Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Inklusionslüge ODER Füchse reisen nicht gerne im Radkasten


Ein ernsthaftes Wort vorweg: Ich bin mir völlig bewusst, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, welches jedem zusteht und das ich auch mit diesem Artikel niemandem absprechen möchte. Meine nennen wir es „kritische" Auseinandersetzung bezieht sich auf berufliche Erfahrungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit massiven Lernschwierigkeiten und die derzeitige Auslegung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier in meinem Bundesland. Jedem, der sagt: Inklusion? Bei uns funktioniert das hervorragend, den beglückwünsche ich. Vielleicht kommt der ein oder ander aber auch ins Nachdenken. Inklusion ist eben nicht nur das glückliche Kind im Rolli, mit Asperger oder einem Cochlea-Implantat zwischen völlig gesunden Kindern. Es sind eben auch viele, viele Kinder mehr, deren Aufwachsbedingungen das Handicap sind...
 
Ich hab es im Gegensatz zum letzten Jahr bei Facebook nicht an die große Glocke gehängt, aber kürzlich fand das diesjährige Casting „Deutschland sucht den Superkevin“ zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in unserer Bildungseinrichtung für Langsamlerner statt. Kurz: Begutachtung und Diagnostik der Schulanfänger, die aufgrund umfassender Auffälligkeiten in gleich mehreren Entwicklungsbereichen sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten an einer Grundschule haben werden. Als ich am Nachmittag des ersten Tages den kleinen Müller aus dem Hort abhole, halte ich wie fast immer ein kleines pädagogisches Schwätzchen mit der Erzieherin. Ich erzähle ihr von meinem Vormittag und sie schaut mich mitten im Satz mit großen Augen und offenem Mund an: 
„Wie? Vorschüler? Da gibt’s das auch schon?“
„Ja, sicher gibt es das. Und wie. Was glaubst du, was uns für Kinder vorgestellt werden. Du machst dir kein Bild.“ 
Sie schüttelt betroffen und ungläubig den Kopf: 
„In all den Jahren, in denen ich hier und im Kindergarten als Erzieherin arbeite, habe ich nicht ein einziges Kind gehabt, bei dem ich Grund zum Zweifeln gehabt hätte. Ich kann das gar nicht glauben.“

Mir geben ihre Worte zu denken. Woran liegt es, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen so weit auseinander gehen? Tatsächlich wurde uns noch nie ein Kind aus diesem Kindergarten gemeldet, der das zu großen Teilen von einer ortsansässigen Stiftung finanzierte Herzstück unserer Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde bildet. Ein Drittel der Menschen hier hat sich in den Neunzigerjahren den Traum vom Eigenheim erfüllt, die anderen vererben Haus, Hof und Garten von Generation zu Generation. Eine kleine Neubausiedlung gibt es auch. Dort wohnen überwiegend Rentner und ein paar Familien. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie gar nicht. Hier passt der eine auf den anderen auf. Das kann auch manchmal nerven, aber mit der richtigen Portion Misanthropie und Ignoranz hat es in der Summe mehr Vor- als Nachteile.

Und dann überlege ich, aus welchen Kindergärten unsere potentiellen Superstars der Förderschul-Unterstufe gemeldet werden. Da gibt es einen mitten in der benachbarten Kreisstadt, direkt angrenzend an einen Straßenzug, dem sein Ruf vorauseilt. In dem Menschenschwarz-weiß-rote Flaggen als akzeptable Fensterdeko betrachten, Kinder auch wochentags nach 21 Uhr mit viel zu großen Turnschuhen, offenen Schnürsenkeln und kurzen Hosen im März ihre am Eistee nuckelnden Geschwister im Buggy um die Häuser schieben und Eltern noch schlafen, wenn ihre Sprösslinge mit den selbst geschmierten Stullen (oder der Milchschnitte) im Gepäck die Wohnung zum Zwecke des Schulbesuchs verlassen. Der E-Zigaretten-Fachhandel, An- und Verkäufe und Spielotheken prägen das Straßenbild.

Im Kindergarten bietet sich das gleiche seltsame und irgendwie trostlose Bild. Erzieher, die sich scheinbar allen beruflichen Enthusiasmus eingebüßt haben und in einer Mischung aus Resignation und mechanischen Funktionierens auf die Saiten der Gitarre einhacken als wäre es ein Waschbrett und kein Musikinstrument, nur um fünf Minuten später die Kinder wieder sich selbst überlassen zu können. 
„Vorschule.. ach, sie meinen ich soll mal was kopieren? Kleinen Moment.... Kinder, kommt mal her. Die Beate hat euch ein hübsches Blatt mitgebracht.“ Und dann sind da noch die Kindergärten aus den Neubaugebieten der umliegenden Kleinstädte – gleiche Szenen, andere Architektur. Von dort kommt, bis auf wenige Ausnahmen, unser elitärer Nachwuchs.


In den letzten Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Das bemerkt auch die Schulpsychologin. Seit nämlich alle Welt über die hochgelobte Inklusion diskutiert und die Schreibtischtäter der Bildungspolitik unseres Bundeslandes alles daran setzen, diesen Begriff aus seinem theoretischen Dornröschenschlaf unvermittelt aufzuwecken und in unser Schulsystem zu pflanzen, werden es immer weniger Kinder, die an unserem Casting für die Bildungselite links auf der Gaußschen Kurve teilnehmen. 

Jetzt könnte der unreflektierte Leser meinen „Na das ist doch prima!“. Das ist es aber mitnichten. Denn proportional zur Teilnehmerzahl sinkt auch der Durchschnitts-IQ der gesamten Gruppe. Und trotzdem werden, nur weil in irgendeinem Ministerialblatt plötzlich neue Verordnungen stehen, deren schwammige Umsetzung schon an fehlenden Mitteln und Fachpersonal scheitert, die Kinder nicht per Knopfdruck schlauer. Wo sind denn jetzt die Förderschüler hin?

Die Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihr Kind trotz entsprechender Indikation auf die Förderschule zu schicken. Hört sich ja erstmal gut an. Was dann allerdings gar nicht mal so selten passiert, ist folgendes: Die Eltern erzwingen den Besuch einer Regelschule auf Basis ihres Wahlrechts und entgegen aller Empfehlungen. Das Kind kommt in einer Klasse mit knapp dreißig Kindern und einem Pädagogen an, der im aller günstigsten Fall kein Quereinsteiger ist. Dort durchleidet das überforderte, unfertige Menschlein mehr schlecht als recht das erste Schuljahr und wird im Lehrplan mitgeschleift wie der tote Fuchs im Radkasten des Passaratis der Müllerfamilie im letzten MeckPomm-Urlaub. 

Vielleicht empfiehlt der ambitionierte (Neu)Pädagoge den Eltern die Wiederholung des ersten Schuljahres, vielleicht rät er aber auch zu einer Überprüfung durch die Förderschule. Weil aber die Nachbarn oder die besten Freunde jemand kennen, dessen Kind auch auf die Förderschule geht – assige Leute sind das dort – und sie außerdem kürzlich in der Zeitung lasen, dass Förderschulen bald abgeschafft werden, lehnen die Erziehungsberechtigten dankend ab, in der Annahme ihrem Kind etwas Gutes zu tun. 

Klasse Zwei beginnt und der Alptraum für Finley, Jason, Samantha oder Celina geht weiter. Bis es nicht mehr geht. Wenn es gut läuft, dann zieht er oder sie sich einfach zurück, igelt sich ein und macht die tägliche Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen still mit sich selbst aus, vielleicht kommen aber auch Bauch- oder Kopfschmerzen dazu. Wenn’s aber dumm läuft, wird Jason ein fieser kleiner Störenfried, das Arschkind der Klasse, das keiner mehr leiden kann. Dass Jason allerdings einfach nur reagiert, sieht keiner. 

Ungünstiger Weise ist vor der Einschulung auch noch eine Zurückstellung erfolgt, schließlich „verwächst sich ja auch so einiges“ und „Kinder sollte man so lange wie möglich Kind sein lassen“. Jeremy oder Jason, völlig egal, ist mittlerweile fast neun Jahre alt und damit zu alt, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Er kommt also zu einem Zeitpunkt in die Förderschule, zu dem selbst dort nicht unwesentlich viel Wichtiges längst gelaufen ist. Denkt daran – Jeremy war der tote Fuchs. Er hat weder von der Fahrt durchs sommerliche Seenplattenidyll noch von anderthalb Jahren Grundschule viel mitbekommen.
Diese Lücken in der verbleibenden Zeit zu schließen, ist eine Mammutaufgabe für Jeremy und seine engagierten Pädagogen. 

Man bedenke: Warum hat Jeremy bisher nicht erfolgreich lernen können? Weil seine intellektuellen Beinchen einfach zu kurz waren. Und mit kurzen Beinen rennt man eben nicht so schnell wie die anderen. Man hätte ihm Gehhilfen anbieten können, stattdessen ist er einfach umgerannt und niedergetrampelt worden. Jetzt läuft er in der „Kurze Beinchen“-Gruppe mit. Weil Jeremy aber lange gar nicht gelaufen ist und auf ihm herumgetrampelt wurde, hat er Mühe überhaupt auf die Beine zu kommen. Kurz: er muss jetzt trotz seiner Lernschwäche in zwei Jahren lernen, was er auch in vier Jahren hätte lernen können. Weil Zeit vergeudet wurde. Ob er das schafft, ist fraglich. Im schlimmsten Falle wechselt Jeremy nach einigen Jahren erneut die Bildungseinrichtung und geht den letzten abwärts möglichen Schritt. Und das, obwohl die Eltern und Bildungspolitiker ja immer nur sein Bestes wollten. Kinder, die nach zwei Jahren Grundschule kein einziges Wort lesen oder schreiben können, sind das Ergebnis dieses guten Willens.

Jeremy kam zu spät zu uns. Aber auch Lilly, Malik, Tim, Josua und Benjamin kamen zu spät – und das, obwohl sie ihre Einschulung noch vor sich haben. Sie kamen mit einem IQ von um die 60 und den Wahrnehmungsleistung von Granitgestein. Sie äußern sich in Einwortsätzen, können sich nicht alleine umziehen und wissen nicht, wie man einen Stift hält. Wohl aber wie man ein Tablet bedient. Sehr wahrscheinlich wird die Hälfte dieser Kinder niemals wirklich schreiben oder lesen lernen. Die Kinder kommen alle samt aus den oben beschrieben Kindergärten und Wohngebieten.

Aber wo sind unsere "guten" Förderschüler? Die mit Potential? Die, die bei guter Förderung das Zeug zum Hauptschulabschluss haben? Die bekommen im Sommer eine nette Zuckertüte und werden anschließend von 25 Kindern und einer Quereinsteigerin, die mal eine Fabrik geleitet hat, überrannt, nur um dann in zwei Jahren von uns leblos aus dem Radkasten gezerrt zu werden und die Jeremy-Karriere anzupeilen.

Inklusion in der Schule. Das ist die Palme, die wir im Urlaub so bewundern, die uns ein perfektes Bild von Ruhe und Entspannung vermittelt und die kläglich eingeht, wenn wir sie ins manchmal zumindest für Palmen recht unwirtliche deutsche Klima verfrachten. Inklusion – das ist in meinen Augen aber auch die Reanimation, die erst dann beginnt, wenn die Leichenstarre schon eingesetzt hat. Ich habe noch keinen einzigen Pädagogen im hiesigen Bildungssystem getroffen, der die Art wie Inklusion gegenwärtig hier umgesetzt wird, für gut befunden hat. 

Ich kann nicht wirklich sagen, wie es richtig geht aber ich kann sagen, dass es falsch ist, intellektuelle Ghettos zuzulassen und diese dann noch durch einschlägige Fernsehsendungen zu legitimieren. Erzählt mir nicht, dass das Aufklärungsarbeit sein soll. Es ist ein Vorführen, bei dem sich alle, denen es besser geht, angewidert abwenden und alle anderen die Rückmeldung bekommen, einer zweifelhaften Norm zu entsprechen.

Ich möchte gerne glauben, dass ich in ein paar Jahren Seite an Seite mit Grundschullehrern und Förderschullehrern in einer kleinen netten Klasse arbeite, in der Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen entsprechend ihrer individuellen Stärken und Schwächen erfolgreich miteinander lernen. Klingt nach der Sprache eines Werbeprospekts. In einer selektiven Gesellschaft wie der unsrigen belügen wir uns selbst, wenn wir glauben, alle Menschen hätten gleiche Chancen. Was entsteht ist eine Zweiklasseninklusion.

Für mehr Unterhaltsames,
seltener Kritisches,
immer aber müllereskes
aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe... 

Mittwoch, 4. April 2018

Von Zahnpastafamilien, Laseraugen und individuellen Ruhestandsphantasien


Kennt ihr das, wenn schon die Kinder den Kühlschrank öffnen, rein schauen und sagen: „Orr Mama, du musst mal wieder einkaufen gehen!“? Und die Mutter zaubert aus schrumpligen Paprika, drei angefangenen Nudelpäckchen, Eiern, deren Geburtsdatum keiner mehr kennt und einem offenen Becher Schlagsahne, der zumindest noch riecht als bekommt man davon keinen Durchfall, etwas Essbares, das zwar die Kinder nicht zufriedenstellt („Das hast du mit Absicht gekocht!“) , aber zumindest lebensmittelgewordene mütterliche Kompetenz und Zufriedenheit duftig-dampfend repräsentiert. Mir schmeckt immer, was ich koche. Der Rest ist Erziehung. 
Mein Hirn ähnelt gerade diesem kinderalptraumgewordenen Kühlschrank. Da stehen jede Menge letzte Wurstscheiben, ungeöffnete Aiolibecher vom letzten Silvester und Glasbesetzer-Gürkchen drin rum. Wird Zeit, was draus zu machen, dass zumindest mich unterhält. Euch verkaufe ich das Ganze als fundamentalbanale Gesellschaftsbeobachtung. Containern für Soziologen sozusagen…
 
Eigentlich besteht ja keine Notwendigkeit, sich für bestimmte Lebensentscheidungen zu rechtfertigen. Aber zuweilen bringen einen gesellschaftliche Reaktionen auf eben diese Entscheidungen dazu, nach Erklärungen zu suchen; uns dann schließlich doch zu rechtfertigen. Und wenn es vor uns selbst ist. Nehmen wir die Sache mit der Familienplanung. Die Gesellschaft steckt den Rahmen dessen, was als normal toleriert wird, recht eng.

"Was? Nur ein Kind? Hm? Kein Pärchen? Was, wenn das zweite ein Junge/Mädchen wird? Und überhaupt. Einzelkinder haben es echt schwer im Leben."
Zwei Kinder – alles gut. Insbesondere dann, wenn beim Nachwuchs beide Geschlechter vertreten sind. 
Die von mir gemeinhin als Zahnpastafamilie (wahlweise auch Waschmittel- oder Golffamilie – wegen der Werbetauglichkeit) bezeichnete Familienstruktur entspricht dem gesellschaftlich anerkannten Ideal eines Lebensmodells. Von implizierten Erwartungen zu Altersspannen, Zeitraum der Eheschließung, Beischlaf- und Auslandsurlaubshäufigkeit sowie Bausparverträgen schreib ich jetzt lieber nicht. Das würde den Rahmen sprengen. Dass auch das äußerlich perfekte Zahnpasta-Idyll zuweilen der mit Senf gefüllte Krapfen sein kann, beweist die müllereskinterpretierte Familie nach dem Modell der Quattroehe. Aber das nur am Rande. Ich jedenfalls mag Senf.

Ab dem dritten Kind wird den Eltern nachgesagt, sie hätten die Kontrolle über jedwede Form der Empfängniskontrolle verloren, wahlweise sind diese Menschen auch einfach zu blöd zum Verhüten oder schlicht zu faul zum Arbeiten. Mit Kind vier gilt das Prädikat: Assige Leute. Ist natürlich Blödsinn, muss jeder selbst wissen. Zumal auch die Müllerin ein Kontrollverlustkind ist, die Seniormüllers aber weder doof noch arbeitsscheu sind.

Was will nun diese Einleitung, bei der ich wie gewohnt in bester Hammerwerfermanier aushole (ich hoffe die holen seeehr weit aus, ich hab‘s nicht so mit Leichtathletik) und bei deren Umfang in Relation zur Gesamtlänge des Artikels meine Deutschlehrerin hektische Flecken bekommen hätte, für diesen Artikel leisten? 
Nun, mir ist kürzlich aufgefallen, dass es sich mit befelltem Familienzuwachs ähnlich verhält, wie mit der fleischfarbenen Variante. Die Gesellschaft glaubt, solche ganz individuellen Entscheidungen bewerten zu müssen.

"Du hast kein Haustier? Bist du allergisch oder einfach ein Scheißmensch?"
"Du hast eine Katze? Langweilt die sich nicht? Und überhaupt. Eine Katze ist keine Katze." (selbes gilt übrigens auch fürs geächtete Einzelkind).
Zwei Katzen – alles in Butter, normaler Mensch.
Ab Katze Drei: "Was stimmt mit dir nicht? Willst du nicht mal erwachsen werden? Was bist du? Ein Tiermessi?"

Die Reaktionen auf die Bekanntgabe der Leih(katzen)mutterschaft und dem damit verbundenen Zuwachs in der MüllerMansion fielen speziell in meinem Fall nicht ganz so diskreditierlich aus, da die meisten der mir näherstehenden Mitmenschen um meinen Geisteszustand wissen. In der Folge reichte allen meine Begründung „Es ist eine ganz Schwarze. Mit Laseraugen. Ich wollte schon immer eine Laseraugenkatze haben!“ aus. 

Und dennoch kam ich nicht umhin, für mich selbst eine Begründung für die Anschaffung einer dritten Katze zu suchen, die über das Laseraugenargument hinaus ging. Wir alle werden immer wieder (auch unbemerkt) Opfer gesellschaftlicher Zwänge und wenn es nur darum geht, ein Katzenbaby zu adoptieren. Komplettieren die schüchterne Schattenboxerin Gudrun und der kamerageile Kifferkater Andreas, Namensgeber waren die führenden RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Bader, das müllersche Komödiantenstadl noch nicht ausreichend?Was ist mit deren Augen? Haben die keine Laserkräfte? 
Nein, denn dafür braucht es schwarzes Fell. Sehr sehr dunkles schwarz am besten. Den Zusammenhang könnte vermutlich Johannes Itten oder notfalls stellvertretend aufgrund von Tod meine Kunstlehrerin wunderbar erklären. Rembrandt oder Goya hätten wahrscheinlich auch am liebsten schwarze Katzen mit großen Augen gemalt.

Achtung, jetzt holt sie wieder mit dem Hammer aus. Manche Menschen haben eine bestimmte Vorstellung ihres Ruhestandes. Die meisten Optimisten träumen vermutlich von einer altersgerechten Finca in den Bergen nahe Palma, Pessimisten weigern sich, Ruhestandsvisionen zu phantasieren und würgen alles mit dem „So alt werde ich eh nicht“-Totschlagargument ab. Ist es eigentlich pessimistisch, diese Einstellung eher optimistisch zu sehen? Ich frage für einen Freund. 

Was tun die Realisten? Mal sehen, da muss ich länger überlegen, Realität ist nicht so meins. Ich vermute mal, die Realisten sichern sich im Hier gut ab, damit sie im Später dem Pflegenotstand ein Schnippchen schlagen können. Wie auch immer. Oder wie eine ehemalige Kommilitonin, liebe Freundin und ihres Zeichens auch Förderschullehrerin erst kürzlich zu mir sagte: „Wie? Du willst bis 55 arbeiten? So lang mach ich nicht. Ich geh vorher in Burnout.“

Was bin ich nun? Optimist? Pessimist? Realist? Ich bin alles, ich bin die Müllerin. Und wovon träumt die Müllerin? Und vor allem: Was zum Teufel hat das mit einer schwarzen Katze zu tun? Was sind meine Visionen? Zunächst mal muss ich in die ernste Tasche greifen. Ein Teil von mir ist tatsächlich Pessimist. Das liegt vermutlich daran, dass ich eine nicht ganz unerhebliche Anzahl mir verschieden nahestehende Personen kurz nach oder kurz vor Erreichen des Rentenalters jämmerlich krepieren sah. Was ich gegen oder auch für diese zugegebenermaßen düstere Vision tue: leben, trinken, feiern, vögeln, Lieblingsmenschen haben. Hardware: geplanter Ausstieg mit 55. Software: Auf meinem Sterbebett der Schwiegermüllerin erzählen, was eine Quattroehe ist und mit der Erinnerung an diesen Gesichtsausdruck friedlich entschlafen. 

Sollte ich (und die Menschen, die ich liebe) von todbringenden Krankheiten verschont bleiben und die von Herrn Müller sorgsam geplante Altersvorsorge und Finanzstrategie funktionieren … ihr merkt schon, jetzt kommt die rundum optimistische Vision … sehe ich mich mit mäßig gealtertem Körper und Antlitz am Pool einer Villa in der toskanischen Einöde, rechts neben mir Sarah, die auf einem aufblasbaren Einhorn liegend auf dem Wasser vor sich hin dümpelt. Links schreitet Olivia, mein Pfau an mir vorbei. In der Ferne hört man Esel und Ziegen. Wir befinden uns im Privatteil des Anwesens. Die Männer führen gerade eine Gruppe Hipstertouristen durch unsere Weinberge und zeigen ihnen die auf sie wartenden Arbeiten. Dafür dürfen die Urlauber dann im Resort-Teil unseres Anwesens nächtigen und im Schutze der Kommune mit einer beliebigen Anzahl an Partnern leben und lieben – nach Feierabend versteht sich. Sie sind durch Empfehlungen auf unsere Webseite gestoßen, auf der wir unser Urlaubsmodell für Kurzzeitaussteiger und Alternativbeziehungsinteressierte anbieten. Wenn sich das Ganze etabliert hat, setzten wir uns auf eine einsame Insel im Süden Thailands ab und lassen uns nur noch den fertigen Wein schicken.

Zurück zur Katze. Wenn ich weder früh sterbe, noch das nötige Kleingeld für den polyamoren Ausstieg habe, brauche ich einen Plan B. Und hier kommen die Katzen ins Spiel. Unabhängig von Restattraktivität oder der Höhe meiner Pension möchte ich im Alter vor allem eins: meine Ruhe. Ich arbeite daher schon heute mit Nachdruck am äußeren Eindruck einer gewissen Schrulligkeit. Tragender Teil des Konzepts ist eine gesellschaftlich nicht anerkannte Anzahl an Katzen. Vorbild ist die verrückte Katzenlady Eleanor Abernathy aus der monumentalen Trickserie „Die Simpsons“.



Kinder wechseln tuschelnd die Straßenseite wenn sie an meinem Haus vorbei gehen und sollten sie doch den unkrautüberwucherten Weg, welcher zu meiner Haustüre führt, betreten, bewerfe ich sie von meinem Schaukelstuhl auf der Terrasse aus mit Katzen. Über den Verschlag hinten im Garten erzählt man sich in der Nachbarschaft, das sei die Katzenfutterküche. Und „Kevin-Häppchen in Gelee“ mögen die Mietzen besonders gerne. Tatsächlich bewahre ich dort nur leere Flaschen, da ich es auch im Alter noch nicht geschafft habe, einen Altglascontainer für's eigene Grundstück zu erfragen und den ganzen Einhornkram von früher auf. Ich bin ja nicht irgendwie krank oder so.

Eine ausgewachsene Katze für jedes vollendete Lebensjahrzehnt - so lautet der Plan - Babys natürlich nicht mitgerechnet. Katzenlady ist man nicht, Katzenlady wird man. Schließlich steht auch keiner früh morgens auf und sagt: Ich bin dann mal Papst. Oder Karl Lagerfeld. Das ist ein Prozess, für den man aktiv etwas tun muss. Reich-Ranicki wäre auch nicht der belesene Dauernörgler geworden, wenn er nie ein Buch in die Hand genommen hätte. Allerdings hat vermutlich auch er weder die Fibel noch TKKG übersprungen.

Also freue ich mich nun, wenn in zirka acht Wochen das Laseraugenkätzchen bei mir einzieht. Auch wenn Laseraugenkämpfe zwischen meiner und Marcos Laseraugenkatze, wie wir sie uns einst in unseren kühnsten Träumen ausmalten, vorerst nicht stattfinden werden, da er kein drittes Kätzchen adoptieren darf. Sarah hat’s ihm verboten. Und Marco hat schlechte Diskussionskatzen.. äh.. Karten. Weil die Katzenlady nun mal ne Lady ist. Schade eigentlich. Selbst vor Schrulligkeit macht Gendermainstreaming keinen Halt… schreibt’s und holt schon mal den Hammer zum Ausholen.

Wer Lust hat, der Müllerin beim
"literarischen" Restkochen zuzulesen,
der abonniert am besten mit Sternchen

Freitag, 16. März 2018

BUNT ist meine Lieblingsfarbe - Beitrag zur Blogparade "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" von Vairvetzt


Eigentlich ist gerade der SchMärz im Lehrerzimmer in vollem Gange, ein Themenmonat rund um BDSM und sexuelle Revolutionen. Und dann grätscht Jule vom Blog Vairvetzt mit einer Blogparade unter dem Titel "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" dazwischen und verwurstet damit gleich zwei weitere Herzensthemen der Müllerin miteinander. Ehrensache, dass ich meinen Senf dazu gebe. Ganz schön gemein eigentlich, wenn man eine Veganerin etwas verwursten lässt. Sorry, Jule ;-)
Außerdem sind die Themen gar nicht so verschieden wie sie scheinen: Tätowieren tut weh, manchmal sogar richtig scheiße-weh – so weh, wie die immer wiederkehrende Frage aller Nichttätowierten danach. Aber nach all dem Schmerz ist man glücklich und kann das nächste Mal gar nicht erwarten…

Okay, vorab Bestandsaufnahme zur Frage: Bin ich ein guter Lehrer? 
Mal sehen. Ich fluche gerne, trage Leggings mit Disneymotiven, schaue die Simpsons und weiß, dass Lauch ein Schimpfwort ist. Ich trage zu passenden Gelegenheiten Strapse auch in der Öffentlichkeit, trinke aus penisförmigen Strohhalmen, lebe in einer Art Vierecksbeziehung, meide Menschenansammlungen, die soziales Interagieren von mir fordern, lasse meine Kinder fernsehen, kontrolliere selten bis nie die Punkte ihrer Leistungskontrollen auf Fehler ihrer Lehrer und verabscheue meine Nachbarn sowie die Mehrzahl der Menschen in meinem Wohnort.  Sieht schlecht aus.

Schauen wir, was ich für die Pro-Argumentation zu bieten habe: Ich geh‘ seit fast 10 Jahren zum Yoga, kann gut klugscheißen und hab ein leicht überdurchschnittliches Basteltalent. Außerdem sammle ich instinktiv leere Klorollen und scheue mich nicht davor, mich vor Kindern zum Affen zu machen. Könnte also doch was werden. 

Da fällt mir ein: Ich bin tätowiert. Argumentation ENDE. Beruf verfehlt.
Tattoos sind etwas stark launen- und trendabhängiges – und ganz abgesehen davon auch gesundheitsgefährdend. Nur ein schwacher und leicht zu beeinflussender Charakter begeht solch einen folgenschweren Fehler (unter Umständen gleich mehrmals),bereut seine Fehlentscheidung spätestens dann, wenn die Haut Falten und der Verstand Vernunft annimmt und gibt dafür außerdem noch viiiel viiiel Geld aus, das in einem Fond zur Altersvorsorge weitaus besser aufgehoben wäre. Als Lehrer ist man schließlich Vorbild für die jungen Seelen auf der Suche nach Orientierung. Sagt die Allgemeinheit.

Schluss mit dem ganzen Quatsch. Zurück zur Realität. Dass ich weder innerlich noch äußerlich dem Lehrerklischee entspreche, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Ich wurde in der Vergangenheit bereits für eine Friseurin, Nageldesignerin oder gar Tätowiererin gehalten - alles ehrenwerte Berufe. Wenn ich Fremden die Art meines Broterwerbs verrate, fallen die meisten Reaktionen unter die „Willst du mich verscheißern?“-Kategorie. Ich finde das nicht schlimm. Lehrer und Lehrerinnen riechen nach der Auffassung der Allgemeinheit nach Kaffee, Salami und alten Karten aus dem Geographiekabinett. Sie haben kein oder ein langweiliges Privatleben und reden überall zu laut. 

Ich habe alles andere als Lust, mich in dieses Klischee einzureihen. Auch als Insider (der weiß, dass Lehrer manchmal auch nach 4711 oder billigem Rasierwasser riechen und öfters auch mal Apfelschnitze essen) mag ich nicht so recht dazugehören. Denn die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sind hässlich. Und damit meine ich nicht gesichtshässlich, wie man möglicherweise im ersten Moment denken mag. Ich rede von einem hässlichen Charakter. Sie vereinen alle schlechten Eigenschaften, die Frauen und Lehrern häufig zugeschrieben werden. Sie sind hinterfotzig, besserwisserisch, reden ständig übereinander aber nicht miteinander und glauben von sich selbst, härter als alle anderen zu arbeiten. 
 
Also bin ich einfach ich. Im Dienst mit Abstrichen. Man tausche Schneewitchen und die sieben Zwerge gegen Jeans, lässt den roten Lippenstift und die Haarschleifen weg und hebt sich das Mittelfingershirt für Freitagnachmittag auf. Es soll ja niemand überfordert werden. Anfangs trug ich im Sommer immer einen Cardigan wegen der bunten Arme, bis vorletztes Jahr auch immer wenigstens eine dünne EINFARBIGE Leggings, auch wenn es sehr warm war. Ich kann noch nicht mal genau sagen warum. Zu wenig Erfahrung, zu viel gesellschaftliches „Lehrer sollten…“. Ja, was sollten Lehrer denn? Ihren Job machen! Wahrscheinlich wollte ich keinen Anlass für Kritik bieten. Dumm eigentlich.

Das einzige Tattoo, an dem mich garantiert KEIN KOLLEGE erkennt

Nachdem ich dann vor vielen Monaten nach einer Auseinandersetzung mit der Chefetage den Sinn und Wert meines gesamten Wirkens anzweifelte, der Nährboden dieser existenziellen Krise allerdings einfach nur die nicht vorhandene Wertschätzung meiner Arbeit und der des gesamten Kollegiums durch meine Vorgesetzte war, änderte ich meine Grundeinstellung:

Das Ganze ist immer noch NUR ein Job. Und das, was du zurückbekommst ist es mitnichten wert, sich zu verbiegen oder auf etwas zu verzichten, an dem du Freude hast und das ein Teil von dir ist.

Gesagt hat bis heute wegen der Tattoos niemand etwas – zumindest nichts Negatives und zumindest nicht zu mir. Was ändern die Farben meiner Haut an der Qualität meiner Arbeit? Ich bin beispielsweise überdurchschnittlich oft in der Elternberatung tätig – und das recht erfolgreich, möchte ich behaupten, habe dadurch außerdem häufig Kontakt zu Erziehern und Lehrern aus allen möglichen Kitas und Schulen des Landkreises. Noch nie hatte ich den Eindruck, wegen meiner Tätowierungen schief angeschaut oder gar nicht ernstgenommen zu werden. Ganz im Gegenteil. Zur Einschulungsfeier meiner Erstklässler trug ich selbstverständlich ein Tanktop. Ohne pseudoseriöses Blazerchen drüber - warum auch? Es war warm. Und außer mir wollte den Job niemand...

Ich sehe die Sache heute entspannt bis ignorant. Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag in einem Bundesland, dass an chronischem Lehrermangel leidet, geht farbtechnisch schon noch einiges. Gemessen an Ausbildungen und der damit verbundenen Einsatzfähigkeit in Bereichen, für die es in unserer Schule wenig bis gar kein Personal gibt, stelle ich mir eine Diskussion zu meinem geplanten Handrückentattoo mit der Schulleitung eher witzig vor.

Die wichtigste Meinung haben wir vergessen. Die der Kinder. Schließlich bin ich wegen den kleinen Rotzlöffeln Lehrer geworden und nicht wegen ihrer Eltern oder gar meiner Kollegen. Okay, Gehalt und Arbeitszeiten können keine Auskunft geben. 
Kinder kucken. Und sie kucken wieder weg. 
"Ah, du hast da ein Minion, Frau Müller."
"Ja, das hab ich."
"Ich hab auch ein Minion, da – auf meiner Brotdose."
Fertig. 

Bei den großen „Kindern“ sind Tattoos Vorteil- und Nachteil zugleich. Körperbemalung scheint Distanzen abzubauen und führt dazu, dass Kevin sich zuweilen überschätzt und glaubt mit seinem Kugelschreiber-Ohr-Tunnel bei mir punkten zu können ("Nein, Kevin – du musst das im Sportunterricht trotzdem rausnehmen."), Chantal sich aber von mir eher den Hinweis auf dünner gespachteltes Make-up annimmt, als von einer naturbelassenen Mittfünfziger-Kollegin.

Was ich mit wieder einmal viel zu vielen Worten eigentlich einfach sagen wollte (Wollte ich das wirklich - oder habe ich das durchs Schreiben dieses Textes streng genommen erst selbst erkannt? Man weiß es nicht...) : Kein Job ist es wert, sich zu verstellen - nicht für die Anderen und nicht für sich selbst. Und: Stress hat man nicht, Stress macht man sich.   

Im Referendariat fragte ich mal einen der wenigen männlichen Mitstreiter nach den Reaktionen seiner Vorgesetzten auf seine recht auffälligen Tätowierungen. Er antwortete, dass bisher alle recht entspannt damit umgegangen seien, er sich da aber auch niemals etwas vorschreiben lassen würde, denn schließlich könne er ja auch nicht von Kolleginnen, deren Frisur ihm nicht gefällt verlangen, im Dienst eine Mütze zu tragen… 

Mit diesen klugen Worten eines bunten Mannes möchte ich mich verabschieden. Ich muss dringend ein paar Autos knacken, Drogen konsumieren und mein Zuhälter versucht auch schon die ganze Zeit anzurufen….
Alle Artikel zur Blogparade „Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job“ ab 18.03.auf:

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