Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 13. Juni 2018

Todesschränke, Gremlins und eigenwillige Peristaltik ODER Licht und Schatten der Anonymität


Wenn die fürsorglichen Mütter der Nachbarskinder und aus den anliegenden Straßen ihren nach harter Arbeit wohl verdienten Feierabend auf der Hollywoodschaukel zwischen Schmetterlingsflieder und Fingerahorn antreten und die mittlerweile einsvierzig großen Leibesfrüchte mit mehr Plastikmüll in den Hosentaschen als in allen Weltmeeren zusammen, nachdem am ökologisch korrekten, aus heimischen Hölzern von einarmigen Häftlingen zum Zwecke der Wiedereingliederung ins Berufsleben gefertigten Schreibtisch gewissenhaft die Hausaufgaben erledigt wurden, rufen „Mutti, ich geh raus spielen!“, dann antworten die Mütter: „Aber natürlich mein Schatz. Wo willst du denn hin?“ 

Die Antwort der kleinen Nachwuchsbalotellis mit dem runden Leder unterm Arm lautet: „Zu den Müllers!“ Und so lehnen sich die umsichtigen Mamis zurück in die Geborgenheit spendenden Polster des Outdoorrelaxmöbels, greifen zum Pilcher-Schinken und lauschen in die nachmittägliche Ruhe, mit dem guten Gefühl, ihr Kind bestens aufgehoben zu wissen. Die Müllers. Ach. Bei der Lehrerin. Na dann ist ja alles gut.

In meiner Küche gibt es einen Schrank, der familienintern Todesschrank genannt wird. Eigentlich trägt dieser Todesschrank diese Bezeichnung völlig zu Unrecht, denn es war sein Vorgänger in der alten Küche, der einmal versucht hat, mir gleich drei Finger gleichzeitig abzubeißen. Seitdem machte ich einen großen Bogen um diesen Schrank mit der Klappe und dem Feststell-Scharnier, dass so zuverlässig seinen Dienst verrichtete, wie ein Neuntklässler der Förderschule seine Physikkontrollen unterschreiben lässt.

Aber weil jede Küche, nein jeder Haushalt, einen Todesschrank braucht, nämlich auch einen Schrank, in den man so selten rein schaut, dass darin all die Dinge ihren Stammplatz finden, die man sehr wenig oder eigentlich gar nicht mehr braucht, wurde das kleine Fach über Backofen und Mikrowelle in der umgebauten Küche ebenso getauft. 

In diesem Schrank befindet sich neben Backblechen und allen noch original verpackten Anleitungen der Küchengeräte, eine kleine Dose mit grünen Kräutern, die ich einst bei großstädtischen Studentenfreunden gegen eine Babyerstausstattung eintauschte und die mir in Zeiten höchster Anspannung oder einfach Samstagabend per Inhalation ein äußerst entspanntes Gefühl bescheren.

Außerdem befindet sich in diesem Schrank ein roter 40 Zentimeter langer Doppeldildo. Um es vorweg zu nehmen: das Ding war eine Enttäuschung. Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn die Frage, wie dieses anstößige Stück Kunststoff in meinen Küchenschrank kommt, findet der seriöse Leser vermutlich wesentlich spannender. Ich persönlich möchte allerdings zunächst erklären, warum es immer noch dort ist, insbesondere nachdem es vor einiger Zeit dem Herrn Schwiegermüller beinahe in die Hände gefallen wäre, als er spontan das Platzangebot unserer Küchenschränke inspizierte, da er eine Modernisierung der schwiegermüllerschen Kochräumlichkeiten plante.
Panische Blicke zwischen Herrn und Frau Müller, angesichts des in die Tiefen des Schrankes vordringenden Endfünfzigers inklusive. 

Wir hätten ihm ja schlecht erklären können, dass sein Sohn es für eine tolle Idee hielt, seinen beiden Frauen das Teil in den ersten gemeinsamen Quattroeheurlaub mitzunehmen, seine Schwiegertochter beim Auspacken der Koffer angesichts nahender Kinderfüße einfach auf die Schnelle den Todesschrank zur Goodieschublade umfunktioniert hat und wir beide seit dem einfach auf die passende Gelegenheit warten, das Teil weiter zu verschenken.

Vielleicht traue ich mich irgendwann, das gute Stück selbstverständlich anonym verpackt beim Schrottwichteln in der Schule unter die Kollegen zu bringen oder aber ich lerne das Häkeln und mache einen Zugluftdildo oder Türstopper draus. Die Fenster in der MüllerMansion sind allerdings alle dicht. Ja, diese Episode ist um einiges errötender, als die Frage des großen Müllers, was da für ne coole Powerbank auf meinem Nachttisch liegt.

Warum schreibe ich das alles und vor allem: Was um alles in der Welt hat das mit der kleinen Fremdbratze und seiner miese Belletristik lesenden Mutter zu tun? Es ist ganz einfach: wenn diese Mütter wüssten - und ich schreibe bewusst Mütter, denn die eingangs beschriebenen Erziehungsberechtigten stehen exemplarisch für gefühlt alle Eltern der Nachbarschaft im Alter des kleinen Müllers plus minus zwei Jahre - dass ich es bin, die in ihrem Küchenschrank Sexspielzeug und Zauberkräuter aufbewahrt, die zwischen Messern und Gabeln in der Besteckschublade Penisstrohhalme hortet, die mit dem Mann ihrer besten Freundin schläft und mit selbiger gerne um dieWette rülpst, dann könnte ich meine Nachmittage vielleicht auch in wohlverdienter Ruhe genießen, nachdem mich von Berufs wegen bereits am Vormittag plärrende Blagen folterten.

Weil Menschen aber in Schubladen und keineswegs um die Ecke denken können, findet im Garten der MüllerMansion an etlichen Nachmittagen des Sommers so eine Art Woodstock für unter 10 Jährige statt, an dessen Ende ein Schlachtfeld aus riesigen Plastikflinten, Kindersocken, Eisstäbchen und allen Bällen, die in der Garage aufzutreiben waren, zurück bleibt. Die Geräuschkulisse ähnelt einer Achterbahn in Dauerschleife. Dabei scheinen sich diese Kinder, deren Namen ich mitunter noch nicht einmal kenne, zu vermehren wie Gremlins, wenn sie nass werden. Immer wenn man kurz weg und wieder hin schaut, wird die Kindersuppe im Pool dicker.

Sie betreten den Umkleide- und Cafeteriabereich (Bad, Küche, Flur und Wohnzimmer) bevorzugt ohne zu fragen durch die Hintertüre. „Können wir das hier liegen lassen?“ – „Äääh, nein? In meinem Bad ist vielleicht Platz für drei halbfertige Menschen wie euch, aber ich steige ungern über einen kniehohen Klamottenhaufen, wenn ich mal kacken muss.“ 

Ich wollte immer ne coole Mutti sein. Und vermutlich bin ich das auch, immerhin fragt mich das zwölfjährige Müllerkind gerne ebenso wenig verkrampft wie unvermittelt, wozu man eigentlich Sexspielzeug braucht und ob alte Menschen denn auch noch Sex haben. Außerdem würden sich die kleinen Kurzbeine vermutlich nicht so gerne hier aufhalten, wenn es anders wäre. Bei näherer Betrachtung der heutigen Situation, erschließt sich mir der tiefere Sinn meiner damaligen Ambitionen allerdings nicht wirklich.

Ja, das wäre fein. Wenn diese Mütter sagen würden: „Was? Zu den Müllers? Nein, mein Kind – da geh mal lieber nicht hin. Die Frau Müller ist doch Lehrerin. Die hat sich doch auch mal einen Nachmittag verdient, an dem sie nicht von einer unnatürlich großen Anzahl lärmender Kinder umgeben ist.“ Dabei meinen sie das natürlich gar nicht so rücksichtsvoll, wie sie es sagen. Nur möchten sie ihrem Kind eben auch nicht antworten: „What? Zu dieser irren Müllerin, bei der in jeder Ecke Pornokram rumliegt und die mit ihrem Mann und diesen anderen Leuten Sodom und Gomorrha feiert? Zu denen gehst du nicht. Zum Schluss erstickst du vielleicht noch an einem Penisstrohhalm!“ 
Dem kleinen Rambo im Polyester-Trikot ist das ohnehin egal. Müllers haben einen Pool, nen Trampolin und eine Babykatze. Das ist, was zählt. Wen interessieren schon Dildos und Quattroehen.

Aber auch wenn die verlockende Stille und Poolwasser ohne den Schweiß fremder Kinder durchaus einen ernstzunehmenden Anreiz darstellen, Schluss zu machen mit der Anonymität und beim nächsten Elternabend „Frau Müller“-Flyer mit einem QR-Code direkt zum Blog auszuteilen, lass ich es lieber. Denn stellt euch vor, ich könnte plötzlich nicht mehr darüber schreiben, wie amüsant es war, als das große Müllerkind vor einiger Zeit von einer Schwester auf der Krankenhaustoilette seinen ersten Einlauf verpasst bekam, weil ihn eine ordentliche Verstopfung plagte und er mit zusammen gekniffenem Hintern während der Einwirkzeit erst meckerte, dass ich kein feuchtes Toilettenpapier in der Handtasche habe und dann bettelte, dass ich mit ihm noch vor der großen Eruption nach Hause fahre, damit der Herr Heimscheißer in gewohnter Umgebung sein Geschäft verrichten kann.

 Und weil wir gerade bei Fäkalien in ungünstigen Aggregatszuständen sind – auch die Episode, wie der kleine Müller in der Lobby eines thailändischen Fünfsternehotels plötzlich über einer kleinen braunen Pfütze stand, weil er am Vormittag zu viel Salzwasser geschluckt und am Nachmittag einen Furz unterschätzt hatte, woraufhin Sarah, Marco und Herr Müller den verdutzten kleinen Kerl einfach an den Händen schnappten und mit Unschuldsmiene davon eilten, müsste ich euch vorenthalten. Beiden Kindern wäre es vermutlich unangenehm, wenn sie wüssten, dass ihre Mutter ihre zuweilen unzuverlässige Peristaltik wortreich in die Welt hinaus posaunt.

Weil wir aber nun mal die Müllers sind und ich ne gute Mama, unterhalte ich euch weiterhin mit Peinlich- und Schlüpfrigkeiten der ganzen Familie. Dafür ertrage ich die Gremlins in meinem Pool doch gerne.  

Alle für die Öffentlichkeit
eigentlich viel zu persönlichen
Episoden aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe, die es nicht in einen
Blogartikel wie diesen hier schaffen,

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Der unverhoffte Tod des Niveaus - Ein Weihnachtsmarkt-Krimi


Die Einen schauen sonntags in der von Microfaser umfangenen Sicherheit ihres Sofas einsam aber unversehrt einen Mord im Ersten. Die Anderen erleben den Sterbeprozess live in den eigenen vier Wänden - genauso unerwartet wie die Darsteller im Fernsehen. Mit einem einizigen, jedoch nicht ganz unwichtigen Unterschied: Nicht sie selbst verenden qualvoll durch Fremdeinwirken sondern das Niveau wird grausam niedergemetzelt. Drum nehmt euch in Acht, welch unangekündigten Besuchern ihr zukünftig die Tür öffnet, auch wenn sie mit gefüllten Gläsern frohlocken...

Es ist Sonntagabend kurz nach Neun. Ein junger Mann, nennen wir ihn Ben G., möchte nach einer schmutzigen Trennung nicht  alleine sein und hat zwei Kumpels eingeladen. Sie sitzen gemütlich bei einem Bier und Schokorosinen auf dem Sofa, genießen die durch ihre gleichgeschlechtliche Gesellschaft bedingte Freiheit von jeglichen Stylingzwängen und zocken.

Plötzlich zerreißt das Signal der Türklingel die konzentrierte Stille im Kreise der drei Freunde, welche bisher nur durch das leise Rattern der Maschinengewehre des Egoshooterspiels auf dem Bildschirm durchbrochen wurde. Vor der Tür steht Bens übermäßig bis hoch verdächtig gut gelaunter Nachbar, der erst vor kurzem in die Wohnung nebenan gezogen ist, streckt ihm ein Glas mit einer unbekannten aber wohlriechenden Flüssigkeit entgegen und sagt: „Wir haben gerade festgestellt, dass wir deine Wohnung noch nicht besichtigt haben und würden JETZT gerne mal kucken kommen. Möchtest du ein Getränk?“.
  
Ben hat so viel Dreistigkeit von jemandem, den er bisher nur vom Treppenhaussmalltalk kennt, nichts entgegenzusetzen. Außerdem steckt ihm der Trennungsschmerz noch merklich in den Knochen und er kann dem großzügigem Getränkeangebot nicht widerstehen. Just in dem Moment, als aus dem kurzen Zögern des jungen Mannes ein resigniertes Was-soll's-Gefühl wird und er mit dem schwindenen Muskeltonus des Arms, welcher die Tür bis dato nur einen Spalt breit geöffnet hielt, seine Bereitschaft zur Interaktion signalisiert, stürmen sieben angetrunkene und aufgekratzte Personen, von denen Ben im Vorbeirauschen des Geschehens gerade mal zwei flüchtig identifizieren kann, seine Wohnung.

Mittwoch, 6. September 2017

Von Kirchen-Boudoirs, einem Beinahe-Bitchfight und Trekkingschuh-Frauen

Wir nähern uns dem ersten Bloggeburtstag und es wird Zeit, meine virtuelle Werkbank zu entrümpeln, auch weil ich mich augenblicklich in einer kleinen Inspirationskrise befinde - bedingt durch neue Herausforderungen beruflich und hobbymäßig. 
Der heutige Artikel entstand in der frühen Phase des müllerschen Schaffens, hat es aber bisher nie zur Veröffentlichung geschafft. Ich schrieb ihn einst vorrangig um Erlebtes zu verarbeiten. Ihr erinnert euch möglicherweise an den von mir beschriebenen emotionalen Mülleimer, der von Zeit zu Zeit geleert werden muss, damit der Turm oben drauf nicht einstürzt.

Sicherlich habe ich in den zurückliegenden Monaten gelernt, dass sich ein Artikel mit fundamentaler Botschaft leichter verbreiten lässt und einfacher zum Leser findet. Da mir aber die Leser am liebsten sind, die mich lesen weil ich einfach ich bin, gibt es also heute mal wieder etwas fundamental-BANALES aus dem müllerschen Gefühls- und Gedankenyoga. 


Vor einiger Zeit war ich Gast zur Hochzeit meines Bruders. Der MediumMüller war als Mitglied einer stolzen Atheisten-Familie schon in in der Vergangenheit als fahnenflüchtiger Wendehals aufgefallen, als er sich aus eigenem Wunsch taufen ließ, um nicht als einziger aus der 90er-Dorfclique der Konfirmationszeremonie in der Dorfkirche fernbleiben zu müssen. Vier Jahre später trat er aus der Kirche aus, um mit seinem hart verdienten Lehrgeld keine sakralen Pseudonotwendigkeiten finanzieren zu müssen. Knapp zwanzig Jahre später bezeugt er nun seine Ehe vor Gott. Aus Liebe. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich das romantisch oder bescheuert finde. Vermutlich beides.     

Als Atheistin aus Überzeugung bilden kirchliche Trauungen und all die anderen Veranstaltungen, für die man sich eine Stunde bei verletzter Individualdistanz auf völlig unergonomische Holzbänke setzt um einen halbnackten Langhaarigen anzustarren, der von einem Holzkreuz baumelt, für mich immer eine kleine Herausforderung. Beim Gedanken an dieses ganze Gebete und Gesinge bekomme ich Krätze-ähnliche Symptome. Ich denke, irgendwann werde ich oder das Gotteshaus bei einem dieser erzwungenen Zusammentreffen in Flammen aufgehen. Wer von uns brennt erkennt ihr an der Farbe der Flammen und des Rauchs. Ich brenne grün und neble lila. Andererseits bin ich es von Berufswegen gewohnt, den Impuls zu unterdrücken, meinen Mitmenschen mitzuteilen, dass ich an deren geistiger Klarheit Zweifel hege. Lächeln und Winken - was beim Elternabend funktioniert, das klappt auch in der Kirche.

Ich muss allerdings zugeben, dass mich diese uralten Mini-Dorfkirchen immer irgendwie einnehmen. Sie wirken auf mich wie kleine zauberhaftige Lady-Schlösser. Stellen wir uns vor, wir entrümpeln den ganzen christlichen Krempel, statten alles einwenig samtig-plüschig im Boudoir-Stil aus und schon haben wir eine Mischung aus Hogwarts, Cinderellas Schloss und Nobelbordell. Da möchte ich wohnen. Ein paar fette Engel in den Fresken dürfen bleiben, die ganzen altertümlichen Pädophilen mit Umhang und Bart werden schick übertapeziert. Aus dem Altar lässt sich eine prima Bar samt Theke schreinern, in die Sakristei kommt der Weinkeller, das Taufbecken füllen wir mit Eiswürfeln zum Kühlen des Proseccos und statt einem Podcast lese ich immer mittwochs den neuesten Blogartikel von der Kanzel aus. Wer Bock drauf hat kommt einfach vorbei, mixt sich am Altar einen Gin-Tonic und sucht sich einen Sitzsack. Die Kollektebox an der Tür lass ich aber stehen, Kasse des Vertrauens, wenn ihr versteht. Von irgendwas muss ich ja meine Heizkosten zahlen. Hohe Räume haben einen schlechte Energiebilanz. 
Es gibt außerdem ein Rudel Wach-Pfaue, eine freistehende Whirlpool-Wanne und eine überdimensioniertes Himmelbett. Den Friedhof vor meiner Haustür weiß ich zu schätzen, immerhin gibt es dort keine lärmenden Kinder. Nur die Friedhofs-Besucher sollten eben auch über gelegentliche Grillabende und kleine Garten-Partys à la Frau Müller weg sehen können und sich vor allem nicht an meinem Jacuzzi zuschaffen machen. Mir drängt sich die Frage auf: wie lassen sich Grabsteine in ein BierPong-Match einbeziehen?
 
Wie auch immer, ich wohne also der kirchlichen Trauung meines Bruders bei. Das sind die Momente und Ereignisse in meinem Leben, bei denen ich beginne in ausformulierten Sätzen zu denken und mir nichts sehnlicher wünsche als ein hirneigenes Diktiergerät mit Direktverbindung zu Facebook und Blogger.com, in dem Wissen, dass die zu Papier gebrachte Endversion nicht halb so brilliant wird wie mein sprachliches Gedankenspiel just in diesem Moment. Leider. 
Ein Gottesdienst – ausgestaltet von Bruder und Schwägerin der Braut durch Orgelspiel und studierte Gesangeskunst. Ihr kennt das möglicherweise: es gibt Menschen, die können einfach singen. Und es gibt Menschen, die haben singen gelernt. Den Unterschied hört und fühlt man. Gänsehaut vs. Kotzreiz.
Was hätte ich wohl zum  Programm beitragen können? Zu mehr als „Bruder Jakob“ einhändig auf dem Keyboard und vierzeiligen Trink-Liedern nach dem Motto „Der Arsch hat heut‘ Geburtstag, die Titten spieln Klavier“ hat es bei mir nie gereicht. Eine nette Rede hätte ich schreiben können. Mich hat aber niemand gefragt. Warum wohl.

Während alle beten schau' ich mich um. Ich habe selten etwas skurileres gesehen. Selbst die Publikumsplätze zur Einschulungsfeier an unserer Förderschule konnten in mir nicht solche Gefühle zwischen Lachkrampf, Ekel und Faszination wecken. Der Bruder der Braut, auf der Empore - im Rücken die Orgel, sein Instrument - steht an der Brüstung, die Hände vor dem Schoß fromm gefaltet, Augen geschlossen, Kinn leicht gesenkt. Mein Blick trifft ihn vermutlich zur gleichen Zeit wie der meiner Mutter. Bevor wir von unseren Gefühlen übermannt werden, wenden wir uns ab. Sie schaut mich an: mahnender Mutter-an-Tochter-Blick mit belustigt zuckendem Mundwinkel. Mein Gesichtsausdruck: angestrengt bis gequält zwischen stark amüsiert und dem Gedanken an durch unterdrückten Emotionen entstandene Krampfadern.

Wenig später erweist sich meine Platzwahl als besonders geschickt, da ich quasi in Slow Mo und Nahaufnahme eine Träne über die Wange meines Bruders kullern sehe. Ihm entgeht meine schwesterliche Genugtuung nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde wird aus meinem roten Bleistiftkleid ein schickes Rattenkostümchen, in dem es sich prima freuen lässt.

Die Seniormüllers fühlen sich vermutlich ebenso deplatziert wie ich an diesem Ort. Da fällt mir auf: ich bin die einzige von drei Geschwistern, die meinen Eltern den Gang zur Kirche konsequent erspart hat. Meine Brüder taten es für die Christin, mit der sie das Bett (und sonst so alles) teilten bzw. teilen. Im Umkehrschluss hieße dass, ich hätte einen gläubigen Mann heiraten müssen. Wo hätte ich den kennenlernen sollen? Auf dem Kirchentag? Oder zu meiner eigenen Verbrennung? Wartet kurz - ich muss noch fertig lachen. Ich kann mir jedenfalls nichts abwegigeres vorstellen. Meine Familie auch nicht. 
Zur anschließenden Feier der Vermählung geht der Culture-Clash in die zweite Runde. Die Braut aus gutem Hause. Der Bräutigam: sagen wir aus speziellem Hause, Prädikat Müller. Die Metabotschaft der eigens für das Brautpaar zusammengestellten Fotoshow bringt es auf den Punkt. Fotos von ihr auf der Schulbühne, im Familienurlaub, zum Abschluss und mit Musikinstrument. Fotos des Bräutigams: beim Feiern und in Augenhöhlen geklemmte Bierdeckel. Ihr kennt das.

Der Tisch, an dem ich mit meinen anderen Familienangehörigen sitze, wirkt wie die Raucherecke auf dem Schulhof dieser Feier. Wir sind die selbsternannten Coolen, aus den Fenstern des Lehrerzimmers beobachtet und immer nicht an sondern ein wenig über der Grenze des guten Geschmacks, aber die Einzigen die Stimmung machen. Wir tanzen einen improvisierten Flashmob und wünschen uns vulgäre Musiktitel, für die sich sogar der DJ schämt. Selbst der Seniormüller tanzt im Rollstuhl mit, von seiner Frau und mir mit den Cheerleaderpuscheln aus der Fotokiste hart gefeiert...

Das Hauptmotiv in Teeniefilmen sind fast immer unüberwindbare Differenzen zwischen dem Quaterback der HighSchool-Football-Mannschaft  und dem Obernerd oder eben zwischen der Chef-Cheerleaderin und dem Mauerblümchen. Jeder Protagonist braucht einen Antagonist und so findet meine Figur, die Quaterback-Cheerleaderin im roten Edelnutten-Kleid, ihre Gegenspielerin. 
Die Schwägerin der Braut ist sozusagen mein Pendant. Diese Frau hat es nicht nötig ihren Selbstwert, welcher Hulks Oberarmen gleicht, durch schnöde Äußerlichkeiten aufzubessern. In ein sackförmig-erdfarbenes Kleid gehüllt, mit einer Frisur die in Form und Farbe an das erinnert, was emsige Rentnernachbarn zuweilen vormittags aus dem Rinnstein kehren, schwebt sie auf einer Wolke aus beigefarbener Selbstgefälligkeit über der gesamten Festgesellschaft. So unnahbar wie der Kannibale von Rothenburg hockt sie lauernd auf einem Stapel unsichtbarer Lexika und wartet nur darauf den allgemeingebildeten Pöbel die Nase abzubeißen. Weltliche Wesen kommen der Eiskönigin aus Angst vor Spontanerfrierungen gar nicht erst zu nahe. Angesichts ihrer augenscheinlichen Schwangerschaft fragt man sich, wie um alles in der Welt dieses Kind entstanden sein kann. Kaum vorstellbar, dass eine so asexuell wirkende Person etwas Weltliches und Triebgesteuertes wie Geschlechtsverkehr über sich ergehen lassen hat. Ach ja, da war ja diese Bibelstory von Maria mit dem magical Uterus.  

Schulden auf ihrem ohnehin schon leeren Sympathiekonto bei mir macht sie, als sie den von mir großzügig und wohlwollend zur Verfügung gestellten Penisstrohhalm verschmäht. Auf eine Geste höchsten Wohlwollens meinerseits antwortet sie mit einer Todsünde. Halloooo! Es ist ein Penis! Verdammt, wie wird man denn bitte schwanger wenn man ein Problem mit Penissen hat? Stimmt, der Zauberuterus. 
Jemand, der meinen Kleidungsstil als "irgendwie nuttig" definiert, selbst aber die Ausstrahlung einer Kehrschaufel Asche hat, schafft es nicht nur auf meine schwarze Liste der Antipathie, sondern er erwirbt damit eine Dauerkarte für Rang 1 auf dieser. 
Versteht das nicht falsch! Wenn der „Nuttig-Stempel“ aufgedrückt wird, bedeutet das für mich gemeinhin, dass der Arbeitsauftrag erfüllt ist aber diese Frau mit dem Charme eines Trekkingschuhs kann das doch gar nicht beurteilen! 

Richtig, ein Trekkingschuh. So überflüssig diese Studentin in fünfzig Grau-Tönen auch ist, sie hat mir dennoch diesen bahnbrechenden Vergleich beschert als sie am Morgen nach der Feier mit ihrem Mann in eben genau diesem Schuhwerk gleich im Outdoorjacken-Partnerlook zum Frühstück erschien. Ich danke ihr, denn Frau Müller liebt solche Vergleiche. Sie regen sie zum sinnieren an.

Ich denke darauf herum. Eine Frau Typ „Trekkingschuh“: der Charme-Score liegt im Negativ-Bereich, es gibt sie nur in gedeckten Farbtönen, man kann das Geschlecht kaum erkennen und braucht sie nur für Dinge die man eh kaum oder nur ungern tut – diese Merkmale passen auf die Frau ebenso wie auf den Schuh. 
Der Schuhschrank im Familienkreis ist prall gefüllt und von jedem Modell ist was dabei. Die gestrige Braut beispielsweise entspricht für mich dem Modell Ballerina. Aufs Mindeste reduziert, sportlich-elegant, praktisch aber trotzdem feminin. 
Meine zweite Schwägerin ist ein Gummistiefel: robust, nicht sehr ladylike, kaum zu kombinieren aber leistet treue Dienste wenn man durch die Scheiße muss und hält immer dicht. Gummistiefel sollte jeder haben. 
Meine Cousine, gebeutelt von zwei anstrengenden Kindern und einem missratenen Mann, entspricht meinen ehemaligen Lieblings-Pumps: in früheren Zeiten schön und elegant mit viel Charme und nahezu mit allem kombinierbar. Heute lässt einen der ausgelatschte Anblick, wenn man alle paar Jahre mal zum hinteren Teil des Schuhschranks durchdringt, wehmütig in längst vergangenen Zeiten schwelgen. Dieser Mann neben ihr ist wie ein Kaugummi unter den Sohlen, der einen daran hindert, die Schuhe einfach zum Schuster zu bringen. Jemand sollte dieses klebrige Ding endlich abkratzen.

Meine besondere Freundin Sarah hört sich meine Theorie gespannt an und meint abschließend: „Ich trau mich gar nicht zu fragen, welcher Schuh wir dann sind“. 
In der Tat, eine gute Frage. Denken wir also nach. 
Wir sind Schuhe, die erstmal grundsätzlich nicht jeder tragen kann, weil man dafür SpecialSkills benötigt. Wir haben einen schmückenden Effekt, über den der eine oder andere zu streiten vermag und sind nicht zu jeder Gelegenheit wirklich angemessen. Führt man uns dennoch aus und lässt den Anlass unbeachtet, muss man damit rechnen, dass man auffällt und das nicht bei jedem positiv. Kenner bezeichnen uns wohlwollend als „irgendwie nuttig“ und wir verstehen das Kompliment dahinter, die Anderen stellen uns dasselbe Prädikat aus und glauben uns damit verunsichern zu können. Wir eignen uns insbesondere für sitzende und vor allem liegende Aktivitäten, fürs Gehen mit uns sollte man viel Übung haben. Auch wenn es eigentlich viel zu einfach klingt: Der einzige Schuh, der auf diese Beschreibung zutrifft, ist ein knallroter 14cm-Highheel in Velourlederoptik mitPfennigabsatz.

 
Und jetzt seid ihr dran - rechnet eure Freunde und Familienmitglieder in Schuhmodelle um und lasst einen Kommentar da. Auf dass sich der Schuhschrank fülle.
Sollte ich mit dem heutigen Artikel irgendwen meiner Familie irgendwie verletzt haben - lest nochmal. Irgendwo ist ein Kompliment an euch versteckt - ihr müsst es nur finden. Jedenfalls liebe ich ALLE meine Schuhe. 
Wer nicht verpassen will, 
wenn ich mal wieder was WICHTIGES schreibe,