Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 31. Januar 2018

Menschen und ihre Jacken: Monologe, Polyamorie und eine Nähmaschine

Ich muss gestehen: Ich habe eine große Schwäche. Nachdem ich mich mittlerweile selbst nahezu komplett vom Konsum einschlägiger Programmen der Privatsender geheilt habe, greife ich gelegentlich doch noch zu Ersatzdrogen. Vermutlich ist mein Organismus durch meine Arbeit an der Förderschule so stark an sehr niedriges geistiges Niveau gewöhnt, dass der Drang visualisierte Dummheit zu konsumieren, durchbricht sobald ich einige Tage nicht zur Arbeit gehen kann. In den schwachen Momenten ergreift es Besitz von mir, das Kommentarspaltenborderline. In den wildesten Threads einschlägiger Magazine beginne ich Diskussionen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Das Gute an solchen Rückfällen ist, dass Blogposts wie der Folgende Teil eines Gedankenreinigungsprozesses sind...


Ich musste mir eine Jacke anziehen. Dabei war mir gar nicht kalt. Ich wollte gar keine Jacke. Jacken, vor allem sehr dicke Jacken, engen meistens ein. Sie sorgen dafür, dass wir uns bewegen wie Marshmallowmännchen. Oftmals gelingt es mir, um den Jackenzwang einen Bogen zu machen. Und manchmal werde ich schwach. 

Menschen ohne Jacken werden zwischen Jackenmenschen schnell krank und schwach und schließlich sterben sie. Zumindest wenn die Abwehrkräfte nicht stimmen und das Wetter beschissen ist. Und mit den Abwehrkräften ist das so ne Sache. An Apple each day - ihr wisst schon.

Äpfel mag ich nicht.Äpfel sind ein bisschen wie Menschen. Meistens langweilig. Wenn man doch mal einen isst, ist man hinterher enttäuscht. Und meistens sind es diese besonders schön glänzenden, die die sich rausgeputzt haben, die dann in ihrem Inneren so mehlig sind, dass einem der Staub aus den Ohren kommt.

Oft ist es ja auch oft so: Du schaust zum Fenster hinaus, weil du wissen willst, wie das Wetter ist und alle Menschen tragen eine Jacke. Du ziehst dir auch eine an – du tust es einfach, weil alle es tun. Selber darüber entscheiden, hinfühlen und denken „Brauche ich eine oder nicht?“ - dieses Bedürfnis haben wir verlernt.

Das Feine ist: wenn man sich ne bestimmte Jacke anzieht, dann erkennen einen die Leute leichter. Is ganz simpel: du weißt, der mit dem weißen Kittel ist der Arzt und der mit der blauen Jacke ist Dieter Bürgy. Alle anderen sind einfach Menschen. Wäre eigentlich auch schön so. Ist aber nicht so einfach. Weil man Menschen nun mal nicht so einfach einteilen kann. Aber Menschen möchten einteilen und eingeteilt werden. Am eingeteilt werden ist das Schöne, dass man sich nicht so oft neu erklären muss.

Ich hab mir mal die Polyjacke angezogen. Nicht Polyester - Polyamorie. Als ich sie anhatte, dachte ich: Naja, so gut passt die eigentlich auch nicht. Der Reißverschluss klemmt und die Ärmel sind zu kurz. Aber besser als erfroren. 

Das Interessante war: nicht nur die Anderen mit den Polyjacken nehmen mich jetzt wahr, sondern man selbst hat plötzlich auch einen anderen Blick auf die Menschen mit den gleichen Jacken. Die anderen – die Monojacken – interessieren einen eigentlich gar nicht. Das sind viele, richtig viele. Die sind eben da – nicht mehr und nicht weniger. Die tragen halt ne Jacke, wie ich. Nur ne andere. Wenn interessiert es.

Wirklich merkwürdig an den Monojackenträgern ist aber: Sie kucken so komisch. Pah, kann einem egal sein, denkt man. Und ist es auch. Aber wehe man fragt sie, warum sie eigentlich so kucken. 

„Na hast du dich mal angeschaut? Weißt du denn gar nicht, dass wir ALLE diese eine Jacke tragen sollten? Das wissen ALLE. Und du? Hältst dich für was Besonderes? Wie sieht denn das jetzt aus? Alle halten sich dran. Nur ihr mit euren lächerlichen Polyjacken müsst hier einen auf bunten Vogel machen? Wollt wohl unbedingt was Besseres sein? Könnt ihr euch nicht entscheiden? Habt wohl noch zig andere Jacken im Schrank, hä? Wahrscheinlich ist euch gar nicht bewusst, wie kostbar so eine Jacke ist. Wenn man seine Jacke gut pflegt, dann hält die ein Leben lang. Wollt ihr unbedingt abweichen. Das hier jeder die Jacke anzieht die er will, das hättet hier wohl gerne? Soweit kommts noch! Und überhaupt: meine Monojacke war sehr teuer, sie ist mir wichtig. Ohne diese Jacke bin ich nichts! Nackt! Das lass ich mir von euch schrägen Polyvögeln doch nicht kaputt machen!"

Tja, ööhm. Okayyyyy. Hätte ich mal lieber nicht gefragt. Wer ist eigentlich dieser ALLE, der bestimmt hat, welche Jacke akzeptiert ist?
Während dieses Monojacken-Monologs laufen ziemlich viele Monojackenmenschen vorbei. Die meisten rufen Dinge wie:
 "Ja, mal ehrlich!"
"Was denkst du dir eigentlich!?"
 oder "Also ich finde das auch unerhört!"

Einige laufen einfach vorbei, kucken gleichgültig und kümmern sich nicht. Und wenige tippen ihrem Monomitmensch auf die Schulter und raunen: „Fahr dich mal runter, is doch nur ne Jacke.“
 
Der Monomensch schimpft immer noch, er hört gar nicht mehr auf, wird wütend und beleidigend und man selbst geht in der Polyjacke einfach weiter. Vereinzelt trifft man auf andere Polyjackenträger, die einem zulächeln, vielleicht sogar ein Stück des Weges mitgehen, ein wenig netter Smalltalk. Sie haben alle schon mal Monojackenmonologe gehört.

Zur Zeit ist die Grippewelle in vollem Gange und die Jackendiskussion in aller Munde. Du musst dir eine Jacke anziehen, wenn du ein Teil der Gesellschaft sein willst. Ohne geht nicht. Wann immer jemand auch nur zaghaft eine Alternative zur Monojacke vorschlägt, fühlen sich die Herdentiere unter den Jackenträgern bedroht und der Monolog beginnt von neuem. Dabei scheint es, als wird die Polyjacke nur pro forma vorgeschlagen, damit sie alle Welt anschauen kann und feststellt: Näää, das is doch keine richtige Jacke! Ein bisschen wie Haute Couture. Schräg. Trägt kein Mensch.

Hey! Keiner interessiert sich für eure Jacken. Sie scheinen euch zu passen, mir persönlich gefällt das Modell nicht, mir steht‘s auch nicht. Und gut. So what. Tragt doch was ihr wollt.

Warum definieren Menschen den Wert von etwas nicht für sich selbst? Warum glauben sie, sie müssten etwas, dass sie selbst als Norm definieren, durch gesellschaftliche Anerkennung rechtfertigen?

Eigentlich hätte ich mir am liebsten gar keine Jacke angezogen. Niemand sollte eine Jacke anziehen müssen. Man stelle sich diesen bunten Menschenhaufen vor. Keiner weiß, wie der andere lebt und es interessiert auch niemanden. Aber wäre ich dann ins Gespräch gekommen? Hätte ich Leute kennengelernt, die sich auch gegen die Monojacke entschieden haben? Hätte ich vielleicht nie erfahren, dass sich der ein oder andere von ihnen genauso eingezwängt fühlt, wie ich in dieser Jacke? Vermutlich wäre man aneinander vorbei gegangen und nicht ins Gespräch gekommen. 

Aber der Mensch ist ja von Natur aus ein soziales Wesen. Austausch mit Artgenossen und Kommunikation sind intrinsische Bedürfnisse. Es sei denn, der Austausch hat uns müde gemacht. Erschöpfender Empathiemangel, zu viel Selbstgerechtigkeit, zu lange Monologe, die gesprochen wurden ohne je für gegenteilige Meinungen erdacht worden zu sein.

Aber hilft es, die bösen argwöhnischen Gesichter der Monojacken zu ignorieren? Läuft man nicht Gefahr, irgendwann genauso selbstgerecht und voller Misstrauen auf „die mit den anderen Jacken zu schauen“? Ist es nicht viel sinnvoller auf diese Menschen zu zugehen und zu sagen: Hey, chill mal. Deine Jacke ist hübsch aber mir passt die gar nicht.

Mir kommt gerade ein Gedanke: Tragen diese Monomenschen ihre Jacke vielleicht mit so viel Überzeugung, weil es für sie eine Uniform ist? Eine Universaljacke, die aus allen gemeinsam eine große, starke Einheit macht? Was ist ein Heer, bei dem jeder am Tag der Schlacht was anderes anzieht? Es ist machtlos. Weil keiner weiß, wer Freund und wer Feind ist.

Ich kenne Herrn Müller seit 17 Jahren, mehr als vier Jahre davon sind wir verheiratet. Die Müllerkinder sind 7 und 11 Jahre alt. Seit über dreieinhalb Jahren verbindet uns mit Marco und Sarah eine Freundschaft, die den „beste Freunde“-Status weit überschritten hat. Man teilt alles miteinander, auch das Bett. Nur gibt es kein 1+1+1+1 sondern ein 2+2. Das beschreibt am kürzesten, was wir sind. Das Paar ist Partner in einer Beziehung zu einem anderen Paar. Nennt mir eine Schublade, die es dafür gibt. Ich hab noch keine gefunden. Und im Grunde brauchen wir die ja auch nicht. Wir nennen es Quattroehe.


Wir alle vier hatten ganz „normale“ monogame Rollenvorbilder in Kindheit und Jugend. Wir haben monogam lebende Freunde. Wir haben die Entscheidung, wie wir leben wollen, für uns getroffen. Nicht monogam. Soviel steht fest. Aber poly? Ist das so? Polyamorie wird definiert als „Liebe zu mehreren Menschen“. 
Ich als Individuum liebe dieses Paar, bzw. beide einzelnen Personen des Paares nicht wie meinen Ehepartner. Vielmehr empfinde ich mich in Verbindung mitmeinem Ehemann als Einheit, die wiederum eine aus zwei Personen bestehendeEinheit liebt. 
Herunter reduziert auf die Verbindungen zwischen den einzelnen vier Personen wäre es nicht das gleiche. Ein Äpfel- und Birnenvergleich. Hört sich kompliziert an. Ist es aber eigentlich nicht. Denn man lebt einfach. 

Übrigens gibt's auch Polyhosen... oder Einteiler...

Kompliziert wird es erst, wenn man eine passende Jacke sucht und es zu wenig Auswahl gibt. Also schneidert man selbst. Ungeachtet der eigenen Fähigkeiten in Design und Umgang mit Nadel und Nähmaschine. Wir schneidern eine Jacke, die nur uns passt, die dafür aber wie angegossen sitzt.  Eine Jacke - unsere Jacke - in der wir uns wohlfühlen.

„Wie läuft die denn rum?“ 
„Naja, mein Geschmack wäre das nicht, aber wem’s gefällt!“ 
„Wie krass, wo hast du diese geile Jacke her?“ 
Manchmal überraschen uns Menschen, die Jacken, welche sie tragen und ihre Reaktionen auf mutiges Selbstdesign auch. Und manchmal wartet auch schon der nächste Monolog auf uns. 

Gedanken, Anekdoten und
Synapsenkurzschlüsse aus
Absurdistan, der Müllermansion
oder dem Atelier alternativer
Beziehungsformen ;-) 
- gibt's täglich 

Dienstag, 31. Januar 2017

Friends with Benefits – Das RESÜMEE



Schon als ich mit dem Bloggen begann, wusste ich, dass ich die Geschichte um unsere Vierecksbeziehung ganz sicher thematisieren werde. Solch eine Story hat schließlich nicht jeder zu erzählen. Viele meiner Artikel entstanden bereits lange bevor ich den Blog anlegte. Die „Friends with Benefits“-Reihe war allerdings keine davon. Unterbewusst war mir wohl klar, wie schwer es wird all das in die richtigen Worte zu fassen. 
Als ich anfing dazu zu schreiben war EIN Artikel geplant. Dieser wollte und wollte nicht enden. Gut, dann also der zweite Teil. Das gleiche Spiel noch einmal und wochenlang unvollendet dazu. Dann war auch dieser fertig aber noch lange nicht alles gesagt. Und so entstanden Teil Drei und Vier auf dieselbe Weise wie die ersten beiden Artikel. Veröffentlicht waren sie da noch lange nicht. Irgendwie hatte und habe ich Bedenken, dass damit das Pulver meines Blogs verschossen sein könnte. Hallooo, Selbstzweifel. Ihr wart gar nicht so lange weg, ich hatte euch nicht vermisst. Ein anderer Teil in mir wehrt sich aber, sich ausschließlich in die „Schlüpfrig-Nische“ zu stellen.

Wie jeder andere Blogger auch war und bin ich gerade in der Anfangsphase über jede Art Plattform dankbar, die mich potentiellen Lesern näher bringt. Der Aufruf zur Stimmenkolumne der BRIGITTE kam gerade recht. Ich bin kein begeisterter BRIGITTE-Leser und sehe meine Zielgruppe auch nicht in dieser Klientel. Dennoch dachte ich mir, könnte gerade das „Vierer“-Thema interessant sein. Und unter 250.000 Abonennten werden sich wohl auch ein paar Müller-Fans verstecken. Ich wäre vermutlich dumm gewesen, wenn ich den Traffic auf meinem Blog, welchen die Veröffentlichung des Artikels ausgelöst hat, nicht genutzt hätte um auch die anderen Blogposts an den Leser zu bringen. 
Die Überschrift des BRIGITTE-Artikels war bewusst provokant gewählt. Ironischerweise war es Sarah, die sich besonders für DIESE Variante begeisterte. Der kleine Shitstorm, welcher sich aus den Reihen der „underfuckten Analphabetinnen“ (Danke, Paula ;-)) über mich ergoss, nachdem diese nur die neun Wörter der Überschrift geschafft hatten bevor sie kommentierten, war erstaunlich: 
Ich solle zum Psychiater, wurde als abgebrühte Drecksschlampe, Arschloch und Opfer bezeichnet. Das alles sei krank, asozial und einfach pfui. Solch ein kranker Rudelbums (Zitat!) sei wohl das Ergebnis einer langweiligen Beziehung. Was denn als nächstes käme: Sex mit Toten oder Hochzeit mit Tieren. Und eigentlich gehören wir alle in die Geschlossene.

Nichts davon hat mich wirklich getroffen. Als Social-Media-Anfänger musste ich allerdings schon erstmal mit der Dummdreistigkeit der Menschen in den Kommentarspalten klar kommen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es hat mich nicht geärgert DAS NICHT GELESEN aber GEURTEILT wurde.

Und dabei war ich schon vor der Veröffentlichung durchaus auf Kontroverse eingestellt. Ich habe Herrn Müller, Sarah und Marco mehrfach gebeten, gut zu überlegen ob wir ALLE mit dieser Öffentlichkeit und den möglichen Reaktionen klarkommen. Ich hatte Zweifel, ob das alles gut ist für uns. Einige meiner Leser kennen uns alle im richtigen Leben. Möchten wir, dass all diese Menschen wissen, wie viel uns tatsächlich verbindet? Was wenn uns Kontra-Stimmen verunsichern? Wenn nur einer von uns davon verunsichert wird? 
Sicher sollte man selbst am besten wissen, was gut für einen ist und Lebenswege auch nicht nach Meinung anderer gestalten aber sind wir ALLE wirklich immer so stark? Ich habe gute Argumente FÜR unseren Lebensstil. Es wäre vermessen zu glauben, dass NIEMAND gute Argumente DAGEGEN hat.

Um es weniger drastisch auszudrücken: Ich hatte mich auf ein wenig Diskussion gefreut. Tatsächlich (oder zum Glück?)  blieb diese aus. Obige Beschimpfungen sind für mich keine Argumente einer Diskussion. Ein einziger Kommentar zu Beginn der Reihe war für mich kontra UND konstruktiv. Die Schreiberin sah durch unsere Interpretation der Ehe die Werte der „traditionellen Ehe“ gefährdet und glaubt, dass es langfristig durch solche und ähnliche Modelle schwieriger wird für die überzeugt monogam Lebenden IHR Ehe-Konstrukt zu verteidigen. Die andere Seite der Medaille?
  
Tatsächlich gab es viel positives Feedback, auch von Menschen die weder Erfahrung noch ernsthaftes eigenes Interesse an einem solchen Partnerschaftsmodell haben. Für uns vier hat sich nichts verändert, auch hat uns kaum jemand aus unserem persönlichen Umfeld darauf angesprochen. Es erfordert wohl auch ein wenig Mut.

Eine Freundin, die allerdings schon vor den Veröffentlichungen Bescheid wusste, stellte mir eine Frage über dich länger nachdenken musste. Ich wundere mich im Nachhinein, dass bei meinen „Kritikern“ bezüglich dieses Themas keine Stimmen laut wurden. Es ist ein wichtiger Aspekt, daher möchte ich dieses Resümee dazu nutzen, um auch darüber MEINE Meinung loszuwerden.

Ich wurde von ihr gefragt, wie wir unseren Kindern gegenüber mit diesem Thema umgehen. Zunächst: Was bekommen die Kinder mit? Wie wohl die meisten Kinder monogam lebender Paare wissen auch unsere Kinder NICHTS über unser Sexualleben. Das ist erstmal nichts Unnormales. Situationen, in denen die Kinder „ungewollte Zeugen“ werden, vermeiden wir zu zweit ebenso wie zu viert. Andere Intimitäten, Küsse oder Berührungen, lassen wir zu viert in Gegenwart der Kinder sein. Dann fällt die Begrüßung eben platonischer aus. 

Selbstverständlich bekommen unsere Kinder mit, wie viel Zeit wir mit Sarah und Marco verbringen und welche wichtige Rolle diese zwei Personen in unserem Leben spielen. Aber vermitteln wir damit die falschen Werte: Beständigkeit einer Freundschaft, Vertrauen, Füreinander da sein, Menschen einen Platz in seinem Leben zu geben?

Ich bin nicht blauäugig. Auch unsere SchulKINDER werden älter. Sie werden Teenager und junge Erwachsene. Ich vermute, irgendwann werden sie ahnen, dass sich unsere Freundschaft in ihrer Tiefe von den meisten anderen unterscheidet oder unterschied. Parallel zu dieser Erkenntnis sind unsere Kinder bisher in einer intakten Familie groß geworden. Sie wurden durch Eltern geprägt, die sich aufrichtig lieben und ihre Beziehung pflegen, die Vertrauen zu einander haben und gemeinsam Probleme bewältigen und Entscheidungen treffen.

Wir sind als Paar im Umgang zu zweit miteinander überzeugt, ein gutes Vorbild zu sein. Auch weil wir selbst gute Vorbilder hatten. Die innige Verbindung zu einem anderen Paar ergänzt uns nur, sie verändert uns aber nicht. Wenn wir auf diese Weise unseren Kindern vorleben, dass es möglich ist einerseits wichtige Werte zu pflegen und andererseits eigenen Werten mehr Bedeutung zu schenken, ungeachtet dessen was die Allgemeinheit für Richtig hält, bin ich überzeugt, dass meine Jungs später Menschen nicht nach neun Wörtern ihrer Überschrift beurteilen.  

HIER ALLE ARTIKEL DER "FRIENDS WITH BENEFITS"-REIHE:
Wer wissen möchte WER hier eigentlich schreibt KLICKT HIER oder HIER (zu Facebook).   

Mittwoch, 25. Januar 2017

Was Mathe, Memory und Sex gemeinsam haben - Friends with Benefits Teil 4



Nach drei Teilen "Friends with Benefits", in denen ich über die Reize von "Junksex" (Teil1) , unseren Ausflug ins Swingerleben (Teil2) und Kennenlernen, Leben und Lieben in unserer Viererbeziehung (Teil3) berichtet habe,bleibt für den vierten und damit leider letzten Teil die Frage nach dem "WARUM" oder besser "WIE (funktioniert das alles so gut)?"...

Wenn man in der Szene für alternative Beziehungsmodelle so rumhorcht und zwischen den Zeilen liest, lauert in offeneren Ehen (ich schreibe ganz bewusst „offenere“ und nicht „offene“ weil wir ja sooo offen auch wieder nicht sind – immerhin leben wir monogam in unserer Quattro-Ehe) der ein oder andere Fallstrick. 

Wir sind keine klassische Vierecks-Beziehung. Der Begriff Polyamorie spiegelt nicht wieder WAS wir sind. Bei uns hat eine Einzelperson nicht die gleichen Gefühle für alle drei oder zwei anderen. Beide Paare bleiben eine Einheit. Memory macht mit 2 oder 3 Karten auch keinen Sinn. Mit vieren aber schon. Wenn es aber jedoch verschiedene Karten sind dann funktioniert das Spiel auch nicht. Also müssen zwei Paare her. Das ist im Grunde wie Mathematik… oder auch Chemie… oder Physik. Keine Ahnung. Ich war in keinem der Fächer je ein Ass. Aber mir kommt das alles irgendwie wie eine Formel oder Diagramm oder etwas Ähnliches vor.

Wir haben also zwei Paare zwischen denen es eine große Schnittmenge gibt. In dieser Schnittmenge liegen neben gemeinsamen Interessen, Gewohnheiten und Vorlieben des täglichen Lebens auch sexuelle Gemeinsamkeiten. Die „Sex-Stile“ ähneln sich und auch das, was man am jeweils anderen attraktiv findet weist bei beiden Paaren Gemeinsamkeiten auf. Wichtig ist denke ich trotzdem, dass man sich sexuell nicht komplett gleicht. Wenn einem der andere Partner genau das geben kann was einem der eigene gibt dann ist irgendwann der Reiz weg.

Obacht, ihr militanten Monogamisten: es geht nicht um MEHR oder BESSER. Es geht um ANDERS. Ihr esst ja auch nicht jeden Tag Kartoffeln obwohl sie euch schmecken. Ihr treulosen Kartoffel-Huren betrügt mit jedem anderen Lebensmittel. 

Und dennoch bestehen zwei Paare aus vier Einzelnen (ich bin sehr stolz auf mein Abitur :-). Die Ausgewogenheit der Schnittmengen und Gegensätze zwischen den einzelnen Menschen ist ausschlaggebend dafür, dass das ganze Unterfangen konfliktarm und reizvoll bleibt. 

Versuchen wir ein Beispiel: schätzt Frau an ihrem Ehemann besonders den treu umsorgenden Frauenversteher der ihr selbstlos jeden Wunsch von den Lippen abliest, während sie auf ihrem imaginären rosa Plüsch-Kissen thront (Voraussetzung: BEIDE sind glücklich mit dieser Rollenverteilung), sehnt sie sich vielleicht aber manchmal auch nach etwas mehr Chauvinismus.

Alle Beteiligten wissen, dass DIESE Verbindung nicht dauerhaft als Paar funktionieren würde und so bleibt alles ganz entspannt. Ein Mann, der beim Sex meist der Nehmer ist, weil beide das so mögen, ist vielleicht aber auch mal scharf auf eine Frau die ihn „nimmt“? Also warum nicht? An dieser Stelle muss sich keiner verbiegen oder etwas tun, was seinem Naturell nicht entspricht denn die Sehnsüchte, die man selbst nicht erfüllen kann oder will erfüllt jemand anderes. Und auch hier weiß ich: mein Mann kommt zu mir zurück denn die andere Frau könnte mit seiner liebvollen und selbstlosen Art im Beziehungsalltag wenig anfangen.

Konstellationen Mann-Frau haben wir damit also ausreichend seziert. Bleiben noch Frau-Frau bzw. Mann-Mann-Verbindungen in dem ganzen Konstrukt, die ja schließlich auch funktionieren müssen damit das System nicht doch irgendwo kränkelt. Um es vorweg zu nehmen, ein sexuelles „Mann-Mann“ gibt es in UNSEREM System nicht. Der einzige Grund dafür ist, dass sich ALLE vier Personen darüber einig sind KEINEN Reiz an solcherlei „Machenschaften“ zu finden. Ich denke aber auch DAS kann in einem System wie dem unsrigen funktionieren wenn der Rest stimmt.

Am sexuellen „Frau-Frau“ haben wiederum alle vier ihre Freude, egal ob aktiv oder passiv. Eifersucht vom eigenen Partner ist an dieser Stelle von meinem Erfahrungshorizont aus völlig fehl am Platze. Vorausgesetzt man erkennt und akzeptiert, dass eine Frau einer Frau eben „andere Dinge geben kann“ als ein Mann. Ein praktisches Beispiel: fremde Brüste fühlen sich unfassbar gut an und den selbst herbei geführten Orgasmus einer anderen Frau zu erleben, erweitert den Geist und das Gespür für sein Gegenüber enorm.

Auch hier kann sich der Mann auch wieder ganz entspannt zurücklehnen DENN logischerweise kann die Frau auch nicht was der Mann kann. Sex mit Männern und Frauen ist nicht vergleichbar. Keiner versucht Erdbeeren mit einem Steak zu vergleichen. Das ist absurd. Und nur weil ich das eine mag muss ich auf das andere nicht verzichten.

Jetzt ging es aber schon wieder nur um Sex. Viel wichtiger ist aber die Freundschaft. Darüber habe ich schon einmal in einem anderen Blogpost geschrieben (Der Unterschied zwischen einer besten und einer besonderen Freundin). Schließlich muss ich die Frau sehr gerne haben um ihr meinen Mann „zu überlassen“. Bei den Männern ist es nicht anders.

Gemeinsame Interessen jenseits der Betten sind das A und O. Wenn der eine mit dem anderen über Geschäftliches, Wirtschaft und Finanzen sinnieren kann, die Vorliebe für Whisky teilt, zusammen sporteln geht oder für die Preview eines Films um null Uhr vor einem Arbeitstag das Kino aufsucht dann ist alles right. Wenn dann der eine zum anderen auf dem Heimweg sagen kann: „Du - meine Frau steht drauf wenn du sie beim Vögeln an den Haaren hältst. Du kannst ruhig fester zu packen“ dann ist alles sehr sehr right.

Mir ist klar, dass ein solch nahezu perfektes Verhältnis von Unterschieden und Gemeinsamkeiten unter vier Menschen bzw. zwei Paaren wahrscheinlich nichts Alltägliches ist. Daher empfinde ich den Umstand in meinem Leben auf diese Personen gestoßen zu sein als großes Glück. Allen voran mein geliebter Herr Müller, der mit mir die Freude an und Offenheit für diesen Lebensstil teilt. Und natürlich Sarah und Marco, die nicht nur unser Sex-Leben um Erlebnisse erweitert haben, die wir in fünfzig Jahren gerne unseren Enkeln erzählen würden (wir werden wohl sorgfältig sortieren müssen). 

Ich werde mich wohl in den nächsten Tagen zu einem kleinen Nachwort oder Resüme bezüglich dieser Artikelreihe und den Reaktionen darauf hinreißen lassen. Danach freue ich mich auf einen Februar, der thematisch völlig ungebunden und zum Ausgleich auch mal wieder ganz "unerotisch" wird. Ich freu mich über alle, die über die "Friends with Benefits"-Reihe als Leser zu mir gefunden haben und noch mehr über die jenigen die bleiben. Schaut auf Facebook vorbei und bleibt am Besten da - so verpasst ihr nix und werdet auch nicht nur hier im Blog mit Müllerschem Gedankengut versorgt. (Frau Müller auf Facebook gibt's hier!)