Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Inklusionslüge ODER Füchse reisen nicht gerne im Radkasten


Ein ernsthaftes Wort vorweg: Ich bin mir völlig bewusst, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, welches jedem zusteht und das ich auch mit diesem Artikel niemandem absprechen möchte. Meine nennen wir es „kritische" Auseinandersetzung bezieht sich auf berufliche Erfahrungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit massiven Lernschwierigkeiten und die derzeitige Auslegung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier in meinem Bundesland. Jedem, der sagt: Inklusion? Bei uns funktioniert das hervorragend, den beglückwünsche ich. Vielleicht kommt der ein oder ander aber auch ins Nachdenken. Inklusion ist eben nicht nur das glückliche Kind im Rolli, mit Asperger oder einem Cochlea-Implantat zwischen völlig gesunden Kindern. Es sind eben auch viele, viele Kinder mehr, deren Aufwachsbedingungen das Handicap sind...
 
Ich hab es im Gegensatz zum letzten Jahr bei Facebook nicht an die große Glocke gehängt, aber kürzlich fand das diesjährige Casting „Deutschland sucht den Superkevin“ zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in unserer Bildungseinrichtung für Langsamlerner statt. Kurz: Begutachtung und Diagnostik der Schulanfänger, die aufgrund umfassender Auffälligkeiten in gleich mehreren Entwicklungsbereichen sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten an einer Grundschule haben werden. Als ich am Nachmittag des ersten Tages den kleinen Müller aus dem Hort abhole, halte ich wie fast immer ein kleines pädagogisches Schwätzchen mit der Erzieherin. Ich erzähle ihr von meinem Vormittag und sie schaut mich mitten im Satz mit großen Augen und offenem Mund an: 
„Wie? Vorschüler? Da gibt’s das auch schon?“
„Ja, sicher gibt es das. Und wie. Was glaubst du, was uns für Kinder vorgestellt werden. Du machst dir kein Bild.“ 
Sie schüttelt betroffen und ungläubig den Kopf: 
„In all den Jahren, in denen ich hier und im Kindergarten als Erzieherin arbeite, habe ich nicht ein einziges Kind gehabt, bei dem ich Grund zum Zweifeln gehabt hätte. Ich kann das gar nicht glauben.“

Mir geben ihre Worte zu denken. Woran liegt es, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen so weit auseinander gehen? Tatsächlich wurde uns noch nie ein Kind aus diesem Kindergarten gemeldet, der das zu großen Teilen von einer ortsansässigen Stiftung finanzierte Herzstück unserer Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde bildet. Ein Drittel der Menschen hier hat sich in den Neunzigerjahren den Traum vom Eigenheim erfüllt, die anderen vererben Haus, Hof und Garten von Generation zu Generation. Eine kleine Neubausiedlung gibt es auch. Dort wohnen überwiegend Rentner und ein paar Familien. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie gar nicht. Hier passt der eine auf den anderen auf. Das kann auch manchmal nerven, aber mit der richtigen Portion Misanthropie und Ignoranz hat es in der Summe mehr Vor- als Nachteile.

Und dann überlege ich, aus welchen Kindergärten unsere potentiellen Superstars der Förderschul-Unterstufe gemeldet werden. Da gibt es einen mitten in der benachbarten Kreisstadt, direkt angrenzend an einen Straßenzug, dem sein Ruf vorauseilt. In dem Menschenschwarz-weiß-rote Flaggen als akzeptable Fensterdeko betrachten, Kinder auch wochentags nach 21 Uhr mit viel zu großen Turnschuhen, offenen Schnürsenkeln und kurzen Hosen im März ihre am Eistee nuckelnden Geschwister im Buggy um die Häuser schieben und Eltern noch schlafen, wenn ihre Sprösslinge mit den selbst geschmierten Stullen (oder der Milchschnitte) im Gepäck die Wohnung zum Zwecke des Schulbesuchs verlassen. Der E-Zigaretten-Fachhandel, An- und Verkäufe und Spielotheken prägen das Straßenbild.

Im Kindergarten bietet sich das gleiche seltsame und irgendwie trostlose Bild. Erzieher, die sich scheinbar allen beruflichen Enthusiasmus eingebüßt haben und in einer Mischung aus Resignation und mechanischen Funktionierens auf die Saiten der Gitarre einhacken als wäre es ein Waschbrett und kein Musikinstrument, nur um fünf Minuten später die Kinder wieder sich selbst überlassen zu können. 
„Vorschule.. ach, sie meinen ich soll mal was kopieren? Kleinen Moment.... Kinder, kommt mal her. Die Beate hat euch ein hübsches Blatt mitgebracht.“ Und dann sind da noch die Kindergärten aus den Neubaugebieten der umliegenden Kleinstädte – gleiche Szenen, andere Architektur. Von dort kommt, bis auf wenige Ausnahmen, unser elitärer Nachwuchs.


In den letzten Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Das bemerkt auch die Schulpsychologin. Seit nämlich alle Welt über die hochgelobte Inklusion diskutiert und die Schreibtischtäter der Bildungspolitik unseres Bundeslandes alles daran setzen, diesen Begriff aus seinem theoretischen Dornröschenschlaf unvermittelt aufzuwecken und in unser Schulsystem zu pflanzen, werden es immer weniger Kinder, die an unserem Casting für die Bildungselite links auf der Gaußschen Kurve teilnehmen. 

Jetzt könnte der unreflektierte Leser meinen „Na das ist doch prima!“. Das ist es aber mitnichten. Denn proportional zur Teilnehmerzahl sinkt auch der Durchschnitts-IQ der gesamten Gruppe. Und trotzdem werden, nur weil in irgendeinem Ministerialblatt plötzlich neue Verordnungen stehen, deren schwammige Umsetzung schon an fehlenden Mitteln und Fachpersonal scheitert, die Kinder nicht per Knopfdruck schlauer. Wo sind denn jetzt die Förderschüler hin?

Die Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihr Kind trotz entsprechender Indikation auf die Förderschule zu schicken. Hört sich ja erstmal gut an. Was dann allerdings gar nicht mal so selten passiert, ist folgendes: Die Eltern erzwingen den Besuch einer Regelschule auf Basis ihres Wahlrechts und entgegen aller Empfehlungen. Das Kind kommt in einer Klasse mit knapp dreißig Kindern und einem Pädagogen an, der im aller günstigsten Fall kein Quereinsteiger ist. Dort durchleidet das überforderte, unfertige Menschlein mehr schlecht als recht das erste Schuljahr und wird im Lehrplan mitgeschleift wie der tote Fuchs im Radkasten des Passaratis der Müllerfamilie im letzten MeckPomm-Urlaub. 

Vielleicht empfiehlt der ambitionierte (Neu)Pädagoge den Eltern die Wiederholung des ersten Schuljahres, vielleicht rät er aber auch zu einer Überprüfung durch die Förderschule. Weil aber die Nachbarn oder die besten Freunde jemand kennen, dessen Kind auch auf die Förderschule geht – assige Leute sind das dort – und sie außerdem kürzlich in der Zeitung lasen, dass Förderschulen bald abgeschafft werden, lehnen die Erziehungsberechtigten dankend ab, in der Annahme ihrem Kind etwas Gutes zu tun. 

Klasse Zwei beginnt und der Alptraum für Finley, Jason, Samantha oder Celina geht weiter. Bis es nicht mehr geht. Wenn es gut läuft, dann zieht er oder sie sich einfach zurück, igelt sich ein und macht die tägliche Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen still mit sich selbst aus, vielleicht kommen aber auch Bauch- oder Kopfschmerzen dazu. Wenn’s aber dumm läuft, wird Jason ein fieser kleiner Störenfried, das Arschkind der Klasse, das keiner mehr leiden kann. Dass Jason allerdings einfach nur reagiert, sieht keiner. 

Ungünstiger Weise ist vor der Einschulung auch noch eine Zurückstellung erfolgt, schließlich „verwächst sich ja auch so einiges“ und „Kinder sollte man so lange wie möglich Kind sein lassen“. Jeremy oder Jason, völlig egal, ist mittlerweile fast neun Jahre alt und damit zu alt, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Er kommt also zu einem Zeitpunkt in die Förderschule, zu dem selbst dort nicht unwesentlich viel Wichtiges längst gelaufen ist. Denkt daran – Jeremy war der tote Fuchs. Er hat weder von der Fahrt durchs sommerliche Seenplattenidyll noch von anderthalb Jahren Grundschule viel mitbekommen.
Diese Lücken in der verbleibenden Zeit zu schließen, ist eine Mammutaufgabe für Jeremy und seine engagierten Pädagogen. 

Man bedenke: Warum hat Jeremy bisher nicht erfolgreich lernen können? Weil seine intellektuellen Beinchen einfach zu kurz waren. Und mit kurzen Beinen rennt man eben nicht so schnell wie die anderen. Man hätte ihm Gehhilfen anbieten können, stattdessen ist er einfach umgerannt und niedergetrampelt worden. Jetzt läuft er in der „Kurze Beinchen“-Gruppe mit. Weil Jeremy aber lange gar nicht gelaufen ist und auf ihm herumgetrampelt wurde, hat er Mühe überhaupt auf die Beine zu kommen. Kurz: er muss jetzt trotz seiner Lernschwäche in zwei Jahren lernen, was er auch in vier Jahren hätte lernen können. Weil Zeit vergeudet wurde. Ob er das schafft, ist fraglich. Im schlimmsten Falle wechselt Jeremy nach einigen Jahren erneut die Bildungseinrichtung und geht den letzten abwärts möglichen Schritt. Und das, obwohl die Eltern und Bildungspolitiker ja immer nur sein Bestes wollten. Kinder, die nach zwei Jahren Grundschule kein einziges Wort lesen oder schreiben können, sind das Ergebnis dieses guten Willens.

Jeremy kam zu spät zu uns. Aber auch Lilly, Malik, Tim, Josua und Benjamin kamen zu spät – und das, obwohl sie ihre Einschulung noch vor sich haben. Sie kamen mit einem IQ von um die 60 und den Wahrnehmungsleistung von Granitgestein. Sie äußern sich in Einwortsätzen, können sich nicht alleine umziehen und wissen nicht, wie man einen Stift hält. Wohl aber wie man ein Tablet bedient. Sehr wahrscheinlich wird die Hälfte dieser Kinder niemals wirklich schreiben oder lesen lernen. Die Kinder kommen alle samt aus den oben beschrieben Kindergärten und Wohngebieten.

Aber wo sind unsere "guten" Förderschüler? Die mit Potential? Die, die bei guter Förderung das Zeug zum Hauptschulabschluss haben? Die bekommen im Sommer eine nette Zuckertüte und werden anschließend von 25 Kindern und einer Quereinsteigerin, die mal eine Fabrik geleitet hat, überrannt, nur um dann in zwei Jahren von uns leblos aus dem Radkasten gezerrt zu werden und die Jeremy-Karriere anzupeilen.

Inklusion in der Schule. Das ist die Palme, die wir im Urlaub so bewundern, die uns ein perfektes Bild von Ruhe und Entspannung vermittelt und die kläglich eingeht, wenn wir sie ins manchmal zumindest für Palmen recht unwirtliche deutsche Klima verfrachten. Inklusion – das ist in meinen Augen aber auch die Reanimation, die erst dann beginnt, wenn die Leichenstarre schon eingesetzt hat. Ich habe noch keinen einzigen Pädagogen im hiesigen Bildungssystem getroffen, der die Art wie Inklusion gegenwärtig hier umgesetzt wird, für gut befunden hat. 

Ich kann nicht wirklich sagen, wie es richtig geht aber ich kann sagen, dass es falsch ist, intellektuelle Ghettos zuzulassen und diese dann noch durch einschlägige Fernsehsendungen zu legitimieren. Erzählt mir nicht, dass das Aufklärungsarbeit sein soll. Es ist ein Vorführen, bei dem sich alle, denen es besser geht, angewidert abwenden und alle anderen die Rückmeldung bekommen, einer zweifelhaften Norm zu entsprechen.

Ich möchte gerne glauben, dass ich in ein paar Jahren Seite an Seite mit Grundschullehrern und Förderschullehrern in einer kleinen netten Klasse arbeite, in der Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen entsprechend ihrer individuellen Stärken und Schwächen erfolgreich miteinander lernen. Klingt nach der Sprache eines Werbeprospekts. In einer selektiven Gesellschaft wie der unsrigen belügen wir uns selbst, wenn wir glauben, alle Menschen hätten gleiche Chancen. Was entsteht ist eine Zweiklasseninklusion.

Für mehr Unterhaltsames,
seltener Kritisches,
immer aber müllereskes
aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe... 

Mittwoch, 28. Juni 2017

Die Wahrheit über Ferien, ein Hausmeister-Einhorn und schon wieder Justin


Achtung - Kann Spuren von Ironie enthalten.
Ferien sind etwas, um das die meisten Normalen Menschen Lehrer vermutlich beneiden. In der Tat, die Sache hat was für sich - das kann ich euch bestätigen. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten...
  
Aaaaahhhh, Ferien. Herrlich. Hier sind sie schon angekommen. An dieser Stelle halte ich kurz inne und gedenke der Kollegen, die noch bis zu vier Wochen vor sich haben, bevor sie abhängig vom Frustrationsgrad entweder die Tasche in die Ecke werfen und die nächsten fünf Wochen mit dem Staubsauger galant drum herum cruisen oder gleich am ersten Ferienmontag ihren Schreibtisch aufräumen und den Taschenboden vom Schuljahresschlamm befreien, bevor dieser zu Braunkohle wird.


Für mich bedeuten Ferien auch endlich mal vormittags einkaufen gehen können, in der Hoffnung sich nicht wie Super Mario zwischen den Monsterblumen zu fühlen, wenn jede Regalreihe von Rentnergrüppchen belagert wird. Ich nahm an, vormittags sitzen diese entweder im Wartezimmer oder kucken Serien im Öffentlich Rechtlichen, da sie ja sonst erfahrungsgemäß immer nachmittags einkaufen. Die Erkenntnis kam jäh: Rentner gehen zu jeder Tageszeit einkaufen UND -noch schlimmer- man trifft jetzt auch noch Schüler im Supermarkt. Die wissen anscheinend die nächsten sechs Wochen vormittags nichts Besseres mit sich anzufangen als in Einkaufszentren rumzulungern. Zumindest wenn es in der Nähe kein Kinderfest gibt, auf dem man rumhängen kann.

Die eigenen Kinder mal nicht im Schlepptau ganz in Ruhe in den Wühltischen nach Silikonbackpinseln, Barfußeinlege-Sohlen und Lebensmittelmottenfallen stöbern - das war mein Plan. Eine traumhafte Vorstellung! 

Doch schon im ersten Gang endet dieser Traum jäh mit einer Schülersichtung. Und dann ausgerechnet ein Justin. Es gibt ja auch Schüler, die grüßen schüchtern, flüstern ihrer Mutter mehr oder weniger unauffällig "Das is eine Lehrerin" zu und beobachten dann nur noch aus der Ferne. Justins tun das nicht. Vermutlich weil ihnen sonst niemand zuhört, der nicht dienstlich dazu verpflichtet ist.
 
Man versucht sich unsichtbar zu machen, wechselt mehrfach die Richtung, täuscht links an und fährt rechts, versteckt sich in Nischen, darauf wartend dass der Verfolger vorbei zieht - wie ein polnischer Autodieb auf der Flucht vor Cobra 11. Aber nix da, Schüler haben genau wie Lehrer ein eingebautes Feind-Radar.

Es passiert kurz vorm Obst- und Gemüse-Stand: 
„Hallo, Frau Müller!“ (kein normales Hallo, mehr ein "Ha, hab ich dich ertappt" mit bedrohlichem Unterton)
– „Hallo, Justin!“ 
Man beschleunigt den Schritt weil man verzweifelt hofft, dass die Konversation mit dem Beginn auch direkt endet. Aber nichts da - Justin ist wie Herpes. Hat man es einmal, wird man es nicht wieder los. Man wird zur Gejagten. Mit hastigen Schritten und fahrigen Bewegungen wirft man das Nötigste in den Wagen. Alles was man auch nur ansieht, kommentiert das Schlaumeierchen um eine Nähe zu erzeugen, die nur einer Seite angenehm zu sein scheint: 
„Oh, Frau Müller? Sie essen auch gerne Pomelo?“
"Diesen Sekt kauft meine Mutter auch immer!" 
"Ich wusste gar nicht, dass Lehrer auch Cola trinken!" 
(Booooaar, nein du Alphakevin. Ich trinke sonst auch keine Cola. Nur heute kaufe ich die. Um dir zu zeigen, dass ich ein normaler Mensch bin. Sonst trinke ich nur stilles Wasser, darauf kotzt es sich am besten nach solch bescheuerten Aussagen!")

Die Hoffnung, dass der aufgezwungene Kommunikationspartner durch minimale bis gar keine Reaktion inklusive "Geh einfach"-Metabotschaft seines Gesprächspartners von allein feststellt, dass er unerwünscht ist, löst sich bei genauerem Nachdenken und Einbeziehen sämtlicher justinscher Reflexionskompetenzen (also keine) von selbst in Luft auf.  

Nach der Erkenntnis, dass die ursprüngliche Einkaufs-Vision schon kurz nach dem Eingang zum Luftschloss wurde, sucht man den kürzesten Weg zur Kasse und hofft, dass vielleicht die lieben Mit-Kunden durch das übliche Gedrängel im Kassenbereich dem Problem ein Ende setzen. Heute ist alles ganz entspannt und die Massen überschaubar. Ach ja, sind ja Ferien.

Also veredelt Justin auch die Wartezeit an der Kasse durch seine heitere Art mich und die anderen Kunden zu unterhalten. Inständig hoffe ich, dass die Umstehenden unser Lehrer-Schüler-Bekanntschaftsverhältnis durchschauen. Kaum auszudenken, wenn der ein oder andere auf die absurde Idee käme, man wäre vielleicht verwandt oder die Basis der Bekanntschaft beruhe auch nur einen Hauch auf Freiwilligkeit.

Kurz um, diese liebenswerte Schülerpersönlichkeit begleitete mich bis zum Kofferraum meines Autos und bereicherte meinen Vormittag auch hier mit seiner Gesellschaft bis der letzte Soja-Joghurt sicher verpackt war. Toll.  Immerhin hat er meinen Einkaufswagen weggebracht.
Noch toller allerdings war die Erkenntnis beim späteren Auspacken des Einkaufs: WAS habe ich eigentlich eingekauft und vor allem WO sind die Dinge die ich BRAUCHE?

Ferien dienen der Erholung von Lehrern UND Schülern. Sachlicher Fakt für alle, die es interessiert: Lehrer haben etwa 30 Tage Urlaub, die sie wie die meisten anderen Arbeitnehmer ordnungsgemäß zu Beginn des Kalenderjahres beantragen müssen, die sie aber NUR IN DEN FERIEN nehmen dürfen. Für alle übrigen Tage gilt: Vor- und Nachbereitungszeit bei weitgehend freier Einteilung. So ist es zumindest bei uns an der Schule. Ich weiß aber, dass es viele Schulen gibt, in denen den Kollegen weitaus weniger freie Zeiteinteilung zugestanden wird.
 
Es dürfte klar werden: für den Einzelnen verbirgt sich hier natürlich enormer Interpretationsspielraum. Dieser hängt stark von der Fähigkeit ab, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Psychohygiene und Konsequenz bezüglich beruflicher Verantwortung herzustellen. Erweitert oder beschränkt wird das Ausmaß der Freizeit zudem je nach Arbeitseinstellung des Vorgesetzten, der sich bei Verdacht auf Faulenzerei die Tätigkeiten im unterrichtsfreien Zeitraum durchaus nachweisen lassen darf. 
Wenn man wie ich jedoch einen Vorgesetzten hat, der die Arbeit scheut wie Katzen das Wasser und gleichzeitig so inkompetent ist wie ein Säugling beim Bauen eines Kartenhauses, dann verschafft einem das enorm viel Freizeit.

Der Lehrer-Ferien-Freizeit-Spaß wird aber nicht nur durch Schüler getrübt. Drei Dinge sollte man außerdem bedenken.

Erstens: hat man selbst Kinder, haben die auch Ferien. Dingdong! Alles klar! Animiert man sonst vormittags fremde Kinder etwas halbwegs Sinnstiftendes zu tun, sind es jetzt die eigenen. Juhu. Nicht.

Zweitens: wenn man wie ich nicht mit Lehrern befreundet ist -ist ja kaum auszuhalten, ich mag die nicht besonders- ist die Auswahl der Menschen, mit denen man den Tag verbringen kann recht übersichtlich. Die anderen müssen ja ständig arbeiten. Man schreibt vormittags halb elf eine Whatsapp und bekommt fiesen Shitstorm à la „Frau Oberlehrerin hat ja Ferien…“ zurück. Das ist verletzend, Leute. Wer ist denn den ganzen Tag einsam weil keiner Zeit hat und muss sich die Zeit mit schlafen, putzen und Wäsche waschen vertreiben obwohl er sich nach der wochenlangen Plagerei in der Irrenanstalt mal was Schönes verdient hat? Selbst bei Hunden weist man darauf hin, dass sie nicht zu lange alleine zu Hause sein sollten, Katzenhaltern empfiehlt man die Anschaffung eines Partnertieres um Symptome der Vereinsamung zu lindern. Aber kein Mensch denkt an die LEHRER! Ja, jede Medaille hat zwei Seiten. 

Noch nicht mal der eigene Partner -natürlich kein Lehrer, das ist ja krank- kann dem wohlverdienten Regenerationszeitraum beiwohnen, der muss ja auch arbeiten. Das schlimmste: abends ist er müde, ab halb neun etwa. Noch vor den Kindern, denn die haben ja auch Ferien. Man selbst läuft um die Zeit erstmal zu Hochform auf, schließlich ist man ausgeschlafen. Die Folge: man geht mit ins Bett - aus Liebe- und liegt hellwach neben dem Scheintoten. Aktivitätsmodus: Eichhörnchen auf Speed.

Die Chancen auf Sex sind bei diesen ungleichen Wettkampfvorraussetzungen so groß wie die Siegeschance eines Teddy-Hamsters beim Rückenschwimmen. Das wiederum ist echt beziehungsgefährdend. Hat es da mal statistische Erhebungen gegeben? Werden Ehen, bei denen nur einer Lehrer ist womöglich deshalb öfter geschieden? Oder ist das der Grund, warum es gefühlt in keinem anderen Berufsstand so viele Paare gibt wie unter Lehrern? Werden aufgrund dieses Umstands in den Ferien statistisch mehr (Lehrer-)Kinder gezeugt? Fragen über Fragen. Sollte man echt mal überprüfen.

Ich hoffe jedenfalls der empathische Leser empfindet zukünftig weniger Neid und mehr Mitleid, wenn das Auto des Nachbar-Lehrers noch in der Einfahrt steht, während man selbst morgens zur Arbeit gehen DARF!

Dritte Schattenseite: Wenn alles gut läuft, genießt man vielleicht zwei, höchstens drei richtige Urlaubswochen, idealerweise im Ausland. Man bedenke auch hier: Nebensaison-Reisen zu Top-Preisen mit einem geringen Kinderanteil in Flugzeug und Hotel, weil man ja sonst schon so überkindert ist, fallen aus!

Man DARF ja nur in den Ferien Urlaub machen. Und jetzt stellen wir uns den Worst Case vor: man bezahlt viel Geld für eine Reise, die einem weit fort bringen soll. Fort von Begriffsstutzigkeit und Fettflecken auf Mathekontrollen. Und dann triffst man am gefühlt anderen Ende der Welt Lehrer. Es sind ja Ferien. Halt, noch schlimmer. Man trifft SCHÜLER. Und nur eins kann den Horror-Faktor von Schülern außerhalb der Schule multiplizieren: ihre ELTERN. Weil man als Lehrer logischerweise keinen Urlaub im Ferienlager macht, ist die Wahrscheinlichkeit Schüler in Begleitung ihrer Eltern anzutreffen also recht hoch. Ich sage euch, ALLES schon passiert! Das will KEINER! 

Der Lehrer-Job ist ein Leben am Limit. Und Ferien sind, wenn man alle Nachteile in die Waagschale wirft – nicht schöner als jeder stinknormale Urlaub auch.

Ich ende mit einem weiteren Horror-Szenario, das den sagenumwobenen Ferien den Glitzer nimmt. Ferien sind ein äußerst beliebter Zeitraum für familieninterne Seuchenausbrüche. So kann eine Woche Osterferien wunderbar damit verbracht werden, dass alle Familienmitglieder der Reihe nach zunächst unkontrollierbar Toilette und/oder Eimer befüllen um anschließend hinter dem nächsten Opfer mit dem Desinfektionsmittel zu nebeln.
Natürlich erfreuen sich alle pünktlich zum ersten Schultag wieder bester Gesundheit, ebenso Frau Müller. Die freut sich schon darauf, in den nächsten acht Schulwochen wieder gummi-behandschuht halbverdaute Cornflakes in flockigem Kakao von Tischen zu wischen oder mit Schülern im Fahrstuhl eingeschlossen zu sein, während diese aus Leibeskräften in den vorausblickend mitgenommenen Papierkorb brüllen.

Eine letzte Illusion muss ich dem erkenntnisgebeutelten Leser in diesem Zusammenhang rauben:  der Hausmeister im grauen Overall, der mit seinem Wischmob-Wägelchen stets dienstbeflissen um die Ecke gerollt kommt um zuverlässig und geruchsneutral Schüler-Kotze wegzuwischen, ist eine Erfindung der amerikanischen Unterhaltungsbranche und wurde in der Realität noch nie gesehen. Oder habt ihr die Beseitigung von Körperflüssigkeiten schon mal in der Stellenbeschreibung eines Facility Managers gelesen?
In meiner Stellenbeschreibung stand das auch nicht. Aber irgendeiner muss es ja weg machen. Das waren zumindest die Worte meines Vorgesetzen, als ich nach der ersten Kotzpfütze fragte, wer für die Beseitigung verantwortlich sei. So. Wer möchte jetzt noch Lehrer sein?

Schaut auch im Lehrerzimmer bei Facebook vorbei. Garantiert seuchenfrei und auch in den Ferien durch eine hochmotivierte Frau Müller besetzt. Sei kein Justin und klicke hier.