Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 21. Februar 2018

Lieber ein Kevin in der Hand als die Charlotte auf dem Dach: Von Mundraub, Kanalarbeiten und Melania Trump



Wichtiger Hinweis: Alle Namen wurden geändert (allerdings war ich um passende Äquivalente bemüht). Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind rein zufällig.
Im Mai stellte ich euch im Artikel „Cast of Absurdistan – Alle meine Äffchen“ meine Förderschulklasse vor, rund um den polizeibekannten Drittklässler Justin, der mir eine Fahrt im Streifenwagen einbrachte und Chantal, für die Melone ein Wort mit Ü ist und Dienstag ein Monat im Winter. In diesem Artikel kündigte ich tiefgreifende Veränderungen der intellektuellen Klassenlandschaft an. Kurz gesagt, im Einvernehmen mit den Eltern strebte ich den Wechsel von Chantal und zwei ihrer Leidensgenossen in den nächst niedrigeren Bildungsgang an, da alle drei Schüler auch am Ende der dritten Klasse noch nicht einmal Silben lesen konnten und Drei minus Zwei an den Fingern abzählten, sich dabei aber dennoch verrechneten.

Ich freute mich auf das kommende Schuljahr mit einer Klasse, die einem paralympischen Sprinter glich, der nun endlich die Gewichte an Fußgelenk und Prothese abgelegt hatte. Kurz vor den Ferien wurde ich plötzlich in die Chefetage/Drachenhöhle beordert.

Stellt euch vor, ihr erbt ein altes Haus. Es ist sehr baufällig, aber ihr erkennt eure Aufgabe und macht in mühevollster und schweißtreibender Arbeit einen Ort daraus, an dem man sich wohlfühlen kann. Ihr habt gerade die erste gelbe Plastiktasche bei IKEA mit Zierkissen, Teelichtern, Potpourri und Kakteen gefüllt, das Umzugsunternehmen ist beauftragt, da ereilt euch die Nachricht, dass jemand anderes in euer neu errichtetes Domizil einziehen wird und ihr -weil ihr das ja im ersten Durchgang sooo toll gemacht habt-  bekommt diesmal nicht ein altes, marodes Haus sondern einen Steinhaufen. Steine, keine Ziegel. Ihr müsst sie erst in Form klopfen, bevor ihr sie überhaupt zu einer Art Mauer aufeinander stapeln könnt….

"Frau Müller, ich weiß, sie haben ihre Klasse erst ein Jahr, viel Arbeit und Nerven investiert und eigentlich versuchen wir einen so frühen Wechsel zu vermeiden aber aus absolutem Mangel an Alternativen muss ich sie bitten, im neuen Schuljahr die Klasse Eins zu übernehmen."
In der auf diese Bitte folgenden Diskussion gebe ich mir keine Mühe meine Ablehnung hinsichtlich dieser bevorstehenden Aufgabe zu verbergen. Ältere Kollegen müssen geschützt werden, höre ich. Das mag sein. Und was ist mit den Kolleginnen X und Y?, versuche ich hilflos zu argumentieren. "Na Frau Müller, sie werden doch wohl verstehen, dass wir denen unmöglich die erste Klasse anvertrauen können." Okayyy, also nicht nur Senioren- sondern auch noch Idiotenschutz. Im Umkehrschluss macht die Vorgesetze aus einer Bitte eine Dienstanweisung. 
Mittlerweile steht ihr der Vizedrache bei und beide beteuern mir ihr schlechtes Gewissen angesichts dieser Nötigung. Nein, sage ich, ich fühle mich nicht genötigt, ich fühle mich vergewaltigt. Das, sagen sie, müsse man angesichts der prekären Personallage in Kauf nehmen, schließlich könne man einem Quereinsteiger mit Magister in Chemie doch keine Schulanfänger anvertrauen. Tja, da haben sie wohl recht und ich eindeutig die schlechteren Argumente. 
Tada – es verlässt die zukünftige Lehrerin der ersten Klasse das Chefbüro und man kann die Lehrerseelen hinter den verschlossenen Türen des Flures deutlich aufatmen hören: „Puh, zum Glück hat es mich nicht erwischt!“

Es fährt eine wütende Frau Müller nach Hause und freut sich plötzlich so gar nicht mehr auf die Sommerferien, die damit enden werden, dass sie einer Schar Schulanfänger ihre bunten Krepppapiermonster in Form einer mehrseitigen Pyramide in die Hand drückt während Väter in Cargohosen und Kurzarmhemden mit Trauerkrawatte Ungelogen! mit ihrem Smartphone Fotos vom Stammhalter, der während des 20minutigen Programms fünfzehnmal gefragt hat, wie lange das noch dauert und der kindgerecht lächelnden Frau Müller schießen. Die Mütter ziehen sich im Hintergrund unterdessen die Highheels mit dem Preisschild an der Sohle wieder an, die sie auf den Treppen zur Aula mangels grobmotorischer Qualitäten zum Führen eines solchen Schuhwerks vorsorglich ausgezogen hatten. 
Knipps – und noch ein Gruppenfoto. Zehn Augenpaare über einem quietschbunten Zuckertütenaufbau, die umgedrehten Pyramiden haben jetzt Füße und Frau Müller vom vielen Lächeln mittlerweile Fliegen zwischen den Zähnen. Dabei fühlt sie sich wie eine Melania Trump, nur dass ihr Donald aussieht wie eine Traube fies bedruckter Zuckertüten mit Schuhen in Kindergrößen und Haarschöpfen über gigantischen Satinbandrosetten.
 
Wer sagt eigentlich, dass immer nur die Schüler Zuckertüten zum Schulanfang bekommen??? In die Mini-Tüte passt mindestens ein Schnäpschen!

Erinnert ihr euch noch an das Casting „Deutschland sucht den SuperKEVIN“ im Frühjahr diesen Jahres? Auf Facebook ließ ich euch teilhaben an vier Tagen Vorschulunterricht zur Sichtung der potentiellen Schulanfänger unseres Bildungsinstituts für „Langsamlerner“:


Hinter mir liegt der erste von vier "Casting"Tagen bei "Deutschland sucht den SuperKEVIN" zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in der Förderschulbranche. Kurz: Probeunterricht der Schulanfänger.
HIGHLIGHT heute:
Max - 6 Jahre: "Du bist ein Arschloch!"
(Also ICH war das Arschloch, nachdem ich ihn zur Mitarbeit aufgefordert habe mit der Begründung, dass Kinder, die nicht mitmachen auch nicht in die Schule kommen.)
Ich: "Wer lernt dir denn solche Wörter?"
Max: "Das geht dich nichts an!"
(Und ein fröhliches "Fick dich!" zum Sitznachbarn)
Immerhin spricht Max in ganzen Sätzen. Wir sollen ressourcenorientiert denken.

Highlights von Tag 3 des Kevin-Castings:
Jamie (6)der während der Grobmotorik-Lektion nach der Aufforderung "Krieche unter der Bank durch!" zielstrebig auf die geschlossene schmale Seite der Bank zukriecht...

Und Shanaya (6) die das Bild des MiniMüllers an meinem Schlüssel entdeckt und meint:
"Das is mein Bruder!"
Äääääh okayyyy?


Resümee nach vier Tagen "Deutschland sucht den SuperKEVIN" - Probeunterricht der Schulanfänger:
Von acht Castingteilnehmern kommen vier in den Recall. Drei schicken wir zu Popstars bei RTL2 - also in die Schule mit noch niedrigerem Bildungsweg und ein Teilnehmer musste auf Drängen der Jury noch vor Ende des Castings von Sicherheitskräften (seinem Vater) entfernt werden. Ihr erinnert euch sicher an "Du bist ein Arschloch"-Max...
Was bleibt sind die Erkenntnisse,
... dass Kinder immer dümmer und Eltern immer frecher werden...
... dass die Schulleiterin ne hohle Nuss mit Schreibtischhorizont ist
... und dass ich den Schulpsychologen dank seiner Aussage "DAS zu loben würde MIR auch schwer fallen." sehr sehr sehr sympathisch finde.


Keine Kerze auf dem Kuchen schien wirklich hell und so entschied man sich für die Kerzen, die sich zumindest noch anzünden ließen, wenn sie auch nur müde vor sich hin glommen. Wir sprechen von IQ-Werten um die 70 und einem Schulpsychologen, der sichtlich geschockt war angesichts einer so großen Gruppe mit so wenig bildbarer Masse. 

Als das Casting als abgeschlossen galt und feststand, welche zukünftigen Vollzeitmütter und Arbeitsuchenden mit Premiumaccount bei CandyCrush demnächst auf den Ministühlen in dem Zimmer, welches der Schultüre am nächsten liegt, Platz nehmen sollten, war mir -damals noch als „Jury-Mitglied“- nicht klar, dass ich die kleinen (K)Einsteins demnächst täglich mehrere Stunden ertragen muss. 

Und so fügten sich in sechs langen Ferienwochen Erinnerungen der Vergangenheit mit den Vorahnungen der Zukunft zu einem unbehaglichen Puzzle zusammen. All das überlagert vom schmerzlichen Verlust einer Klasse, die mir nach dem im vergangenen Schuljahr durchlaufenen Umformungsprozess ein überaus komfortables Arbeiten versprochen hätte.

So langsam beginne ich mich nun unter meinen neuen Arbeitsbedingungen zu akklimatisieren, wie Polizeitaucher im Neoprenanzug bei der Suche nach Leichenteilen im dünn überfrorenen Weiher an einem Morgen im Januar. Professionalität steht über den Befindlichkeiten. Dass meine Arbeit oft auch vieles mit der eines Kanalarbeiters gemeinsam hat wurde mir neuerlich klar. Bisher sah ich nur Parallelen beim Korrigieren, also sich durch Scheiße wühlen. Heute denke ich außerdem, dass ich mich ebenso wie der Experte für Abwasserbeseitigung, mit fortdauernder Tätigkeit an die widrigen Umstände meines Arbeitsumfeldes gewöhne. 

Fabian schenkt den Spuckefäden zwischen seinen Fingern generell mehr Aufmerksamkeit als meinem didaktischen Feuerwerk. Ich erkenne aber durchaus Kompetenzzuwachs wenn es ihm gelingt, seine Körperflüssigkeiten aus Mund und Nase ausschließlich zwischen seinen Fingerspitzen zu jonglieren und er nicht versucht, die Speichelpfützen auf seinen Blättern durch intensives Reiben zu beseitigen bis ein Loch entsteht. 

Carsten hat noch Schwierigkeiten fremdes Eigentum zu achten, daher halte ich die Kinder fortwährend an, ihre Brotbüchsen zu verschließen wenn diese unbeaufsichtigt auf den Tischen liegen. Carsten schmecken die Minitomaten und Kinderwürstchen der anderen einfach besser als Muttis Milchschnitte.

Auch nach vier Wochen Unterricht wiederholen wir täglich unsere Namen, damit Shanaia nicht mehr fragen muss: „Duuu, Lehrerin, wie heißt duuu?“ 

Justin – ja, richtig, wieder ein Justin, Justins sind das Glutamat einer Förderschulklasse – bevorzugt die Antwort „Auf keinen Fall!“ auf jede meiner Aufforderungen. Macht sich meinerseits Unmut breit heißt es: „Du bist gemein – das sag ich meiner Mutti!“ kombiniert mit einer Körpersprache, die keinen Zweifel an seinem momentanen Hass mir gegenüber aufkommen lässt. Auf Shanaia ist allerdings Verlass: „Ist die gaaar nicht! Die ist liiieb!“

Tim kann rot und gelb nicht von grün und blau unterscheiden, sitzt Sprechaufgaben gerne schweigend aus und beherrscht nur den mit fordernder Stimme mehrmals täglich angewendeten Satz: „Ich brauch mal Hilfe!“ grammatikalisch korrekt.

Wir lernen viel. Die Kinder lernen Farben, Formen, Rechts und Links, Oben und Unten genauso wie das Halten und Führen eines Bleistifts oder die Benutzung einer Schere. Auch, dass ein Leimstift nicht schmeckt. Alle lernten für einen Vormittag, dass es in deutschen Mittelgebirgs-Mischwäldern keine Schildkröten gibt.Und während ICH lerne, Fabian die Schuhe nicht nur zuzubinden sondern auch gleich noch anzuziehen, packt er mit geschickten Fingern binnen einem Sekundenbruchteil den Babybel in seiner Brotdose aus.

Was bleibt ist die Sehnsucht, wenn Jerome aka Gollum vom Schicksalsberg nach Unterrichtschluss in meiner Klassenzimmertür steht und sagt: "Aww, Frau Mülla, iss vermiss diss!"
Ich muss nun nur noch lernen, dass das Ende einer Förderstunde in dem alle Schüler und die Lehrerin jedem einzelnen Kind sagen, was sie an ihm mögen, nicht zur Improvisation geeignet ist und seitens des Lehrers gut vorbereitet werden sollte um längere Denkpausen zu vermeiden. Gebt mir noch ein paar Monate Eingewöhnungszeit für ein ausführliches Klassenporträt à la "Cast of Absurdistan - Part II".

wenn Frau Müllers Berufs-ICH eins wird: mit Nutella an Nasespitzen, vollgesabberten Bleistiften und dauerverklemmten Reißverschlüssen. 

Mittwoch, 14. Februar 2018

Von Leichenwägen, Cholesterinarchitekten und verstümmelten Pikachus (BLOGTOBER "Travel")


Die beiden vergangenen Blogtober-Artikel habe ich jeweils mit kleinen Schmankerln aus der müllerschen Vergangenheit eingeleitet. Eigentlich wollte ich dieses Vorgehen für die verbleibenden Nischen-Posts beibehalten. Also grübelte ich angestrengt nach einer Aufhänger-Anekdote zum Thema Reisen mit entsprechendem Unterhaltungswert und landete immer wieder bei Herrn Müller, der uns von einem ungarischen Ferienwohnungsklo aus, Wikipedia-Bilder eines Dietrichs schickte um ihm aus seinem gekachelten Gefängnis zu befreien, nach dem er innen den Schlüssel abgebrochen hatte. Da damit der dramaturgische Höhepunkt jedoch noch längst nicht erreicht war, entschloss ich mich die Story als Teil unseres Erwachsenenurlaubs am Balaton zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Blogpost auszuschlachten.

Wie dem auch sei, genug eingeleitet. Vorab muss allerdings noch gesagt werden: auf den nächsten Bildern und zwischen den folgenden Zeilen wartet keine unentdeckte Wildnis oder ein atemberaubendes Backpacker-Abenteuer auf den Leser. Rucksäcke assoziiere ich mit Wandertagen und um couchsurfer-mäßig durch mehr oder weniger vertrauenserweckende Privathaushalte zu tingeln bin ich zu soziophobisch drauf. Zwanghaft mit Menschen klarkommen, auf die ich keinen Bock habe, muss ich ja im Beruf schon ständig.

Dazu kommt außerdem, dass mir weitreichende Weltenbummel-Erfahrungen bisher fehlen, da ich das dazu notwendige Kleingeld in Modernisierungskredite investierte bzw. nebenbei noch eine gut fünfstellige Summe in buntes Ganzkörper-Permanentmakeup verwandelte.


Jedenfalls lag der letzte Aufenthalt unter südeuropäischer Sonne schon ein gutes Jahr zurück, als Müllers vor knapp zwei Wochen ihren Familienurlaub antraten. Eine Abflugzeit am frühen Vormittag garantiert einen Nachmittagsmartini an der Poolbar und die Reise vor der Reise ins Nachbarbundesland, um dort einen Vorferienflug zum halben Preis zu bekommen, veranlasste uns kurz nach Mitternacht anzuspannen gen Süddeutschland zu klappern. 

Kinder sind wunderlich und doch so berechenbar. Gehen sie dir in den 48 Stunden vor Abreise fast alle fünf Minuten auf den Kranz mit der Frage „Wann geht’s endlich los?“ und liegen abends mit radkappengroßen Pupillen im Bett, weigern sie sich spätestens nachts um 1.30 Uhr aufzustehen, wenn es dann tatsächlich ‚endlich losgeht‘. 

Gebt es zu, ihr Eltern. Ihr habt euch alle schon mal gedacht: wenn wir nachts fahren, dann schlafen die Kinder im Auto und wir haben Ruhe. Und hat es funktioniert? Es funktioniert nie! Und wenn, erst kurz vor Erreichen des Zielortes. So etwa in der letzten Kurve. Wenn alles entwicklungsphysiologisch rund läuft hat man Rücksitz-Terroristen, die sich mit den Fragen „Wann sind wir endlich da?“ und „Darf ich auf deinem Handy zocken?“ abwechseln, alle hundert Kilometer auf’s Klo müssen oder Hunger haben, nur um dann pünktlich beim Erreichen des Hotels so ausgeglichen zu sein wie Godzilla, den ein Heer Kampfhubschrauber umkreist.

Stichwort: Park&Fly. Tolle Erfindung, für die wir uns im letzten Jahr dank eines wirklich funktionierenden Systems des Anbieters begeistern ließen. Vermutlich gerade weil dieses System so irre funktionierte, konnte man uns in diesem Jahr dort eine Woche vor Abflug keinen Parkplatz mehr anbieten. Einen früheren Anruf hatte mein innerer Schweinehund verhindert, der entspannt auf dem Rücken schlief und alle Viere von sich streckte. 

Warum nur ein einziger Park&Fly-Anbieter noch Plätze sieben Tage vor Reisebeginn frei hatte wurde uns klar als wir aufs Gelände einbogen. Die Art, wie die Autos dort beinahe gestapelt wurden, verfehlte nur knapp Level Schrottplatz. The Baum ist the Limit - oder so. Danke an dieser Stelle übrigens unbekannterweise an die neben uns Parkenden, die es vermutlich durch Yoga aus dem Schiebedach schafften, auszusteigen ohne eine Prägung in unseren Türen zu hinterlassen.

Ein hutzliges Männlein mit Russen-Schapka und osteuropäischem Akzent gondelte uns schließlich zum Terminal. Das Auto schaute uns mit traurigen Scheinwerfen hinterher, wie ein Zwölfjähriger in einem rumänischen Kinder-Bootcamp bei der Abreise seiner Eltern.

Es folgte der übliche Flughafenwahnsinn und die sich mir aufdrängende Frage: Was sind das für Leute, die immer überall ganz früh ganz vorne stehen müssen? 
Ich meine Hallooo! Ein Flugzeug ist kein Bus. Es hat keine Stehplätze. Und es gilt auch nicht, wie auf Konzerten im Zuschauerraum möglichst weit vorne zu sein um den Idolen auf die Achselhaare schauen zu können. Das Flugzeug startet erst ,wenn alle drin sind, auf ihrem Platz sitzen und die Flugbegleiterinnen kommen sogar zum Platz gerollt mit ihrem Wägelchen. Also kein Grund hektische Flecken zu bekommen, wenn das Boardinglämpchen am Gate-Display von rot auf grün springt.

Mittwoch, 31. Januar 2018

Menschen und ihre Jacken: Monologe, Polyamorie und eine Nähmaschine

Ich muss gestehen: Ich habe eine große Schwäche. Nachdem ich mich mittlerweile selbst nahezu komplett vom Konsum einschlägiger Programmen der Privatsender geheilt habe, greife ich gelegentlich doch noch zu Ersatzdrogen. Vermutlich ist mein Organismus durch meine Arbeit an der Förderschule so stark an sehr niedriges geistiges Niveau gewöhnt, dass der Drang visualisierte Dummheit zu konsumieren, durchbricht sobald ich einige Tage nicht zur Arbeit gehen kann. In den schwachen Momenten ergreift es Besitz von mir, das Kommentarspaltenborderline. In den wildesten Threads einschlägiger Magazine beginne ich Diskussionen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Das Gute an solchen Rückfällen ist, dass Blogposts wie der Folgende Teil eines Gedankenreinigungsprozesses sind...


Ich musste mir eine Jacke anziehen. Dabei war mir gar nicht kalt. Ich wollte gar keine Jacke. Jacken, vor allem sehr dicke Jacken, engen meistens ein. Sie sorgen dafür, dass wir uns bewegen wie Marshmallowmännchen. Oftmals gelingt es mir, um den Jackenzwang einen Bogen zu machen. Und manchmal werde ich schwach. 

Menschen ohne Jacken werden zwischen Jackenmenschen schnell krank und schwach und schließlich sterben sie. Zumindest wenn die Abwehrkräfte nicht stimmen und das Wetter beschissen ist. Und mit den Abwehrkräften ist das so ne Sache. An Apple each day - ihr wisst schon.

Äpfel mag ich nicht.Äpfel sind ein bisschen wie Menschen. Meistens langweilig. Wenn man doch mal einen isst, ist man hinterher enttäuscht. Und meistens sind es diese besonders schön glänzenden, die die sich rausgeputzt haben, die dann in ihrem Inneren so mehlig sind, dass einem der Staub aus den Ohren kommt.

Oft ist es ja auch oft so: Du schaust zum Fenster hinaus, weil du wissen willst, wie das Wetter ist und alle Menschen tragen eine Jacke. Du ziehst dir auch eine an – du tust es einfach, weil alle es tun. Selber darüber entscheiden, hinfühlen und denken „Brauche ich eine oder nicht?“ - dieses Bedürfnis haben wir verlernt.

Das Feine ist: wenn man sich ne bestimmte Jacke anzieht, dann erkennen einen die Leute leichter. Is ganz simpel: du weißt, der mit dem weißen Kittel ist der Arzt und der mit der blauen Jacke ist Dieter Bürgy. Alle anderen sind einfach Menschen. Wäre eigentlich auch schön so. Ist aber nicht so einfach. Weil man Menschen nun mal nicht so einfach einteilen kann. Aber Menschen möchten einteilen und eingeteilt werden. Am eingeteilt werden ist das Schöne, dass man sich nicht so oft neu erklären muss.

Ich hab mir mal die Polyjacke angezogen. Nicht Polyester - Polyamorie. Als ich sie anhatte, dachte ich: Naja, so gut passt die eigentlich auch nicht. Der Reißverschluss klemmt und die Ärmel sind zu kurz. Aber besser als erfroren. 

Das Interessante war: nicht nur die Anderen mit den Polyjacken nehmen mich jetzt wahr, sondern man selbst hat plötzlich auch einen anderen Blick auf die Menschen mit den gleichen Jacken. Die anderen – die Monojacken – interessieren einen eigentlich gar nicht. Das sind viele, richtig viele. Die sind eben da – nicht mehr und nicht weniger. Die tragen halt ne Jacke, wie ich. Nur ne andere. Wenn interessiert es.

Wirklich merkwürdig an den Monojackenträgern ist aber: Sie kucken so komisch. Pah, kann einem egal sein, denkt man. Und ist es auch. Aber wehe man fragt sie, warum sie eigentlich so kucken. 

„Na hast du dich mal angeschaut? Weißt du denn gar nicht, dass wir ALLE diese eine Jacke tragen sollten? Das wissen ALLE. Und du? Hältst dich für was Besonderes? Wie sieht denn das jetzt aus? Alle halten sich dran. Nur ihr mit euren lächerlichen Polyjacken müsst hier einen auf bunten Vogel machen? Wollt wohl unbedingt was Besseres sein? Könnt ihr euch nicht entscheiden? Habt wohl noch zig andere Jacken im Schrank, hä? Wahrscheinlich ist euch gar nicht bewusst, wie kostbar so eine Jacke ist. Wenn man seine Jacke gut pflegt, dann hält die ein Leben lang. Wollt ihr unbedingt abweichen. Das hier jeder die Jacke anzieht die er will, das hättet hier wohl gerne? Soweit kommts noch! Und überhaupt: meine Monojacke war sehr teuer, sie ist mir wichtig. Ohne diese Jacke bin ich nichts! Nackt! Das lass ich mir von euch schrägen Polyvögeln doch nicht kaputt machen!"

Tja, ööhm. Okayyyyy. Hätte ich mal lieber nicht gefragt. Wer ist eigentlich dieser ALLE, der bestimmt hat, welche Jacke akzeptiert ist?
Während dieses Monojacken-Monologs laufen ziemlich viele Monojackenmenschen vorbei. Die meisten rufen Dinge wie:
 "Ja, mal ehrlich!"
"Was denkst du dir eigentlich!?"
 oder "Also ich finde das auch unerhört!"

Einige laufen einfach vorbei, kucken gleichgültig und kümmern sich nicht. Und wenige tippen ihrem Monomitmensch auf die Schulter und raunen: „Fahr dich mal runter, is doch nur ne Jacke.“
 
Der Monomensch schimpft immer noch, er hört gar nicht mehr auf, wird wütend und beleidigend und man selbst geht in der Polyjacke einfach weiter. Vereinzelt trifft man auf andere Polyjackenträger, die einem zulächeln, vielleicht sogar ein Stück des Weges mitgehen, ein wenig netter Smalltalk. Sie haben alle schon mal Monojackenmonologe gehört.

Zur Zeit ist die Grippewelle in vollem Gange und die Jackendiskussion in aller Munde. Du musst dir eine Jacke anziehen, wenn du ein Teil der Gesellschaft sein willst. Ohne geht nicht. Wann immer jemand auch nur zaghaft eine Alternative zur Monojacke vorschlägt, fühlen sich die Herdentiere unter den Jackenträgern bedroht und der Monolog beginnt von neuem. Dabei scheint es, als wird die Polyjacke nur pro forma vorgeschlagen, damit sie alle Welt anschauen kann und feststellt: Näää, das is doch keine richtige Jacke! Ein bisschen wie Haute Couture. Schräg. Trägt kein Mensch.

Hey! Keiner interessiert sich für eure Jacken. Sie scheinen euch zu passen, mir persönlich gefällt das Modell nicht, mir steht‘s auch nicht. Und gut. So what. Tragt doch was ihr wollt.

Warum definieren Menschen den Wert von etwas nicht für sich selbst? Warum glauben sie, sie müssten etwas, dass sie selbst als Norm definieren, durch gesellschaftliche Anerkennung rechtfertigen?

Eigentlich hätte ich mir am liebsten gar keine Jacke angezogen. Niemand sollte eine Jacke anziehen müssen. Man stelle sich diesen bunten Menschenhaufen vor. Keiner weiß, wie der andere lebt und es interessiert auch niemanden. Aber wäre ich dann ins Gespräch gekommen? Hätte ich Leute kennengelernt, die sich auch gegen die Monojacke entschieden haben? Hätte ich vielleicht nie erfahren, dass sich der ein oder andere von ihnen genauso eingezwängt fühlt, wie ich in dieser Jacke? Vermutlich wäre man aneinander vorbei gegangen und nicht ins Gespräch gekommen. 

Aber der Mensch ist ja von Natur aus ein soziales Wesen. Austausch mit Artgenossen und Kommunikation sind intrinsische Bedürfnisse. Es sei denn, der Austausch hat uns müde gemacht. Erschöpfender Empathiemangel, zu viel Selbstgerechtigkeit, zu lange Monologe, die gesprochen wurden ohne je für gegenteilige Meinungen erdacht worden zu sein.

Aber hilft es, die bösen argwöhnischen Gesichter der Monojacken zu ignorieren? Läuft man nicht Gefahr, irgendwann genauso selbstgerecht und voller Misstrauen auf „die mit den anderen Jacken zu schauen“? Ist es nicht viel sinnvoller auf diese Menschen zu zugehen und zu sagen: Hey, chill mal. Deine Jacke ist hübsch aber mir passt die gar nicht.

Mir kommt gerade ein Gedanke: Tragen diese Monomenschen ihre Jacke vielleicht mit so viel Überzeugung, weil es für sie eine Uniform ist? Eine Universaljacke, die aus allen gemeinsam eine große, starke Einheit macht? Was ist ein Heer, bei dem jeder am Tag der Schlacht was anderes anzieht? Es ist machtlos. Weil keiner weiß, wer Freund und wer Feind ist.

Ich kenne Herrn Müller seit 17 Jahren, mehr als vier Jahre davon sind wir verheiratet. Die Müllerkinder sind 7 und 11 Jahre alt. Seit über dreieinhalb Jahren verbindet uns mit Marco und Sarah eine Freundschaft, die den „beste Freunde“-Status weit überschritten hat. Man teilt alles miteinander, auch das Bett. Nur gibt es kein 1+1+1+1 sondern ein 2+2. Das beschreibt am kürzesten, was wir sind. Das Paar ist Partner in einer Beziehung zu einem anderen Paar. Nennt mir eine Schublade, die es dafür gibt. Ich hab noch keine gefunden. Und im Grunde brauchen wir die ja auch nicht. Wir nennen es Quattroehe.


Wir alle vier hatten ganz „normale“ monogame Rollenvorbilder in Kindheit und Jugend. Wir haben monogam lebende Freunde. Wir haben die Entscheidung, wie wir leben wollen, für uns getroffen. Nicht monogam. Soviel steht fest. Aber poly? Ist das so? Polyamorie wird definiert als „Liebe zu mehreren Menschen“. 
Ich als Individuum liebe dieses Paar, bzw. beide einzelnen Personen des Paares nicht wie meinen Ehepartner. Vielmehr empfinde ich mich in Verbindung mitmeinem Ehemann als Einheit, die wiederum eine aus zwei Personen bestehendeEinheit liebt. 
Herunter reduziert auf die Verbindungen zwischen den einzelnen vier Personen wäre es nicht das gleiche. Ein Äpfel- und Birnenvergleich. Hört sich kompliziert an. Ist es aber eigentlich nicht. Denn man lebt einfach. 

Übrigens gibt's auch Polyhosen... oder Einteiler...

Kompliziert wird es erst, wenn man eine passende Jacke sucht und es zu wenig Auswahl gibt. Also schneidert man selbst. Ungeachtet der eigenen Fähigkeiten in Design und Umgang mit Nadel und Nähmaschine. Wir schneidern eine Jacke, die nur uns passt, die dafür aber wie angegossen sitzt.  Eine Jacke - unsere Jacke - in der wir uns wohlfühlen.

„Wie läuft die denn rum?“ 
„Naja, mein Geschmack wäre das nicht, aber wem’s gefällt!“ 
„Wie krass, wo hast du diese geile Jacke her?“ 
Manchmal überraschen uns Menschen, die Jacken, welche sie tragen und ihre Reaktionen auf mutiges Selbstdesign auch. Und manchmal wartet auch schon der nächste Monolog auf uns. 

Gedanken, Anekdoten und
Synapsenkurzschlüsse aus
Absurdistan, der Müllermansion
oder dem Atelier alternativer
Beziehungsformen ;-) 
- gibt's täglich