Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Inklusionslüge ODER Füchse reisen nicht gerne im Radkasten


Ein ernsthaftes Wort vorweg: Ich bin mir völlig bewusst, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, welches jedem zusteht und das ich auch mit diesem Artikel niemandem absprechen möchte. Meine nennen wir es „kritische" Auseinandersetzung bezieht sich auf berufliche Erfahrungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit massiven Lernschwierigkeiten und die derzeitige Auslegung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier in meinem Bundesland. Jedem, der sagt: Inklusion? Bei uns funktioniert das hervorragend, den beglückwünsche ich. Vielleicht kommt der ein oder ander aber auch ins Nachdenken. Inklusion ist eben nicht nur das glückliche Kind im Rolli, mit Asperger oder einem Cochlea-Implantat zwischen völlig gesunden Kindern. Es sind eben auch viele, viele Kinder mehr, deren Aufwachsbedingungen das Handicap sind...
 
Ich hab es im Gegensatz zum letzten Jahr bei Facebook nicht an die große Glocke gehängt, aber kürzlich fand das diesjährige Casting „Deutschland sucht den Superkevin“ zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in unserer Bildungseinrichtung für Langsamlerner statt. Kurz: Begutachtung und Diagnostik der Schulanfänger, die aufgrund umfassender Auffälligkeiten in gleich mehreren Entwicklungsbereichen sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten an einer Grundschule haben werden. Als ich am Nachmittag des ersten Tages den kleinen Müller aus dem Hort abhole, halte ich wie fast immer ein kleines pädagogisches Schwätzchen mit der Erzieherin. Ich erzähle ihr von meinem Vormittag und sie schaut mich mitten im Satz mit großen Augen und offenem Mund an: 
„Wie? Vorschüler? Da gibt’s das auch schon?“
„Ja, sicher gibt es das. Und wie. Was glaubst du, was uns für Kinder vorgestellt werden. Du machst dir kein Bild.“ 
Sie schüttelt betroffen und ungläubig den Kopf: 
„In all den Jahren, in denen ich hier und im Kindergarten als Erzieherin arbeite, habe ich nicht ein einziges Kind gehabt, bei dem ich Grund zum Zweifeln gehabt hätte. Ich kann das gar nicht glauben.“

Mir geben ihre Worte zu denken. Woran liegt es, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen so weit auseinander gehen? Tatsächlich wurde uns noch nie ein Kind aus diesem Kindergarten gemeldet, der das zu großen Teilen von einer ortsansässigen Stiftung finanzierte Herzstück unserer Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde bildet. Ein Drittel der Menschen hier hat sich in den Neunzigerjahren den Traum vom Eigenheim erfüllt, die anderen vererben Haus, Hof und Garten von Generation zu Generation. Eine kleine Neubausiedlung gibt es auch. Dort wohnen überwiegend Rentner und ein paar Familien. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie gar nicht. Hier passt der eine auf den anderen auf. Das kann auch manchmal nerven, aber mit der richtigen Portion Misanthropie und Ignoranz hat es in der Summe mehr Vor- als Nachteile.

Und dann überlege ich, aus welchen Kindergärten unsere potentiellen Superstars der Förderschul-Unterstufe gemeldet werden. Da gibt es einen mitten in der benachbarten Kreisstadt, direkt angrenzend an einen Straßenzug, dem sein Ruf vorauseilt. In dem Menschenschwarz-weiß-rote Flaggen als akzeptable Fensterdeko betrachten, Kinder auch wochentags nach 21 Uhr mit viel zu großen Turnschuhen, offenen Schnürsenkeln und kurzen Hosen im März ihre am Eistee nuckelnden Geschwister im Buggy um die Häuser schieben und Eltern noch schlafen, wenn ihre Sprösslinge mit den selbst geschmierten Stullen (oder der Milchschnitte) im Gepäck die Wohnung zum Zwecke des Schulbesuchs verlassen. Der E-Zigaretten-Fachhandel, An- und Verkäufe und Spielotheken prägen das Straßenbild.

Im Kindergarten bietet sich das gleiche seltsame und irgendwie trostlose Bild. Erzieher, die sich scheinbar allen beruflichen Enthusiasmus eingebüßt haben und in einer Mischung aus Resignation und mechanischen Funktionierens auf die Saiten der Gitarre einhacken als wäre es ein Waschbrett und kein Musikinstrument, nur um fünf Minuten später die Kinder wieder sich selbst überlassen zu können. 
„Vorschule.. ach, sie meinen ich soll mal was kopieren? Kleinen Moment.... Kinder, kommt mal her. Die Beate hat euch ein hübsches Blatt mitgebracht.“ Und dann sind da noch die Kindergärten aus den Neubaugebieten der umliegenden Kleinstädte – gleiche Szenen, andere Architektur. Von dort kommt, bis auf wenige Ausnahmen, unser elitärer Nachwuchs.


In den letzten Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Das bemerkt auch die Schulpsychologin. Seit nämlich alle Welt über die hochgelobte Inklusion diskutiert und die Schreibtischtäter der Bildungspolitik unseres Bundeslandes alles daran setzen, diesen Begriff aus seinem theoretischen Dornröschenschlaf unvermittelt aufzuwecken und in unser Schulsystem zu pflanzen, werden es immer weniger Kinder, die an unserem Casting für die Bildungselite links auf der Gaußschen Kurve teilnehmen. 

Jetzt könnte der unreflektierte Leser meinen „Na das ist doch prima!“. Das ist es aber mitnichten. Denn proportional zur Teilnehmerzahl sinkt auch der Durchschnitts-IQ der gesamten Gruppe. Und trotzdem werden, nur weil in irgendeinem Ministerialblatt plötzlich neue Verordnungen stehen, deren schwammige Umsetzung schon an fehlenden Mitteln und Fachpersonal scheitert, die Kinder nicht per Knopfdruck schlauer. Wo sind denn jetzt die Förderschüler hin?

Die Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihr Kind trotz entsprechender Indikation auf die Förderschule zu schicken. Hört sich ja erstmal gut an. Was dann allerdings gar nicht mal so selten passiert, ist folgendes: Die Eltern erzwingen den Besuch einer Regelschule auf Basis ihres Wahlrechts und entgegen aller Empfehlungen. Das Kind kommt in einer Klasse mit knapp dreißig Kindern und einem Pädagogen an, der im aller günstigsten Fall kein Quereinsteiger ist. Dort durchleidet das überforderte, unfertige Menschlein mehr schlecht als recht das erste Schuljahr und wird im Lehrplan mitgeschleift wie der tote Fuchs im Radkasten des Passaratis der Müllerfamilie im letzten MeckPomm-Urlaub. 

Vielleicht empfiehlt der ambitionierte (Neu)Pädagoge den Eltern die Wiederholung des ersten Schuljahres, vielleicht rät er aber auch zu einer Überprüfung durch die Förderschule. Weil aber die Nachbarn oder die besten Freunde jemand kennen, dessen Kind auch auf die Förderschule geht – assige Leute sind das dort – und sie außerdem kürzlich in der Zeitung lasen, dass Förderschulen bald abgeschafft werden, lehnen die Erziehungsberechtigten dankend ab, in der Annahme ihrem Kind etwas Gutes zu tun. 

Klasse Zwei beginnt und der Alptraum für Finley, Jason, Samantha oder Celina geht weiter. Bis es nicht mehr geht. Wenn es gut läuft, dann zieht er oder sie sich einfach zurück, igelt sich ein und macht die tägliche Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen still mit sich selbst aus, vielleicht kommen aber auch Bauch- oder Kopfschmerzen dazu. Wenn’s aber dumm läuft, wird Jason ein fieser kleiner Störenfried, das Arschkind der Klasse, das keiner mehr leiden kann. Dass Jason allerdings einfach nur reagiert, sieht keiner. 

Ungünstiger Weise ist vor der Einschulung auch noch eine Zurückstellung erfolgt, schließlich „verwächst sich ja auch so einiges“ und „Kinder sollte man so lange wie möglich Kind sein lassen“. Jeremy oder Jason, völlig egal, ist mittlerweile fast neun Jahre alt und damit zu alt, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Er kommt also zu einem Zeitpunkt in die Förderschule, zu dem selbst dort nicht unwesentlich viel Wichtiges längst gelaufen ist. Denkt daran – Jeremy war der tote Fuchs. Er hat weder von der Fahrt durchs sommerliche Seenplattenidyll noch von anderthalb Jahren Grundschule viel mitbekommen.
Diese Lücken in der verbleibenden Zeit zu schließen, ist eine Mammutaufgabe für Jeremy und seine engagierten Pädagogen. 

Man bedenke: Warum hat Jeremy bisher nicht erfolgreich lernen können? Weil seine intellektuellen Beinchen einfach zu kurz waren. Und mit kurzen Beinen rennt man eben nicht so schnell wie die anderen. Man hätte ihm Gehhilfen anbieten können, stattdessen ist er einfach umgerannt und niedergetrampelt worden. Jetzt läuft er in der „Kurze Beinchen“-Gruppe mit. Weil Jeremy aber lange gar nicht gelaufen ist und auf ihm herumgetrampelt wurde, hat er Mühe überhaupt auf die Beine zu kommen. Kurz: er muss jetzt trotz seiner Lernschwäche in zwei Jahren lernen, was er auch in vier Jahren hätte lernen können. Weil Zeit vergeudet wurde. Ob er das schafft, ist fraglich. Im schlimmsten Falle wechselt Jeremy nach einigen Jahren erneut die Bildungseinrichtung und geht den letzten abwärts möglichen Schritt. Und das, obwohl die Eltern und Bildungspolitiker ja immer nur sein Bestes wollten. Kinder, die nach zwei Jahren Grundschule kein einziges Wort lesen oder schreiben können, sind das Ergebnis dieses guten Willens.

Jeremy kam zu spät zu uns. Aber auch Lilly, Malik, Tim, Josua und Benjamin kamen zu spät – und das, obwohl sie ihre Einschulung noch vor sich haben. Sie kamen mit einem IQ von um die 60 und den Wahrnehmungsleistung von Granitgestein. Sie äußern sich in Einwortsätzen, können sich nicht alleine umziehen und wissen nicht, wie man einen Stift hält. Wohl aber wie man ein Tablet bedient. Sehr wahrscheinlich wird die Hälfte dieser Kinder niemals wirklich schreiben oder lesen lernen. Die Kinder kommen alle samt aus den oben beschrieben Kindergärten und Wohngebieten.

Aber wo sind unsere "guten" Förderschüler? Die mit Potential? Die, die bei guter Förderung das Zeug zum Hauptschulabschluss haben? Die bekommen im Sommer eine nette Zuckertüte und werden anschließend von 25 Kindern und einer Quereinsteigerin, die mal eine Fabrik geleitet hat, überrannt, nur um dann in zwei Jahren von uns leblos aus dem Radkasten gezerrt zu werden und die Jeremy-Karriere anzupeilen.

Inklusion in der Schule. Das ist die Palme, die wir im Urlaub so bewundern, die uns ein perfektes Bild von Ruhe und Entspannung vermittelt und die kläglich eingeht, wenn wir sie ins manchmal zumindest für Palmen recht unwirtliche deutsche Klima verfrachten. Inklusion – das ist in meinen Augen aber auch die Reanimation, die erst dann beginnt, wenn die Leichenstarre schon eingesetzt hat. Ich habe noch keinen einzigen Pädagogen im hiesigen Bildungssystem getroffen, der die Art wie Inklusion gegenwärtig hier umgesetzt wird, für gut befunden hat. 

Ich kann nicht wirklich sagen, wie es richtig geht aber ich kann sagen, dass es falsch ist, intellektuelle Ghettos zuzulassen und diese dann noch durch einschlägige Fernsehsendungen zu legitimieren. Erzählt mir nicht, dass das Aufklärungsarbeit sein soll. Es ist ein Vorführen, bei dem sich alle, denen es besser geht, angewidert abwenden und alle anderen die Rückmeldung bekommen, einer zweifelhaften Norm zu entsprechen.

Ich möchte gerne glauben, dass ich in ein paar Jahren Seite an Seite mit Grundschullehrern und Förderschullehrern in einer kleinen netten Klasse arbeite, in der Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen entsprechend ihrer individuellen Stärken und Schwächen erfolgreich miteinander lernen. Klingt nach der Sprache eines Werbeprospekts. In einer selektiven Gesellschaft wie der unsrigen belügen wir uns selbst, wenn wir glauben, alle Menschen hätten gleiche Chancen. Was entsteht ist eine Zweiklasseninklusion.

Für mehr Unterhaltsames,
seltener Kritisches,
immer aber müllereskes
aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe... 

Mittwoch, 13. September 2017

The truth beyond the Klassenzimmertür: Ein Arbeitstag mit Frau Müller – Schulpraktische Studien Teil 1



Heute seid ihr Studenten der Förderpädagogik im Grundstudium, das heißt ihr dürft Zeit in der Schule verbringen – ganz nah an der Praxis sozusagen – ohne dass ihr selbst aktiv werden müsst. So war das zumindest zu der Zeit, in der ich einst meine berufliche Qualifikation erwarb. Das ist ein bisschen wie bei diesen mutigen Tauchern in den Stahlkäfigen zwischen den Haien. Nach dieser Erfahrung könnt ihr überlegen, ob ihr auch mal ohne schützenden Käfig mit den Haien spielen wollt oder ob ihr Haie einfach scheiße findet. Wenn ihr euch für Ersteres entscheidet, dann achtet darauf, dass ihr nie blutet und immer genug Futter dabei habt. Stellt ihr jedoch eher fest, dass Schwimmen mit Haifischen nicht so euer Ding ist, dann lautet die Diagnose Praxisschock.


„Schatz, du hast heute morgen Aufsicht!“, dringt es von der anderen Seite des Bettes an mein Ohr. Gerade wollte ich Herrn Müller zum fünften Mal auffordern, die Schlummertaste zu drücken. Er hat mich schon im letzten Schuljahr zuverlässig an meine Aufsichtstermine erinnert. 
„Fuck, stimmt. Ach verflucht!" und aus Trotz selbst auf die Schlummertaste gedrückt.  Also dann heute akzeptieren, dass der Lidstrich nicht symetrisch ist, den Ladyskaffee nur zur Hälfte austrinken, den kleinen Müller ins Auto scheuchen und ab, um vor der örtlichen Grundschule das Kind abwerfen. 

Im zweiten Schulbesuchsjahr des Minimüllers habe ich mich an den irritierenden Anblick meines Kindes gewöhnt, das den vorbeigehenden Klassenkameraden mit steinerner Miene den Rücken zudreht, so lange bis diese ganzen lauten Kinder außer Sichtweite sind, damit die letzten Meter zur Schule in herrlich ruhiger Einsamkeit zurück gelegt werden können. Ist eben mein Sohn.

Vor unserer Förderschule sind Parkplätze immer rar, also ist Resteparken angesagt, für diejenigen, die keine feuchte Wohnung haben und nicht schon eine Stunde vor offizieller Anwesenheitspflicht die heiligen Hallen bevölkern. Heißt also, ich parke in den Lücken längs zur Fahrrichtung, an denen meine Kolleginnen mangels autofahrerischer Fähigkeiten vorbeifuhren. Ja, einparken kann ich einigermaßen. Herrlich, wenn der Tag mit einem Erfolgserlebnis beginnt, doof nur wenn es das Einzige des Tages bleibt. Noch blöder, wenn irgendjemand besser einparken kann als ich und nur noch Plätze an der Hauptstraße übrig sind. Abgefahrene Außenspiegel traumatisieren langfristig. Das Gefühl, nach so einem Parkplatztag das Vehikel unversehrt vorzufinden, gleicht einem negativen Schwangerschaftstest.

Tasche reinbringen und direkt nach hinten durch zum Schülereingang. Heute ist Frühaufsicht, das bedeutet die bildungshungrige Meute, die entweder zu früh von den Eltern vor die Tür gesetzt wurde oder einfach die Busverbindungsarschkarte hat, davon abhalten, die Anwohner morgens halb Acht mit NeuKöllner Klassik aus ihren Smartphones und BlueTooth-Lautsprechern zu beschallen beziehungsweise in Abhängigkeit der Witterung, alles was Beine hat und im ersten Moment nicht als Lehrkörper identifizierbar ist, mit Schneebällen zu bombardieren. 

Schulhofsadomasochismus: masochistisch lächeln und winken, wenn die eigenen Erstklässler sich über das Wiedersehen am Morgen freuen und schon aus 50 Metern Entfernung „Hallo Frau Müllaaaa!“ rufen, dabei mehrfach über ihren auf dem Boden schleifenden Turnbeutel stolpern und du weißt, dass sie dich gleich umarmen wollen, an der Schultür für alle aber gut sichtbar der „Achtung – Wir haben Läuse“-Zettel hängt. Im nächsten Moment sadistisch lächeln und demonstrativ „Guten Morgen“ sagen, wenn die Karawane der Sieben- bis Neuntklässler stumm und blickkontaktmeidend an dir vorbei zieht und sich dabei über das Spachtelmake-up und die Smokey-Eyes der zukünftigen Influencerinnen amüsieren.

Wenn das letzte Opfer der Schulbesuchspflichtjahre im Höllenschlund verschwunden ist, geschwind ins Lehrerzimmer, das Klassenbuch holen und schnell was kopieren. Dabei entweder pseudokollegial tausend entgegen gestreckte Hände schütteln oder eine Erkältung vortäuschen, um die eigene Hand bei sich behalten zu dürfen ohne unsozial zu wirken. 
Am Kopierer steht eine Schlange und alle sind am Labern: 
„Nordic Walking hier… Räucherkäse da… Zucchinisuppe lecker ... das letzte Spiel war eine Katastrophe“. 
Lächeln und Winken. 
„Bla, du hast aber die Haare schön, blabla, Frau Müller, deine Ohrringe/Schuhe/ irgendwas anderes klamottenmäßiges sind/ist aber toll.“ Lächeln und Winken. 

Es klingelt, alle sind plötzlich weg und der Kopierer endlich frei. Er spuckt zwei Blätter aus und sagt mir dann freundlich-fordernd „Bitte legen sie mehr A4-Papier ein!“ Verdammte Axt, das Papierkarma. Also eine Etage höher im Sekretariat um Kopierpapier flehen und wieder runter. Die Zeit, bis der Kopierer begriffen hat, dass jetzt mehr Papier vorhanden ist, fühlt sich genauso lange an wie die letzte Minute auf dem Waschmaschinendisplay vor dem Freischalten der Tür.

Im Klassenzimmer angekommen stellt man fest, dass das Klassenbuch noch fehlt. Egal, braucht eh kein Schwein. Und Feueralarm wird es ja wohl jetzt nicht geben, nicht um die Zeit. Da ist Frühstück in der Schulleitung. Fünf Minuten vergehen bis alle Arbeitsmittel in überschaubar hübschen Häufchen auf den entkrümelten Schülertischen liegen. Was nämlich leider immer zuerst ausgepackt wird ist das Frühstück. Das sorgt dafür, dass schon vor der ersten Stunde die Möbelpolitur aus Nutella und Butter auf den Tischplatten erneuert wird.

Wenn die Milchschnitte und auch der letzte Babybel den kindlichen Schlund in Richtung Magen passiert haben, singen wir das Begrüßungslied. Die Tatsache, dass ich nach fünf Wochen, in denen wir jeden Morgen dieses Lied hören, uns dazu bewegen und mitsingen, immer noch überlegen muss, ob nun zuerst mit den Füßen gestampft oder mit den Händen auf die Schenkel geklopft wird, gibt mir zu denken. Vermutlich liegt es daran, dass ich die 2:32min in denen der Song läuft nutze, um noch einmal geistig abzuschalten bevor der Wahnsinn losgeht. Oder ich verblöde einfach solidarisch.
 
Als nächstes werden die Hausaufgaben kontrolliert. Drei Kinder diskutieren wie jeden Tag mit mir darüber, welchen Lobstempel ich ins Heft drücke, obwohl es für Hausaufgaben schon immer nur ein „Super“-Blümchen gibt. Fünf Kinder wissen nicht, in welchem Hefter die Hausaufgabe war, dabei haben wir nur zwei. Einen roten und einen blauen. Und einer heult, weil er die Hausaufgabe nicht hat. Jaaa, in Klasse 1 sind Eltern und Kinder noch hochmotiviert.

Danach machen wir irgendwas, bei dem jeder mal an die Tafel schreiben oder malen kann. Alle müssen sich die Tafel unbedingt auf ihre individuelle Zwergengröße einstellen und pfefferen dabei dank innenarchitektonischer Fehlleistungen mehrmals fast meine Teetasse runter, brauchen genauso lange sich für eine von vier Kreidefarben zu entscheiden wie Margarete Schreinemakers bei der Auswahl ihrer Showbrille und malen dann so ungeschickt zwei Striche, dass dabei die Kreide abbricht und der Fingernagel auf dunkelgrünem Metall fiese Quietschgeräusche erzeugt. Jedes Kind muss einzeln davon abgehalten werden, sich sofort die blauen oder roten oder grünen oder gelben Finger zu waschen, weil sonst irgendwann alle von spritzendem Wasser und Schaumbergen im Waschbecken abgelenkt sind.

Anschließend malen wir die Zeichen von der Tafel noch einmal mit den Fingern erst in die Luft und dann auf die Bank. Einige sehen dabei aus wie Emily Rose im Zuge ihres Exorzismus, wieder andere fühlen sich so ungelenk an wie halbseitig Gelähmte bei der Physiotherapie, wenn ich ihren Arm dabei führe.

Jetzt das Ganze ins Heft. In welches? In das Heft, in dem wir seit fünf Wochen jeden Tag schreiben. In das rote? In das? Ja, in das. 
„Alle Kinder nehmen einen Bleistift!“ Drei nehmen einen Bleistift, vier irgendeinen anderen Stift, zwei machen gar nichts und der Rest fragt zum fünfzehnten Mal, warum wir nicht mit Füller schreiben. 
Wenn der erste gleich seinen Bleistift weg wirft, die Hand hoch reißt und „Fääärtisch!“ ruft, sucht der andere noch einen Bleistift. 
Frau Müller mittendrin. 

Mach doch was mit Steinen, hatten sie gesagt. Steine reden nicht, hatten sie gesagt.
Kennt ihr dieses Spiel aus den Spielhallen, bei dem Trolle unvermittelt aus irgendeinem Loch auftauchen und man mit so einem großen Holzhammer möglichst schnell draufhauen muss, damit sie wieder verschwinden? So ungefähr fühlt sich dieser Unterrichtsschritt an. Hier ein Lob, da eine Aufforderung doch endlich mal anzufangen, dort verhindern, dass über drei Zeilen gleichzeitig gemalt oder die erste Zeile mit der rechten und die zweite mit der linken Hand geschrieben wird. Zwischendurch Fabians Hand führen, damit wenigstens eines der Zeichen der Vorgabe ähnelt. Danach schnell Hände waschen. Die Hand war klebrig. Fabian hat Schnupfen. Immer.

Dann eine Runde Smileys verteilen und der Hälfte der kleinen Selbstüberschätzer erklären, warum ich heute leider kein Foto für sie habe …äh… warum die Smileys in meinem Stift leider schon aus sind. Irgendwie haben es dann alle geschafft. Es gibt ein Blatt für die Hausaufgabe und die letzten fünf Minuten verbringe ich damit, beim Unterscheiden des roten vom blauen Hefter zu helfen und anschließend komplett verdrehte Blätter wieder aus- und richtig einzuheften. 

Bis zum Klingeln nach diesen 45 Minuten hat Kevin fünfmal gesagt, dass er Hunger hat, dreimal gefragt, wann er frühstücken kann und sechs Mal dazu angeregt, doch ein Spiel zu spielen. Dazwischen Justin, der ganz dringend pullern musste und die Hälfte der Klasse mit dieser Not ansteckte. Alle Bedürfnisbekundungen gerne ohne vorherige Meldung mitten in meinen Lehrervortrag oder mit Fingerzeichen als sinnvollen Beitrag zum Unterrichtsgespräch.

So, jetzt ist Pause. Vielseitig nutzbare Zeit in vier Varianten:

Variante 1: man hat Aufsicht und tingelt von Zimmertür zu Zimmertür um beim Betreten des Klassenraums entweder alle andächtig an ihren Bananen nuckelnd vorzufinden oder aber epische Schlachten á la „300“ zu befrieden. Dabei ist man selbst der akuten Gefahr ausgesetzt, von herum fliegenden Federmäppchen, Brotdosen, Tafelschwämmen oder Schülerkörpern außer Gefecht gesetzt zu werden.

Variante 2: man hat keine Aufsicht und verpisst sich irgendwo hin, wo man von keinem menschlichen Wesen entdeckt wird. Arztzimmer, Klo oder ein Kellerraum sind zu empfehlen. Dort hat man die Qual der Wahl: Notdurft, Frühstück oder Whatsapp und Facebook – sicherlich ein Stück weit abhängig von der gewählten Location. Da ich selten tagsüber zum Essen und Trinken komme, daher auch keine Notwendigkeit besteht, daraus entstehenden Bedürfnissen nachzugehen, bleibt viel Zeit für das Pflegen sozialer Kontakte.

Variante 3: man entscheidet sich für die Kaffee-Runde im Lehrerzimmer. Dafür muss man Menschen im Allgemeinen und Lehrer im Speziellen mögen. Fällt für mich also aus. Spätestens nach vier Minuten zwischen diesem verlogenen Gegacker sehnt man sich nach hochfrequentem Kindergeschrei oder Tod durch Enthauptung.
Variante 4: man hat keine Aufsicht und bleibt im Klassenzimmer. Keine gute Entscheidung aber leider die am häufigsten gewählte Variante. Dort wird man dann zehn Minuten dazu genötigt, fettige Trinkflaschen zu öffnen, Bananen mit Nutellaschmauch zu schälen, freundlich lächelnd leberwurstverschmierte Plätzchen oder gar matschige Obstschnitze aus schmutzigen Kinderhänden abzulehnen oder sich langweilige und agrammatisch vorgetragene Wochenenderlebnisse anzuhören. 
„Weisst duuu, Frau Müllaaa…“ und „Hier, für dich Frau Müllaaaa!“ und schon meldet sich der Fluchtreflex. Die ständige Behelligung durch die Oberpetzen Shanaia und Shakira  - Zwillinge, rote Haare und bescheuerte Namen – nicht zu vergessen. 

Dazwischen Schreibkram. Einträge schreiben: 
„Werte Frau K., ihr Sohn hat zur Aufsichtsführenden Kollegin „Fick dich!“ gesagt, als sie ihn zur Tür schickte. Bitte sprechen sie mit ihm über dieses Fehlverhalten."
Elternbriefe beantworten: 
„Der Justin hat gestern am Bus dem Finn seine Jacke kaputt gemacht. Die war teuer. Mein Mann und ich kriegen nur Hartz IV. Können sie mir die Telefonnummer von dem Justin seine Eltern aufschreiben?"
 
Ach ja – und den Streit um die Toiletten-Rangfolge schlichten. Toiletten, Toilettenpapier und Klobürsten scheinen einen unglaublichen Aufforderungscharakter auf den kindlichen Spieltrieb auszuüben. Das heißt entweder mit nassen, stinkenden Schülerschuhen im Klassenzimmer und dem Hausmeister als Dauergast leben oder isoliertes Einmann-Pullern. Weil das Jungsklo im Unterstufenbereich schlimmer riecht, als eine rumänische Autobahntoilette, mich diese Gruppenexzesse zwischen den Porzellanschüsseln aber immer wieder zum Betreten dieses Raumes nötigen, mach ich gerne den Zweitjob als WC-Ordner und sorge für geregelten Stuhlgang ... äh ... Einzelzutritt.

Nach dem Stundenklingeln wiederholt sich das Desaster aus der ersten Stunde in leicht abgewandelter Form noch bis zu dreimal, die Fragen bleiben die gleichen. Abwechslung bringen die Wutausbrüche der schlechten Verlierer und die offenbar gesteigerte Erdanziehungskraft im Bereich einiger Schülertische, deren Platzinhaber mehr Zeit unter dem Tisch beim Suchen von Stiften, Würfeln, Kärtchen und Chips verbringen als auf ihrem Stuhl. 
Ein Bewegungslied, bei dem Frau Müller regelmäßig mehr Ausdauer im Schütteln, Wackeln und Zappeln beweist als eine Gruppe Siebenjähriger oder eine spannende Igelballpartnermassage zwischen distanzgeminderten Bewegungslegasthenikern sind die Streusel auf dem Pädagogik-Keks. 

Zu guter Letzt noch sechs von neun Ränzen selbst einpacken, auf links gedrehte Jacken umkrempeln, Mützen aus dem obersten Regalfach fischen (dabei wieder an den Läusezettel erinnert werden) und den Körperwundern beim Hochstellen der Stühle helfen. Das gute alte „Auf Wiedersehen“ im Chor und der Wahnsinn hat für diesen Tag zumindest für die Zwerge ein Ende. Für die Müllerin geht es in Runde 2. Fortsetzung folgt...

Als Lehramtsstudent im Hospitationspraktikum dürftet ihr jetzt nach Hause gehen um dort brav an eurem Bericht zu schreiben. Wenn ihr jedoch einen guten Eindruck bei eurer Mentorin (mir natürlich) hinterlassen wollt, bleibt ihr noch ein wenig und zeigt Interesse am Werkunterricht, der Töpfer-AG und einer konstruktiven Dienstberatung. Nächste Woche im Blog (Hier klicken).
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