Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Donnerstag, 19. April 2018

War meine Oma ein Nazi? ODER: Ein Riesenbaby, politischer Joghurt und das Bart-Gen

Oma Heidi war eine gute Oma. Sie war eine dieser Omas, die einem mit 4711 feuchtes Toilettenpapier herstellen lässt und es dann trocken bügelt. Eine, die Leggins mit Totenköpfen trug, weil sie das Muster nicht richtig erkannte und dachte, es seien Blumen aufgedruckt. Eine, die Schmuck und Kleidung (die in ihren Augen so edel war, dass sie sie selbst nie trug) gerne für Modenschauen vor dem großen Schlafzimmerspiegel zur Verfügung stellte. Eine, die zwischen den noch nie benutzten Handtüchern im Wohnzimmerschrank ihre Rente versteckte, um den Enkeln kurz vor dem Gehen mit der Körpersprache eines Koksdealers 20 Mark zuzustecken...


Ich war ein Omakind und noch dazu verdammt verwöhnt. Das ging so weit, dass ich eines dieser Riesenbabys war, die mit vier Jahren noch im Buggy gefahren werden, während die Füße schon auf dem Asphalt schleifen. Für Oma war das Buggy praktisch, denn da brauchte man die Taschen nicht schleppen. Und so ein Rentnertrolly war schließlich nur was für alte Leute. Die Logik, dann lieber ein 25 Kilo schweres Kleinkind plus Einkäufe einen steilen Berg hinauf zu schieben, erschließt sich mir auch nicht, aber Omas müssen auch nicht logisch sein. Nur lieb. So lieb, dass sie einem erlauben einen ganzen Kochbeutel Tiefkühlhühnerfrikassee alleine zu essen, weil es nun mal das Lieblingsessen ist oder so lieb, dass sie das Marmeladenbrötchen zum Frühstück auch dann noch in Häppchen schneiden wenn man längst gelernt hat unfallfrei zu essen.

Meine Mutter brachte es regelmäßig zur Weißglut, wenn sie in den Kaffeetassen im Küchenschrank die ganzen versteckten Schnuller fand, die während des Aufenthaltes in der Casa del Omma mein emotionales Wohlbefinden sicherten. Ohne auf den Schlamm zu hauen, möchte ich fast sagen, meine Großeltern vergötterten mich. Das mag daran liegen, dass ich das erste und einzige weibliche Enkelkind war, welches zudem zuletzt geboren wurde. Die kleine Prinzessin quasi. Ich kann den Hype um mein Geschlecht nicht wirklich verstehen, zumal mein Vater gerne skandierte, dass er lieber noch vier Jungs hätte als eine Tochter wie mich. Klingt hart, war aber lustig gemeint. Mülleresk eben.

Lieblingsplatz für den Heidi-Podcast
Jedenfalls habe ich sehr viel Zeit mit meiner Oma verbracht. Zeit, in der sie mir nach 1989 nicht nur die ersten 15 Barbies meines Lebens kaufte sondern mir auch ziemlich viele Kriegsgeschichten erzählte. Ja, Oma Heidi konnte nicht nur virtuos Märchen erzählen  (Erzählen, NICHT VORLESEN! Kann das heute eigentlich noch irgendjemand oder ist diese Fähigkeit mittlerweile ausgestorben?), sie erzählte auch für ihr Leben gerne von damals. Und ich hörte ihr ebenso gerne zu. Ein bisschen selbstzerstörerisch möglicherweise, denn für ein Kind meines Alters hatte ich damals wahrscheinlich überdurchschnittlich viel Angst vor Krieg und dennoch bettelte ich sie oft an, um eigentlich immer die gleichen Geschichten, die ich so oft und gerne hörte, dass ich mich heute noch an sie erinnern kann.

Meine Lieblingsgeschichten waren die vom BDM. Heidi wurde 1921 geboren und kam als junges Mädchen zum Bund deutscher Mädchen. Sie erzählte von Bauerfamilien, denen sie im Haushalt, bei der Ernte und mit den Kindern half. Beim BDM hatte Heidi in ihrem Spint lauter Bilder von Männern mit Bärten, weshalb sie die anderen Mädchen mit Spitznamen Bärdl riefen. Da bärtige Männer zur damaligen Zeit wohl eher auf Propagandamaterial als in Hochglanzmagazinen als Models für Bartöl und Barbershops abgedruckt waren, kann man sich gut vorstellen, wer genau auf den Bildern zu sehen war. Heidi verehrte diese Männer aus tiefstem Herzen. Nicht zuletzt, weil ihr der wichtigste Bärtige (allerdings der mit dem kleinsten…) in ihrem Leben einmal bei einer Parade zur Einweihung einer Brücke in ihrer Heimatstadt zugewinkt hatte.

Notiz am Rande: Liebe zu Bärten scheint vererbbar zu sein. Auch ich ziehe männliche Exemplare mit ausgeprägtem Gesichtshaar unterhalb des Jochbeins vor. Allerdings nicht ohne ausgedehnte Kinnbewaldung. Schnurrbärte und Schnäuzer sind –egal wie dimensioniert sie sind - etwas für Klischeezorros, Pädobären, Fasching und Horst Lichter.

Das Unheil und den Krieg brachten die Russen ins Land. Immer wenn Bombenalarm war, Heidi und ihre Schwestern die Flieger hörten und auch später, wenn sich russische Soldaten in der Nähe herum trieben, versteckten sich alle in einem großen Loch unter dem Kirschbaum im Garten, das mit Brettern und Laub von oben unsichtbar gemacht wurde. Mir spendete der gleiche Kirschbaum gut 40 Jahre später Schatten im Sommer und leckere Kirschen natürlich.

In all ihren Geschichten waren die Russen das Übel. Für Heidi gab es ihr Leben lang nur Schwarz und Weiß. Es gab ihren Führer, mit dem es den Menschen gut ging, der Familien und Kinder liebte. Und es gab die Russen. Vergewaltiger, Plünderer, Kriegsverbrecher. Mit diesen Geschichten und ironischerweise Märchen aus aller Welt – russische Märchen liebte Heidi besonders – wuchs ich auf. 


Ich liebte meine Oma und ihre Geschichten. Und ich liebte ihre Westverwandtschaft. Ihr Bruder Horst schickte nämlich regelmäßig Pakete von drüben. Minzschokolade mit der Kaminuhr, Schaumküsse, Butterspritzgebäck, goldene Sahnebonbons und den guten Markenkaffee hütete sie wie Reliquien in einer Truhe auf dem Dachboden, die nur zu besonderen Anlässen geöffnet wurde. Heute steht das gute Stück restauriert in der MüllerMansion und bewahrt die Skihosen der kompletten Sippe auf. Kekse und Süßkram werden konsumentenfreundlicher in der Nähe des Sofas aufbewahrt.

Horst schickte auch Feinstrümpfe. Wusstet ihr, dass man Feinstrümpfe stopfen kann, wenn sie Löcher haben? Oma Heidi war Profi darin. Horst war reich, er lebte mit seiner Frau in einer Villa im Westen. Bei den Beiden habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Becher Marken-Fruchtjoghurt gegessen. Und Horst war ein ehemaliger SS-Offizier. Allerdings fragte ein siebenjähriges Kind damals nicht: „Warum bist du so reich? Warst du mal ein Nazi?“

Die Welt um Heidi veränderte sich in den Jahren. Heidis Weltbild blieb bestehen. An ihrem Küchenschrank Bilder von Adolf und Kollegen. Jede politische Diskussion beendete sie schon bevor sie dement wurde mit dem Satz: „Mit dem Führer wäre uns das nicht passiert!“


Nachdem auch sie, wie meine andere Oma , wegen ihrer Demenz einige Zeit im Heim verbracht hatte, starb Heidi mit 93 Jahren. Bei der Regelung der Erbangelegenheiten stießen wir auf ein bisher unbekanntes Kind. Heidi hatte noch vor meinem Vater und seinen Geschwistern ein Kind zur Welt gebracht, offenbar ein Mädchen. Die Recherche ergab, dass dieses Mädchen nur wenige Wochen alt wurde. Was war passiert? Ein Kind, über das die Mutter nie ein Wort verlor? Unehelich in dieser Zeit und bald verstorben? In einer Zeit gezeugt und geboren, in der Vergewaltigungen durch russische Besatzer an der Tagesordnung waren? Die Russen, die Oma Heidi bis an ihr Lebensende inbrünstig hasste? Meinem Vater erzählte sie in den Jahren vor ihrem Tod einmal, dass sie und alle ihre Schwestern von russischen Soldaten vergewaltigt wurden…

Wir wissen nicht, was genau geschah und werden es nicht erfahren. Wir können nur mutmaßen. Heidis lebenslange Verbundenheit zu einem politischen Regime, mit dem sie als junges Mädchen aufgewachsen war, machte einen Teil ihrer Persönlichkeit aus. Ein Fakt, der ein letztes Mal interessant wurde, als die Trauerrednerin ihre Ansprache vorbereitete. Sie sprach in der Kapelle neben der blumengeschmückten Urne von einer „großen Heimatliebe, die Heidis Wesen ausmachte“, ein Moment in dem jeder der Anwesenden wusste, was gemeint war und unweigerlich schmunzeln musste.

Warum schreibe ich das Ganze? Oma Heidi war eine Zeitzeugin. Auch sie hat in einer Gesellschaft gelebt, die die Menschen bald nur noch aus Geschichtsbüchern und Dokus kennen. Ihre Persönlichkeit wurde durch die Zeit und ihre Erlebnisse geformt. Menschen sind Individuen, geprägt - aber auch begrenzt - durch ihren Horizont. 

Ist Oma Heidi ein schlechter Mensch gewesen, weil sie ihr Weltbild nie hinterfragt hat oder noch viel schlimmer: in mein unverdorbenes kindliches Hirn gepflanzt hat? Weil sie mich sehenden Auges Nazijoghurt hat essen lassen? Und warum hat sie eigentlich nie hinterfragt? Boten ihr die Erinnerungen an diese bessere Zeit, das nostalgische Schwelgen, vielleicht einen Rückzug? Eine Art Schutzraum? Waren die Schuldzuweisungen einfach nur eine Erklärung um Ruhe zu finden, für eine Frau, die auch lange nach Kriegsende vom Schicksal nicht verschont blieb, zum Beispiel als ihre einzige und innig geliebte Tochter als erwachsene Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel?

Sorgt euch nicht. Als Jugendliche hab ich den ein oder anderen kläglich gescheiterten Versuch unternommen, aus Heidis Schwarz und Weiß zumindest ein Grau zu machen. Jeder der mich schon länger liest, kennt einige meiner Ansichten und ahnt zumindest vage, dass sich diese nur schwerlich bis gar nicht mit der Weltanschauung um 1945, die aktuell ein erschreckendes Revival erlebt, vertragen. Also calm down and love Heidi. Es sind nicht nur die Geschichten, mit denen wir aufwachsen, die uns zu dem machen was wir sind, sondern es ist auch der Verstand, mit dem wir bewerten.

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Dienstag, 10. April 2018

Mythos Lehrerzimmer: TripleK - Kaffee,Kopierer und Kollegen


Wenn ich im letzten Artikel auch die blumigsten Ruhestandsszenarien malte und in wenigen Wochen schon Zerstreuung von den Wirren des beruflichen Molochs darin finden werde, einem schwarzen Kätzchen mit Laseraugen zu lernen, auf meiner Schulter zu sitzen wenn Besuch kommt - das ein oder andere Jährchen werde ich im Schulsystem noch funktionieren müssen. Sonst kann ich mir weder die Altersruhe als schrullige Katzenlady noch als Bewohnerin einer polyamorösen Villa-Kommune mit Resort-Teil leisten. Also entwickelt man Überlebensstrategien, die einem den Aufenthalt im Berufsleben so erträglich wie möglich machen. Eine meiner Strategien sind Besuche des Lehrerzimmers in minimalen Dosen...
 
In unserer eigenen Schulzeit sahen wir von diesem sagenumwobenen Ort meist nur einen Ausschnitt. Nämlich ziemlich genau das, was zwischen Zarge und Türblatt, in Abhängigkeit vom BMI des Pädagogen, der unser zaghaftes Klopfen vernommen hatte und uns sein Ohr und Antlitz lieh, sichtbar wurde. Wurde uns doch einmal das Privileg zu teil, einen Fuß über die heilige Schwelle zu setzen, fühlten wir uns wie Frodo jenseits des Auenlandes. Drachenhöhle, Hort des Bösen und Urquell aller Prüfungsaufgaben samt Lösungen – Geburtsort aller vernichtenden Pläne und kindliche Bedürfnisse missachtenden Ideen. 

Während Studium und Referendariat wurde aus diesem Ort für den Junglehrer eine Art Zwischenwelt. Ich fühlte mich in meinem Leben an nur wenigen Orten so wenig zugehörig wie in den Lehrerzimmern der Praktikums- und Referendariatsschulen. Noch nicht mal die Vertriebsfeier mit integrierter Gruppenmasturbation, zu der mich Herr Müller später einmal geschleppt hatte, zerriss mich innerlich derart.

Ein Teil dieser inneren Abkehr, der menschliche Teil, ist mir bis heute geblieben. Man ist in diesem Ökosystem im Stadium beruflicher Adoleszens weder der Jäger noch der Gejagte, streunt deplaziert durch 90er-Jahre-Büromöbel aus Pressspan und möchte von niemandem angesprochen werden. In den Jahren der Ausbildung flößt einem die vermeintliche Kompetenz gestandener Lehrer – ich spreche bewusst NOCH nicht von Kollegen, denn es fühlte sich noch nicht kollegial an – noch Respekt ein. Dieser Respekt geht einher mit der Angst durch Interaktion das eigene Unvermögen bloßzustellen. Also meidet man diesen Ort, wenn man nicht gerade etwas kopieren muss, obwohl man längst im Besitz des heiligen Schlüssels ist.

Heute meide ich das Lehrerzimmer immer noch. Das liegt hauptsächlich an den Personen, die man auf Grund der Zweckgebundenheit der Räumlichkeit dort trifft: Lehrer. Dieser Raum ist nicht nur Umschlagplatz für selbst geräucherten Schinken und Gemüse aus dem Schulgarten, er ist auch eine Art Gerüchte-Schwarzmarkt. Wenn sich diese Gerüchte wenigstens überwiegend um Schüler drehen würden, könnte ich der Sache ja noch gerade so etwas abgewinnen. Aber da hauptsächlich mit dem Ruf der Kollegen gedealt wird, die gerade nicht in Hörweite sind, lass ich den lieben Menschen ihre Ruhe, die sie brauchen um auch mich ausgiebig durch den Kakao zu ziehen. Milch ist immerhin gut für die Haut. Das wusste schon Kleopatra.

Ihr kennt sicher auch diese Orte, denen ein solch penetranter Duft anhaftet, dass man (auch wenn das objektiv gar nicht so ist), noch stunden- oder tagelang diesen Geruch in der Nase hat. Ich rede also nicht von Frittierküchen oder dem Raucherzimmer eines Altenheims. Ich meine mehr Fleischereien im Sommer, die Schmutzwäscheräume in Pflegeheimen oder Kläranlagen. Im Lehrerzimmer riecht es immer nach altem Papierkram, Toner und Kaffee. Da können auch die 4711-benebelten Damen und das billige Rasierwasser der unterrepräsentierten Herren nichts dagegen ausrichten. 
 
Die Kaffeemaschine oder besser die Kaffeemaschinen, sind so etwas wie der Reaktor der Schule. Aus ihnen wird Energie gewonnen. Sie allein gilt es zu schützen. Der Dienst an der Kaffeemaschine ist sorgsam geregelt per minutiösen Plan am schwarzen Brett. In Abstimmung mit den Dienstplänen wird eine Kaffeemaschinenfachkraft für jeden Wochentag festgelegt, deren Pflicht es ist, nach dem ebenfalls aushängendem Trinkplan in der zweiten Stunde noch vor Beginn der Frühstückspause die korrekte Anzahl an Kaffeebechern rauszustellen, die zur Befüllung notwendige Menge Kaffee zu kochen und beides in einer dem Aroma und der Temperatur des schwarzen Brühgetränks nicht abträglichen Zeitspanne vor dem erlösenden Pausenklingeln miteinander zu vereinen. 

Mit der Präzision ähnlich eines Boxenstopps bei der Formel1 rauschen die vom Stress der zurückliegenden 90 Minuten gezeichneten Pädagogen durch die Tür, nehmen quasi im Vorbeimarsch die volle Kaffeetasse auf und parken auf ihrem seit 30 Jahren angestammten Platz am langen Tisch. Dort verbleiben sie exakt 15 Minuten bis zum nächsten Klingeln und produzieren durch fortwährendes Schnattern, Kreischen und Gaggern einen Lärmpegel, der „Rock am Ring“ in nichts nachsteht. Ein dritter Kaffeeplan am schwarzen Brett sorgt übrigens ebenso penibel wie zuverlässig für termingerechten Nachschub an Kaffeepulver, Kondensmilch und diversen Süßungsmitteln. Kommt ein Mitglied der Kaffeegang seiner Pflicht nicht rechtzeitig nach gleicht die Reglementierung des säumigen Kollegen einem Besuch von Inkasso Moskau. 
Reaktor, Altar, Solarplexus der Lehranstalt. 
DAS ist der Kaffeemaschinenbereich.

Nahezu gleichbedeutend für die reibungslosen Abläufe des Lehrens und Lernens in der Anstalt wie die Kaffeemaschinen, ist der Kopierer. Um dem Etat des Landkreises keinen Schaden durch frevelhaftes und verschwenderisches Kopieren zuzufügen, ist sowohl der Kopierer selbst als auch das Papier gesichert. So kann jede Kopie dem Pädagogen namentlich zugeordnet werden. Vergisst dieser, darüber buchzuführen wann und für wen die Kopie angefertigt wurde, findet er spätestens nach einem halben Jahr eine Rechnung über den entsprechenden Centbetrag in seinem Fach. Und weil Buchführung alles ist, gibt’s für die beglichenen 4 Cent auch eine Quittung der Schulsekretärin. 

Die Bedienung des Geräts erfordert special Skills. Das zumindest wird den Kollegen glaubhaft gemacht. Für Farbkopien ist ein besonderes Vorsprechen beim Informatiklehrer notwendig. Der Informatiklehrer, einziger Kollege mit Rollen am höhenverstellbaren Drehstuhl, schallabsorbierenden Teppichboden im Klassenzimmer und eigener Kaffeemaschine hat den wichtigsten und zugleich härtesten Posten inne. Dieses Aufgabenspektrum ist so anspruchsvoll, dass es schon einmal vorkommen kann, dass ihm real arbeitende Kollegen den wohlverdienten Feierabend um 12.30Uhr damit verderben, dass sie durch entsprechende Tätigkeiten der Unterrichtsvorbereitung das diffizile  Gerät selbstgerecht blockieren und der EDV-Fachmann nicht seiner geheiligten Aufgabe des Auschaltens nachkommen kann. Über dieses selbstgezüchtete innerpersonelle Abhängigkeitssystem administriert der Systemadministrator nicht nur die Technik. 

Ich persönlich gehe am liebsten während der Stunden kopieren. Das erspart mir erzwungene Warteschlangenkonversationen und die Schmach der Wartenden, wenn ich etwas am Gerät kaputt gemacht habe. Das Lehrerzimmer hat zwar Ohren aber (zum Glück noch) keine Augen. Außerdem kann man so ungesehen vom Kuchen oder den Pralinen der spendablen Geburtstagskinder essen, ohne dabei gesehen zu werden und obwohl man selbst nie etwas für den gefräßigen Haufen mitbringt.

Mal sehen, was gibt es noch. Einen Kühlschrank mit Kaffeesahne, Kühlpäckchen und den Diazepam-Rektolen der Epileptiker. Diverse Schwarze Bretter für Weiterbildungen und den Betriebsrat, eins für die Kaffee-Cosa Nostra und eins für Vertretungshinweise. 

Beobachtet man Kollegen beim Studium der Vertretungspläne trennt sich die Spreu vom Weizen. Während nämlich einige das Dokument nach den Vertretungs-, Zusatz- und vor allem Ausfallstunden ALLER inspizieren, kucken normale Menschen (also ich) nur nach ihren eigenen. Entsprechend kürzer fällt auch die Verweildauer vorm Schwarzen Brett aus. Positiver Nebeneffekt: wenig Konversationsangriffsfläche. 

Dann gibt es einen Schrank, in dem die Klassenbücher aufbewahrt werden. Dieser Schrank ist neben dem Vertretungsplan für viele Kollegen ein weiteres Instrument zur Überwachung der Arbeitszeit anderer und gleichzeitig Mittel zur Selbststimulation. An der Anzahl der nach getaner Arbeit an ihren Platz zurück gestellten Bücher, bemisst der beflissene Pädagoge nämlich den Grad der eigenen Aufopferung für die Bildungseinrichtung. Kurz: der, der sein Buch zuletzt zurück bringt, ist der fleißigste, alle anderen sind faule Säcke.

Dann gibt es noch die Fächer. Ein kleines Schließfach mit dem Namen jedes Kollegen, darunter zugehörig ein viertel so großes offenes Regalfach. An der haptischen Qualität des Namensschildchens lässt sich die Dauer der Zugehörigkeit zur Schule ablesen. Kollegen, die schon zur Grundsteinlegung anwesend waren, besitzen ein güldenes Schildchen mit graviertem Namen, Kollegen wie ich, Quereinsteiger oder Abordnungen kleben einen aus Notizzettel und Tesafilm selbst gebastelten Namen über die Provisorien ihrer Vorgänger. 

Das Fach selbst stellt eigentlich eine Art Briefkasten zum vereinfachten Austausch mit Kollegen und der Schulleitung dar, ist aber viel mehr Ersatzkofferraum für die Arbeitszeit. Die Strukturierten halten hier Ordnung und eine überschaubare Anzahl an nützlichen Dingen liegt stets am selben Platz, alle anderen nutzen den zur Verfügung stehenden Platz um alles Mögliche zu lagern und schließlich zu vergessen. Dem ein oder anderen Kollegen ist bei dem vorwurfsvoll gegrollten Satz „Das hatte ich ihnen aber in ihr Fach gelegt“ aus dem Munde der Schulleiterin schon alles Blut in die Füße geflossen. Sie hätte ebenso sagen können: Das habe ich ihnen ins schwarze Loch geworfen. Übrigens zähle ich selbst weder zur ersten noch zur zweiten Gattung, da ich weder strukturiert bin noch mich häufig im Lehrerzimmer aufhalte. Was allerdings Kofferräume angeht (und Autoinnenräume überhaupt) zähle ich mich zur Spezies „Schwarzes Loch“.

Symbolbild :)
Das letzte Objekt von zumindest rudimentären öffentlichen Interesse ist der große Tisch. Es ist wie mit den Schildern an den Fächern. Je besser der Platz desto länger die Zugehörigkeit. An diesem Tisch findet man sich entweder zu durch die Obrigkeit anberaumten Beratungen ein (dienstliche Pflicht, also tue ich mir das an) oder zu pseudokollegialen Zusammenkünften zum Beispiel vor Weihnachten oder an Geburtstagen. Über meine Teilnahme an dieser Art Beisammensein entscheidet das Zurverfügungstehen von alkoholischen Getränken und Speisen, die sich über die Qualität eines Pizzadienstes, der auch frittierte Schnitzel und indische Reisgerichte kann, deutlich erheben. Kuchen geht aber auch. 

Als ich damals vor der ersten Dienstberatung einen der wenigen verbleibenden Plätze nach dem Motto „Friss oder stirb“ einnahm, war mir noch nicht klar, dass die Platzwahl einer festgeschriebenen Ewigkeit gleicht, wie sie sonst nur der Lebenserwartung von Landschildkröten zugeschrieben wird. Wäre mir das klar gewesen, hätte ich mich nicht auf den Platz direkt gegenüber der Schulleitung gesetzt. Ich hätte misstrauisch werden sollen, lange Seite, Fluchtrichtung und noch nicht besetzt, das musste einen Haken haben. Vielmehr hätte ich sorgfältig Kosten und Nutzen erwogen und zumindest kurz über den Platz neben dem Hausmeister nachgedacht. Hätte, hätte… Nun sitze ich alle acht Wochen an der PolePosition des Fremdschams der Schulleitung gegenüber und muss dabei ganz analog in meinem Notizbuch kritzeln um wenigstens interessiert und geschäftig zu wirken.
Nichts Schlafen, nichts SocialMedia. 

Alles Weitere ist uninteressant. Klassensätze von Büchern, die noch den Stempel „Volkseigentum“ tragen, warten auf ihr zweites Leben als Fossilien, wenn sie in späteren Erdzeitaltern von zu Stein gewordenen Sedimentschichten aus Staub befreit wurden. Pädagogisches Material in den Regalen mit Buchenholzdekor schluckt das Echo des Hühnerstalls, darüber hinaus hat es keine Funktion. Denn entfernt man es von seinem angestammten Ort, verändert sich entweder die Neigung der Erdachse oder ein anderer Kollege benötigt das corpus delicti just in der selben Unterrichtstunde. Die einzigen Gegenstände mit Eigenleben sind das Laminiergerät und die Kugelschreiber in Kopierernähe. Nachdem bereits etliche Kollegen nach dem Verbleib dieser begehrten Gegenstände befragt wurden, einigte man sich einvernehmlich darauf, das Phänomen des Verschwindens und Wiederauftauchens schlicht nicht erklären zu können. Büroartikel mit dem X-Faktor.

Für mich persönlich hat das ganze Konstrukt Lehrerzimmer etwas von einer Art Glaubenseinrichtung. Für die Christen ist die Kirche ein Ort, an den sie gehen um sich (gegenseitig) zu versichern, dass sie Christen sind. Vermutlich weil die meisten von ihnen im Leben jenseits der Kirchenbänke ganz und gar unchristlich handeln. Ich habe nicht selten den Eindruck Lehrern, die sich überdurchschnittlich oft, lange und gerne im Lehrerzimmer aufhalten, benötigen diesen Ort zur Sicherung ihrer beruflichen Identität. Der einzige tragende Unterschied ist, dass Kirchen architektonisch etwa eine Million Mal reizvoller sind als Lehrerzimmer und man sie leichter in ein Boudoir mit Weinkeller umbauen kann.
 
In Abhängigkeit der Resonanz auf diesen Artikel behalte ich mir vor, weitere mysteriöse Orte wie zB. das Lehrerklo, das Vorbereitungszimmer, das Kabüffchen des Hausmeisters oder auch die Schulspeisung investigativ auszuleuchten.

Das schwarze Brett der Müllerin
befindet sich übrigens HIER auf
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in die Kaffeeliste ein 
und nehmt im Vorbeirauschen 
Synapsenkurzschlüsse auf.

Mittwoch, 4. April 2018

Von Zahnpastafamilien, Laseraugen und individuellen Ruhestandsphantasien


Kennt ihr das, wenn schon die Kinder den Kühlschrank öffnen, rein schauen und sagen: „Orr Mama, du musst mal wieder einkaufen gehen!“? Und die Mutter zaubert aus schrumpligen Paprika, drei angefangenen Nudelpäckchen, Eiern, deren Geburtsdatum keiner mehr kennt und einem offenen Becher Schlagsahne, der zumindest noch riecht als bekommt man davon keinen Durchfall, etwas Essbares, das zwar die Kinder nicht zufriedenstellt („Das hast du mit Absicht gekocht!“) , aber zumindest lebensmittelgewordene mütterliche Kompetenz und Zufriedenheit duftig-dampfend repräsentiert. Mir schmeckt immer, was ich koche. Der Rest ist Erziehung. 
Mein Hirn ähnelt gerade diesem kinderalptraumgewordenen Kühlschrank. Da stehen jede Menge letzte Wurstscheiben, ungeöffnete Aiolibecher vom letzten Silvester und Glasbesetzer-Gürkchen drin rum. Wird Zeit, was draus zu machen, dass zumindest mich unterhält. Euch verkaufe ich das Ganze als fundamentalbanale Gesellschaftsbeobachtung. Containern für Soziologen sozusagen…
 
Eigentlich besteht ja keine Notwendigkeit, sich für bestimmte Lebensentscheidungen zu rechtfertigen. Aber zuweilen bringen einen gesellschaftliche Reaktionen auf eben diese Entscheidungen dazu, nach Erklärungen zu suchen; uns dann schließlich doch zu rechtfertigen. Und wenn es vor uns selbst ist. Nehmen wir die Sache mit der Familienplanung. Die Gesellschaft steckt den Rahmen dessen, was als normal toleriert wird, recht eng.

"Was? Nur ein Kind? Hm? Kein Pärchen? Was, wenn das zweite ein Junge/Mädchen wird? Und überhaupt. Einzelkinder haben es echt schwer im Leben."
Zwei Kinder – alles gut. Insbesondere dann, wenn beim Nachwuchs beide Geschlechter vertreten sind. 
Die von mir gemeinhin als Zahnpastafamilie (wahlweise auch Waschmittel- oder Golffamilie – wegen der Werbetauglichkeit) bezeichnete Familienstruktur entspricht dem gesellschaftlich anerkannten Ideal eines Lebensmodells. Von implizierten Erwartungen zu Altersspannen, Zeitraum der Eheschließung, Beischlaf- und Auslandsurlaubshäufigkeit sowie Bausparverträgen schreib ich jetzt lieber nicht. Das würde den Rahmen sprengen. Dass auch das äußerlich perfekte Zahnpasta-Idyll zuweilen der mit Senf gefüllte Krapfen sein kann, beweist die müllereskinterpretierte Familie nach dem Modell der Quattroehe. Aber das nur am Rande. Ich jedenfalls mag Senf.

Ab dem dritten Kind wird den Eltern nachgesagt, sie hätten die Kontrolle über jedwede Form der Empfängniskontrolle verloren, wahlweise sind diese Menschen auch einfach zu blöd zum Verhüten oder schlicht zu faul zum Arbeiten. Mit Kind vier gilt das Prädikat: Assige Leute. Ist natürlich Blödsinn, muss jeder selbst wissen. Zumal auch die Müllerin ein Kontrollverlustkind ist, die Seniormüllers aber weder doof noch arbeitsscheu sind.

Was will nun diese Einleitung, bei der ich wie gewohnt in bester Hammerwerfermanier aushole (ich hoffe die holen seeehr weit aus, ich hab‘s nicht so mit Leichtathletik) und bei deren Umfang in Relation zur Gesamtlänge des Artikels meine Deutschlehrerin hektische Flecken bekommen hätte, für diesen Artikel leisten? 
Nun, mir ist kürzlich aufgefallen, dass es sich mit befelltem Familienzuwachs ähnlich verhält, wie mit der fleischfarbenen Variante. Die Gesellschaft glaubt, solche ganz individuellen Entscheidungen bewerten zu müssen.

"Du hast kein Haustier? Bist du allergisch oder einfach ein Scheißmensch?"
"Du hast eine Katze? Langweilt die sich nicht? Und überhaupt. Eine Katze ist keine Katze." (selbes gilt übrigens auch fürs geächtete Einzelkind).
Zwei Katzen – alles in Butter, normaler Mensch.
Ab Katze Drei: "Was stimmt mit dir nicht? Willst du nicht mal erwachsen werden? Was bist du? Ein Tiermessi?"

Die Reaktionen auf die Bekanntgabe der Leih(katzen)mutterschaft und dem damit verbundenen Zuwachs in der MüllerMansion fielen speziell in meinem Fall nicht ganz so diskreditierlich aus, da die meisten der mir näherstehenden Mitmenschen um meinen Geisteszustand wissen. In der Folge reichte allen meine Begründung „Es ist eine ganz Schwarze. Mit Laseraugen. Ich wollte schon immer eine Laseraugenkatze haben!“ aus. 

Und dennoch kam ich nicht umhin, für mich selbst eine Begründung für die Anschaffung einer dritten Katze zu suchen, die über das Laseraugenargument hinaus ging. Wir alle werden immer wieder (auch unbemerkt) Opfer gesellschaftlicher Zwänge und wenn es nur darum geht, ein Katzenbaby zu adoptieren. Komplettieren die schüchterne Schattenboxerin Gudrun und der kamerageile Kifferkater Andreas, Namensgeber waren die führenden RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin und Andreas Bader, das müllersche Komödiantenstadl noch nicht ausreichend?Was ist mit deren Augen? Haben die keine Laserkräfte? 
Nein, denn dafür braucht es schwarzes Fell. Sehr sehr dunkles schwarz am besten. Den Zusammenhang könnte vermutlich Johannes Itten oder notfalls stellvertretend aufgrund von Tod meine Kunstlehrerin wunderbar erklären. Rembrandt oder Goya hätten wahrscheinlich auch am liebsten schwarze Katzen mit großen Augen gemalt.

Achtung, jetzt holt sie wieder mit dem Hammer aus. Manche Menschen haben eine bestimmte Vorstellung ihres Ruhestandes. Die meisten Optimisten träumen vermutlich von einer altersgerechten Finca in den Bergen nahe Palma, Pessimisten weigern sich, Ruhestandsvisionen zu phantasieren und würgen alles mit dem „So alt werde ich eh nicht“-Totschlagargument ab. Ist es eigentlich pessimistisch, diese Einstellung eher optimistisch zu sehen? Ich frage für einen Freund. 

Was tun die Realisten? Mal sehen, da muss ich länger überlegen, Realität ist nicht so meins. Ich vermute mal, die Realisten sichern sich im Hier gut ab, damit sie im Später dem Pflegenotstand ein Schnippchen schlagen können. Wie auch immer. Oder wie eine ehemalige Kommilitonin, liebe Freundin und ihres Zeichens auch Förderschullehrerin erst kürzlich zu mir sagte: „Wie? Du willst bis 55 arbeiten? So lang mach ich nicht. Ich geh vorher in Burnout.“

Was bin ich nun? Optimist? Pessimist? Realist? Ich bin alles, ich bin die Müllerin. Und wovon träumt die Müllerin? Und vor allem: Was zum Teufel hat das mit einer schwarzen Katze zu tun? Was sind meine Visionen? Zunächst mal muss ich in die ernste Tasche greifen. Ein Teil von mir ist tatsächlich Pessimist. Das liegt vermutlich daran, dass ich eine nicht ganz unerhebliche Anzahl mir verschieden nahestehende Personen kurz nach oder kurz vor Erreichen des Rentenalters jämmerlich krepieren sah. Was ich gegen oder auch für diese zugegebenermaßen düstere Vision tue: leben, trinken, feiern, vögeln, Lieblingsmenschen haben. Hardware: geplanter Ausstieg mit 55. Software: Auf meinem Sterbebett der Schwiegermüllerin erzählen, was eine Quattroehe ist und mit der Erinnerung an diesen Gesichtsausdruck friedlich entschlafen. 

Sollte ich (und die Menschen, die ich liebe) von todbringenden Krankheiten verschont bleiben und die von Herrn Müller sorgsam geplante Altersvorsorge und Finanzstrategie funktionieren … ihr merkt schon, jetzt kommt die rundum optimistische Vision … sehe ich mich mit mäßig gealtertem Körper und Antlitz am Pool einer Villa in der toskanischen Einöde, rechts neben mir Sarah, die auf einem aufblasbaren Einhorn liegend auf dem Wasser vor sich hin dümpelt. Links schreitet Olivia, mein Pfau an mir vorbei. In der Ferne hört man Esel und Ziegen. Wir befinden uns im Privatteil des Anwesens. Die Männer führen gerade eine Gruppe Hipstertouristen durch unsere Weinberge und zeigen ihnen die auf sie wartenden Arbeiten. Dafür dürfen die Urlauber dann im Resort-Teil unseres Anwesens nächtigen und im Schutze der Kommune mit einer beliebigen Anzahl an Partnern leben und lieben – nach Feierabend versteht sich. Sie sind durch Empfehlungen auf unsere Webseite gestoßen, auf der wir unser Urlaubsmodell für Kurzzeitaussteiger und Alternativbeziehungsinteressierte anbieten. Wenn sich das Ganze etabliert hat, setzten wir uns auf eine einsame Insel im Süden Thailands ab und lassen uns nur noch den fertigen Wein schicken.

Zurück zur Katze. Wenn ich weder früh sterbe, noch das nötige Kleingeld für den polyamoren Ausstieg habe, brauche ich einen Plan B. Und hier kommen die Katzen ins Spiel. Unabhängig von Restattraktivität oder der Höhe meiner Pension möchte ich im Alter vor allem eins: meine Ruhe. Ich arbeite daher schon heute mit Nachdruck am äußeren Eindruck einer gewissen Schrulligkeit. Tragender Teil des Konzepts ist eine gesellschaftlich nicht anerkannte Anzahl an Katzen. Vorbild ist die verrückte Katzenlady Eleanor Abernathy aus der monumentalen Trickserie „Die Simpsons“.



Kinder wechseln tuschelnd die Straßenseite wenn sie an meinem Haus vorbei gehen und sollten sie doch den unkrautüberwucherten Weg, welcher zu meiner Haustüre führt, betreten, bewerfe ich sie von meinem Schaukelstuhl auf der Terrasse aus mit Katzen. Über den Verschlag hinten im Garten erzählt man sich in der Nachbarschaft, das sei die Katzenfutterküche. Und „Kevin-Häppchen in Gelee“ mögen die Mietzen besonders gerne. Tatsächlich bewahre ich dort nur leere Flaschen, da ich es auch im Alter noch nicht geschafft habe, einen Altglascontainer für's eigene Grundstück zu erfragen und den ganzen Einhornkram von früher auf. Ich bin ja nicht irgendwie krank oder so.

Eine ausgewachsene Katze für jedes vollendete Lebensjahrzehnt - so lautet der Plan - Babys natürlich nicht mitgerechnet. Katzenlady ist man nicht, Katzenlady wird man. Schließlich steht auch keiner früh morgens auf und sagt: Ich bin dann mal Papst. Oder Karl Lagerfeld. Das ist ein Prozess, für den man aktiv etwas tun muss. Reich-Ranicki wäre auch nicht der belesene Dauernörgler geworden, wenn er nie ein Buch in die Hand genommen hätte. Allerdings hat vermutlich auch er weder die Fibel noch TKKG übersprungen.

Also freue ich mich nun, wenn in zirka acht Wochen das Laseraugenkätzchen bei mir einzieht. Auch wenn Laseraugenkämpfe zwischen meiner und Marcos Laseraugenkatze, wie wir sie uns einst in unseren kühnsten Träumen ausmalten, vorerst nicht stattfinden werden, da er kein drittes Kätzchen adoptieren darf. Sarah hat’s ihm verboten. Und Marco hat schlechte Diskussionskatzen.. äh.. Karten. Weil die Katzenlady nun mal ne Lady ist. Schade eigentlich. Selbst vor Schrulligkeit macht Gendermainstreaming keinen Halt… schreibt’s und holt schon mal den Hammer zum Ausholen.

Wer Lust hat, der Müllerin beim
"literarischen" Restkochen zuzulesen,
der abonniert am besten mit Sternchen