Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Dienstag, 18. April 2017

Monster-Mom: Kindertuning bis zum Burnout



Eltern nerven mich eigentlich immer. In letzter Zeit jedoch besonders und immer mehr. Und weil ich nicht möchte, dass der kritische Leser zu dem falschen Schluss gelangt, ich ziehe alles und jeden durch den Kakao und mag eigentlich nur Schwule, Einhörner und mich selbst, fange ich direkt bei mir an. Weitere Artikel zum Thema "Eltern-Abrechnung" werden folgen...
  
Ich war früher eine völlig bescheuerte Mutter. Schon in der Schwangerschaft mit dem großen Müller habe ich damit begonnen, über wirklich alles nachzudenken, was irgendeinen Einfluss auf den Fötus in meinem Bauch haben könnte.
 
Zum Beispiel zog ich allabendlich gedanklich Ernährungsresümee. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich einen Teil der „Schwangerschaftsoptimierten-Ernährungspyramide zur Anzucht eines maximal gesunden und intelligenten Kindes“ nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Oh mein Gott, zu wenig „Synapsen-Optamin“ oder weiß der Geier was in meinem Mittagessen gefehlt hat. In Ratgeber XY stand, dass das besonders wichtig ist. Es wird für das Ungeborene wahrscheinlich nur zum Hauptschulabschluss reichen. Das Urteil lautet "Schuldig".

Während der Stillzeit setzte sich dieser Gedanken-Irrsinn fort. Aus der „Stillen nach Bedarf“-Empfehlung der Hebamme machte ich Stillen nach Stundenplan. Ort und Zeit legte ICH fest. Der kleine Müller hatte natürlich öfters mal so gar keine Lust aufs Brüste-Boot-Camp. Wahrscheinlich schmeckte er die Stresshormone raus. Mütter, die nicht oder nicht lange genug stillten waren für mich egomanische verachtenswerte Individuen. 
Mein anschließendes Studium über entwicklungs-proximale Beikost und nachfolgend Familienkost erwähne ich hier nur am Rande.

Aber nicht nur das Essen hätte ich am liebsten handgeklöppelt. Der Kauf jedweden Spielzeugs wurde sorgfältig mit der damals angehenden Förderpädagogin in mir abgewogen. Ich kaufte an Weihnachten und Geburtstagen alle Geschenke selbst und verteilte diese dann an sämtliche Tanten, Onkels, Omas und Opas.
Einzig mein Bruder machte mir einmal einen Strich durch die Rechnung als er MEINEM Kind zum ersten Geburtstag einen Miniatur-Spielzeug-Panzer schenkte. Der wurde natürlich erstmal ganz weit weg gepackt. In Kisten, die kein Kleinkind je zu öffnen vermag.

Der Irrsinn gipfelte als ich einmal zu meiner Schwiegermutter, die um mir Jung-Mama Arbeit abzunehmen, ein paar Kinder-Kleidungsstücke selbst mit gewaschen hatte. Ich sagte, dass das zwar lieb sei aber ich alles noch einmal waschen werde, da ich es nicht mag wenn mein Kind nach fremden Waschmittel riecht.
Die Arme. Und so hat sie mich auch angekuckt. Hab ich damals natürlich gar nicht mitbekommen. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, die Entwicklungsschritte meines Kindes minutiös zu überwachen.

Herr Müller durfte zu alle dem natürlich nichts sagen. Der hatte ohnehin keine Ahnung, schließlich hatte er sich nur „weitergebildet“ wenn ich ihn dazu nötigte und ihm Broschüren und Bücher in die Dienstreisetasche packte. ICH war die Mutter UND Fast-Pädagogin, das Kind war MEIN Projekt. In meinem Mutter-Kind-Kosmos war er streng genommen zu viel und so etwas wie ein „Paar“ gab es nicht mehr. Oder doch. Mein Kind und ich.

Nach anderthalb Jahren als selbsternannte Mutter aller Mütter hatte ich im Rahmen einer Kur (selbstverständlich MIT Kind) erstmals Kontakt mit einer Psychologin. „Überreflektiert“ nannte sie mich. Damals war ich noch stolz drauf weil ich nur die Hälfte kapierte. Heute weiß ich, dass das ganz schön gefährlich sein kann. Zugegeben, Selbstreflexion ist nicht jedermanns Stärke. Aber ein Zuviel davon führt in einen Teufelskreis aus Selbstzweifeln.

Beim kleinen Müller wiederholte sich das Schauspiel. Nachdem ich meine tiefe Verzweiflung und Wut überwunden hatte, vom Leben so benachteiligt zu werden und gleich zwei Jungen zu bekommen - So hab ich gedacht, heute schäme ich mich dafür - wo doch das perfekte Bild in meinem Kopf eigentlich einen großen Bruder samt kleiner Schwester beinhaltete, startete ich Nachwuchs-Optimierung Part 2. 

Die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit und Kräfte jedoch zwischen beiden „Kinder-Baustellen“ teilen musste, nagte an mir. Wollte ich morgens um halb sieben mit Neun-Monats-Wampe im Sandkasten hocken weil der große Müller sich das von seiner engagierten Mutter so wünschte, konnte ich dem Fötus keine gute Mutter sein, die ihrem Körper die vom Baby benötigte Ruhe gönnte. Forderte der Mini in seinem „Nest“ nachmittägliche Ruhe ein, konnte ich dem Maxi nicht das täglich notwenige Abitur-vorbereitende Förderprogramm zuteilwerden lassen. Und wieder SCHULDIG!

Als der zweite Müller ein knappes Jahr alt war, hielten die Menschen um mich herum und ich mich selbst nicht mehr aus. 
Station 1: meine Flucht mit dem Kinderwagen. Und alle so: "Irgendwas stimmt mit ihr nicht!"
Station 2: Notbremse Hausarzt. Erziehungsurlaub Herr Müller.
Station 3: Innerhalb der Sitzungen beim Psychotherapeuten lernte ich, warum ich so geworden bin wie ich war. Als Teenager hatte ich eine Essstörung (von der ich bis zum Beginn der Therapie geglaubt habe, sie selbst geheilt zu haben WEIL sich gute Mütter schließlich unter Kontrolle haben). Mein Wunsch, die Kontrolle zu BEhalten und gleichzeitig Anerkennung zu ERhalten war der unterbewusste Antrieb.
 
Darauf, woher dieser Wunsch kam, möchte ich hier nicht weiter eingehen. Als ich dann Mutter wurde, verkleidete sich meine Essstörung. Sie versteckte sich in Eltern-Ratgebern, Nährstoff-Tabellen, pädagogisch- und ökologisch wertvollen Spielzeugkatalogen und Pekip-Kursen. Der Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung blieb der gleiche. Und der Drang danach ALLES kontrollieren zu wollen hatte mich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag in eine Überlastungsdepression, besser bekannt als Burnout, getrieben. Ich grollte gegen alles und jeden, war selbstgerecht und gleichzeitig traurig und kraftlos.
 
Heute geht’s mir gut, meistens zumindest. Den Müller-Jungs samt Herrn Müller übrigens auch. Ja, er ist bei mir geblieben. Verrückt, oder? Ich muss ein klein wenig sentimental werden. Ich bin ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht angepackt und wäre wahrscheinlich immer noch so „drauf“ wie damals.

Was ist aus den Müllerkindern geworden? Der große Müller ist unser Nerd. Liebevoll auch Sheldon genannt. Als sogenannter Under-Achiver macht er uns das Eltern-Leben nicht immer leicht. Dennoch ist er unglaublich empathisch, so gar nicht wie Sheldon. Das liebe ich besonders an ihm. Er hasst Gemüse (obwohl ich mir doch soo viel Mühe gegeben habe beim Brei kochen .. oder vielleicht gerade deshalb). Die Neigung, auf das eigene Recht zu bestehen, hat er wohl von mir. 
Der kleine Müller steht mit der Schule (noch) nicht so auf Kriegsfuß. Seine Art zu nerven, wenn er etwas möchte, fällt unter das Waffengesetz und trotzdem weiß er wie er mit Charme jeden Kriegsverbrecherprozess für sich entscheidet. Mal Diva und mal Don Juan ist er ein echter Charakterkopf.
 
Ich liebe beide, genauso wie ich sie damals liebte. Heute brauche ich aber nichts mehr, mit dem ich meine Mutterliebe definiere. Sie ist einfach da.
 
Kreativität ist überall - man muss sie nur sehen
Ein Abendessen vor dem Fernseher (und kein Tisch-Spruch inklusive Anfassritual), 
eine Polizei-Reality-Doku am Nachmittag (kein zweistündiges Kreativ-Knetmasse-Programm am Küchentisch), 
Mc Donalds nach dem Schwimmbad (keine CO2-freien Bio-Apfelschnitze), 
ein Sonntag im Schlafanzug (anstelle eines Familienspaziergangs) und eine High-End-Schaumstoff-Pfeil-Pistole vom Wunschzettel des Herzens (statt nachhaltige Holzbausteine)
– das alles gibt’s bei Müllers. Mal mehr mal weniger. Und alle sind GESUND und glücklich. Das ist was zählt.

All das macht ein Kind später nicht zum Kriminellen oder Schulabbrecher. Ich hab als Teenager jeden Nachmittag Talkshows gekuckt und mir selbst Fertignudeln gekocht während meine Eltern arbeiteten. Und hey, ich habe Familie, einen Studienabschluss, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und keine Allergien. Außerdem bin ich nicht vorbestraft. Ich bin auch nicht bindungsunfähig weil ich genau wie die Müllerkinder schon früh fremdbetreut wurde. Ich bin seit über 15 Jahren mit Herrn Müller glücklich.

Ich möchte damit weder sagen, dass engagierte Mütter alle Fälle für den Psycho-Doktor sind, noch dass bestimmte Aufwachsbedingungen für eine gesunde Entwicklung keine Rolle spielen. Auch wir lesen vor, helfen bei den Hausaufgaben und kaufen nicht nur Weißbrot und Ketchup ein.

Weiterhin möchte ich MICH nicht als das mütterliche Non-Plus-Ultra verkaufen. Eingangs schrieb ich „ich war mal eine völlig bescheuerte Mutter!“ Ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht immernoch so ist. Wenn dann aber definitiv „anders bescheuert“.
Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch!

Mehr (hobby)psychologische Weisheiten nebst unterhaltsamer Alltagsabsurditäten (manchmal auch als Mutter) gibts bei Frau Müller auf Facebook.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus tiefster Seele.
    Ich glaube ja, dass die Gelassenheit bei der Kindererziehung erst mit der Zeit kommt...am Anfang will doch jede von uns die "Perfekte" Mutter sein...so wie wir es aus Ratgebern und Heile-Welt-Werbungen vorgesetzt bekommen. Wenn dann aber das Leben dazwischenfunkt muss man sich ernsthaft überlegen was man will: chaotisch-glücklich oder angestrengt-Möchtegernperfekt.
    In meinem Fall definitiv ersteres.
    Noch so ein Thema in der Reihe könnte auch der After-Baby-Body sein. Heidi Klum,Kate Middleton und Co.sorgen bei mir für penisdicke Halsschlagader beim bloßen Gedanken an ihr Auftreten kurz nach der Geburt des Babys...

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    1. Danke für dein liebes Feedback. Ich glaube die Erkenntnis, dass das wahre Leben mit Kindern eben nicht wie in der Werbung oder in den niedlichen Babyratgebern aussieht wirft einen dann erst so richtig aus der Bahn... wenn das Konstrukt zerbricht. Was den After-Baby-Body angeht hast du Recht, wobei ich alles in allem denke "jeder wie er mag". Wenn das ganze "Muster-Mami-Drum-Herum" einmal enttarnt ist und man damit im Reinen ist dann einfach "lächeln und winken" ;-) Mit Koch, Nanny, Coach und Schöhnheitschirurg is das doch keine Kunst.
      LG Frau Müller

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