Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 18. Juli 2018

Sektsklaven, Arschfummel und gerettete Augenbrauen - wie man einen Junggesellenabschied feiert ODER Wer braucht schon eine Braut



Es ist Sommer und damit Hochzeitshochsaison. Zu den traditionellen Must-Haves eines jeden Vor-Hochzeits-Horrors gehört ein zünftiger Junggesellenabschied...

Junggesellenabschiede scheinen sich sowohl bei einigen Teilnehmern als auch bei Beobachtern keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Wenn wir auf ein solches Grüppchen treffen, wechseln wir wenn möglich sofort die Straßenseite, schauen angestrengt in die andere Richtung oder schubsen die Freundin nach vorn, wenn es darum geht, dem stark alkoholisierten Bräutigam in Spe ein Herzchen aus dem Schritt seines rosa Schlüpfers zu schneiden.

Auch man selbst empfängt die Nachricht, Teil einer solchen „Bauchladen-Fremdschäm-Aktion“ in der Fußgängerzone zu werden, ähnlich freudvoll wie einen positiven Streptokokken-Abstrich. 
Frau Müller sagt: KOMMT DRAUF AN!

Ein erfolgreicher Junggesellenabschied ist in etwa wie Eintopf kochen. Zu allererst – und das ist ganz wichtig: genauso wie ein Eintopf mit oder ohne Fleisch schmecken kann, funktioniert ein JGA mit oder ohne Braut bzw. Bräutigam. Man muss sich einfach herantrauen an solch eine vegetarische Variante .

Wir hatten vor zwei Jahren einen äußerst legendären echten Junggesellenabschied. Höhepunkte waren mehrere Flaschen Sekt, spendiert vom regionalprominenten Baulöwen gesetzten Alters, die in Teilen aus Pumps getrunken wurden, der Bräutigam in Socken, Schlüppi und T-Shirt mit "SALE"-Aufdruck im Schaufenster einer Teenager-Modekette, der gemeinsame Ausklang beider JGAs (Braut und Bräutigam) im Stripclub, bei dem die Braut von einem irritieren weiblichen Gast gefragt wurde „wieviel sie hier an einem Abend verdient“, ein von unserer frisch getrennten Freundin an der Bar abgeschleppter Chirur, der auch prima Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen drauf hatte und das finale Versacken mit allen Beteiligten um morgens halb fünf im Hotelbett. Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen dann der Beschluss: war scheiße - das machen wir mal wieder! 
Völlig egal, wenn niemand heiratet geht es auch ohne Brautpaar. 

Die Sache mit dem Bauchladen ist wie Wirsing – da kann man drauf verzichten, da steht eh kaum jemand drauf und der Effekt ist nicht wie erwartet. Die Teile funktionieren wie Freddy Krügers Klingenhände. Erst sie machen das Ganze so abstoßend. Es reicht völlig gut auszusehen und in der Gruppe aufzutreten. Damit erweckt man genug Aufmerksamkeit.  

Stichwort "Gut aussehen": ALLES was ihr beim Versandriesen unter dem Suchbegriff "Junggesellenabschied" angezeigt bekommt. gehört NICHT dazu. Damit übt ihr eher eine abschreckende Wirkung aus, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Menschen an den Tischen der Straßencafes angestrengt in ihrem Latte rühren sobald ihr in Sichtweite gelangt.

Dann ganz wichtig: KEINE Schwangeren oder Stillenden! Tut mir leid wenn ich das so proletenhaft sagen muss aber: Alkohol ist das Salz im JGA-Eintopf. Ja, manch eine Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie den Sprecher nicht gerade auf das Level eines Philosophen hievt. Und kommt mir nicht mit "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Das ist wie Jodeln - nur ein Bruchteil der Personen, die behaupten sie könnten dass, können es tatsächlich.

Zu viele Drinks sind auch nicht gut. Es kann nämlich passieren, man legt sich unter massiven Alkoholeinfluss nur ganz kurz im Hotelzimmer hin um später selbst durch laute Klopfattacken nicht zu erwachen, so dass das Gruppentaxi ewig wartet und eine Befreiung erst durch eine an der Rezeption erbettelte Schlüsselkarte möglich wird. Manche Aktionen verlieren durch zu viel Alkohol auch ihren Charme. Unwiederbringlich weggeworfene Schlüssel von Fußfesseln oder abrasierte Augenbrauen zum Beispiel. Alles schon erlebt. Mindestens einer oder eine sollte die JGA-Mutti machen und eingreifen, bevor der Tätowierer die Maschine ansetzt. Der Shitstorm des Moments ist nicht aufzuwiegen mit lebenslanger Dankbarkeit.

Mit zu wenig Sekt schmeckt der Eintopf aber fade und wird nicht aufgegessen bzw. alle sitzen um halb elf im Zug und fahren nach Hause. Auch schon erlebt.

Ich hörte sogar schon von Junggesellinnenabschieden, bei denen Mütter ihre Kinder mitnahmen. Hallo? Ein Kinderwagen zum JGA ist ungefähr so passend wie mit einem BobbyCar an einer Ausfahrt der HellsAngles teilnehmen zu wollen. Kann man zwar machen aber das führt dazu, dass die ganze Gruppe nicht mehr ernstgenommen wird. Ein Junggesellenabschied ist nicht wie Kacken gehen. Wenn sich das große Geschäft ankündigt, dann MUSS man halt, notfalls mit Hosenscheißer neben der Kloschüssel. Kollektiv auffallen KANN man auch aufschieben und auf einen Zeitpunkt termineren, zu dem sich die Küken ihre Würmer selbst suchen können und nichts von Mama in den Hals gesteckt bekommen müssen. Notfalls lasst ihr die Glucken einfach daheim.

Ganz wichtig ist noch das Ambiente in dem der Eintopf serviert wird, so wie man in einem Nobel-Restaurant niemals auf die Idee käme, Eintopf brotstippenderweise vor sich hin zu schlürfen sondern das eben eher bei Mutti auf der Eckbank tut, sollte man einen JGA oder Pseudo-JGA (die vegetarische Variante ohne Brautpaar) nicht in die Fußgängerzone der Kleinstadt verlegen. Ein Junggesellenabschied im Einkaufscenter? Leute, ganz ehrlich, wenn das euer Makrokosmos ist, was ist dann der Mikrokosmos? Euer Nachttisch?

Man nehme also zum Beispiel großstädtisches Flair garniert mit dem regenbogenfarbenen Glitter des Christopher-Street-Days. Dies bietet Raum für öffentlich konsumierten Alkohol, viel nackte Haut, obszönes Verhalten und Phallus-Symbole auf offener Straße. Man muss sein Rezept unterscheiden von Standard-Eintöpfen, damit es gegessen wird und auch Kritiker mal kosten. Also keine Schärpen, rosa Krönchen und „Xy heiratet“-Tops sondern schwarze Mini-Fummel mit sehr hohem Nuttenfaktor und für den Trash-Bonus ein Gruppen-Regenbogen-Arsch-Tütü! Ich hab mich umgeschaut: Wir sind die Geilsten hier.


Für unseren vegetarischen Bitch-Barbie-Eintopf fehlt nur noch diese eine besondere Zutat, sozusagen das gewisse Etwas: wie Ingwer, Muskat oder Creme Fraiche. Also werfen wir noch einen niedlichen devoten Schwulen in den Topf, der es liebt sich mit schönen Hetero-Frauen zu umgeben und von uns allen die größte und einzig wahre Hure ist - und das mit Stolz und nach eigener Aussage! 

Irgendjemand muss ja den Trolly mit den Prosecco-Dosen und Einhorn-Lollies ziehen. Rick, unser homosexueller Haupt-Sekt-Sklave der ersten Stunde hat im Vorfeld weder Kosten noch Schmerzen gescheut und zusätzlich zur Hyaluronsäure-Implantation am Augenknochen täglich Termine zur permanenten Haarentfernung auf sich genommen. Kaum zu glauben, dass er – der seinen Beauty-Doc auch gerne mal mit der anderen „Spritze“ von hinten an sich ran lässt wenn die Botox-Dosis dafür umsonst ist - zumindest dann mal rot wird, wenn er in Hündchenstellung auf dem Behandlungstisch kniet um sich auch den allerletzten kleinsten Flaum permanent entfernen zu lassen.
 
Rick ist unser Mädchen für alles. Er pilgert los und holt Wasser, wenn unser Küken feststellt, dass der Pegel ungewohnt hoch ist, er mimt bereitwillig die Braut wenn mit Google geplante JGAs die Botschaft unseres Grüppchens nicht so ganz verstehen und geht in erbitterte Preis-Verhandlungen, wenn wir mal wieder als begehrtes Foto-Motiv herhalten müssen. Notfalls streckt er dem Fotopirat energisch die flache Hand gegen die Linse. Im Übrigen sorgte dieses wirtschaftliche Talent am Ende für eine prall gefüllte Schwarzkasse und das ohne dass wir ursprünglich Gewinnabsichten hatten. Zum Dank darf er sich von uns an der Leine führen lassen und sich mit uns schmücken. Oooooh my fucking goooooood – wir sind sooo awesome!

Der Eintopf köchelt vor sich hin – mit der Mengenzusammensetzung der Zutaten hat jedoch der ein oder andere seine Probleme. Es ist Sellerie. Nicht jedermanns Sache. Wichtige Benimm-Regel: Versohle dem besoffenen Junggesellen und seinen Kumpels den Arsch, so dass er sich nach dem Ausnüchtern durch die blauen Flecken daran erinnert, dass er in der Fußgängerzone blank gezogen hat, aber zieh ihm in Gottes Namen nicht die Hose ganz runter. Das will KEINER sehen. Also ich mag Schwänze nicht so gerne ankucken, wenn sie schlaff an einem Besoffenen mit Strohhut runter baumeln. 
Korrekt wäre ein divenhaft-abweisender Gesichtsausdruck gepaart mit der Peitsche in den verschränkten Armen und die Aussage über sich selbst in der 3.Person: „Die Domina hat jetzt keine Lust!“ gewesen, nur um sich dann doch für ein paar Schläge herabzulassen. So fühlt sich der Gepeinigte geehrt und nicht vergewaltigt. Das hat Stil.   
Was bleibt vom Sellerie ist der Nachgeschmack  - wie die Aussage „Sonntag ist mein Tag. Da dusche ich und kuck mich im Spiegel an!“, ein Satz der uns allen noch heute Muskelkater in den Denkfalten auf unserer noch ungebotoxten Stirn verursacht.

Wie auch immer, Eintopf geht immer – und lecker war es trotzdem irgendwie. Wir werden am Rezept feilen. Vielleicht etwas weniger Sellerie, dennoch vegetarisch. Wir brauchen die Braut wie der JGA den Bauchladen – sowas von gar nicht.  Mal sehen was uns noch so an Geheimzutaten einfällt. Glitzer und Regenbogen geht immer. Und Einhörner. Um Himmels Willen, vergesst die Einhörner nicht! Und nein! Flamingos sind NICHT die neuen Einhörner. Weil Äpfel auch nicht die neuen Birnen sind. Wo kommen wir da hin!

Schau bei Frau Müller auf Facebook rein 
wenn du keine Angst vor Einhörnern hast. 
Wenn du ein Einhornphobiker bist - 
Tu es trotzdem. 
Ängste sind da um besiegt zu werden.
Tatsächlich enthalten höchstens 0,35% aller Posts Einhörner.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Schuldige Luftballons, fehlende Spirituosen und Magic Mike im Kinderwagen: Kinderfeste sind kein Spaziergang


Ich bin stets bemüht, den möglichst vielseitig interessierten Leser anzusprechen. Daher finde ich auch nichts daran befremdlich, direkt nach einem Artikel über Swingerclubs und Wege zur Eheöffnung eine Story über Kinderfeste zu veröffentlichen. Auch wenn ich es mir manchmal gerne anders herum wünsche: derzeit besuche ich letztgenannte Veranstaltungen öfters als die körperbetonte Erwachsenenvariante. Das liegt primär daran, dass die Müllerkinder leider immer noch nicht aus dem Alter heraus sind, in dem man bei Hüpfburgen den Spaß und nicht die Bakterien sieht und sekundär an Sarahs „Robbenmann“-Trauma vom letzten Clubbesuch. Letztlich leben Müllers in einer Art Scheindemokratie, in der man zumindest manchmal den Kindern Mitspracherecht bei der Freizeitgestaltung einräumt (und sei es nur für's Gewissen), Sarah und Marco haben als Gegenstück der Quattroehe so eine Art doppelte Staatsbürgerschaft und nehmen nicht an jedem Entscheid teil, entgehen dadurch aber auch in der Mehrheit der Teilnahme an Kinderfesten. Das ist auch gut so. Für die Kinder. Und vor allem für Sarah.

Schon vor über 30 Jahren schafften es solche Events nicht, mir ehrlich positive Emotionen zu entlocken.
Meistens läuft es ja so: Man fährt einige Wochen täglich auf dem Weg zur Schule möglichst so schnell an den Plakaten für solche Veranstaltungen vorbei, dass man hofft, die Kinder könnten auf Grund der Geschwindigkeit die quasi vorbeifliegenden bunten Buchstaben und Clownsnasen nicht erfassen. Irgendein Kind aus der Klasse posaunt dann aber heraus, dass es mit seinen offenbar distanzgeminderten und grenzwahnsinnigen Eltern genau dieses Fest am Wochenende besuchen wird und so nimmt das Unglück seinen Verlauf. „Mutti, da könnten wir doch auch mal hingehen.“ „Wir könnten es aber auch lassen.“ - „Aber…!?“ Hat also wieder nicht geklappt.

Man hofft bis wenige Minuten vor dem Aufbruch zum bunten Reigen aus Schmetterlingen mit Zahnlücken und rothaarigen DarthVaders zumindest auf meteorologische Kooperation obwohl einem unterbewusst völlig klar ist, dass es schon Scheiße regnen müsste, um die Kinder noch von ihrem freudbetontem Plan abzubringen. Ist ja eigentlich auch egal ob es regnet oder arschkalt ist, wir sind ja eh im Bubblefußball. Dass Frau Mutter nur knapp an einer Nierenbeckenentzündung vorbeischrammt, während sie Jacken und Rucksäcke haltend wie ein Lakai im Matsch wartet, weil unter allen schützenden Bäumen Gruppen aus Müttern mit Babybäuchen oder Kinderwagen stehen, wird billigend in Kauf genommen.

Schon mehrfach habe ich direkt beim Erblicken der ersten Menschenansammlungen im Umfeld solcher Festivitäten leidvoll feststellen müssen, dass ich schon wieder den Flachmann vergessen und noch nicht mal Zugriff auf einen Handtaschenprosecco habe. Freilich kann man diesen groben Planungsfehler niemandem anderen außer mir selbst zur Last legen. Dass sich der Alkoholausschank bei Familienfesten allerdings in der Regel auf Bier und süßen Sekt beschränkt, betrachte ich als groben Affront.

Man kann sich im privaten Umfeld andere Eltern und Kinder so gut es geht vom Hals halten, indem man den notwendigen Smalltalk auf ein „Hallo“ beschränkt. Als Lehrer allerdings ist man quasi dienstlich zu mehr als einer Begrüßungsfloskel verpflichtet. Da die Mehrzahl der Eltern und Kinder Dienstpflicht von echtem Interesse allerdings nicht unterscheiden können, wird einem in der Freizeit oft unmenschlich viel Interaktionsbereitschaft abverlangt. 
Mein Lehrerdasein und die dienstlich verpflichtende Bekanntschaft mit den Eltern der geschätzten Schülerpersönlichkeiten ist übrigens auch ein tragender Grund für den großen Bogen, den ich um öffentliche Badeanstalten mache. Ich möchte Frau Meier weder im Badeanzug sehen noch ihren sieben Kindern dabei zuschauen, wie sie sich endlich mal ihre schmutzigen Ohren waschen.

Hier auf dem Land ist ein Kinderfest ja immer auch ein Ereignis, dass sich nicht allein durch die Anwesenheit der unfertigen Menschen im Arbeitstitel sowie ihrer Erziehungsberechtigten definiert. Wenn sonst nichts los ist, trifft man dort nämlich auch die pubertären Möchtegernerwachsenen, die sich in Ermangelung eines Autoscooters immer noch lieber im Dunstkreis einer Bastelstraße aufhalten, als zu Hause zu sein. 
Während ich mir morgens beim Einlass vor der Schule einen Spaß daraus mache, ihnen ein Guten Morgen abzunötigen indem ich möglichst durchdringend beim Grüßen mit Aufforderungscharakter unter ihre Basecaps oder durch das Makeup starre, genieße ich es in der Öffentlichkeit außerordentlich, wenn die reifenden Persönlichkeiten lieber Abstand halten. Das tun zum Glück die Meisten. Es gibt aber auch Individuen wie Justin. Ich schrieb bereits schon einmal eine ausführliche Abhandlung über den distanzgeminderten Jugendlichen. Nein, nicht der Justin aus der Dritten, den die Polizei abführen musste, sondern der große Justin, der mir einmal einen kompletten Einkauf kommentierte wie Béla Réthy ein WM-Spiel.

Auf diesen Justin treffe ich auch heute. Schon von weitem sehe ich ihn am Fußweg vor dem Einlass stehen und schaue angestrengt in die geschätzt 150Grad Blickwinkel, die sich mir jenseits seines Anblicks bieten. Ich bin ja kein Arsch und definitiv hätte ich ihm huldvollerweise mit dem Standard-Hallo im Vorbeigehen bedacht, wollte aber äußerst gerne auf überflüssigen Blickkontakt auf langer Distanz verzichten. Justin allerdings scheint das nicht zufrieden zu stellen. Es gibt sie, diese Schüler deren Körpergröße eine entgegengesetzte Proportionalität zum Intellekt darstellt. Justin ist einer von ihnen. Deswegen tritt der 1,95große, lederbejackte aber bartlose Lulatsch urplötzlich direkt vor den verdutzten Herrn Müller, schneidet ihm quasi den Weg ab und stellt sich so vor mich, dass selbst die hinter mir her laufenden Müllerkinder einen Haken schlagen müssen, als läge bei MarioKart plötzlich eine Bananenschale kurz vorm Zieleinlauf. 
„Hallo, Frau Müller“ höre ich es von oben, während sich die Brusttaschen seiner Jacke knapp über meiner Augenhöhe befinden. „Hallo Justin“, erwidere ich ohne meine Schrittgeschwindigkeit zu verringern und mit einem großen Schritt in bester TakeshisCastle-Manier um die zwei Längenmeter Dummheit herum. 
„Wer war das denn?“ fragt mich Herr Müller zu Recht erschrocken. 
„Ein Schüler.“ – „Ah.“

Drinnen sind die Kinder genauso schnell weg, wie das Geld. Und weil sie zwar leider noch nicht zu alt für Kinderfeste sind, aber immerhin alt genug um sich dort weitgehend alleine zu bewegen, bleibt es den Müllers erspart auf Rutschen zu klettern oder Hüpfburgen zu betreten. Für die Hüpfburg fehlt der Alkohol, auch wenn der Gedanke, mit einem gezielten 65kg-Hops eine ganze Gruppe Fünfjährige über die aufblasbare Burgmauer zu katapultieren, durchaus einen ernstzunehmenden Reiz darstellt. Aber man hält sich dezent im Hintergrund – das verringert auch das Risiko angesprochen zu werden. Ein freundliches Nicken dahin, ein „Hallo“ dort hin. Nein, ich will nicht in deinen Kinderwagen schauen. Es sei denn Magic Mike und seine Kumpels sitzen drin und reichen mir ein Sektchen. Wie Babys aussehen, weiß ich schon. 

Das Sektchen aus der Hand des Strippers würde mir auch helfen, die unsägliche Beschallung zu ertragen. Die Tatsache, dass Helene Fischer mit Cabalier und dem Gorilla mit der Sonnenbrille random und in Dauerschleife laufen, spricht erstens nicht gerade für Schlager, beleidigt zweitens den Gorilla und sorgt drittens für noch mehr schlechte Laune. Weiter laufen, die Augen verdrehen und sich über die Betreuer an den Ständen wundern, die wirken, als bräuchten sie selbst Betreuung.

Zum Glück will keiner der Müllerjungs geschminkt werden. Von geschminkten Kindern bin ich gleich mehrfach traumatisiert. Einmal als ich zu einem Stadtfest in acht Stunden Akkordarbeit gefühlt 200 rosa Glitzerschmetterlinge produzierte und ein paar Jahre später in der Hälfte der Zeit auf unserem Schulhof ebenso viele Eisprinzessinnen. Eine Tätigkeit, deren Ausführung von einem Campingstuhl aus eigentlich das anschließende Notfall-Wiederbeleben durch einen talentierten Chiropraktiker nötig macht. Den Todesstoß versetzte mir schließlich der deckend in rot und schwarz geschminkte dreijährige Minimüller mit den Worten „Ich bin Beidersmänn (Spiderman)!“ Auge in Auge mit meinem ivoryfarbenen Brautkleid.

Nein, heute genügen beiden Jungs die unzähligen luftgefüllten Piratenschiffe, Rutschen und Hindernisbahnen, deren Gesamtkeimpopulation dank einer Million sockenloser Kinderfüße sicherlich die einer rumänischen Autobahntoilette übersteigt.
 
Mein Lieblingsmensch an diesem Tag ist der mürrische kleine alte Zuckerwatterverkäufer mit der schmuddeligen Schürze in seinem Retrocampingwagen, der sich mit der Mutter anlegt, die sein Softeis erst zu klein und dann zu teuer findet. Aber Hauptsache einen Hipsterkinderwagen im Wert eines 14-Tage-AI-Türkeiurlaubs vor sich herschieben.

Wir sind schon auf dem Weg zum Ausgang weil es zum Glück endlich beginnt ernstzunehmend zu regnen, als der kleine Müller aus keinerlei rationalen Gründen beschließt, unbedingt noch einen Luftballon zu benötigen. Die gibt es geschenkt und darum steht auch eine riesige Schlange vor den beiden Praktikanten mit der Heliumflasche. „Du willst dich nicht ernsthaft hier anstellen für einen Luftballon!?“ Und da steht er auch schon. Man überbrückt also die Wartezeit, wohnt zumindest vom Rande des Festzeltes aus dem Programm des Alleinunterhalters bei und stellt sich die dringende Frage, ob es für oder gegen das Talent des Tribute-to-Howard-Carpendale-Performers spricht, wenn er als Programmpunkt für Sonntagnachmittag um vier in Kuharschhausen geplant ist, nur damit Tante Heidruns graue Kaltwelle im Takt vor sich hin wippt.

„Kuck mal Mama, ich hab…“ und da fliegt der gelbe Luftballon auch schon zielgerichtet und imaginär mit ausgestrecktem Mittelfinger Richtung Himmelblau während der kleine Müller traurig den eben noch euphorisch in die Luft gestreckten Arm sinken lässt und leise „Scheiße“ sagt. 
„Siehste!? Heliumluftballons sind Mist. Sie fliegen weg, landen irgendwo im Wald oder im Meer. Dort werden sie von wilden Tieren gefressen und die sterben dann daran. Die sollten längst verboten sein.“  Kaum vorstellbar, aber die Miene des Minimüllers verdunkelt sich noch mehr. Daran kann auch die Maxipackung Quarkkräppelchen nichts ändern. Die Tatsache, dass man im Anschluss an den Besuch solcher Veranstaltungen als Eltern die Kochverweigerungskarte mit der „Ihr habt doch schon gegessen“-Begründung ausspielen kann, ist für mich der einzige ernstzunehmende Vorteil.

Zuhause angekommen dekontaminiert man die Kinder am besten mit einem Wannenbad. Der kleine Müller wirkt immer noch emotional stark angeschlagen. Der Luftballon, dieses Arschloch. Als er im Bett liegt, entschuldige ich mich bei ihm. „Sorry“ sag ich, „das war nicht in Ordnung, dass ich dich nicht getröstet habe, als dir der Luftballon weggeflogen ist. Du hattest dich ja extra angestellt und dich so gefreut als du einen hattest. Ich hätte mir ja auch die Zeit nehmen können und dir gleich ordentlich erklären können, dass diese Luftballons nicht gut sind. Tut mir leid.“ – „Schon gut, Mama.“

Schon gut? Is das alles? Bin ich die Einzige in der Familie, die die hohe Kunst der Selbstreflexion beherrscht? „Entschuldigung Mama, dass du mit uns da hin gehen musstest und wir dich noch nicht mal daran erinnert haben, einen Sekt einzupacken. Sorry, dass du mit den Müttern unserer Kumpels reden musstest und schlechte Musik deine Ohren quälte. Es tut uns leid, dass das billige Tiefkühlbrötchen zu deiner Rostbratwurst noch nicht mal getoastet war. Und wir entschuldigen uns auch dafür, dass die Sonne nicht geschienen hat und das Thermometer nicht wenigstens 20 Grad zeigte.“ Das wäre zumindest ansatzweise eine angemessene Reaktion gewesen. Was soll’s: als Eltern gibt man halt. Und wenn es nur zweifünfzig für ne Limo sind. 

Mich würde ja mal interessieren, ob es Studien zu späten Traumata bei Lehrerkindern gibt. Are there Erfahrungsberichte anywhere? Her damit.

Traumata und effektive Bewältigungs-
möglichkeiten gibt es in unregelmäßigen
Abständen vor allem bei Frau Müller auf
FACEBOOK. Garantiert ohne Luftballons.
Dafür aber mit Mehrweg-Penisstrohhalm. 
Also am besten gleich abonnieren. 

Mittwoch, 20. Juni 2018

Von Dirtytalk und Hobbygärtnern: Wie man Wünsche verwirklicht und Blümchen tötet ODER (K)eine Anleitung zur Eheöffnung


Ich glaube, ich erwähnte es bereits: entgegen all der Food-, Beauty- und Fitnessblogger schreibe ich nicht um gute Ratschläge und geniale Hacks loszuwerden (außer es ist Blogtober und ich mach mal was Verrücktes), sondern um Geschichten zu erzählen oder Gedanken loszuwerden, die mir durchs Hirn spuken. Präbloggerisch meinten einige meiner privaten Kontaktpersonen, es sei manchmal recht unterhaltsam, mir zu zu hören. Unterhaltsam erzählen. Mehr wollte ich gar nicht. Mir scheint, als schaffe ich das auch das ein oder andere Mal. Und dann erreichen mich eben hin und wieder Nachrichten, die von mehr als nur guter Unterhaltung berichten. Es soll nämlich vorgekommen sein, dass in einigen wenigen Menschen etwas bewegt wurde. Von solchen Prozessen berichtete kürzlich bereits der SchMärz, aber auch ganz abseits der Folterwerkzeuge flattern hin und wieder blaue Umbruchbänder durch die Lüfte...
 
Von allen Artikeln, die im Lehrerzimmer so dahin gehobelt werden, sind die SchMärz-Geschichten sowie alle Artikel mit einem Bezug zur Quattroehe, die mit dem stärksten Feedback. Und entgegen der Erwartungen vieler, hielten sich kritische Äußerungen bezüglich unseres nennen wir es alternativen Partnerschaftsmodells eher in Grenzen. Was muss man eigentlich für einen Shitstorm noch leisten???

Mich schrieben zum Beispiel Frauen und Männer an, die ganz ähnlich leben. Vor kurzem allerding kontaktierte mich eine junge Dame, deren Nachricht mich nachdenklich stimmte. Ich muss dazu sagen, ich nehme mir für alle Nachrichten von Lesern Zeit, diese zu beantworten, so lange sie über ein „Daumen hoch“, „Hallo“ oder ein GiF, in dem ein Teddy mit einer roten Rose winkt, hinaus gehen. Ich beantworte Fragen, wenn ich dahinter ehrliches Interesse und nicht pure Neugierde oder irgendwas Ekliges wahrnehme und der Fragende nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Und soweit ich das kann, berate ich auch im Rahmen meines Erfahrungshorizontes. Beratung ist ein großes Wort. Sagen wir, ich gebe meine Meinung zu einer Problemstellung ab.

Diese Leserin schrieb mir also sinngemäß, dass sie die Art, wie wir unsere Vierecksbeziehung leben, ganz klasse findet und obwohl sie seit einigen Jahren verheiratet ist, die monogame Art zu leben als nicht normal und langweilig empfindet. Sie würde ihren Partner gerne überzeugen, aber das sei sehr schwierig, schrieb sie außerdem. Bei dem Wort überzeugen begann mein Inneres unruhig auf seinem Stuhl herum zu rutschen. 
Was rat man in so einem Fall? Tagelang von nichts anderem reden und wenn es sein muss, laut und deutlich schmollen? Ich denke, diese Strategie funktioniert, wenn es um überteuerte Schuhe, notfalls noch die Wahl des Urlaubsziels oder die Anschaffung einer dritten Katze geht. Bei dem Vorhaben, eine Beziehung zu öffnen, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückchen, ist Vorsicht und Einfühlungsvermögen die Mutter im Porzellanladen. Wo bitte gibt es eigentlich einen Porzellanladen?
Wie dem auch sei. Ich habe kein Patentrezept, keinen To-Do-List oder einen Fünf-Stufen-Plan zum Erreichen sexueller Offenheit jenseits ehelicher Grenzen. Ich weigere mich zu sagen: Tu dies oder mach jenes. Menschen und Wege sind verschieden. Und sicherlich erzählt jeder Swinger oder Poly oder anders alternativ lebend und oder liebender Mensch seine Geschichte anders. Nur Sex. Nur Liebe. Sex und Liebe. Allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, mit festen, mit wechselnden Partnern. Jeder sucht sich aus, was er mag. Was alle gemeinsam haben, ist das Einvernehmen. Mit allen Beteiligten.
Was also raten, einer jungen Frau, die nicht unglücklich aber für sich selbst scheinbar langweilig verheiratet ist, mit einem Mann, der sich von Experimenten jenseits der Zweierintimität nur mäßig begeistert zeigt. Ich rate nichts, ich erzähle. Das kann ich besser. 

Bei den Müllers war es eigentlich weniger die Langeweile, als vielmehr der Wunsch danach, einige der blumig ausgeschmückten Dirtytalkgeschichten in die Realität umzusetzen. Dirtytalk ist für mich persönlich schon ein Qualitätsmerkmal für guten Sex, vor allem dann, wenn er über Standard-Pornodialoge wie "Oh ja" und "Mmmh" hinausgeht. 

Diese Art der Gesprächsführung ist für mich eine Art Anzucht von Gesprächskeimlingen. Ihr wisst schon, diese klitzekleinen Sonnenblumenkerne, die man auf der Fensterbank im Joghurtbecher zunächst heranwachsen lässt, um sie später ins Beet umzusetzen. So funktioniert das auch mit Wünschen und Vorstellungen sexueller Natur. Man kümmert sich gemeinsam um das kleine Pflänzchen, achtet ganz sorgfältig darauf, was der andere tut, ob er es gießt oder in die Sonne stellt und richtet sich danach. Bloß nicht überwässern oder vertrocknen lassen. Wenn das Wunschpflänzchen groß genug ist, dann kann man es in den Alltag pflanzen. Beim Autofahren, Kaffeetrinken oder Fernsehen wird weiter sinniert. So kann ein Wunsch durchaus Gestalt annehmen.

Bei Müllers war es zunächst der Wunsch nach einer zweiten Frau. Und der kam wider allgemeinen Erwartens nicht von Herrn Müller. Nein, ein Mann fühlt sich nun mal an wie ein Mann (und das ist gut und richtig so) aber um eine Frau zu fühlen, braucht es nun mal ne Frau. Bis zu diesem Punkt scheint das für die meisten Leser vermutlich keine großen Einbußen für den Mann zu bringen. Aber ihr werdet lachen: wenn man ins Gespräch kommt, trifft man tatsächlich auf nicht wenige Männer, für die es schon eine Hürde ist, die eigene Frau mal einer anderen Frau zu überlassen. Wenn die Herren der Schöpfung dann noch nicht mal zuschauen dürfen, wird’s noch schwieriger…

Der Freundes- und Bekanntenkreis war gedanklich schnell ausgewildert. Nee, dat war den Müllers nix. Was, wenn der Sex mies ist? Werde ich dann jemals wieder mit diesen Menschen unbefangen grillen können?
Erotikforen sind für mich persönlich eine absolute Bereicherung. Dank Nickname bleibt man anonym und kann sich als Pärchen erstmal in Ruhe umschauen, stößt auf andere Pärchen und auch das hilft, das Wunsch-Sonnenblümchen weiter gedeihen zu lassen. Nachdem Müllers festgestellt hatten, dass Frauen, die gerne ein Gastspiel auf ehelichen Laken geben, recht rar sind, orientierte man sich in Richtung zweites Paar. Hier gab es nämlich erstaunlich viele Mitsuchende, deren Wunschkonstellation ähnlich geartet war, wie die der Müllers. Man zog einen Swingerclubbesuch in Erwägung und machte seine ersten Erfahrungen. An anderer Stelle ging ich bereits näher darauf ein (Hier klicken).
Nach diesen ersten Erfahrungen war allerdings erstmal gar nichts so richtig in Butter. Denn das was man sich vorgenommen hatte und das was am Schluss dabei heraus kam, lagen so weit auseinander wie Nord- und Südpol. Plan: ein zaghafter Anfänger-Vierer bei dem sich die Männer zurückhalten und die Frauen Spaß haben, mehr neben- als miteinander. Was tatsächlich geschah: Partnertausch in getrennten Räumen. Die Königsdisziplin sozusagen. Der Effekt: Computernerd läuft Ironman. Nulllinie.

Wie es zu diesem folgenreichen wrong turn kam, habe ich auch bereits an anderer Stelle ausführlicher erzählt. Das Pflänzchen war totgegossen. Und daran hatten zunächst wir beide und danach vor allem die Müllerin Schuld. Weil wir auf falsche Gärtner hörten, die sagten: „Je mehr du gießt, desto schneller wächst die Blume.“ Das kam uns absolut logisch vor. Schließlich waren die beiden Experten. Ab einem gewissen Punkt goss nur noch die Müllerin, so sehr beschäftigt mit dem Gießen, dass sie nicht bemerkte, dass Herr Müller bereits aufgehört hatte zu gießen und mäßig angetan war, angesichts der Emsigkeit seiner Frau.
Wir fanden uns wieder an einem Punkt, an dem Herr Müller grundlegende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Versuchs hatte und ich für mich die Feststellung machte, dass ich mindestens auf Frauen nicht mehr verzichten wollte. Schwierige Tage und Wochen und die Beziehung ins Mark erschüttert. An einem Punkt, an dem man feststellt, dass die Bedürfnisse – wenn auch nur scheinbar – auseinander gehen, wird jede Beziehung auf eine Zerreißprobe gestellt. Jemand hat ein grundlegendes Bedürfnis, dem der andere nicht nachkommen kann und oder will. Setzt man die Bedürfnisse durch, verbiegt sich der andere. Stellt man seine Bedürfnisse zurück, existiert fortan ein impliziter Vorwurf, mit dem der andere Partner leben muss. Dünnes Eis für eine Ehe. 

Jetzt könnte man meinen, ein Kompromiss wäre die einfachste und fairste Lösung. Fair möglicherweise. Einfach mitnichten. Dafür wäre es ja zunächst nötig, den Standpunkt des jeweils Anderen zu akzeptieren. Das ist selbst in unserer scheinbar ach so modernen Gesellschaft heutzutage für jemanden, der sich eine Öffnung seiner Beziehung wünscht, nicht ganz leicht, denn Akzeptanz für dieses Lebensmodell findet man nicht mal ebenso am Straßenrand. Im ungünstigsten Fall möchte man in den Augen des Partners also etwas völlig Absurdes und noch dazu Unmoralisches. Etwas, das die Vorstellungskräfte mancher Menschen weit überschreitet und vor diesem Hintergrund zwangsläufig in einer Flut aus Vorwürfen endet: Reiche ich dir nicht?

Wie soll man(n) oder frau also akzeptieren. Letztendlich müssen beide Partner, wenn es zu einem Kompromiss kommt, ein Stück weit von ihrem Standpunkt abrücken. Wie genau das beim tatsächlichen Ausleben des Wunschs nach mehr Offenheit funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich kann aber am müllerschen Beispiel beschreiben, wie zumindest der Weg hin zur Offenheit zum Kompromiss wurde.
Ebenso viel Schweigen wie Reden, eine (beruflich bedingte Zwangs-) Sexpause und das Zurückerinnern an das hübsche Pflänzchen, das man gemeinsam groß gezogen hatte, bevor es totgewässert wurde, half den Müllers beim Neustart in Richtung Wunscherfüllung und ausgewachsene Sonnenblume. Ganz ohne Verabredung inklusive Erwartungen besuchten wir den Swingerclub vom Anfang nocheinmal. Wir hatten erstaunlich wenig gesehen von dem hübschen Ambiente bevor wir quasi von den Wölfen in ihren Bau gezerrt wurden. 

An diesem Abend hatten wir Sex, viel Sex und ausgezeichneten Sex. Und ausschließlich miteinander. Diese Erfahrung und die Erkenntnis, dass auch zwischenmenschlich wenig bis gar nichts in unserer Startkonstellation mit den Wölfen gestimmt hatte, ließen das neue Pflänzchen kräftig wachsen. Das Eingeständnis an uns selbst, dass völlig anonymer Sex, bei dem höchstens Vornamen eine Rolle spielen und Sympathien über das gemeinsame Glas Sekt an der Bar nicht notwendig sind, nichts für uns ist, war die eigentliche Öffnung. 

Der darauffolgende Weg, in den Artikeln der Reihe „Friends with benefits“ schon ausführlich beschrieben, war auch nicht ohne jeden Stein, aber wir gingen ihn gemeinsam bis an den Punkt, an dem wir heute stehen und rundum glücklich sind.

Ich bin nicht die Päpstin der Beziehungsöffnung. Und am Rande: so offen ist die Beziehung der Müllers nicht. Wir sind monogam in unserem Viereck und Alleingänge gibt es nicht. Wenn das für einige Schandmäuler und Überdrüssige der eigenen Einöde aus dem Bekanntenkreis schon reicht, um von Orgien zu sprechen, dann bitte schön. Manchmal verrät man damit schon sehr viel über den eigenen Horizont – und wenn dieser nur vom Ortseingangs- zum Ortsausgangschild reicht. Kleiner, nicht verkneifbarer Seitenhieb aus gegebenen Anlass.
Alle, die sich nun durch die knapp 1500 Wörter quälten, auf der Suche nach echtem Mehrwert und einer aus Piktogrammen bestehenden Anleitung zum Selbstbau eines unendlichen Sexuniversums belohne ich abschließend mit den ersehnten Ratschläge – aber nur drei und nur, weil sie aus den müllerschen Erfahrungen wuchsen - die Sonnenblumenkerne sozusagen:
  • Achtet aufeinander und überredet nicht.
  • Das Tempo bestimmt der Langsamere.
  • Ihr beide habt ein Recht darauf, dass der jeweils Andere eure Wünsche ernstnimmt.
Das Leben ist kein Swingerclub.
Manchmal ist auch eine ordentliche
Portion Absurdistan dabei und
schließlich hat vermutlich jeder
seine ganz eigene MüllerMansion.
Den Newsticker aus allen drei
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