Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Freitag, 16. März 2018

BUNT ist meine Lieblingsfarbe - Beitrag zur Blogparade "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" von Vairvetzt


Eigentlich ist gerade der SchMärz im Lehrerzimmer in vollem Gange, ein Themenmonat rund um BDSM und sexuelle Revolutionen. Und dann grätscht Jule vom Blog Vairvetzt mit einer Blogparade unter dem Titel "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" dazwischen und verwurstet damit gleich zwei weitere Herzensthemen der Müllerin miteinander. Ehrensache, dass ich meinen Senf dazu gebe. Ganz schön gemein eigentlich, wenn man eine Veganerin etwas verwursten lässt. Sorry, Jule ;-)
Außerdem sind die Themen gar nicht so verschieden wie sie scheinen: Tätowieren tut weh, manchmal sogar richtig scheiße-weh – so weh, wie die immer wiederkehrende Frage aller Nichttätowierten danach. Aber nach all dem Schmerz ist man glücklich und kann das nächste Mal gar nicht erwarten…

Okay, vorab Bestandsaufnahme zur Frage: Bin ich ein guter Lehrer? 
Mal sehen. Ich fluche gerne, trage Leggings mit Disneymotiven, schaue die Simpsons und weiß, dass Lauch ein Schimpfwort ist. Ich trage zu passenden Gelegenheiten Strapse auch in der Öffentlichkeit, trinke aus penisförmigen Strohhalmen, lebe in einer Art Vierecksbeziehung, meide Menschenansammlungen, die soziales Interagieren von mir fordern, lasse meine Kinder fernsehen, kontrolliere selten bis nie die Punkte ihrer Leistungskontrollen auf Fehler ihrer Lehrer und verabscheue meine Nachbarn sowie die Mehrzahl der Menschen in meinem Wohnort.  Sieht schlecht aus.

Schauen wir, was ich für die Pro-Argumentation zu bieten habe: Ich geh‘ seit fast 10 Jahren zum Yoga, kann gut klugscheißen und hab ein leicht überdurchschnittliches Basteltalent. Außerdem sammle ich instinktiv leere Klorollen und scheue mich nicht davor, mich vor Kindern zum Affen zu machen. Könnte also doch was werden. 

Da fällt mir ein: Ich bin tätowiert. Argumentation ENDE. Beruf verfehlt.
Tattoos sind etwas stark launen- und trendabhängiges – und ganz abgesehen davon auch gesundheitsgefährdend. Nur ein schwacher und leicht zu beeinflussender Charakter begeht solch einen folgenschweren Fehler (unter Umständen gleich mehrmals),bereut seine Fehlentscheidung spätestens dann, wenn die Haut Falten und der Verstand Vernunft annimmt und gibt dafür außerdem noch viiiel viiiel Geld aus, das in einem Fond zur Altersvorsorge weitaus besser aufgehoben wäre. Als Lehrer ist man schließlich Vorbild für die jungen Seelen auf der Suche nach Orientierung. Sagt die Allgemeinheit.

Schluss mit dem ganzen Quatsch. Zurück zur Realität. Dass ich weder innerlich noch äußerlich dem Lehrerklischee entspreche, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Ich wurde in der Vergangenheit bereits für eine Friseurin, Nageldesignerin oder gar Tätowiererin gehalten - alles ehrenwerte Berufe. Wenn ich Fremden die Art meines Broterwerbs verrate, fallen die meisten Reaktionen unter die „Willst du mich verscheißern?“-Kategorie. Ich finde das nicht schlimm. Lehrer und Lehrerinnen riechen nach der Auffassung der Allgemeinheit nach Kaffee, Salami und alten Karten aus dem Geographiekabinett. Sie haben kein oder ein langweiliges Privatleben und reden überall zu laut. 

Ich habe alles andere als Lust, mich in dieses Klischee einzureihen. Auch als Insider (der weiß, dass Lehrer manchmal auch nach 4711 oder billigem Rasierwasser riechen und öfters auch mal Apfelschnitze essen) mag ich nicht so recht dazugehören. Denn die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sind hässlich. Und damit meine ich nicht gesichtshässlich, wie man möglicherweise im ersten Moment denken mag. Ich rede von einem hässlichen Charakter. Sie vereinen alle schlechten Eigenschaften, die Frauen und Lehrern häufig zugeschrieben werden. Sie sind hinterfotzig, besserwisserisch, reden ständig übereinander aber nicht miteinander und glauben von sich selbst, härter als alle anderen zu arbeiten. 
 
Also bin ich einfach ich. Im Dienst mit Abstrichen. Man tausche Schneewitchen und die sieben Zwerge gegen Jeans, lässt den roten Lippenstift und die Haarschleifen weg und hebt sich das Mittelfingershirt für Freitagnachmittag auf. Es soll ja niemand überfordert werden. Anfangs trug ich im Sommer immer einen Cardigan wegen der bunten Arme, bis vorletztes Jahr auch immer wenigstens eine dünne EINFARBIGE Leggings, auch wenn es sehr warm war. Ich kann noch nicht mal genau sagen warum. Zu wenig Erfahrung, zu viel gesellschaftliches „Lehrer sollten…“. Ja, was sollten Lehrer denn? Ihren Job machen! Wahrscheinlich wollte ich keinen Anlass für Kritik bieten. Dumm eigentlich.

Das einzige Tattoo, an dem mich garantiert KEIN KOLLEGE erkennt

Nachdem ich dann vor vielen Monaten nach einer Auseinandersetzung mit der Chefetage den Sinn und Wert meines gesamten Wirkens anzweifelte, der Nährboden dieser existenziellen Krise allerdings einfach nur die nicht vorhandene Wertschätzung meiner Arbeit und der des gesamten Kollegiums durch meine Vorgesetzte war, änderte ich meine Grundeinstellung:

Das Ganze ist immer noch NUR ein Job. Und das, was du zurückbekommst ist es mitnichten wert, sich zu verbiegen oder auf etwas zu verzichten, an dem du Freude hast und das ein Teil von dir ist.

Gesagt hat bis heute wegen der Tattoos niemand etwas – zumindest nichts Negatives und zumindest nicht zu mir. Was ändern die Farben meiner Haut an der Qualität meiner Arbeit? Ich bin beispielsweise überdurchschnittlich oft in der Elternberatung tätig – und das recht erfolgreich, möchte ich behaupten, habe dadurch außerdem häufig Kontakt zu Erziehern und Lehrern aus allen möglichen Kitas und Schulen des Landkreises. Noch nie hatte ich den Eindruck, wegen meiner Tätowierungen schief angeschaut oder gar nicht ernstgenommen zu werden. Ganz im Gegenteil. Zur Einschulungsfeier meiner Erstklässler trug ich selbstverständlich ein Tanktop. Ohne pseudoseriöses Blazerchen drüber - warum auch? Es war warm. Und außer mir wollte den Job niemand...

Ich sehe die Sache heute entspannt bis ignorant. Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag in einem Bundesland, dass an chronischem Lehrermangel leidet, geht farbtechnisch schon noch einiges. Gemessen an Ausbildungen und der damit verbundenen Einsatzfähigkeit in Bereichen, für die es in unserer Schule wenig bis gar kein Personal gibt, stelle ich mir eine Diskussion zu meinem geplanten Handrückentattoo mit der Schulleitung eher witzig vor.

Die wichtigste Meinung haben wir vergessen. Die der Kinder. Schließlich bin ich wegen den kleinen Rotzlöffeln Lehrer geworden und nicht wegen ihrer Eltern oder gar meiner Kollegen. Okay, Gehalt und Arbeitszeiten können keine Auskunft geben. 
Kinder kucken. Und sie kucken wieder weg. 
"Ah, du hast da ein Minion, Frau Müller."
"Ja, das hab ich."
"Ich hab auch ein Minion, da – auf meiner Brotdose."
Fertig. 

Bei den großen „Kindern“ sind Tattoos Vorteil- und Nachteil zugleich. Körperbemalung scheint Distanzen abzubauen und führt dazu, dass Kevin sich zuweilen überschätzt und glaubt mit seinem Kugelschreiber-Ohr-Tunnel bei mir punkten zu können ("Nein, Kevin – du musst das im Sportunterricht trotzdem rausnehmen."), Chantal sich aber von mir eher den Hinweis auf dünner gespachteltes Make-up annimmt, als von einer naturbelassenen Mittfünfziger-Kollegin.

Was ich mit wieder einmal viel zu vielen Worten eigentlich einfach sagen wollte (Wollte ich das wirklich - oder habe ich das durchs Schreiben dieses Textes streng genommen erst selbst erkannt? Man weiß es nicht...) : Kein Job ist es wert, sich zu verstellen - nicht für die Anderen und nicht für sich selbst. Und: Stress hat man nicht, Stress macht man sich.   

Im Referendariat fragte ich mal einen der wenigen männlichen Mitstreiter nach den Reaktionen seiner Vorgesetzten auf seine recht auffälligen Tätowierungen. Er antwortete, dass bisher alle recht entspannt damit umgegangen seien, er sich da aber auch niemals etwas vorschreiben lassen würde, denn schließlich könne er ja auch nicht von Kolleginnen, deren Frisur ihm nicht gefällt verlangen, im Dienst eine Mütze zu tragen… 

Mit diesen klugen Worten eines bunten Mannes möchte ich mich verabschieden. Ich muss dringend ein paar Autos knacken, Drogen konsumieren und mein Zuhälter versucht auch schon die ganze Zeit anzurufen….
Alle Artikel zur Blogparade „Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job“ ab 18.03.auf:

Mehr Herzensthemen
und Alltagsrecycling gibt's auf 


Mittwoch, 5. Juli 2017

Frau Müllers Flohmarkt der Gefühle - Blogparade: Schreib-Katharsis für ALLE



Es sind Ferien und das Hirn macht 137 Updates. Bitte unterbrechen sie die Stromzufuhr nicht. Dennoch soll der 50. Blogeintrag etwas Besonderes sein. Sehr viel Output gibt es heute nicht, dafür aber Hilfe zur Selbsthilfe...
 
Es ist tatsächlich ein bisschen wie Ebay. Etwas, das man nicht mehr braucht oder sogar dringend loswerden will, nimmt ein anderer sehr gerne und hat womöglich auch noch viel Freude damit. Ebay für Emotionen. Besonders aus den Feedbacks zu Artikeln, in denen ich mich über irgendetwas auskotze, lese ich nicht selten viel Dankbarkeit heraus. „Ich habe mich köstlich amüsiert“, „Zum Totlachen“ und vor allem viel Wiedererkennungswert im eigenen Gefühlsleben. Also meine Inneneinrichtung ist gut mit eurem Interieur kombinierbar. Wie schön, dass euch Gefühle, die ich loswerden wollte, so viel Freude bereiten. Nicht selten wird ein kleiner netter Austausch daraus, von dem man dann als Gefühls-Anbieter auch noch etwas hat. Genau wie bei Flohmärkten und Kleinanzeigen.
 
Eine Bekannte, die über die Pathogenese meiner wechselnden Gefühlszustände rudimentär Bescheid wusste - oder kurz, bei der ich mich ab und zu smalltalkmäßig ausgekotzt hatte -  sagte, als der Blog gerade seine ersten Atemzüge getan hatte, einmal zu mir: „Jetzt hast du deine Therapie gefunden!“ 
Und auch eine psychotherapieerfahrene Kollegin gab mir in einer schwierigen Phase schon einmal den Rat ‚alles aufzuschreiben‘, wobei sie ihren eigenen Therapeuten zitierte. 
Valide Nachweise zur Wirksamkeit dieser „Therapieform“ kann ich euch an dieser Stelle nicht bieten und gewohnheitsmäßig verweigere ich auch die Recherche. Vielleicht ergänzt das die Schwarmintelligenz in den Kommentaren.

Ich kann aber sagen, dass das sich dem Ende nähernde Schuljahr, in welchem ich zu bloggen begann, das Erste ist, in dem ich KEINEN kopfbedingten Krankenschein benötigte.
Wie auch immer. Lange Rede – kurzer Sinn. Ich möchte mit euch einen Flohmarkt veranstalten und euch die Möglichkeit geben, eure Gefühle erstens loszuwerden und zweitens im günstigsten Falle noch in irgendwas Positives umzuwandeln.


Was müsst ihr dafür tun? 
Möglichkeit 1: Im Sinne einer Blogparade veröffentlicht ihr den Artikel zum Gefühlsflohmarkt bei euch auf dem Blog und ich stelle euren Post hier im Lehrerzimmer vor. Selbstredend gegenseitig verlinkt im Sinne der Vernetzung. Wuuuuh. Ich hab die bösen Blogger-Wörter in die Tasten getippt.
Möglichkeit 2: Ihr habt keinen Blog aber was loszuwerden? Kein Problem. Schickt mir eure fertig im Text verpackten Gefühle per Mail an lehrerzimmer@outlook.com und ich mach einen „Gefühls-Flohmarkt-Artikel“ hier für den Blog draus. Ihr dürft dabei gerne anonym bleiben, müsst ihr aber nicht. 
 
Erlaubt ist alles was raus muss. Allen voran der Job. Hey, nur weil man sich vielleicht eine Arbeit ausgesucht hat, muss das nicht heißen, dass man nichts daran scheiße finden darf. Nerven euch Chefs, Kunden, Kinder, Eltern, Kollegen oder wer auch immer? Dann her damit, wir lesen euch zu. Euch gehen Menschen allgemein oder Teile unserer Gesellschaft auf den Geist? Dann bitte. Rassistisches oder homophobes Zeug lasst ihr aber bitte stecken.

Ein offenes Ohr bzw. Auge haben wir auch für bescheuerte Expartner und Schwiegermütter, Personalchefs, Beamte, Nachbarn oder oder oder. Probiert es aus und erlebt die heilende Wirkung des „Gefühle einfach rausschreiBens“.

Viel mehr hab ich heute dann gar nicht zu sagen. Ich gebe der Aktion Frau Müllers Flohmarkt der Gefühle keinen Zeitraum, sie läuft neben her und ich hoffe natürlich auf die ein oder andere emotionsgeladene Beteiligung. Rege Teilnahme trau ich mich nicht zu schreiben, da die Reaktionen auf solche Aufrufe meistens sehr überschaubar sind.

Ich schließe heute mit ein paar Auszügen aus meinen in den Gefühlskleinanzeigen angebotenen Artikeln und den Links dazu. Sozusagen zur Inspiration…

„(…)Ich hasse Facebook. Ich hasse es wenn Herr Müller morgens nach dem Aufwachen bei geschlossenem Rollladen vor dem Fenster zu mir sagt: „Schatz, es hat geschneit!“ – er weiß es von Facebook. Verdammt, was bringt Menschen dazu morgens nach dem Aufwachen die Großwetterlage zu posten?(…)“ 

„(…) Ich träume die Szene anders: auf dem Billigflug nach Palma dutzt der neunjährige Kevin die Stewardess, besteht auf die Trovatos im Bordfernsehen, protestiert 45 Minuten lautstark weil es kein Bordfernsehen gibt und spült seine Schuhe aus Protest die Bordtoilette runter. Die Stewardess ruft: „Ein Lehrer. Ist hier ein Lehrer an Board?“ Ich mache mich ganz klein in meinem Sitz, halte meinen ausgestreckten Zeigefinger vertikal vor meine gespitzten Lippen und schaue meine Kinder drohend mit aufgerissenen Augen an. Dann wache ich schweißgebadet auf. (…)“ 


„(…) Sollen wir ernsthaft ein schlechtes Gewissen wegen unserer Arbeitszeiten haben gegenüber Eltern, die vormittags genug Zeit haben Anzeige gegen Sechstklässler wegen harmloser Rangeleien auf dem Schulhof zu erstatten, uns in verdienten Pausen auflauern um uns zu einem ungeplanten Gespräch wegen Belanglosigkeiten zu nötigen oder die zu bequem sind, bei einem Unfall ihres Kindes mit dem Bus in die Schule zu fahren weil alle anderen arbeitslosen Freunde mit Auto ohne TÜV wohl gerade einen Pflichttermin beim Arbeitsamt wahrnehmen? Ich denke nicht. (…)“ 

„(…) Weitere fünf Minuten später – die Tür öffnet sich erneut. Kollege M.: „Weißt du wo Pflaster sind?“ Ich: „Äh, ja, da – im Verbandskasten!“ M. wirkt etwas gestresster und verlässt mit dem Pflaster den Raum. Diesmal nicht ganz fünf Minuten später öffnet sich die Tür ein letztes Mal. M.: „Ich brauch mal mehr als Pflaster!“ – „Ja, im Verbandskasten…“ Bei der Erstversorgung der Wunde eilt ihm dann schließlich noch der unterrichtende Kollege der dritten Werkgruppe zu Hilfe. Mittlerweile ist der Schülerfinger, nachdem er später noch fachmännisch notfallmedizinisch versorgt wurde, gut verheilt. Keine bleibenden Schäden. In diesem Fall.(…)“ 

„(…) Da ich hier aber nun mal nicht in der Schule sondern in MEINEM Lehrerzimmer bin MUSS ICH GAR NICHTS. Und wisst ihr was noch besser ist? IHR MÜSST AUCH NICHTS. Ihr dürft kommen wann ihr wollt und lesen was ihr wollt und ich schreibe WAS ICH WILL. Hört sich doch traumhaft an, oder?! Im günstigsten Falle finden wir sogar gelegentlich einen gemeinsamen Nenner… JACKPOT.(…)"

„(…) Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch! (…)“ 

Mit diesen bedeutungsschwangeren Worten möchte ich heute schließen. Nächste Woche gibt's wie gewohnt einen neuen Blogartikel - unabhängig vom Flohmarkt. Vom Niveau her wird sich dieser rund um die Grenze zwischen Schlaf und Wachzustand bewegen, also seicht. Für die Eindämmung eurer wissenschaftlich übrigens nachgewiesenen Ferien- bzw. Urlaubsverblödung bin ich nicht verantwortlich. Ich hab da mit mir selbst zu tun. Löst doch ein paar Sudokus, hab gehört das soll helfen. Oder nehmt einfach an meinem Flohmarkt teil. Das ist Psychohygiene at it's best. 

Wem bis dahin ganz fürchterlich langweilig ist,
 dem rate ich in der Lehrerzimmeraußenstelle 
Dort tue ich in unregelmäßigen Abständen 
nichts gegen Verblödung. Aber gegen Langeweile.







Freitag, 10. Februar 2017

Herr Müller und "Die Uschi auf dem rosa Kissen" (Beitrag zur Blogparade)

Das Thema der Blogparade von Paula und ihrem Blog wasmansonichtsagendarf.ch ist ja nicht gerade ein typisches Müller-Thema und lange bin ich um diesen Artikel herum geschlichen. Frau Müller beschäftigt sich in der Regel entweder mit Schlüpfrigem oder Alltags-Banalitäten, selten auch mal mit Lehrertypischem. An etwas so fundamentales und tiefgreifendes wie „Dankbarkeit“ habe ich mich bisher nicht ran getraut. Mein Metier ist eher boshaftes Meckern, eine gesunde Portion Sarkasmus und gerne eine Prise Provokation. 

Und dennoch hat mich das Thema nicht losgelassen. Dankbarkeit. Ich bin meistens ein optimistischer und positiver Mensch, hatte im Leben kaum Hürden zu meistern. Schon allein dieser Umstand macht mich dankbar. Ich bin dadurch nicht blind vor dem Leben anderer. Wenn ich meinen „irrsinns-bedingten“ Größenwahnsinn ausschalte und zwischendurch immer mal wieder auf dem Boden ankomme dann wünsche ich mir nur eins: Dass alles so bleibt wie es ist. 

Die für mich wichtigsten Dinge zum Glück habe ich und möchte sie nicht hergeben. Daher sage ich zunächst: Danke ans Leben. Danke, dass meine Familie (noch) in einer Gesellschaft lebt, die uns schützt, dass wir nicht mit gegenseitigem Leid und Tod zurechtkommen müssen, dass wir nicht hungern müssen, dass wir geliebt werden.

Ich reflektiere mehr als der Durchschnittsmensch über das was ich bin. Und in schwachen Momenten habe ich Angst davor, dass mir das Leben irgendwann einmal sagt: Jetzt ist Schluss mit der „Eier-Schaukelei“. Jetzt bist du mal mit „Einstecken“ dran. Nicht immer die anderen. Dein „Liebesperlen-Konto“ ist aufgebraucht, jetzt gibt’s mal Zitronen. Nach dem Spaziergang der letzten Jahre kommt jetzt die Prüfung. Komme ich dann damit klar? Der Gedanke macht mir Angst.
 
Verglichen mit dem was andere Menschen in ihrem Leben ertragen müssen, ist meine Hürde wohl ein Kinderspiel gewesen. Und dennoch hat mein Burn-Out und die Depression Spuren hinterlassen. Erst haben sie sich jahrelang gut vor mir versteckt und waren trotzdem immer da. Dann wurde das Versteck zu klein und das was versteckt werden sollte immer größer. Heute kenne ich die Verstecke. Ich vertraue noch immer nicht ganz darauf, dass nicht doch wieder etwas lauert, muss ab und zu mal nachgucken. Meistens ist nichts da. Wie das Monster unter dem Bett, an das wir erst nicht mehr glauben wenn wir zum 100sten Mal nachgeschaut haben. Und wenn ich doch mal was finde, in den Verstecken von früher dann ist es klein und schwach, viel schwächer als ich HEUTE. Es lässt sich meistens schnell verjagen. Oder ich ignoriere es einfach eine Weile, wie es da so hockt und wartet dass es wächst. Nach ein paar Tagen wird ihm langweilig und es verschwindet. Hört sich einfach an – ist es aber nicht immer.

Zurück zur Dankbarkeit. Es gibt Spiele, die machen erst Sinn wenn man sie im Team spielt. Und auch beim Versteckspielen hat man bessere Chancen auf den Sieg wenn einem ein Mitspieler den Rücken frei hält, während man selbst den Gegenspieler sucht. Meinem Teamplayer möchte ich DANKE sagen. DANKE, Herr Müller.
Kann gut mit Tieren, ältern Damen ... und mir

Herr Müller ist seit über 15 Jahren an meiner Seite. Wir gehören wohl zu den Allerersten, die sich dank Schülerchat im weltweiten Internet kennenlernten, sich fanden ohne sich je gesucht zu haben und dann auch noch in benachbarten Orten wohnten. Damals waren die Umstände unseres Kennenlernens noch sehr besonders.

Er kannte und liebte das Ei zunächst mit Schale, dann kannte und liebte er es auch mit sehr brüchiger ja bröselnder Schale und er kennt und liebt das Ei jetzt, ganz ohne Schale. Er war es, der mir geholfen hat in dem „Gefühls-Auf-und-Ab“ die miese Laune von der Krankheit abzugrenzen, der mich ernst genommen hat und mit mir zum Arzt gegangen ist, der Erziehungsurlaub genommen hat um mir während meiner Prüfungen den Rücken frei zu halten obwohl ich immer sooo stark sein wollte und dachte, das alles alleine zu schaffen. Und das obwohl ich ihm in den „schlechten Zeiten“ so wenig Liebe entgegen gebracht habe. 

Auch jetzt ist das Leben mit mir noch kein Spaziergang. Manchmal, wenn sich die „Reste“ der Schale bemerkbar machen, dann lässt er mich einfach gewähren. Er lässt mich das „Nichts“ tun, worauf ich die meiste Lust habe, erträgt meine Einsilbigkeit und die Gefühlsausbrüche, den Familienalltag managed er einfach alleine.

Ich bin eigensinnig, oft selbstgerecht, launisch und ICH BIN heute EINE USCHI. Was zur Hölle ist eine Uschi, werdet ihr denken. Uschi ist für mich Synonym für ein verwöhntes Frauchen. Herr Müller liebt und hegt die Uschi in mir. Er lässt mich morgens länger schlafen, geht zuerst ins Bad und räumt dann sogar den Geschirrspüler aus. Er geht im Winter früher raus um das Auto abzukehren und die Scheiben abzutauen, ja sogar die Sitzheizung macht er mir an. Er würde sich nie mit mir ums letzte Stück Pizza streiten, er überlässt es einfach mir. Er erledigt meinen Papierkram und tätigt Anrufe auf die ich keine Lust habe. Er nimmt den ollen Zweitwagen und lässt mich mit der großen Kutsche fahren, er duldet sogar das Chaos das ich darin veranstalte. Er überlässt mir zu 99% aller Fernsehabende das Bestimmungsrecht, nicht zuletzt teilt er mit mir natürlich diese besondere Offenheit, die uns unsere andere Art der Beziehung (auch in sexueller Hinsicht) ermöglicht… .

All das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, ich weiß das zu schätzen. Auch wenn es mir im Alltag nicht immer gelingt, ihm das zu zeigen. Ich setze das nicht voraus und er tut es nicht weil ich das so erwarte oder weil er gar Gegenleistungen erwartet. Er tut es einfach. Dafür (und natürlich noch für viel mehr) liebe ich ihn so sehr.

Müllers abends spät im Bett:
Frau Müller: "Schatz, hast du das gerade gehört. 
Da war was... unten ... ein Geräusch.
Herr Müller (schon halb schlafend): "Ich hab nichts gehört."
Frau Müller (lauscht immer noch): "Doch, wieder... hörst du das?"
Herr Müller (leicht genervt): "SCHATZ, soll ich mal kucken gehen?"
Frau Müller: "Ach, musst du nicht. War bestimmt die Katze."
Herr Müller steht auf und schaut nach.


Mir ist so viel Selbstlosigkeit manchmal unangenehm. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Herr Müller, wenn ihm das Schreiben liegen würde, in einer „Gegendarstellung“ jede Menge Gründe finden würde, warum er „seine Uschi so gerne auf ihrem rosa Kissen“ durchs Leben trägt.  
Danke Herr Müller. Danke dass du mir so oft die Angst vor der Zukunft nimmst weil ich weiß, dass das mit dir an meiner Seite schon irgendwie wird.

Der heutige Artikel hat in erster Linie eine Botschaft an Herrn Müller, an zweiter Stelle ans Leben. Ich möchte (wie auch in allen anderen Artikeln in denen ich über Besonderheiten unserer Beziehung schreibe) kein Richtig und kein Falsch definieren. So wie Menschen verschieden sind, sind es auch Beziehungen. Wir suchen uns den Menschen der zu uns passt (und mit dem jemand anderes vielleicht so gar nichts anfangen kann). Genauso sollten wir es auch mit der Art unserer Beziehungen halten…

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