Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 4. April 2018

Von Zahnpastafamilien, Laseraugen und individuellen Ruhestandsphantasien


Kennt ihr das, wenn schon die Kinder den Kühlschrank öffnen, rein schauen und sagen: „Orr Mama, du musst mal wieder einkaufen gehen!“? Und die Mutter zaubert aus schrumpligen Paprika, drei angefangenen Nudelpäckchen, Eiern, deren Geburtsdatum keiner mehr kennt und einem offenen Becher Schlagsahne, der zumindest noch riecht als bekommt man davon keinen Durchfall, etwas Essbares, das zwar die Kinder nicht zufriedenstellt („Das hast du mit Absicht gekocht!“) , aber zumindest lebensmittelgewordene mütterliche Kompetenz und Zufriedenheit duftig-dampfend repräsentiert. Mir schmeckt immer, was ich koche. Der Rest ist Erziehung. 
Mein Hirn ähnelt gerade diesem kinderalptraumgewordenen Kühlschrank. Da stehen jede Menge letzte Wurstscheiben, ungeöffnete Aiolibecher vom letzten Silvester und Glasbesetzer-Gürkchen drin rum. Wird Zeit, was draus zu machen, dass zumindest mich unterhält. Euch verkaufe ich das Ganze als fundamentalbanale Gesellschaftsbeobachtung. Containern für Soziologen sozusagen…
 
Eigentlich besteht ja keine Notwendigkeit, sich für bestimmte Lebensentscheidungen zu rechtfertigen. Aber zuweilen bringen einen gesellschaftliche Reaktionen auf eben diese Entscheidungen dazu, nach Erklärungen zu suchen; uns dann schließlich doch zu rechtfertigen. Und wenn es vor uns selbst ist. Nehmen wir die Sache mit der Familienplanung. Die Gesellschaft steckt den Rahmen dessen, was als normal toleriert wird, recht eng.

"Was? Nur ein Kind? Hm? Kein Pärchen? Was, wenn das zweite ein Junge/Mädchen wird? Und überhaupt. Einzelkinder haben es echt schwer im Leben."
Zwei Kinder – alles gut. Insbesondere dann, wenn beim Nachwuchs beide Geschlechter vertreten sind. 
Die von mir gemeinhin als Zahnpastafamilie (wahlweise auch Waschmittel- oder Golffamilie – wegen der Werbetauglichkeit) bezeichnete Familienstruktur entspricht dem gesellschaftlich anerkannten Ideal eines Lebensmodells. Von implizierten Erwartungen zu Altersspannen, Zeitraum der Eheschließung, Beischlaf- und Auslandsurlaubshäufigkeit sowie Bausparverträgen schreib ich jetzt lieber nicht. Das würde den Rahmen sprengen. Dass auch das äußerlich perfekte Zahnpasta-Idyll zuweilen der mit Senf gefüllte Krapfen sein kann, beweist die müllereskinterpretierte Familie nach dem Modell der Quattroehe. Aber das nur am Rande. Ich jedenfalls mag Senf.

Ab dem dritten Kind wird den Eltern nachgesagt, sie hätten die Kontrolle über jedwede Form der Empfängniskontrolle verloren, wahlweise sind diese Menschen auch einfach zu blöd zum Verhüten oder schlicht zu faul zum Arbeiten. Mit Kind vier gilt das Prädikat: Assige Leute. Ist natürlich Blödsinn, muss jeder selbst wissen. Zumal auch die Müllerin ein Kontrollverlustkind ist, die Seniormüllers aber weder doof noch arbeitsscheu sind.

Was will nun diese Einleitung, bei der ich wie gewohnt in bester Hammerwerfermanier aushole (ich hoffe die holen seeehr weit aus, ich hab‘s nicht so mit Leichtathletik) und bei deren Umfang in Relation zur Gesamtlänge des Artikels meine Deutschlehrerin hektische Flecken bekommen hätte, für diesen Artikel leisten? 
Nun, mir ist kürzlich aufgefallen, dass es sich mit befelltem Familienzuwachs ähnlich verhält, wie mit der fleischfarbenen Variante. Die Gesellschaft glaubt, solche ganz individuellen Entscheidungen bewerten zu müssen.

"Du hast kein Haustier? Bist du allergisch oder einfach ein Scheißmensch?"
"Du hast eine Katze? Langweilt die sich nicht? Und überhaupt. Eine Katze ist keine Katze." (selbes gilt übrigens auch fürs geächtete Einzelkind).
Zwei Katzen – alles in Butter, normaler Mensch.
Ab Katze Drei: "Was stimmt mit dir nicht? Willst du nicht mal erwachsen werden? Was bist du? Ein Tiermessi?"

Die Reaktionen auf die Bekanntgabe der Leih(katzen)mutterschaft und dem damit verbundenen Zuwachs in der MüllerMansion fielen speziell in meinem Fall nicht ganz so diskreditierlich aus, da die meisten der mir näherstehenden Mitmenschen um meinen Geisteszustand wissen. In der Folge reichte allen meine Begründung „Es ist eine ganz Schwarze. Mit Laseraugen. Ich wollte schon immer eine Laseraugenkatze haben!“ aus. 

Und dennoch kam ich nicht umhin, für mich selbst eine Begründung für die Anschaffung einer dritten Katze zu suchen, die über das Laseraugenargument hinaus ging. Wir alle werden immer wieder (auch unbemerkt) Opfer gesellschaftlicher Zwänge und wenn es nur darum geht, ein Katzenbaby zu adoptieren. Komplettieren die schüchterne Schattenboxerin Gudrun und der kamerageile Kifferkater Andreas, Namensgeber waren die führenden RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Bader, das müllersche Komödiantenstadl noch nicht ausreichend?Was ist mit deren Augen? Haben die keine Laserkräfte? 
Nein, denn dafür braucht es schwarzes Fell. Sehr sehr dunkles schwarz am besten. Den Zusammenhang könnte vermutlich Johannes Itten oder notfalls stellvertretend aufgrund von Tod meine Kunstlehrerin wunderbar erklären. Rembrandt oder Goya hätten wahrscheinlich auch am liebsten schwarze Katzen mit großen Augen gemalt.

Achtung, jetzt holt sie wieder mit dem Hammer aus. Manche Menschen haben eine bestimmte Vorstellung ihres Ruhestandes. Die meisten Optimisten träumen vermutlich von einer altersgerechten Finca in den Bergen nahe Palma, Pessimisten weigern sich, Ruhestandsvisionen zu phantasieren und würgen alles mit dem „So alt werde ich eh nicht“-Totschlagargument ab. Ist es eigentlich pessimistisch, diese Einstellung eher optimistisch zu sehen? Ich frage für einen Freund. 

Was tun die Realisten? Mal sehen, da muss ich länger überlegen, Realität ist nicht so meins. Ich vermute mal, die Realisten sichern sich im Hier gut ab, damit sie im Später dem Pflegenotstand ein Schnippchen schlagen können. Wie auch immer. Oder wie eine ehemalige Kommilitonin, liebe Freundin und ihres Zeichens auch Förderschullehrerin erst kürzlich zu mir sagte: „Wie? Du willst bis 55 arbeiten? So lang mach ich nicht. Ich geh vorher in Burnout.“

Was bin ich nun? Optimist? Pessimist? Realist? Ich bin alles, ich bin die Müllerin. Und wovon träumt die Müllerin? Und vor allem: Was zum Teufel hat das mit einer schwarzen Katze zu tun? Was sind meine Visionen? Zunächst mal muss ich in die ernste Tasche greifen. Ein Teil von mir ist tatsächlich Pessimist. Das liegt vermutlich daran, dass ich eine nicht ganz unerhebliche Anzahl mir verschieden nahestehende Personen kurz nach oder kurz vor Erreichen des Rentenalters jämmerlich krepieren sah. Was ich gegen oder auch für diese zugegebenermaßen düstere Vision tue: leben, trinken, feiern, vögeln, Lieblingsmenschen haben. Hardware: geplanter Ausstieg mit 55. Software: Auf meinem Sterbebett der Schwiegermüllerin erzählen, was eine Quattroehe ist und mit der Erinnerung an diesen Gesichtsausdruck friedlich entschlafen. 

Sollte ich (und die Menschen, die ich liebe) von todbringenden Krankheiten verschont bleiben und die von Herrn Müller sorgsam geplante Altersvorsorge und Finanzstrategie funktionieren … ihr merkt schon, jetzt kommt die rundum optimistische Vision … sehe ich mich mit mäßig gealtertem Körper und Antlitz am Pool einer Villa in der toskanischen Einöde, rechts neben mir Sarah, die auf einem aufblasbaren Einhorn liegend auf dem Wasser vor sich hin dümpelt. Links schreitet Olivia, mein Pfau an mir vorbei. In der Ferne hört man Esel und Ziegen. Wir befinden uns im Privatteil des Anwesens. Die Männer führen gerade eine Gruppe Hipstertouristen durch unsere Weinberge und zeigen ihnen die auf sie wartenden Arbeiten. Dafür dürfen die Urlauber dann im Resort-Teil unseres Anwesens nächtigen und im Schutze der Kommune mit einer beliebigen Anzahl an Partnern leben und lieben – nach Feierabend versteht sich. Sie sind durch Empfehlungen auf unsere Webseite gestoßen, auf der wir unser Urlaubsmodell für Kurzzeitaussteiger und Alternativbeziehungsinteressierte anbieten. Wenn sich das Ganze etabliert hat, setzten wir uns auf eine einsame Insel im Süden Thailands ab und lassen uns nur noch den fertigen Wein schicken.

Zurück zur Katze. Wenn ich weder früh sterbe, noch das nötige Kleingeld für den polyamoren Ausstieg habe, brauche ich einen Plan B. Und hier kommen die Katzen ins Spiel. Unabhängig von Restattraktivität oder der Höhe meiner Pension möchte ich im Alter vor allem eins: meine Ruhe. Ich arbeite daher schon heute mit Nachdruck am äußeren Eindruck einer gewissen Schrulligkeit. Tragender Teil des Konzepts ist eine gesellschaftlich nicht anerkannte Anzahl an Katzen. Vorbild ist die verrückte Katzenlady Eleanor Abernathy aus der monumentalen Trickserie „Die Simpsons“.



Kinder wechseln tuschelnd die Straßenseite wenn sie an meinem Haus vorbei gehen und sollten sie doch den unkrautüberwucherten Weg, welcher zu meiner Haustüre führt, betreten, bewerfe ich sie von meinem Schaukelstuhl auf der Terrasse aus mit Katzen. Über den Verschlag hinten im Garten erzählt man sich in der Nachbarschaft, das sei die Katzenfutterküche. Und „Kevin-Häppchen in Gelee“ mögen die Mietzen besonders gerne. Tatsächlich bewahre ich dort nur leere Flaschen, da ich es auch im Alter noch nicht geschafft habe, einen Altglascontainer für's eigene Grundstück zu erfragen und den ganzen Einhornkram von früher auf. Ich bin ja nicht irgendwie krank oder so.

Eine ausgewachsene Katze für jedes vollendete Lebensjahrzehnt - so lautet der Plan - Babys natürlich nicht mitgerechnet. Katzenlady ist man nicht, Katzenlady wird man. Schließlich steht auch keiner früh morgens auf und sagt: Ich bin dann mal Papst. Oder Karl Lagerfeld. Das ist ein Prozess, für den man aktiv etwas tun muss. Reich-Ranicki wäre auch nicht der belesene Dauernörgler geworden, wenn er nie ein Buch in die Hand genommen hätte. Allerdings hat vermutlich auch er weder die Fibel noch TKKG übersprungen.

Also freue ich mich nun, wenn in zirka acht Wochen das Laseraugenkätzchen bei mir einzieht. Auch wenn Laseraugenkämpfe zwischen meiner und Marcos Laseraugenkatze, wie wir sie uns einst in unseren kühnsten Träumen ausmalten, vorerst nicht stattfinden werden, da er kein drittes Kätzchen adoptieren darf. Sarah hat’s ihm verboten. Und Marco hat schlechte Diskussionskatzen.. äh.. Karten. Weil die Katzenlady nun mal ne Lady ist. Schade eigentlich. Selbst vor Schrulligkeit macht Gendermainstreaming keinen Halt… schreibt’s und holt schon mal den Hammer zum Ausholen.

Wer Lust hat, der Müllerin beim
"literarischen" Restkochen zuzulesen,
der abonniert am besten mit Sternchen

Freitag, 16. März 2018

BUNT ist meine Lieblingsfarbe - Beitrag zur Blogparade "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" von Vairvetzt


Eigentlich ist gerade der SchMärz im Lehrerzimmer in vollem Gange, ein Themenmonat rund um BDSM und sexuelle Revolutionen. Und dann grätscht Jule vom Blog Vairvetzt mit einer Blogparade unter dem Titel "Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job" dazwischen und verwurstet damit gleich zwei weitere Herzensthemen der Müllerin miteinander. Ehrensache, dass ich meinen Senf dazu gebe. Ganz schön gemein eigentlich, wenn man eine Veganerin etwas verwursten lässt. Sorry, Jule ;-)
Außerdem sind die Themen gar nicht so verschieden wie sie scheinen: Tätowieren tut weh, manchmal sogar richtig scheiße-weh – so weh, wie die immer wiederkehrende Frage aller Nichttätowierten danach. Aber nach all dem Schmerz ist man glücklich und kann das nächste Mal gar nicht erwarten…

Okay, vorab Bestandsaufnahme zur Frage: Bin ich ein guter Lehrer? 
Mal sehen. Ich fluche gerne, trage Leggings mit Disneymotiven, schaue die Simpsons und weiß, dass Lauch ein Schimpfwort ist. Ich trage zu passenden Gelegenheiten Strapse auch in der Öffentlichkeit, trinke aus penisförmigen Strohhalmen, lebe in einer Art Vierecksbeziehung, meide Menschenansammlungen, die soziales Interagieren von mir fordern, lasse meine Kinder fernsehen, kontrolliere selten bis nie die Punkte ihrer Leistungskontrollen auf Fehler ihrer Lehrer und verabscheue meine Nachbarn sowie die Mehrzahl der Menschen in meinem Wohnort.  Sieht schlecht aus.

Schauen wir, was ich für die Pro-Argumentation zu bieten habe: Ich geh‘ seit fast 10 Jahren zum Yoga, kann gut klugscheißen und hab ein leicht überdurchschnittliches Basteltalent. Außerdem sammle ich instinktiv leere Klorollen und scheue mich nicht davor, mich vor Kindern zum Affen zu machen. Könnte also doch was werden. 

Da fällt mir ein: Ich bin tätowiert. Argumentation ENDE. Beruf verfehlt.
Tattoos sind etwas stark launen- und trendabhängiges – und ganz abgesehen davon auch gesundheitsgefährdend. Nur ein schwacher und leicht zu beeinflussender Charakter begeht solch einen folgenschweren Fehler (unter Umständen gleich mehrmals),bereut seine Fehlentscheidung spätestens dann, wenn die Haut Falten und der Verstand Vernunft annimmt und gibt dafür außerdem noch viiiel viiiel Geld aus, das in einem Fond zur Altersvorsorge weitaus besser aufgehoben wäre. Als Lehrer ist man schließlich Vorbild für die jungen Seelen auf der Suche nach Orientierung. Sagt die Allgemeinheit.

Schluss mit dem ganzen Quatsch. Zurück zur Realität. Dass ich weder innerlich noch äußerlich dem Lehrerklischee entspreche, habe ich an anderer Stelle bereits erwähnt. Ich wurde in der Vergangenheit bereits für eine Friseurin, Nageldesignerin oder gar Tätowiererin gehalten - alles ehrenwerte Berufe. Wenn ich Fremden die Art meines Broterwerbs verrate, fallen die meisten Reaktionen unter die „Willst du mich verscheißern?“-Kategorie. Ich finde das nicht schlimm. Lehrer und Lehrerinnen riechen nach der Auffassung der Allgemeinheit nach Kaffee, Salami und alten Karten aus dem Geographiekabinett. Sie haben kein oder ein langweiliges Privatleben und reden überall zu laut. 

Ich habe alles andere als Lust, mich in dieses Klischee einzureihen. Auch als Insider (der weiß, dass Lehrer manchmal auch nach 4711 oder billigem Rasierwasser riechen und öfters auch mal Apfelschnitze essen) mag ich nicht so recht dazugehören. Denn die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sind hässlich. Und damit meine ich nicht gesichtshässlich, wie man möglicherweise im ersten Moment denken mag. Ich rede von einem hässlichen Charakter. Sie vereinen alle schlechten Eigenschaften, die Frauen und Lehrern häufig zugeschrieben werden. Sie sind hinterfotzig, besserwisserisch, reden ständig übereinander aber nicht miteinander und glauben von sich selbst, härter als alle anderen zu arbeiten. 
 
Also bin ich einfach ich. Im Dienst mit Abstrichen. Man tausche Schneewitchen und die sieben Zwerge gegen Jeans, lässt den roten Lippenstift und die Haarschleifen weg und hebt sich das Mittelfingershirt für Freitagnachmittag auf. Es soll ja niemand überfordert werden. Anfangs trug ich im Sommer immer einen Cardigan wegen der bunten Arme, bis vorletztes Jahr auch immer wenigstens eine dünne EINFARBIGE Leggings, auch wenn es sehr warm war. Ich kann noch nicht mal genau sagen warum. Zu wenig Erfahrung, zu viel gesellschaftliches „Lehrer sollten…“. Ja, was sollten Lehrer denn? Ihren Job machen! Wahrscheinlich wollte ich keinen Anlass für Kritik bieten. Dumm eigentlich.

Das einzige Tattoo, an dem mich garantiert KEIN KOLLEGE erkennt

Nachdem ich dann vor vielen Monaten nach einer Auseinandersetzung mit der Chefetage den Sinn und Wert meines gesamten Wirkens anzweifelte, der Nährboden dieser existenziellen Krise allerdings einfach nur die nicht vorhandene Wertschätzung meiner Arbeit und der des gesamten Kollegiums durch meine Vorgesetzte war, änderte ich meine Grundeinstellung:

Das Ganze ist immer noch NUR ein Job. Und das, was du zurückbekommst ist es mitnichten wert, sich zu verbiegen oder auf etwas zu verzichten, an dem du Freude hast und das ein Teil von dir ist.

Gesagt hat bis heute wegen der Tattoos niemand etwas – zumindest nichts Negatives und zumindest nicht zu mir. Was ändern die Farben meiner Haut an der Qualität meiner Arbeit? Ich bin beispielsweise überdurchschnittlich oft in der Elternberatung tätig – und das recht erfolgreich, möchte ich behaupten, habe dadurch außerdem häufig Kontakt zu Erziehern und Lehrern aus allen möglichen Kitas und Schulen des Landkreises. Noch nie hatte ich den Eindruck, wegen meiner Tätowierungen schief angeschaut oder gar nicht ernstgenommen zu werden. Ganz im Gegenteil. Zur Einschulungsfeier meiner Erstklässler trug ich selbstverständlich ein Tanktop. Ohne pseudoseriöses Blazerchen drüber - warum auch? Es war warm. Und außer mir wollte den Job niemand...

Ich sehe die Sache heute entspannt bis ignorant. Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag in einem Bundesland, dass an chronischem Lehrermangel leidet, geht farbtechnisch schon noch einiges. Gemessen an Ausbildungen und der damit verbundenen Einsatzfähigkeit in Bereichen, für die es in unserer Schule wenig bis gar kein Personal gibt, stelle ich mir eine Diskussion zu meinem geplanten Handrückentattoo mit der Schulleitung eher witzig vor.

Die wichtigste Meinung haben wir vergessen. Die der Kinder. Schließlich bin ich wegen den kleinen Rotzlöffeln Lehrer geworden und nicht wegen ihrer Eltern oder gar meiner Kollegen. Okay, Gehalt und Arbeitszeiten können keine Auskunft geben. 
Kinder kucken. Und sie kucken wieder weg. 
"Ah, du hast da ein Minion, Frau Müller."
"Ja, das hab ich."
"Ich hab auch ein Minion, da – auf meiner Brotdose."
Fertig. 

Bei den großen „Kindern“ sind Tattoos Vorteil- und Nachteil zugleich. Körperbemalung scheint Distanzen abzubauen und führt dazu, dass Kevin sich zuweilen überschätzt und glaubt mit seinem Kugelschreiber-Ohr-Tunnel bei mir punkten zu können ("Nein, Kevin – du musst das im Sportunterricht trotzdem rausnehmen."), Chantal sich aber von mir eher den Hinweis auf dünner gespachteltes Make-up annimmt, als von einer naturbelassenen Mittfünfziger-Kollegin.

Was ich mit wieder einmal viel zu vielen Worten eigentlich einfach sagen wollte (Wollte ich das wirklich - oder habe ich das durchs Schreiben dieses Textes streng genommen erst selbst erkannt? Man weiß es nicht...) : Kein Job ist es wert, sich zu verstellen - nicht für die Anderen und nicht für sich selbst. Und: Stress hat man nicht, Stress macht man sich.   

Im Referendariat fragte ich mal einen der wenigen männlichen Mitstreiter nach den Reaktionen seiner Vorgesetzten auf seine recht auffälligen Tätowierungen. Er antwortete, dass bisher alle recht entspannt damit umgegangen seien, er sich da aber auch niemals etwas vorschreiben lassen würde, denn schließlich könne er ja auch nicht von Kolleginnen, deren Frisur ihm nicht gefällt verlangen, im Dienst eine Mütze zu tragen… 

Mit diesen klugen Worten eines bunten Mannes möchte ich mich verabschieden. Ich muss dringend ein paar Autos knacken, Drogen konsumieren und mein Zuhälter versucht auch schon die ganze Zeit anzurufen….
Alle Artikel zur Blogparade „Ja, ich bin tätowiert und habe einen Job“ ab 18.03.auf:

Mehr Herzensthemen
und Alltagsrecycling gibt's auf 


Mittwoch, 28. Februar 2018

AA und SM – Ayurvedischer Alkoholiker und Shaolin-Mutter

Kürzlich habe ich der Schwiegermüllerin eine Stunde lang erklärt, dass Depressionen eine chronische Krankheit sind, dass das Maß an Belastungen, welches bei jemandem zu krankhaftem Stress führt individuell verschieden ist, dass es kein Recht auf Gerechtigkeit gibt, dass sich niemand für uns ändert und wir daher nur selbst etwas ändern können und dass man das Fenster eben zu machen muss, wenn einem die Zugluft nicht gut tut.

Dabei habe ich hinsichtlich Geduld und aufgebrachten Einfühlungsvermögen angesichts ihrer Reaktionen nicht nur einen lebenslangen Vorrat an Karmapunkten gesammelt sondern auch festgestellt, dass ich meine fast sieben Jahre zurückliegenden Therapieziele  recht gut verinnerlicht habe. Beim Lesen des unten stehenden Artikels, der älter als ein Jahr ist, wurde mir allerdings einmal mehr klar, dass trotz aller Bemühungen Zugluft zu vermeiden, so manches Fenster einfach undicht ist... 



Ich denke, ich werde eine Kur beantragen. Wenn ich dann allein in meinem Klinik-Einbettzimmer mit Seeblick sitze, verspreche ich mindestens drei Wochen niemandem meiner Familie oder Freunde zu schreiben oder jemanden von ihnen anzurufen. Ich möchte niemanden belästigen, mit Problemen wie Heimweh, Blutdruck oder Windows-Updates. Ich möchte aber auch niemandem an meinem inneren und äußeren Restaurationsprozess unter ayurvedischen Bedingungen teilhaben lassen.

Es ist nur eine Mutmaßung, aber ich denke die Menschen die ihren und meinen zurückgelassenen Alltag bewältigen, haben nur wenig Zeit für meine „Probleme“.

Ich freue mich schon aufs massiert werden, aufs Körbe flechten, aufs Bootfahren und auf stundenlange Wanderungen. Vielleicht lese ich auch endlich mal wieder was - außer immer nur mich selbst.

Besonders freue ich mich auf Gesprächskreise mit fremden Frauen, deren Probleme so haarsträubend sind, dass sich meine in Glitzer auflösen. 
Ich denke, ich bringe zunächst alle in der Gruppe gegen mich auf mit der Aussage:
„Hallo, ich bin Frau Müller. Ich kann Kinder nicht leiden und ich denke es war falsch, meine Eigenen nie zu schlagen.“

Daran schließe ich einen Monolog an: 
„Versteht mich nicht falsch, ich bin grundsätzlich dagegen Kinder zu schlagen. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Versagen, ein „Nicht mehr weiter wissen“. Aber sollte man Schwächen nicht auch mal zeigen dürfen. Ich bin Mutter und kein Shaolin-Mönch. Schüler darf ich nicht schlagen, das ist mir dienstlich verboten. Ich akzeptiere das, auch wenn es schwierig ist.

Mein großes Kind erzählte mir einmal, dass einer seiner Freunde von seinen Eltern mit einem Gürtel verprügelt wird. Nun, ich denke nicht, dass dieses Kind seiner Mutter jemals einen Brief mit den Worten „Ich mache nichts. Merk dir das!“ plus einem sorgfältig dazu gemalten Mittelfinger die Treppe runter entgegengeworfen hat.
Immerhin orthografisch nichts zu meckern

Seither ist das immer mein letztes Argument kurz vor dem Nervenzusammenbruch. „Willst du dass wir dich verprügeln? Ich denke dein Freund XY weigert sich nicht seine Mathe-Berichtigung zu machen.“
Zum Glück machen jetzt alle erstmal einen großen Bogen um die Versager-Mutter mit Gewaltphantasien. So brauche ich keine unnötigen Pseudo-Freundschaften zu knüpfen, die höchstens eine Postkarte lang halten und ich habe noch mehr Zeit zum Lesen während der Kur.

Außerdem ist Grüppchenbildung hier ohnehin überflüssig, da Alkoholkonsum im Kurheim untersagt ist. Da trinke ich lieber heimlich allein. Kann mich wenigstens keiner verpetzen und abgeben muss ich auch nichts. Das verspricht unter diesen Bedingungen eine tolle Zeit zu werden.

Mit Müttern, die das Heulen anfangen weil sie nach fünf Jahren im Beruf Vollzeit-Mama ihre Rockzipfellutscher zum ersten Mal für zwei Stunden in einer Fremdbetreuung zurücklassen müssen, kann ich eh nicht viel anfangen. 
Da liegen sie dann bei der Progressiven Muskelentspannung auf der Matte, innerlich aufgewühlt wie das Nesthuhn ohne Brut und die Milch schießt ein, weil sie die räumliche Trennung von ihrem Vorschüler nicht verkraften.

Stellt sich nur die Frage: 
Wie ran kommen, an den ALL-INCLUSIVE-WELLNESS-LANGZEIT-VERWÖHN-Wahnsinn auf Kassenkosten? Man hört ja gelegentlich, dass ein positiver Kurbescheid so etwas wie der Heilige Gral unter gesetzlich Versicherten ist. Zugegeben, ich hatte schon mal eine. Das war vor gut zehn Jahren. 
Damals hatte ich den einjährigen Erstmüller dabei, trank alkoholfreien Sekt, trug Kordhosen und Tuniken und während unseres Aufenthalts im Mutterkind-Kurheim brach eine Magendarmgrippe-Virus herein. Damit endet die freudlose Geschichte. Rheinlandpfalz im Januar. Mutter-Kind-Kur. Schon die Eckdaten lassen maßlose Freudlosigkeit vermuten. Die Müllerkinder sind heute zum Glück schulpflichtig. Wie? In den Ferien fahren? WARUM?

Der Zustand meines Körpers entspricht weitgehend meinem Alter, die Gebrechen der mittelfristigen Vergangenheit sind Geschichte und außerdem ebenso unspektakulär wie nutzlos beim Rennen um die Kassenleistung "Kur".

Nur im Kopf setzt es immer mal wieder aus. Ist wohl berufsbedingt. Sowohl Schutz als auch Folge der Arbeit im Irrenhaus. Mein Problem ist, dass ich nur sehr selten den Mut aufbringe, mit meiner als „Schlechte-Laune-Müde-Kein-Bock-Auf-Gar-Nichts-zünd-mich-an-mit-nur-einem-falschen-Wort-Phase“ getarnten Depression zum Arzt zu gehen.

Wenn ich das täte, dann säße ich vermutlich circa alle vier Wochen heulend auf diesem Stuhl. Ist halt nicht so einfach zu sagen: 
„Herr Doktor, ich kann nicht mehr. Mir wächst das alles über den Kopf. Ich habe an nichts mehr Freude und zu gar nichts Lust. Ich bin scheiße zu meinem Mann. Meinen Kindern. Zu all den wenigen Menschen, die ich gern habe.“ 

"Ja", sagt der gute Herr Doktor, „wenn sie das IMMER machen würden, dann würden wir auch eine Kur für sie bekommen.“ 

Er kennt meinen erhöhten Alkoholkonsum, scheint ihn zumindest meistens medizinisch für tolerierbar zu halten und weiß, dass ich nur dann zu Antidepressiva greife, wenn ich noch nicht mal mehr Lust habe, Mittwochs nach sechs Stunden in meiner Klasse nachmittags im Einteiler auf dem Sofa eine Dose Prosecco zu trinken oder den Eierlikör im morgendlichen Milchkaffee verschmähe.

Aber anstatt zum Arzt zu gehen, baue ich um mein eingefrorenes Gesicht regelmäßig einen Kokon aus Bademantel und Sofadecke und überlasse Herrn Müller den Familienalltag. Ich feige Sau. (DANKE Herr Müller).

So dann, morgen ist ein neuer Tag. Wir beginnen den Schultag mit einem Bewegungslied und Frau Müller schwingt das Tamburin. Dazu singen wir irgendwas mit den Worten „Sonne, Freude, Schule und Spaß“. Genau kann ich es nicht sagen. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich selbst zu beobachten und dabei den Kotzreiz zu unterdrücken.


Depressive Episoden,
 lustige Bewegungslieder
 und Katja Saalfranks persönlichen Alptraum
 gibts nahezu täglich neu zu belauschen