennt „Porno-Nägel“, genauso gemeinsam verbal beerdigt wie die Vorgänger von Sarah und Marco. Sandra lebt in ihrer Ehe sicherlich aufgeschlossener als der deutsche Durchschnitt, hat Shades of Grey gelesen aber kritisch analysiert, könnte sich allerdings niemals vorstellen, ihren Mann wenn auch nur kurz, eineranderen Frau zu überlassen.

„Ich habe ein neues Spielzeug, du weißt schon, dieses Teil, das du mal bei Facebook gewinnen wolltest, weil es leogemustert war“, strahlt sie mich an. Ich muss kurz überlegen. Sie hilft mir auf die Sprünge. 
„Ach daaaas! Ich erinnere mich. Ist schon ein Stückchen her. Das hat uns die Dildofee damals vorgestellt. Wir durften nur an der Nasenspitze probieren. Sie hat gemeint, wer das Ding hat, braucht eigentlich keinen Mann mehr. Mir war das Ding schlicht zu teuer.“ 
„Jaaa“, sagt sie, „die günstige Version war jetzt im Angebot, da hab ich zugeschlagen. Also, ich muss sagen... ich wusste nicht wohin mit mir - ich bin unter einer Minute gekommen.“ Dabei rutscht sie aufgeregt auf ihrem Stuhl herum und unterbricht sogar das Feilen.

Wir diskutieren noch ein Weilchen über Sinn und Unsinn von Sexspielzeug. Ich persönlich bin kein all zu großer Fan. Mir ist das Zeug meistens in Nachtschränkchentemperatur einfach zu kalt und mir fehlt das Gewicht eines Mannes, der auf mir liegt. Bei allen Höhepunkten, die ich mir dank Technik und medizinischem Silikon verschaffen konnte, während Herr Müller vor ein paar Jahren einige Wochen beruflich im Ausland verweilte, fehlte mir stets das Gefühl, postorgasmisch gegen circa 80 Kilo anatmen zu müssen. Wenn Zementsäcke nicht so staubig wären, hätte ich in dieser Zeit möglicherweise den einen oder anderen Baumarkt von innen gesehen.

Weil die Müllerin eben aber auch nur eine Frau ist, verfehlt Werbung aus vertrauenswürdigen Quellen in Verbindung mit einem unschlagbaren Sonderangebot ihre Wirkung nicht. Dank des Hermesboten (Zeus hab ihn selig) rappelte es drei Tage später bei Müllers im Karton in neutraler Verpackung.
„Ich hab ein neues Spielzeug, das müssen wir unbedingt ausprobieren“ schreibe ich Sarah und Marco und hoffe dabei vermutlich vergeblich, dass vor allem Sarah vorfreudige Aufgeregtheit aus meiner Nachricht herausliest. 

Ich bin Lehrer. Für das Erziehen meiner eigenen Kinder werde ich nicht bezalht, pflege ich zu sagen. Wie es allerdings oft im Leben ist, gelingen die Dinge besonders gut, bei denen man es nicht zwanghaft perfekt machen will. Das ist der Grund, warum die Müllerkinder recht pflegeleicht sind und so öfters mal bei ihren Kumpels nächtigen dürfen. Gelegentlich geißle ich mich unter der verständnislosen Reaktion Herrn Müllers auch selbst und erlaube fremden Kindern die Übernachtung in der Müllermansion. Punkte fürs Karmakonto und erhöhte Chancen auf kinderfrei Abende in der Zukunft. So auch am Tag des Eintreffens dieses von Sandra so fulminant angekündigten Wundergeräts.

Mal wieder raus aus dem Einteiler und schick essen gehen lautete der Plan. Auch und vor allem deshalb, weil keiner Bock hat, etwas zu kochen. Eine Quattroehe ist eben auch eine Ehe und wenn man nicht aufpasst, verbringt man zu viele Abende in Wohlfühlacryl auf dem Sofa und teilt nur die Freuden des StreamingTV miteinander. Also was Hübsches anziehen und denken: „Als ich den Onesie anhatte, war die Speckrolle noch nicht da.“ 
Danach kurz jammern, nichts anzuziehen zu haben, theatralisch mit dem imaginären Handrücken vor der Stirn in die Gruppe schreiben „Geht alleine. Ich komm nicht mit. Ich hab nichts anzuziehen“ plus Heulsmiley, Totenkopfsmiley und Smiley mit verdrehten Augen und auf ihn gerichteter Pistole und dann etwas aus dem Schrank holen, das man versehentlich eine Nummer zu groß gekauft hat, nur um sich gleich darüber zu freuen, dass das Teil nicht ganz so stramm sitzt, wie man erwartet hätte.

Man wählt ein Restaurant mit Bedacht, in dem die Portionsgröße dem schmalen Grat zwischen Sarahs vernichtendem Gesichtsausdruck bei Hunger und Unzufriedenheit und dem Fresskoma einer belgischen Mastgans entspricht. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass vier Menschen sich die Bäuche haltend, wie gekeulte Robben auf dem Sofa liegen und nur stöhnen, weil jede Bewegung schmerzt bis sie schließlich einschlafen. Ehe eben. 

Der Italiener heute ist aber ein Volltreffer, abgesehen von der langen Wartezeit nach unserer Bestellung, in der wir Sarah mehrfach nur knapp davon abhalten können, die spielenden Kinder zwischen den Tischen in den am Sommergarten gemütlich vorbei rauschenden Fluss zu schubsen und mit ihrem alles durchdringenden Laserblick den mit Tellern für die anderen Gäste vorbei eilenden Kellner in Brand zu setzen. Zerstreuung bereiten uns die verwirrten Blicke der Umsitzenden, über deren Köpfen von Zeit zu Zeit Fragezeichen bezüglich der „Wer mit Wem“-Konstellation immer dann aufploppen, wenn wir die beim Anstoßen üblichen Zärtlichkeiten austauschen.

Zu Hause angekommen geht alles ganz schnell. Zum Glück ist man beim Stillen dieser unanständigen Art von Hunger nicht auf die Motivation und Expertise der Küchenhilfen angewiesen. Hungriger Sex braucht keine Spielzeuge. Es ist ein bisschen so wie der Fressflash am Kühlschrank, bei dem man die Mayo direkt aufs Roastbeef quetscht und alles animalisch in den Mund stopft um es ohne zu kauen runter zu würgen. Der designstarke Neuerwerb aus dem Internetversandhandel für Erwachsene liegt die ganze Nacht mit ungeduldig blinkendem Akku-LED neben dem Bett und sieht Szenen, für die man selbst den Katzen die Augen mit Seife waschen müsste. Letztere gucken allerdings deutlich vorwurfsvoller angesichts all des Keuschens und der rhythmischen Bewegungen. Zu guter Letzt starren sie lieber die Wohnungstüre an. Jeder, der damals seine Eltern beim Kopulieren gehört oder gar versehentlich gesehen hat, kann die Gemütslage der Katzen vermutlich bestens nachvollziehen.

Eine Stunde später liegen vier Menschen nackt im Bett, quatschen und lachen. Lachen, weil sie Szenen aus jenem gemeinsamen Urlaub gefühlt zum tausendsten Mal revuepassieren lassen, in dem ich den schüchternen Darm erfand und Herr Müller erst den fast antiken Schlüssel der ungarischen Toilettentür abbrach, sich anschließend McGyver-mäßig selbst einen Dietrich bastelte und damit für seine Befreiung sorgte, nur damit Marco, dessen Darm kein bisschen schüchtern war, die Tür von innen zu halten musste, während der mit einer Wasserpumpenzange bewaffnete aber weder der deutschen noch englischen Sprache mächtige Vermieter sich an der Tür zu schaffen machte. Hätten wir vor der Tür nicht alle so lachen müssen, wäre es uns vielleicht mit aussagekräftigen Gesten möglich gewesen, dem motivierten Ungaren verständlich zu machen, dass das Problem mit der Tür lange vor seiner Ankunft gelöst war. Lustige Geschichte. Die bekommt mal einen eigenen Blogpost.
Nich Ungarn.. aber auch Urlaub. Und neue Anekdoten aus dem Verdauungstrakt...
„Ach, wir müssen noch das Teil ausprobieren“ meint Sarah, als ihr Blick am nächsten Morgen zwischen all den Armen und Beinen auf den Nachttisch fällt. Das übliche „Kommt mal her, Männer, das wird erst bei euch ausprobiert“ nebst „Verdammt, weg von meinen Nippeln“ und „Ob man da auch Cellulite damit wegsaugen kann?“ können wir uns trotz aller ernsthaften Ambitionen eines objektiven und professionellen Testdurchlaufs nicht sparen. Kurze Zeit später werden wir Zeuge, wie Sarah mit einem angespannt analytisch bis leicht gelangweilten Gesichtsausdruck im Bett liegt, der wahrscheinlich meinem eigenen ähnelt, als unsere Kreditberaterin uns damals den Tilgungsplan erklärte. Dann macht sie dieses kleine Geräusch, dass ein bisschen nach dem Übermut klingt, der Menschen zuweilen bei einer Kissenschlacht packt, die kleinen Härchen an ihrem Unterarm stellen sich auf und der Gesichtsausdruck verändert sich zu jenem, den noch nicht mal Babykatzen, ein SALE-Schild im richtigen Laden, gekühlter Chardonnay in ausgedörrter Damenkehle oder ein heißes Wannenbad nach dem Weihnachtsmarkt hervorzaubert. 

Für mich persönlich gibt es kaum etwas faszinierenderes, als eine andere Frau beim Orgasmus zu beobachten. Noch faszinierender ist es nur, wenn man diesen Orgasmus selbst herbeigeführt hat. Sarahs ebenso nüchtern wie befriedigtes Testurteil: „Ja, macht was es soll.“ wird gefolgt von „Ich hab Hunger. Männer, macht mal Frühstück!“
 
DARUM und aus tausend weiteren Gründen liebe ich meine Lieblingsmenschen. Kaum vorstellbar auf solche Episoden im Leben verzichten zu müssen.
DARUM ist es gut, mit seiner Nageltante nicht nur über Arbeit und Kinder zu reden.
Und DARUM verstehe ich nicht, warum es so viele Menschen gibt, die sich anmaßen, Beziehungen, die von der monogamen Norm abweichen, abzuwerten, obwohl sie diese nur von außen kennen. Ich kenne beides und werte weder das eine noch das andere auf oder ab. Man darf sagen: Meins wär’s nicht. Aber man darf nicht sagen: Eure Liebe ist keine richtige Liebe. Es gibt nur diese eine Liebe. Denn es gibt eben nicht nur diese eine Liebe – man kann verschieden lieben. Und damit meine ich nicht Mehr oder Weniger. Ich meine anders. Ich denke, man muss dafür kein Freak, Egoist, Mitläufer, Hipster oder auch Gegendenstromschwimmer sein, sondern es nur zulassen und natürlich ein wenig Glück haben, auf Menschen im Leben zu treffen, die diese Art von Liebe wecken. Die meisten Menschen haben nur wahrscheinlich keine Antennen dafür  - weil sie sich eher von gesellschaftlichen Konventionen als von ihrem Herzen leiten lassen. Eine klassisch monogame Beziehung ist dennoch nicht weniger wert. Es ist schlicht ein Äpfel-Birnenvergleich.

Mehr "Produkttests", Einblicke
in die Quattroehe und Episoden
aus Absurdistan und der Müllermansion

Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Inklusionslüge ODER Füchse reisen nicht gerne im Radkasten


Ein ernsthaftes Wort vorweg: Ich bin mir völlig bewusst, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, welches jedem zusteht und das ich auch mit diesem Artikel niemandem absprechen möchte. Meine nennen wir es „kritische" Auseinandersetzung bezieht sich auf berufliche Erfahrungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit massiven Lernschwierigkeiten und die derzeitige Auslegung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier in meinem Bundesland. Jedem, der sagt: Inklusion? Bei uns funktioniert das hervorragend, den beglückwünsche ich. Vielleicht kommt der ein oder ander aber auch ins Nachdenken. Inklusion ist eben nicht nur das glückliche Kind im Rolli, mit Asperger oder einem Cochlea-Implantat zwischen völlig gesunden Kindern. Es sind eben auch viele, viele Kinder mehr, deren Aufwachsbedingungen das Handicap sind...
 
Ich hab es im Gegensatz zum letzten Jahr bei Facebook nicht an die große Glocke gehängt, aber kürzlich fand das diesjährige Casting „Deutschland sucht den Superkevin“ zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in unserer Bildungseinrichtung für Langsamlerner statt. Kurz: Begutachtung und Diagnostik der Schulanfänger, die aufgrund umfassender Auffälligkeiten in gleich mehreren Entwicklungsbereichen sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten an einer Grundschule haben werden. Als ich am Nachmittag des ersten Tages den kleinen Müller aus dem Hort abhole, halte ich wie fast immer ein kleines pädagogisches Schwätzchen mit der Erzieherin. Ich erzähle ihr von meinem Vormittag und sie schaut mich mitten im Satz mit großen Augen und offenem Mund an: 
„Wie? Vorschüler? Da gibt’s das auch schon?“
„Ja, sicher gibt es das. Und wie. Was glaubst du, was uns für Kinder vorgestellt werden. Du machst dir kein Bild.“ 
Sie schüttelt betroffen und ungläubig den Kopf: 
„In all den Jahren, in denen ich hier und im Kindergarten als Erzieherin arbeite, habe ich nicht ein einziges Kind gehabt, bei dem ich Grund zum Zweifeln gehabt hätte. Ich kann das gar nicht glauben.“

Mir geben ihre Worte zu denken. Woran liegt es, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen so weit auseinander gehen? Tatsächlich wurde uns noch nie ein Kind aus diesem Kindergarten gemeldet, der das zu großen Teilen von einer ortsansässigen Stiftung finanzierte Herzstück unserer Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde bildet. Ein Drittel der Menschen hier hat sich in den Neunzigerjahren den Traum vom Eigenheim erfüllt, die anderen vererben Haus, Hof und Garten von Generation zu Generation. Eine kleine Neubausiedlung gibt es auch. Dort wohnen überwiegend Rentner und ein paar Familien. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie gar nicht. Hier passt der eine auf den anderen auf. Das kann auch manchmal nerven, aber mit der richtigen Portion Misanthropie und Ignoranz hat es in der Summe mehr Vor- als Nachteile.

Und dann überlege ich, aus welchen Kindergärten unsere potentiellen Superstars der Förderschul-Unterstufe gemeldet werden. Da gibt es einen mitten in der benachbarten Kreisstadt, direkt angrenzend an einen Straßenzug, dem sein Ruf vorauseilt. In dem Menschenschwarz-weiß-rote Flaggen als akzeptable Fensterdeko betrachten, Kinder auch wochentags nach 21 Uhr mit viel zu großen Turnschuhen, offenen Schnürsenkeln und kurzen Hosen im März ihre am Eistee nuckelnden Geschwister im Buggy um die Häuser schieben und Eltern noch schlafen, wenn ihre Sprösslinge mit den selbst geschmierten Stullen (oder der Milchschnitte) im Gepäck die Wohnung zum Zwecke des Schulbesuchs verlassen. Der E-Zigaretten-Fachhandel, An- und Verkäufe und Spielotheken prägen das Straßenbild.

Im Kindergarten bietet sich das gleiche seltsame und irgendwie trostlose Bild. Erzieher, die sich scheinbar allen beruflichen Enthusiasmus eingebüßt haben und in einer Mischung aus Resignation und mechanischen Funktionierens auf die Saiten der Gitarre einhacken als wäre es ein Waschbrett und kein Musikinstrument, nur um fünf Minuten später die Kinder wieder sich selbst überlassen zu können. 
„Vorschule.. ach, sie meinen ich soll mal was kopieren? Kleinen Moment.... Kinder, kommt mal her. Die Beate hat euch ein hübsches Blatt mitgebracht.“ Und dann sind da noch die Kindergärten aus den Neubaugebieten der umliegenden Kleinstädte – gleiche Szenen, andere Architektur. Von dort kommt, bis auf wenige Ausnahmen, unser elitärer Nachwuchs.


In den letzten Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Das bemerkt auch die Schulpsychologin. Seit nämlich alle Welt über die hochgelobte Inklusion diskutiert und die Schreibtischtäter der Bildungspolitik unseres Bundeslandes alles daran setzen, diesen Begriff aus seinem theoretischen Dornröschenschlaf unvermittelt aufzuwecken und in unser Schulsystem zu pflanzen, werden es immer weniger Kinder, die an unserem Casting für die Bildungselite links auf der Gaußschen Kurve teilnehmen. 

Jetzt könnte der unreflektierte Leser meinen „Na das ist doch prima!“. Das ist es aber mitnichten. Denn proportional zur Teilnehmerzahl sinkt auch der Durchschnitts-IQ der gesamten Gruppe. Und trotzdem werden, nur weil in irgendeinem Ministerialblatt plötzlich neue Verordnungen stehen, deren schwammige Umsetzung schon an fehlenden Mitteln und Fachpersonal scheitert, die Kinder nicht per Knopfdruck schlauer. Wo sind denn jetzt die Förderschüler hin?

Die Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihr Kind trotz entsprechender Indikation auf die Förderschule zu schicken. Hört sich ja erstmal gut an. Was dann allerdings gar nicht mal so selten passiert, ist folgendes: Die Eltern erzwingen den Besuch einer Regelschule auf Basis ihres Wahlrechts und entgegen aller Empfehlungen. Das Kind kommt in einer Klasse mit knapp dreißig Kindern und einem Pädagogen an, der im aller günstigsten Fall kein Quereinsteiger ist. Dort durchleidet das überforderte, unfertige Menschlein mehr schlecht als recht das erste Schuljahr und wird im Lehrplan mitgeschleift wie der tote Fuchs im Radkasten des Passaratis der Müllerfamilie im letzten MeckPomm-Urlaub. 

Vielleicht empfiehlt der ambitionierte (Neu)Pädagoge den Eltern die Wiederholung des ersten Schuljahres, vielleicht rät er aber auch zu einer Überprüfung durch die Förderschule. Weil aber die Nachbarn oder die besten Freunde jemand kennen, dessen Kind auch auf die Förderschule geht – assige Leute sind das dort – und sie außerdem kürzlich in der Zeitung lasen, dass Förderschulen bald abgeschafft werden, lehnen die Erziehungsberechtigten dankend ab, in der Annahme ihrem Kind etwas Gutes zu tun. 

Klasse Zwei beginnt und der Alptraum für Finley, Jason, Samantha oder Celina geht weiter. Bis es nicht mehr geht. Wenn es gut läuft, dann zieht er oder sie sich einfach zurück, igelt sich ein und macht die tägliche Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen still mit sich selbst aus, vielleicht kommen aber auch Bauch- oder Kopfschmerzen dazu. Wenn’s aber dumm läuft, wird Jason ein fieser kleiner Störenfried, das Arschkind der Klasse, das keiner mehr leiden kann. Dass Jason allerdings einfach nur reagiert, sieht keiner. 

Ungünstiger Weise ist vor der Einschulung auch noch eine Zurückstellung erfolgt, schließlich „verwächst sich ja auch so einiges“ und „Kinder sollte man so lange wie möglich Kind sein lassen“. Jeremy oder Jason, völlig egal, ist mittlerweile fast neun Jahre alt und damit zu alt, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Er kommt also zu einem Zeitpunkt in die Förderschule, zu dem selbst dort nicht unwesentlich viel Wichtiges längst gelaufen ist. Denkt daran – Jeremy war der tote Fuchs. Er hat weder von der Fahrt durchs sommerliche Seenplattenidyll noch von anderthalb Jahren Grundschule viel mitbekommen.
Diese Lücken in der verbleibenden Zeit zu schließen, ist eine Mammutaufgabe für Jeremy und seine engagierten Pädagogen. 

Man bedenke: Warum hat Jeremy bisher nicht erfolgreich lernen können? Weil seine intellektuellen Beinchen einfach zu kurz waren. Und mit kurzen Beinen rennt man eben nicht so schnell wie die anderen. Man hätte ihm Gehhilfen anbieten können, stattdessen ist er einfach umgerannt und niedergetrampelt worden. Jetzt läuft er in der „Kurze Beinchen“-Gruppe mit. Weil Jeremy aber lange gar nicht gelaufen ist und auf ihm herumgetrampelt wurde, hat er Mühe überhaupt auf die Beine zu kommen. Kurz: er muss jetzt trotz seiner Lernschwäche in zwei Jahren lernen, was er auch in vier Jahren hätte lernen können. Weil Zeit vergeudet wurde. Ob er das schafft, ist fraglich. Im schlimmsten Falle wechselt Jeremy nach einigen Jahren erneut die Bildungseinrichtung und geht den letzten abwärts möglichen Schritt. Und das, obwohl die Eltern und Bildungspolitiker ja immer nur sein Bestes wollten. Kinder, die nach zwei Jahren Grundschule kein einziges Wort lesen oder schreiben können, sind das Ergebnis dieses guten Willens.

Jeremy kam zu spät zu uns. Aber auch Lilly, Malik, Tim, Josua und Benjamin kamen zu spät – und das, obwohl sie ihre Einschulung noch vor sich haben. Sie kamen mit einem IQ von um die 60 und den Wahrnehmungsleistung von Granitgestein. Sie äußern sich in Einwortsätzen, können sich nicht alleine umziehen und wissen nicht, wie man einen Stift hält. Wohl aber wie man ein Tablet bedient. Sehr wahrscheinlich wird die Hälfte dieser Kinder niemals wirklich schreiben oder lesen lernen. Die Kinder kommen alle samt aus den oben beschrieben Kindergärten und Wohngebieten.

Aber wo sind unsere "guten" Förderschüler? Die mit Potential? Die, die bei guter Förderung das Zeug zum Hauptschulabschluss haben? Die bekommen im Sommer eine nette Zuckertüte und werden anschließend von 25 Kindern und einer Quereinsteigerin, die mal eine Fabrik geleitet hat, überrannt, nur um dann in zwei Jahren von uns leblos aus dem Radkasten gezerrt zu werden und die Jeremy-Karriere anzupeilen.

Inklusion in der Schule. Das ist die Palme, die wir im Urlaub so bewundern, die uns ein perfektes Bild von Ruhe und Entspannung vermittelt und die kläglich eingeht, wenn wir sie ins manchmal zumindest für Palmen recht unwirtliche deutsche Klima verfrachten. Inklusion – das ist in meinen Augen aber auch die Reanimation, die erst dann beginnt, wenn die Leichenstarre schon eingesetzt hat. Ich habe noch keinen einzigen Pädagogen im hiesigen Bildungssystem getroffen, der die Art wie Inklusion gegenwärtig hier umgesetzt wird, für gut befunden hat. 

Ich kann nicht wirklich sagen, wie es richtig geht aber ich kann sagen, dass es falsch ist, intellektuelle Ghettos zuzulassen und diese dann noch durch einschlägige Fernsehsendungen zu legitimieren. Erzählt mir nicht, dass das Aufklärungsarbeit sein soll. Es ist ein Vorführen, bei dem sich alle, denen es besser geht, angewidert abwenden und alle anderen die Rückmeldung bekommen, einer zweifelhaften Norm zu entsprechen.

Ich möchte gerne glauben, dass ich in ein paar Jahren Seite an Seite mit Grundschullehrern und Förderschullehrern in einer kleinen netten Klasse arbeite, in der Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen entsprechend ihrer individuellen Stärken und Schwächen erfolgreich miteinander lernen. Klingt nach der Sprache eines Werbeprospekts. In einer selektiven Gesellschaft wie der unsrigen belügen wir uns selbst, wenn wir glauben, alle Menschen hätten gleiche Chancen. Was entsteht ist eine Zweiklasseninklusion.

Für mehr Unterhaltsames,
seltener Kritisches,
immer aber müllereskes
aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe...