Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Dienstag, 18. April 2017

Monster-Mom: Kindertuning bis zum Burnout



Eltern nerven mich eigentlich immer. In letzter Zeit jedoch besonders und immer mehr. Und weil ich nicht möchte, dass der kritische Leser zu dem falschen Schluss gelangt, ich ziehe alles und jeden durch den Kakao und mag eigentlich nur Schwule, Einhörner und mich selbst, fange ich direkt bei mir an. Weitere Artikel zum Thema "Eltern-Abrechnung" werden folgen...
  
Ich war früher eine völlig bescheuerte Mutter. Schon in der Schwangerschaft mit dem großen Müller habe ich damit begonnen, über wirklich alles nachzudenken, was irgendeinen Einfluss auf den Fötus in meinem Bauch haben könnte.
 
Zum Beispiel zog ich allabendlich gedanklich Ernährungsresümee. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich einen Teil der „Schwangerschaftsoptimierten-Ernährungspyramide zur Anzucht eines maximal gesunden und intelligenten Kindes“ nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Oh mein Gott, zu wenig „Synapsen-Optamin“ oder weiß der Geier was in meinem Mittagessen gefehlt hat. In Ratgeber XY stand, dass das besonders wichtig ist. Es wird für das Ungeborene wahrscheinlich nur zum Hauptschulabschluss reichen. Das Urteil lautet "Schuldig".

Während der Stillzeit setzte sich dieser Gedanken-Irrsinn fort. Aus der „Stillen nach Bedarf“-Empfehlung der Hebamme machte ich Stillen nach Stundenplan. Ort und Zeit legte ICH fest. Der kleine Müller hatte natürlich öfters mal so gar keine Lust aufs Brüste-Boot-Camp. Wahrscheinlich schmeckte er die Stresshormone raus. Mütter, die nicht oder nicht lange genug stillten waren für mich egomanische verachtenswerte Individuen. 
Mein anschließendes Studium über entwicklungs-proximale Beikost und nachfolgend Familienkost erwähne ich hier nur am Rande.

Aber nicht nur das Essen hätte ich am liebsten handgeklöppelt. Der Kauf jedweden Spielzeugs wurde sorgfältig mit der damals angehenden Förderpädagogin in mir abgewogen. Ich kaufte an Weihnachten und Geburtstagen alle Geschenke selbst und verteilte diese dann an sämtliche Tanten, Onkels, Omas und Opas.
Einzig mein Bruder machte mir einmal einen Strich durch die Rechnung als er MEINEM Kind zum ersten Geburtstag einen Miniatur-Spielzeug-Panzer schenkte. Der wurde natürlich erstmal ganz weit weg gepackt. In Kisten, die kein Kleinkind je zu öffnen vermag.

Der Irrsinn gipfelte als ich einmal zu meiner Schwiegermutter, die um mir Jung-Mama Arbeit abzunehmen, ein paar Kinder-Kleidungsstücke selbst mit gewaschen hatte. Ich sagte, dass das zwar lieb sei aber ich alles noch einmal waschen werde, da ich es nicht mag wenn mein Kind nach fremden Waschmittel riecht.
Die Arme. Und so hat sie mich auch angekuckt. Hab ich damals natürlich gar nicht mitbekommen. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, die Entwicklungsschritte meines Kindes minutiös zu überwachen.

Herr Müller durfte zu alle dem natürlich nichts sagen. Der hatte ohnehin keine Ahnung, schließlich hatte er sich nur „weitergebildet“ wenn ich ihn dazu nötigte und ihm Broschüren und Bücher in die Dienstreisetasche packte. ICH war die Mutter UND Fast-Pädagogin, das Kind war MEIN Projekt. In meinem Mutter-Kind-Kosmos war er streng genommen zu viel und so etwas wie ein „Paar“ gab es nicht mehr. Oder doch. Mein Kind und ich.

Nach anderthalb Jahren als selbsternannte Mutter aller Mütter hatte ich im Rahmen einer Kur (selbstverständlich MIT Kind) erstmals Kontakt mit einer Psychologin. „Überreflektiert“ nannte sie mich. Damals war ich noch stolz drauf weil ich nur die Hälfte kapierte. Heute weiß ich, dass das ganz schön gefährlich sein kann. Zugegeben, Selbstreflexion ist nicht jedermanns Stärke. Aber ein Zuviel davon führt in einen Teufelskreis aus Selbstzweifeln.

Beim kleinen Müller wiederholte sich das Schauspiel. Nachdem ich meine tiefe Verzweiflung und Wut überwunden hatte, vom Leben so benachteiligt zu werden und gleich zwei Jungen zu bekommen - So hab ich gedacht, heute schäme ich mich dafür - wo doch das perfekte Bild in meinem Kopf eigentlich einen großen Bruder samt kleiner Schwester beinhaltete, startete ich Nachwuchs-Optimierung Part 2. 

Die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit und Kräfte jedoch zwischen beiden „Kinder-Baustellen“ teilen musste, nagte an mir. Wollte ich morgens um halb sieben mit Neun-Monats-Wampe im Sandkasten hocken weil der große Müller sich das von seiner engagierten Mutter so wünschte, konnte ich dem Fötus keine gute Mutter sein, die ihrem Körper die vom Baby benötigte Ruhe gönnte. Forderte der Mini in seinem „Nest“ nachmittägliche Ruhe ein, konnte ich dem Maxi nicht das täglich notwenige Abitur-vorbereitende Förderprogramm zuteilwerden lassen. Und wieder SCHULDIG!

Als der zweite Müller ein knappes Jahr alt war, hielten die Menschen um mich herum und ich mich selbst nicht mehr aus. 
Station 1: meine Flucht mit dem Kinderwagen. Und alle so: "Irgendwas stimmt mit ihr nicht!"
Station 2: Notbremse Hausarzt. Erziehungsurlaub Herr Müller.
Station 3: Innerhalb der Sitzungen beim Psychotherapeuten lernte ich, warum ich so geworden bin wie ich war. Als Teenager hatte ich eine Essstörung (von der ich bis zum Beginn der Therapie geglaubt habe, sie selbst geheilt zu haben WEIL sich gute Mütter schließlich unter Kontrolle haben). Mein Wunsch, die Kontrolle zu BEhalten und gleichzeitig Anerkennung zu ERhalten war der unterbewusste Antrieb.
 
Darauf, woher dieser Wunsch kam, möchte ich hier nicht weiter eingehen. Als ich dann Mutter wurde, verkleidete sich meine Essstörung. Sie versteckte sich in Eltern-Ratgebern, Nährstoff-Tabellen, pädagogisch- und ökologisch wertvollen Spielzeugkatalogen und Pekip-Kursen. Der Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung blieb der gleiche. Und der Drang danach ALLES kontrollieren zu wollen hatte mich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag in eine Überlastungsdepression, besser bekannt als Burnout, getrieben. Ich grollte gegen alles und jeden, war selbstgerecht und gleichzeitig traurig und kraftlos.
 
Heute geht’s mir gut, meistens zumindest. Den Müller-Jungs samt Herrn Müller übrigens auch. Ja, er ist bei mir geblieben. Verrückt, oder? Ich muss ein klein wenig sentimental werden. Ich bin ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht angepackt und wäre wahrscheinlich immer noch so „drauf“ wie damals.

Was ist aus den Müllerkindern geworden? Der große Müller ist unser Nerd. Liebevoll auch Sheldon genannt. Als sogenannter Under-Achiver macht er uns das Eltern-Leben nicht immer leicht. Dennoch ist er unglaublich empathisch, so gar nicht wie Sheldon. Das liebe ich besonders an ihm. Er hasst Gemüse (obwohl ich mir doch soo viel Mühe gegeben habe beim Brei kochen .. oder vielleicht gerade deshalb). Die Neigung, auf das eigene Recht zu bestehen, hat er wohl von mir. 
Der kleine Müller steht mit der Schule (noch) nicht so auf Kriegsfuß. Seine Art zu nerven, wenn er etwas möchte, fällt unter das Waffengesetz und trotzdem weiß er wie er mit Charme jeden Kriegsverbrecherprozess für sich entscheidet. Mal Diva und mal Don Juan ist er ein echter Charakterkopf.
 
Ich liebe beide, genauso wie ich sie damals liebte. Heute brauche ich aber nichts mehr, mit dem ich meine Mutterliebe definiere. Sie ist einfach da.
 
Kreativität ist überall - man muss sie nur sehen
Ein Abendessen vor dem Fernseher (und kein Tisch-Spruch inklusive Anfassritual), 
eine Polizei-Reality-Doku am Nachmittag (kein zweistündiges Kreativ-Knetmasse-Programm am Küchentisch), 
Mc Donalds nach dem Schwimmbad (keine CO2-freien Bio-Apfelschnitze), 
ein Sonntag im Schlafanzug (anstelle eines Familienspaziergangs) und eine High-End-Schaumstoff-Pfeil-Pistole vom Wunschzettel des Herzens (statt nachhaltige Holzbausteine)
– das alles gibt’s bei Müllers. Mal mehr mal weniger. Und alle sind GESUND und glücklich. Das ist was zählt.

All das macht ein Kind später nicht zum Kriminellen oder Schulabbrecher. Ich hab als Teenager jeden Nachmittag Talkshows gekuckt und mir selbst Fertignudeln gekocht während meine Eltern arbeiteten. Und hey, ich habe Familie, einen Studienabschluss, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und keine Allergien. Außerdem bin ich nicht vorbestraft. Ich bin auch nicht bindungsunfähig weil ich genau wie die Müllerkinder schon früh fremdbetreut wurde. Ich bin seit über 15 Jahren mit Herrn Müller glücklich.

Ich möchte damit weder sagen, dass engagierte Mütter alle Fälle für den Psycho-Doktor sind, noch dass bestimmte Aufwachsbedingungen für eine gesunde Entwicklung keine Rolle spielen. Auch wir lesen vor, helfen bei den Hausaufgaben und kaufen nicht nur Weißbrot und Ketchup ein.

Weiterhin möchte ich MICH nicht als das mütterliche Non-Plus-Ultra verkaufen. Eingangs schrieb ich „ich war mal eine völlig bescheuerte Mutter!“ Ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht immernoch so ist. Wenn dann aber definitiv „anders bescheuert“.
Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch!

Mehr (hobby)psychologische Weisheiten nebst unterhaltsamer Alltagsabsurditäten (manchmal auch als Mutter) gibts bei Frau Müller auf Facebook.

Mittwoch, 12. April 2017

STREETFOOD: Gutes Essen AUF der Straße ODER „Misanthropen grillen selbst“




Es handelt sich hier wieder einmal um einen sehr nützlichen Artikel, der Eigenwahrnehmung und wertvolle Verbraucherinformationen klar voneinander abgrenzt. Nicht.

Essen und Draußen, das ist ja irgendwie so das Ding vieler Menschen. Kaum erlauben es die Temperaturen, dass der Ketchup zum Steak nicht auf dem Teller gefriert wird vor der Höhle das Feuer entfacht und schon tagt der Zentralrat der Grillrostgourmets. Beim Garen über Glut oder Gas sind alle Ernährungsgesinnungen friedlich vereint. Waffenstillstand im kalten Krieg zwischen Discounterfleisch-Armee und Vegiwurst-Guerilla. Im Angesicht der Glut sind alle Formfleisch-Teile gleich. Egal ob Soja oder Hack-Tier. Hauptsache angekokeltes Essen. Und unter freiem Himmel. Ganz wichtig.

Ob in der Küche oder unter freiem Himmel: abgesehen von ein paar „Nostalgikern“ wurde wohl mittlerweile der Großteil aller Mindestmaß-Denker über schüchtern gegrillte Zucchini-Scheibchen mit einem erweiterten Ernährungshorizont infiziert. Experimentelles Grillen ist Teil eines Hypes rund ums Essen, der nicht selten schon absurde Züge annimmt. Was bezüglich Nahrungsmittel und ihrer möglichen Kombinationen absurd ist, erscheint mir allerdings äußerst subjektiv. Für mich persönlich beginnt es schon bei der Rezeptur einiger (grüner) Smoothies oder ekligem Getreide-Schleim in Rotzkonsistenz, der mittels Früchte irgendwie zu etwas Essbaren verkleidet werden soll. Okay, so allmählich verzettel ich mich.

FoodTrends sind der heißeste Scheiß: Low Carb, Detox, Superfood, Hybrid-Food, Soulfood und wie sie nicht alle heißen. Jeder findet wohl etwas, das er mit seinen Essens-, Koch- und Einkaufsgewohnheiten vereinbaren kann. Davon verspricht sich Mensch dann maximales Wohlbefinden, ewiges Leben und seelische Erleuchtung. Vielleicht auch einfach nur weniger Dellen im Hintern. Schon wieder verzettelt. Wie auch immer: Essen ist nicht mehr nur Nahrungsaufnahme zum Zwecke des Überlebens sondern Lifestyle. Und weil auch ICH nicht immer trendresistent bin, zuweilen sogar überzeugt bin selbst welche zu kreieren (an anderer Stelle mehr), hab ich mir einen solchen Foodtrend selbst „angetan“:

STREETFOOD, zu deutsch „Straßenfresserchen“, trifft die UrbanGrillers mitten ins Herz. Das Ganze deklarieren die Veranstalter gerne gleich als Festival, denn das weckt die rebellischen Wochenendaussteiger in uns. Während man nämlich früher gerne drei Tage nicht geduscht und sich ausschließlich von Dosenravioli ernährt hat, lässt sich der Kinderwagen von heute eher schlecht durch die Zeltstadt vier Kilometer hinter der Hauptbühne manövrieren. Also rumpelt der Erstgeborene des früheren Crowdsurfers heute auf dem Kiddyboard übers STREETFOOD-FESTIVAL. Und alle fühlen sich dabei furchtbar hip. Hurra, wir ESSEN. Draußen. Yeah.

Profi- und Hobbyköche aus aller Welt kommen also entweder mit Fuhrpark oder citytauglicher Campingausrüstung in die Stadt gerollt und wollen dort Mamas Hausrezept an den Hipster bringe. Frittiertes Bounty, langsam gegartes Faserfleisch vom Ringelschwanz und Würstchen im Pommesmantel feiern mit der Vegiwurst friedliche Kooexistenz. Wenn die ganze Welt ein STREETFOOD-FESTIVAL wäre, gäbe es wohl keine Kriege. Essen unter freiem Himmel hat scheinbar einen hohen Befriedungs-Effekt.

Das war’s allerdings auch schon. Ich will ehrlich sein: solche Veranstaltungen sind nichts für Feierabend-Misanthropen wie mich, besonders bei schönem Wetter. Sarah bringt das Problem des Abends auf den Punkt als wir am zweiten tooodschicken Büdchen mit megastylischer Außenwerbung zwanzig Minuten für Süsskartoffelpommes anstehen: 
„Können wir nicht einfach zum Griechen geeeeehn????“ 
Ja, könnten wir. Wir könnten uns bei diesem wunderbaren Wetter in den Biergarten setzen, der dank des Festivals menschenleer war und uns dort fürstlich bedienen lassen. Stattdessen stehen wir in einer Schlange voller Frauen. Ja, es war der vegane Foodtruck – neudeutsch für ein größeres Kfz mit Kochstelle und Verkaufsklappfenster. Vor uns Damen jenseits des Lebenszenits, hinter uns offenbar Schülerinnen, die sich nicht entscheiden können, ob sie ins Kino gehen oder sich Trend-Pommes leisten wollen. Jaaa, Streetfood ist teuer. Aber ihr Weltverbesserer wolltet doch Pommes aus glücklichen Kartoffeln.

An dieser Stelle offenbart sich abgesehen vom kollektiven Freiluft-Spaß noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen temporären Fressbuden-Dörfchen und oben erwähnten parallelgesellschaftlichem Musikgenuss im Matsch. Wenn man es nämlich tatsächlich durchhhält, dem Gelage ganz im Sinne eines Festivals ein volles Wochenende beizuwohnen, dann bemisst sich die Gesamthöhe der getätigten Investitionen in etwa auf der eines All-Inklusive-Rock-am-Ring-Tickets mit High-End-Line-up. Allerdings hat man dann gustatorisch auch eine kleine Weltreise zurückgelegt.

Wie dem auch sei: Streetfood in Kombination mit dem ersten sonnigen Wochenende des Jahres führt bei mir zu gefährlicher Übermenschung. Da lob ich mir die Rostbratwurst mit Plastikaroma vom Kugelgrill auf meiner Terrasse in wohltuender Einsamkeit. Ich empfinde es als Zumutung, mir die Welt mit manchen Menschen teilen zu müssen und so ein Trend, der Großstadtflair in den kleinstädtisch eingeschränkten Genpool holt, hat hohen Aufforderungscharakter für Personen aus allen Kategorien meines Kuriositätenkabinetts. LEIDER findet das Kollektiv-Gelage auch noch zu einer Tageszeit statt, zu der Kinder nicht zwingend ins Bett gehören.

Wenn man das Glück hat, einen der seltenen Stehtische zu erobern - wo Tische stehen passen keine Menschen hin, scheint sich der Veranstalter gedacht zu haben kommt man sogar unter Ausschluss des Asphalts in den Genuss seines Pastrami-Sandwichs oder dem Burger mit dem amerikanischen It-Fleisch. Pulled Pork, das ist Fleisch wie in Frau Müller Seniors Gulasch. Es zerfällt im Mund ohne kauendes Zutun und dank seiner zahnzwischenraumfreundlichen Fasrigkeit sorgt es für anhaltende Freude.

Mangelnde Sitzmöglichkeiten stehen übrigens auch bei Marco, der an diesem Abend dank kürzlichem Sportunfall mit Krücken unseren Behinderungsbeauftragten mimt und die Barrierefreiheit checkt, ganz oben auf der Mängelliste. Mit beidseitiger Gehhilfe isst es sich Schlabber-Burger eher schwierig im Stehen. Bei der Rückgabe der Pfandgläser verschafften ihm die Teile allerdings einen kleinen Mitleids-Bonus in der Warteschlange.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde die Idee der STREETFOOD-Enthusiasten an sich nicht schlecht. Und sind wir doch mal ehrlich: 
Auch wenn die Preise im ersten Moment astronomisch sind, wieviel kostet denn ein besserer Retorten-BURGER unter dem goldenen M? Eben! 
Und ich meine: Halloooho. Der tätowierte Latino im Tanktop sieht recht glücklich aus beim multikulturellen Rindfleisch brutzeln. Ganz im Gegensatz zu Carsten in seiner Frittenuniform hinterm Franchise-Tresen. Das ist mir das Geld wert.

Dass ich allgemein inkompatibel bin für Veranstaltungen mit einer bestimmten Menschendichte pro Quadratmeter ist nicht die Schuld der Veranstalter. Und schließlich bin ich ganz insgesamt ein Fan von „Mal-über-den-Tellerrand-gucken“. Muss ja nicht immer gleich die Gayparty oder eine Gruppenmasturbastion unterVertriebsmitarbeitern sein. Internationale Essenstrends genügen auch.

Also macht das ruhig mal. Geht am besten am Monatsanfang und bei Regenwetter zu solch einem Event. Esst vorher nix, zieht euch flache Schuhe an, steckt Feuchttücher ein, nehmt nen Melkschemel mit, trinkt euch auf dem Hinweg schon einen an und sorgt im Anschluss für ausreichend Ruhe um das Fresskoma auszukurieren. Guten Appetit wünscht Frau Müller, die gerade sehr entspannt ALLEINE auf dem Sofa Tomatensalat mit mittelamerikanischer Avocado isst...

Mehr völlig objektiv unallltäglich Alltägliches aus
Absurdistan, der MüllerMansion oder anderen 
nicht minder spektakulären Quellen gibts auf

Mittwoch, 5. April 2017

Absurdistan hat Ausgang ODER: „Fahrt euch runter, es geht hier nur um einen Neunjährigen“


Der Entstehungstag des heutigen Blogartikels liegt schon einige Monate zurück. Vielleicht habe ich die Zeit gebraucht, um das Erlebte zu verarbeiten ;-). Nachdem ich meine Leser in einem kürzlichen Facebook-Post neugierig gemacht habe, komme ich nun ihren Bitten nach Aufklärung nach... 

Ich bin alles in allem ein relativ rechtskonformer Mensch. Dennoch steht auf meiner imaginären To-do-before-die-List dass ich irgendwann einmal verhaftet werden möchte. Sicher, für etwas minderkriminelles, das mich nicht gleich ins Gefängnis bringt. Aber für irgendetwas das mir vorher sehr viel Spaß bereitet hat. Ich möchte da jetzt nicht ins Detail gehen. Vielleicht rufe ich wenn die Polizisten auf mich zukommen laut: "Jeah, endlich sind die Stripper da...!" Das wird auf jeden Fall lustig.

Nun wurde ich kürzlich zwar nicht verhaftet, dennoch musste ich in der Öffentlichkeit eines kleinstädtischen Busbahnhofs mit Wochenmarkt in einen Streifenwagen steigen und wurde aufs Präsidium gebracht. Spaß hatte ich davor keinen. Und ich weiß auch nicht sogenau ob ihr Spaß an der Geschichte habt.

Zur Vorgeschichte: donnerstags unterrichte ich sechs Stunden lang ausschließlich in meiner Klasse. Der mangelnde Orts- und Personenwechsel ist eine Zumutung für alle Beteiligten. Wodurch es etwa nach der Hälfte des gemeinsamen Tages immer wieder zu kleineren oder größeren Eskalationen BEIDER PARTEIEN kommt.
Ich bin geschafft nach so einem Tag. Nicht selten versuche ich meiner Familie am Nachmittag aus dem Weg zu gehen, um sie nicht mit einer tickenden Bombe zu konfrontieren. Manchmal belohne ich mich mit Prosecco, Eierlikör oder einer Online- Bestellung. Man gewöhnt sich an alles, sagt ein Sprichwort. Auch die Dorfbewohner am Fuße des Drachenberges hatten sich nach vielen Jahren daran gewöhnt, dass die Bestie einmal im Monat eine Jungfrau frisst.

Als mich an diesem Donnerstagmorgen zwei größere Schüler darauf aufmerksam machten, dass „mein“ Kevin neben statt ins Urinal gepinkelt hat und Kevin meine Aufregung gar nicht verstehen konnte denn schließlich hatte er ja alles wieder aufgewischt, dachte ich noch „ein ganz normaler Donnerstag eben“.  
Ehrlicherweise muss man allerdings erwähnen, dass dieser Donnerstag schon grundsätzlich von seiner vertrauten Struktur abwich denn es war am Vormittag ein gemeinsamer Theaterbesuch geplant. Toll, dachte ich noch, das entspannt die Lage etwas.

Justin hatte schon am Morgen nicht die allerbeste Laune. Man kann es ihm an der Gesichtsfarbe und den Mimikfalten im Stirnbereich immer deutlich ansehen. Ähnlich wie bei Hulk. Ich drohte ein oder zweimal ihn in der Schule zu lassen und einen Platz in der neunten Klasse zu organisieren. Aber erstens schaffte es Justin immer wieder sich knapp zu mäßigen und zweitens bin ich ja kein Arsch. Meistens jedenfalls.

Wir machen uns also alle gemeinsam auf den Weg ins Theater. Fünf Klassen mit sechs Lehrerinnen. Etwa fünfzig Kinder, alle im Alter zwischen sieben und zehn Jahren. In dieser Formation etwa eine halbe Stunde Fußweg durch öffentlichen Verkehrsraum. Nachdem Justin schon auf dem Schulhof einen Mitschüler so gewaltsam geschubst hatte, dass dieser auf anderthalb Meter den Asphalt vermaß und sich bei meiner Ermahnung losriss um dabei weitere Kinder halb umzurennen, kamen mir erste Zweifel auf, ob es wirklich sinnvoll ist, heute mal nicht Arsch sein zu wollen.

Aber die Karawane setzte sich in Gang, meine kleine Kamelherde trottete hinterher und das Justin-Kamel war so wendig, dass es mit den Anderen über die Straße gelangte. Dort flog auch schon der nächste Mitschüler in die Bordstein-Botanik. „Nein“, brüllte ich, „jetzt reicht es. Ich bring dich zurück in die Schule“. Die war ja noch in Sichtweite hinter uns. Justin interessierte aber nicht was ICH möchte. Er rannte vor mir weg, riss sich immer wieder los, schlugt nach mir, schmiss mich dabei fast noch mit um und verschwand immer wieder in der sich fortbewegenden Herde. Dabei nahm er keinerlei Rücksicht auf die kleineren Kamele. Nein, er trat ihnen sogar fortwährend in die Hacken, schubste und lief von hinten in ihre Beine. Neuerliche Versuche das tollwütige Kamel zum Umkehren zu bewegen. Aber nix da. Auch die anderen Kameltreiber/Lehrerinnen hatten dabei kein Glück. Und so prügelt sich Justin durch die Hälfte des Weges. 

Nachdem ich gemeinsam mit einer Kollegin (Ü60, dabei beinah selbst K.O. gegangen) einen Mitschüler aus Justins Würgegriff befreit hatte indem jede von uns kräftig an einem Arm und einem Kind gezogen hat, beschloss ich zuerst die Schulleitung und dann die Mutter anzurufen. Die Schulleitung war auf Grund dringender Kaffeepause vorrübergehend nicht erreichbar. Die Mutter erreiche ich an ihrer Arbeitsstelle. Sie versprach so schnell wie möglich zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen. 

Während ich telefonierte, rannte eine engagierte Kollegin Justin und einem Opfer durch die Wildnis hinterher, der Ausflug endete an einem Dreimeter-Abhang. Auch diese Kollegin hatte wie ich 7 bis 9 weitere Kinder zu betreuen. Eine KLASSE. Nicht nur EIN Kind. 

Nachdem alle Kamele wieder mehr schlecht als recht Teil der Karawane sind ging es weiter in Richtung Ziel. Als Justin aber an Hauptstraßen und Ampeln weiterhin ohne Rücksicht durch die Gruppe rempelt, pöbelt, schubst und tritt, ich dabei noch eine Nahtod-Erfahrung mit LKW machte als ich auf die Fahrbahn trat um die Gruppe zu überholen und damit näher an Mr. Hyde zu sein, wurden auch die Kollegen immer ungeduldiger. Ich soll die Polizei rufen, wir können nicht länger warten. Er bringt ALLE in Gefahr. 

Gut, dachte ich, das wollte ich schon lange, umso besser wenn mir Kollegen diese Entscheidung bestätigen. Mit zitterndem Finger wählte ich den Notruf, inzwischen setzte sich das Inferno fort. Der Beamte am anderen Ende hat Mühe mein Anliegen zu verstehen. Sechs Lehrerinnen? Ein Schüler schubst? Sie werden damit nicht fertig? Äh…okay. Ich schicke jemanden. 

Ein paar Meter weiter brachten wir die ganze Gruppe zum Stehen. Nur so konnten wir auch Justin an Ort und Stelle halten. Er stand da, bewegungslos. Ein bisschen wie ein ausgeflippter Löwe, den die Wärter in Ruhe lassen damit er sich beruhigt und der Tierarzt mit dem Blasrohr besser zielen kann. Keiner sprach ihn an. Jeder wusste dass das jetzt besser war. Die Kleinen aus der Eins flüstern: "Kommt jetzt wirklich die Polizei?" und machen dabei riesige Augen.

Zehn Minuten später kam ein Streifenwagen angerollt.  Wir befanden uns an einer Art Busbahnhof mit Ladenstraße und entsprechendem Publikumsverkehr. Ich wage zu behaupten, dass das was die Passanten gleich geboten bekamen besser war als das Blaulicht-Programm am Nachmittag der Privaten Sender. Es ging ganz schnell. Der feiste Beamte fragte mich um wen es geht. Fachmännisch drängte er Justin in eine Ecke um ihm keine Fluchtmöglichkeit zu geben. Justin für seinen Teil schien in diesem Moment so erstarrt, dass er ohnehin wohl kaum noch zum Rempeln und Flüchten in der Lage gewesen wäre. 

Im Hintergrund rollte unterdessen ein Sixpack an. Zwei Beamte sprangen heraus und stellten sich mit Lederhandschuhen und schulterbreit geöffnetem Schritt eindrucksvoll vor die Gruppe. Der schöne Beamte drehte sich um und meinte in deeskalierendem Tonfall: „Fahrt euch runter, es geht um einen Neunjährigen!“. Seine einsatzbereiten Kollegen rückten ab und er ließ sich von mir alles nochmal erklären, nahm jede Menge Daten auf. 

Die nun friedliche Karawane zog indessen weiter. Schließlich sollte in zehn Minuten die Vorstellung beginnen. Ich rief die Mutter an und sagte ihr, dass sie ihren Justin nun nicht am Theater sondern bei der Polizei abholen müsse. "Sie müssten aber mitkommen, aufs Präsidium" sagte der schöne Polizist. Klar, dachte ich. Kein Problem. Das schlimmste scheint ja vorbei und mal setzen wäre angesichts meiner Puddingknie auch ganz nett. 

Auf der Wache erklärte ich noch einmal wie es zu alle dem kam, dass Justin eigentlich auch ein ganz Lieber sein kann, dass wir auch in der Schule schon ähnliche Auseinandersetzungen hatten, wir uns dort ja nun mal aber nicht im öffentlichen Verkehrsraum befinden. Da kam Justin mit dem Feisten aus dem Nebenraum. Justin würde mir etwas sagen, informierte mich der übergewichtige Staatsschützer. „Nschuldgng“ nuschelte er hervor während er das Kinn fest auf die Brust presste. Ich lege meinen Arm um ihn: „Mensch Justin“, sagte ich, „musste das heute echt sein? Ich hab dich gerne, deswegen hab ich dich mitgenommen. Und dann sowas…“ 

Daraufhin ging der Schöne mit Justin raus, während mir der Feiste eine Art Vortrag hielt. Inhaltlich irgendwie eine Mischung aus Erklärung, warum auch ich mit aufs Revier musste und Vorwurf, meine Baustelle zum Problem der Staatsgewalt zu machen. 

Wenig später trafen die Eltern ein und ich erzählte die ganze Geschichte nochmal. Einsichtig waren sie aber auch hilflos. Ich kann‘s verstehen. Justins Kinn war immer noch auf der Brust festgewachsen. Die Tränen kullerten. Im Telefonat mit der Schulleitung ist von vorrübergehendem Schulausschluss die Rede. Die Eltern bestanden auf ein persönliches Gespräch. Die Staatsgewalt gab uns frei und unser betröppeltes Grüppchen machte sich auf den Weg nach Mordor, äh in die Schule.

Ortswechsel - Schreibtisch der Schulleitung: nun schon zum vierten Mal rekapitulierte ich die Geschehennisse des Vormittags. Im Kreisgespräch um Schuldzu- und Abweisungen deeskalierte ich zumindest diese Angelegenheit am Ende erfolgreich (Randnotiz: sensible Gesprächsführung gehört nicht zur Kernkompetenz meines Vorgesetzten) und wir gingen alle „friedlich auseinander“. Ich würde Justin wohl ein paar Tage nicht mehr sehen. Dem Menschen in mir tat die Familie unheimlich leid, der Mutter in mir tat vor allem die Mutter leid, die kaum etwas sagen konnte. Der Lehrer in mir atmete auf.
   
Zwei Stunden später stand ich nach Dienst im Lehrerzimmer und erzählte ein paar Kolleginnen von dem Vorfall. Alle sind ganz entsetzt. In einer Gesprächspause sagt eine Kollegin plötzlich: „Soll ICH euch mal was erzählen? Meine Schülerin X wird von Schüler Y regelmäßig dazu genötigt ihn nach dem Unterricht zu befriedigen während Ys Kumpels dabei zuschauen…“ (Randnotiz: X und Y besuchen eine siebte Klasse).

Kennt ihr diese Gespräche im Wartezimmer beim Arzt? Wenn eine Oma der anderen Oma von ihren Gebrechen erzählt und sie sich dabei übertrumpfen als wären ihre Diagnosen wertvolle Pokemons? Arthrose schlägt Gürtelrose. Positiver Nebeneffekt ist, dass sich die Verliererin dieses Matchs gleich gar nicht mehr sooo krank fühlt.

Auf meinem Nachhauseweg sprach ich auf einem Supermarkt-Parkplatz eine Frau an, auf deren Auto Werbung für eine private Haushaltshilfe angebracht ist. Ich wünsche mir schon lange jemanden, der meine Fenster putzt. Sie gab mir ihre Karte und wies mich aber gleich darauf hin, dass es zur Zeit sehr schlecht aussieht. Zu viele Kunden – keine Zeit. Ich stieg ins Auto und kam ins Grübeln. Haushaltshilfe … Putzen, denke ich, scheint ein gefragter Job zu sein… . 

Inzwischen hat Justin übrigens schon zwei Freigänge genutzt um sich zu bewähren. Zwar MIT Einzelbetreuung aber OHNE nennenswerte Zwischenfälle...

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