Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 25. April 2018

Bratpfannen, Gruppen-Masturbation und Gipfelscheißer


Es gibt kaum einen Ort, an den ich mich nicht traue - Neugier, Gutmütigkeit (soll vereinzelt vorkommen),schlichte Blauäugigkeit oder notfalls Recherche - die Gründe sind verschieden. Schachturniere, SM-Schlösser, Gottesdienste, Homopartys, Swingerclubs, martialische Fitnesskurse… Sogar ein Vorstellungsgespräch samt Betriebsführung im Bordell hatte ich. Heute erzähle ich euch vom mit Abstand seltsamsten Ort, an dem ich mich bisher aufhielt. Bedankt euch bei Herrn Müller.


Unter allen scheinpädophilen Schachtrainern, masochistischen Frauen und ihren seriösen Sadisten, Pfarrern, Transen, Studenten der Geisteswissenschaften und Puffmüttern (mit ehemaliger Führungsposition bei Bertelsmann) habe ich niemanden kennengelernt der mir so suspekt war, wie Vertriebsmitarbeiter unter sich. Ich denke Firmen mit Vertriebssystemen sind Sekten in seriösen Kostümchen.


Wenn mich zwischen Weihnachten und Neujahr das schlechte Gewissen packt und ich mich ekelhaft, fett und steinalt fühle, gehe ich laufen. Das tue ich regelmäßig -  einmal im Jahr. Meine Kondition gleicht daher der einer 85 Jahre alten, 120 Kilo schweren ehemaligen Kettenraucherin.


Kurz vor dem Herz-Kreislauf-Versagen versucht mich Herr Müller immer zu motivieren. Und dann hasse ich ihn. Dieses angewiderte Halt-deine-Fresse-Gefühl empfinde ich heute den ganzen Abend, während ich gezwungen bin, den beiden erfolgsverwöhnten Mitzwanziger-Geschäftsführern  zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig verbal einen runterholen.


Mir macht das Kopfschmerzen (kann aber auch das Parfüm meiner Tischnachbarin sein). Ich sitze Freitagnachmittag knapp zwei Stunden auf einem Stuhl, vor mir Saft und stilles Wasser. Mit dröhnendem Schädel und Hunger höre ich nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung, Motivationsmantras und Produktpräsentationen.


Wenn man die Bratpfanne nur heroisch genug ankündigt rastet die Freakshow in Anzügen förmlich aus. Aber der Hammer kommt erst noch. Wir verkaufen ja nicht irgendeine Bratpfanne. Wir – und nur wir – verkaufen die Bratwurst-Bratpfanne. Die kann etwas, das kann keine andere Bratpfanne. Sie kann – Achtung, es kommt gleich – Bratwürste braten.


Wenn jemand eine Pfanne zum Bratwurstbraten kaufen will und er die Wahl hat zwischen einer profanen Pfanne und einer Bratwurstbratpfanne, für welche Pfanne wird er sich wohl entscheiden? Natürlich für die Bratwurst-Bratpfanne, denn er kann gar nicht anders. Gleich springen alle aus ihren Anzügen vor Begeisterung (natürlich ging es nicht um Bratpfannen aber man könnte jedes andere Produkt von ähnlicher Weltbedeutung einsetzen).


Und weil diese Bratpfannen-Verkäufer, entschuldigt Bratwurst-Bratpfannen-Verkäufer so erfolgreich im Bratwurst-Bratpfannen-Verkauf sind, schenkt ihnen die Geschäftsleitung Urkunden, Plexiglas-Klötzer mit Firmenlogos und -Obacht- eine eigene Hymne. Ein wirklicher Gänsehaut-Moment.


Nachdem ich also diesen Business-Hengsten, Betriebsphilosophen und Motivationsgurus bei ihrem Onanie-Akt zugehört hatte, hob sich der Vorhang über dem Pausenbuffet verheißungsvoll. Nach unglaublichen Erfolgsstories und steigenden Umsätzen in Rekordzeit meint man etwas Großes erwarten zu dürfen.


Der inoffizielle Arbeitstitel „Viel Lärm um nichts“ wiederholt sich jedoch hinter diesem Vorhang. Kekse, es gibt Kekse, ganz ordinäres Sandgebäck, teilweise marmoriert. Dafür habe ich mir die Haare gekämmt, ein Kleid und Absatzschuhe angezogen (in denen ich jetzt auch noch für KEEEEKSE anstehen muss)!!! Wenn ich nur nicht solchen Hunger hätte.


Wenn harte Arbeit Früchte trägt
Nach dieser Pause zur Überlebenssicherung geht es ähnlich spannungsgeladen weiter. Der Stargast des Tages, ein Bergsteiger der auf einer unfassbaren gefährlichen Mission Unfassbares erreichte, gibt dem Motto des Abends ein Gesicht und referiert ebenfalls knapp zwei Stunden über riesige verplemperte Geldbeträge, abgefrorene Füße und Hochgebirgskacken - umrahmt von noch mehr Motivationsgelaber à la „Keiner interessiert sich für den Weg – allein das Ziel zählt“.


Der Pädagoge in mir möchte schon nach zwanzig Minuten Stillsitzen von seinem Sitznachbarn mit dem Igelball massiert werden oder zu einem Bewegungslied mit dem Tamburin singen und tanzen. Ich schau mich im Saal um und sehe gebannt zuhörende Verkaufstalente, die die Worte ähnlich dörrer Naturschwämme in sich aufsaugen.


Dazwischen vereinzelt Angehörige die wie ich auch gegen Hunger, Müdigkeit und Steißbein-Embolie kämpfen. Spontan überlege ich eine Selbsthilfegruppe für Familienangehörige von Vertrieblern zu gründen.


Endlich gibt es was zu essen -keine Kekse- und vor allem gibt es endlich Alkohol. Ich wollte zwischendurch schon googlen, wieviel Apfelsaft man trinken muss um betrunken zu sein. Im Halbdunkel versuche ich an einem Stehtisch unterzutauchen und beobachte diese Wirtschafts-Strategen. Nebenbei versuche ich meine Kopfschmerzen weg zu ignorieren.


Immer wenn ich denke, ja – jetzt wird es besser, stellt sich jemand neben mich und nötigt mir Gesprächsbereitschaft ab. ‚Herr Müller ist ein ganz Toller‘, sagen sie und wie ich es hier finde wollen sie wissen. Ich antworte immer das gleiche: "Irgendwie freaky das Ganze hier". Angewiderte Faszination. Wie Autobahnunfallgaffen für Menschen ohne Führerschein.
 

Mit vollem Magen und ausgestattet mit einem gesunden Pegel Blutalkohol bin ich mental knapp bereit für den dritten Teil des Abends, das Highlight. Wenn ich die Augen schließe, dreht sich mein Stuhl… Huiiiii.


Dem klugen Kopf hinter dem Veranstaltungskonzept gelingt es tatsächlich die Gruppen-Masturbation aus Teil eins mit der Gipfelbesteigung aus Teil zwei zu verknüpfen und so werden wir alle Teil der firmeneigenen Expedition und klinken uns ein in das selbst geknüpfte Seil aus Teamspirit, Kampfgeist und Wille zu Anstrengung und Erfolg.


Auf der Leinwand in Sepia und SlowMotion präsentierte Colgate-Gesichter, hinter denen die Nebelmaschine Charisma und Kampfgeist sichtbar macht, werden per Conquest of Paradies zur unversichtbaren Reisebegleitung aufgewertet.


"Herr!" denke ich, "reiß die Erde auf und verschling mich oder ich kotze jetzt gleich auf meine hübschen Schuhe!". Meine Freundin Sarah schreibt mir, dass sie einen Pickel auf dem Rücken hat. Ich soll kommen und ihn ausdrücken. Das würde ich jetzt so viel lieber tun.


Was dann folgt, ist der menschliche Teil der Veranstaltung. Endlich sind alle betrunken. Auf dem Klo höre ich den Chef ins Mikrophon singen. Er ist der DJ des Abends. Zum Glück ist er Geschäftsführer geworden. 

Der Abend endet für mich als ich kurz nach Mitternacht zur Bar wanke und mir vernünftigerweise ein Wasser bestelle. Der Barkeeper weist mich darauf hin, dass ich mein Getränk nun selbst zahlen müsse. Das sei der Wunsch der Geschäftsleitung. Ich antworte „Lieber verdurste ich“ und gehe.


Als ich am nächsten Morgen aufwache, hat mein Körper spontan angefangen zu menstruieren. Ich denke, er möchte sich von innen reinigen. Heute werde ich MICH mal feiern, denke ich und fange direkt damit an. 

Im Einteiler sitze ich ungekämmt am Küchentisch und gieße mir Eierlikör in den Milchkaffee. Zum Glück sind Lehrer nicht so furchtbar erfolgreich, um dauernd einen Grund zum Feiern zu haben.

Achtung: Mitgliedsanträge für die Selbsthilfegruppe, sowie vertrauliche Seelsorge für Aussteiger gibt es GRATIS zum Abo von Frau Müller auf Facebook hier.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Betriebsführung im Bordell: Tatü-Tata, die Domina ist da...



In der Annahme zu einem Bewerbungsgespräch in einem piefigen Callcenter eingeladen zu sein, machte ich mich mit meiner Schwägerin Kathleen vor fast 20 Jahren auf den Weg ins Ungewisse. Wir fanden uns wieder auf einer Couch, die nach uns vermutlich noch vielen aufgeschlossenen Frauen eine Wirkungsstätte bieten sollte. Ute, ihres Zeichens Bordellbetreiberin, setzt noch dem nahezu unverfänglichen Smalltalk von letzter Woche heute nun zur Offensive an und bringt uns Backstage in den Puff...

Der „Besuch“ von Lady Bella brachte Ute auf die Idee, uns doch einfach mal den ganzen „Betrieb“ zu zeigen. So konnte sie uns die möglichen Betätigungsfelder vor Ort erläutern. Los gings gleich im Kerker, Bellas Wirkungsstätte – Peitschen, Andreaskreuz, Pranger und der ganze Plug- und Dildokram.

Heute mit Mitte Dreißig wirft mich das nicht mehr aus der Bahn, auch wenn ich stolz darauf bin, nie Shades of Grey gelesen zu haben. Mittlerweile kenne ich auch indem Bereich MEINE Rosinen aus dem Kuchen. Aber ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass mich als 18-Jährige der Holzschemel mit aufgesetzen Edelstahldorn in der Größe "Ausgewachsenes Einhorn" dann schon ein wenig verstörte. Die von Ute ganz nebensächlich erwähnten Stromanschlüsse an dem Teil setzen dem das Krönchen auf. 

Wie ferngesteuert folgten wir der Frau im Kostüm in den Nebenraum. Sie nannte ihn die Klinik, tatsächlich fühlte man sich wie in eine Arztpraxis gebeamt. Nur die Details verrieten, dass es hier nicht um Krebsvorsorge gehen sollte. Zumindest hängt bei meiner Frauenärztin kein riesiger Spiegel über dem Behandlungsstuhl. Ausgestattet mit diesem Gynäkologenstuhl, einem Schreibtisch für die Ärztin und kleinem Empfangsbereich sowie allerhand medizinischem Gedöns käme dieser Raum für uns als Wirkungsstätte wohl eher nicht in Frage meint Ute, immerhin braucht man zum Legen von Kathedern oder Zugängen eine rudimentäre Ausbildung im medizinischen Bereich. Für einen Einlauf würde unser Know-how vielleicht noch reichen.
Stripperstiefel sind kleine Wunderwerke und erstaunlich bequem. Diese hier haben noch nie ein freudbetontes Etablisement von innen gesehen, wohl aber die ein oder andere Faschingsveranstaltung optisch enorm bereichert
Rückblickend hatte ich von diesem ganzen „schwarzen SM“ ja schon mal was läuten hören, selbst als Teenie. Aber dass es das Ganze auch in Weiß gibt war mir neu und verstörte mich zum damaligen Zeitpunkt latent. Heute denk ich mir: jedem Tierchen sein Plaisierchen.

Ute zeigte uns weitere Räume, darunter auch den Massageraum. Hier fand sich auch die nach der Außenreklame erwartete Sonnenbank. Ich vermute mal für die Angestellten. Oder geht jemand ins Bordell um sich zu sonnen? Vielleicht auch nur als Alibi für die Gewerbeaufsicht? Weiß der Geier.

In der Mitte die Massageliege. Ganz unschuldig stand sie da. Drum herum verspiegelte Wände, in denen sich meine bestrumpften Beine wohl vertrausendfachen würden. Das tun sie so effektiv dass es wohl nie zur Notwenigkeit des „Nachhelfens“ am Schluss der Massage kommen würde?! Die Vielzahl an Plastikpflanzen und Bambusdetails ließ mich an einen skurrilen botanischen Garten denken, mit Kondomen als Blüten und winzigen Dildos mit Schmetterlingsflügeln.

Alle anderen „Arbeitszimmer“ waren thematisch eingerichtet – definitiv war die Handschrift einer Frau zu erkennen. Ein bisschen so, als hätte man Phantasia-Land bewohnbar gemacht und mit einer Überdosis Nanu-Nana garniert. Oder auch wie die FSK18-Version des Barbie-Traumhauses, nur mit weniger Pink dafür umso mehr Gold.

Da war das Dschungelzimmer mit Whirlpool, Bambus-Thron und mehr Gummigrünzeug als in allen Erlebnisbädern dieser Erde zusammen. Ich kann mir heute lebhaft vorstellen, dass in dieser Atmosphäre jeder Bürohengst in Sekundenschnelle seine Krawatte zur Liane umfunktioniert. 

Es gab auch eine Kornkammer, eingerichtet mit Bauermöbeln, bekannt aus dem elterlichen Schlafgemach und liebevoll dekoriert mit authentischen Strohballen und Mohn-Kornblumen-Bouquets aus Plastik und Polyester. Die sich hier abspielenden Szenen könnten vermutlich als Outtakes aus „Bauer sucht Frau“ nach Mitternacht zwischen den Sexy Sport Clips auf den Sportkanälen laufen.

Ute erklärte uns ihr Geschäfts-Konzept in etwa so: Da eine nicht unerhebliche Anzahl der Kunden nicht nur zum Zwecke des erleichternden Geschlechtsverkehrs die Räumlichkeiten aufsucht sondern vor allem Geborgenheit, eine Schulter zum Anlehnen und ein zuhörendes Ohr vermisst, sei es besonders wichtig ein solches Wohlfühl-Ambiente zu bieten, dass den Eindruck vermittelt, nicht nur eine Dienstleistung zu verkaufen.

Der Rundgang endet mit dem Personalraum. Also so etwas wie das Lehrerzimmer für Prostituierte. Küchenzeile, Dusche, Couchgarnitur und viel Nikotin. Das Thema dieses Zimmers erschloß sich mir nicht ganz, jedenfalls schien hier die Funktion VOR dem Wohlfühlfaktor zu stehen. Mutmaßungen zum Raumthema wären an dieser Stelle von meiner Seite nicht wertungsfrei.
Nur so viel: während Cinderella die perfekte Ergänzung zu ihrem Schloss in Disney-Land bildet schienen die Frauen, welche hier in Lurex-Stretch und Nieten-Highheels die Aschenbecher quälten, nicht die Kirsche auf dem eben besichtigten Sextopia zu sein.

Am Ende unserer Führung verabschiedete sich Ute auf ihre seriöse Art. Wir sollen über die Eindrücke schlafen und uns melden, wenn was für uns dabei ist. Kathleen vor allem. Die Domina-Version von ihr schien Ute zu begeistern. Natürlich haben wir uns nicht mehr gemeldet.

Und dennoch: ich danke in erste Linie mir selbst für meine Naivität, die mir diesen Einblick ermöglicht hat. Welche Frau mit meinem Werdegang kann schon behaupten einmal ein Bordell und seine Belegschaft kennengelernt zu haben. 

Dann danke ich Kathleen, die auch im späteren Leben nie Domina geworden ist. Vielleicht tatsächlich verschwendetes Potential – wir werden es wohl nie erfahren. Stellen wir uns vor, Ute wäre Berufsberaterin des Arbeitsamtes geworden und wäre in Kathleens zehntem Schulbesuchsjahr auf dieses vielversprechende Talent gestoßen. Die Geschichte hätte wohl einen anderen Verlauf genommen. Ich weiß nicht ob meine Schwägerin damals genauso ahnungslos war wie ich oder einfach Frau genug um mich nicht hängen zu lassen.

Alle Welt bildet sich oft ohne jedweden Background ein, über diese Menschen, ihr Gewerbe und ihre Kundschaft urteilen zu müssen. Ich kann und möchte mir selbst nach dieser Erfahrung keines erlauben. Zugeben muss ich allerdings, dass mich der Job als Empfangsdame durchaus gereizt hätte. Wo sonst lernt man mehr über die Kundschaft als auf den Wegen zwischen Klingel, Dusche und Bambusthron? Ist es mit Mitte Dreißig schon zu spät für einen Quereinstieg in dieses Gewerbe?

Ihr denkt, dieser Ausflug war skurill? Ich finde meinen Alltag
in der Schule oft nicht weniger seltsam bis ulkig. Wenn ihr nichts 
verpassen wollt von den Ausflügen in Mikro- und Makrokosmos des 
Kuriositätenkabinetts "Menschen", dann abonniert mich doch hier

Mittwoch, 14. Juni 2017

Bewerbungsgespräch im Bordell: Mein Tellerrand trägt halterlose Strümpfe



Der heutige Blogpost fällt unter die Kategorie „Ich war jung und brauchte das Geld“. Dafür müssen wir gedanklich eine kleine Zeitreise machen. Wenn man vor etwa 20 Jahren 18 war, gerade Abi gemacht hatte, keinen Bock hatte direkt weiter zu lernen und erstmal mit möglichst wenig Aufwand ein bisschen eigenes Geld verdienen wollte, dann war man womöglich sehr empfänglich für Zeitungsannoncen in denen junge Damen für Telefonflirts gesucht wurden... 

Das Fräulein Müller war damals schon aufgeschlossen, wenn auch ziemlich naiv. Mitte der 90er-Jahre ging das noch, da durfte man mit achtzehn noch naiv sein. Man konnte nur ins Internet, wenn die Eltern nicht gerade telefonieren mussten, hat sein Nokia 5110 entweder zum Snake spielen genutzt oder sparsam SMS geschrieben, die höchstens 140 Zeichen lang waren und Talkshows am Nachmittag haben für uns die Grenze zum Abseitigen markiert. Aufgeklärt wurde man sechs Jahre früher von der BRAVO.

Da war ich also - die frisch gebackene Abiturientin Müller, die mal so gar keine Lust auf Studium hatte und da war diese Stellenanzeige. Callcenter sucht junge Frauen für Telefonflirts. Ich empfand nichts Schlechtes, Schmutziges oder gar Verwerfliches daran, dachte „Das kann ich!“ und rief angelockt vom bequem verdienten Geld an.  Am anderen Ende meldete sich eine äußerst seriös klingende Dame, geschätzt um die 50, die mich nach allerhand Beteuerungen, wie viele Studentinnen schon für sie arbeiteten, kurzerhand zum Vorstellungsgespräch einlud.

Weil Frauen sich nicht nur auf dem Klo zu zweit um einiges sicherer fühlen, suchte ich mir eine passende Begleitung für diesen Business-Termin und fand diese in Kathleen, der älteren Schwester von Herrn Müller, die mir damals schon als Modell in Sachen „Flexible Moral“ als geeignetes Vorbild erschien. Dass wir beide an diesem Nachmittag noch einen nicht unerheblichen Teil unserer so „unschuldigen Seele“ verlieren würden, war nur ein vages Gefühl beim Besteigen des von der Senior-Müllerin geborgten Kleinwagens.

Wir parkten im Hinterhof eines unscheinbaren und als Sonnenstudio deklarierten Häuschens am Rand der nächstgrößeren Stadt. Aufs Drücken der Klingel öffnete uns eine Frau im knappen weißen Kleidchen die Tür. Als sie voran die Treppe zum ersten Stock erklomm und dabei halterlose Strümpfe nicht als Frage, die sich dem Betrachter bestrumpfter Beine zuweilen stellt, wenn er die Phantasie schweifen lässt, sondern als Aussage zur Schau stellt, bekräftigt durch die Rocklänge, welche der Phantasie keinerlei Spielraum lässt, keimte ein Verdacht. Dieser erhärtete sich angesichts ihrer Absatzhöhe von mindesten 15 Zentimetern und dem bordeauxfarbenen Anstrich der Wände im Treppenhaus. Wenn wir zwei Mädels Blicke austauschten, dann immer aus einer Mischung von Erkenntnis, Verunsicherung und „wie gut dass ich nicht allein bin“.

Wir kamen an auf einem Flur, dessen schummriges Licht sowie die Deko aus Goldlüstern und knapp bekleideten Schaufensterpuppen wenig an eine Geschäftshaus erinnerte. Ute trat aus einer der vielen Seitentüren und wirkte körpersprachlich wie die stolze Königin beim Empfang auf ihrem herrschaftlichen Anwesen. Die bestrumpfte Frau, an deren Hintern ich mich besser erinnern kann als an ihr Gesicht, verschwand. Ute sah tatsächlich aus wie sie am Telefon geklungen hatte. Im schicken Kostümchen hätte man sie auch in eine Bank oder ein Versicherungsbüro beamen können. Sie führte uns in eines der vielen vom Flur abgehenden Zimmer. Die epochentypische Microfaser-Polster-Garnitur in Beige-Violett gab dem Raum keine wirkliche Definition.

Ute stellte sich ohne lange Umschweife vor als die Inhaberin der ersten Nachtclubs in Frauenhand. Sie hatte zuvor jahrelang für einen großen deutschen Verlag gearbeitet, erkannte dann ihre Nische im – nennen wir es Dienstleistungssektor und führte zu diesem Zeitpunkt mehrere Tanzbars und Massagestudios oder kurz: Bordelle. 

In dem sich aus diesem Selbst-Exposè entwickelnden Einstellungsgespräch erklärte sie uns sie wolle expandieren, sich zusätzlich den Hotline- und Webcam-Sektor erschließen und dafür brauchte sie natürlich Nachwuchs. Man müsse sich aber nicht festlegen, sie besetz jederzeit nahezu jede Tätigkeit in ihren Clubs neu bei Talent, Eignung und Interesse.

Da wäre zunächst natürlich der Job als Empfangsdame: sie empfängt wie der Name schon sagt die Kunden, zeigt ihnen die Räumlichkeiten und erklärt die Regeln (Duschen und Gummi), sofern es kein Stammkunde ist. Vorgeschriebene Arbeitsbekleidung: besagte Halterlose plus minimum 15cm Absätze plus breiter Gürtel. Aus heutiger Sicht für mich ein wirklich interessanter Job. Regeln erklären kann ich. Laufen auf Highheels auch. Die Einblicke ins Klientel der Besucherschaft wären mir das kleine Scham-Speckröllchen oberhalb des selbsthaftenden Spitzenrandes meiner Strümpfe wert. 

Dann gibt es die Massage-Ladys. Ute hatte als gestandene Businessfrau sicher ein Gefühl für die zwei Unschuldslämmer aus der Kleinstadt, die ihr in diesem Moment gegenüber saßen und erklärte es uns möglichst „vorabendprogrammtauglich“: ihr massiert die Kunden und tragt dabei selbstverständlich oben beschriebene Arbeitskleidung. Massieren ist dabei in diesem Stadium tatsächlich wörtlich und nicht zweideutig gemeint, wobei sicherlich kein Physiotherapie-Niveau erwartet wurde. Am Ende der Massage sind die meisten Männer schon gekommen, wenn nicht müsst ihr eben ein wenig nachhelfen. Also jetzt das "nicht-wörtliche" Massieren. Am Schluss der Stellenbeschreibung nannte sie eine Summe X, welche man in diesen 30 Minuten Arbeit verdient hat. Ich möchte an dieser Stelle nichts über Käuflichkeit und Moral schreiben, nur so viel: ich hätte dort in zwei Stunden mehr verdient als heute an einem Arbeitstag.

Plötzlich klopfte es und die Tür ging einen Spalt breit auf, herein schaute eine junge Frau im Look „Schwarze Witwe“. Sie fragte uns nach Getränkewünschen und eilt nach Aufnahme derer wieder davon. „Das war übrigens Lady Bella, unsere Domina.“ meinte Ute beiläufig. Erleuchtet schaut sie Kathleen plötzlich an: „Ich glaube für dich wäre das auch was. Du wirkst, als würdest du gerne Männer quälen.“ Da ist er wieder, der Blickaustausch. Lady Bella serviert uns den unschuldigen O-Saft und ich muss spontan an meinen Bruder denken, der für ein Bier in einem solchen Etablissement schon mal stolze 25 Mark bezahlt hatte während er auf die Rückkehr seines Kollegen am Tresen wartete. Ich bezahlte diesen Orangensaft wohl mit einem kleinen Teil meiner Würde, bekam dafür aber Einblicke in einen Bereich unserer Gesellschaft, die ich auch nicht missen möchte. Ich denke unsere individuellen Tellerränder können sehr verschieden sein. Meiner trug an diesem Tag halterlose Strümpfe....


Natürlich war mit dem Gratis-O-Saft der Spaß noch nicht vorbei. In Teil 2 leistet Ute viel Überzeugungsarbeit und fasziniert uns mit einer Betriebsführung vor und hinter den Kulissen. Welche Entdeckungen wir dort machten und vor allem ob unter den vielen Beschäftigungsoptionen in diesem Gewerbe etwas für uns dabei war, lest ihr im nächsten Blogartikel am 21.6.

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muss ich euch nicht jedes Mal den "Gummi und Duschen"-Vortrag halten. ;-)

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Gargamel und die Sache mit dem Gold: Wer ist diese Frau Müller eigentlich

Dieser Artikel ist so etwas wie der letzte ungedrehte Teil der StarWars-Filme 
(Ich seh' die Fans vor meinem inneren Auge mit der flachen Hand gegen ihre Stirn schlagen - keine Ahnung ob das jetzt passt aber spielt das Ganze nicht irgendwie rückwärts? Ich hörte davon. Also der neue Film zeigt jeweils, was vor dem letzten passierte? Warum? Wieso macht man sowas? Ist das wie beim Einkaufen, wenn man erstmal alles was lecker aussieht in den Wagen packt und dann zu Hause keine Ahnung hat was man aus Wirsing, Vanilleeis und Halloumikäse kochen soll? Und dann kommt doch irgendwas meeega-kreatives total experimentelles aber absolut innovatives raus?) 
Worauf ich hinaus wollte: der heute aufgewärmte Artikel ist quasi der Nullte. Er enthält alle notwendigen Informationen, die man bei seriösen Bloggern unter dem Button "Über mich" zu finden erhofft...
 

Mit Anfang 30, einem Herrn Müller, dem großen und dem kleinen Müller, einem Häuschen im Dorf, meinem Kleinstadt-Lehrerjob und Gallensteinen bin ich niemand besonderes.  Zumindest statistisch gesehen. Warum mache ich das Ganze hier und erwarte ernsthaft, dass Leute sich für das, was meinem vom Standard-Alltags-Wahnsinn  gebeutelten Hirn entspringt, interessieren und es im besten Falle sogar noch irgendwie unterhaltsam finden?


Wer sich sowohl über die antiquierte Unterrichtsmethode als auch das futuristische Outfit der Pädagogin im Bild wundert, der möge HIER klicken.

Man muss heutzutage auf einen Therapieplatz beim Psychologen sehr lange warten. Ich spreche da aus Erfahrung. Das Erstellen eines Blogs dauert dagegen nur wenige Minuten. Bei mir etwa 20, davon entfallen 10 Minuten auf Einfügen, Platzieren und Auswählen von Inhalten und 10 Minuten auf vorheriges Schimpfen auf unübersichtliche Schaltflächen mit unverständlichen Anglizismen inklusive ausgiebiger Selbstbemitleidung.

Die Medien sind voll von Katzenmüttern die Hundebabys adoptieren, Menschen die Bäume heiraten und schrecklich unerwarteten Skandal-Scheidungen von vielversprechenden Promi-Paaren samt tragisch-multikultureller Großfamilie. Ich behaupte vor diesem Hintergrund mein Leben hat keinen geringeren Unterhaltungswert. 

Auch wenn ich die meisten meiner Nachbarn nicht leiden kann (ich wäre nicht überrascht wenn das irgendwie auf Gegenseitigkeit beruht), interessiere ich mich für ihr Leben. Ich beobachte und führe gedanklich Indizienprozesse bei ungewohntem Verhalten hinter dem Gartenzaun. 

Wir interessieren uns für das Leben um uns herum, deswegen haben wahrscheinlich Realitiy-Dokus ähnlich hohe Einschaltquoten wie TerraX. Die Tür nebenan ist wie das Universum jenseits der Milchstraße, unerforscht, geheimnisvoll und rätselhaft. Was da passiert ist so abseitig-alltäglich, dass es unser eigenes Leben sein könnte: zwischen Chefbüro, Elternabend und Swingerclub.

Nun gehören Lehrer zu einer Berufsgruppe, die in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich wie keine andere an Ansehen verloren hat. Meine Mission ist es nicht das Image aufzubessern. Ich mag meinen Job selbst oft nicht, eine  Betrachtungsweise aus meinem Blickwinkel ist einer „Pro-Image-Kampagne“ wahrscheinlich nicht gerade zuträglich. 

Ich werde gelegentlich Erlebnisse aus meinem Job – oder wie ich gerne sage: dem „Planet der Affen“, „Mordor“ oder "Absurdistan" - zum Blog-Inhalt machen, wegen der Mülleimer-Funktion. Das Ganze wird aber weder pädagogisch noch irgendwie hochwertig bildungspolitisch.

Um die Hintergründe später zu verstehen: Ich bin kein richtiger Lehrer. Ein Vater sagte einmal im Elterngespräch: „Wenn meine Tochter einmal groß ist wird sie Lehrer. Kein Richtiger! So einer wie sie!“
Korrekt heißt es Förderschullehrer. Meine besondere Freundin Sarah sagt „Kloppi-Lehrerin“, ich selbst vergleiche meine Arbeit gerne mit der Rolle Gargarmels bei den Schlümpfen. Der versuchte auch unermüdlich aus den kleinen blauen Kerlen Gold zu machen. Geschafft hat er es nie. 

Ich habe mal flüchtig jemanden kennengelernt der mir erzählte, er habe während seines Medizinstudiums festgestellt, dass er kein Blut sehen kann. Für mich war das eine Schlüssel-Begegnung. In dem Moment habe ich erkannt, dass ich Kinder eigentlich nicht leiden kann. 

Für meine Berufswahl kam die Erkenntnis zu spät. Jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich feststellen muss, dass meine einzige ernstzunehmende Kompetenz bei der Berufsorientierung die Fähigkeit ist blödes Zeug zu erzählen. Also bleibt mir nur der Lehrerberuf. Und Blogger. 

Ich kann zwar ein ehrliches Examen vorweisen, im beruflichen Alltag fühle ich mich jedoch oft wie der Gerd Postel der Dienstberatung und agiere nach dem Motto „Überzeugen bei völliger Ahnungslosigkeit“. 

Zusammengefasst: ich hätte damals auf den Rat meines Vaters hören sollen, der meine Entscheidung zur Berufswahl wie folgt kommentierte: „Warum willst du denn Lehrer werden? Lern doch erstmal was richtiges, Lehrer kannst du später immer noch werden.“

Jeder von uns kennt folgende Szene möglicherweise aus Filmen. Ein stark übergewichtiger Mann in den Sechzigern erleidet auf einem Transatlantikflug eine Herzattacke. Die Stewardess ruft dramatisch in die Sitzreihen: „Ein Arzt? Ist hier ein Arzt an Bord?“. Ein attraktiver Mitdreißiger springt auf und rettet ganz unerwartet per Notoperation das Leben. Die Fluggäste applaudieren für den Helden. 

Ich träume die Szene anders: auf dem Billigflug nach Palma dutzt der neunjährige Kevin die Stewardess, besteht auf die Trovatos im Bordfernsehen, protestiert 45 Minuten lautstark weil es kein Bordfernsehen gibt und spült seine Schuhe aus Protest die Bordtoilette runter. Die Eltern zocken unterdessen illegalerweise Candycrush auf dem Smartphone. Die Stewardess ruft: „Ein Lehrer. Ist hier ein Lehrer an Board?“ Ich mache mich ganz klein in meinem Sitz, halte meinen ausgestreckten Zeigefinger vertikal vor meine gespitzten Lippen und schaue meine Kinder drohend mit aufgerissenen Augen an. Dann wache ich schweißgebadet auf.

Meine mangelnde innere und äußere Identifikation mit meinem Beruf provoziert bei neuen Bekanntschaften verschiedenste Reaktionen auf die Offenbarung, womit ich mein Geld verdiene. Sie reichen von lautem Lachen über „Echt jetzt? Du verarschst mich doch!“ bis hin zu betroffenem Schweigen und dem „Sicher-nicht-einfach-also-ich-könnte-das-nicht“-Standard-Spruch.

Also kein Lehrer-Blog, um Himmelswillen - das tue ich keinem Leser an! Ich kann Lehrer selbst nicht leiden. Ein ICH-Blog. So etwas wie der Boden meiner Lebenshandtasche. Frauen, wissen was ich meine.

Weil ich nun mal Lehrer geworden bin -jetzt ist es zu spät, der Aufwand ist zu groß um nochmal von vorn anzufangen- werden die Blinkies oder Herbstaffen, wie ich die mir anvertrauten Schülerpersönlichkeiten intern gerne nenne,  hier gelegentlich eine Rolle spielen. 



Da fällt mir auf: hatte ich euch eigentlich erzählt, WIE es zur Bezeichnung Herbstaffen kam? Vielleicht in einem dieser vielen kleinen Facebookposts, sozusagen dem täglichen Absurdistan-Stroboskop bei Social Media? Für alle die es verpasst haben, hier die Wiederholung. Ich muss allerdings zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mehr weiß, welchen Decknamen ich der betreffenden Schülerin damals gab. Es war sicher eine Chantal. Es KANN nur eine Chantal gewesen sein.

Wir sammeln also im Deutschunterricht der fünften Klasse Herbstwörter an der Tafel. Um den in ihrem Wortschatz stark eingeschränkten Schülern ein Vorankommen zu erleichtern, gebe ich Hilfen:

Frau Müller: "Welches Tier ist denn typisch für den Herbst?"
Chantal: "Affe!"
Frau Müller: "Na, überleg nochmal." (Ich bin meistens ein geduldiger Mensch)
Irgendjemand kommt schließlich auf Igel und wir gehen zu den Adjektiven über.
Frau Müller: "Welche Farben sind den typisch für den Herbst?"
Chantal: "Blau!"
Chantal bemerkt meinen resignierten Gesichtsausdruck und möchte mir eine Freude machen: 
"Ach nee, nee, nee! LILA!"

Wenn ich nun aber, nachdem ich täglich gut acht Stunden Lehrer bin, auch noch meine Freizeit damit verbringe, ausschließlich darüber zu schreiben, wie mein Leben als Lehrer ist, dann wäre das schon wieder ziemlich typisch Lehrer. Also verzeiht mir bitte, wenn ich gelegentlich bis öfters mal, auch um ein möglichst breites sozio-voyeuristisches Spektrum abzudecken, meine Gedanken und Ansichten jenseits der Anstalt in Schachtelsätze verpacke. Wo wenn nicht hier werde ich die netten Erlebnisse von sektenähnlichen Vertriebsfeiern, Schwulenpartys oder einer Bordellbetriebsführung los? Zur Kaffeepause im Lehrerzimmer sind Rentner mit Diarrhoe und meine Vierecksbeziehung thematisch nur bedingt geeignet...  
Aus Schlümpfen wird nie Gold und aus einer Katze kein Einhorn

So und wer es bis jetzt noch nicht getan hat, 
und der Müllerin ein Like samt Abo da lassen.
Dann könnt ihr mich nächstes Mal vielleicht
dran erinnern, 
welche Decknamen ich den einzelnen
Schülerindividuen verpasst habe.