Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 22. November 2017

„Frau Müllaaa, ich muss mal pullern!“ – Zwischen Bildungsmisere, häufigem Harndrang und Arschlöchern in verschiedenen Größen



Auch für diesen Artikel habe ich auf Recherche im engeren Sinne verzichtet. Es handelt sich um meine Erfahrungen, auf deren Grundlage ich mir getraut habe, eine Meinung zu bilden. Personen, denen diese Meinung nicht gefällt, dürfen mir dies gerne mitteilen oder vom x in der rechten oberen Bildschirmecke Gebrauch machen...

Ein Zehnjähriger fragt den Lehrer wenige Minuten nach Unterrichtsbeginn, ob er zur Toilette dürfe. Der Lehrer verbietet den Gang zum Klo, woraufhin der Junge einpieschert. Von Lehrer, Klassenkameraden und Schulleiter wird das Kind gerügt und sogar ausgelacht. Es folgt eine dreiwöchige Krankschreibung des Jungen sowie eine Anzeige durch die Mutter gegen den Pädagogen. (So passiert kürzlich im Süden Deutschlands und von diversen Medien ausführlich besprochen)

Ohne Zweifel, in diesem Fallbeispiel ist einiges schief gelaufen. Wir wissen nicht, ob der Junge psychische oder organische Probleme hatte – ebenso wenig wissen wir das vom Klassenlehrer, den Mitschülern, dem Schulleiter, dem Arzt oder gar der Mutter. In seinem Verlauf ein unglücklicher Einzelfall, die Diskussion zum Problem jedoch ist ebenso uralt wie haarsträubend und steht für mich sinnbildlich für den Ursprung unseres Bildungsproblems.

Der Umstand, sowohl Lehrerin als auch Mutter von schulpflichtigen Kindern zu sein, sorgt zwar für ein fast unmenschliches hohes gefordertes Maß an Interaktionsfähigkeit mit anstrengenden Eltern und nötigt mir die Anwesenheit auf viel zu vielen Elternabenden pro Schuljahr ab, ermöglicht mir aber zugleich bei der Pipi-Diskussion einen Standpunkt einzunehmen, der irgendwo zwischen Schwarz und Weiß liegt - ganz im Gegensatz zum Standpunkt mit Nullradius vieler Mütter und anderer Menschen mit viel Meinung aber wenig Ahnung.

Fakt ist, dass ein Lehrer, der verantwortlich dafür ist, dass sich mein Kind in die Hose macht und es vor allem dann noch vor der Klasse bloß stellt, auch von mir äußerst unangenehmen Mutterbesuch bekommen würde. Das steht fest.

Fakt ist aber ebenso, dass die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben und sich an Tagesstrukturen anzupassen, eine Grundkompetenz bei Schulanfängern darstellt. Dass einige Erstklässler das noch lernen müssen ist völlig klar. 

Nicht jeder wird im späteren Leben Freiberufler. Es reicht schon Lehrer zu werden, um nicht täglich die Chance zu haben zwischen 8 und 12 Uhr zur Toilette zu gehen oder gar etwas zu essen. Von Kassierern, Fabrikarbeitern oder Berufskraftfahrern reden wir gar nicht erst.

Vor einiger Zeit unterrichtete ich probeweise eine Gruppe Vorschüler für ein paar Tage. Zum Unterricht, einer Art Beobachtungs- und Diagnosephase, gehören auch standardisierte Testverfahren, bei denen Instruktionen und Testbedingungen wichtig sind um Ergebnisse später objektiv verwerten zu können. Mitten in einer Aufgabe beschließt einer der Sechsjährigen plötzlich ganz dringend pullern zu müssen und weil Harndrang genauso ansteckend wie Gähnen ist, müssen plötzlich fünf von sechs Kindern. Um die Aufgabe zu beenden, hätte ich noch zwei oder drei Minuten gebraucht. Natürlich hab ich alle sofortgehen lassen. Das Ganze hat mich gute zehn Minuten gekostet, inklusive Öffnen und Schließen diverser Reißverschlüsse und Hosenknöpfe sowie der Suche eines Verschollenen, der den Weg zurück vom Klo zum Klassenzimmer nicht fand. Die Testergebnisse sind streng genommen nicht verwertbar. Aber das nimmt man eben in Kauf um Pfützen und Anzeigen zu vermeiden. Die Kinder kamen direkt aus dem Kindergarten, dort geht man wenn man möchte. Halloo, ich bin kein Unmensch… .
  
Vor kurzem übernahm ich die Leitung einer ersten Klasse. Am ersten Tag meldet sich Ronny eine Viertelstunde nach Beginn der zweiten Stunde: „Duuuu, kannisch ma bullrn gehn?“, noch bevor ich antworten kann, ruft einer seiner Klassenkameraden „Ich aauuch!“ dazwischen und zusätzlich schnellen zwei weitere Hände in die Höhe. Ich antworte mit folgendem Vortrag: „Ihr seid jetzt in der Schule. Hier haben wir Pausen um zu essen, zum trinken und auch um auf die Toilette zu gehen. Daran solltet ihr denken. Versucht bitte auszuhalten so gut ihr könnt. Wenn es jemand gar nicht mehr aushält, dann fragt noch einmal, bevor es in die Hose geht.“ Ronny hat an diesem Tag nicht mehr gefragt. Und auch keiner seiner Mitschüler. In den Wochen nach Schulbeginn hat er es noch drei oder vier Mal versucht und immer die gleiche Antwort erhalten. Seine Hose ist trocken geblieben.

An dieser Stelle möchte ich, für alle denen das bisher entgangen ist, noch einmal erwähnen, dass ich an einer Förderschule arbeite. Ich lehne mich einfach mal so weit aus dem Fenster zu behaupten, dass man etwas, das bei den meisten Kindern mit oft umfassenden Entwicklungsstörungen und -verzögerungen funktioniert, doch eigentlich auch vom Durchschnittsgrundschüler erwarten kann.

In einer sechsten Klasse, welche ich einige Jahre leitete, versuchte sich ein Junge regelmäßig durch Toilettengänge vom Unterricht zu entziehen. Der Gute war und ist kein unbeschriebenes Blatt, aktuell ist er vom Unterricht suspendiert und schon damals eilte ihm sein Ruf voraus, unter anderem gerne unbeobachtet durchs Schulhaus zu tingeln und allerhand Kreatives anzustellen. In der zweiten Hälfte der Stunde fragte er, ob er zur Toilette dürfe. Natürlich durfte er nicht. Ich verwies ihn auf das baldige Unterrichtsende. Kurz vor Schluss bemerkte ich seinen wirklich gequälten Gesichtsausdruck und die wässrigen Augen. Um Schlimmeres zu vermeiden entließ ich ihn in Richtung Porzellanausstellung.

Dennoch höre ich immer wieder von Kollegen aus den kleineren Klassen, von größeren und kleineren verunfallten Geschäften vor Erreichen der rettenden Räumlichkeiten. Zum Glück hörte ich bisher nur davon. Selbstverständlich weiß ich, dass auch ich früher oder später an die Wechselsachen im Schrank ran muss.

Manche Blogger haben nicht nur Meinung sondern auch Ahnung. Und "wenige manche" können zusätzlich noch so wunderschöne T-Shirts mit Aussage machen. Coffeepotdiary kann das.
 
Zurück zur Einstiegsgeschichte. In der Kommentarspalte zum Artikel ging eine 21 jährige Kinderlose, die angab beruflich mit Paragraphen zu tun zu haben (Ich vermute, sie ist Rechtsanwaltsgespielin …äh… gehilfin.) auf alle los, die sich auch nur ansatzweise für die Lehrer und kritisch gegenüber der Reaktion der Mutter aussprachen. Paragraph X… Nötigung …Paragraph Y … Körperverletzung und so weiter und so weiter. Hüa, ihr Paragraphen, spürt ihr die Sporen!?

Eine Dame mit Wohnsitz im Glücksbärchiland warf mir vor, Kinder zu hassen und den Beruf verfehlt zu haben, nur weil ich behauptete, dass die Prinzen und Prinzessinnen nicht immer nur wollen weil sie gerade müssen. Und wie abfällig ist überhaupt der Ausdruck Prinzen und Prinzessinnen. Ja, wie abfällig ist das eigentlich? Fragt ihr Übermamis und Babybloggerinnen mit den Bauchzwergen euch das auch manchmal?

Hasse ich Kinder? Hasse ich Eltern? Hasse ich meinen Job? Hasse ich Menschen? Hm. Gute Frage. Ich hab das sicher schon mal so oder so ähnlich irgendwo geschrieben. Wahrscheinlich auch mehrfach. Auch wenn das die Kopfstimme oft aus vollster Überzeugung schreit, weiß die Bruststimme instinktiv, dass ich meine Arbeit vermutlich nicht zur tatsächlichen Zufriedenheit aller Beteiligten machen würde, wenn ich von generalisiertem Hass angetrieben werden würde.

Es ist vielmehr eine Art Kette. Eltern bringen mich dazu sie zu hassen, weil sie sich verhalten wie überhebliche Arschlöcher, die mir meine Arbeit erklären wollen und glauben, Paragraphen sind mehr wert als Entwicklungspsychologie, Konsequenz und Einfühlungsvermögen. Nicht selten produzieren Arschlocheltern Mini-Arschlöcher, die dem Lehrer mit der Erhabenheit eines 130cm großen Pablo Escobars gegenübertreten. Richtig, das bringt mich dazu manchmal Kinder zu hassen. Und dann eben „ganz manchmal“ auch meinen Job. Wer hat schon Lust auf einen Job, bei dem einen von Anderen ständig gesagt wird, wie man ihn besser oder überhaupt richtig macht. Überlegt noch jemand Lehrer zu werden? Nein? Warum denn bloß?

Als ich vor fast 30 Jahren eingeschult wurde, wäre keiner auf die Idee gekommen mit dem Lehrer eine Diskussion über Toilettengänge anzufangen. Beschissene Lehrer gab und gibt es – damals wie heute. Die neue Klassenlehrerin meines Bruders zum Beispiel, die den kleinen Kerl nach dem Umzug behandelte wie einen Aussätzigen – bis meine Mutter ihr die Müllerin machte. Oder die erste Lehrerin des großen Müllers, die ihm erst eine LRS und dann auch noch ADHS andichten wollte - bis der Schulpsychologe ihm einen überdurchschnittlichen IQ diagnostizierte. Statt sich damit auseinanderzusetzen, empfahl sie den Müllers einen Schulwechsel...

Wir brachten früher am Lehrertag Blumen mit zur Schule und ich möchte behaupten, dass aus den meisten von uns fähige Erwachsene wurden, denen die herkömmliche Struktur eines Schultags nicht geschadet hat. Keiner wäre auf die Idee gekommen, Lehrer unter den Generalverdacht des Machtmissbrauchs und Sadismus zu stellen. Nein, damals genossen Lehrer sogar noch eine Art Respekt und Ansehen. Nichts Übertriebenes. Nur das Gefühl, sich für seine Arbeit nicht rechtfertigen oder gar schämen zu müssen.

Dann passierte etwas, dessen Anfänge ich gar nicht genau beschreiben kann, weil ich zu diesem Zeitpunkt in den späten Neunzigern verweilte und Sonnenblumen an mein Loveparade-Kostüm nähte. Jedenfalls mussten Kinder plötzlich kleine Erwachsene sein, die ihre Grenzen selbst definieren durften und für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse eigenverantwortlich sein sollten. Wie soll denn so ein Kind sonst später wissen was es will, wenn ihm der eigene Wille im Kindesalter abtrainiert wird. Es soll bitte spielen, essen, trinken, pullern, vermeiden und überhaupt machen was es will. Wo genau da die Grenzen bezüglich des Alters und dem, was eine Gesellschaft aushalten kann, sind – darüber lässt sich sicher streiten.

Versteht mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Fortschritt. Ich danke Gott für Pampers, bin froh dass weibliche Hysterie nicht mehr mit Stromschlägen oder gar Vibratoren behandelt wird und freue mich, dass bei Zahnschmerzen heute nicht mehr dieselben Methoden wie vor 200 Jahren angewandt werden. Ich halte es aber für falsch, alles was „alt“ ist sofort als „veraltet“ und damit als „falsch“ anzusehen. Logisch müssen wir kritisch bleiben, hinterfragen, uns weiterbilden und neue Erkenntnisse mit bestehenden Methoden abgleichen. 

Aber wir müssen uns auch revidieren können, spätestens dann, wenn die freie Entfaltung im Kindergarten in Gleichgültigkeit mündet und zur Folge hat, dass manche Schulanfänger noch nie mit Schere und Leimstift hantiert haben und Mütter mit der Kunstlehrerin diskutieren, weil es eben für den ansonsten perfekt gemalten Schneemann nur eine Zwei gibt wenn er grün und nicht weiß ist.

Entwicklungsforscher machen einen guten Job. Zweifelsohne. Ihre Arbeit ist wichtig. Aber das beste Rindfleisch nützt nichts, wenn der Hobbykoch es klopft wie ein Schnitzel.

Mamas, lest euren Kindern vor, lasst sie ohne Helm und Sicherungsseil aufs höchste Klettergerüst des Spielplatzes und vergesst ruhig mal das Hände waschen nach dem Rehe füttern aber bitte BITTE glaubt nicht länger, dass die Bereitschaft sich auch mal anzupassen und Regeln anzuerkennen oder die Fähigkeit sich auch mal unangenehmen Herausforderungen zu stellen etwas Schlechtes sind. Ihr erzieht sie sonst zu respektlosen und nicht belastbaren Jugendlichen, die den Satz des Pythagoras nicht kennen dafür aber die Nummer des Familienanwalts und die noch in der Ausbildung lieber krank feiern als bei Schneeregen mit dem Bus zur Berufsschule fahren, vor lauter Selbstverständlichkeit aber Homestories auf Snapchat posten.

Kürzlich schauten wir den dritten Teil von Fack ju Göhte im Kino – ein wenn auch stellenweise stark mit dem Stilmittel der Übertreibung garniertes Abbild unserer Bildungslandschaft. Warum hat sich das so entwickelt, fragt mich Sarah, ich meine wir waren auch manchmal kacke zu den Lehrern und hatten keinen Bock aber SO? 
Weil man vor ein paar Jahren glaubte, fähige Erwachsene zu produzieren indem man ihnen als Kindern suggerierte, dass ihre Individualität das kostbarste Gut ist. Das ist richtig und wichtig. Darüber sämtliche Grundkompetenzen des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu vernachlässigen oder gar als Schwäche zu betrachten, stellt sich spätestens jetzt als falsch heraus.

Kommen wir zum Abschluss nochmal zurück zum Pipi-Problem und die Debatte um den Umgang mit einem Grundbedürfnis, welche sinnbildlich für den kontroversen Wert schulischer Bildung und damit einher gehenden Regeln und Normen steht. Kinder verweichlichen, sie dürfen wann sie wollen alles was sie wollen und notfalls wird das mit richterlicher Gewalt durchgesetzt. 
„Meine Mama hat gesagt, du darfst mir das gar nicht verbieten.“ 
Bääääm. Danke Mama! Danke, dass sich unser pädagogisches Wirken so gut ergänzt. Danke, dass du mit deiner Rechtsbehelfsbelehrung dein Kind optimal auf die Schule vorbereitet hast. Danke.
Und Mäuschen, Prinz, Räuberchen oder Püppi: Hätte dir die Mama mal lieber gelernt, wie man sich Anforderungen stellt ohne zur Vermeidung aufs Klo zu flüchten, wie man Regeln und Standards des Zusammenlebens achtet und Bedürfnisse auch mal zumindest vorübergehend unterdrückt 
anstatt Misstrauen zu säen, gegenüber einer Person über deren beruflichen Erfolg auch ein Vertrauensverhältnis zwischen allen am Bildungsprozesse beteiligten entscheidet. 

Aber nein. Wir wünschen uns selbstbewusste Kinder, die wissen was sie wollen und ihre Ziele energisch verfolgen. Was wir bekommen sind Arschlöcher, die wahrscheinlich anderen schon mit 21 Jahren ihren Job erklären. Diese kleinen Arschlöcher wissen nicht, dass das Du hinter Frau Müller keinen Sinn macht aber sie wissen was ein Anwalt ist. Sie lernen nicht, dass es sich lohnen kann sich anzustrengen. Warum auch. Entweder macht‘s Mutti oder eben der Anwalt. 

Los geht's. 
Ich hab Lust mit euch zu diskutieren.
Wenn du Frau Müller 
dann heißt das nicht,
dass du mit dem Pipi machen 
bis zur Pause warten musst. 
Aaaber du verpasst nix mehr
im Lehrerzimmer.

Mittwoch, 8. November 2017

Klopf, klopf - Wer ist da? Ich bin's, der TOD (oder Isolde)

Wir befinden uns mitten im nasskalten, düstern und unsympathischen November - quasi dem Alexander Gauland unter den Monaten. Keiner will ihn, die einen trauern dem wie immer viel zu lahmen Spätsommer hinterher, die anderen sehnen sich Schnee und weihnachtlichen Lichterglanz herbei. Ein Monat, in dem nur noch die Ultras unter den Übermüttern ihre Kinder weg von der Konsole und hinaus in den Schlamm scheuchen.Den November muss man halt irgendwie überstehen.
Was passt also besser zu dieser tristen Stimmung als ein Post, der sich mit dem Sterben beschäftigt? Der heutige Artikel ist schon vor einer Weile entstanden, genauer gesagt zur Weihnachtszeit im Jahre 2016. Ein ernstes, vielleicht auch trauriges Thema, ein bisschen mülleresk interpretiert...

Es gibt wahrscheinlich nur wenige Orte, an denen Tragik und Komik so dicht beieinander liegen wie in Absurdistan, dem Ort meines täglichen pädagogischen Wirkens. Wenn zum Beispiel der stark übergewichtige Jason mit der dauerkrustigen Nase aus der dritten Klasse mit offenen Uralt-Turnschuhen in Größe 43 im Dezember ohne Socken und in Jeans, an welcher der Saum eine Handbreit über dem Knöchel endet, deren Beine aber so weit sind, dass sie auch meinen Oberschenkel locker umspielen könnten, über den Schulhof rennt, dabei mit seinen schmutzigen Wurstfingern eine stilisierte Waffe formt und Maschinengewehr-Geräusche nachahmend auf seine Mitschüler zielt, dann ist das tragisch. Sehr sogar.
Man hofft, dass Jason später nur dauerzockender Sozialleistungsempfänger wird und nicht worst case irgendein Krimineller, dessen Fahndungsfoto man im Fernsehen sieht und denkt: 'Dem hab ich früher beim Obstkörbchen kneten geholfen.'

Tragisch vor allem, wenn man die häuslichen Verhältnisse kennt, aus denen Jason stammt und schon einmal nach einem Elterngespräch die verbrauchte Luft im Beratungszimmer atmen musste oder den langhaarigen 2m-Vater im bodenlangen Ledermantel durchs Schulhaus röhren hörte. 
Aber es sieht eben auch lustig aus. Sehr sogar. Ein bisschen wie der Sohn von Samson aus der Sesamstraße, Bruce Willis zu Stirb-Langsam-Zeiten und Hagrid aus Harry Potter.  Wie? Drei Männer können zusammen kein Kind bekommen? Ich denke, so eins schon.

Einige Stunden der letzten Tage verbrachte ich jedoch an einem Ort, der von mir einen noch größeren Spagat zwischen beiden Stimmungen verlangte. Ich befinde mich im Zimmer des Alten- und Pflegeheims, das meiner Oma für ihre letzten Lebensjahre mit Demenz ein gutes Zuhause war. Demenz ist eine gemeine Krankheit, die für die Betroffenen und ihre Angehörigen früher oder später Einiges im Leben ändert. Dennoch sind die Szenen, welche sich mit fortschreitender Erkrankung zuweilen ereigneten, manchmal so tragisch wie komisch.

Wenn ich etwas durch meine Arbeit an einer Förderschule gelernt habe, dann dass es einem die Arbeit nicht erleichtert wenn man Tragisches immerzu fürchterlich ernst und als Last mit sich herumträgt. Ich mache meine Arbeit nicht schlechter, nur weil ich in Erwägung ziehe, mit meinem ausgeprägten Geruchssinn die Arbeitsmittel meiner Schüler bei "Wetten dass" zu erschnüffeln. Ich habe jenseits meiner Arbeitszeit und unter den abschätzigen Bemerkungen meiner Vorgesetzten an Beratungen und Supervisionen teilgenommen, die mir helfen sollten, Kindeswohlgefährdung bei einer Schülerin zu erkennen, die mich jedesmal wenn sie unter ihren speckigen schwarzen Haaren von ihrem Heft aufschaute an den fiesen Severus Snape aus Harry Potter erinnerte, weswegen ich mir immer ein Grinsen verkneifen musste. Und ich habe meine Oma nicht weniger lieb, wenn ich manchmal herzhaft über ihre eigene kleine Welt lache.


Jetzt sitze ich am Sterbebett meiner Oma. Während ich ihre Hand halte, fällt mir auf wie ähnlich sich Menschen am Anfang und Ende ihres Lebens sind. Egal ob gerade geboren oder mit einem gelebten Leben hinter sich: sie wollen nicht alleine sein. Sie halten die Hand, die man ihnen hinhält. Sie werden gefüttert und liegen in Windeln. Weil sie es nicht anders können. Und so wie sie sich ins Leben kämpften, so kämpfend verlassen sie es auch. Ob sie dabei gegen den Tod oder das Leben kämpfen, darüber lässt sich nur spekulieren. Genau wie Babys lächeln sie im Schlaf und als Beobachter lässt einen das mitschmunzeln und grübeln, was wohl "da oben drin" gerade vorgeht. 
Kaum ein Mensch käme auf die Idee ein hilfloses Baby mit seinen Bedürfnissen einfach alleine zu lassen. Und trotzdem sterben so viele alte Menschen einsam.

Ich bin mit dem bevorstehenden Tod meiner Oma im Reinen. Sie ist 87, hatte ein schönes Leben und war nie ernsthaft krank. Nach dem Abschied von ihrem Mann lebte sie ein paar Jahre allein.  Als die Demenz kam wurde das zu gefährlich. Der Umzug ins Heim war nicht einvernehmlich, trotzdem unvermeidlich und ist niemandem leicht gefallen.

In der Anfangszeit hatte sie Mühe die Rundumverpflegung zu realisieren, forderte sie doch ganz dringend noch Waschmaschine und Kühlschrank in ihrem Einzimmer-Apartment mit Schrankwand, Seniorensessel und Pflegebett. Wenn man sie fragte, was es zu Mittag gab antwortete sie oft: 
„Ach, ich hatte noch Kartoffelsalat da. Da hab ich mir ein Würstchen dazu warm gemacht. Aber bring mir doch mal ein paar Flaschen Sekt mit. Damit ich was da habe, wenn Besuch kommt.“

Na Oma? Was hast du heute so gemacht? - "Na ich war mit der Hausordnung dran. Du kannst dir nicht vorstellen wie der Hausflur aussah. Den ganzen Tag rennen die Kinder raus und rein und keiner putzt sich die Schuhe ab."
 
In ihrer Welt war alles wie damals. Vor der Demenz. Und vor dem Umzug. Nur die Nachbarn waren jetzt viel netter. Die brachten ihr nämlich jeden Nachmittag ein Stückchen Kuchen.
Schon wenige Wochen nach ihrem Einzug hatte die ehemalige eher menschenscheue Einzelgängerin eine beste Freundin gefunden. Die beiden liefen Hand in Hand die Flure entlang und teilten die Leidenschaft für Eierlikör und Kreuzworträtsel genauso wie ihre Abneigung gegen freudbetonte Gruppenaktivitäten. Beim Aufruf zum Seniorentanz bekamen die beiden das große Rennen. 

Nach dem Schlaganfall samt Krankenhausaufenthalt meiner Oma vor drei Wochen war Hilde verwirrt über das plötzliche Verschwinden ihrer besseren Hälfte. Während wir an ihrem Bett sitzen, öffnet sie fünfmal die Tür nur einen Spalt breit, um nachzusehen ob ihre Freundin noch da ist.
Die Schwester erzählt uns, dass Hilde auch am Bett sitzt wenn gerade keiner von uns da ist. Und dass Hilde wartet. Auf den Sommer. Wenn sie mit Oma im Garten wieder spazieren gehen kann.
Und so sitzen wir also, unterhalten uns im Flüsterton, schauen auf den Brustkorb der Oma unter dem Nachthemd mit Stehkragen und Knopfleiste, der sich unregelmäßig schwach hebt und senkt. Dazwischen immer wieder Stille, das Ticken der goldenen Pendeluhr an der Wand über dem Bett und immer wieder zuverlässig die Stimmen aus dem Pflegeheim-Off:

Ein fortwährend sonor gebrülltes „Schwester!“ 
Zwei Minuten später „Schweeeester!“ in scheinbarer Endlosschleife. 
Darauf immer die gleiche Antwort vom anderen Ende des Ganges – damenhaft zurückgebrüllt: 
„Halt die Schnauze. Halt doch endlich die Schnauze. Du hast doch schon dreimal geklingelt. Die Schwester hat schließlich auch noch andere Sachen zu tun. Schnauze!“ 
Und dazwischen die so verständnisvoll-genervt wie professionell-beschwichtigend klingende Schwester, nach der Herbert so vehement verlangt, acht bis zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: 
„Herbert, schrei doch nicht so. Ich muss mich auch um die anderen Leute hier kümmern.

Herbert ist erstmal ruhig. Man kann jetzt Isolde hören. Mit ihr hat sich meine Oma das Bad geteilt. Sie schreit: 
„Ich will hier RAUS. Die lassen mich hier nicht mehr raus. Jetzt helft mir doch endlich mal einer! Ich will hier RAUUS!“ 
Meine Mutter öffnet die Tür zum Bad im Durchgangsraum. Isolde rüttelt am Haltegriff der Dusche und schreit die Fliesen an.
Isolde war es auch, die Hilde für „bekloppt“ erklärte, weil sie nicht verstand, warum meine Oma plötzlich nicht mehr in ihrem Zimmer war.

Dann wird es wieder still im Zimmer und auf dem Flur. Mal sieht die Oma ganz entspannt aus. Einen Moment später zieht sie im Dämmerschlaf ihre Stirn in krause Falten und spitzt die Lippen. Was wohl hinter dieser Stirn vorgeht?


Draußen schimpft plötzlich wieder jemand. Meine Mutter sagt: 
„Horch, das ist die Waltraud. Der hat die Oma mal eine gescheuert.“ 
Waltraud hatte die zwei Freundinnen gehänselt und sich damit nach Ansicht der Oma eine ordentliche Backpfeife verdient. Und sie wäre nicht meine Oma, wenn sie sich nicht zu den Umsitzenden gedreht hätte mit den Worten:  
„Habt ihr was gesehen? Nein? Ich auch nicht.“

Einen Tag später scheint es der Oma wieder besser zu gehen. Abwechselnd flüstert sie vor sich hin oder schnarcht ganz laut. Isolde von neben an findet mal wieder den Ausgang vom Klo nicht und ruft. Als meine Mutter sie in ihr Zimmer bringt legt Isolde den Kopf an die Schulter der für sie Fremden und sagt: „Eine Gute bist du. So eine Gute. Ich tät dir ja ein paar Mark geben wenn ich was hätte. Aber ich hab doch nichts.“ 

Später wirkt die Oma plötzlich ganz ernst, unruhig und angespannt. Sie möchte uns was sagen. Wir gehen ganz nah an sie heran und sie flüstert uns „Ihr Deppen“  in die lauschenden Ohren. Dabei verzieht den Mundwinkel der ungelähmten Gesichtshälfte zu einem kleinen Lächeln. Sie sagt an diesem Vormittag noch viel mehr. Mal mit runzliger Stirn, mal mit feuchten Augen, mal mit diesem seeligen Gesichtsausdruck um die Lippen. 

Wäre ich nun ein besserer Begleiter für die letzten Tage meiner Oma gewesen, wenn ich mich mit übertriebener Ehrfurcht und einer Art gesellschaftlich aufoktroyiertem Respekt vor Alter und Tod gefürchtet hätte. Ist es das, was die Menschen von ihren sterbenden Angehörigen leider so oft fern hält?


Ich würde meinen Job auch nicht besser machen, wenn ich den Gedanken an all die vorgezeichneten Biografien meiner Schüler täglich mit nach Hause auf's Sofa nehmen würde. Ich würde ihn vermutlich sogar schlechter machen, wenn wir "schlecht" gleichsetzen mit "nicht so gerne", "entkräftet" und "halb so lange".

Ich muss nicht traurig und ernst sein. Das kann das Leben alleine schon ganz gut. 

Im FACEBOOK-Lehrerzimmer
macht das Leben eine Ausnahme. 
Schaut rein und gebt der verrückten Frau
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Mittwoch, 1. November 2017

Fack ju Göhte: Realität mit Snapchatfilter - der Lehrerkommentar



An Fack ju Göhte scheiden sich sicherlich die Geister. Die Storys um die bildungsresistenten Jugendlichen Chantal, Zeynab, Danger, Burak und ihrem Zufalls-Pädagogen Herrn Müller werden von den einen gefeiert und von den anderen als Trash verschrien. Ähnlich polarisierend vermutlich wie Shades of Grey. Mit dem Unterschied, dass ICH Shades of Greyschlichtweg bescheuert fand, mich aber bei Fack ju Göhte bestens unterhalten fühle. Jetzt könnte man denken okaaayyy: du bist ja auch Lehrerin, bei SoG ging es um Sex und (Pseudo)BDSM. Nun, ich bin weder dem einen noch dem anderen abgeneigt. Vermutlich liegt es einfach daran, dass FjG genauso nah an der Realität geschrieben wurde wie SoG davon entfernt ist. Außerdem macht FjG in etwa das Gleiche wie Frau Müller: ein Abbild der  Realität schaffen, das garniert mit Stilmitteln wie maßlose Übertreibung, Sarkasmus und grenzwertigem Humor aus etwas Tragischem den Unterhaltungswert herauskitzelt.

Wie nah dran und manchmal eben auch nicht - das darf ja auch so sein, sonst wäre es keine Komödie sondern eine Doku- das zeige ich euch mit den folgenden, lose an einander gereihten Filmkommentaren.

„Chantal, heul‘ leiser!“
Herr Müller saß im Knast und der Versuch, dort seinen Hauptschulabschluss nachzuholen, ist gescheitert. Seine geringe Allgemeinbildung sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Stichwort Bildungskirse und Quereinsteiger. Aktuell leistet sich mein Bundesland den Luxus, bei Quereinsteigern noch mindestens einen Magisterabschluss zu verlangen. Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit und der steigenden Ausfallquoten bei den Kollegen, bis die Anforderungen herabgesetzt werden. In der Praxis glaube ich, dass einem Lehrkörper Knast- und Kiezerfahrungen gerade im Haupt- und Förderschulbereich hilfreicher sein können als ein abgeschlossenes Germanistikstudium, was Herr Müller im Film ja auch eindrucksvoll beweist.

„Du bist echt die dümmste Lehrerin der Welt!“ – „Aber auch die geilste!“
Seine Freundin Charlie, die Stripperin mit dem wunderschönen Leotop und dem bemerkenswerten  „Bitch an Bord“-Autosticker, hat das erbeutete Geld, wegen dem Herr Müller 13 Monate im Gefängnis saß, auf einer Baustelle vergraben. Ein reichliches Jahr später steht dort die Turnhalle der Schule. Grober Filmfehler . In welchem behördlichen Schlaraffenland schafft man einen Neubau für eine Schule in EINEM Jahr?

Eine der Paraderollen im Job von Zeki Müllers Freundin ist die „sexy Lehrerin“ mit halterlosen Strümpfen und tiefem Ausschnitt. Unnötig, ein Klischee. Um Väter und Schüler ab Klasse 9 ungewollt wuschig zu machen reichen Jeans, T-Shirt und ein glaubwürdiger U30-Look. Das liegt an der durch die Überalterung im Kollegium ungewohnten Optik.

„Wir Lehrer werden den ganzen Tag verarscht – ab und zu muss man zurück verarschen.“
In der Goethe-Gesamtschule finden Bewerbungsgespräche statt, sowohl für Hausmeister als auch für Lehrkräfte. Wenn es in der Realität so wäre, dass sich Schulleiter ihre Arbeitskräfte selbst aussuchen könnten UND die motivierten Bewerber noch bevor sie den Arbeitsvertrag unterschreiben eine Livesequenz vom Schlachtfeld erleben (wie im Film), dann… tja, dann sähe die Bildungslandschaft anders aus. Wir hätten keine Kollegen, die eine undeutlichere Aussprache haben als meine gesamte erste Klasse zusammen oder die erst nach 45 Minuten Unterricht in einer sechsten Klasse der Förderschule feststellen, dass eine „Kasus“-Unterrichtseinheit in Deutsch gelinde gesagt deplatziert ist und noch gelinder gesagt zu Verhaltensproblemen führt. Und wir würden nicht jedes Schuljahr einen Hausmeister verschleißen.
 
Der Bullshit-Button, den auch Frau Gerster auf ihrem Schreibtisch stets griffbereit hat. Informiert mich bitte umgehend, wenn ihr irgendwo eine deutschsprachige Version entdeckt. Meiner spricht leider nur Englisch.
Die Schulleiterin Frau Gerster, übrigens meine Lieblingsfigur, schnüffelt zum Stressabbau am Leimstift. Meine Schulleiterin sitzt in jeder Pause in ihrem Auto vor der Schule und raucht. ICH als Schulleiterin würde wahrscheinlich den ganzen Tag Dosenprosecco statt Kaffee trinken und eine Katze streicheln. Kennt ihr Dr.Kralle aus Inspektor Gadget und seinen Kater? Oder wie Dr.Evil aus Austin Powers... so in etwa.

„Ey, red ma höflich du Opfa!“
Die Schülerschaft, ihre Gepflogenheiten und der Umgang miteinander sind verdammt nah an der Realität abgebildet. Rauchende Schüler sind ein Kapitel für sich, bei dem es für den aufsichtshabenden Lehrer viel Kapazität zum Kräfte sparen gibt. Schließlich kann man nicht alles sehen und wem außer sich selbst schaden sie damit? Das hat auch Film-Kollegin Caro Meyer verstanden und zündet sich erstmal in Ruhe eine an.
Bei uns in der Schule tun sie es hinter den Himbeersträuchern im Schulgartenbiotop. Zu meiner Schulzeit war es der Fahrradparkplatz. Dumm wenn der Lehrer, um das aus dem Schulhaus heraus zu maßregeln ans Fenster im Mädchenklo muss: „Ich sehe, dass ihr raucht!“ – „Wir sehen, dass sie im Mädchenklo sind, Herr Schlott!“ – wer im Glashaus sitzt, ne?

„Drücken sie sich mal aus, Frau Schnabelstedt, ich versteh kein Wehleidig!“
Referendarin Fräulein Schnabelstedt steht noch am Anfang ihrer Karriere auf dem Bildungssektor aber eine wichtige Sache hat sie schon gelernt: Im Kühlschrank muss Prosecco sein. Ihre Kollegin und Mitbewohnerin Frau Meyer ist mir wahrscheinlich am ähnlichsten, außer der Tatsache, dass Sie mit dem Rennrad zur Schule fährt. Wenn Caro Meyer telefoniert, dann klingt das so:  

„Elternabende sind das letzte… ich muss erstmal pissen … Lernbehinderungen kommen nicht von ungefähr … kann es sein, dass sie ihr Kind zu einem asozialen Penner erzogen haben … boar, ich hab schon wieder zugenommen, nur an den Titten nicht.“  
- Ja, definitiv ich.

„Ganz ehrlich Herr Müller, sind sie geborderlined oder was, sie Geisterkranker?“
Herr Müller nimmt einem Schüler das Frühstück weg und beißt genüsslich hinein. Lieber würde ich mich von innen selbst verdauen als etwas aus einer Schülerbrotbüchse zu essen. Einer meiner Schüler hat seiner Mutter einmal erzählt, ich würde ihm seine Brote wegnehmen. Und als wäre das nicht genug, behauptete er außerdem, ich würde seine Stullen meinen Kindern mit nach Hause nehmen. Ich lass das jetzt mal auf den Leser wirken.

„Das hab ich für dich in der Burnout-Klinik getöpfert.“ – „Ist das spülmaschinenfest?“
Kollegin Leimbach-Knorr, die geburnoutete Lehrerin, wie Chantal sagen würde, wünscht sich den Tod und springt aus dem Fenster des Lehrerzimmers im ersten Stock. Tatsächlich sind Lehrer mit Burnout einfach langzeitkrank. Das ist traurig für diese Kollegen und soll an dieser Stelle von mir keinesfalls bagatellisieren. Zumal ich selbst schon Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht habe. 
Wenn allerdings alle Lehrer mit Burnout aus dem Fenster springen würden, dann hätten die Tatortreiniger keine Zeit mehr Dielen und Teppichböden in Wohnungen von Blutflecken zu befreien, sondern würden hauptberuflich das Pflaster des Schulhofs schrubben. Außerdem können die Stellen toter Lehrer nachbesetzt werden, die von Dauerkranken jedoch nicht. Nachbesetzung würde das bis dahin Vertretung schiebende Kollegium schonen, ist aber auf Grund des fehlenden ambitionierten Pädagogennachwuchs gar nicht so leicht. Und hier schließt sich der Kreis. Ich geh‘ töpfern.

„Ich will Lehrerin werden, weil das der einzige Beruf ist, in dem Frauen Kinder haben können ohne dick sein zu müssen.“
Nach dem missglückten Suizid von Frau Leimbach-Knorr fragt die Schulleiterin das Kollegium wer die Arschlochklasse übernehmen will. Was dann passiert ist das wahre Leben, jeder hält seinen Job für den härtesten und hat natürlich keine Kapazitäten. In der Realität gibt es für sowas Dienstanweisungen, im Film eine übermotivierte Referendarin, die Schnabelstedt.

Die Szene in der Elisabeth Schnabelstedt zum ersten Mal im Klassenzimmer auf die 10. Klasse trifft ist absolute Realität. Problem: Sie nimmt sich zu viel vor. Sie möchte gesiezt werden, besteht auf Artikel und  alle sollen sitzen und ruhig sein. Utopisch. Sie sollte sich an Wygotski erinnern. Der sprach von der Stufe der NÄCHSTEN Entwicklung. Für diese Schüler hieße das, nicht in die Ecke zu kacken und an den Türrahmen zu pinkeln. 
Für bedeutet Schnabelstedt es: überleben, nicht heulen und zumindest dafür sorgen, dass man das Chaos nicht bis nach draußen hört. Wie auch immer sie das anstellt. Alles Weitere ist Wunschdenken.
 
„Wer heute noch Lehrer wird, muss wahnsinnig sein“
Bei der Lehrprobe der Referendarin entdeckt jeder Insider einen groben Filmfehler. Die Tafel ist nicht sauber abgewischt unter dem Tafelbild. Sowas wird als erstes angemahnt, wenn’s auf den Scheiterhaufen konstruktiver Kritik zur didaktischen Inquisition geht. Anfängerin.

Das Fräulein verknallt sich in den Herrn Müller und folgt ihm aufs Klo, als er von Chantal geschminkt und frisiert aufwacht, nachdem er seinen Rausch auf dem Lehrerpult ausgeschlafen hat. ICH würde noch nicht einmal den Chippendales an diesen Ort folgen, den ich nur betrete wenn Schülerleben oder vom Landkreis finanziertes Sanitärporzellan samt Rohrleitungen gefährdet sind. Ihr macht euch kein Bild … fliegende Klobürsten … Pausenbrote im Abfluss der Pissoirs … wie ein gekacheltes Mordor.

„… ich bin doch jetzt schon drei-  bis viermal pro Woche in der Schule!“
Herrn Müllers erster pädagogischer Ansatz ist eine Überlegung wert: „Ihr steht alle auf Eins. Jeder, der mir auf die Eier geht, kriegt ne Note Abzug.“
Gar nicht schlecht, die Idee. Bei den Kleinen funktioniert das, der Erstkontakt mit den Zehnern endet allerdings jäh. Der Neu-Pädagoge sitzt im Auto und schlägt brüllend auf sein Lenkrad ein: „Diese Wichseeeer!“ - Jeder Lehrer. Immer.

Am nächsten Tag fordert er die Schüler per Paintballkanone auf, den Schulhof zum Zwecke des Unterrichts zu verlassen. Mir persönlich würde manchmal schon ein Betäubungsgewehr reichen. Mein ganz individuelles Problem mit der Treffsicherheit lassen wir an dieser Stelle außen vor. Betäubungs-Schrot vielleicht...

„Sie haben nicht gesagt, dass das Asoziale sind!“ – „Wie bitte? Was ist das denn für ein Unwort. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten bitte schön.“
Daniel „Danger“ und Chantal sind das Zentrale Nervensystem und die Achilles-Sehne des Sauhaufens. Sozusagen der Dorn im Holzbein. Herr Müller schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Schmiert ihnen Dreck ins Gesicht, macht sie vor ihren Freunden lächerlich und nimmt ihnen das Gras weg. Und während die Jugendlichen der 10b immer mehr zu Schülern werden, wird Herr Müller immer mehr zum Lehrer. Er konfrontiert sie mit ihren (nicht vorhandenen) Berufswünschen und bringt sie zu Junkies auf Entzug, den HarztIV-Eltern seiner prostituierten Freundin und ihrem Bruder Ronny, dem gewalttätigen Nazi. Zum Mittag gibt’s Döner für alle. Lebensweltnaher Unterricht nenne wir Pädagogen das - mit dieser Deklaration bekommt man jede Exkursion bewilligt.

Und sonst? Er übersetzt Romeo und Julia mit ihnen in Bordsteindeutsch und begeistert sie so fürs Schülertheater. Er erörtert Jurassic Park und schafft es auf diese Art, zumindest halbwegs akzeptable Aufsätze produzieren zu lassen. Okay, er flunkert ein wenig wenn es darum geht, den Schülern ihr eigenes Kompetenzniveau vor Augen zu führen, spätestens als er Chantal für Jugend forscht anmeldet – wir alle erinnern uns nur zu gerne an den Wimperntuscheautomat -  aber immerhin gelingt es ihm so, die Klasse für Schule und Lernen zu begeistern und von ihren eigenen Fähigkeiten zu überzeugen.

„Wir waren ja seit vier Jahren nicht mehr bei Jugend forscht … seit diesem Hundescheiße-Vulkan.“
Ich bin ja ein Fan unkonventioneller Lernmethoden und Lehrplanreformen. Herr Müller kann die Klasse durch seine spezielle Art so für sich gewinnen, dass Chantal und Danger den Tunnel unter der Turnhalle auf ihre Kappe nehmen und behaupten, sie hätten einen Nazi-Schatz gesucht. Die Loyalität der Schüler ist wertvoller als jeder Nazi-Schatz. Das kann ich aus der Praxis bestätigen. Wenn du sie auf Streichholzschachtel-Größe zusammenfalten kannst und sie dir anschließend sagen, dass dein T-Shirt cool ist oder der Klassenrowdy aus der Neunten, der kurz vor der Suspendierung steht, handzahm wird und vor allen gesteht: „Orrr, das ist voll schön wenn mal eine junge Lehrerin mit uns Unterricht macht!“ obwohl die Klassenlehrerin noch nicht mal an der 50 kratzt, dann klopfst du am Lehrerolymp.

Für die Hackordnung gibt es an der Goethe-Gesamtschule ein Online-Lehrerranking auf dessen Ergebnisse die Lehrer ganz gespannt sind. Gewählt werden unter anderem die heißeste Lehrerin, der süßeste Lehrer und der größte Alptraum. Bei uns sind immer alle ganz heiß auf die Geburtsanzeigen des örtlichen Klinikums. Die Namen der ehemaligen Schüler werden bei den Eltern der Babys rausgesucht, markiert und im Lehrerzimmer ausgehangen. Fragt mich nicht.

„… und dann einfach aufpassen, dass keiner stirbt!"
Fräulein Schnabelstedt nötigt Herrn Müller zur Schwimmbegleitung. Bei uns schwimmen nur die Kleinen. DAS ist der Horror für jede Begleitung. Lieber acht menstruierende Jugendlich in Socken auf der Bank als geflochtene Zöpfe aufdröseln, Schuhe zubinden und ein Jason Lee mit Magen-Darm, der die ganze Dusche vollkackt.

Swagetti Yolonese, Burak!
Ein nachts von der ganzen Klasse besprühter Zug als Kunstprojekt, das ist doch mal was anders als bemalte Schuhe, Handpuppen aus Pappmache und Masken aus Gipsbinden. Ich bin ja leider Werkenlehrer. Aber vielleicht sollte ich mal eine Lichtinstallation aus Warnbaken, Begrenzungspfosten und Baustellenbeleuchtung vorschlagen. Schon alleine weil ich bei der nächtlichen Aktion auch so eine zauberhaftIGE Katzenmaske wie die Referendarin im Film tragen dürfte. Da ich immer die letzte beim Sprint zum alljährlichen Sportfest war, wäre ich wohl die Erste, die man verhaften würde. Aber ich hab ja Erfahrung darin, MEINEN Dienst zum Dienst der Freunde und Helfer in Uniform zu machen (Hier mehr dazu)

Bei einem Ausflug auf den Biobauernhof  landet das Projektil mit den Sexualhormonen für die Lamas versehentlich im Hintern der Lehrerin. Damit kann ich auf Exkursionen bisher nicht dienen. Aber mit einem großen Brunnen im Eingangsbereich eines Zoos, der nach einem Ausflug ohne Zwischenfälle dafür sorgt, dass zwei Schüler an den Handtrocknern in den Toiletten ganzkörpertrockengeföhnt werden müssen damit sie überhaupt in den Bus zur Heimreise steigen dürfen.


„Die Klasse befindet sich in einem intellektuellen Vakuum!“
Am Schluss schenkt Zeki Müller das Beutegeld seines Banküberfalls von damals Fräulein Schnabelstedt, damit die Turnhalle instand gesetzt werden kann und so die Schule nicht pleite geht. Eine Schule kann Pleite gehen? Wie geht das? Werden Schüler und Lehrer dann an den Meistbietenden zu Spottpreisen versteigert und ein Sonderpostenkaufhaus zieht ein? Und vor allem: woran merkt man, dass eine Schule pleite ist? Wenn der Kaffee im Lehrerzimmer zweimal aufgekocht wird und statt einlagigem Toilettenpapier einfach gar keins mehr da ist? 

Die Schulleiterin hat bei entsprechenden Leistungen der Schülerschaft vielversprechende Belohnungen in Aussicht. Ein besserer Platz im Ranking steht für eine Cafeteria und Smartboards. Wenn das so wäre, würde man bei uns sicher noch auf Schiefertafeln schreiben.

„Sie is Nutte, sie weiß was gut aussieht!“
Der gröbste Fehler verbirgt sich am Filmende und hat eigentlich gar nichts mit Schule zu tun: eine verheulte Frau mit wüsten Haaren und Nutella in den Mundwinkeln schafft es binnen fünf Minuten sich zu schminken, zu frisieren und ausgehtauglich anzuziehen. Sind wir in Pandora? Pandora liegt in Asien, würde Danger sagen. Pandora gibt es nicht? Gibt es wohl, sonst wäre es nicht in 3D…

Fazit für die Leser: Ein bisschen als hätte Chantal die Realität mit einem Snapchat-Filter versehen. Kann man sich aber anschauen, wenn man sich der eigenen Intelligenz so sicher ist, dass man weiß sie ist auch da, wenn man einen Abend lang mal nicht Hermann Hesse oder Friedrich Nietzsche liest. 

Fazit für mich: Dass Erfahrunshorizonte jedweder Art jenseits des Schulgeländes auch im pädagogischen Überlebenskampf nützlich sein können - DAS wusste ich bereits vor Fack ju Göhte. Dass aber sowohl mein Kollegium als auch die Schülerschaft so normal sind, dass sich reale sowie fiktive Charakere fast schon erschreckend ähneln, DAS war mir bisher nicht bewusst. 

Ihr könnt vielleicht keinen Herrn Müller haben, der euch mit der Paintball-Kanone zur Arbeit treibt. Aber mit dem Klick auf "Gefällt mir" bei Facebook habt ihr eine Frau Müller, die euch immer gerne daran teilhaben lässt, wenn sie sich bei ihrer Arbeit eine Paintballkanone
herbeisehnt. 

Zum Abschluss noch Chantal und ihr Kommentar zum Literaturklassiker "Dschurässik Park":