Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 13. September 2017

The truth beyond the Klassenzimmertür: Ein Arbeitstag mit Frau Müller – Schulpraktische Studien Teil 1



Heute seid ihr Studenten der Förderpädagogik im Grundstudium, das heißt ihr dürft Zeit in der Schule verbringen – ganz nah an der Praxis sozusagen – ohne dass ihr selbst aktiv werden müsst. So war das zumindest zu der Zeit, in der ich einst meine berufliche Qualifikation erwarb. Das ist ein bisschen wie bei diesen mutigen Tauchern in den Stahlkäfigen zwischen den Haien. Nach dieser Erfahrung könnt ihr überlegen, ob ihr auch mal ohne schützenden Käfig mit den Haien spielen wollt oder ob ihr Haie einfach scheiße findet. Wenn ihr euch für Ersteres entscheidet, dann achtet darauf, dass ihr nie blutet und immer genug Futter dabei habt. Stellt ihr jedoch eher fest, dass Schwimmen mit Haifischen nicht so euer Ding ist, dann lautet die Diagnose Praxisschock.


„Schatz, du hast heute morgen Aufsicht!“, dringt es von der anderen Seite des Bettes an mein Ohr. Gerade wollte ich Herrn Müller zum fünften Mal auffordern, die Schlummertaste zu drücken. Er hat mich schon im letzten Schuljahr zuverlässig an meine Aufsichtstermine erinnert. 
„Fuck, stimmt. Ach verflucht!" und aus Trotz selbst auf die Schlummertaste gedrückt.  Also dann heute akzeptieren, dass der Lidstrich nicht symetrisch ist, den Ladyskaffee nur zur Hälfte austrinken, den kleinen Müller ins Auto scheuchen und ab, um vor der örtlichen Grundschule das Kind abwerfen. 

Im zweiten Schulbesuchsjahr des Minimüllers habe ich mich an den irritierenden Anblick meines Kindes gewöhnt, das den vorbeigehenden Klassenkameraden mit steinerner Miene den Rücken zudreht, so lange bis diese ganzen lauten Kinder außer Sichtweite sind, damit die letzten Meter zur Schule in herrlich ruhiger Einsamkeit zurück gelegt werden können. Ist eben mein Sohn.

Vor unserer Förderschule sind Parkplätze immer rar, also ist Resteparken angesagt, für diejenigen, die keine feuchte Wohnung haben und nicht schon eine Stunde vor offizieller Anwesenheitspflicht die heiligen Hallen bevölkern. Heißt also, ich parke in den Lücken längs zur Fahrrichtung, an denen meine Kolleginnen mangels autofahrerischer Fähigkeiten vorbeifuhren. Ja, einparken kann ich einigermaßen. Herrlich, wenn der Tag mit einem Erfolgserlebnis beginnt, doof nur wenn es das Einzige des Tages bleibt. Noch blöder, wenn irgendjemand besser einparken kann als ich und nur noch Plätze an der Hauptstraße übrig sind. Abgefahrene Außenspiegel traumatisieren langfristig. Das Gefühl, nach so einem Parkplatztag das Vehikel unversehrt vorzufinden, gleicht einem negativen Schwangerschaftstest.

Tasche reinbringen und direkt nach hinten durch zum Schülereingang. Heute ist Frühaufsicht, das bedeutet die bildungshungrige Meute, die entweder zu früh von den Eltern vor die Tür gesetzt wurde oder einfach die Busverbindungsarschkarte hat, davon abhalten, die Anwohner morgens halb Acht mit NeuKöllner Klassik aus ihren Smartphones und BlueTooth-Lautsprechern zu beschallen beziehungsweise in Abhängigkeit der Witterung, alles was Beine hat und im ersten Moment nicht als Lehrkörper identifizierbar ist, mit Schneebällen zu bombardieren. 

Schulhofsadomasochismus: masochistisch lächeln und winken, wenn die eigenen Erstklässler sich über das Wiedersehen am Morgen freuen und schon aus 50 Metern Entfernung „Hallo Frau Müllaaaa!“ rufen, dabei mehrfach über ihren auf dem Boden schleifenden Turnbeutel stolpern und du weißt, dass sie dich gleich umarmen wollen, an der Schultür für alle aber gut sichtbar der „Achtung – Wir haben Läuse“-Zettel hängt. Im nächsten Moment sadistisch lächeln und demonstrativ „Guten Morgen“ sagen, wenn die Karawane der Sieben- bis Neuntklässler stumm und blickkontaktmeidend an dir vorbei zieht und sich dabei über das Spachtelmake-up und die Smokey-Eyes der zukünftigen Influencerinnen amüsieren.

Wenn das letzte Opfer der Schulbesuchspflichtjahre im Höllenschlund verschwunden ist, geschwind ins Lehrerzimmer, das Klassenbuch holen und schnell was kopieren. Dabei entweder pseudokollegial tausend entgegen gestreckte Hände schütteln oder eine Erkältung vortäuschen, um die eigene Hand bei sich behalten zu dürfen ohne unsozial zu wirken. 
Am Kopierer steht eine Schlange und alle sind am Labern: 
„Nordic Walking hier… Räucherkäse da… Zucchinisuppe lecker ... das letzte Spiel war eine Katastrophe“. 
Lächeln und Winken. 
„Bla, du hast aber die Haare schön, blabla, Frau Müller, deine Ohrringe/Schuhe/ irgendwas anderes klamottenmäßiges sind/ist aber toll.“ Lächeln und Winken. 

Es klingelt, alle sind plötzlich weg und der Kopierer endlich frei. Er spuckt zwei Blätter aus und sagt mir dann freundlich-fordernd „Bitte legen sie mehr A4-Papier ein!“ Verdammte Axt, das Papierkarma. Also eine Etage höher im Sekretariat um Kopierpapier flehen und wieder runter. Die Zeit, bis der Kopierer begriffen hat, dass jetzt mehr Papier vorhanden ist, fühlt sich genauso lange an wie die letzte Minute auf dem Waschmaschinendisplay vor dem Freischalten der Tür.

Im Klassenzimmer angekommen stellt man fest, dass das Klassenbuch noch fehlt. Egal, braucht eh kein Schwein. Und Feueralarm wird es ja wohl jetzt nicht geben, nicht um die Zeit. Da ist Frühstück in der Schulleitung. Fünf Minuten vergehen bis alle Arbeitsmittel in überschaubar hübschen Häufchen auf den entkrümelten Schülertischen liegen. Was nämlich leider immer zuerst ausgepackt wird ist das Frühstück. Das sorgt dafür, dass schon vor der ersten Stunde die Möbelpolitur aus Nutella und Butter auf den Tischplatten erneuert wird.

Wenn die Milchschnitte und auch der letzte Babybel den kindlichen Schlund in Richtung Magen passiert haben, singen wir das Begrüßungslied. Die Tatsache, dass ich nach fünf Wochen, in denen wir jeden Morgen dieses Lied hören, uns dazu bewegen und mitsingen, immer noch überlegen muss, ob nun zuerst mit den Füßen gestampft oder mit den Händen auf die Schenkel geklopft wird, gibt mir zu denken. Vermutlich liegt es daran, dass ich die 2:32min in denen der Song läuft nutze, um noch einmal geistig abzuschalten bevor der Wahnsinn losgeht. Oder ich verblöde einfach solidarisch.
 
Als nächstes werden die Hausaufgaben kontrolliert. Drei Kinder diskutieren wie jeden Tag mit mir darüber, welchen Lobstempel ich ins Heft drücke, obwohl es für Hausaufgaben schon immer nur ein „Super“-Blümchen gibt. Fünf Kinder wissen nicht, in welchem Hefter die Hausaufgabe war, dabei haben wir nur zwei. Einen roten und einen blauen. Und einer heult, weil er die Hausaufgabe nicht hat. Jaaa, in Klasse 1 sind Eltern und Kinder noch hochmotiviert.

Danach machen wir irgendwas, bei dem jeder mal an die Tafel schreiben oder malen kann. Alle müssen sich die Tafel unbedingt auf ihre individuelle Zwergengröße einstellen und pfefferen dabei dank innenarchitektonischer Fehlleistungen mehrmals fast meine Teetasse runter, brauchen genauso lange sich für eine von vier Kreidefarben zu entscheiden wie Margarete Schreinemakers bei der Auswahl ihrer Showbrille und malen dann so ungeschickt zwei Striche, dass dabei die Kreide abbricht und der Fingernagel auf dunkelgrünem Metall fiese Quietschgeräusche erzeugt. Jedes Kind muss einzeln davon abgehalten werden, sich sofort die blauen oder roten oder grünen oder gelben Finger zu waschen, weil sonst irgendwann alle von spritzendem Wasser und Schaumbergen im Waschbecken abgelenkt sind.

Anschließend malen wir die Zeichen von der Tafel noch einmal mit den Fingern erst in die Luft und dann auf die Bank. Einige sehen dabei aus wie Emily Rose im Zuge ihres Exorzismus, wieder andere fühlen sich so ungelenk an wie halbseitig Gelähmte bei der Physiotherapie, wenn ich ihren Arm dabei führe.

Jetzt das Ganze ins Heft. In welches? In das Heft, in dem wir seit fünf Wochen jeden Tag schreiben. In das rote? In das? Ja, in das. 
„Alle Kinder nehmen einen Bleistift!“ Drei nehmen einen Bleistift, vier irgendeinen anderen Stift, zwei machen gar nichts und der Rest fragt zum fünfzehnten Mal, warum wir nicht mit Füller schreiben. 
Wenn der erste gleich seinen Bleistift weg wirft, die Hand hoch reißt und „Fääärtisch!“ ruft, sucht der andere noch einen Bleistift. 
Frau Müller mittendrin. 

Mach doch was mit Steinen, hatten sie gesagt. Steine reden nicht, hatten sie gesagt.
Kennt ihr dieses Spiel aus den Spielhallen, bei dem Trolle unvermittelt aus irgendeinem Loch auftauchen und man mit so einem großen Holzhammer möglichst schnell draufhauen muss, damit sie wieder verschwinden? So ungefähr fühlt sich dieser Unterrichtsschritt an. Hier ein Lob, da eine Aufforderung doch endlich mal anzufangen, dort verhindern, dass über drei Zeilen gleichzeitig gemalt oder die erste Zeile mit der rechten und die zweite mit der linken Hand geschrieben wird. Zwischendurch Fabians Hand führen, damit wenigstens eines der Zeichen der Vorgabe ähnelt. Danach schnell Hände waschen. Die Hand war klebrig. Fabian hat Schnupfen. Immer.

Dann eine Runde Smileys verteilen und der Hälfte der kleinen Selbstüberschätzer erklären, warum ich heute leider kein Foto für sie habe …äh… warum die Smileys in meinem Stift leider schon aus sind. Irgendwie haben es dann alle geschafft. Es gibt ein Blatt für die Hausaufgabe und die letzten fünf Minuten verbringe ich damit, beim Unterscheiden des roten vom blauen Hefter zu helfen und anschließend komplett verdrehte Blätter wieder aus- und richtig einzuheften. 

Bis zum Klingeln nach diesen 45 Minuten hat Kevin fünfmal gesagt, dass er Hunger hat, dreimal gefragt, wann er frühstücken kann und sechs Mal dazu angeregt, doch ein Spiel zu spielen. Dazwischen Justin, der ganz dringend pullern musste und die Hälfte der Klasse mit dieser Not ansteckte. Alle Bedürfnisbekundungen gerne ohne vorherige Meldung mitten in meinen Lehrervortrag oder mit Fingerzeichen als sinnvollen Beitrag zum Unterrichtsgespräch.

So, jetzt ist Pause. Vielseitig nutzbare Zeit in vier Varianten:

Variante 1: man hat Aufsicht und tingelt von Zimmertür zu Zimmertür um beim Betreten des Klassenraums entweder alle andächtig an ihren Bananen nuckelnd vorzufinden oder aber epische Schlachten á la „300“ zu befrieden. Dabei ist man selbst der akuten Gefahr ausgesetzt, von herum fliegenden Federmäppchen, Brotdosen, Tafelschwämmen oder Schülerkörpern außer Gefecht gesetzt zu werden.

Variante 2: man hat keine Aufsicht und verpisst sich irgendwo hin, wo man von keinem menschlichen Wesen entdeckt wird. Arztzimmer, Klo oder ein Kellerraum sind zu empfehlen. Dort hat man die Qual der Wahl: Notdurft, Frühstück oder Whatsapp und Facebook – sicherlich ein Stück weit abhängig von der gewählten Location. Da ich selten tagsüber zum Essen und Trinken komme, daher auch keine Notwendigkeit besteht, daraus entstehenden Bedürfnissen nachzugehen, bleibt viel Zeit für das Pflegen sozialer Kontakte.

Variante 3: man entscheidet sich für die Kaffee-Runde im Lehrerzimmer. Dafür muss man Menschen im Allgemeinen und Lehrer im Speziellen mögen. Fällt für mich also aus. Spätestens nach vier Minuten zwischen diesem verlogenen Gegacker sehnt man sich nach hochfrequentem Kindergeschrei oder Tod durch Enthauptung.
Variante 4: man hat keine Aufsicht und bleibt im Klassenzimmer. Keine gute Entscheidung aber leider die am häufigsten gewählte Variante. Dort wird man dann zehn Minuten dazu genötigt, fettige Trinkflaschen zu öffnen, Bananen mit Nutellaschmauch zu schälen, freundlich lächelnd leberwurstverschmierte Plätzchen oder gar matschige Obstschnitze aus schmutzigen Kinderhänden abzulehnen oder sich langweilige und agrammatisch vorgetragene Wochenenderlebnisse anzuhören. 
„Weisst duuu, Frau Müllaaa…“ und „Hier, für dich Frau Müllaaaa!“ und schon meldet sich der Fluchtreflex. Die ständige Behelligung durch die Oberpetzen Shanaia und Shakira  - Zwillinge, rote Haare und bescheuerte Namen – nicht zu vergessen. 

Dazwischen Schreibkram. Einträge schreiben: 
„Werte Frau K., ihr Sohn hat zur Aufsichtsführenden Kollegin „Fick dich!“ gesagt, als sie ihn zur Tür schickte. Bitte sprechen sie mit ihm über dieses Fehlverhalten."
Elternbriefe beantworten: 
„Der Justin hat gestern am Bus dem Finn seine Jacke kaputt gemacht. Die war teuer. Mein Mann und ich kriegen nur Hartz IV. Können sie mir die Telefonnummer von dem Justin seine Eltern aufschreiben?"
 
Ach ja – und den Streit um die Toiletten-Rangfolge schlichten. Toiletten, Toilettenpapier und Klobürsten scheinen einen unglaublichen Aufforderungscharakter auf den kindlichen Spieltrieb auszuüben. Das heißt entweder mit nassen, stinkenden Schülerschuhen im Klassenzimmer und dem Hausmeister als Dauergast leben oder isoliertes Einmann-Pullern. Weil das Jungsklo im Unterstufenbereich schlimmer riecht, als eine rumänische Autobahntoilette, mich diese Gruppenexzesse zwischen den Porzellanschüsseln aber immer wieder zum Betreten dieses Raumes nötigen, mach ich gerne den Zweitjob als WC-Ordner und sorge für geregelten Stuhlgang ... äh ... Einzelzutritt.

Nach dem Stundenklingeln wiederholt sich das Desaster aus der ersten Stunde in leicht abgewandelter Form noch bis zu dreimal, die Fragen bleiben die gleichen. Abwechslung bringen die Wutausbrüche der schlechten Verlierer und die offenbar gesteigerte Erdanziehungskraft im Bereich einiger Schülertische, deren Platzinhaber mehr Zeit unter dem Tisch beim Suchen von Stiften, Würfeln, Kärtchen und Chips verbringen als auf ihrem Stuhl. 
Ein Bewegungslied, bei dem Frau Müller regelmäßig mehr Ausdauer im Schütteln, Wackeln und Zappeln beweist als eine Gruppe Siebenjähriger oder eine spannende Igelballpartnermassage zwischen distanzgeminderten Bewegungslegasthenikern sind die Streusel auf dem Pädagogik-Keks. 

Zu guter Letzt noch sechs von neun Ränzen selbst einpacken, auf links gedrehte Jacken umkrempeln, Mützen aus dem obersten Regalfach fischen (dabei wieder an den Läusezettel erinnert werden) und den Körperwundern beim Hochstellen der Stühle helfen. Das gute alte „Auf Wiedersehen“ im Chor und der Wahnsinn hat für diesen Tag zumindest für die Zwerge ein Ende. Für die Müllerin geht es in Runde 2. Fortsetzung folgt...

Als Lehramtsstudent im Hospitationspraktikum dürftet ihr jetzt nach Hause gehen um dort brav an eurem Bericht zu schreiben. Wenn ihr jedoch einen guten Eindruck bei eurer Mentorin (mir natürlich) hinterlassen wollt, bleibt ihr noch ein wenig und zeigt Interesse am Werkunterricht, der Töpfer-AG und einer konstruktiven Dienstberatung. Nächste Woche im Blog (Hier klicken).
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Mittwoch, 28. Juni 2017

Die Wahrheit über Ferien, ein Hausmeister-Einhorn und schon wieder Justin


Achtung - Kann Spuren von Ironie enthalten.
Ferien sind etwas, um das die meisten Normalen Menschen Lehrer vermutlich beneiden. In der Tat, die Sache hat was für sich - das kann ich euch bestätigen. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten...
  
Aaaaahhhh, Ferien. Herrlich. Hier sind sie schon angekommen. An dieser Stelle halte ich kurz inne und gedenke der Kollegen, die noch bis zu vier Wochen vor sich haben, bevor sie abhängig vom Frustrationsgrad entweder die Tasche in die Ecke werfen und die nächsten fünf Wochen mit dem Staubsauger galant drum herum cruisen oder gleich am ersten Ferienmontag ihren Schreibtisch aufräumen und den Taschenboden vom Schuljahresschlamm befreien, bevor dieser zu Braunkohle wird.


Für mich bedeuten Ferien auch endlich mal vormittags einkaufen gehen können, in der Hoffnung sich nicht wie Super Mario zwischen den Monsterblumen zu fühlen, wenn jede Regalreihe von Rentnergrüppchen belagert wird. Ich nahm an, vormittags sitzen diese entweder im Wartezimmer oder kucken Serien im Öffentlich Rechtlichen, da sie ja sonst erfahrungsgemäß immer nachmittags einkaufen. Die Erkenntnis kam jäh: Rentner gehen zu jeder Tageszeit einkaufen UND -noch schlimmer- man trifft jetzt auch noch Schüler im Supermarkt. Die wissen anscheinend die nächsten sechs Wochen vormittags nichts Besseres mit sich anzufangen als in Einkaufszentren rumzulungern. Zumindest wenn es in der Nähe kein Kinderfest gibt, auf dem man rumhängen kann.

Die eigenen Kinder mal nicht im Schlepptau ganz in Ruhe in den Wühltischen nach Silikonbackpinseln, Barfußeinlege-Sohlen und Lebensmittelmottenfallen stöbern - das war mein Plan. Eine traumhafte Vorstellung! 

Doch schon im ersten Gang endet dieser Traum jäh mit einer Schülersichtung. Und dann ausgerechnet ein Justin. Es gibt ja auch Schüler, die grüßen schüchtern, flüstern ihrer Mutter mehr oder weniger unauffällig "Das is eine Lehrerin" zu und beobachten dann nur noch aus der Ferne. Justins tun das nicht. Vermutlich weil ihnen sonst niemand zuhört, der nicht dienstlich dazu verpflichtet ist.
 
Man versucht sich unsichtbar zu machen, wechselt mehrfach die Richtung, täuscht links an und fährt rechts, versteckt sich in Nischen, darauf wartend dass der Verfolger vorbei zieht - wie ein polnischer Autodieb auf der Flucht vor Cobra 11. Aber nix da, Schüler haben genau wie Lehrer ein eingebautes Feind-Radar.

Es passiert kurz vorm Obst- und Gemüse-Stand: 
„Hallo, Frau Müller!“ (kein normales Hallo, mehr ein "Ha, hab ich dich ertappt" mit bedrohlichem Unterton)
– „Hallo, Justin!“ 
Man beschleunigt den Schritt weil man verzweifelt hofft, dass die Konversation mit dem Beginn auch direkt endet. Aber nichts da - Justin ist wie Herpes. Hat man es einmal, wird man es nicht wieder los. Man wird zur Gejagten. Mit hastigen Schritten und fahrigen Bewegungen wirft man das Nötigste in den Wagen. Alles was man auch nur ansieht, kommentiert das Schlaumeierchen um eine Nähe zu erzeugen, die nur einer Seite angenehm zu sein scheint: 
„Oh, Frau Müller? Sie essen auch gerne Pomelo?“
"Diesen Sekt kauft meine Mutter auch immer!" 
"Ich wusste gar nicht, dass Lehrer auch Cola trinken!" 
(Booooaar, nein du Alphakevin. Ich trinke sonst auch keine Cola. Nur heute kaufe ich die. Um dir zu zeigen, dass ich ein normaler Mensch bin. Sonst trinke ich nur stilles Wasser, darauf kotzt es sich am besten nach solch bescheuerten Aussagen!")

Die Hoffnung, dass der aufgezwungene Kommunikationspartner durch minimale bis gar keine Reaktion inklusive "Geh einfach"-Metabotschaft seines Gesprächspartners von allein feststellt, dass er unerwünscht ist, löst sich bei genauerem Nachdenken und Einbeziehen sämtlicher justinscher Reflexionskompetenzen (also keine) von selbst in Luft auf.  

Nach der Erkenntnis, dass die ursprüngliche Einkaufs-Vision schon kurz nach dem Eingang zum Luftschloss wurde, sucht man den kürzesten Weg zur Kasse und hofft, dass vielleicht die lieben Mit-Kunden durch das übliche Gedrängel im Kassenbereich dem Problem ein Ende setzen. Heute ist alles ganz entspannt und die Massen überschaubar. Ach ja, sind ja Ferien.

Also veredelt Justin auch die Wartezeit an der Kasse durch seine heitere Art mich und die anderen Kunden zu unterhalten. Inständig hoffe ich, dass die Umstehenden unser Lehrer-Schüler-Bekanntschaftsverhältnis durchschauen. Kaum auszudenken, wenn der ein oder andere auf die absurde Idee käme, man wäre vielleicht verwandt oder die Basis der Bekanntschaft beruhe auch nur einen Hauch auf Freiwilligkeit.

Kurz um, diese liebenswerte Schülerpersönlichkeit begleitete mich bis zum Kofferraum meines Autos und bereicherte meinen Vormittag auch hier mit seiner Gesellschaft bis der letzte Soja-Joghurt sicher verpackt war. Toll.  Immerhin hat er meinen Einkaufswagen weggebracht.
Noch toller allerdings war die Erkenntnis beim späteren Auspacken des Einkaufs: WAS habe ich eigentlich eingekauft und vor allem WO sind die Dinge die ich BRAUCHE?

Ferien dienen der Erholung von Lehrern UND Schülern. Sachlicher Fakt für alle, die es interessiert: Lehrer haben etwa 30 Tage Urlaub, die sie wie die meisten anderen Arbeitnehmer ordnungsgemäß zu Beginn des Kalenderjahres beantragen müssen, die sie aber NUR IN DEN FERIEN nehmen dürfen. Für alle übrigen Tage gilt: Vor- und Nachbereitungszeit bei weitgehend freier Einteilung. So ist es zumindest bei uns an der Schule. Ich weiß aber, dass es viele Schulen gibt, in denen den Kollegen weitaus weniger freie Zeiteinteilung zugestanden wird.
 
Es dürfte klar werden: für den Einzelnen verbirgt sich hier natürlich enormer Interpretationsspielraum. Dieser hängt stark von der Fähigkeit ab, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Psychohygiene und Konsequenz bezüglich beruflicher Verantwortung herzustellen. Erweitert oder beschränkt wird das Ausmaß der Freizeit zudem je nach Arbeitseinstellung des Vorgesetzten, der sich bei Verdacht auf Faulenzerei die Tätigkeiten im unterrichtsfreien Zeitraum durchaus nachweisen lassen darf. 
Wenn man wie ich jedoch einen Vorgesetzten hat, der die Arbeit scheut wie Katzen das Wasser und gleichzeitig so inkompetent ist wie ein Säugling beim Bauen eines Kartenhauses, dann verschafft einem das enorm viel Freizeit.

Der Lehrer-Ferien-Freizeit-Spaß wird aber nicht nur durch Schüler getrübt. Drei Dinge sollte man außerdem bedenken.

Erstens: hat man selbst Kinder, haben die auch Ferien. Dingdong! Alles klar! Animiert man sonst vormittags fremde Kinder etwas halbwegs Sinnstiftendes zu tun, sind es jetzt die eigenen. Juhu. Nicht.

Zweitens: wenn man wie ich nicht mit Lehrern befreundet ist -ist ja kaum auszuhalten, ich mag die nicht besonders- ist die Auswahl der Menschen, mit denen man den Tag verbringen kann recht übersichtlich. Die anderen müssen ja ständig arbeiten. Man schreibt vormittags halb elf eine Whatsapp und bekommt fiesen Shitstorm à la „Frau Oberlehrerin hat ja Ferien…“ zurück. Das ist verletzend, Leute. Wer ist denn den ganzen Tag einsam weil keiner Zeit hat und muss sich die Zeit mit schlafen, putzen und Wäsche waschen vertreiben obwohl er sich nach der wochenlangen Plagerei in der Irrenanstalt mal was Schönes verdient hat? Selbst bei Hunden weist man darauf hin, dass sie nicht zu lange alleine zu Hause sein sollten, Katzenhaltern empfiehlt man die Anschaffung eines Partnertieres um Symptome der Vereinsamung zu lindern. Aber kein Mensch denkt an die LEHRER! Ja, jede Medaille hat zwei Seiten. 

Noch nicht mal der eigene Partner -natürlich kein Lehrer, das ist ja krank- kann dem wohlverdienten Regenerationszeitraum beiwohnen, der muss ja auch arbeiten. Das schlimmste: abends ist er müde, ab halb neun etwa. Noch vor den Kindern, denn die haben ja auch Ferien. Man selbst läuft um die Zeit erstmal zu Hochform auf, schließlich ist man ausgeschlafen. Die Folge: man geht mit ins Bett - aus Liebe- und liegt hellwach neben dem Scheintoten. Aktivitätsmodus: Eichhörnchen auf Speed.

Die Chancen auf Sex sind bei diesen ungleichen Wettkampfvorraussetzungen so groß wie die Siegeschance eines Teddy-Hamsters beim Rückenschwimmen. Das wiederum ist echt beziehungsgefährdend. Hat es da mal statistische Erhebungen gegeben? Werden Ehen, bei denen nur einer Lehrer ist womöglich deshalb öfter geschieden? Oder ist das der Grund, warum es gefühlt in keinem anderen Berufsstand so viele Paare gibt wie unter Lehrern? Werden aufgrund dieses Umstands in den Ferien statistisch mehr (Lehrer-)Kinder gezeugt? Fragen über Fragen. Sollte man echt mal überprüfen.

Ich hoffe jedenfalls der empathische Leser empfindet zukünftig weniger Neid und mehr Mitleid, wenn das Auto des Nachbar-Lehrers noch in der Einfahrt steht, während man selbst morgens zur Arbeit gehen DARF!

Dritte Schattenseite: Wenn alles gut läuft, genießt man vielleicht zwei, höchstens drei richtige Urlaubswochen, idealerweise im Ausland. Man bedenke auch hier: Nebensaison-Reisen zu Top-Preisen mit einem geringen Kinderanteil in Flugzeug und Hotel, weil man ja sonst schon so überkindert ist, fallen aus!

Man DARF ja nur in den Ferien Urlaub machen. Und jetzt stellen wir uns den Worst Case vor: man bezahlt viel Geld für eine Reise, die einem weit fort bringen soll. Fort von Begriffsstutzigkeit und Fettflecken auf Mathekontrollen. Und dann triffst man am gefühlt anderen Ende der Welt Lehrer. Es sind ja Ferien. Halt, noch schlimmer. Man trifft SCHÜLER. Und nur eins kann den Horror-Faktor von Schülern außerhalb der Schule multiplizieren: ihre ELTERN. Weil man als Lehrer logischerweise keinen Urlaub im Ferienlager macht, ist die Wahrscheinlichkeit Schüler in Begleitung ihrer Eltern anzutreffen also recht hoch. Ich sage euch, ALLES schon passiert! Das will KEINER! 

Der Lehrer-Job ist ein Leben am Limit. Und Ferien sind, wenn man alle Nachteile in die Waagschale wirft – nicht schöner als jeder stinknormale Urlaub auch.

Ich ende mit einem weiteren Horror-Szenario, das den sagenumwobenen Ferien den Glitzer nimmt. Ferien sind ein äußerst beliebter Zeitraum für familieninterne Seuchenausbrüche. So kann eine Woche Osterferien wunderbar damit verbracht werden, dass alle Familienmitglieder der Reihe nach zunächst unkontrollierbar Toilette und/oder Eimer befüllen um anschließend hinter dem nächsten Opfer mit dem Desinfektionsmittel zu nebeln.
Natürlich erfreuen sich alle pünktlich zum ersten Schultag wieder bester Gesundheit, ebenso Frau Müller. Die freut sich schon darauf, in den nächsten acht Schulwochen wieder gummi-behandschuht halbverdaute Cornflakes in flockigem Kakao von Tischen zu wischen oder mit Schülern im Fahrstuhl eingeschlossen zu sein, während diese aus Leibeskräften in den vorausblickend mitgenommenen Papierkorb brüllen.

Eine letzte Illusion muss ich dem erkenntnisgebeutelten Leser in diesem Zusammenhang rauben:  der Hausmeister im grauen Overall, der mit seinem Wischmob-Wägelchen stets dienstbeflissen um die Ecke gerollt kommt um zuverlässig und geruchsneutral Schüler-Kotze wegzuwischen, ist eine Erfindung der amerikanischen Unterhaltungsbranche und wurde in der Realität noch nie gesehen. Oder habt ihr die Beseitigung von Körperflüssigkeiten schon mal in der Stellenbeschreibung eines Facility Managers gelesen?
In meiner Stellenbeschreibung stand das auch nicht. Aber irgendeiner muss es ja weg machen. Das waren zumindest die Worte meines Vorgesetzen, als ich nach der ersten Kotzpfütze fragte, wer für die Beseitigung verantwortlich sei. So. Wer möchte jetzt noch Lehrer sein?

Schaut auch im Lehrerzimmer bei Facebook vorbei. Garantiert seuchenfrei und auch in den Ferien durch eine hochmotivierte Frau Müller besetzt. Sei kein Justin und klicke hier.