Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Donnerstag, 18. Oktober 2018

Gladiatorenkämpfe, Sturzflüge und Gulaschpotpourri - Menschenhass über den Wolken


„Nächstes Mal buch‘ dir einen Plussize-Sitz, du Missgeburt in Überlänge – das kostet nur vier Euro mehr. Oder fliege nicht in meinem Flugzeug!“ höre ich mich im Geiste meinem Hintermann entgegenschmettern, während sich das Knie des Dreimetermannes mit Holzbein seit einer Stunde mit konstantem Druck genau in die Stelle diagonal zwischen meiner linken Niere und dem Kreuzbein bohrt. Ein innereuropäischer Flug der Discounterkategorie wirkt wie LSD auf Misanthropensinne.

Die ersten Fünkchen im Flächenbrand des Menschenhasses stieben bereits auf, als die unfreundliche Frau mit dem bajuwarischen Akzent hinter der Theke mit den belegten Backwaren mehrfach „Werte Kunden, bitte stellen sie sich in einer Schlange von rechts an“ wiehrt, während ich die Vielfalt der Auslage studiere und zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht entschieden habe, ob ich überhaupt Kundin von dieser bellenden Gans mit Fönwelle sein möchte. Nein, möchte ich nicht. Nach dem vierte „Werte Kunden“ habe ich beschlossen, auf das Frühstück zu verzichten. Gefühlsintern die richtige Entscheidung, um der Brötchenziege hinter dem Niesschutz gegenüber nicht handgreiflich zu werden. Gefühlsextern ein Risiko für all meine mir persönlich bekannten Mitreisenden. Sarah erkennt das und erwirbt mir ein Weizenmehlcroissant, vermutlich selbst unter der größten Anstrengung ihren für gewöhnlich tödlichen Laserblick als Teil der RestingBitchFace-Grundaustattung von „Todbringend“ auf deeskalierendes „Zutiefst verachtend“ herunter zu regulieren.

Die Auswirkungen des Weizenmehls auf meine Darmtätigkeit kämpfen nun mit dem Knie des misswüchsigen Riesen hinter mir einen ziemlich hässlichen Gladiatorenkampf, bei dem zwischen den Kontrahenten nur 2 ¾ Lagen billiges Kunstleder, ein paar Gramm Ladyhüftspeck und einhorngleiche Knochenmasse liegen. Sein Übriges steuert der Kleine Müller bei, der mir in regelmäßigen Abständen schlaftrunken seinen Ellbogen in die Flanke bohrt.
Während ich also das Knie angestrengt wegignoriere indem ich mir das Mantra meiner Yogalehrerin „Liebe den Schmerz“ in die Synapsen zwinge, damit ich mir nicht fortwährend neue Flüche gegen den Stelzenmann ausdenken muss, gießt der Rest der Menschen in der Kabine kontinuierlich Öl in den misanthropischen Großbrand.


Handgepäck. Ein Kapitel für sich. Handgepäck. Was inDreiteufelsnamen kann außer Buch, Telefon, Geldbörse, Penisstrohhalm und 1,5kg Handtaschensedimente am Boden der Tasche in zweieinhalb Stunden über den Wolken so wichtig sein, dass man es in einen Trolley packen muss, mit dem man dann allen gegens Knie fährt, bis man seinen Sitz in der hintersten Reihe erreicht hat? Und noch viel wichtiger die Frage: Warum packt man diese Scheißteile oben in die Fächer für das leichte Gepäck, nur um sie dann noch bevor das fucking Flugzeug seine Reiseflughöhe erreicht hat, wieder raus zu zerren? „Das Anschnallsymbol gilt auch für dich, du Pisser!“ schreit es wieder aus meinen Gedanken. Ich glaube, mittlerweile zuckt mein linkes Auge nervös. Pauschalreisen. Der Cruciatusfluch für Eigenbrötler. 

„…Und wenn ein Gedanke kommt, lass ihn einfach vorbei ziehen… rechts einatmen … verschließen… links ausatmen…“ höre ich die Stimme meiner Yogalehrerin aus dem Off.

Die Mehrzahl der Menschen wird, je länger man sie beobachtet, nur umso verabscheuungswürdiger. Warteschlangen zum Beispiel sind prädestiniert für solche Studien im Zeichen der Abneigung. Wie sie sich für das Gefühl, wenigstens einmal im Leben ganz vorne mit dabei zu sein, auf jedes Leben stürzen, das sich morgens gegen fünf hinter einem verwaisten Boardingschalter regt. Wie die Geier aufs Aas.

Die Flugbeleiterin rollt mit dem Fressalienwägelchen vorbei. Essen und Getränke gibt es, genau wie Beinfreiheit, bei ALDIfly nur gegen 24 Stunden vorher online zu entrichtendes Entgelt. Für die Kurzentschlossenen gibt’s Muffins mit dem Feuchtigkeitsgehalt einer Dose Babypuder zum Preis eines Fertigteilhauses. Ich verstehe Menschen nicht, die morgens halb sieben auf einem innereuropäischen Flug unbedingt eine warme Mahlzeit brauchen, die noch dazu weder schmeckt noch einen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Müllvermeidung leistet. Diabetiker natürlich ausgeschlossen. Sind wir doch mal ehrlich. 98,9% der Menschen in diesem Flieger werden die nächsten 7 bis 14 Tage zwischen Strandliege, Buffet und Poolbar verbringen. ALDIfly könnte stattdessen gratis Brotdosen , von mir aus in Trolleyform, an alle Fluggäste verteilen, in denen sich dann jeder für den nächsten Flug selbst geschmierte Stullen belegt mit Mett und Radieschen plus mundgerecht geschnippelte Kohlrabischnitze für’s kollektive Geschmacks-, Lausch- und Duftvergnügen, verpacken und im Handgepäck mitführen könnte. Das bindet gleichzeitig auch den Fluggast ans Unternehmen. Ja, Business kann ich auch. 

Vermutlich würde diese olfaktorische Sinfonie aus 250 Brotdosen auch genauso widerlich duften, wie das Bouquet aus Rindergulasch und Kichererbsen-Masala, welches sich gerade eben in der Kabine ausbreitet während hinter den Fenstern die Morgensonne freundlich strahlt. Lasst euch euer Umami-Frühstück schmecken, ihr Unmenschen.

Jetzt kommt die Halstuchfrau mit dem Müllwägelchen vorbei. Warum wasche ich mir eigentlich meine Haare mit unverpackten Seifenstücken, während diese Verpackungsfaschisten jeden Scheißkeks zum Kaffee extra in Folie wickeln?
Gerade hab ich gesehen, dass der Typ rechts vor mir ne Brotbüchse auf seinem Klapptischchen liegen hat. Sympathischer Typ. Den Pluspunkt bekommt er, wenn auch auf wackligen Füßen, da auf dem Schoß seiner Freundin neben ihm ein gefährlich kleines Kind sitzt. Die kleine Kröte schläft. Er darf seinen Sympathiebonus vorerst behalten.

Fünf Minuten später quäkt der Hosenscheißer. Scheiß auf die Brotbüchse. Alles Idioten hier. Und überhaupt. Was sind das eigentlich für Menschen, die ständig durch das Flugzeug latschen müssen. Vier Mal aufs Klo in zwei Stunden oder was? Wie wäre denn zur Abwechslung mal ein Wanderurlaub in der sächsischen Schweiz? Da lacht sogar die Venenpumpe.

Wir haben es inzwischen fast geschafft. Jetzt nur noch die Landeklatscher. Versteht mich nicht falsch, ich habe weder viel Vertrauen in Technik noch in Personen und gehe auch nicht davon aus, dass jeder meiner Mitmenschen seine Gefühlsausbrüche ebenso gut unterdrücken kann, wie ich. Aber der Pilot macht seinen Job. Okay, es ist für uns alle wichtig, dass er ihn gut macht. Aber sollte man das nicht von Jedem bezüglich der Ausübung seines Broterwerbs erwarten dürfen? Ich meine, mir applaudiert auch keiner, wenn täglich alle meine Schüler am Mittag das Klassenzimmer lebend und ohne offensichtlich bleibende Schäden verlassen. Ich habe auch Helmut und Lieselotte noch nie wie wild klatschen sehen, kurz bevor sie Herrmannplatz/Ecke Brechtstraße die Tram verlassen. Keiner feiert die Wurstfachverkäuferin fürs grammgenaue Mortadellaabwiegen und niemand springt aus dem Jackett, wenn er sein KfZ mit frisch montierten Winterreifen aus der Werkstatt abholt. Das könnte man noch ein Weilchen so fortführen. Und wo bitte bleibt eigentlich der Applaus für jede gewechselte Windel und all die gefütterten Senioren im Altersheim? Für 15 schlafende Terroristen in Spiderman-Schlafanzügen zur Mittagszeit im Kindergarten?

Mit den letzten Klatschern klicken im noch rollenden Flugzeug auch schon die ersten Gurtschnallen und die Geier machen sich zum Sturzflug auf den ersten Platz bereit. Wer das Flugzeug eher verlässt, ist länger im Urlaub, lautet die Devise. 2 Stunden, zwei Martini und ein Ouzo Sunrise, 6 Euro für drei Runden Airhockey und einen beinahe zertrümmerten Lobbycouchtisch später, sind Knie, Geier und Rindergulasch fast vergessen und meine Yogalehrerin im Kopf hat Feierabend. Der Seelenfrieden hält bis ich von meinem Balkon aus beobachte, wie vier stark übergewichtige Britinnen drei Kleinkinder, vier Luftmatratzen, ein Volleyballnetz und ungezählte Bälle in den Sharingpool werfen, während sie Bier aus Dosen trinken und die aktuellen UK Charts grölen. "Oooohm… einatmen.... ausatmen..."


Freitag, 14. September 2018

Von Wunderprosecco, Haarspray mit Lotuseffekt und Yoga in HighHeels


Als ich den großen Müller heute Morgen in die Schule gefahren habe, kam mir eine wirklich originelle Idee. Beim Autofahren habe ich übrigens immer die besten Ideen, genau wie beim Staubsaugen. Nach einem Tobsuchtsanfall im Stadtverkehr hatte ich mal den Geistesblitz, mittels Webcam neben dem Lenkrad eine Art Chat-Roulette „Drivers Edition“ zu erfinden. Man könnte dann anderen beim Autofahren und damit beim Singen, Popeln oder Fluchen zuschauen. Ich denke, das könnte echt lustig werden. 


Jedenfalls kam mir heute Morgen der Gedanke an ein Retro-Videospiel nach dem Super Mario-Vorbild. Das ganze heißt natürlich – völlig logisch – Super Müllerin. Dabei kämpft sich mein pixelgewordenes Ebenbild durch verschiedene Welten, vom Klassenzimmer und dem Schulhof über die Innenstadt und den Supermarkt bis hin zum Stadtfest, den Zoo und den Weihnachtsmarkt. Überall gilt es Schüler zu besiegen, in dem man sie mit Kreide und Schlüsseln bewirft, Kollegen und Eltern muss man ausweichen. Oder man schützt sich, indem man Ohrenschützer aktiviert. Den Schlüssel und die Ohrenschützer muss man aber, ähnlich wie bei Legend of Zelda das Schwert und den anderen Kram, erst mal finden. Ja, ich lege Wert auf Realitätsnähe. Man kann kleine Proseccodosen oder Schnapspralinen finden, die machen dann stärker oder schenken einem ein Extraleben. Die Schulleiterin könnte zum Beispiel ein Endgegner sein. Oder ein Schüler mit ADHS auf Ritalinentzug. Oder ein alkoholisierter Vater. Ich denke wirklich, das würde Spaß machen.
So könnte es aussehen, wenn Super Müllerin einen Justin trifft, der vor einer Unsterblichkeits-Proseccodose patroulliert (nur ohne Bart vielleicht)

Ur-Keim dieses gedanklich schon bis ins Detail ausgesponnenen Gedankenkonstrukts war übrigens mein aktives geistiges Klemmbrett zum Thema Freizeitsport, im Speziellen zum Schwimmen in öffentlichen Badeanstalten. Dort versuche ich mich nämlich seit kurzem wieder regelmäßig aufzuhalten (wenn man nach dreimal schon von regelmäßig sprechen kann). Vergangene Woche habe ich mich im Wasser wie Mario zwischen den Bowsern gefühlt. Der Rest kam dann aus meinem Hirn gesprudelt, wie Cola aus der Flasche, wenn man ordentlich schüttelt oder Mentos rein schmeißt.

Wenn sich der Leser jetzt fragt „Warum um alles in der Welt geht die Müllerin schwimmen? Das ist Baden in Menschensuppe mit nicht zu unterschätzendem Urin- und Schweißanteil und macht außerdem keinen Spaß, dafür aber ein breites Kreuz“ so muss ich ihm zunächst beipflichten. Aber nach dem Zurateziehen meines wankelmütigen Bindegewebes, der nicht vorhandenen alternativ ebenso leicht zu erreichenden örtlichen Möglichkeiten das körperliche Aktivitätsniveau zu heben, erschien mir das wöchentlich einstündige Verdrängen von Wassermassen als das geringste zu erbringende Opfer für einen kaum merklich verlangsamten Verfallsprozess. 


Okay, ich könnte joggen gehen. Aber zum einen erscheint mir Joggen insgesamt von allen Ausdauersportarten am sinnfreiesten und zweitens bin ich beim Sport am liebsten allein. Das heißt nicht, dass ich nicht Menschen im selben Raum oder Wasser dulde. Auch wenn ich mich erst gestern Abend nur knapp zurückhalten konnte, dieser dauerkichernden Ollen zwei Matten neben mir meinen hölzernen Yogablock mit Wucht gegen den Kopf zu schmettern. Oder sie mit dem Yogagurt zu erwürgen. Nur der Grad meiner Entspannung hat schlimmeres verhindert. 

Das bedeutet einfach, dass ich dabei ungern Mann, Freunde oder Kollegen dabei habe, von denen auch nur die geringste Gefahr ekelhafter Motivationsversuche ausgeht beziehungsweise die meinem Hang zur Selbstgeißelung auch nur im Ansatz im Wege stehen. Also müsste ich alleine laufen gehen, im Wald versteht sich. Denn auf der Straße sind Menschen. Im Wald hab ich aber Angst. Selbstverständlich nur vor den Wildschweinen. Daher geh ich schwimmen.

Mannschaftsport fällt ebenso aus, das ist wie die Gruppenarbeiten früher in der Schule oder Uni. Kryptonit für Misanthropen. Fitnessstudios genauso. Sarah hat mich vor kurzem gefragt, ob ich mit ihr mal hingehen will, weil sie meinen Bindegewebsmonolog nicht mehr ertragen konnte. Ich hab ihr mit einer Gegenfrage geantwortet: Hast DU Lust, mal einen Tag in einer Krippengruppe zu verbringen, in dem der Norovirus grassiert?
Dieses Gerätetraining. Wuäh. Fluchtreflex. Und dann kommt vielleicht noch ein gutaussehender Kerl Mitte Zwanzig mit Namensschild und sagt mir, dass ich irgendwas falsch mache? Hallo? Ich darf ja wohl immer noch selbst entscheiden, wie ich mir meinen Nacken verspanne. Werd erstmal so alt wie ich, Bengel. Kurse. Genauso schlimm. Keinen Bock, mich von ner Gleichaltrigen mit Caprileggings und übermotiviertem Bindegewebe im Sinne der Motivation anschreien zu lassen und dazu auch noch schlechte Musik zu hören.

Ach ja, zu Hause Sport machen geht auch. Hört sich eigentlich total schlüssig und sinnvoll an. Scheitert aber an der Realität und vor allem am Sofa. Ich habe mir sechs lange Sommerferienwochen vorgenommen, irgendwann mal morgens Yoga auf meiner Terrasse zu machen. Und dann kam etwas, das nannten Meteorologen „Jahrhundertsommer“. Ausrede genug.
Also geh ich in die Schwimmhalle.

Wenn ich einen Bikini und Badeschlappen im Auto habe, dann kann ich auch schwimmen.
Wenn ich vier Euro bezahlt und das Drehkreuz unwiderruflich passiert habe, dann kann ich auch schwimmen.
Wenn ich schon mal mitten am Tag in Badeklamotten am Beckenrand stehe, dann kann ich auch schwimmen.
Wenn ich mich schon ins 28 Grad kalte Wasser gehievt habe, dann kann ich auch schwimmen.
Wenn ich fünf Minuten geschwommen bin, dann kann ich auch ne Stunde schwimmen. Muss sich ja schließlich lohnen.

Meine Art der „Wenn dann“-Motivation. Letztlich schwitze ich beim Schwimmen nicht, meine Hüfte macht keine komischen Geräusche und das Risiko, mich zu verletzen ist gering. Dank meiner fürstlichen Arbeitszeiten, kann ich die öffentliche Badeanstalt schon am Mittag aufsuchen. Das hat den Vorteil, dass der Kinderanteil in dieser Halle mit der unvorteilhaften Akustik, gegen Null geht. Hausaufgaben statt Arschbombe heißt die Lösung. Eltern sind auch keine da, denn von 12 bis 2 läuft das Mittagsmagazin auf RTL.

Wer geht also wochentags zur Mittagszeit schwimmen außer Lehrer? Rentner natürlich. Vormittags sind sie beim Arzt und nachmittags überrennen sie die Supermärkte. Allerdings habe ich in meiner als Langzeitstudie angelegten Beobachtung (die zum gegenwärtigen Zeitpunkt drei Besuche umfasst) noch keine Ursachen für die tageweisen Schwankungen der Rentnerdichte eruieren können. Ich hatte bereits das Vergnügen, im fast leeren Becken in trauter Einsamkeit vor mich hin planschen zu dürfen, war allerdings auch schon genötigt, permanente Ausweichmanöver wie der Sat1 Superball zu vollziehen. Ich vermute eine Korrelation mit dem vierzehntägig stattfindenden Wochenmarkt in der Innenstadt. 

Jetzt hätte der konsequente Misanthrop in mir ab dem dritten Senioren auf der gleichen Bahn konsequent das Becken verlassen und nach Hause gehen können, weil aber der Sportler in mir konsequenter ist, hab ich lieber den Joey Kelly gemacht, durchgezogen und mich dabei in menschenkategorisierenden Gedanken verloren.

Da sind zunächst die Enten. Es gibt sie in allen Altersgruppen. Ich bin übrigens auch eine Ente. Man erkennt sie am konsequenten Brustschwimmstil und den trockenen Haaren, gegebenenfalls auch am unversehrten Make-up, das allerdings einen besonders langen Entenhals erfordert. Die jüngeren Enten (ich zähle mich auch knapp dazu) schützen ihr Kopfgefieder durch stylische Duttaufbauten, weswegen ich sie Schmuckenten nenne, die älteren Enten durch nicht minder modische Badehauben oder drei bis acht Extraschichten Haarlack. Die Entscheidung für eine der beiden Varianten hängt vermutlich von der Frische der Kaltwelle im edlen silbergrauen Kopfputz ab. 


Außerdem erkennt man die Enten an ihrem charakteristischen Duft, dessen Stärke und Nachhaltigkeit proportional mit dem Alter der Ente zunimmt. Ein Rudel sehr alte Enten wird zuweilen umgeben von dichten Nebelschwaden aus 4711 und Tosca, die an das Caspar David Friedrich-Gemälde einer Moorlandschaft erinnern. Außerdem steigt auch die Zeit, die die älteren Wasservögel innen am Beckenrand ähnlich einer Nudel am Topfrand klebend, verbringen proportional zum Alter.

Das männliche Pendant dazu sind die Dampfer. Eisbrecher wäre ebenso passend. Oder Walrösser. Denn genau wie ihre Namensgeber, durchpflügen nicht selten übergewichtige Männer jenseits der Lebensmitte ohne Rücksicht auf möglichen Gegenverkehr das Wasser. Dabei kämpfen viele von ihnen gegen erhöhten Wasserwiderstand aufgrund dichter Rückenbehaarung. Jeder dieser Pelzträger wäre angesprochen auf seine üppige Körperbehaarung bei einer Kontra-Burkini-Diskussion sofort mundtot. Im Gegensatz zu den Enten, treten die Dampfer meist als Einzelexemplar auf, benötigen jedoch wegen ihres sehr ausladenden Rückenschwimmstils genauso viel Platz wie ein mittelgroßes Entenrudel. Ein Dampfer hat mich einmal unter Wasser am Schenkel leicht touchiert und sich, als er mir auf der nächsten Bahn erneut entgegen kam, sehr förmlich entschuldigt und mir dabei versichert, dass es sich nicht um sexuelle Belästigung handelte. Ohne Witz.

Schließlich gibt es noch die Hechte. Von ihnen gibt es männliche und weibliche Exemplare, auch gibt es sie in nahezu allen Altersklassen. Echte Hechte erkennt man an der sehr funktionalen Badebekleidung zumeist einschlägiger Hersteller, der obligatorischen Schwimmbrille und nicht selten einer sportiven Badekappe. Hechte steigen nicht über die Leiter ins Becken sondern benutzen die vorhandenen Startblöcke. Außerdem halten sich Hechte in der Regel auf der abgegrenzten Bahn links außen auf, um im Training nicht auf Enten zu stoßen. Befinden sich sehr wenige Hechte im Becken, wird neu ankommenden Enten nicht selten fast völlige Leere im Wasser suggeriert, da sich Hechte größtenteils unter der Wasseroberfläche aufhalten. Das alles hat zur Folge, dass ich mich, wenn ich gemeinsam mit Herrn Müller die Badeanstalt aufsuche, bereits beim Betreten der Schwimmhalle von ihm verabschiede, da sich die Schwimmstile von Hechten und Enten eher schlecht miteinander vereinen lassen.

All diese Menschen sind da, aber sie sprechen nicht mit mir. Zwischen ihnen und mir befindet sich wohltuendes Schweigen und eine gesundheitlich nur knapp unbedenkliche Menge Chlor. Das und die Tatsache, dass man beim Schwimmen keine Schuhe trägt, lassen mir die Schwimmhalle als einen geeigneten Ort erscheinen, an dem ich mich sportlich betätigen kann. Vermutlich werden immer dann, wenn mein Puls steigt, Urinstinkte bei mir geweckt, die mir signalisieren, dass ich meine Füße entkleiden muss. Das klappt beim Yoga, wie beim sporadischen Kampfsport genauso wie beim Schwimmen. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass Turnschuhe nicht hübsch sind und es sich in HighHeels schlecht turnt.

Mittwoch, 2. August 2017

Frau Müller und die heißen Eisen: Meine Chakren stemmen keine Hanteln!



Bloggen hat einen enormen Vorteil: unter dem Vorwand der Recherche gelingt es einem immer wieder, die absurdesten Aktionen als Recherche vor der Welt und sich selbst zu rechtfertigen. Und als guter Autor überschreitet man zuweilen seine eigenen Grenzen. Nur für die geneigte Leserschaft...

Vorweg: es gibt ja bestimmte Weltbilder, die Menschen nach ihren Elementen einteilen. Ihr wisst schon, Erde, Wasser, Luft und so. Mein Element ist Sofa. Bedeutet: Bewegung, egal wo, ist grundsätzlich nichts, zu dem sich mein Körper ganz von allein hingezogen fühlt. Jetzt nützt es ja nix, auch wenn ich Expertenmeinungen gerne selbstgerecht in Frage stelle: eines hat mich mein Leben mit dem Jojo-Effekt gelehrt – ganz ohne Leibesertüchtigung ist es schwierig den eigenen Körper in Stand zu halten.

Vor etwa zehn Jahren habe ich Yoga für mich entdeckt. Hier bitte, da habt ihr ein Klischee. Die Lehrerin macht Yoga. Für mich als Sofa-Mensch steht bei dieser Form sich zu bewegen, das Verhältnis zwischen Anstrengung und Effektivität genau im richtigen Gleichgewicht. Außerdem bin ich beim Yoga auch in der Gruppe mit mir allein. Wenn ich nicht möchte, muss ich mit niemandem reden. Wunderbar. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Kürzlich überredete mich meine beste Freundin Sarah dazu, doch mal eine Probestunde in ihrem Fitnesskurs zu besuchen. Hm, denke ich: Hallo Tellerrand, dann mach ich das doch mal. 

„Komm doch mal mit zum Hot-Iron“ sagte sie immer dann, wenn ich an meinem Innenschenkelfett herumnörgelte.
„Muss ich da beide Arme und beide Beine gleichzeitig koordinieren? Das kann ich nämlich nicht!“ gab ich als Einwand zu bedenken.
„Nein!“, antwortete sie (ein bisschen hatte sie gelogen, wie sich im Nachhinein rausstellte). 
„Muss ich mich rhythmisch zu Musik bewegen? Das kann ich nämlich auch nicht!“ – der Kampf war noch nicht verloren.
„Nein!“ antwortete sie abermals und log erneut. 
„Okay, ich sag dir gleich: ich habe weder Kraft noch Ausdauer.“ Immerhin galt es, keine falschen Erwartungen zu schüren.
„Kein Ding, antwortete sie, du kannst ja langsam anfangen.“ Dabei rechnete sie nicht mit meinem Ehrgeiz.

„Ich hab dich mal zum Probetraining angemeldet“ war das nächste. Zwei Tage später saß ich schon auf dem Hinweg im Auto, verfluchte mich selbst für meine Entscheidung und fügte Fitnesskurse gedanklich meiner Liste der Orte hinzu, die Misanthropen meiden sollten. 
Der Fairness halber: es handelte sich beim Austragungsort weniger um ein Fitnessstudio im klassischen Sinne als vielmehr um irgendwas Eklektisches, zusammengesetzt aus Praxis, Physio und Mehrzweckraum. Also nix Ergometer und schweißschillernde Narzissten. Immerhin.
Als erstes zahlte ich 1,50€ für einen knappen Liter Wasser aus einem profanen Wasserhahn. Ganz schöne Preise für den Kubik-Liter Wasser haben die hier in der Nachbarkleinstadt. „Nein“, klärt mich Sarah auf, "das ist speziell gefiltert." Aaaaha. Der Verzehr von mitgebrachtem Wasser ist nicht gestattet. Ich kann mir das jetzt kaum erklären aber irgendwas wehrt sich in mir, das zu verstehen. Wie auch immer, wer schwitzt muss trinken und auch wenn die Probestunde kostenlos ist, das Wasser ist es nicht. Vielleicht kann ich ja ab morgen mit Tieren sprechen oder Farben schmecken. Ich gebe dem Zauberwasser eine Chance.

Während wir im gesellig-gesprächigen Grüppchen (ich nicht!) darauf warten, dass die Menschen, welche uns eine Stunde lang den gleich notwendigen Sauerstoff aus dem Trainingsraum geatmet haben, die Arena verlassen, höre ich von oben Trainergeschrei und Musik. Ich unterdrücke den Fluchtreflex erfolgreich. Das Gefühl ähnelt diesem "Was hab ich mir nur dabei gedacht" wenn die Achterbahn anfährt.

Man baut also auf: Steppdings, Matten, Hantelstangen, Gewichte – ein Equipment als würde man mit dem A-Team einen improvisierten Hubschrauber zusammenschustern wollen. Was dann folgt ist eine reichliche Stunde rhythmische Kniebeuge, Bankdrücken und anderes Hantelgefuchtel. Sarah neben mir mit riesigen Gewichten und diesen Handschuhdingern, die Gewichtheben professionell aussehen lassen und vermutlich ihre zarten Lady-Hände vor Schwielen schützen sollen.

Ich gebe zu: ich rülpse ab und zu laut, kann sehr ordinär fluchen, weiß wie man mit nem Fuchsschwanz umgeht, habe eine Wand unseres ehemaligen Badezimmers provisorisch gefliest und mochte noch nie Seifenopern aber wenn es um Hanteln – also Langhanteln – geht, dann bin ich eine Lady. Wenn mein Auftrag ‚Ölwechsel bei einem Traktor' gewesen wäre, dann hätte ich mich vermutlich genauso deplatziert gefühlt.

Das Tragen von Turnschuhen bei diesem Hantel-Popmusik-Inferno hat wahrscheinlich Gründe, die man spätestens versteht wenn einem das erste Gewicht über den  kleinen Zeh gerollt ist. Für mich - den überzeugten Yogi -  fühlt sich Leibesertüchtigung mit Schuhen an wie Sex mit Socken. Irgendwie nicht richtig.

Diese ganze Gewichte-Stemmerei findet zu allem Übel noch vor einem riesigen Spiegel statt. Klar. Ich geh zum Sport um meinen schwabbelnden Körper beim Schwabbeln zuzugucken. Das ist fast so angenehm wie Umkleidekabinen bei H&M. 
Ich habe mich früher beim Schulsport auf dem Schwebebalken immer sehr grazil gefühlt. Bis mir meine burschikose Sportlehrerin immer wieder Dreien gab. Mein sportliches Selbst wurde mit jedem weiteren „Befriedigend“ systematisch demontiert. In der Turnhalle von damals gab es eben keine überdimensionierten Spiegel, die mein trügerisches Körpergefühl mit der Reflexion unbarmherziger Realität erdeten.

Die Trainerin war objektiv betrachtet nett. Subjektiv betrachtet hasse ich JEDEN, der mir bei körperlicher Anstrengung Motivation von außen zuzuführen versucht. Da mache ich auch vor Familienmitgliedern nicht halt. Herr Müller kennt das und nimmt mein „Halt die Fresse!“ nicht persönlich, wenn wir einmal im Jahr zusammen laufen gehen. Ich bin lieber allein mit mir wenn ich mich anstrenge. 

Genauso ist es mit Lob. Geht mir auf den Nerv. Schlimm. Fürs erste Mal machst du das echt toll. Ach fickt euch doch. Ich bin Lehrer! Ich weiß, dass fast jedes Lob eine Lüge oder zumindest nur hübsch verkleidete äußere Motivation ist. Könnt ihr behalten. Lasst mich - ich kann das. Bin schon groß. Ich motiviere mich selbst. Oder eben nicht.

Der Zauber ist vorbei nach einer Entspannung am Schluss, die dem Yogi in mir alle Chakren erschüttert. Während sich die restliche Gruppe gegenseitig wieder sehr abstoßend motiviert indem alle ihre gesteigerten Gewichte in eine große Flipchart-Tabelle eintragen, kuckt mich Sarah erwartungsvoll an, nicht ohne ein anerkennend-freundschaftliches „Du hast dich echt gut angestellt“. „Das hier hat für mich den Spaßfaktor von Laufen gehen.“ Mehr muss ich Sarah nicht sagen, sie hasst Joggen genauso wie ich. Damit ist alles gesagt.

Was soll ich sagen: ich spreche dem Training seine Effektivität nicht ab. Die Treppen zum Umkleideraum runter fühlen sich meine Beine wie nahe zur Querschnittslähmung an, meine Füße gleichen denen der bösen Königin aus Schneewittchen am Ende des Märchens. In den darauffolgenden Tagen habe ich den Muskelkater meines Lebens, der mich nahezu erwerbs- nein – bewegungsunfähig macht. Nachts kann weder Herr Müller noch ich selbst schlafen, da ich bei jeder Bewegung vor lauter Schmerzen laut aufstöhne. Beim Aufstehen oder Aussteigen aus dem Auto wirke ich wie eine Wöchnerin mit schlecht verheiltem Dammriss. 

Aber: ist es wirklich besser sich FÜR den Körper zu quälen, den man sich wünscht als sich MIT dem Körper zu quälen, den man hat? Wasser, welches erst durch neuseeländsiches Vulkangestein gefiltert und dann mit den Tränen jungfräulicher Albino-Zebras veredelt wurde, kann mir die Sache auch nicht schmackhaft machen. Trainerinnen mit militärischem Grundton erwarten mich schon täglich hinter der Tür der Chefetage und dieses Hantelding… ich glaube irgendwann würde ich mich selbst oder wen anderes damit ernsthaft verletzen.

Als wir gehen, empfiehlt mir Sarah noch am selben Abend ein basisches Bad zu nehmen um dem Muskelkater vorzubeugen. Tue ich nicht. Ich muss ja schließlich erstmal das Erlebte verbloggen. Vielleicht nehme ich Sarah irgendwann mal mit zum Yoga, danach interviewe ich sie zu ihren Eindrücken und mache auch einen Artikel daraus. Das wird sicher unterhaltsam. 

ob ihr noch mehr als nur das Element SOFA mit mir teilt.