Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 18. Juli 2018

Sektsklaven, Arschfummel und gerettete Augenbrauen - wie man einen Junggesellenabschied feiert ODER Wer braucht schon eine Braut



Es ist Sommer und damit Hochzeitshochsaison. Zu den traditionellen Must-Haves eines jeden Vor-Hochzeits-Horrors gehört ein zünftiger Junggesellenabschied...

Junggesellenabschiede scheinen sich sowohl bei einigen Teilnehmern als auch bei Beobachtern keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Wenn wir auf ein solches Grüppchen treffen, wechseln wir wenn möglich sofort die Straßenseite, schauen angestrengt in die andere Richtung oder schubsen die Freundin nach vorn, wenn es darum geht, dem stark alkoholisierten Bräutigam in Spe ein Herzchen aus dem Schritt seines rosa Schlüpfers zu schneiden.

Auch man selbst empfängt die Nachricht, Teil einer solchen „Bauchladen-Fremdschäm-Aktion“ in der Fußgängerzone zu werden, ähnlich freudvoll wie einen positiven Streptokokken-Abstrich. 
Frau Müller sagt: KOMMT DRAUF AN!

Ein erfolgreicher Junggesellenabschied ist in etwa wie Eintopf kochen. Zu allererst – und das ist ganz wichtig: genauso wie ein Eintopf mit oder ohne Fleisch schmecken kann, funktioniert ein JGA mit oder ohne Braut bzw. Bräutigam. Man muss sich einfach herantrauen an solch eine vegetarische Variante .

Wir hatten vor zwei Jahren einen äußerst legendären echten Junggesellenabschied. Höhepunkte waren mehrere Flaschen Sekt, spendiert vom regionalprominenten Baulöwen gesetzten Alters, die in Teilen aus Pumps getrunken wurden, der Bräutigam in Socken, Schlüppi und T-Shirt mit "SALE"-Aufdruck im Schaufenster einer Teenager-Modekette, der gemeinsame Ausklang beider JGAs (Braut und Bräutigam) im Stripclub, bei dem die Braut von einem irritieren weiblichen Gast gefragt wurde „wieviel sie hier an einem Abend verdient“, ein von unserer frisch getrennten Freundin an der Bar abgeschleppter Chirur, der auch prima Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen drauf hatte und das finale Versacken mit allen Beteiligten um morgens halb fünf im Hotelbett. Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen dann der Beschluss: war scheiße - das machen wir mal wieder! 
Völlig egal, wenn niemand heiratet geht es auch ohne Brautpaar. 

Die Sache mit dem Bauchladen ist wie Wirsing – da kann man drauf verzichten, da steht eh kaum jemand drauf und der Effekt ist nicht wie erwartet. Die Teile funktionieren wie Freddy Krügers Klingenhände. Erst sie machen das Ganze so abstoßend. Es reicht völlig gut auszusehen und in der Gruppe aufzutreten. Damit erweckt man genug Aufmerksamkeit.  

Stichwort "Gut aussehen": ALLES was ihr beim Versandriesen unter dem Suchbegriff "Junggesellenabschied" angezeigt bekommt. gehört NICHT dazu. Damit übt ihr eher eine abschreckende Wirkung aus, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Menschen an den Tischen der Straßencafes angestrengt in ihrem Latte rühren sobald ihr in Sichtweite gelangt.

Dann ganz wichtig: KEINE Schwangeren oder Stillenden! Tut mir leid wenn ich das so proletenhaft sagen muss aber: Alkohol ist das Salz im JGA-Eintopf. Ja, manch eine Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie den Sprecher nicht gerade auf das Level eines Philosophen hievt. Und kommt mir nicht mit "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Das ist wie Jodeln - nur ein Bruchteil der Personen, die behaupten sie könnten dass, können es tatsächlich.

Zu viele Drinks sind auch nicht gut. Es kann nämlich passieren, man legt sich unter massiven Alkoholeinfluss nur ganz kurz im Hotelzimmer hin um später selbst durch laute Klopfattacken nicht zu erwachen, so dass das Gruppentaxi ewig wartet und eine Befreiung erst durch eine an der Rezeption erbettelte Schlüsselkarte möglich wird. Manche Aktionen verlieren durch zu viel Alkohol auch ihren Charme. Unwiederbringlich weggeworfene Schlüssel von Fußfesseln oder abrasierte Augenbrauen zum Beispiel. Alles schon erlebt. Mindestens einer oder eine sollte die JGA-Mutti machen und eingreifen, bevor der Tätowierer die Maschine ansetzt. Der Shitstorm des Moments ist nicht aufzuwiegen mit lebenslanger Dankbarkeit.

Mit zu wenig Sekt schmeckt der Eintopf aber fade und wird nicht aufgegessen bzw. alle sitzen um halb elf im Zug und fahren nach Hause. Auch schon erlebt.

Ich hörte sogar schon von Junggesellinnenabschieden, bei denen Mütter ihre Kinder mitnahmen. Hallo? Ein Kinderwagen zum JGA ist ungefähr so passend wie mit einem BobbyCar an einer Ausfahrt der HellsAngles teilnehmen zu wollen. Kann man zwar machen aber das führt dazu, dass die ganze Gruppe nicht mehr ernstgenommen wird. Ein Junggesellenabschied ist nicht wie Kacken gehen. Wenn sich das große Geschäft ankündigt, dann MUSS man halt, notfalls mit Hosenscheißer neben der Kloschüssel. Kollektiv auffallen KANN man auch aufschieben und auf einen Zeitpunkt termineren, zu dem sich die Küken ihre Würmer selbst suchen können und nichts von Mama in den Hals gesteckt bekommen müssen. Notfalls lasst ihr die Glucken einfach daheim.

Ganz wichtig ist noch das Ambiente in dem der Eintopf serviert wird, so wie man in einem Nobel-Restaurant niemals auf die Idee käme, Eintopf brotstippenderweise vor sich hin zu schlürfen sondern das eben eher bei Mutti auf der Eckbank tut, sollte man einen JGA oder Pseudo-JGA (die vegetarische Variante ohne Brautpaar) nicht in die Fußgängerzone der Kleinstadt verlegen. Ein Junggesellenabschied im Einkaufscenter? Leute, ganz ehrlich, wenn das euer Makrokosmos ist, was ist dann der Mikrokosmos? Euer Nachttisch?

Man nehme also zum Beispiel großstädtisches Flair garniert mit dem regenbogenfarbenen Glitter des Christopher-Street-Days. Dies bietet Raum für öffentlich konsumierten Alkohol, viel nackte Haut, obszönes Verhalten und Phallus-Symbole auf offener Straße. Man muss sein Rezept unterscheiden von Standard-Eintöpfen, damit es gegessen wird und auch Kritiker mal kosten. Also keine Schärpen, rosa Krönchen und „Xy heiratet“-Tops sondern schwarze Mini-Fummel mit sehr hohem Nuttenfaktor und für den Trash-Bonus ein Gruppen-Regenbogen-Arsch-Tütü! Ich hab mich umgeschaut: Wir sind die Geilsten hier.


Für unseren vegetarischen Bitch-Barbie-Eintopf fehlt nur noch diese eine besondere Zutat, sozusagen das gewisse Etwas: wie Ingwer, Muskat oder Creme Fraiche. Also werfen wir noch einen niedlichen devoten Schwulen in den Topf, der es liebt sich mit schönen Hetero-Frauen zu umgeben und von uns allen die größte und einzig wahre Hure ist - und das mit Stolz und nach eigener Aussage! 

Irgendjemand muss ja den Trolly mit den Prosecco-Dosen und Einhorn-Lollies ziehen. Rick, unser homosexueller Haupt-Sekt-Sklave der ersten Stunde hat im Vorfeld weder Kosten noch Schmerzen gescheut und zusätzlich zur Hyaluronsäure-Implantation am Augenknochen täglich Termine zur permanenten Haarentfernung auf sich genommen. Kaum zu glauben, dass er – der seinen Beauty-Doc auch gerne mal mit der anderen „Spritze“ von hinten an sich ran lässt wenn die Botox-Dosis dafür umsonst ist - zumindest dann mal rot wird, wenn er in Hündchenstellung auf dem Behandlungstisch kniet um sich auch den allerletzten kleinsten Flaum permanent entfernen zu lassen.
 
Rick ist unser Mädchen für alles. Er pilgert los und holt Wasser, wenn unser Küken feststellt, dass der Pegel ungewohnt hoch ist, er mimt bereitwillig die Braut wenn mit Google geplante JGAs die Botschaft unseres Grüppchens nicht so ganz verstehen und geht in erbitterte Preis-Verhandlungen, wenn wir mal wieder als begehrtes Foto-Motiv herhalten müssen. Notfalls streckt er dem Fotopirat energisch die flache Hand gegen die Linse. Im Übrigen sorgte dieses wirtschaftliche Talent am Ende für eine prall gefüllte Schwarzkasse und das ohne dass wir ursprünglich Gewinnabsichten hatten. Zum Dank darf er sich von uns an der Leine führen lassen und sich mit uns schmücken. Oooooh my fucking goooooood – wir sind sooo awesome!

Der Eintopf köchelt vor sich hin – mit der Mengenzusammensetzung der Zutaten hat jedoch der ein oder andere seine Probleme. Es ist Sellerie. Nicht jedermanns Sache. Wichtige Benimm-Regel: Versohle dem besoffenen Junggesellen und seinen Kumpels den Arsch, so dass er sich nach dem Ausnüchtern durch die blauen Flecken daran erinnert, dass er in der Fußgängerzone blank gezogen hat, aber zieh ihm in Gottes Namen nicht die Hose ganz runter. Das will KEINER sehen. Also ich mag Schwänze nicht so gerne ankucken, wenn sie schlaff an einem Besoffenen mit Strohhut runter baumeln. 
Korrekt wäre ein divenhaft-abweisender Gesichtsausdruck gepaart mit der Peitsche in den verschränkten Armen und die Aussage über sich selbst in der 3.Person: „Die Domina hat jetzt keine Lust!“ gewesen, nur um sich dann doch für ein paar Schläge herabzulassen. So fühlt sich der Gepeinigte geehrt und nicht vergewaltigt. Das hat Stil.   
Was bleibt vom Sellerie ist der Nachgeschmack  - wie die Aussage „Sonntag ist mein Tag. Da dusche ich und kuck mich im Spiegel an!“, ein Satz der uns allen noch heute Muskelkater in den Denkfalten auf unserer noch ungebotoxten Stirn verursacht.

Wie auch immer, Eintopf geht immer – und lecker war es trotzdem irgendwie. Wir werden am Rezept feilen. Vielleicht etwas weniger Sellerie, dennoch vegetarisch. Wir brauchen die Braut wie der JGA den Bauchladen – sowas von gar nicht.  Mal sehen was uns noch so an Geheimzutaten einfällt. Glitzer und Regenbogen geht immer. Und Einhörner. Um Himmels Willen, vergesst die Einhörner nicht! Und nein! Flamingos sind NICHT die neuen Einhörner. Weil Äpfel auch nicht die neuen Birnen sind. Wo kommen wir da hin!

Schau bei Frau Müller auf Facebook rein 
wenn du keine Angst vor Einhörnern hast. 
Wenn du ein Einhornphobiker bist - 
Tu es trotzdem. 
Ängste sind da um besiegt zu werden.
Tatsächlich enthalten höchstens 0,35% aller Posts Einhörner.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Was uns die Schwarzwaldklinik verschwieg ODER Wenn die Leber keinen Bock auf Urlaub hat



„Ich würde ihnen raten, in ihrem Urlaub auf Alkohol zu verzichten. Wenn ich nicht wüsste, dass sie geimpft sind, würde ich aufgrund ihrer Leberwerte denken sie haben Hepatitis!“ 
Zwei Tage vor dem Abflug in einen All-Inclusive-Urlaub zählt dieser Satz wohl zu den unbeliebtesten, die man sich aus dem Hörer eines Telefons, auf dem man gerade die Nummer seines Hausarztes gewählt hat, vorstellen kann. Karma is ne Bitch. 
Zwei Wochen später, am letzten Urlaubstag, verabschiedet mich der Barkeeper der Poolbar, der mich bei jedem zweiten Drink, den ich mit dem Zusatz „No alcohol, please!“ bestellte mit Hundeaugen ansah und fortwährend  „Only a little bit?“ fragte, mit folgenden Worten:
„Your doctor said alcohol is not good for you? You have to change your doctor!”
Ich habe meinen Arzt nicht gewechselt, ihn aber sehr wohl über den Rat des Barkeepers in Kenntnis gesetzt. 

Weitere zwei Wochen und zwei Ultraschalluntersuchungen später bezog ich ein nettes Zwei-Bett-Zimmer in der Schwarzwaldklinik. Selbstredend nicht die Schwarzwaldklinik, aber Lage, Größe und Stimmung erinnerten stark daran. Dort sollte in einer Routine-OP den endlich lokalisierten Verursachern meiner hepatitisartigen Leberwerte und der barbarischsten Koliken, die man sich als halbwegs schmerzresistenter Mensch vorstellen kann, der Mietvertrag in meinem Körper gekündigt werden.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es sich bei diesem stationären Eingriff um den ersten richtigen Krankenhausaufenthalt meines optimistisch betrachtet jungen Lebens handelte. Krankenhäuser übten bis zu diesem Zeitpunkt einen sagen wir eher abschreckenden Effekt auf mich aus. Tun sie im Übrigen immer noch. Selbst bei den Geburten der Müller-Nachkommen verbrachte ich keine Minute zu viel dort. Mit dem Glück zweier Lehrbuchgeburten wurde mir gleichzeitig das Privileg zuteil, zwei Stunden nach dem Abnabeln duschen zu gehen, mich anzuziehen und samt Kind wieder auszuchecken. Dass Herr Müller auf dem Heimweg mit Frau und Kind auf dem Rücksitz die Straßenbahn blockierte, während er Essen für alle beim Asiaten holte, sei hier nur am Rande erwähnt.

Was mir beide Kinder bei ihrer Ankunft an Krankenhaustagen ersparten, schenkten sie mir später in den ersten vier Jahren ihres Lebens. Rückblickend muss ich sagen, ist es kaum angenehmer als Mutter auf einer Klappliege neben dem Gitterbettchen schlafen zu müssen, womöglich mit weiteren zwei Kindern ohne mütterliche Betreuung an ihrer Seite, der nächtlichen Unfähigkeit der Krankenschwestern Türen leise zu schließen ausgeliefert zu sein und diesen unsäglichen Fraß aus der Krankenhausküche essen zu müssen, als selbst der Patient zu sein. 
Der Geschäftigkeit einer Uniklinik und ihrer Zimmer, in denen Patienten mit Magen-Darmerkrankungen zusammen eingesperrt werden, ist auch nur dann das idyllische Altbau-Klinikum am Rande der Stadt vorzuziehen, wenn man dabei sicher gehen kann mit seinem 20 Monate alten Kind nicht in einem Zimmer zu landen, in dem gleich zwei gleichaltrige Kinder ohne ihre Mütter liegen. Kind 1, Nachwuchs minderjähriger Eltern, die den nervösen Kleinen stereorauchend im Buggy durch den Park chauffierten, Vormundschaft beim Jugendamt. Kind 2, nicht deutscher Abstammung. Nachmittags Besuch vom ganzen Heimatdorf, strikt getrennt nach Männern und Frauen. Nachts: alle zwei Stunden Theater wenn die Kohlehydratspeicher des faltig gemästeten Stammhalters, der an einen Shar-Pei mit starkem Übergewicht oder eine Miniversion des Marshmellowmanns aus Ghostbusters erinnerte, nicht pünktlich mittels Fläschchen aufgefüllt wurden. Wenn dich dein eigenes Kind noch nie an den Rande des Wahnsinns getrieben hat, dann tut es diese Kombination sehr zuverlässig.

Aber zurück zur Schwarzwaldklinik. Noch am Tag der OP sollte ich mehrere Dinge lernen: erstens vertrage ich Narkosen nicht und muss mich beim Aufwachen übergeben. Zweitens ist es tatsächlich möglich, sich komplett vollzukotzen ohne dass einen das auch nur einen Hauch kümmert. Kotzen, rumdrehen, weiterschlafen. Womöglich denkt jetzt der ein oder andere: 'Was ist daran so besonders? Das habe ich schon in meinen frühen Teenager-Jahren gelernt.' Ja seid froh. Ich nicht. Exakt so stelle ich mir aber kotzen unter Vollrausch vor. Mein Magen scheint für solche Ausbrüche zu geizig zu sein. Im Übrigen musste ich mir genau wie ihr damals das Erbrochene später selbst abwaschen.

Auch Aufklärungsgespräche sind nicht das was man erwartet. Während einen die künstlichen Darmausgänge und dauerhaften Schädigungen der Stimmlippen durch die Intubation als mögliche Komplikationen ablenken, bleiben diese netten Handtaschen, welche nach solchen OPs etwa drei Tage am Körper baumeln und sich ganz von alleine mit ansehnlichen und unansehnlichen Körperflüssigkeiten füllen, völlig unerwähnt. 
Drainagebeutel sind für Operationen das, was wunde Brustwarzen und Dammrisse für eine Geburt sind: das hässliche Gesicht, welches lieber im Verborgenen bleibt, von dem aber jeder hinterher sagt ‚Hätte man sich eigentlich auch denken können‘. 
Ich erspar euch den Beutel

Wenn man es erfolgreich geschafft hat, sein operativ eingeschränktes Leben zu leben und bei jedem Klogang rechtzeitig daran dachte, das Ding vom Bett abzufriemeln und brav nebenher zu tragen ohne bei einem schmerzhaften Ruck durch Mark und Bein an seine Existenz erinnert zu werden, ist erst die halbe Miete rein. Der Schlauch muss ja schließlich auch wieder raus und die Freude darüber, das Ding loszuwerden verhallt jäh in der Erkenntnis, dass das fast fingerdicke Gummiteil schlingenartig wie bei einer Fußbodenheizung im Gedärm verlegt ist: „Holen sie bitte kurz tief Luft!“

Was sie aber nicht vergessen ist dir kurz vor einer OP zu sagen, dass der Nagellack ab muss. Tja,ähm. Hm. Nagellack war gestern. Das sind fest verbaute Zusatzteile. Die sind vom TÜV geprüft und in der Zulassung eingetragen. Nagellackentferner kannst du dir wieder in den Kittel stecken. Wird nicht funktionieren. Wenn das Ganze hier noch zwei Stunden Zeit hat bin ich kurz weg und komm ohne die Dinger wieder. Oder ihr bringt mir einen Dremel. Dann krieg ich das auch selber hin... sagte die Frau in OP-Hemdchen, Thrombosestrümpfen und mit Häubchen auf dem Kopf. Was soll ich sagen, man überlebt OPs auch erfolgreich MIT gefährlich roten Acrylnägeln.  

Ich kann mich noch vage daran erinnern, dass ich als Kind die Senior-Müllerin einmal fragte, ob man unbedingt ins Krankenhaus muss um Kinder zu kriegen. „Eigentlich schon“ sagte sie und ich antwortete „Dann will ich keine Kinder!“. Ich war nämlich der naiven Annahme, dass ein Krankenhausaufenthalt zwingend mit einer Infusion, also einem Tropf verbunden ist. Der Zugang sozusagen als AI-Bändchen im Krankenhaus. Dieses Teil war mir als Kind höchst suspekt. Hatte ich wohl im Fernsehen, damals sehr wahrscheinlich in der Schwarzwaldklinik, gesehen. Drainagebeutel kamen (und kommen) glaub ich nicht vor die Kamera. Gut so. Oder auch nicht. Oder habt ihr so ein Teil schon mal in irgendeiner Arztserie gesehen?

Dass man nach laparoskopischen Eingriffen eine gute Woche aussieht als hätte man nicht eine halbe Stunde geschlafen sondern sieben Monate, in denen im Körper eine bis dahin unentdeckte Schwangerschaft ihren Lauf genommen hat, erwähnt auch keiner im Vorfeld. Die Herren und Damen Operateure brauchen Platz für ihre Instrumente und gute Sicht, also kommt ordentlich Gas in den Bauch. Ich stelle mir das ein bisschen wie das Basteln dieser Schiffe in den Glasflaschen vor. In einem unaufgeblasenen schlabbrigen Luftballon wäre das unmöglich. Auf die Art WIE die viele Luft die ballonartige Körpermitte wieder verlässt, möchte ich hier nicht eingehen. Im Übrigen lauert hier gleich die nächste Parallele zur großen Schwangerschaftslüge. Kind raus - Bauch weg is nämlich auch nicht. Trauriger Luftballon zwei Tage nach dem Kindergeburtstag. So sieht's aus. Es gibt ein Foto der Familie Müller kurz vor der Abreise aus der Geburtsstation, auf dem der frisch Geschlüpfte in der Babyschale schnarcht und aussieht wie geklaut, weil ich daneben stehe und man ausschließlich an meinem monochromen Teint erkennt, dass eine Geburt hinter mir liegt. Bauch sieht noch aus wie beim Einchecken zwölf Stunden zuvor.

Menschen sagen ja gerne so Sachen wie „Naja, dann erhol dich wenigstens ein paar Tage mal wenn du im Krankenhaus bist.“ um wenigstens irgendwas zu sagen. 
„Viel Spaß!“, „Hau rein!“ oder „Gute Reise!“ wäre auch irgendwie unpassend. Für mich gehört zum Erholen mindestens guter Schlaf und ordentliches Essen. An ersteres ist in Mehrbettzimmern nicht zu denken. Entweder es schnarcht jemand, was zumindest fürs gute Zuhause-Gefühl sorgt oder eine Nachtschwester demonstriert eindrucksvoll ihre oben bereits erwähnte Unfähigkeit Türklinken zu benutzen. An guten Schlaf schließt sich für mich logischerweise Ausschlafen an, also das Gegenteil von „Guten Morgen, waren sie schon im Bad?“ um 6.30Uhr aus dem Mund eines gefühlt fünfzehnjährigen Pflegers unmittelbar nachdem er mich durch das Einschalten der Flutlichtanlage geweckt hat. 
„Nein, du Larry! Seh ich so aus? Ich hab gerade erst meine verfluchten Augen aufgemacht!“ schreit es IN mir. Contenance. Zum Dank für meine abgebrochene Tiefschlafphase gibt es zum Frühstück Puddingsuppe, die nach Erdbeeren riecht und nach Sellerie schmeckt, dazu Weißbrot mit 80 Prozent Luftanteil. So sieht Erholung aus.

Suppe mit Suppe. Dazu Suppe.
Frau Müller macht sich die Welt so gut es geht wie sie ihr gefällt und weil ich eben die wahre Antwort auf den Weckruf dieses adoleszenten Pflegers nur gedacht und nicht ausgesprochen habe, gelang es mir später auch ihm ein ordentliches Bäcker-Brötchen als Ersatz für diese Beleidigung in Gestalt eines Frühstücks abzuschwatzen. 
Überhaupt sollten, wie ich finde, auf Krankenhausfluren viel weniger Bademäntel und Adiletten getragen werden. Mit rosa Plüscheinteiler und Einhornpuschen zauberte ich beim Gang vorbei am Schwesternzimmer immer allen ein Lächeln ins Gesicht, nur der olle Drainagebeutel wollte nicht so recht zum Outfit passen. Vielleicht lass ich die Senior-Müllerin nächstes Mal was häkeln.

Apropos nächstes Mal: das nächste Mal Drainagebeutel, beschissene Nächte und Tapetenkleister zu Mittag sollte leider gar nicht so lange auf sich warten lassen. Zum Häkeln eines ordentlichen Handtäschchens für alles notwendige Übel, passend zum fröhlichen Strampelanzug mit Katzenöhrchen, kam es nicht. Wie sagt Herr Müller treffend: „Mit dir ist es wie mit einem Motor, wenn man da ein einziges Mal dranrum schraubt, hat der danach ständig was anderes!“ Er sollte Recht behalten. Dazu mehr im nächsten Blogpost.
Zumindest meine Leberwerte entsprechen jetzt wieder in angemessenem Maße denen einer Gelegenheitstrinkerin Mitte Dreißig und nicht mehr einer Hepatitispatientin. Nur so viel: Chardonnay und Prosecco waren unschuldig! Also Prost: der nächste All Inclusiv-Urlaub mit Barkeeper statt Schwester hinterm Tresen ist bereits gebucht.

Frau Müller ist zum Glück seltener im Krankenhaus, LEIDER  auch im Urlaub aber dafür öfter in Absurdistan oder der MüllerMansion. News, Anekdoten und alles unwissenswert Unterhaltsame all ihrer Wirkungsstätten gibts hier auf FACEBOOK. Abonnieren ;-)


Mittwoch, 28. Dezember 2016

GAYZEMBER: Mit dem Arschdoktor zur Ladysnight - Frau Müller zu Gast im schwulen LEIPZIG

Der GAYZEMBER neigt sich dem Ende und schon in drei Tagen verschwindet die regenbogenfarbene Deko aus der Lehrerzimmer-Außenstelle bis sie in elf Monaten wieder rausgeholt wird. Nach der Sekt-oder-Seife-Trilogie zum Finale heute noch ein kleiner Nachtrag.


Gebrauchsanweisung:

Ich respektiere Homosexuelle und sämtliche anderen sexuellen Orientierungen in vollem Umfang. Gesellschaftlich gemeinhin als „abwertend“ anerkannte Begrifflichkeiten wie zum Beispiel Schwuchtel o.ä. habe ich dem liebevoll-vulgären Umgangston meiner geschätzten homosexuellen Freunde entnommen. Wenn ich auch nie ein echtes Einhorn kennenlernen durfte, die Freude euch zu kennen bringt mich über diesen Verlust hinweg. 

Es war mal wieder Ladysnight. Meine Sarah und diesmal leider nur einer unserer herrlich schwuchteligen Lieblingsbegleiter stürzten sich ins Nachtleben nach dem alt bekannten Motto „Sekt oder Seife“. Nico ließ sich wegen emotionaler Unpässlichkeit und zu wenig Schlaf leider entschuldigen.
  
Unser Rick ist eine emotionale 16 Jährige mit dem Körper eines 12Jährigen und dem Erfahrungshorizont einer 45jährigen Prostituierten aus LasVegas. Wenn er so aus dem Nähkästchen plaudert, könnte man meinen die ganze Welt ist schwul. Und die hohe Gayquote um ihn und uns herum lässt sich dank Grinder (das schwule Tinder) quasi visualisieren

Der Haarschnitt zum Freundschaftspreis und die Botoxspritze fürs kleine Portmonee sind zweifelsohne Vorteile der homosexuellen Promiskuität. Wenn Mann aber wegen Verstopfung zum Arschdoktor (entschuldigt bitte, wir hatten getrunken, uns ist das Wort nicht gleich eingefallen), also zum Proktologen geht und dann feststellt, dass der 65jährige Mediziner erst kürzlich das eigene GayRomeo-Profil besucht hat, fühlt er sich dann doch mal peinlich berührt bei der Bitte sich zu entspannen um die rektale Untersuchung zu ermöglichen.
 
Nach einer befundlosen Voruntersuchung und der Überweisung zur Darmspiegelung wartet auch dort schon die nächste Bettbekanntschaft im weißen Kittel.

Die Welt ist ein schwules Dorf mit durchaus auch schattigen Plätzchen.  An dieser Stelle drängt sich mir eine Frage ins Hirn, entscheidet man sich als schwuler Medizinstudent bewusst für das Vertiefen eines Teilgebiets, das irgendetwas mit dem Hintertürchen zu tun hat? Oder wird man womöglich durch die vermehrte Auseinandersetzung mit eben genau dieser Körperregion erst schwul?

Es türmen sich Fragen wie Kumuluswolken.  Ist die Männerquote unter Proktologen höher? Oder gibt es genauso viele Frauen die sich mit sowas beschäftigen wollen? Und wenn ja, wie sind die denn drauf???? Keine Ahnung wie ich heute Abend einschlafen soll, bei solch tiefgreifenden Fragestellungen.

Nach Abenden in denen  Rick in unserem Hetero-Sonnenlicht geglänzt hat, wurde er schon häufig gefragt wer denn die beiden "geilen Ladys" (Zitat, Zitat!!! Nicht von mir!) waren. Im Szene-Mikrokosmos unseres Ricky-Boys tragen wir den Namen Bitch-Barbies. Gefällt mir.

Bei Bekanntschaften, die uns noch nicht erlebt haben kann das schon mal für Verwirrung sorgen. Kürzlich hab ich nach einer Übernachtung bei Rick (ich war mal wieder Gast eines Junggesellenabschiedes – dazu an anderer Stelle mehr) ein eindeutig weibliches Wäschestück versehentlich vergessen (Kein Slip!). Der männliche Besucher fand das gute Teil und stellte den armen Rick zur Rede, der bis zu diesem Moment selbst nichts von meinem Fauxpas bemerkt hatte.

Da steht also dieser Mann Sonntag halb elf in der Badtür, hält ein schwarzes Spitzenhemdchen in den Händen, schnüffelt theatralisch daran und stellt dann mit bestürzt schwuchteligem Unterton fest: „Rick, das ist eindeutig nicht von dir! Ich glaube du hast mir etwas zu erklären!“

Man kann sich vorstellen, dass jemand der uns nicht kennt mit Aussagen wie „Das ist von einer Bitchbarbie… die hat letzte Nacht bei mir geschlafen… in meinem Bett… aber ich habe auf dem Sofa geschlafen… sie ist schon weg… weil sie Familie hat… einen Mann und zwei Kinder…“ eher schwer zufrieden zu stellen ist. 

Wir geben uns Mühe beim Aufbrezeln, schließlich sind wir mittlerweile ja schon ein bisschen Fame. Und auch Rick hat seine Sorgen. Er muss sich noch rasieren. Schließlich will er (Zitat) aussehen wie 12 und nicht wie 25. Er ist ja ein Boy.


Unser Boooyyy hat wie schon erwähnt die emotionale Reife EINER 16 Jährigen. Trotz aller Mahnungen von uns und ALLEN Anderen hinsichtlich seines egozentrischen Lebensstils plant er die Anschaffung eines Hundes. Sein einziges „Aber kuckt doch mal wie niiiiiedlich der ist“-Gegenargument war für ihn in der Diskussion völlig ausreichend.

Zugegeben objektiv betrachtet ist so ein meerschweinchengroßer Hund mit der Physiognomie eines Ewok-Babys wahrscheinlich wirklich ganz „zauberhaftig“ aber Rick schafft es doch noch nicht mal seine Zimmerpflanzen regelmäßig zu gießen. 

Immerhin hat er sich schon Gedanken über die Erziehung seines Schützlings gemacht (der Vollblut-Pädagoge). Das edle Tier soll türkisch lernen. Und Hundespielzeug, das aussieht wie aus der Gay-Abteilung im Sexshop liegt auch schon in seinem Amazon-Warenkorb.

Also er: das Bräunungstuch ins Gesicht und die Wimpern für endlose Länge mit Rizinus-Öl getuscht. Wir: aufgebitcht mit Glätteisen, Cinderella-Schuh und Kleidern, deren Länge wenigstens kurz diskutiert wurde. Aber wo wenn nicht zur Homoparty soll man diese Saumlänge sonst tragen können. Für den Swingerclub sind die Fummel zu „angezogen“.

Und rein ist gayle Partygetümmel, Rick stellt uns vor. Das sind Frau Müller, Oberstudienrätin und Sarah, Visagistin aus Berlin. So unvorbereitet auf diese schamlose Aufwertung unserer Werdegänge fällt es uns schwer den arrogant-unnahbaren Gesichtsausdruck zu bewahren. 

Wir treffen Martin, unsere Lieblings-High-End-Transe und weitere Männer in wirklich gut gemachter Frauengestalt neben denen wir uns hinsichtlich ihrer weitgehend fettfreien Körper mit Taillen von 10Jährigen fühlen wie fette Schweine.

Rick hält mit Hintergrundinformationen nicht hinter dem Berg, ob Polizisten mit denen im wahren Leben seit ihrem Coming out keiner mehr die dienstlichen Duschen benutzen will oder Freunde die auf Grund selbstloser Hingabe für sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit nun den szeneinternen Spitznamen „die Bücke von der Albert-Brücke“ tragen - es gibt hier so viel zu entdecken. 

Britneybitch und Will-I-am heizen uns aus den Boxen ein, oben drauf balzende Männer, die sich gegenseitig ihre schwitzenden nackten Oberkörper anbieten. Und dann der Stimmungsknick des Abends. Rick trifft auf den festen Freund seines größten Fehlers und besten Fi***ers ever (Ricks aktuelle Definition von „großer Liebe“). Während er Rick fortan nicht mehr aus den Augen lässt und ihn von Floor zu Floor stalkt, sinkt die Stimmung unseres Party-Prinzen zusehends.

Alexander, der Abwesende, um den sich von diesem Augenblick an wieder alles dreht, konnte Rick nie eine zufriedenstellende Reaktion auf die Aussage „Ich kann nicht akzeptieren, dass du mit allen auf der Welt Sex hast, nur mit mir nicht!“ bieten, nachdem er ihm in den Monaten davor den besten Sex seines Lebens beschert hatte.

Um sich selbst und seinem „Rivalen" auf der Tanzfläche zu zeigen, dass auch er durchaus Begehrlichkeiten wecken kann, „missbraucht“ er kurzerhand einen seiner vielen Verflossen und liefert der Öffentlichkeit eine schweißtreibende Vollkontakt-Knutscherei.

Die Genugtuung hält aber nur bis zum 500m langen Heimweg, auf dem er bei fast einer ganzen Schachtel Zigaretten seiner Wut über diese „elende Hure, diese miese, dreckige F***“ Luft macht. 

Anwohner, die in lauen Spätsommernächten gerne bei offenem Fenster schlafen, haben nun wohl auch eine vage Vorstellung wie schwer das Leben eines homosexuellen Dauergeilen im Körper eines 12Jährigen sein kann.
 
Blind gefangen in seinem eigenen Leid entgeht ihm die seelische Verletzung welche uns an diesem  Abend zu später Stunde zugefügt wurde. Wir hielten uns dezent im Hintergrund als Rick von einem flüchtigen Bekannten an der Bar mit Blick auf uns gefragt wurde, wer von uns den Nico, seine bessere Hälfte, sei.

Hallo? Sehen unsere Möpse vielleicht aus, als hätten wir sie aus Badeschwämmen gebaut? Wir sind trotz Absatzschuhen höchstens einssiebzig und nicht zwei Meter groß, unsere Augenbrauen sind da wo sie hingehören und unsere Frisur wurde nicht von chinesischen Billiglohn-Arbeiterinnen handgeknüpft. Wir sind fassungslos – aber für unsere Fassungslosigkeit ist unter Ricks Gewitterwolken am Zuckerwattehimmel kein Platz.

Kurz vor halb vier Uhr nachts glühen die Tasten von Ricks Smartphone. In seinem Prinzessinnen-Bettkokon auf dem Sofa läuft der virtuelle Schwuchteltalk auf Hochtouren. Schließlich muss er ja irgendwo hin mit seinem Unmut über diese „elende Nutte“.

Wir schminken uns das dünne „Ich bin eine echte Frau und brauche keine Spachtelmasse um Bartwuchs zu vertuschen“ – Makeup ab und legen die geschundenen Ladysfüße in Größe 38 hoch.

Am nächsten Morgen sind wir beim Packen besonders umsichtig, um nicht den nächsten Supergau im Gayuniversum zu provozieren, wenn diesmal Underwear von gleich zwei Bitchbarbies unterm Bett liegt und Erklärungen notwendig werden. 

Und damit endet der GAYZEMBER 2016. Ich freue mich auch im kommenden Jahr wieder auf Leipzig - meine zweite Heimat -  und viele wunderbare Abende mit Rick, Nico, Sarah und dem Penismemory. Ich liebe euch!
GAYZEMBER 2017… will be magic again.