Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 20. Juni 2018

Von Dirtytalk und Hobbygärtnern: Wie man Wünsche verwirklicht und Blümchen tötet ODER (K)eine Anleitung zur Eheöffnung


Ich glaube, ich erwähnte es bereits: entgegen all der Food-, Beauty- und Fitnessblogger schreibe ich nicht um gute Ratschläge und geniale Hacks loszuwerden (außer es ist Blogtober und ich mach mal was Verrücktes), sondern um Geschichten zu erzählen oder Gedanken loszuwerden, die mir durchs Hirn spuken. Präbloggerisch meinten einige meiner privaten Kontaktpersonen, es sei manchmal recht unterhaltsam, mir zu zu hören. Unterhaltsam erzählen. Mehr wollte ich gar nicht. Mir scheint, als schaffe ich das auch das ein oder andere Mal. Und dann erreichen mich eben hin und wieder Nachrichten, die von mehr als nur guter Unterhaltung berichten. Es soll nämlich vorgekommen sein, dass in einigen wenigen Menschen etwas bewegt wurde. Von solchen Prozessen berichtete kürzlich bereits der SchMärz, aber auch ganz abseits der Folterwerkzeuge flattern hin und wieder blaue Umbruchbänder durch die Lüfte...
 
Von allen Artikeln, die im Lehrerzimmer so dahin gehobelt werden, sind die SchMärz-Geschichten sowie alle Artikel mit einem Bezug zur Quattroehe, die mit dem stärksten Feedback. Und entgegen der Erwartungen vieler, hielten sich kritische Äußerungen bezüglich unseres nennen wir es alternativen Partnerschaftsmodells eher in Grenzen. Was muss man eigentlich für einen Shitstorm noch leisten???

Mich schrieben zum Beispiel Frauen und Männer an, die ganz ähnlich leben. Vor kurzem allerding kontaktierte mich eine junge Dame, deren Nachricht mich nachdenklich stimmte. Ich muss dazu sagen, ich nehme mir für alle Nachrichten von Lesern Zeit, diese zu beantworten, so lange sie über ein „Daumen hoch“, „Hallo“ oder ein GiF, in dem ein Teddy mit einer roten Rose winkt, hinaus gehen. Ich beantworte Fragen, wenn ich dahinter ehrliches Interesse und nicht pure Neugierde oder irgendwas Ekliges wahrnehme und der Fragende nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Und soweit ich das kann, berate ich auch im Rahmen meines Erfahrungshorizontes. Beratung ist ein großes Wort. Sagen wir, ich gebe meine Meinung zu einer Problemstellung ab.

Diese Leserin schrieb mir also sinngemäß, dass sie die Art, wie wir unsere Vierecksbeziehung leben, ganz klasse findet und obwohl sie seit einigen Jahren verheiratet ist, die monogame Art zu leben als nicht normal und langweilig empfindet. Sie würde ihren Partner gerne überzeugen, aber das sei sehr schwierig, schrieb sie außerdem. Bei dem Wort überzeugen begann mein Inneres unruhig auf seinem Stuhl herum zu rutschen. 
Was rat man in so einem Fall? Tagelang von nichts anderem reden und wenn es sein muss, laut und deutlich schmollen? Ich denke, diese Strategie funktioniert, wenn es um überteuerte Schuhe, notfalls noch die Wahl des Urlaubsziels oder die Anschaffung einer dritten Katze geht. Bei dem Vorhaben, eine Beziehung zu öffnen, und sei es auch nur ein klitzekleines Stückchen, ist Vorsicht und Einfühlungsvermögen die Mutter im Porzellanladen. Wo bitte gibt es eigentlich einen Porzellanladen?
Wie dem auch sei. Ich habe kein Patentrezept, keinen To-Do-List oder einen Fünf-Stufen-Plan zum Erreichen sexueller Offenheit jenseits ehelicher Grenzen. Ich weigere mich zu sagen: Tu dies oder mach jenes. Menschen und Wege sind verschieden. Und sicherlich erzählt jeder Swinger oder Poly oder anders alternativ lebend und oder liebender Mensch seine Geschichte anders. Nur Sex. Nur Liebe. Sex und Liebe. Allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, mit festen, mit wechselnden Partnern. Jeder sucht sich aus, was er mag. Was alle gemeinsam haben, ist das Einvernehmen. Mit allen Beteiligten.
Was also raten, einer jungen Frau, die nicht unglücklich aber für sich selbst scheinbar langweilig verheiratet ist, mit einem Mann, der sich von Experimenten jenseits der Zweierintimität nur mäßig begeistert zeigt. Ich rate nichts, ich erzähle. Das kann ich besser. 

Bei den Müllers war es eigentlich weniger die Langeweile, als vielmehr der Wunsch danach, einige der blumig ausgeschmückten Dirtytalkgeschichten in die Realität umzusetzen. Dirtytalk ist für mich persönlich schon ein Qualitätsmerkmal für guten Sex, vor allem dann, wenn er über Standard-Pornodialoge wie "Oh ja" und "Mmmh" hinausgeht. 

Diese Art der Gesprächsführung ist für mich eine Art Anzucht von Gesprächskeimlingen. Ihr wisst schon, diese klitzekleinen Sonnenblumenkerne, die man auf der Fensterbank im Joghurtbecher zunächst heranwachsen lässt, um sie später ins Beet umzusetzen. So funktioniert das auch mit Wünschen und Vorstellungen sexueller Natur. Man kümmert sich gemeinsam um das kleine Pflänzchen, achtet ganz sorgfältig darauf, was der andere tut, ob er es gießt oder in die Sonne stellt und richtet sich danach. Bloß nicht überwässern oder vertrocknen lassen. Wenn das Wunschpflänzchen groß genug ist, dann kann man es in den Alltag pflanzen. Beim Autofahren, Kaffeetrinken oder Fernsehen wird weiter sinniert. So kann ein Wunsch durchaus Gestalt annehmen.

Bei Müllers war es zunächst der Wunsch nach einer zweiten Frau. Und der kam wider allgemeinen Erwartens nicht von Herrn Müller. Nein, ein Mann fühlt sich nun mal an wie ein Mann (und das ist gut und richtig so) aber um eine Frau zu fühlen, braucht es nun mal ne Frau. Bis zu diesem Punkt scheint das für die meisten Leser vermutlich keine großen Einbußen für den Mann zu bringen. Aber ihr werdet lachen: wenn man ins Gespräch kommt, trifft man tatsächlich auf nicht wenige Männer, für die es schon eine Hürde ist, die eigene Frau mal einer anderen Frau zu überlassen. Wenn die Herren der Schöpfung dann noch nicht mal zuschauen dürfen, wird’s noch schwieriger…

Der Freundes- und Bekanntenkreis war gedanklich schnell ausgewildert. Nee, dat war den Müllers nix. Was, wenn der Sex mies ist? Werde ich dann jemals wieder mit diesen Menschen unbefangen grillen können?
Erotikforen sind für mich persönlich eine absolute Bereicherung. Dank Nickname bleibt man anonym und kann sich als Pärchen erstmal in Ruhe umschauen, stößt auf andere Pärchen und auch das hilft, das Wunsch-Sonnenblümchen weiter gedeihen zu lassen. Nachdem Müllers festgestellt hatten, dass Frauen, die gerne ein Gastspiel auf ehelichen Laken geben, recht rar sind, orientierte man sich in Richtung zweites Paar. Hier gab es nämlich erstaunlich viele Mitsuchende, deren Wunschkonstellation ähnlich geartet war, wie die der Müllers. Man zog einen Swingerclubbesuch in Erwägung und machte seine ersten Erfahrungen. An anderer Stelle ging ich bereits näher darauf ein (Hier klicken).
Nach diesen ersten Erfahrungen war allerdings erstmal gar nichts so richtig in Butter. Denn das was man sich vorgenommen hatte und das was am Schluss dabei heraus kam, lagen so weit auseinander wie Nord- und Südpol. Plan: ein zaghafter Anfänger-Vierer bei dem sich die Männer zurückhalten und die Frauen Spaß haben, mehr neben- als miteinander. Was tatsächlich geschah: Partnertausch in getrennten Räumen. Die Königsdisziplin sozusagen. Der Effekt: Computernerd läuft Ironman. Nulllinie.

Wie es zu diesem folgenreichen wrong turn kam, habe ich auch bereits an anderer Stelle ausführlicher erzählt. Das Pflänzchen war totgegossen. Und daran hatten zunächst wir beide und danach vor allem die Müllerin Schuld. Weil wir auf falsche Gärtner hörten, die sagten: „Je mehr du gießt, desto schneller wächst die Blume.“ Das kam uns absolut logisch vor. Schließlich waren die beiden Experten. Ab einem gewissen Punkt goss nur noch die Müllerin, so sehr beschäftigt mit dem Gießen, dass sie nicht bemerkte, dass Herr Müller bereits aufgehört hatte zu gießen und mäßig angetan war, angesichts der Emsigkeit seiner Frau.
Wir fanden uns wieder an einem Punkt, an dem Herr Müller grundlegende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des ganzen Versuchs hatte und ich für mich die Feststellung machte, dass ich mindestens auf Frauen nicht mehr verzichten wollte. Schwierige Tage und Wochen und die Beziehung ins Mark erschüttert. An einem Punkt, an dem man feststellt, dass die Bedürfnisse – wenn auch nur scheinbar – auseinander gehen, wird jede Beziehung auf eine Zerreißprobe gestellt. Jemand hat ein grundlegendes Bedürfnis, dem der andere nicht nachkommen kann und oder will. Setzt man die Bedürfnisse durch, verbiegt sich der andere. Stellt man seine Bedürfnisse zurück, existiert fortan ein impliziter Vorwurf, mit dem der andere Partner leben muss. Dünnes Eis für eine Ehe. 

Jetzt könnte man meinen, ein Kompromiss wäre die einfachste und fairste Lösung. Fair möglicherweise. Einfach mitnichten. Dafür wäre es ja zunächst nötig, den Standpunkt des jeweils Anderen zu akzeptieren. Das ist selbst in unserer scheinbar ach so modernen Gesellschaft heutzutage für jemanden, der sich eine Öffnung seiner Beziehung wünscht, nicht ganz leicht, denn Akzeptanz für dieses Lebensmodell findet man nicht mal ebenso am Straßenrand. Im ungünstigsten Fall möchte man in den Augen des Partners also etwas völlig Absurdes und noch dazu Unmoralisches. Etwas, das die Vorstellungskräfte mancher Menschen weit überschreitet und vor diesem Hintergrund zwangsläufig in einer Flut aus Vorwürfen endet: Reiche ich dir nicht?

Wie soll man(n) oder frau also akzeptieren. Letztendlich müssen beide Partner, wenn es zu einem Kompromiss kommt, ein Stück weit von ihrem Standpunkt abrücken. Wie genau das beim tatsächlichen Ausleben des Wunschs nach mehr Offenheit funktioniert, kann ich nicht sagen. Ich kann aber am müllerschen Beispiel beschreiben, wie zumindest der Weg hin zur Offenheit zum Kompromiss wurde.
Ebenso viel Schweigen wie Reden, eine (beruflich bedingte Zwangs-) Sexpause und das Zurückerinnern an das hübsche Pflänzchen, das man gemeinsam groß gezogen hatte, bevor es totgewässert wurde, half den Müllers beim Neustart in Richtung Wunscherfüllung und ausgewachsene Sonnenblume. Ganz ohne Verabredung inklusive Erwartungen besuchten wir den Swingerclub vom Anfang nocheinmal. Wir hatten erstaunlich wenig gesehen von dem hübschen Ambiente bevor wir quasi von den Wölfen in ihren Bau gezerrt wurden. 

An diesem Abend hatten wir Sex, viel Sex und ausgezeichneten Sex. Und ausschließlich miteinander. Diese Erfahrung und die Erkenntnis, dass auch zwischenmenschlich wenig bis gar nichts in unserer Startkonstellation mit den Wölfen gestimmt hatte, ließen das neue Pflänzchen kräftig wachsen. Das Eingeständnis an uns selbst, dass völlig anonymer Sex, bei dem höchstens Vornamen eine Rolle spielen und Sympathien über das gemeinsame Glas Sekt an der Bar nicht notwendig sind, nichts für uns ist, war die eigentliche Öffnung. 

Der darauffolgende Weg, in den Artikeln der Reihe „Friends with benefits“ schon ausführlich beschrieben, war auch nicht ohne jeden Stein, aber wir gingen ihn gemeinsam bis an den Punkt, an dem wir heute stehen und rundum glücklich sind.

Ich bin nicht die Päpstin der Beziehungsöffnung. Und am Rande: so offen ist die Beziehung der Müllers nicht. Wir sind monogam in unserem Viereck und Alleingänge gibt es nicht. Wenn das für einige Schandmäuler und Überdrüssige der eigenen Einöde aus dem Bekanntenkreis schon reicht, um von Orgien zu sprechen, dann bitte schön. Manchmal verrät man damit schon sehr viel über den eigenen Horizont – und wenn dieser nur vom Ortseingangs- zum Ortsausgangschild reicht. Kleiner, nicht verkneifbarer Seitenhieb aus gegebenen Anlass.
Alle, die sich nun durch die knapp 1500 Wörter quälten, auf der Suche nach echtem Mehrwert und einer aus Piktogrammen bestehenden Anleitung zum Selbstbau eines unendlichen Sexuniversums belohne ich abschließend mit den ersehnten Ratschläge – aber nur drei und nur, weil sie aus den müllerschen Erfahrungen wuchsen - die Sonnenblumenkerne sozusagen:
  • Achtet aufeinander und überredet nicht.
  • Das Tempo bestimmt der Langsamere.
  • Ihr beide habt ein Recht darauf, dass der jeweils Andere eure Wünsche ernstnimmt.
Das Leben ist kein Swingerclub.
Manchmal ist auch eine ordentliche
Portion Absurdistan dabei und
schließlich hat vermutlich jeder
seine ganz eigene MüllerMansion.
Den Newsticker aus allen drei
Mikrouniversen gibt's per

Mittwoch, 16. Mai 2018

Spielzeug für Erwachsene, ein hungriger Abend und anders lieben


Ein Artikel, für alle die sich bei all der Theorie fragen, wie man eine Quattroehe ganz praktisch lebt.

„Ich haaaabe was zu berichten!“ platzt es aus Sandra heraus, meiner Fachfrau für Kunststoffnägel, mit denen man auch mehrere Kubikmeter kantigen Kies in neu angelegten Gartenteichen verteilen kann, die man sich aber beim Yoga versehentlich auch mal im Nagelbett bis aufs Blut umkrempelt und dann nur dank meditativ begünstigter Schmerzresistenz nicht alle Mit-Yogis aus dem Shavasana zurück holt. Sandra hat einen Pathos in der Stimme, als hätte sie die letzten drei Nächte mit allen Chippendales auf einmal verbracht. Dabei macht sie mit Armen und Händen eine Geste, vermutlich zum Druckausgleich um nicht zu platzen.

Sandra kenne ich schon lange und Sandra kannte die Quattroehe schon, als Facebook sie noch nicht kannte. Wenn ich spüre, dass Menschen mit der Wahrheit gut zurechtkommen, dann mache ich auch kein Geheimnis aus unserem Lebensstil. Wer Fragen hat, der möge fragen, dann bekommt er auch eine Antwort. Sandra modellierte meine Nägel schon, als die Müllers noch monogam unterwegs waren und als Airbrush-Design noch angesagt war. Um genau zu sein, löste sie den netten Vietnamesen ab, der mir seine undefinierbaren Pinseleien immer mit den Worten „iiist Kuunst“ und diesem charmanten asiatischen Lachen schmackhaft zu machen versuchte. 

Mit Sandra habe ich French Nails, oder wie sie es nennt „Porno-Nägel“, genauso gemeinsam verbal beerdigt wie die Vorgänger von Sarah und Marco. Sandra lebt in ihrer Ehe sicherlich aufgeschlossener als der deutsche Durchschnitt, hat Shades of Grey gelesen aber kritisch analysiert, könnte sich allerdings niemals vorstellen, ihren Mann wenn auch nur kurz, eineranderen Frau zu überlassen.

„Ich habe ein neues Spielzeug, du weißt schon, dieses Teil, das du mal bei Facebook gewinnen wolltest, weil es leogemustert war“, strahlt sie mich an. Ich muss kurz überlegen. Sie hilft mir auf die Sprünge. 
„Ach daaaas! Ich erinnere mich. Ist schon ein Stückchen her. Das hat uns die Dildofee damals vorgestellt. Wir durften nur an der Nasenspitze probieren. Sie hat gemeint, wer das Ding hat, braucht eigentlich keinen Mann mehr. Mir war das Ding schlicht zu teuer.“ 
„Jaaa“, sagt sie, „die günstige Version war jetzt im Angebot, da hab ich zugeschlagen. Also, ich muss sagen... ich wusste nicht wohin mit mir - ich bin unter einer Minute gekommen.“ Dabei rutscht sie aufgeregt auf ihrem Stuhl herum und unterbricht sogar das Feilen.

Wir diskutieren noch ein Weilchen über Sinn und Unsinn von Sexspielzeug. Ich persönlich bin kein all zu großer Fan. Mir ist das Zeug meistens in Nachtschränkchentemperatur einfach zu kalt und mir fehlt das Gewicht eines Mannes, der auf mir liegt. Bei allen Höhepunkten, die ich mir dank Technik und medizinischem Silikon verschaffen konnte, während Herr Müller vor ein paar Jahren einige Wochen beruflich im Ausland verweilte, fehlte mir stets das Gefühl, postorgasmisch gegen circa 80 Kilo anatmen zu müssen. Wenn Zementsäcke nicht so staubig wären, hätte ich in dieser Zeit möglicherweise den einen oder anderen Baumarkt von innen gesehen.

Weil die Müllerin eben aber auch nur eine Frau ist, verfehlt Werbung aus vertrauenswürdigen Quellen in Verbindung mit einem unschlagbaren Sonderangebot ihre Wirkung nicht. Dank des Hermesboten (Zeus hab ihn selig) rappelte es drei Tage später bei Müllers im Karton in neutraler Verpackung.
„Ich hab ein neues Spielzeug, das müssen wir unbedingt ausprobieren“ schreibe ich Sarah und Marco und hoffe dabei vermutlich vergeblich, dass vor allem Sarah vorfreudige Aufgeregtheit aus meiner Nachricht herausliest. 

Ich bin Lehrer. Für das Erziehen meiner eigenen Kinder werde ich nicht bezalht, pflege ich zu sagen. Wie es allerdings oft im Leben ist, gelingen die Dinge besonders gut, bei denen man es nicht zwanghaft perfekt machen will. Das ist der Grund, warum die Müllerkinder recht pflegeleicht sind und so öfters mal bei ihren Kumpels nächtigen dürfen. Gelegentlich geißle ich mich unter der verständnislosen Reaktion Herrn Müllers auch selbst und erlaube fremden Kindern die Übernachtung in der Müllermansion. Punkte fürs Karmakonto und erhöhte Chancen auf kinderfrei Abende in der Zukunft. So auch am Tag des Eintreffens dieses von Sandra so fulminant angekündigten Wundergeräts.

Mal wieder raus aus dem Einteiler und schick essen gehen lautete der Plan. Auch und vor allem deshalb, weil keiner Bock hat, etwas zu kochen. Eine Quattroehe ist eben auch eine Ehe und wenn man nicht aufpasst, verbringt man zu viele Abende in Wohlfühlacryl auf dem Sofa und teilt nur die Freuden des StreamingTV miteinander. Also was Hübsches anziehen und denken: „Als ich den Onesie anhatte, war die Speckrolle noch nicht da.“ 
Danach kurz jammern, nichts anzuziehen zu haben, theatralisch mit dem imaginären Handrücken vor der Stirn in die Gruppe schreiben „Geht alleine. Ich komm nicht mit. Ich hab nichts anzuziehen“ plus Heulsmiley, Totenkopfsmiley und Smiley mit verdrehten Augen und auf ihn gerichteter Pistole und dann etwas aus dem Schrank holen, das man versehentlich eine Nummer zu groß gekauft hat, nur um sich gleich darüber zu freuen, dass das Teil nicht ganz so stramm sitzt, wie man erwartet hätte.

Man wählt ein Restaurant mit Bedacht, in dem die Portionsgröße dem schmalen Grat zwischen Sarahs vernichtendem Gesichtsausdruck bei Hunger und Unzufriedenheit und dem Fresskoma einer belgischen Mastgans entspricht. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass vier Menschen sich die Bäuche haltend, wie gekeulte Robben auf dem Sofa liegen und nur stöhnen, weil jede Bewegung schmerzt bis sie schließlich einschlafen. Ehe eben. 

Der Italiener heute ist aber ein Volltreffer, abgesehen von der langen Wartezeit nach unserer Bestellung, in der wir Sarah mehrfach nur knapp davon abhalten können, die spielenden Kinder zwischen den Tischen in den am Sommergarten gemütlich vorbei rauschenden Fluss zu schubsen und mit ihrem alles durchdringenden Laserblick den mit Tellern für die anderen Gäste vorbei eilenden Kellner in Brand zu setzen. Zerstreuung bereiten uns die verwirrten Blicke der Umsitzenden, über deren Köpfen von Zeit zu Zeit Fragezeichen bezüglich der „Wer mit Wem“-Konstellation immer dann aufploppen, wenn wir die beim Anstoßen üblichen Zärtlichkeiten austauschen.

Zu Hause angekommen geht alles ganz schnell. Zum Glück ist man beim Stillen dieser unanständigen Art von Hunger nicht auf die Motivation und Expertise der Küchenhilfen angewiesen. Hungriger Sex braucht keine Spielzeuge. Es ist ein bisschen so wie der Fressflash am Kühlschrank, bei dem man die Mayo direkt aufs Roastbeef quetscht und alles animalisch in den Mund stopft um es ohne zu kauen runter zu würgen. Der designstarke Neuerwerb aus dem Internetversandhandel für Erwachsene liegt die ganze Nacht mit ungeduldig blinkendem Akku-LED neben dem Bett und sieht Szenen, für die man selbst den Katzen die Augen mit Seife waschen müsste. Letztere gucken allerdings deutlich vorwurfsvoller angesichts all des Keuschens und der rhythmischen Bewegungen. Zu guter Letzt starren sie lieber die Wohnungstüre an. Jeder, der damals seine Eltern beim Kopulieren gehört oder gar versehentlich gesehen hat, kann die Gemütslage der Katzen vermutlich bestens nachvollziehen.

Eine Stunde später liegen vier Menschen nackt im Bett, quatschen und lachen. Lachen, weil sie Szenen aus jenem gemeinsamen Urlaub gefühlt zum tausendsten Mal revuepassieren lassen, in dem ich den schüchternen Darm erfand und Herr Müller erst den fast antiken Schlüssel der ungarischen Toilettentür abbrach, sich anschließend McGyver-mäßig selbst einen Dietrich bastelte und damit für seine Befreiung sorgte, nur damit Marco, dessen Darm kein bisschen schüchtern war, die Tür von innen zu halten musste, während der mit einer Wasserpumpenzange bewaffnete aber weder der deutschen noch englischen Sprache mächtige Vermieter sich an der Tür zu schaffen machte. Hätten wir vor der Tür nicht alle so lachen müssen, wäre es uns vielleicht mit aussagekräftigen Gesten möglich gewesen, dem motivierten Ungaren verständlich zu machen, dass das Problem mit der Tür lange vor seiner Ankunft gelöst war. Lustige Geschichte. Die bekommt mal einen eigenen Blogpost.
Nich Ungarn.. aber auch Urlaub. Und neue Anekdoten aus dem Verdauungstrakt...
„Ach, wir müssen noch das Teil ausprobieren“ meint Sarah, als ihr Blick am nächsten Morgen zwischen all den Armen und Beinen auf den Nachttisch fällt. Das übliche „Kommt mal her, Männer, das wird erst bei euch ausprobiert“ nebst „Verdammt, weg von meinen Nippeln“ und „Ob man da auch Cellulite damit wegsaugen kann?“ können wir uns trotz aller ernsthaften Ambitionen eines objektiven und professionellen Testdurchlaufs nicht sparen. Kurze Zeit später werden wir Zeuge, wie Sarah mit einem angespannt analytisch bis leicht gelangweilten Gesichtsausdruck im Bett liegt, der wahrscheinlich meinem eigenen ähnelt, als unsere Kreditberaterin uns damals den Tilgungsplan erklärte. Dann macht sie dieses kleine Geräusch, dass ein bisschen nach dem Übermut klingt, der Menschen zuweilen bei einer Kissenschlacht packt, die kleinen Härchen an ihrem Unterarm stellen sich auf und der Gesichtsausdruck verändert sich zu jenem, den noch nicht mal Babykatzen, ein SALE-Schild im richtigen Laden, gekühlter Chardonnay in ausgedörrter Damenkehle oder ein heißes Wannenbad nach dem Weihnachtsmarkt hervorzaubert. 

Für mich persönlich gibt es kaum etwas faszinierenderes, als eine andere Frau beim Orgasmus zu beobachten. Noch faszinierender ist es nur, wenn man diesen Orgasmus selbst herbeigeführt hat. Sarahs ebenso nüchtern wie befriedigtes Testurteil: „Ja, macht was es soll.“ wird gefolgt von „Ich hab Hunger. Männer, macht mal Frühstück!“
 
DARUM und aus tausend weiteren Gründen liebe ich meine Lieblingsmenschen. Kaum vorstellbar auf solche Episoden im Leben verzichten zu müssen.
DARUM ist es gut, mit seiner Nageltante nicht nur über Arbeit und Kinder zu reden.
Und DARUM verstehe ich nicht, warum es so viele Menschen gibt, die sich anmaßen, Beziehungen, die von der monogamen Norm abweichen, abzuwerten, obwohl sie diese nur von außen kennen. Ich kenne beides und werte weder das eine noch das andere auf oder ab. Man darf sagen: Meins wär’s nicht. Aber man darf nicht sagen: Eure Liebe ist keine richtige Liebe. Es gibt nur diese eine Liebe. Denn es gibt eben nicht nur diese eine Liebe – man kann verschieden lieben. Und damit meine ich nicht Mehr oder Weniger. Ich meine anders. Ich denke, man muss dafür kein Freak, Egoist, Mitläufer, Hipster oder auch Gegendenstromschwimmer sein, sondern es nur zulassen und natürlich ein wenig Glück haben, auf Menschen im Leben zu treffen, die diese Art von Liebe wecken. Die meisten Menschen haben nur wahrscheinlich keine Antennen dafür  - weil sie sich eher von gesellschaftlichen Konventionen als von ihrem Herzen leiten lassen. Eine klassisch monogame Beziehung ist dennoch nicht weniger wert. Es ist schlicht ein Äpfel-Birnenvergleich.

Mehr "Produkttests", Einblicke
in die Quattroehe und Episoden
aus Absurdistan und der Müllermansion

Mittwoch, 31. Januar 2018

Menschen und ihre Jacken: Monologe, Polyamorie und eine Nähmaschine

Ich muss gestehen: Ich habe eine große Schwäche. Nachdem ich mich mittlerweile selbst nahezu komplett vom Konsum einschlägiger Programmen der Privatsender geheilt habe, greife ich gelegentlich doch noch zu Ersatzdrogen. Vermutlich ist mein Organismus durch meine Arbeit an der Förderschule so stark an sehr niedriges geistiges Niveau gewöhnt, dass der Drang visualisierte Dummheit zu konsumieren, durchbricht sobald ich einige Tage nicht zur Arbeit gehen kann. In den schwachen Momenten ergreift es Besitz von mir, das Kommentarspaltenborderline. In den wildesten Threads einschlägiger Magazine beginne ich Diskussionen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Das Gute an solchen Rückfällen ist, dass Blogposts wie der Folgende Teil eines Gedankenreinigungsprozesses sind...


Ich musste mir eine Jacke anziehen. Dabei war mir gar nicht kalt. Ich wollte gar keine Jacke. Jacken, vor allem sehr dicke Jacken, engen meistens ein. Sie sorgen dafür, dass wir uns bewegen wie Marshmallowmännchen. Oftmals gelingt es mir, um den Jackenzwang einen Bogen zu machen. Und manchmal werde ich schwach. 

Menschen ohne Jacken werden zwischen Jackenmenschen schnell krank und schwach und schließlich sterben sie. Zumindest wenn die Abwehrkräfte nicht stimmen und das Wetter beschissen ist. Und mit den Abwehrkräften ist das so ne Sache. An Apple each day - ihr wisst schon.

Äpfel mag ich nicht.Äpfel sind ein bisschen wie Menschen. Meistens langweilig. Wenn man doch mal einen isst, ist man hinterher enttäuscht. Und meistens sind es diese besonders schön glänzenden, die die sich rausgeputzt haben, die dann in ihrem Inneren so mehlig sind, dass einem der Staub aus den Ohren kommt.

Oft ist es ja auch oft so: Du schaust zum Fenster hinaus, weil du wissen willst, wie das Wetter ist und alle Menschen tragen eine Jacke. Du ziehst dir auch eine an – du tust es einfach, weil alle es tun. Selber darüber entscheiden, hinfühlen und denken „Brauche ich eine oder nicht?“ - dieses Bedürfnis haben wir verlernt.

Das Feine ist: wenn man sich ne bestimmte Jacke anzieht, dann erkennen einen die Leute leichter. Is ganz simpel: du weißt, der mit dem weißen Kittel ist der Arzt und der mit der blauen Jacke ist Dieter Bürgy. Alle anderen sind einfach Menschen. Wäre eigentlich auch schön so. Ist aber nicht so einfach. Weil man Menschen nun mal nicht so einfach einteilen kann. Aber Menschen möchten einteilen und eingeteilt werden. Am eingeteilt werden ist das Schöne, dass man sich nicht so oft neu erklären muss.

Ich hab mir mal die Polyjacke angezogen. Nicht Polyester - Polyamorie. Als ich sie anhatte, dachte ich: Naja, so gut passt die eigentlich auch nicht. Der Reißverschluss klemmt und die Ärmel sind zu kurz. Aber besser als erfroren. 

Das Interessante war: nicht nur die Anderen mit den Polyjacken nehmen mich jetzt wahr, sondern man selbst hat plötzlich auch einen anderen Blick auf die Menschen mit den gleichen Jacken. Die anderen – die Monojacken – interessieren einen eigentlich gar nicht. Das sind viele, richtig viele. Die sind eben da – nicht mehr und nicht weniger. Die tragen halt ne Jacke, wie ich. Nur ne andere. Wenn interessiert es.

Wirklich merkwürdig an den Monojackenträgern ist aber: Sie kucken so komisch. Pah, kann einem egal sein, denkt man. Und ist es auch. Aber wehe man fragt sie, warum sie eigentlich so kucken. 

„Na hast du dich mal angeschaut? Weißt du denn gar nicht, dass wir ALLE diese eine Jacke tragen sollten? Das wissen ALLE. Und du? Hältst dich für was Besonderes? Wie sieht denn das jetzt aus? Alle halten sich dran. Nur ihr mit euren lächerlichen Polyjacken müsst hier einen auf bunten Vogel machen? Wollt wohl unbedingt was Besseres sein? Könnt ihr euch nicht entscheiden? Habt wohl noch zig andere Jacken im Schrank, hä? Wahrscheinlich ist euch gar nicht bewusst, wie kostbar so eine Jacke ist. Wenn man seine Jacke gut pflegt, dann hält die ein Leben lang. Wollt ihr unbedingt abweichen. Das hier jeder die Jacke anzieht die er will, das hättet hier wohl gerne? Soweit kommts noch! Und überhaupt: meine Monojacke war sehr teuer, sie ist mir wichtig. Ohne diese Jacke bin ich nichts! Nackt! Das lass ich mir von euch schrägen Polyvögeln doch nicht kaputt machen!"

Tja, ööhm. Okayyyyy. Hätte ich mal lieber nicht gefragt. Wer ist eigentlich dieser ALLE, der bestimmt hat, welche Jacke akzeptiert ist?
Während dieses Monojacken-Monologs laufen ziemlich viele Monojackenmenschen vorbei. Die meisten rufen Dinge wie:
 "Ja, mal ehrlich!"
"Was denkst du dir eigentlich!?"
 oder "Also ich finde das auch unerhört!"

Einige laufen einfach vorbei, kucken gleichgültig und kümmern sich nicht. Und wenige tippen ihrem Monomitmensch auf die Schulter und raunen: „Fahr dich mal runter, is doch nur ne Jacke.“
 
Der Monomensch schimpft immer noch, er hört gar nicht mehr auf, wird wütend und beleidigend und man selbst geht in der Polyjacke einfach weiter. Vereinzelt trifft man auf andere Polyjackenträger, die einem zulächeln, vielleicht sogar ein Stück des Weges mitgehen, ein wenig netter Smalltalk. Sie haben alle schon mal Monojackenmonologe gehört.

Zur Zeit ist die Grippewelle in vollem Gange und die Jackendiskussion in aller Munde. Du musst dir eine Jacke anziehen, wenn du ein Teil der Gesellschaft sein willst. Ohne geht nicht. Wann immer jemand auch nur zaghaft eine Alternative zur Monojacke vorschlägt, fühlen sich die Herdentiere unter den Jackenträgern bedroht und der Monolog beginnt von neuem. Dabei scheint es, als wird die Polyjacke nur pro forma vorgeschlagen, damit sie alle Welt anschauen kann und feststellt: Näää, das is doch keine richtige Jacke! Ein bisschen wie Haute Couture. Schräg. Trägt kein Mensch.

Hey! Keiner interessiert sich für eure Jacken. Sie scheinen euch zu passen, mir persönlich gefällt das Modell nicht, mir steht‘s auch nicht. Und gut. So what. Tragt doch was ihr wollt.

Warum definieren Menschen den Wert von etwas nicht für sich selbst? Warum glauben sie, sie müssten etwas, dass sie selbst als Norm definieren, durch gesellschaftliche Anerkennung rechtfertigen?

Eigentlich hätte ich mir am liebsten gar keine Jacke angezogen. Niemand sollte eine Jacke anziehen müssen. Man stelle sich diesen bunten Menschenhaufen vor. Keiner weiß, wie der andere lebt und es interessiert auch niemanden. Aber wäre ich dann ins Gespräch gekommen? Hätte ich Leute kennengelernt, die sich auch gegen die Monojacke entschieden haben? Hätte ich vielleicht nie erfahren, dass sich der ein oder andere von ihnen genauso eingezwängt fühlt, wie ich in dieser Jacke? Vermutlich wäre man aneinander vorbei gegangen und nicht ins Gespräch gekommen. 

Aber der Mensch ist ja von Natur aus ein soziales Wesen. Austausch mit Artgenossen und Kommunikation sind intrinsische Bedürfnisse. Es sei denn, der Austausch hat uns müde gemacht. Erschöpfender Empathiemangel, zu viel Selbstgerechtigkeit, zu lange Monologe, die gesprochen wurden ohne je für gegenteilige Meinungen erdacht worden zu sein.

Aber hilft es, die bösen argwöhnischen Gesichter der Monojacken zu ignorieren? Läuft man nicht Gefahr, irgendwann genauso selbstgerecht und voller Misstrauen auf „die mit den anderen Jacken zu schauen“? Ist es nicht viel sinnvoller auf diese Menschen zu zugehen und zu sagen: Hey, chill mal. Deine Jacke ist hübsch aber mir passt die gar nicht.

Mir kommt gerade ein Gedanke: Tragen diese Monomenschen ihre Jacke vielleicht mit so viel Überzeugung, weil es für sie eine Uniform ist? Eine Universaljacke, die aus allen gemeinsam eine große, starke Einheit macht? Was ist ein Heer, bei dem jeder am Tag der Schlacht was anderes anzieht? Es ist machtlos. Weil keiner weiß, wer Freund und wer Feind ist.

Ich kenne Herrn Müller seit 17 Jahren, mehr als vier Jahre davon sind wir verheiratet. Die Müllerkinder sind 7 und 11 Jahre alt. Seit über dreieinhalb Jahren verbindet uns mit Marco und Sarah eine Freundschaft, die den „beste Freunde“-Status weit überschritten hat. Man teilt alles miteinander, auch das Bett. Nur gibt es kein 1+1+1+1 sondern ein 2+2. Das beschreibt am kürzesten, was wir sind. Das Paar ist Partner in einer Beziehung zu einem anderen Paar. Nennt mir eine Schublade, die es dafür gibt. Ich hab noch keine gefunden. Und im Grunde brauchen wir die ja auch nicht. Wir nennen es Quattroehe.


Wir alle vier hatten ganz „normale“ monogame Rollenvorbilder in Kindheit und Jugend. Wir haben monogam lebende Freunde. Wir haben die Entscheidung, wie wir leben wollen, für uns getroffen. Nicht monogam. Soviel steht fest. Aber poly? Ist das so? Polyamorie wird definiert als „Liebe zu mehreren Menschen“. 
Ich als Individuum liebe dieses Paar, bzw. beide einzelnen Personen des Paares nicht wie meinen Ehepartner. Vielmehr empfinde ich mich in Verbindung mitmeinem Ehemann als Einheit, die wiederum eine aus zwei Personen bestehendeEinheit liebt. 
Herunter reduziert auf die Verbindungen zwischen den einzelnen vier Personen wäre es nicht das gleiche. Ein Äpfel- und Birnenvergleich. Hört sich kompliziert an. Ist es aber eigentlich nicht. Denn man lebt einfach. 

Übrigens gibt's auch Polyhosen... oder Einteiler...

Kompliziert wird es erst, wenn man eine passende Jacke sucht und es zu wenig Auswahl gibt. Also schneidert man selbst. Ungeachtet der eigenen Fähigkeiten in Design und Umgang mit Nadel und Nähmaschine. Wir schneidern eine Jacke, die nur uns passt, die dafür aber wie angegossen sitzt.  Eine Jacke - unsere Jacke - in der wir uns wohlfühlen.

„Wie läuft die denn rum?“ 
„Naja, mein Geschmack wäre das nicht, aber wem’s gefällt!“ 
„Wie krass, wo hast du diese geile Jacke her?“ 
Manchmal überraschen uns Menschen, die Jacken, welche sie tragen und ihre Reaktionen auf mutiges Selbstdesign auch. Und manchmal wartet auch schon der nächste Monolog auf uns. 

Gedanken, Anekdoten und
Synapsenkurzschlüsse aus
Absurdistan, der Müllermansion
oder dem Atelier alternativer
Beziehungsformen ;-) 
- gibt's täglich