Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Dienstag, 14. August 2018

Der Hausfreund ODER Nehmt euch ein Beispiel an den Schülern


Als ich begann zu bloggen, wusste ich, dass die Art der Beziehung, in der die Müllers leben, definitiv einer der Inhalte meines Schaffens werden würde. Ein Inhalt. Nicht der Inhalt. Bis auf wenige Ausnahmen stieß ich mit der sozialmedialen Bekanntgabe einer Vierecksbeziehung irgendwo zwischen Freigeist-Schnarch und Herztod jedes überzeugten Monogamieanhängers nahezu durchweg auf mindestens neutrales, wenn nicht sogar interessiertes bis wohlwollendes Leserfeedback. Das macht mich wirklich glücklich und ist sicher nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass ich in der Regel darauf achte, dass die Leser zum Content finden und nicht umgekehrt. Zu Lasten der Reichweite, aber zugunsten meiner Nerven. Mit Trollen diskutieren ist anstrengend, wenn auch manchmal sehr unterhaltsam. In erster Linie aber eigentlich Zeitverschwendung. Logisch. Hau ich mir ohne hinzukucken jede Menge lose Kirschen in die Tüte im Supermarkt, sind einige gammlige dabei. Dann lieber Augen auf bei der Kirschenwahl, auch wenn's mal wieder länger dauert.
Auch mich selbst hat die schreiberische Auseinandersetzung mit unserem ganz individuellen Partnerschaftsmodell zum Nachdenken gebracht und auf eine ganz eigene Art wachsen lassen, ich möchte fast sagen zwischenmenschlich auf eine neue Ebene gebracht, deren Existenz mir vorher nicht wirklich klar war. Das hört sich spirituell an, ist allerdings weder aus einem Forum für frischgebackene Mütter noch meiner Yogalehrerin entlehnt. Um zu verdeutlichen, was ich meine, möchte ich euch eine kleine Geschichte erzählen, die ich natürlich wie immer nicht erfunden habe. Nein, sie spielte (oder spielt) sich in meinem direkten Umfeld ab...

Da ist eine junge Frau in der Blüte ihrer Dreißiger. Gerne und mit Leidenschaft Frau, wenn ihr wisst was ich meine. Auch gerne und genauso leidenschaftlich Mama. Sie ist glücklich verheiratet und nennt zwei Schulkinder ihr Eigen. Im Laufe der Vergangenheit fiel öfters der Name eines Mannes, wenn ihre Familie mit ihr sprach. Es war nicht der Name ihres Mannes, aber auch ihr Mann war bei diesen Gesprächen dabei und ihn schien das gar nicht zu stören. Nach allem was man hörte, schien die Familie sogar einiges an Freizeit mit diesem Mann zu verbringen, es war sogar die Rede von gemeinsamen Urlauben. Aber keiner stellte Fragen. 

Eines Tages, auf einer Familienfeier, bekam dieser Name plötzlich ein Gesicht für alle, die bisher nur beiläufig von ihm gehört und keine Notiz genommen hatten. Plötzlich allerdings nahm jeder von diesem unbekannten Mann Notiz, weil er und die junge Frau auf eine Art miteinander umgingen, die weit über den „guten Freund“ der Familie hinausging. Dabei gaben sich beide keinerlei Mühe, den Narren aneinander weder vor den Familienangehörigen noch dem Ehemann zu verbergen. Letzterer schien kein großes Problem mit dem zu haben, was die Gemüter einiger Anwesender auf Erdkerntemperatur erhitzte. Auch die Kinder kennen und mögen den jungen Mann. Fragen stellte keiner.

Wenige Monate später wiederholt sich das Schauspiel auf einer neuerlichen Familienzusammenkunft und nachdem klar ist, dass es sich bei den unglaublichen Beobachtungen der vorangegangenen Festivität nicht um einen einmaligen und somit zum Wohle des Familienfriedens zuvernachlässigenden Vorfall handelt, drohen die Fässer zumindest zeitverzögert überzulaufen. Tatsächlich traut sich niemand, die verheiratete Frau, den scheinbar gehörnten Ehemann und vor allem den schamlosen Ehestörer zur Rede zu stellen. Dennoch hat jeder mehr Meinung als Ahnung und vor allem handfeste Interventionsambitionen. Man müsse reden, schallt es aus Richtung der ehemaligen Erziehungsberechtigten der jungen Frau. Das könne so nicht weiter gehen. Und überhaupt: Was ist da los? 
Bemerkenswertes Verständnis jedoch für das glückliche Dreieck ausgerechnet aus der Richtung der Schwiegereltern, also von den "Verantwortlichen" für den unglücklichen Ehemann: "Haben die Meckerer vergessen, dass sie auch mal jung waren und wie geil ein Dreier ist?" . Keine Sorge ums Gefühlsleben des erwachsenen und mündigen Sohnes, sondern eher Sympathie für den Ergänzer, den die Gegenseite argwöhnisch als Reindrängler verurteilt....


Natürlich sprachen und sprechen wir auch in der Quattroehe über diese kleine wahre Geschichte und ihre Beteiligten. Und in der Tat ertappt man sich selbst viel zu schnell beim Verurteilen. Ist das nicht egoistisch? Kommt der Ehemann nicht zu kurz? Das kann doch niemals gutgehen. Darf man das seinen Verwandten und Bekannten zumuten oder ist sowas Privatsache? Solche Vorverurteilungen liegen vermutlich in der Sozialisation von uns allen begründet. Außerdem teilen die meisten Menschen nicht gerne und geben noch weniger gerne etwas ab, wenn sie nichts dafür bekommen. Und tatsächlich erscheint unsere eigene Interpretation einer zumindest leicht geöffneten Ehe sehr viel ausgeglichener und erfolgsversprechender. Aber können wir uns nicht absolut sicher sein, dass irgendwo Menschen hocken und ähnlich über uns denken? Die behaupten, dass es keine Liebe sein kann, wenn man seinen Ehepartner jemand anderen überlässt? Dass man überhaupt nur eine einzige Person lieben kann? Dass sicher der Sex zu zweit vorher einfach langweilig oder sogar tot war? Dass in so einer Familie nur völlig verkorkste Kinder leben können? 

Abgesehen von der Tatsache, dass uns egal ist, was andere denken, müssten uns diese Vorurteile rasend machen, weil sich Menschen anmaßen über unser Gefühlsleben zu entscheiden. Sie glauben zu wissen, wie wir empfinden und wie wir empfinden sollten. Aber steht uns das zu? Eigene Maßstäbe an das Lieben und Leben Anderer anzulegen? 
Ertappt. Wir hatten gerade das Selbe getan. Genau das, was wir von unseren Diskussionspartnern fordern, nämlich das „Leben und leben lassen“ waren wir gerade selbst nicht zu leisten bereit. Wir sind SO glücklich. Ihr seid ANDERS glücklich. Wir ALLE sind glücklich. Punkt. Keine Urteile.
Interessant ist, dass sich die meisten Außenstehenden scheinbar bestens vor allem mit dem Gefühlsleben des Ehemannes auskennen, aber ihn weder jemand nach seinem Befinden bezüglich des Geschehens fragt, noch seine tiefe Entspanntheit wahrnimmt. Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Wie kann sie ihn nur so bloßstellen? Und wie kann dieser Fremde sich eigentlich so in diese Ehe drängen mitten in einer Situation, in der niemand irgendwie bedrängt wirkte. Sie geht zu weit und er natürlich auch. Und nur aufgrund der Tatsache, dass eben nicht sein kann, was nicht sein darf, kommt keiner auf die Idee, dass es vielleicht noch viel weiter gehen würde. Der Ruf nach Intervention wird laut, Konsequenzen wollen gezogen werden. Aber gefälligst schön vorsichtig und bitte erst am Morgen, nachdem die Gangs die Straßen verwüstet haben und nur noch das Knacken der Scherben unter den Schuhen zwischen den Häusern hallt. 

Ist es wirklich angenehmer per großer Ankündigung ein ernstes Wörtchen reden zu wollen, statt sich mitten im Geschehen zum Beispiel mit einem Bierchen neben den Ehemann zu hocken und zu sagen: „Hey, was is denn bei deiner Frau los?“ oder den Arsch zusammenzukneifen und die Frau zu fragen „Hast du jetzt einen Hausfreund oder wie seh ich das?“. 
Fragt man den erklärten Feind des Familienidylls vielleicht unterbewusst genau deshalb nicht nach seiner Funktion, weil man befürchtet, er könnte antworten "Wenn es auch nur einem der beiden mit dem was ich tue, nicht gut gehen würde, würde ich mich sofort zurückziehen. Die bestehende Familie ist mir heilig. Ich sehe mich als Bereicherung."

Warum wühlt man lieber allein im gedanklichen Salat aus eigenen Wertvorstellungen, Eindrücken und moralischen Grenzen, vor allem wenn die scheinbar so verworrenen Verhältnisse drohen, einem den verdienten Nachtschlaf zu rauben? Warum reden Menschen lieber übereinder statt miteinander?
Erst kürzlich hat mir eine Zufalls-Neuleserin unterstellt, eine schlechte Lehrerin zu sein. Das tat sie auf Basis eines in ihren Augen zu abwertenden Posts bezüglich meiner Klasse. Zack. Verurteilt. Und der Post war noch nicht mal besonders lang und für meine Verhältnisse höchstens durchschnittlich kreativ. Na klar, mein Hass auf Kinder ist der Motor meines beruflichen Wirkens. Ich wüsste nicht, wofür ich morgens aufstehen sollte, wenn mich nicht die Aussicht locken würde, den ganzen Vormittag lang unschuldige Kinderseelen zu drangsalieren. Kindertränen sind wie Regen auf meiner ausgedörrten Pädagogenseele. Und wisst ihr was ich am meisten an den Kindern hasse? Sie fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Und wenn sie fragen, dann tun sie das direkt, haben dabei weder Erwartungen an die Antwort noch an das Gefühlsleben des Gefragten. Sie wollen einfach wissen. Oder wie es Justin ausdrücken würde: „Frau Müller, is das dein Enkel, da auf dem Bild auf deinem Tisch?“

Lies mehr von schlechten Lehrern 
und schlechten Ehen 
bei Frau Müller auf Facebook. 

Mittwoch, 8. August 2018

Das wahre Gesicht des Schulanfangs: Mamageddon zwischen Schleifen und bedruckter Pappe



Sommerzeit ist nicht nur Hochzeits- sondern auch Schulanfangs-Saison. Diese beiden Festakte zum Einläuten eines neuen Lebensabschnittes teilen sich dank stetig wachsender Elternliebe nicht mehr nur die Saison sondern mittlerweile auch das Maß des Aufwandes, der betrieben wird um diesen Tag für alle? Beteiligten unvergesslich zu machen.

"Und wo lässt du den Zuckertütenaufsatz machen?", die Muttis kucken mich mit großen Augen an. 
"Wie, Wo? Na äh, selber? Also selber machen. Ich mach den selbst. So paar Bänder und Blumengedöns. Das kann doch keine Wissenschaft sein" 
- der Mutti-Verschwörungs-Augenaufschlag weicht einem Gesichtsausdruck, der mich stark an die Mimik der Dorfbewohner am Biertisch nach Ricks Outing  mit der Aussage "Ich bin beidseitig bespielbar!" erinnert...

Die Causa Schultüte ähnelt heutzutage in ihrer Komplexität dem Bau eines Atomreaktors. Ähnlich dem Erwerb eines Brautkleides beginnt die engagierte Mutter etwa ein Jahr vor dem Tag X mit der Recherche. In Mütterforen wird aus einer schlichten Frage an die Schwarmintelligenz schnell ein Mommy-War, da in Sachen Schulanfang Weltanschauungen aufeinander prallen. Vom Religionskrieg unterscheidet man sich nur noch durch die harten Waffen. Hass, Ablehnung und Selbstgerechtigkeit sind absolut vergleichbar.

Schaggeline ist verzweifelt: „Hilfe, der 19Zoll-Laptop passt nicht in die Zuckertüte! Emily-Chantal hat doch schon einen 15Zoll-PC. Wir haben keine Ahnung was wir schenken sollen!

Birte scheut weder Kosten noch Mühen: „Gibt es Firmen, die gluten-,laktose-, zucker- und E234-freie Fertigzuckertütenfüllungen verkaufen? Wenn es geht Fairtrade!“

Bastel-Mami ist zu allem bereit: „Mein Kind interessiert sich so sehr für ägyptische Archäologie. Wo gibt es Zuckertüten mit passendem Aufdruck? Oder sollte ich vielleicht selbst eine basteln in Form der Cheops-Pyramide? Kennt jemand ein passendes Tutorial?“

Mutti Pippilotta (Pseudonym) will nichts falsch machen: „Wie befestige ich das Steiff-Opossum Größe XXL sicher auf der Zuckertüte, so dass Bjarne-Sören bei einem Trotzanfall auch mal damit mit Wucht gegen seine Oma hauen kann und die Bilder des Fotografen trotzdem ein unvergesslicher Genuss für die Nachwelt sind?“

Die Akte „Zuckertüte“ füllt sich allmählich dank investigativer Eltern-Kind-Interviews, durch Beobachtungen des engagierten Privatdetektivs und der unbezahlbar wertvollen Tipps erfahrener Mit-Mütter mit Daten, ungeachtet der Tatsache, dass Kindervorlieben häufig eine Halbwertzeit von weniger als 10 Minuten haben, etwa ein dreiviertel Jahr vorher.

Im Frühjahr starten die Zuckertüten- und Schulranzenmessen. Für mich persönlich genauso überflüssig und grauenvoll wie Hochzeitsmessen und dennoch strömen die Eltern mit dem Drang nichts falsch zu machen scharenweise in die bunten Hallen voller Pappe und Nylon.
Lass uns doch heute die Saurier-Tüte kaufen, nur hier gibt es 15 Prozent Rabatt, eine auslaufsichere Trinkflasche und einen 5Euro-Verrechnungsgutschein auf den Schulranzen mit dem gleichen Motiv. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Eltern sechs Wochen vor der Einschulung noch eine zweite Zuckertüte mit Rittern kaufen, weil Thorben-Malte beim Frühstücken seiner Bio-Hirse-Dino-Flakes beiläufig erwähnt, dass er Dinos langweilig findet, sind deutlich höher als 15 Prozent.


Tipp am Rande: Zuckertüten mit Pferden, Autos, Fußballern oder Delfinen gibt es jedes Jahr. Möglicherweise ist der Ferrari aus dem Vorjahr silbern lackiert und nicht wie in diesem Jahr rot. Wenn Johannis-Marvin damit leben kann, stellt der Erwerb einer Schultüte aus der Vorjahreskollektion sicher, dass der verehrte Sohnemann nicht einer von acht Jungen der zukünftigen 1a ist, der eine „roter Ferrari“-Tüte in die Kamera des Fotografen hält.

Aber halt! Stimmt, ich vergaß. Das wahre Statussymbol, materiell ausgedrückte Individualität und Elternliebe, ist der Aufbau AUF dem buntbedruckten Papp-Geschoss. Auch hier fängt der frühe Vogel natürlich den Wurm denn: die Zuckertüten-Dekorations-Fachfrau mit überregionalem Ruf, welche in der Nebensaison Trockenblumengestecke verschachert, ist very busy. Anmeldeschluss: 10 Wochen vor Tag X. So ein Ikebana aus ökologischen Buntstiften, Barbiepuppen, frischen Nelken aus glücklicher Blumenzucht und nicht zu vergessen dem Barbie-Pferdeanhänger braucht schließlich seine Zeit. Auch hier spielt man wieder Roulette mit dem unsteten Interesse der unfertigen Menschen, die es mit dem Bauwerk glücklich zu machen gilt. 

Man gibt also alles in Auftrag, führt dazu ein Beratungsgespräch, dass von Umfang und Aufbau her an den Erwerb einer Einbauküche erinnert und kauft am besten den Großteil der Zuckertütenfüllung auch gleich noch im Laden der Schulanfangs-Oligarchin. 20 Prozent Rabatt auf das Tüten-Krönungsdingens kann man sich schließlich nicht entgehen lassen. Noch schnell ein Pröbchen des sorgsam ausgewählten pinken Schleifenbandes eingepackt und ab zum Serviettengroßhändler, es will schließlich ein EVENT geplant werden. Danach noch schnell ein Blick auf die Summe am unteren Ende der Gästeliste und ab zum Grafiker. Jetzt, wo das Farbkonzept steht, können endlich auch die Einladungen final überarbeitet werden.

Wenn man es nicht in die Reihen der privilegierten Auftraggeber schafft oder gar nicht rein will weil man sich zu Höherem befähigt fühlt, bastelt man selbst: die Auswahl an Anleitungen ist unüberschaubar und die Materialien überteuert. Wer trotz aller Do-it-yourself-Ambitionen zu doof ist eine Schleife so zu binden, dass sie nicht nur zwei Enden zusammenhält sondern auch noch aussieht wie eine Schleife, der kauft eine fertig Gebundene, für die Dank der Aufschrift „In Deutschland handgefertigt“ 15 Euro Verkaufspreis absolut legitim erscheinen.

Der ritterliche Plan sich mittels Selbstbautüte vom breiten Kommerzwahnsinn zu distanzieren, geht nur dann auf wenn der kleine Wilhelm-Siegbert mit seinen sieben Jahren dank konsequenter Erziehungsarbeit ein ebenso vernünftiges Verhältnis zum Kommerz hat.

Thema Festveranstaltung. Der frühe Vogel hat auch hier wieder die Nase, äh den Schnabel vorn. Das Datum des Schulanfangs lässt sich schließlich nicht aussuchen, ist einige Jahre im Voraus bekannt und die Auswahl an Locations, welche sowohl komfortabel als auch repräsentativ genug erscheinen, ist nur begrenzt. Eltern, die ihre Aufgabe ernstnehmen, reservieren den gewünschten Austragungsort bereits nach dem Errechnen des Geburtstermins. Man telefoniert die auf der im Frühjahr besuchten Messe eingesammelten Flyer ab, bestellt Heliumluftballons, ein Pony samt Streichelzoo und ein Spanferkel.

Die Torte, um Himmelswillen, vergesst die Torte nicht. Ausgerechnet an die hatte bis acht Wochen vorher niemand gedacht. Ein zufällig belauschtes Gespräch zwischen zwei Mitmüttern in der Garderobe des Kindergarten reißt gewaltsam die Schuppen von den Augen. Das ganze Projekt „Schulanfang“ gerät mit einem Mal gefährlich ins Wanken. Nach einem Telefonmarathon steht fest: gegen ordentlichen Aufpreis liefert eine renommierte Konditorei aus dem Nachbarbundesland die Torte am Tag der Tage ins gemietete Kongresszentrum. Zum Glück feiert das Anrainer-Bundesland erst eine Woche später.

Am Tag der Tage gibt es kein gemeinsames Frühstück, da Mama morgens einen Friseurtermin hat und anschließend die Arbeit des Deko-Teams überwachen muss. Sie hat am Vorabend einen Anruf von Tante Brigitte bekommen, sie lebt seit 4 Wochen getrennt von Onkel Herbert und bittet darum, am Tisch nicht neben ihrem Exmann sitzen zu müssen. Thorben-Maltes Cousine Shanaia hat eine Tierhaarallergie und darf daher nicht zu nah am Kaninchengehege sitzen. Also überarbeitet die Mutter noch ganz geschwind die Sitzordnung. Zum Glück hält das Profi-Make-up den Schweißperlen auf der Stirn stand. 

Papa holt die Zuckertüte bei der „Herrin der Schleifen“ (die Oligarchin) – kurzer Schreckmoment nach der Behauptung die Tüte wäre schon abgeholt worden – und bringt sie zum Festsaal. Am Zuckertütenbaum ist zwischen all den Moosgummi-Tüll-Spielzeug-Monumenten kaum noch Platz. Jetzt aber schnell noch das gemietete Cabrio abholen. Thorben-Malte wollte ein Schwarzes, hoffentlich hat es der Autohändler, bei dem wir vor drei Jahren unseren Mini-Van gekauft haben, noch geschafft das Fahrzeug vom Partnerautohaus zu organisieren, denkt der Vater. Er mag sich gar nicht vorstellen, wie Thorben-Malte reagiert wenn das gewünschte Gefährt nicht seiner Lieblingsfarbe entspricht. Der Tag, SEIN Tag, wäre ruiniert. 

Die eigentliche Zeremonie geht dann schnell vorbei. Soraya-Xenia bekommt ihre Zuckertüte zuletzt, Schicksal wenn der Nachname mit einem Z beginnt. Sorayas Papa hat Mühe, alles für die Ewigkeit festzuhalten, da er vergaß die Speicherkarte der Spiegelreflexkamera von den Bildern ihres letzten Ballettauftritts zu befreien. Mama vergießt sintflutartig Tränen. Auf den gestellten Bildern zieht das Töchterlein eine Fluppe. Gestern hat sie in der Werbung eine Einhorn-Kutsche gesehen – DIE hatte sie auf ihrer Zuckertüte erwartet. Das Pferd, welches vor dem Festsaal wartet und Soraya standesgemäß zum Sektempfang transportieren soll schafft es auch nicht, ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Es stinkt. Soraya mag nichts, was stinkt.

Zwei Stunden später hat sich nach dem Anschnitt der Torte in „Märchenschloss-Form“ die Sitzordnung aufgelöst. Onkel Herbert ist gar nicht erst erschienen weil er mit seiner neuen Freundin last minute in die Türkei geflogen ist. Shanaia füttert mit triefender Nase und tränenden Augen die Häschen mit den Smarties aus ihrer Mini-Gastkind-Zuckertüte, die Erwachsenen sprechen dem Alkohol zu (man muss sich für den ganzen Vorbereitungsstress schließlich belohnen) und Soraya versucht die Schultüten-Barbie von Vorgestern im Klo runterzuspülen. Geht nicht, jetzt klemmt sie fest. Also ordentlich Klopapier oben drauf damit’s niemand sieht. 

Nachdem sich das braune Häschen, welches die Smarties besonders gierig gemuffelt hat, nicht mehr rührt setzen Shanaia und Soraya es in den Pferdeanhänger aus dem Zuckertütenaufbau. Der Plan, diesen mittels Dekoband an das für die kleinen Gäste bereitstehende Bobbycar zu binden und damit Slalom auf dem Gehweg zu fahren scheitert nur an der Unentwirrbarkeit der „in Deutschland hangefertigten“ Schleife. Mami und Papi bekommen von Sorayas kreativen Einfällen nichts mit. Sie verfolgen gerade gebannt die Vorstellung der engagierten Artistengruppe aus China.

Keine selbst programmierte Gratis-App zur perfekten Planung
des Jahrhundert-Schulanfangs gibt es 
Dafür aber mehr unalltäglich Alltägliches
garniert mit dem Stilmittel der maßlosen Übertreibung. Schaut rein. 


Mittwoch, 18. Juli 2018

Sektsklaven, Arschfummel und gerettete Augenbrauen - wie man einen Junggesellenabschied feiert ODER Wer braucht schon eine Braut



Es ist Sommer und damit Hochzeitshochsaison. Zu den traditionellen Must-Haves eines jeden Vor-Hochzeits-Horrors gehört ein zünftiger Junggesellenabschied...

Junggesellenabschiede scheinen sich sowohl bei einigen Teilnehmern als auch bei Beobachtern keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Wenn wir auf ein solches Grüppchen treffen, wechseln wir wenn möglich sofort die Straßenseite, schauen angestrengt in die andere Richtung oder schubsen die Freundin nach vorn, wenn es darum geht, dem stark alkoholisierten Bräutigam in Spe ein Herzchen aus dem Schritt seines rosa Schlüpfers zu schneiden.

Auch man selbst empfängt die Nachricht, Teil einer solchen „Bauchladen-Fremdschäm-Aktion“ in der Fußgängerzone zu werden, ähnlich freudvoll wie einen positiven Streptokokken-Abstrich. 
Frau Müller sagt: KOMMT DRAUF AN!

Ein erfolgreicher Junggesellenabschied ist in etwa wie Eintopf kochen. Zu allererst – und das ist ganz wichtig: genauso wie ein Eintopf mit oder ohne Fleisch schmecken kann, funktioniert ein JGA mit oder ohne Braut bzw. Bräutigam. Man muss sich einfach herantrauen an solch eine vegetarische Variante .

Wir hatten vor zwei Jahren einen äußerst legendären echten Junggesellenabschied. Höhepunkte waren mehrere Flaschen Sekt, spendiert vom regionalprominenten Baulöwen gesetzten Alters, die in Teilen aus Pumps getrunken wurden, der Bräutigam in Socken, Schlüppi und T-Shirt mit "SALE"-Aufdruck im Schaufenster einer Teenager-Modekette, der gemeinsame Ausklang beider JGAs (Braut und Bräutigam) im Stripclub, bei dem die Braut von einem irritieren weiblichen Gast gefragt wurde „wieviel sie hier an einem Abend verdient“, ein von unserer frisch getrennten Freundin an der Bar abgeschleppter Chirur, der auch prima Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen drauf hatte und das finale Versacken mit allen Beteiligten um morgens halb fünf im Hotelbett. Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen dann der Beschluss: war scheiße - das machen wir mal wieder! 
Völlig egal, wenn niemand heiratet geht es auch ohne Brautpaar. 

Die Sache mit dem Bauchladen ist wie Wirsing – da kann man drauf verzichten, da steht eh kaum jemand drauf und der Effekt ist nicht wie erwartet. Die Teile funktionieren wie Freddy Krügers Klingenhände. Erst sie machen das Ganze so abstoßend. Es reicht völlig gut auszusehen und in der Gruppe aufzutreten. Damit erweckt man genug Aufmerksamkeit.  

Stichwort "Gut aussehen": ALLES was ihr beim Versandriesen unter dem Suchbegriff "Junggesellenabschied" angezeigt bekommt. gehört NICHT dazu. Damit übt ihr eher eine abschreckende Wirkung aus, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Menschen an den Tischen der Straßencafes angestrengt in ihrem Latte rühren sobald ihr in Sichtweite gelangt.

Dann ganz wichtig: KEINE Schwangeren oder Stillenden! Tut mir leid wenn ich das so proletenhaft sagen muss aber: Alkohol ist das Salz im JGA-Eintopf. Ja, manch eine Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie den Sprecher nicht gerade auf das Level eines Philosophen hievt. Und kommt mir nicht mit "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Das ist wie Jodeln - nur ein Bruchteil der Personen, die behaupten sie könnten dass, können es tatsächlich.

Zu viele Drinks sind auch nicht gut. Es kann nämlich passieren, man legt sich unter massiven Alkoholeinfluss nur ganz kurz im Hotelzimmer hin um später selbst durch laute Klopfattacken nicht zu erwachen, so dass das Gruppentaxi ewig wartet und eine Befreiung erst durch eine an der Rezeption erbettelte Schlüsselkarte möglich wird. Manche Aktionen verlieren durch zu viel Alkohol auch ihren Charme. Unwiederbringlich weggeworfene Schlüssel von Fußfesseln oder abrasierte Augenbrauen zum Beispiel. Alles schon erlebt. Mindestens einer oder eine sollte die JGA-Mutti machen und eingreifen, bevor der Tätowierer die Maschine ansetzt. Der Shitstorm des Moments ist nicht aufzuwiegen mit lebenslanger Dankbarkeit.

Mit zu wenig Sekt schmeckt der Eintopf aber fade und wird nicht aufgegessen bzw. alle sitzen um halb elf im Zug und fahren nach Hause. Auch schon erlebt.

Ich hörte sogar schon von Junggesellinnenabschieden, bei denen Mütter ihre Kinder mitnahmen. Hallo? Ein Kinderwagen zum JGA ist ungefähr so passend wie mit einem BobbyCar an einer Ausfahrt der HellsAngles teilnehmen zu wollen. Kann man zwar machen aber das führt dazu, dass die ganze Gruppe nicht mehr ernstgenommen wird. Ein Junggesellenabschied ist nicht wie Kacken gehen. Wenn sich das große Geschäft ankündigt, dann MUSS man halt, notfalls mit Hosenscheißer neben der Kloschüssel. Kollektiv auffallen KANN man auch aufschieben und auf einen Zeitpunkt termineren, zu dem sich die Küken ihre Würmer selbst suchen können und nichts von Mama in den Hals gesteckt bekommen müssen. Notfalls lasst ihr die Glucken einfach daheim.

Ganz wichtig ist noch das Ambiente in dem der Eintopf serviert wird, so wie man in einem Nobel-Restaurant niemals auf die Idee käme, Eintopf brotstippenderweise vor sich hin zu schlürfen sondern das eben eher bei Mutti auf der Eckbank tut, sollte man einen JGA oder Pseudo-JGA (die vegetarische Variante ohne Brautpaar) nicht in die Fußgängerzone der Kleinstadt verlegen. Ein Junggesellenabschied im Einkaufscenter? Leute, ganz ehrlich, wenn das euer Makrokosmos ist, was ist dann der Mikrokosmos? Euer Nachttisch?

Man nehme also zum Beispiel großstädtisches Flair garniert mit dem regenbogenfarbenen Glitter des Christopher-Street-Days. Dies bietet Raum für öffentlich konsumierten Alkohol, viel nackte Haut, obszönes Verhalten und Phallus-Symbole auf offener Straße. Man muss sein Rezept unterscheiden von Standard-Eintöpfen, damit es gegessen wird und auch Kritiker mal kosten. Also keine Schärpen, rosa Krönchen und „Xy heiratet“-Tops sondern schwarze Mini-Fummel mit sehr hohem Nuttenfaktor und für den Trash-Bonus ein Gruppen-Regenbogen-Arsch-Tütü! Ich hab mich umgeschaut: Wir sind die Geilsten hier.


Für unseren vegetarischen Bitch-Barbie-Eintopf fehlt nur noch diese eine besondere Zutat, sozusagen das gewisse Etwas: wie Ingwer, Muskat oder Creme Fraiche. Also werfen wir noch einen niedlichen devoten Schwulen in den Topf, der es liebt sich mit schönen Hetero-Frauen zu umgeben und von uns allen die größte und einzig wahre Hure ist - und das mit Stolz und nach eigener Aussage! 

Irgendjemand muss ja den Trolly mit den Prosecco-Dosen und Einhorn-Lollies ziehen. Rick, unser homosexueller Haupt-Sekt-Sklave der ersten Stunde hat im Vorfeld weder Kosten noch Schmerzen gescheut und zusätzlich zur Hyaluronsäure-Implantation am Augenknochen täglich Termine zur permanenten Haarentfernung auf sich genommen. Kaum zu glauben, dass er – der seinen Beauty-Doc auch gerne mal mit der anderen „Spritze“ von hinten an sich ran lässt wenn die Botox-Dosis dafür umsonst ist - zumindest dann mal rot wird, wenn er in Hündchenstellung auf dem Behandlungstisch kniet um sich auch den allerletzten kleinsten Flaum permanent entfernen zu lassen.
 
Rick ist unser Mädchen für alles. Er pilgert los und holt Wasser, wenn unser Küken feststellt, dass der Pegel ungewohnt hoch ist, er mimt bereitwillig die Braut wenn mit Google geplante JGAs die Botschaft unseres Grüppchens nicht so ganz verstehen und geht in erbitterte Preis-Verhandlungen, wenn wir mal wieder als begehrtes Foto-Motiv herhalten müssen. Notfalls streckt er dem Fotopirat energisch die flache Hand gegen die Linse. Im Übrigen sorgte dieses wirtschaftliche Talent am Ende für eine prall gefüllte Schwarzkasse und das ohne dass wir ursprünglich Gewinnabsichten hatten. Zum Dank darf er sich von uns an der Leine führen lassen und sich mit uns schmücken. Oooooh my fucking goooooood – wir sind sooo awesome!

Der Eintopf köchelt vor sich hin – mit der Mengenzusammensetzung der Zutaten hat jedoch der ein oder andere seine Probleme. Es ist Sellerie. Nicht jedermanns Sache. Wichtige Benimm-Regel: Versohle dem besoffenen Junggesellen und seinen Kumpels den Arsch, so dass er sich nach dem Ausnüchtern durch die blauen Flecken daran erinnert, dass er in der Fußgängerzone blank gezogen hat, aber zieh ihm in Gottes Namen nicht die Hose ganz runter. Das will KEINER sehen. Also ich mag Schwänze nicht so gerne ankucken, wenn sie schlaff an einem Besoffenen mit Strohhut runter baumeln. 
Korrekt wäre ein divenhaft-abweisender Gesichtsausdruck gepaart mit der Peitsche in den verschränkten Armen und die Aussage über sich selbst in der 3.Person: „Die Domina hat jetzt keine Lust!“ gewesen, nur um sich dann doch für ein paar Schläge herabzulassen. So fühlt sich der Gepeinigte geehrt und nicht vergewaltigt. Das hat Stil.   
Was bleibt vom Sellerie ist der Nachgeschmack  - wie die Aussage „Sonntag ist mein Tag. Da dusche ich und kuck mich im Spiegel an!“, ein Satz der uns allen noch heute Muskelkater in den Denkfalten auf unserer noch ungebotoxten Stirn verursacht.

Wie auch immer, Eintopf geht immer – und lecker war es trotzdem irgendwie. Wir werden am Rezept feilen. Vielleicht etwas weniger Sellerie, dennoch vegetarisch. Wir brauchen die Braut wie der JGA den Bauchladen – sowas von gar nicht.  Mal sehen was uns noch so an Geheimzutaten einfällt. Glitzer und Regenbogen geht immer. Und Einhörner. Um Himmels Willen, vergesst die Einhörner nicht! Und nein! Flamingos sind NICHT die neuen Einhörner. Weil Äpfel auch nicht die neuen Birnen sind. Wo kommen wir da hin!

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Tu es trotzdem. 
Ängste sind da um besiegt zu werden.
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