Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Posts mit dem Label Alkohol werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Alkohol werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 29. August 2018

Nachbarn, nackte Schafe und Naturschönheiten ODER Misanthropen beim Lasertag


Wenn ich am Sonntagvormittag aus meinem Küchenfenster schaue und sehe, wie sich die Nachbarn generationsübergreifend zum lockeren Wochenrückblick mit Boulevardnewssparte am Gartenzaun versammeln und die Sterbeanzeigen der Lokalzeitung kommentieren, widert mich das an. Ich kann noch nicht mal genau sagen warum. Vielleicht weil ich Dreiviertel der Beteiligten (Kinder eingeschlossen) einfach nicht leiden kann. Das ist nichts persönliches, ich kann den Großteil der Menschheit nicht leiden. Da ist Dreiviertel schon optimistisch formuliert und zeugt von einem ausgeglichenen Seelenzustand meinerseits in dem Moment, in dem ich diese Worte niederschreibe. Schnell veröffentlichen. Morgen kann das schon ganz anders aussehen. 

Aber ich meine, den Typen mit der Rotzbremse, der in typischer Dreiecksbadehose mit seinen Kindern auf der Straße Federball spielt, kann man einfach nur ablehnen. Und das Aas, welches extra die Hecke unterhalb seiner eigenen Augenhöhe beschneidet um meine Einkäufe im Kofferraum stalken zu können, verdient meine Akzeptanz ebenfalls nicht. Aber hey, ich hasse tatsächlich nicht alle meine Nachbarn. Die alte Fraumit den zerzausten Haaren, die früher mal Lehrerin war und sich heute zum Brötchen holen nur ne Jacke mit Sofamuster übers Frotteenachthemd wirft, ist mir sehr sympathisch. Lediglich die Tatsache, dass sie mit ihrem knapp dreißig Jahre alten Opel Corsa ausgerechnet zur Kirche fährt, nachdem sie mit viertausend Umdrehungen raketengleich rückwärts aus ihrer Einfahrt geschossen ist, verleitet mir ihren Vorbildcharakter etwas. Die Kirche, nicht das Auto.

Beim idyllischen Familienspaziergang (dafür müssen die Parameter Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Tageszeit und Verkehrsaufkommen in einem sehr sensiblen Gleichgewicht aufeinander abgestimmt sein), meide ich bestimmte Wege und Straßen, um nicht auf Bekanntschaften zu treffen, von denen ich erwarte, zum pseudofreundlichen Endlos-Smalltalk genötigt zu werden. Die Frau mit den dauergeröteten Bäckchen drei Straßen weiter hat es sogar drauf, mit dem Auto neben mir anzuhalten und bei heruntergelassener Scheibe ein Gespräch zu inszenieren in dem sie mir, unter dem Wissen dass ich die Lehrerin der Parallelklasse ihres Sohnes bin, Informationen jenseits meiner Schweigepflicht zu entlocken versucht. Fällt dieses Verhalten schon unter Stalking? Kann man das anzeigen? Irgendwann springe ich vermutlich in den Straßengraben, wenn ich das KfZ dieser distanzgeminderten Person herannahen sehe. Oder ich zieh‘ einfach um.

Diese Frau steht nur beispielhaft für eine ganze Reihe von Menschen, die mich von ihren Unkrauteimern aufblickend und gummibehandschut mit einem freundlichen Lächeln grüßen während ich froh bin, dass man hinter meiner Sonnenbrille das Augenrollen nicht sieht.

Mir drängt sich eine Frage auf: Ist mein Denken und Verhalten pathologisch? Und wenn ja, macht mich das zu einem schlechten Menschen? Oder bin ich vielleicht einfach wählerisch, was die Menschen angeht, denen ich meine Beachtung und Achtung schenke. Womöglich ist es eine Art Unverträglichkeit. Ähnlich wie bei Lactose oder Gluten?

Ich glaube, ich bin schon von Berufswegen täglich in so hohem Maße sozial, dass ich mir im Privatleben ohne schlechtes Gewissen eine gute Portion Misanthropie leisten kann. Das ist ein bisschen so wie sozio-emotionales Yoga. In den Asanas, also den Yogaübungen, versuche ich die Situation so gut es geht zu meistern, ich achte auf richtige Atmung, meine Haltung und die richtige Stellung der Gelenke. In meiner Arbeit tue ich das gleiche. Ich bin professionell (meistens), nehme Probleme ernst und bin Ansprechpartner für Kinder und Eltern. Weil es anstrengend ist, so professionell zu sein – beim Yoga ebenso wie in der Schule – verdient man sich eben Entspannung. Entweder in Form von Phantasiereisen durch die Körperzonen unter Begleitung von Klangschalen oder eben als ausgelebte Misanthropie. Ich gehöre sicher nicht zu den Menschen, die mit ihrem Freundeskreis den Jupiter bevölkern könnten und flüchtige Bekanntschaften, die nicht den intrinsischen Wunsch hegen, mich näher kennen zu lernen, neigen dazu mich zuweilen als arrogant einzuschätzen.

Es sprechen aber durchaus auch Argumente für meine erhöhte Sozialkompatibilität. So war ich vor einiger Zeit zum Beispiel zum Junggesellinnenabschied einer sehr langjährigen und sehr wichtigen Freundin eingeladen, die mir vorher extra noch gestand, dass ich eine der Personen sei, auf die sie bei diesem Unternehmen am wenigsten verzichten möchte. Warum kann ich mir jetzt auch nicht so gut erklären. Ich bin ja gerne mal die Frau fürs Grobe beziehungsweise Übernehme die Aufgabe des Auslotens der schmalen Grenzen zwischen fürchterlich lustig und unsagbar peinlich. Früher nannte man das glaube ich Klassenclown. Aber ob es jetzt wirklich daran lag?
Na klar nehme ich mir die Zeit für so etwas, ich bin ja sozusagen selbsternannte Junggesellenabschiedologin, beschäftige mich im Nebenfach mit dieser Art der kontroversen Freizeitgestaltung häufiger und verblogge das auch gerne mal. Und so fand ich mich ein halbes Jahr später in einer Gruppe Frauen wieder, welche allesamt Look „Ewige Studentin – ein Akademiker kennt keine Stylingzwänge“ einigte. Man stelle sich eine Schafherde vor, alle Schafe naturbelassen und ungeschoren. Nur eines steht „nackt“ dazwischen.

Nichts ist wie es scheint
Wir verbrachten bei aller Verschiedenheit einen durchaus kurzweiligen Tag in der Großstadt, auch wenn die Organisatorinnen noch viel über die Ausgestaltung eineserfolgreichen JGAs lernen sollten. Man erkennt nämlich die erfahrungslose Ersttäterin daran, dass sie vermutlich gegoogelte typisch „junggesellenabschiedische“ Freizeitaktivitäten auf die Tagesordnung setzt, bei der sie die Eignung der Teilnehmerinnen unberücksichtigt lässt.
Nicht zu vergessen der Fauxpas mit dem Alkohol. Ich habe das an anderer Stelle schon erwähnt: nur bei den Wenigsten steckt hinter der Aussage „Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben“ ein Fünkchen Wahrheit. Die meisten Spaßbremsen, die das behaupten, trauen sich noch nicht mal nüchtern im Auto zu singen weil sie Angst haben, jemand beobachtet sie im Rückspiegel. Vier Piccoloflaschen Sekt für acht Frauen sind zu wenig! Das trinke ich zum Warm-up auf dem Weg zur Straßenbahn. Kennt ihr den Ausdruck "Nur im Suff zu ertragen"? Er wurde erfunden, um Junggesellenabschiede in fünf Wörtern zu beschreiben.
Die nüchternen Akademikerinnen finden sich wieder beim Lasertag. Vorweg eine Preisfrage: Welche Personengruppe bildet an samstäglichen Nachmittagen im Sommer in der Großstadt wohl das Hauptklientel einer Lasertag-Anlage? Richtig! Der Kandidat hat 1 Million Punkte und gewinnt die Collectors Edition Wunderbäume und ein Originalpaar Filzpantoffeln handmade im Chemnitzer Umland. Es sind betrunkene Männergruppen.

Sozialkompatibilität hat auch bei den ehemaligen Pädagogikstudentinnen ihre Grenzen und die Vorstellung mit diesen betrunken „Wilden“ in einen dunklen Kellerraum bei Schwarzlicht gesperrt zu sein, erregt einiges an Besorgnis bei meinen Begleiterinnen, nein, es versetzt sie geradezu in eine Art Schockstarre, die nur durch intensives Diskutieren zu lösen ist.
Nachdem auch die Letzte verstanden hat, dass Lasertag nichts mit Besenreißern oder Sehfehlern zu tun hat und man pazifistisches Gedankengut hier eher schlecht unter die Leute bringt, folgt eine Grundsatzdiskussion, deren Länge in keinem Verhältnis zur eigentliche Spielzeit steht. Die Braut erhebt ein Machtwort – „man könnte es doch einfach mal probieren, denn schließlich ist man schon mal hier“ – und beweist damit, dass jede noch so wortreiche Diskussion mit nur wenigen richtigen Worten entschieden werden kann. Der hoch motivierte und durchaus sympathische Betreiber (Ja, ich fand ihn sympathisch!) weckt mit den Worten „Los, Mädels – macht die Jungs platt!“ die Amazonen mit Killerinstinkt in den Pippi Langstrumpfs: Feministinnen aller Lager vereinigt euch gegen den Chauvinismus in Biermarinade.
Das erste Spiel zur Orientierung noch verloren, sind wir durchaus angefixt nach 20 Minuten Jagd auf Männer, von denen viele schon bei der Wahl des Hauptschulbildungsganges unseren weiblichen Respekt verwirkt hatten. Spiel 2 gewinnen wir in der Unterzahl gegen eine Gruppe „männlicher Kampfmaschinen“, die mangelnde Orientierung und Koordinationsfähigkeit in der Dunkelheit durch brutales Umrennen der Leichtbauwände kompensierten. Da halfen ihnen auch plumpe Betrugsversuche nichts.
Als Killerinnen hatten meine skeptischen Mitstreiterinnen binnen kürzester Zeit Taktik entwickelt. Als Siegerin in der Gesamtwertung entpuppte sich allerdings meine Taktik „Schießen auf alles, was sich bewegt“ als die erfolgreichste. Am Schluss wird deutlich: Berufspädagoginnen und Trägerinnen akademischer Titel rücken bei einer Treibjagd auf Männern die Gewehrläufe eng zusammen.
Ich muss wirklich zugeben, ich hatte auf diese Art der Freizeitgestaltung wirklich keine Lust, vielmehr hätte ich mir etwas ladyhafteres gewünscht. Poledance beispielsweise, wobei ich mir meine wuschlig-wollige Schafherde dabei auch ungerne vorstellen möchte. Wahrscheinlich hätte der artistische Stangentanz mit exotischen Elementen zu ähnlichen Grundsatzdiskussionen im Vorfeld geführt wie der Lasertag-Plan. Aber auch Frau Müller irrt sich mal und muss sich revidieren. Mädels, das macht echt Spaß! Vergesst nur Sagrotan, Wechselklamotten und Duschsachen nicht! Ich mag meine Laserpistole nicht gerne, wenn überall an ihr Schweiß und Sabber von fremden Männern klebt. Ich bin eine Lady!
Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage. Bin ich sozial nicht kompatibel? Ist meine Abneigung einer Vielzahl von Menschen gegenüber gar pathologisch? Weil es so aufschlussreich ist: bleiben wir beim kollektiven Brautverramschen. Bei einem anderen JGA, welchem ich beiwohnte, war ein Viertel der Beteiligten schwanger. Schwangere sind auch nicht meine bevorzugte Peergroup, aber auch hier kam es zu keinerlei ernsthaften inneren oder äußeren Spannungen, die sich auf mangelhafte Kompatibilität meinerseits zurückführen ließen.
Ich empfinde den Wechsel aus Schwangeren, Ökofrauen, missratenen Kinder sowie deren Eltern und meiner Hand voller sehr guter Freunde  - die berühmte exklusive Sammlung ausgewählter Irrer, die Facebook so oft lobpreist -  als Kneippkur für mein Seelenwohl. Ich denke es ist wichtige Psychohygiene, wenn ich mich selbst vor Konversation und sozialen Interaktionen schütze, die weder meinen Geist noch mein Herz bereichern.
Eine Flora gedeiht besonders gut, wenn das Gleichgewicht zwischen den guten und schlechten Bakterien ausgeglichen ist. Das wissen wir schon aus den Antworten von Dr.Sommer, die es auf weniger reißerische Fragen gab. Ja, ich habe immer die ganze Doppelseite gelesen. Ich sorge für den Ausgleich wenn ich sonntags Umwege im Dorf gehe und auch bei bedecktem Himmel Sonnenbrille trage, mich dafür aber auch mal mit studierten Naturschönheiten in einen finsteren Keller sperren lasse und auf Spruchshirts mit Bier- und Senfflecken schieße. 
auf FACEBOOK und macht
werdet Teil des Menschenhass-
Shavasana... Oooohmmm. 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Vom Arschloch Stoffwechsel, Laubpfauen und sexuell bedingt schütterem Haar


Wenn man eine Weile bloggt, sammelt sich ein bisschen was an. Und zwar nicht nur in dem für alle öffentlich zugänglichen Setzkasten, welcher all meine gedanklichen Ü-Ei-Figuren beherbergt, sondern auch auf dem virtuellen „Nicht fertig“- oder „Lass liegen, vielleicht gefällt es dir in ein paar Monaten besser“-Stapel. Genau an diesen Stapel wagt man sich, wenn man mal wieder entweder keine Lust oder keine Zeit (oder beides) hat, etwas Neues aus den Tasten zu quetschen. Selbiges habe ich auch heute getan. Entstanden ist ein wirres Gedankencluster aus Ansichten und Erlebnissen von damals und heute, welches sich hervorragend in den präsommerlochschen Kehraus einfügt.
  
Ich habe kein Problem mit meinem Alter. Als ich nach meinem 30. Geburtstag feststellte, dass ich nun aktiver gegen körperliche Verfallsprozesse vorgehen muss weil Gesicht allein nicht mehr reicht, war das eine Erkenntnis mit der verbundenen Konsequenz, zumindest etwas Sport zu treiben. Mehr nicht. Ich altere nicht, ich geilere. Das ist alles eine Frage der Einstellung. 
Allerdings hab ich ein Problem mit Arschlöchern. Und mein Stoffwechsel ist ein Arschloch. Dieses Arschloch schert sich herzlich wenig darum, ob und wie viel ich esse oder mich bewege. Nicht ich entscheide, wo es schwabbelt und dellt, nein – das tut Arschloch Stoffwechsel. „Es gibt kein Recht auf Gerechtigkeit“ sagte einst mein talentierter Psychotherapeut und somit wohl auch keinen Schutz gegen Arschlöcher. Nicht im richtigen Leben und auch nicht im Kopf. Und genau wie im richtigen Leben, kommt man an manchen Tagen mit den Arschlöchern besser zurecht und an anderen Tagen eben schlechter.

Einen zuverlässigeren Stoffwechsel haben vermutlich die meisten Mittzwanziger, dennoch sind sie nicht zu beneiden. Sie haben einen furchtbaren Musikgeschmack, sind gerade am Anfang der Familienplanung (haben also keinen Schimmer von Dammschnitten und Elternabenden) und frieren ständig an den Knöcheln. Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe. Allerdings fror man zu meiner Zeit eher im Nierenbereich oder am Arschansatz. 

Wir sind heute eingeladen zu Rudis Überraschungsparty anlässlich seines 30.Geburtstags. Rudi ist die Kurzform von Rudolf aber Rudolf heißt natürlich nicht wirklich Rudolf. Allerdings ist Rudolfs tatsächlicher Name genauso unpassend für einen Dreißigjährigen. So unpassend, dass die sehr direkte Sabrina einst in der großen Runde einer Hochzeitsgesellschaft Rudis Freundin fragte: „Rudolf? Er heißt wirklich Rudolf? Ich dachte Rudi ist nur ein Spitzname wegen irgendwas. Wie um alles in der Welt stöhnt man denn Rudolf?“
Darauf hatte die hübsche zierliche Frau mit der Hüftbreite einer Siebenjährigen so spontan keine Antwort, obwohl sie sonst weniger verlegen bezüglich der Bekanntgabe sehr persönlicher Informationen war, zumindest wenn es darum ging, mir ohne Umschweife und in Zimmerlautstärke mitzuteilen, dass sie schon den ganzen Tag kacken muss, während ums Eck vor dem Zugang zu den Toiletten die halbe Gästeliste unfreiwillig mithörte.

(Ich weiß, Grundsatzdiskussion. Wer stöhnt eigentlich den Namen seines Partners? Das macht doch kein Schwein, oder? Nur Pornosternchen schreien ekstatisch „Jaaa, Jerome, jaa. Schneller, tiefer, härter, du geiler Hengst.“ oder kichern mit süffisant überspitzten Stimmchen: „Hansi, du Stier. Gib‘s mir schmutziger, als je zuvor.“ Aber ja, sie hat es trotzdem gefragt.)

Rudis Freundeskreis besteht überwiegend aus Mittzwanzigern. Während die Feiergesellschaft auf das Eintreffen des Jubilars wartet, der seit heute in ihren Augen gefährlich an der Frühbucherrabattgrenze fürs Altersheims kratzt, höre ich die folgende Aussage einer Hipsterin gegenüber ihrer Girlsclique: „ Also wenn ich mal 30 werde, will ich nicht so ein Tamtam.“ Ich glaub ich kotze gleich. Im Strahl. Nicht weil ich mich in diesem Moment um 20 Jahre gealtert fühle. Nein, so habe ich mich tatsächlich nur einmal gefühlt, als ich zu einem Konzert der Band Kraftklub mitten in 5000 bezahnspangten Teenies mit einem BMI unter 15 stand und sich Müllers nach dem Konzert einen Fluchtweg durch den Konvoi wartender Eltern bahnen mussten. 
Vielmehr habe ich den sicheren Eindruck, diese Aussage erwuchs nicht aus dem respektablen Keim der Bescheidenheit einer Person, die nicht gerne im Mittelpunkt steht und weiß, dass Luftballons eine Gefahr für Meerestiere sind. Nein, sie hätte ebenso sagen können „Wenn ich sterbe, dann möchte ich kein Hochglanzgrab aus poliertem Marmor mit Bronzeengel in Lebensgröße. Bitte streut meine Asche nur in aller Stille in den Wind.“ Alle metasprachlichen Parameter wären die gleichen.  

Warum glauben viele Menschen in den Zwanzigern, 30 zu werden ist etwas Schreckliches? Es gibt schlimmere Dinge, als einen lahmen Stoffwechsel. Milchstau, Maggifix, Rosenthaler Kadarka oder H&M zum Beispiel. Ja, man wird im Alter anspruchsvoller in vielen Dingen. Auch das habe ich an diesem Abend gemerkt. „Wer gut tanzen kann, kann auch gut vögeln.“ schnappe ich am Rande der Tanzfläche auf. Das mag gut möglich sein aber: so wie ich nicht zu allem tanze, vögle ich auch nicht mit jedem. Und noch was hat Tanzmusik mit Sex gemeinsam: Je nüchterner du bist, desto wählerischer bist du auch.

Diese Mittzwanziger-Wunschmusik ist auf jeden Fall bestialisch: sie feiern wie die Tiere zu alemannischen Botox-Blondinen mit Dyspnoe bei Dunkelheit oder Adolf Presley (wäre der mal lieber auf seinem Trecker geblieben) mit Schmalzfrise und Stricksocken. Ohne jedweden Anspruch auf hochwertige Unterhaltung. Und genauso scheinen die auch über Sex zu denken. Rudi (seines Zeichens Trauzeuge zur Quattroehe-Schließung durch den Dragqueenpfarrer.. oder die Pfarrerin?) meint zu Sarah mit Blick auf das Pärchen, dass uns am Tisch schräg gegenüber sitzt: „Die würden auch gut in eure Gruppe passen.“ 
Hallo? Gruppe? Ich meine: Wer sind wir? Das THW? Wo jeder mitmachen kann, der Lust dazu hat?Wir sind die Quattroehe. Wir sind quasi verheiratet.

Abgesehen davon warten Männer Mitte Zwanzig scheinbar alle noch auf den letzten Wachstumsschub. Die sind irgendwie klein. Ich hab mal gehört, dass Männer im Alter deswegen zu Glatzenbildung neigen, weil das Hirn nochmal wächst und daher die Kopfhaut spannt. Ich glaube ja eher, dass die Haare sich in dem Alter einfach ergeben, weil sich schon so viele Frauen drin festgekrallt haben. Dass diese fünfundzwanzigjährigen großen Jungs noch so dicht bewachsene Hinterköpfe haben, ist in dem Zusammenhang Indikator für fehlende sexuelle Qualitäten und hohen Fortbildungsbedarf. Was genau Ü30-Sex so erstrebenswert macht, habe ich übrigens HIER schon mal ausführlicher verbloggt
  
Ich mag unsere exklusive Gruppenbildung ja sehr, aber was diese jungen Menschen unter Gruppenbildung verstehen, finde ich schon schräg. Als Pärchen dort angekommen, scheinen sie den restlichen Abend unter so etwas wie Geschlechtertrennung zu verbringen. Am Frauentisch eher wenig Alkohol. Schließlich befindet man sich ja in der Familienplanung, stillt noch oder muss morgen früh fit sein weil die lieben Kleinen ja keine Rücksicht nehmen. Hipster-Mutti-Themen: Schnittmuster für Partnerlook-Mützchen und Brei kochen im Thermomix. Die Männer am anderen Ende des Raumes müssen ihr Bier heute mal nicht in der Garage auf einem Bierkasten sitzend trinken, sondern dürfen mit Geschlechtsgenossen unter dem wachsamen Glucken-Blick vom Mutti-Tisch öffentlich männlich sein. Na, wer will jetzt nochmal Mitte Zwanzig sein?

Ich habe an solchen Abenden immer das Gefühl, der Pfau in der Entenschar zu sein. Oder die Rose im Laubhaufen. Klar, der Stoffwechsel der Rose, mit der ich mich hier vergleiche, ist sicher noch kein Arschloch. Dafür ist das Laub schon tot. Aber darum geht es nicht. Laub ist nur hübsch wenn Herbst ist, jemand einen Filter drüber legt oder die Sonne drauf scheint. Und im Herbst scheint die Sonne nun mal selten. Ansonsten ist Laub eben Laub. Rosen haben Würde. Versteht das nicht falsch. Ich mag Enten. Und Laubhäufen. Letztere sind wichtig im Kampf gegen Igel-Obdachlosigkeit. Aber beide, der Pfau und die Rose wirken in diesem Setting deplatziert. Man vergleicht nicht, weil man nicht vergleichen kann, was in unterschiedlichen Ligen spielt.
  
Weil die Musik nicht besser wird, als diese jungen Erwachsenen anfangen ihrer Ehrfurcht vor dem Alter durch Klassiker und Oldies auszudrücken und mein Versuch auf dem Klo einfach zu sterben scheitert, beschließen wir zu gehen. Wir bahnen uns den Weg durch die rauchenden Pfirsichwangen vor der Tür, die nur davon träumen können, bei gleichbleibender Nikotin-Exposition in zehn Jahren noch meine Haut zu haben.

Mir drängt sich in dem Moment eine Frage auf: Du kannst dreimal die Woche Yoga oder Crossfit machen um nicht körperalt zu werden. Du kannst teuer schmieren und günstig nichtrauchen um nicht gesichtsalt zu werden. Aber was kannst du AKTIV tun, um nicht kopfalt zu werden? Damit meine ich weniger senil als viel mehr unbeweglich. Gibt es da gesicherte Erkenntnisse?

Im Auto provoziert mich Herr Müller: „Schatz, wenn du 30 wirst, schmeiß‘ ich dir auch so ne Party.“ Ich antworte ihm nur mit einem hysterischen Lachen. Ich möchte jetzt nicht an Partys denken. Ich möchte raus aus diesem engen Kleid, den furchtbar hohen Schuhen und aufs Sofa zu meinem Einteiler. Dort sollte man mir morgen früh wortlos eine Kopfschmerztablette und einen Eierlikör reichen und mich die nächsten 72 Stunden für nichts einplanen. Schließlich bin ich nicht mehr die Jüngste, feiern ist anstrengend und dann ist da ja auch noch das Stoffwechselarschloch. Das hält sich in meinem Alter gerne länger an Alkohol und Pizzabrötchen auf.


An dieser Stelle stelle ich den Laptop beiseite, lehne mich in mein Terrassensofa zurück und nehme Mittwochnachmittag kurz nach fünf einen großen Schluck gekühlten Riesling. Dank fernspielender Müllerkinder ist es hier so ruhig, dass ich zwischen Vogelgezwitscher das leise "wuuuäääähhh" aus den Kinderwägen der Mittzwanziger hören kann, die vorne auf der Straße vorbei rollen. 
Absurdistan,
die Quattroehe und
alle wichtigen und weniger
wichtigen Protagonisten rund
um die MüllerMansion haben
um nichts zu verpassen. 

Mittwoch, 25. April 2018

Bratpfannen, Gruppen-Masturbation und Gipfelscheißer


Es gibt kaum einen Ort, an den ich mich nicht traue - Neugier, Gutmütigkeit (soll vereinzelt vorkommen),schlichte Blauäugigkeit oder notfalls Recherche - die Gründe sind verschieden. Schachturniere, SM-Schlösser, Gottesdienste, Homopartys, Swingerclubs, martialische Fitnesskurse… Sogar ein Vorstellungsgespräch samt Betriebsführung im Bordell hatte ich. Heute erzähle ich euch vom mit Abstand seltsamsten Ort, an dem ich mich bisher aufhielt. Bedankt euch bei Herrn Müller.


Unter allen scheinpädophilen Schachtrainern, masochistischen Frauen und ihren seriösen Sadisten, Pfarrern, Transen, Studenten der Geisteswissenschaften und Puffmüttern (mit ehemaliger Führungsposition bei Bertelsmann) habe ich niemanden kennengelernt der mir so suspekt war, wie Vertriebsmitarbeiter unter sich. Ich denke Firmen mit Vertriebssystemen sind Sekten in seriösen Kostümchen.


Wenn mich zwischen Weihnachten und Neujahr das schlechte Gewissen packt und ich mich ekelhaft, fett und steinalt fühle, gehe ich laufen. Das tue ich regelmäßig -  einmal im Jahr. Meine Kondition gleicht daher der einer 85 Jahre alten, 120 Kilo schweren ehemaligen Kettenraucherin.


Kurz vor dem Herz-Kreislauf-Versagen versucht mich Herr Müller immer zu motivieren. Und dann hasse ich ihn. Dieses angewiderte Halt-deine-Fresse-Gefühl empfinde ich heute den ganzen Abend, während ich gezwungen bin, den beiden erfolgsverwöhnten Mitzwanziger-Geschäftsführern  zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig verbal einen runterholen.


Mir macht das Kopfschmerzen (kann aber auch das Parfüm meiner Tischnachbarin sein). Ich sitze Freitagnachmittag knapp zwei Stunden auf einem Stuhl, vor mir Saft und stilles Wasser. Mit dröhnendem Schädel und Hunger höre ich nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung, Motivationsmantras und Produktpräsentationen.


Wenn man die Bratpfanne nur heroisch genug ankündigt rastet die Freakshow in Anzügen förmlich aus. Aber der Hammer kommt erst noch. Wir verkaufen ja nicht irgendeine Bratpfanne. Wir – und nur wir – verkaufen die Bratwurst-Bratpfanne. Die kann etwas, das kann keine andere Bratpfanne. Sie kann – Achtung, es kommt gleich – Bratwürste braten.


Wenn jemand eine Pfanne zum Bratwurstbraten kaufen will und er die Wahl hat zwischen einer profanen Pfanne und einer Bratwurstbratpfanne, für welche Pfanne wird er sich wohl entscheiden? Natürlich für die Bratwurst-Bratpfanne, denn er kann gar nicht anders. Gleich springen alle aus ihren Anzügen vor Begeisterung (natürlich ging es nicht um Bratpfannen aber man könnte jedes andere Produkt von ähnlicher Weltbedeutung einsetzen).


Und weil diese Bratpfannen-Verkäufer, entschuldigt Bratwurst-Bratpfannen-Verkäufer so erfolgreich im Bratwurst-Bratpfannen-Verkauf sind, schenkt ihnen die Geschäftsleitung Urkunden, Plexiglas-Klötzer mit Firmenlogos und -Obacht- eine eigene Hymne. Ein wirklicher Gänsehaut-Moment.


Nachdem ich also diesen Business-Hengsten, Betriebsphilosophen und Motivationsgurus bei ihrem Onanie-Akt zugehört hatte, hob sich der Vorhang über dem Pausenbuffet verheißungsvoll. Nach unglaublichen Erfolgsstories und steigenden Umsätzen in Rekordzeit meint man etwas Großes erwarten zu dürfen.


Der inoffizielle Arbeitstitel „Viel Lärm um nichts“ wiederholt sich jedoch hinter diesem Vorhang. Kekse, es gibt Kekse, ganz ordinäres Sandgebäck, teilweise marmoriert. Dafür habe ich mir die Haare gekämmt, ein Kleid und Absatzschuhe angezogen (in denen ich jetzt auch noch für KEEEEKSE anstehen muss)!!! Wenn ich nur nicht solchen Hunger hätte.


Wenn harte Arbeit Früchte trägt
Nach dieser Pause zur Überlebenssicherung geht es ähnlich spannungsgeladen weiter. Der Stargast des Tages, ein Bergsteiger der auf einer unfassbaren gefährlichen Mission Unfassbares erreichte, gibt dem Motto des Abends ein Gesicht und referiert ebenfalls knapp zwei Stunden über riesige verplemperte Geldbeträge, abgefrorene Füße und Hochgebirgskacken - umrahmt von noch mehr Motivationsgelaber à la „Keiner interessiert sich für den Weg – allein das Ziel zählt“.


Der Pädagoge in mir möchte schon nach zwanzig Minuten Stillsitzen von seinem Sitznachbarn mit dem Igelball massiert werden oder zu einem Bewegungslied mit dem Tamburin singen und tanzen. Ich schau mich im Saal um und sehe gebannt zuhörende Verkaufstalente, die die Worte ähnlich dörrer Naturschwämme in sich aufsaugen.


Dazwischen vereinzelt Angehörige die wie ich auch gegen Hunger, Müdigkeit und Steißbein-Embolie kämpfen. Spontan überlege ich eine Selbsthilfegruppe für Familienangehörige von Vertrieblern zu gründen.


Endlich gibt es was zu essen -keine Kekse- und vor allem gibt es endlich Alkohol. Ich wollte zwischendurch schon googlen, wieviel Apfelsaft man trinken muss um betrunken zu sein. Im Halbdunkel versuche ich an einem Stehtisch unterzutauchen und beobachte diese Wirtschafts-Strategen. Nebenbei versuche ich meine Kopfschmerzen weg zu ignorieren.


Immer wenn ich denke, ja – jetzt wird es besser, stellt sich jemand neben mich und nötigt mir Gesprächsbereitschaft ab. ‚Herr Müller ist ein ganz Toller‘, sagen sie und wie ich es hier finde wollen sie wissen. Ich antworte immer das gleiche: "Irgendwie freaky das Ganze hier". Angewiderte Faszination. Wie Autobahnunfallgaffen für Menschen ohne Führerschein.
 

Mit vollem Magen und ausgestattet mit einem gesunden Pegel Blutalkohol bin ich mental knapp bereit für den dritten Teil des Abends, das Highlight. Wenn ich die Augen schließe, dreht sich mein Stuhl… Huiiiii.


Dem klugen Kopf hinter dem Veranstaltungskonzept gelingt es tatsächlich die Gruppen-Masturbation aus Teil eins mit der Gipfelbesteigung aus Teil zwei zu verknüpfen und so werden wir alle Teil der firmeneigenen Expedition und klinken uns ein in das selbst geknüpfte Seil aus Teamspirit, Kampfgeist und Wille zu Anstrengung und Erfolg.


Auf der Leinwand in Sepia und SlowMotion präsentierte Colgate-Gesichter, hinter denen die Nebelmaschine Charisma und Kampfgeist sichtbar macht, werden per Conquest of Paradies zur unversichtbaren Reisebegleitung aufgewertet.


"Herr!" denke ich, "reiß die Erde auf und verschling mich oder ich kotze jetzt gleich auf meine hübschen Schuhe!". Meine Freundin Sarah schreibt mir, dass sie einen Pickel auf dem Rücken hat. Ich soll kommen und ihn ausdrücken. Das würde ich jetzt so viel lieber tun.


Was dann folgt, ist der menschliche Teil der Veranstaltung. Endlich sind alle betrunken. Auf dem Klo höre ich den Chef ins Mikrophon singen. Er ist der DJ des Abends. Zum Glück ist er Geschäftsführer geworden. 

Der Abend endet für mich als ich kurz nach Mitternacht zur Bar wanke und mir vernünftigerweise ein Wasser bestelle. Der Barkeeper weist mich darauf hin, dass ich mein Getränk nun selbst zahlen müsse. Das sei der Wunsch der Geschäftsleitung. Ich antworte „Lieber verdurste ich“ und gehe.


Als ich am nächsten Morgen aufwache, hat mein Körper spontan angefangen zu menstruieren. Ich denke, er möchte sich von innen reinigen. Heute werde ich MICH mal feiern, denke ich und fange direkt damit an. 

Im Einteiler sitze ich ungekämmt am Küchentisch und gieße mir Eierlikör in den Milchkaffee. Zum Glück sind Lehrer nicht so furchtbar erfolgreich, um dauernd einen Grund zum Feiern zu haben.

Achtung: Mitgliedsanträge für die Selbsthilfegruppe, sowie vertrauliche Seelsorge für Aussteiger gibt es GRATIS zum Abo von Frau Müller auf Facebook hier.