Dass
ich Eltern (und insbesondere Mütter) im Allgemeinen nicht besonders mag – darum
habe ich hier im Blog noch nie ein Geheimnis gemacht. Mein Elternhass
beschränkt sich nicht nur auf meine Lehrerrolle sondern ist auch in meinem
Mutter-Ich verwurzelt.
Ironie und Übertreibung sind wie immer meine Stilmittel
der Wahl. Die Kernaussage bleibt jedoch ganz „unironisch“.
“Früher hätte ich dich
verurteilt. Ich hätte dich für eine selbstsüchtige, egozentrische und oberflächliche
Person gehalten“ sage ich zu meiner besonderen Freundin Sarah, die mit ihrem
Mann Marco überzeugt kinderlos lebt. Sarah schaut mich mit großen Augen an. Früher, das war mein Leben und Denken vor dem Burnout. Ein Leben zwischen
Studentinnen der Pädagogik und Erziehungswissenschaften, die beneidenswert galant
und glücklich Studium und Wunschmutterschaft vereinbarten, indem sie ihre Kinder
in den Seminarpausen wahlweise stillten oder mit Dinkelwaffeln fütterten.
Spielplatznachmittage zwischen Sandkasten und Familienratgeber in der Handtasche
fürs Parkbank-Amüsement. Das war meine Welt. Hier fühlte ich mich angekommen.
„Das kann man sich bei dir
gar nicht vorstellen!“ erwidert Sarah überzeugt. Sarah kennt mich im Heute als
Mutter, die ihre Kinder liebend gerne auch mal länger als vom Schlafen gehen bis zum Aufstehen der Oma überlässt und nicht am
zweiten Tag sofort in Sehnsuchtsgeheule ausbricht. Erwachsenenurlaube,
Kurztrips ohne Kinder und das gute Gefühl, dass wohl alles in Ordnung sein
muss, wenn sechs Tage kein Lebenszeichen aus dem Ferienlager kommt - für mich völlig normal. Kinder am Sonntag
bis zum Mittag im Schlafanzug vorm TV, Frühstück direkt aus der Cornflakesschachtel,
weil man selbst viel zu verkatert von Samstagnacht ist. Auch das kommt vor. Ein
ausgedehntes Hotelfrühstück ohne
nervenden Nachwuchs, der statt sitzenzubleiben lieber die Schuhputzmaschine in
der Lobby an ihre Grenzen bringen will. Herrlich.
Das Leben ist auch schön und
sinnvoll ohne die permanente Anwesenheit indiskreter Spione, die viel zu viele Fragen stellen und
Schmutzfinger rund um den Lichtschalter hinterlassen. Und dennoch: Kinder und Kinderliebe scheinen
ein gesellschaftlicher Zwang zu sein – man darf sie nicht nicht mögen.
‚Sie sind unsere
Zukunft‘ schreit es aus allen Ecken. Von mir aus, Zukunft, los geht’s. Aber
muss ich deswegen alles toll finden, was Kinder tun?
Ich finde noch nicht mal
alles toll, was meine Kinder tun: abends halb elf eine Grundsatzdiskussion anzetteln, Brillen an Bushaltestellen
liegen lassen, Zahnbürsten im Klo runterspülen, Einträge vom Lehrer „übertip-exen“,
Schuhe auf Nimmerwiedersehen auf dem Fußballplatz vergessen? Nicht toll.
Scheiße sogar. Höchstens noch lustig. Wenn die Schuhe nicht all zu teuer waren und
kein Handwerker ran muss, um das Klo wieder instand zu setzen.
Und dennoch liebe ich die
beiden Müllers und bereue nichts. Aber ist mein
Lebensentwurf der Lebensentwurf? Ist
eine Biografie nur mit erledigter Fortpflanzung wirklich ernstzunehmen? Wir leben
im 21.Jahrhundert! Eine Frau hat ein Recht auf den Verwendungszweck ihres
Uterus und Paare müssen heute zum Glück weder verheiratet noch Eltern sein, um
eine eigene Wohnung beziehen zu dürfen.
Ich hätte mir früher nichts
sinnstiftenderes und erfüllenderes vorstellen können als Mutter zu sein. Fast
ein bisschen wie religiöser Extremismus. Heute lebe ich nicht nur bezüglich
meines etwas offeneren Beziehungskonzepts und meiner Einstellung zu queeren Menschen mehr denn je die oft schon „wund" zitierten Worte Leben und leben lassen. Das Leben ist schön – lasst uns verschieden
sein.
Warum nehmen sich viele Mütter in ihrer Rolle so
wichtig? Warum glauben sie, ist ihr Lebenssinn der Lebenssinn aller im gebärfähigen Alter? Und vor
allem, wenn ihr das schon glaubt, warum müsst ihr wie Missionare durch die
Kommentarspalten und Babyshowers dieser Welt ziehen und versuchen, alle mit eurem
großen Glück anzustecken?
Vermutlich wurde dieser
Sinneswandel auch durch meine Erfahrungen als Lehrerin an einer Förderschule
begünstigt. Ich werde in gut jedem zweiten Elterngespräch mit Personen oder
Schicksalen konfrontiert, für die ein kritischerer Umgang mit Reproduktionsfähigkeit durchaus empfehlenswert gewesen wäre. In Deutschland
braucht man zum öffentlichen Ausschank von Alkohol und zum Führen bestimmter
Hunderassen eine Lizenz. Warum nicht zum Fortpflanzen?
Schließlich denke ich, sind
bestimmte Paarkonstellationen einfach nicht für’s Kinderkriegen gemacht. Zwei
Menschen, die wunderbar miteinander harmonisieren und dann den verhängnisvollen
Fehler begehen, gesellschaftlichen Erwartungen zu unterliegen. Pow. Da ist das
Kind. Und puff. Weg ist die Liebe. Weil nämlich pünktlich zum Einzug des
kleinen Querulanten das Mächteverhältnis kippt und nicht mehr ihr bestimmt wann ihr esst, schlaft und duscht.
Wollten das wirklich beide? Oder wollte es nur sie (oder er) und die
Öffentlichkeit, vertreten durch die weinerlichen Stimmen der Verwandtschaft,
die nach eine Babyschale gieren, in die sie mit verklärtem Blick reinhusten
können. Zumindest einer muss sich für den Traum von der Familie vorübergehend
opfern. Es hätte alles so schön sein können, hätte man nur nicht auf die
Nachbarn gehört.
Nachbarn sind das Stichwort,
stellvertretend auch Omas, Schwiegermütter, Schwestern, Tanten, Freundinnen,
Kolleginnen und allen voran natürlich andere Mütter. Sie alle treiben die
Kinderlosen nur allzu häufig mit stereotypen Sprüchlein, gerne fein abgestimmt
an erhobenem Zeigefinger, in den Wahnsinn. Hier das Best-off und die Antwortvorschläge einer liberalen Mutter, die auch überzeugt kinderlose Frauen respektiert:
Denk an deine innere Uhr!
Wie schaut es eigentlich mit deiner inneren Uhr aus? Die scheint irgendwie schneller zu ticken seitdem du Mutter bist.
Willst du mal halten?
Glückselige Wöchnerinnen fragen dies am liebsten mit verzücktem Lächeln ihre Singlefreundin. Säuglinge sind wie Haie, sie wittern Blut… äh… Ablehnung und fangen in der Regel das Plärren an, wenn man sie trägt wie einen staubigen Ziegel zum Baucontainer. Also am besten antworten mit „Ähm, nein.“ Wenn man dazu nicht mutig genug ist, dann einfach kurz halten und sich sehr ungelenk anstellen. Das Problem erledigt sich so von allein.
Warte erstmal, bis du selbst Kinder hast!
Also auf nie warten? Vielleicht will ich ja gar keine? Deswegen geht es mir aber trotzdem auf den Keks, dass deine Kinder mit ihren schmutzigen Fingern, die eben noch bis zum zweiten Gelenk in beiden Nasenlöchern waren, alle Brötchen auf dem Brunchbuffet angrabbeln. Ich hab keine, deswegen sitze ich hier und trinke seelenruhig Latte Macchiato. Du hast welche, also trink deinen Latte aber vergiss deine Brut dabei nicht.
Wann ist es bei euch soweit?
Was soll denn bitte soweit sein? Urlaub ist im Oktober und Februar, Weihnachten wie bei dir am 24.Dezember und Zalando schrieb in der Versandbestätigung Dienstag zwischen 10 und 12 Uhr. Ich versteh die Frage nicht. Ach so, du willst wissen wann ich endlich ein Kind bekomme? Tja, warte – lass uns doch gemeinsam erstmal meinen Menstruationskalender studieren. Vielleicht interessiert der dich auch.
Steht dir aber gut!
Folgt meistens direkt, wenn man nach Spruch 2 nicht den Mumm hatte, einfach NEIN zu sagen. Ich weiß, dass mir das steht. Mir stehen auch Highheels und gekämmte Haare. Die Spuckwindel und der Kotzfleck auf der Brust stehen dir aber auch unfassbar gut.
Wenn du mal alt bist, wirst du seeehr einsam sein.
Hmm, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Wenn ich heute bewusst kinderlos lebe, weil ich in der Lage bin, meiner Existenz auch ohne Hausbesetzer in Gummizughosen einen Sinn zu geben, warum sollte ich das mit 75 nicht auch können?
Im Alter freust du dich über deine Enkelkinder.
Warum sollte ich das tun? Wenn ich heute keine Fettfinger an meiner Glastür haben möchte, dann möchte ich das wahrscheinlich auch mit 60 nicht. Zu guter Letzt bin ich vielleicht froh, dass die Kinder nach dem Studium endlich Kohle für eine eigene Einraumwohnung haben, ohne am Fünfzehnten des Monats Geld bei mir schnorren zu müssen, kann das Kinderzimmer endlich zum Yoga-Tempel oder BDSM-Kämmerchen umfunktionieren und dann wollen sie acht Jahre später womöglich ein Gästezimmer fürs Enkelchen? No way. Übrigens: Enkelkatzen sind auch was Tolles. Die kann auch mal der Nachbar füttern.
Du musst deinen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Denk doch mal an die Renten!
Muss ich das? Leistet doch bitte ihr einen Betrag für die Gesellschaft im Jetzt und erzieht eure Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Erwachsenen, die im Bus ihre siffigen Sneakers nicht auf dem Sitz ablegen. Das Geld, welches ich spare in dem ich mich gegen die kleinen Finanzbremsen entscheide, investiere ich in sinnvolle Altersvorsorge und alle werden glücklich. Wie? Erziehen ist gar nicht so einfach? (Oder wahlweise Spruch 3) Seht ihr, deswegen habe ich keine Kinder.
Kinder geben einem so viel zurück.
Ja, schimmlige Brotbüchsen, teilkaskorelevante Schäden am geborgten Kleinwagen, alle fünf Tage vier Körbe Schmutzwäsche und halbjährlich einen Stapel nicht unterschriebene Mathekontrollen mit Viererschnitt.
Man weiß erst was Liebe ist, wenn man Kinder hat.
Ist das so? Ich möchte behaupten, die Ausmaße meiner Selbstliebe übersteigen locker das nach Abzug von Schlafmangel, Edding auf der Ledercouch und schmerzenden Dellen in Form von Legosteinen in den Fußballen verbleibende Gefühl wahrer Liebe.
Ihr lieben Übermamis, tut
unseren Geschlechtsgenossinnen und ihren potenten Kindermachern ohne
Mitspracherecht den Gefallen und tätowiert nicht nur die Wand hinter eurem Sofa
mit dem Motto „Leben und leben lassen“. Lasst den glücklichen Kinderlosen ihren
Spaß. Es gibt genug andere Muttis, die sich liebend gern mit euch duellieren im
Kampf um Muttermilch, Hirsebrei und Sandförmchen aus Bio-Plastik.
Shitstorm
Ahoi. Am liebsten auf Facebook.