Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Posts mit dem Label Prosecco werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Prosecco werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 18. Juli 2018

Sektsklaven, Arschfummel und gerettete Augenbrauen - wie man einen Junggesellenabschied feiert ODER Wer braucht schon eine Braut



Es ist Sommer und damit Hochzeitshochsaison. Zu den traditionellen Must-Haves eines jeden Vor-Hochzeits-Horrors gehört ein zünftiger Junggesellenabschied...

Junggesellenabschiede scheinen sich sowohl bei einigen Teilnehmern als auch bei Beobachtern keiner großen Beliebtheit zu erfreuen. Wenn wir auf ein solches Grüppchen treffen, wechseln wir wenn möglich sofort die Straßenseite, schauen angestrengt in die andere Richtung oder schubsen die Freundin nach vorn, wenn es darum geht, dem stark alkoholisierten Bräutigam in Spe ein Herzchen aus dem Schritt seines rosa Schlüpfers zu schneiden.

Auch man selbst empfängt die Nachricht, Teil einer solchen „Bauchladen-Fremdschäm-Aktion“ in der Fußgängerzone zu werden, ähnlich freudvoll wie einen positiven Streptokokken-Abstrich. 
Frau Müller sagt: KOMMT DRAUF AN!

Ein erfolgreicher Junggesellenabschied ist in etwa wie Eintopf kochen. Zu allererst – und das ist ganz wichtig: genauso wie ein Eintopf mit oder ohne Fleisch schmecken kann, funktioniert ein JGA mit oder ohne Braut bzw. Bräutigam. Man muss sich einfach herantrauen an solch eine vegetarische Variante .

Wir hatten vor zwei Jahren einen äußerst legendären echten Junggesellenabschied. Höhepunkte waren mehrere Flaschen Sekt, spendiert vom regionalprominenten Baulöwen gesetzten Alters, die in Teilen aus Pumps getrunken wurden, der Bräutigam in Socken, Schlüppi und T-Shirt mit "SALE"-Aufdruck im Schaufenster einer Teenager-Modekette, der gemeinsame Ausklang beider JGAs (Braut und Bräutigam) im Stripclub, bei dem die Braut von einem irritieren weiblichen Gast gefragt wurde „wieviel sie hier an einem Abend verdient“, ein von unserer frisch getrennten Freundin an der Bar abgeschleppter Chirur, der auch prima Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen drauf hatte und das finale Versacken mit allen Beteiligten um morgens halb fünf im Hotelbett. Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen dann der Beschluss: war scheiße - das machen wir mal wieder! 
Völlig egal, wenn niemand heiratet geht es auch ohne Brautpaar. 

Die Sache mit dem Bauchladen ist wie Wirsing – da kann man drauf verzichten, da steht eh kaum jemand drauf und der Effekt ist nicht wie erwartet. Die Teile funktionieren wie Freddy Krügers Klingenhände. Erst sie machen das Ganze so abstoßend. Es reicht völlig gut auszusehen und in der Gruppe aufzutreten. Damit erweckt man genug Aufmerksamkeit.  

Stichwort "Gut aussehen": ALLES was ihr beim Versandriesen unter dem Suchbegriff "Junggesellenabschied" angezeigt bekommt. gehört NICHT dazu. Damit übt ihr eher eine abschreckende Wirkung aus, die im Wesentlichen darin besteht, dass die Menschen an den Tischen der Straßencafes angestrengt in ihrem Latte rühren sobald ihr in Sichtweite gelangt.

Dann ganz wichtig: KEINE Schwangeren oder Stillenden! Tut mir leid wenn ich das so proletenhaft sagen muss aber: Alkohol ist das Salz im JGA-Eintopf. Ja, manch eine Wahrheit muss ausgesprochen werden, auch wenn sie den Sprecher nicht gerade auf das Level eines Philosophen hievt. Und kommt mir nicht mit "Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein". Das ist wie Jodeln - nur ein Bruchteil der Personen, die behaupten sie könnten dass, können es tatsächlich.

Zu viele Drinks sind auch nicht gut. Es kann nämlich passieren, man legt sich unter massiven Alkoholeinfluss nur ganz kurz im Hotelzimmer hin um später selbst durch laute Klopfattacken nicht zu erwachen, so dass das Gruppentaxi ewig wartet und eine Befreiung erst durch eine an der Rezeption erbettelte Schlüsselkarte möglich wird. Manche Aktionen verlieren durch zu viel Alkohol auch ihren Charme. Unwiederbringlich weggeworfene Schlüssel von Fußfesseln oder abrasierte Augenbrauen zum Beispiel. Alles schon erlebt. Mindestens einer oder eine sollte die JGA-Mutti machen und eingreifen, bevor der Tätowierer die Maschine ansetzt. Der Shitstorm des Moments ist nicht aufzuwiegen mit lebenslanger Dankbarkeit.

Mit zu wenig Sekt schmeckt der Eintopf aber fade und wird nicht aufgegessen bzw. alle sitzen um halb elf im Zug und fahren nach Hause. Auch schon erlebt.

Ich hörte sogar schon von Junggesellinnenabschieden, bei denen Mütter ihre Kinder mitnahmen. Hallo? Ein Kinderwagen zum JGA ist ungefähr so passend wie mit einem BobbyCar an einer Ausfahrt der HellsAngles teilnehmen zu wollen. Kann man zwar machen aber das führt dazu, dass die ganze Gruppe nicht mehr ernstgenommen wird. Ein Junggesellenabschied ist nicht wie Kacken gehen. Wenn sich das große Geschäft ankündigt, dann MUSS man halt, notfalls mit Hosenscheißer neben der Kloschüssel. Kollektiv auffallen KANN man auch aufschieben und auf einen Zeitpunkt termineren, zu dem sich die Küken ihre Würmer selbst suchen können und nichts von Mama in den Hals gesteckt bekommen müssen. Notfalls lasst ihr die Glucken einfach daheim.

Ganz wichtig ist noch das Ambiente in dem der Eintopf serviert wird, so wie man in einem Nobel-Restaurant niemals auf die Idee käme, Eintopf brotstippenderweise vor sich hin zu schlürfen sondern das eben eher bei Mutti auf der Eckbank tut, sollte man einen JGA oder Pseudo-JGA (die vegetarische Variante ohne Brautpaar) nicht in die Fußgängerzone der Kleinstadt verlegen. Ein Junggesellenabschied im Einkaufscenter? Leute, ganz ehrlich, wenn das euer Makrokosmos ist, was ist dann der Mikrokosmos? Euer Nachttisch?

Man nehme also zum Beispiel großstädtisches Flair garniert mit dem regenbogenfarbenen Glitter des Christopher-Street-Days. Dies bietet Raum für öffentlich konsumierten Alkohol, viel nackte Haut, obszönes Verhalten und Phallus-Symbole auf offener Straße. Man muss sein Rezept unterscheiden von Standard-Eintöpfen, damit es gegessen wird und auch Kritiker mal kosten. Also keine Schärpen, rosa Krönchen und „Xy heiratet“-Tops sondern schwarze Mini-Fummel mit sehr hohem Nuttenfaktor und für den Trash-Bonus ein Gruppen-Regenbogen-Arsch-Tütü! Ich hab mich umgeschaut: Wir sind die Geilsten hier.


Für unseren vegetarischen Bitch-Barbie-Eintopf fehlt nur noch diese eine besondere Zutat, sozusagen das gewisse Etwas: wie Ingwer, Muskat oder Creme Fraiche. Also werfen wir noch einen niedlichen devoten Schwulen in den Topf, der es liebt sich mit schönen Hetero-Frauen zu umgeben und von uns allen die größte und einzig wahre Hure ist - und das mit Stolz und nach eigener Aussage! 

Irgendjemand muss ja den Trolly mit den Prosecco-Dosen und Einhorn-Lollies ziehen. Rick, unser homosexueller Haupt-Sekt-Sklave der ersten Stunde hat im Vorfeld weder Kosten noch Schmerzen gescheut und zusätzlich zur Hyaluronsäure-Implantation am Augenknochen täglich Termine zur permanenten Haarentfernung auf sich genommen. Kaum zu glauben, dass er – der seinen Beauty-Doc auch gerne mal mit der anderen „Spritze“ von hinten an sich ran lässt wenn die Botox-Dosis dafür umsonst ist - zumindest dann mal rot wird, wenn er in Hündchenstellung auf dem Behandlungstisch kniet um sich auch den allerletzten kleinsten Flaum permanent entfernen zu lassen.
 
Rick ist unser Mädchen für alles. Er pilgert los und holt Wasser, wenn unser Küken feststellt, dass der Pegel ungewohnt hoch ist, er mimt bereitwillig die Braut wenn mit Google geplante JGAs die Botschaft unseres Grüppchens nicht so ganz verstehen und geht in erbitterte Preis-Verhandlungen, wenn wir mal wieder als begehrtes Foto-Motiv herhalten müssen. Notfalls streckt er dem Fotopirat energisch die flache Hand gegen die Linse. Im Übrigen sorgte dieses wirtschaftliche Talent am Ende für eine prall gefüllte Schwarzkasse und das ohne dass wir ursprünglich Gewinnabsichten hatten. Zum Dank darf er sich von uns an der Leine führen lassen und sich mit uns schmücken. Oooooh my fucking goooooood – wir sind sooo awesome!

Der Eintopf köchelt vor sich hin – mit der Mengenzusammensetzung der Zutaten hat jedoch der ein oder andere seine Probleme. Es ist Sellerie. Nicht jedermanns Sache. Wichtige Benimm-Regel: Versohle dem besoffenen Junggesellen und seinen Kumpels den Arsch, so dass er sich nach dem Ausnüchtern durch die blauen Flecken daran erinnert, dass er in der Fußgängerzone blank gezogen hat, aber zieh ihm in Gottes Namen nicht die Hose ganz runter. Das will KEINER sehen. Also ich mag Schwänze nicht so gerne ankucken, wenn sie schlaff an einem Besoffenen mit Strohhut runter baumeln. 
Korrekt wäre ein divenhaft-abweisender Gesichtsausdruck gepaart mit der Peitsche in den verschränkten Armen und die Aussage über sich selbst in der 3.Person: „Die Domina hat jetzt keine Lust!“ gewesen, nur um sich dann doch für ein paar Schläge herabzulassen. So fühlt sich der Gepeinigte geehrt und nicht vergewaltigt. Das hat Stil.   
Was bleibt vom Sellerie ist der Nachgeschmack  - wie die Aussage „Sonntag ist mein Tag. Da dusche ich und kuck mich im Spiegel an!“, ein Satz der uns allen noch heute Muskelkater in den Denkfalten auf unserer noch ungebotoxten Stirn verursacht.

Wie auch immer, Eintopf geht immer – und lecker war es trotzdem irgendwie. Wir werden am Rezept feilen. Vielleicht etwas weniger Sellerie, dennoch vegetarisch. Wir brauchen die Braut wie der JGA den Bauchladen – sowas von gar nicht.  Mal sehen was uns noch so an Geheimzutaten einfällt. Glitzer und Regenbogen geht immer. Und Einhörner. Um Himmels Willen, vergesst die Einhörner nicht! Und nein! Flamingos sind NICHT die neuen Einhörner. Weil Äpfel auch nicht die neuen Birnen sind. Wo kommen wir da hin!

Schau bei Frau Müller auf Facebook rein 
wenn du keine Angst vor Einhörnern hast. 
Wenn du ein Einhornphobiker bist - 
Tu es trotzdem. 
Ängste sind da um besiegt zu werden.
Tatsächlich enthalten höchstens 0,35% aller Posts Einhörner.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Schuldige Luftballons, fehlende Spirituosen und Magic Mike im Kinderwagen: Kinderfeste sind kein Spaziergang


Ich bin stets bemüht, den möglichst vielseitig interessierten Leser anzusprechen. Daher finde ich auch nichts daran befremdlich, direkt nach einem Artikel über Swingerclubs und Wege zur Eheöffnung eine Story über Kinderfeste zu veröffentlichen. Auch wenn ich es mir manchmal gerne anders herum wünsche: derzeit besuche ich letztgenannte Veranstaltungen öfters als die körperbetonte Erwachsenenvariante. Das liegt primär daran, dass die Müllerkinder leider immer noch nicht aus dem Alter heraus sind, in dem man bei Hüpfburgen den Spaß und nicht die Bakterien sieht und sekundär an Sarahs „Robbenmann“-Trauma vom letzten Clubbesuch. Letztlich leben Müllers in einer Art Scheindemokratie, in der man zumindest manchmal den Kindern Mitspracherecht bei der Freizeitgestaltung einräumt (und sei es nur für's Gewissen), Sarah und Marco haben als Gegenstück der Quattroehe so eine Art doppelte Staatsbürgerschaft und nehmen nicht an jedem Entscheid teil, entgehen dadurch aber auch in der Mehrheit der Teilnahme an Kinderfesten. Das ist auch gut so. Für die Kinder. Und vor allem für Sarah.

Schon vor über 30 Jahren schafften es solche Events nicht, mir ehrlich positive Emotionen zu entlocken.
Meistens läuft es ja so: Man fährt einige Wochen täglich auf dem Weg zur Schule möglichst so schnell an den Plakaten für solche Veranstaltungen vorbei, dass man hofft, die Kinder könnten auf Grund der Geschwindigkeit die quasi vorbeifliegenden bunten Buchstaben und Clownsnasen nicht erfassen. Irgendein Kind aus der Klasse posaunt dann aber heraus, dass es mit seinen offenbar distanzgeminderten und grenzwahnsinnigen Eltern genau dieses Fest am Wochenende besuchen wird und so nimmt das Unglück seinen Verlauf. „Mutti, da könnten wir doch auch mal hingehen.“ „Wir könnten es aber auch lassen.“ - „Aber…!?“ Hat also wieder nicht geklappt.

Man hofft bis wenige Minuten vor dem Aufbruch zum bunten Reigen aus Schmetterlingen mit Zahnlücken und rothaarigen DarthVaders zumindest auf meteorologische Kooperation obwohl einem unterbewusst völlig klar ist, dass es schon Scheiße regnen müsste, um die Kinder noch von ihrem freudbetontem Plan abzubringen. Ist ja eigentlich auch egal ob es regnet oder arschkalt ist, wir sind ja eh im Bubblefußball. Dass Frau Mutter nur knapp an einer Nierenbeckenentzündung vorbeischrammt, während sie Jacken und Rucksäcke haltend wie ein Lakai im Matsch wartet, weil unter allen schützenden Bäumen Gruppen aus Müttern mit Babybäuchen oder Kinderwagen stehen, wird billigend in Kauf genommen.

Schon mehrfach habe ich direkt beim Erblicken der ersten Menschenansammlungen im Umfeld solcher Festivitäten leidvoll feststellen müssen, dass ich schon wieder den Flachmann vergessen und noch nicht mal Zugriff auf einen Handtaschenprosecco habe. Freilich kann man diesen groben Planungsfehler niemandem anderen außer mir selbst zur Last legen. Dass sich der Alkoholausschank bei Familienfesten allerdings in der Regel auf Bier und süßen Sekt beschränkt, betrachte ich als groben Affront.

Man kann sich im privaten Umfeld andere Eltern und Kinder so gut es geht vom Hals halten, indem man den notwendigen Smalltalk auf ein „Hallo“ beschränkt. Als Lehrer allerdings ist man quasi dienstlich zu mehr als einer Begrüßungsfloskel verpflichtet. Da die Mehrzahl der Eltern und Kinder Dienstpflicht von echtem Interesse allerdings nicht unterscheiden können, wird einem in der Freizeit oft unmenschlich viel Interaktionsbereitschaft abverlangt. 
Mein Lehrerdasein und die dienstlich verpflichtende Bekanntschaft mit den Eltern der geschätzten Schülerpersönlichkeiten ist übrigens auch ein tragender Grund für den großen Bogen, den ich um öffentliche Badeanstalten mache. Ich möchte Frau Meier weder im Badeanzug sehen noch ihren sieben Kindern dabei zuschauen, wie sie sich endlich mal ihre schmutzigen Ohren waschen.

Hier auf dem Land ist ein Kinderfest ja immer auch ein Ereignis, dass sich nicht allein durch die Anwesenheit der unfertigen Menschen im Arbeitstitel sowie ihrer Erziehungsberechtigten definiert. Wenn sonst nichts los ist, trifft man dort nämlich auch die pubertären Möchtegernerwachsenen, die sich in Ermangelung eines Autoscooters immer noch lieber im Dunstkreis einer Bastelstraße aufhalten, als zu Hause zu sein. 
Während ich mir morgens beim Einlass vor der Schule einen Spaß daraus mache, ihnen ein Guten Morgen abzunötigen indem ich möglichst durchdringend beim Grüßen mit Aufforderungscharakter unter ihre Basecaps oder durch das Makeup starre, genieße ich es in der Öffentlichkeit außerordentlich, wenn die reifenden Persönlichkeiten lieber Abstand halten. Das tun zum Glück die Meisten. Es gibt aber auch Individuen wie Justin. Ich schrieb bereits schon einmal eine ausführliche Abhandlung über den distanzgeminderten Jugendlichen. Nein, nicht der Justin aus der Dritten, den die Polizei abführen musste, sondern der große Justin, der mir einmal einen kompletten Einkauf kommentierte wie Béla Réthy ein WM-Spiel.

Auf diesen Justin treffe ich auch heute. Schon von weitem sehe ich ihn am Fußweg vor dem Einlass stehen und schaue angestrengt in die geschätzt 150Grad Blickwinkel, die sich mir jenseits seines Anblicks bieten. Ich bin ja kein Arsch und definitiv hätte ich ihm huldvollerweise mit dem Standard-Hallo im Vorbeigehen bedacht, wollte aber äußerst gerne auf überflüssigen Blickkontakt auf langer Distanz verzichten. Justin allerdings scheint das nicht zufrieden zu stellen. Es gibt sie, diese Schüler deren Körpergröße eine entgegengesetzte Proportionalität zum Intellekt darstellt. Justin ist einer von ihnen. Deswegen tritt der 1,95große, lederbejackte aber bartlose Lulatsch urplötzlich direkt vor den verdutzten Herrn Müller, schneidet ihm quasi den Weg ab und stellt sich so vor mich, dass selbst die hinter mir her laufenden Müllerkinder einen Haken schlagen müssen, als läge bei MarioKart plötzlich eine Bananenschale kurz vorm Zieleinlauf. 
„Hallo, Frau Müller“ höre ich es von oben, während sich die Brusttaschen seiner Jacke knapp über meiner Augenhöhe befinden. „Hallo Justin“, erwidere ich ohne meine Schrittgeschwindigkeit zu verringern und mit einem großen Schritt in bester TakeshisCastle-Manier um die zwei Längenmeter Dummheit herum. 
„Wer war das denn?“ fragt mich Herr Müller zu Recht erschrocken. 
„Ein Schüler.“ – „Ah.“

Drinnen sind die Kinder genauso schnell weg, wie das Geld. Und weil sie zwar leider noch nicht zu alt für Kinderfeste sind, aber immerhin alt genug um sich dort weitgehend alleine zu bewegen, bleibt es den Müllers erspart auf Rutschen zu klettern oder Hüpfburgen zu betreten. Für die Hüpfburg fehlt der Alkohol, auch wenn der Gedanke, mit einem gezielten 65kg-Hops eine ganze Gruppe Fünfjährige über die aufblasbare Burgmauer zu katapultieren, durchaus einen ernstzunehmenden Reiz darstellt. Aber man hält sich dezent im Hintergrund – das verringert auch das Risiko angesprochen zu werden. Ein freundliches Nicken dahin, ein „Hallo“ dort hin. Nein, ich will nicht in deinen Kinderwagen schauen. Es sei denn Magic Mike und seine Kumpels sitzen drin und reichen mir ein Sektchen. Wie Babys aussehen, weiß ich schon. 

Das Sektchen aus der Hand des Strippers würde mir auch helfen, die unsägliche Beschallung zu ertragen. Die Tatsache, dass Helene Fischer mit Cabalier und dem Gorilla mit der Sonnenbrille random und in Dauerschleife laufen, spricht erstens nicht gerade für Schlager, beleidigt zweitens den Gorilla und sorgt drittens für noch mehr schlechte Laune. Weiter laufen, die Augen verdrehen und sich über die Betreuer an den Ständen wundern, die wirken, als bräuchten sie selbst Betreuung.

Zum Glück will keiner der Müllerjungs geschminkt werden. Von geschminkten Kindern bin ich gleich mehrfach traumatisiert. Einmal als ich zu einem Stadtfest in acht Stunden Akkordarbeit gefühlt 200 rosa Glitzerschmetterlinge produzierte und ein paar Jahre später in der Hälfte der Zeit auf unserem Schulhof ebenso viele Eisprinzessinnen. Eine Tätigkeit, deren Ausführung von einem Campingstuhl aus eigentlich das anschließende Notfall-Wiederbeleben durch einen talentierten Chiropraktiker nötig macht. Den Todesstoß versetzte mir schließlich der deckend in rot und schwarz geschminkte dreijährige Minimüller mit den Worten „Ich bin Beidersmänn (Spiderman)!“ Auge in Auge mit meinem ivoryfarbenen Brautkleid.

Nein, heute genügen beiden Jungs die unzähligen luftgefüllten Piratenschiffe, Rutschen und Hindernisbahnen, deren Gesamtkeimpopulation dank einer Million sockenloser Kinderfüße sicherlich die einer rumänischen Autobahntoilette übersteigt.
 
Mein Lieblingsmensch an diesem Tag ist der mürrische kleine alte Zuckerwatterverkäufer mit der schmuddeligen Schürze in seinem Retrocampingwagen, der sich mit der Mutter anlegt, die sein Softeis erst zu klein und dann zu teuer findet. Aber Hauptsache einen Hipsterkinderwagen im Wert eines 14-Tage-AI-Türkeiurlaubs vor sich herschieben.

Wir sind schon auf dem Weg zum Ausgang weil es zum Glück endlich beginnt ernstzunehmend zu regnen, als der kleine Müller aus keinerlei rationalen Gründen beschließt, unbedingt noch einen Luftballon zu benötigen. Die gibt es geschenkt und darum steht auch eine riesige Schlange vor den beiden Praktikanten mit der Heliumflasche. „Du willst dich nicht ernsthaft hier anstellen für einen Luftballon!?“ Und da steht er auch schon. Man überbrückt also die Wartezeit, wohnt zumindest vom Rande des Festzeltes aus dem Programm des Alleinunterhalters bei und stellt sich die dringende Frage, ob es für oder gegen das Talent des Tribute-to-Howard-Carpendale-Performers spricht, wenn er als Programmpunkt für Sonntagnachmittag um vier in Kuharschhausen geplant ist, nur damit Tante Heidruns graue Kaltwelle im Takt vor sich hin wippt.

„Kuck mal Mama, ich hab…“ und da fliegt der gelbe Luftballon auch schon zielgerichtet und imaginär mit ausgestrecktem Mittelfinger Richtung Himmelblau während der kleine Müller traurig den eben noch euphorisch in die Luft gestreckten Arm sinken lässt und leise „Scheiße“ sagt. 
„Siehste!? Heliumluftballons sind Mist. Sie fliegen weg, landen irgendwo im Wald oder im Meer. Dort werden sie von wilden Tieren gefressen und die sterben dann daran. Die sollten längst verboten sein.“  Kaum vorstellbar, aber die Miene des Minimüllers verdunkelt sich noch mehr. Daran kann auch die Maxipackung Quarkkräppelchen nichts ändern. Die Tatsache, dass man im Anschluss an den Besuch solcher Veranstaltungen als Eltern die Kochverweigerungskarte mit der „Ihr habt doch schon gegessen“-Begründung ausspielen kann, ist für mich der einzige ernstzunehmende Vorteil.

Zuhause angekommen dekontaminiert man die Kinder am besten mit einem Wannenbad. Der kleine Müller wirkt immer noch emotional stark angeschlagen. Der Luftballon, dieses Arschloch. Als er im Bett liegt, entschuldige ich mich bei ihm. „Sorry“ sag ich, „das war nicht in Ordnung, dass ich dich nicht getröstet habe, als dir der Luftballon weggeflogen ist. Du hattest dich ja extra angestellt und dich so gefreut als du einen hattest. Ich hätte mir ja auch die Zeit nehmen können und dir gleich ordentlich erklären können, dass diese Luftballons nicht gut sind. Tut mir leid.“ – „Schon gut, Mama.“

Schon gut? Is das alles? Bin ich die Einzige in der Familie, die die hohe Kunst der Selbstreflexion beherrscht? „Entschuldigung Mama, dass du mit uns da hin gehen musstest und wir dich noch nicht mal daran erinnert haben, einen Sekt einzupacken. Sorry, dass du mit den Müttern unserer Kumpels reden musstest und schlechte Musik deine Ohren quälte. Es tut uns leid, dass das billige Tiefkühlbrötchen zu deiner Rostbratwurst noch nicht mal getoastet war. Und wir entschuldigen uns auch dafür, dass die Sonne nicht geschienen hat und das Thermometer nicht wenigstens 20 Grad zeigte.“ Das wäre zumindest ansatzweise eine angemessene Reaktion gewesen. Was soll’s: als Eltern gibt man halt. Und wenn es nur zweifünfzig für ne Limo sind. 

Mich würde ja mal interessieren, ob es Studien zu späten Traumata bei Lehrerkindern gibt. Are there Erfahrungsberichte anywhere? Her damit.

Traumata und effektive Bewältigungs-
möglichkeiten gibt es in unregelmäßigen
Abständen vor allem bei Frau Müller auf
FACEBOOK. Garantiert ohne Luftballons.
Dafür aber mit Mehrweg-Penisstrohhalm. 
Also am besten gleich abonnieren. 

Mittwoch, 1. November 2017

Fack ju Göhte: Realität mit Snapchatfilter - der Lehrerkommentar



An Fack ju Göhte scheiden sich sicherlich die Geister. Die Storys um die bildungsresistenten Jugendlichen Chantal, Zeynab, Danger, Burak und ihrem Zufalls-Pädagogen Herrn Müller werden von den einen gefeiert und von den anderen als Trash verschrien. Ähnlich polarisierend vermutlich wie Shades of Grey. Mit dem Unterschied, dass ICH Shades of Greyschlichtweg bescheuert fand, mich aber bei Fack ju Göhte bestens unterhalten fühle. Jetzt könnte man denken okaaayyy: du bist ja auch Lehrerin, bei SoG ging es um Sex und (Pseudo)BDSM. Nun, ich bin weder dem einen noch dem anderen abgeneigt. Vermutlich liegt es einfach daran, dass FjG genauso nah an der Realität geschrieben wurde wie SoG davon entfernt ist. Außerdem macht FjG in etwa das Gleiche wie Frau Müller: ein Abbild der  Realität schaffen, das garniert mit Stilmitteln wie maßlose Übertreibung, Sarkasmus und grenzwertigem Humor aus etwas Tragischem den Unterhaltungswert herauskitzelt.

Wie nah dran und manchmal eben auch nicht - das darf ja auch so sein, sonst wäre es keine Komödie sondern eine Doku- das zeige ich euch mit den folgenden, lose an einander gereihten Filmkommentaren.

„Chantal, heul‘ leiser!“
Herr Müller saß im Knast und der Versuch, dort seinen Hauptschulabschluss nachzuholen, ist gescheitert. Seine geringe Allgemeinbildung sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Stichwort Bildungskirse und Quereinsteiger. Aktuell leistet sich mein Bundesland den Luxus, bei Quereinsteigern noch mindestens einen Magisterabschluss zu verlangen. Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit und der steigenden Ausfallquoten bei den Kollegen, bis die Anforderungen herabgesetzt werden. In der Praxis glaube ich, dass einem Lehrkörper Knast- und Kiezerfahrungen gerade im Haupt- und Förderschulbereich hilfreicher sein können als ein abgeschlossenes Germanistikstudium, was Herr Müller im Film ja auch eindrucksvoll beweist.

„Du bist echt die dümmste Lehrerin der Welt!“ – „Aber auch die geilste!“
Seine Freundin Charlie, die Stripperin mit dem wunderschönen Leotop und dem bemerkenswerten  „Bitch an Bord“-Autosticker, hat das erbeutete Geld, wegen dem Herr Müller 13 Monate im Gefängnis saß, auf einer Baustelle vergraben. Ein reichliches Jahr später steht dort die Turnhalle der Schule. Grober Filmfehler . In welchem behördlichen Schlaraffenland schafft man einen Neubau für eine Schule in EINEM Jahr?

Eine der Paraderollen im Job von Zeki Müllers Freundin ist die „sexy Lehrerin“ mit halterlosen Strümpfen und tiefem Ausschnitt. Unnötig, ein Klischee. Um Väter und Schüler ab Klasse 9 ungewollt wuschig zu machen reichen Jeans, T-Shirt und ein glaubwürdiger U30-Look. Das liegt an der durch die Überalterung im Kollegium ungewohnten Optik.

„Wir Lehrer werden den ganzen Tag verarscht – ab und zu muss man zurück verarschen.“
In der Goethe-Gesamtschule finden Bewerbungsgespräche statt, sowohl für Hausmeister als auch für Lehrkräfte. Wenn es in der Realität so wäre, dass sich Schulleiter ihre Arbeitskräfte selbst aussuchen könnten UND die motivierten Bewerber noch bevor sie den Arbeitsvertrag unterschreiben eine Livesequenz vom Schlachtfeld erleben (wie im Film), dann… tja, dann sähe die Bildungslandschaft anders aus. Wir hätten keine Kollegen, die eine undeutlichere Aussprache haben als meine gesamte erste Klasse zusammen oder die erst nach 45 Minuten Unterricht in einer sechsten Klasse der Förderschule feststellen, dass eine „Kasus“-Unterrichtseinheit in Deutsch gelinde gesagt deplatziert ist und noch gelinder gesagt zu Verhaltensproblemen führt. Und wir würden nicht jedes Schuljahr einen Hausmeister verschleißen.
 
Der Bullshit-Button, den auch Frau Gerster auf ihrem Schreibtisch stets griffbereit hat. Informiert mich bitte umgehend, wenn ihr irgendwo eine deutschsprachige Version entdeckt. Meiner spricht leider nur Englisch.
Die Schulleiterin Frau Gerster, übrigens meine Lieblingsfigur, schnüffelt zum Stressabbau am Leimstift. Meine Schulleiterin sitzt in jeder Pause in ihrem Auto vor der Schule und raucht. ICH als Schulleiterin würde wahrscheinlich den ganzen Tag Dosenprosecco statt Kaffee trinken und eine Katze streicheln. Kennt ihr Dr.Kralle aus Inspektor Gadget und seinen Kater? Oder wie Dr.Evil aus Austin Powers... so in etwa.

„Ey, red ma höflich du Opfa!“
Die Schülerschaft, ihre Gepflogenheiten und der Umgang miteinander sind verdammt nah an der Realität abgebildet. Rauchende Schüler sind ein Kapitel für sich, bei dem es für den aufsichtshabenden Lehrer viel Kapazität zum Kräfte sparen gibt. Schließlich kann man nicht alles sehen und wem außer sich selbst schaden sie damit? Das hat auch Film-Kollegin Caro Meyer verstanden und zündet sich erstmal in Ruhe eine an.
Bei uns in der Schule tun sie es hinter den Himbeersträuchern im Schulgartenbiotop. Zu meiner Schulzeit war es der Fahrradparkplatz. Dumm wenn der Lehrer, um das aus dem Schulhaus heraus zu maßregeln ans Fenster im Mädchenklo muss: „Ich sehe, dass ihr raucht!“ – „Wir sehen, dass sie im Mädchenklo sind, Herr Schlott!“ – wer im Glashaus sitzt, ne?

„Drücken sie sich mal aus, Frau Schnabelstedt, ich versteh kein Wehleidig!“
Referendarin Fräulein Schnabelstedt steht noch am Anfang ihrer Karriere auf dem Bildungssektor aber eine wichtige Sache hat sie schon gelernt: Im Kühlschrank muss Prosecco sein. Ihre Kollegin und Mitbewohnerin Frau Meyer ist mir wahrscheinlich am ähnlichsten, außer der Tatsache, dass Sie mit dem Rennrad zur Schule fährt. Wenn Caro Meyer telefoniert, dann klingt das so:  

„Elternabende sind das letzte… ich muss erstmal pissen … Lernbehinderungen kommen nicht von ungefähr … kann es sein, dass sie ihr Kind zu einem asozialen Penner erzogen haben … boar, ich hab schon wieder zugenommen, nur an den Titten nicht.“  
- Ja, definitiv ich.

„Ganz ehrlich Herr Müller, sind sie geborderlined oder was, sie Geisterkranker?“
Herr Müller nimmt einem Schüler das Frühstück weg und beißt genüsslich hinein. Lieber würde ich mich von innen selbst verdauen als etwas aus einer Schülerbrotbüchse zu essen. Einer meiner Schüler hat seiner Mutter einmal erzählt, ich würde ihm seine Brote wegnehmen. Und als wäre das nicht genug, behauptete er außerdem, ich würde seine Stullen meinen Kindern mit nach Hause nehmen. Ich lass das jetzt mal auf den Leser wirken.

„Das hab ich für dich in der Burnout-Klinik getöpfert.“ – „Ist das spülmaschinenfest?“
Kollegin Leimbach-Knorr, die geburnoutete Lehrerin, wie Chantal sagen würde, wünscht sich den Tod und springt aus dem Fenster des Lehrerzimmers im ersten Stock. Tatsächlich sind Lehrer mit Burnout einfach langzeitkrank. Das ist traurig für diese Kollegen und soll an dieser Stelle von mir keinesfalls bagatellisieren. Zumal ich selbst schon Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht habe. 
Wenn allerdings alle Lehrer mit Burnout aus dem Fenster springen würden, dann hätten die Tatortreiniger keine Zeit mehr Dielen und Teppichböden in Wohnungen von Blutflecken zu befreien, sondern würden hauptberuflich das Pflaster des Schulhofs schrubben. Außerdem können die Stellen toter Lehrer nachbesetzt werden, die von Dauerkranken jedoch nicht. Nachbesetzung würde das bis dahin Vertretung schiebende Kollegium schonen, ist aber auf Grund des fehlenden ambitionierten Pädagogennachwuchs gar nicht so leicht. Und hier schließt sich der Kreis. Ich geh‘ töpfern.

„Ich will Lehrerin werden, weil das der einzige Beruf ist, in dem Frauen Kinder haben können ohne dick sein zu müssen.“
Nach dem missglückten Suizid von Frau Leimbach-Knorr fragt die Schulleiterin das Kollegium wer die Arschlochklasse übernehmen will. Was dann passiert ist das wahre Leben, jeder hält seinen Job für den härtesten und hat natürlich keine Kapazitäten. In der Realität gibt es für sowas Dienstanweisungen, im Film eine übermotivierte Referendarin, die Schnabelstedt.

Die Szene in der Elisabeth Schnabelstedt zum ersten Mal im Klassenzimmer auf die 10. Klasse trifft ist absolute Realität. Problem: Sie nimmt sich zu viel vor. Sie möchte gesiezt werden, besteht auf Artikel und  alle sollen sitzen und ruhig sein. Utopisch. Sie sollte sich an Wygotski erinnern. Der sprach von der Stufe der NÄCHSTEN Entwicklung. Für diese Schüler hieße das, nicht in die Ecke zu kacken und an den Türrahmen zu pinkeln. 
Für bedeutet Schnabelstedt es: überleben, nicht heulen und zumindest dafür sorgen, dass man das Chaos nicht bis nach draußen hört. Wie auch immer sie das anstellt. Alles Weitere ist Wunschdenken.
 
„Wer heute noch Lehrer wird, muss wahnsinnig sein“
Bei der Lehrprobe der Referendarin entdeckt jeder Insider einen groben Filmfehler. Die Tafel ist nicht sauber abgewischt unter dem Tafelbild. Sowas wird als erstes angemahnt, wenn’s auf den Scheiterhaufen konstruktiver Kritik zur didaktischen Inquisition geht. Anfängerin.

Das Fräulein verknallt sich in den Herrn Müller und folgt ihm aufs Klo, als er von Chantal geschminkt und frisiert aufwacht, nachdem er seinen Rausch auf dem Lehrerpult ausgeschlafen hat. ICH würde noch nicht einmal den Chippendales an diesen Ort folgen, den ich nur betrete wenn Schülerleben oder vom Landkreis finanziertes Sanitärporzellan samt Rohrleitungen gefährdet sind. Ihr macht euch kein Bild … fliegende Klobürsten … Pausenbrote im Abfluss der Pissoirs … wie ein gekacheltes Mordor.

„… ich bin doch jetzt schon drei-  bis viermal pro Woche in der Schule!“
Herrn Müllers erster pädagogischer Ansatz ist eine Überlegung wert: „Ihr steht alle auf Eins. Jeder, der mir auf die Eier geht, kriegt ne Note Abzug.“
Gar nicht schlecht, die Idee. Bei den Kleinen funktioniert das, der Erstkontakt mit den Zehnern endet allerdings jäh. Der Neu-Pädagoge sitzt im Auto und schlägt brüllend auf sein Lenkrad ein: „Diese Wichseeeer!“ - Jeder Lehrer. Immer.

Am nächsten Tag fordert er die Schüler per Paintballkanone auf, den Schulhof zum Zwecke des Unterrichts zu verlassen. Mir persönlich würde manchmal schon ein Betäubungsgewehr reichen. Mein ganz individuelles Problem mit der Treffsicherheit lassen wir an dieser Stelle außen vor. Betäubungs-Schrot vielleicht...

„Sie haben nicht gesagt, dass das Asoziale sind!“ – „Wie bitte? Was ist das denn für ein Unwort. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten bitte schön.“
Daniel „Danger“ und Chantal sind das Zentrale Nervensystem und die Achilles-Sehne des Sauhaufens. Sozusagen der Dorn im Holzbein. Herr Müller schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Schmiert ihnen Dreck ins Gesicht, macht sie vor ihren Freunden lächerlich und nimmt ihnen das Gras weg. Und während die Jugendlichen der 10b immer mehr zu Schülern werden, wird Herr Müller immer mehr zum Lehrer. Er konfrontiert sie mit ihren (nicht vorhandenen) Berufswünschen und bringt sie zu Junkies auf Entzug, den HarztIV-Eltern seiner prostituierten Freundin und ihrem Bruder Ronny, dem gewalttätigen Nazi. Zum Mittag gibt’s Döner für alle. Lebensweltnaher Unterricht nenne wir Pädagogen das - mit dieser Deklaration bekommt man jede Exkursion bewilligt.

Und sonst? Er übersetzt Romeo und Julia mit ihnen in Bordsteindeutsch und begeistert sie so fürs Schülertheater. Er erörtert Jurassic Park und schafft es auf diese Art, zumindest halbwegs akzeptable Aufsätze produzieren zu lassen. Okay, er flunkert ein wenig wenn es darum geht, den Schülern ihr eigenes Kompetenzniveau vor Augen zu führen, spätestens als er Chantal für Jugend forscht anmeldet – wir alle erinnern uns nur zu gerne an den Wimperntuscheautomat -  aber immerhin gelingt es ihm so, die Klasse für Schule und Lernen zu begeistern und von ihren eigenen Fähigkeiten zu überzeugen.

„Wir waren ja seit vier Jahren nicht mehr bei Jugend forscht … seit diesem Hundescheiße-Vulkan.“
Ich bin ja ein Fan unkonventioneller Lernmethoden und Lehrplanreformen. Herr Müller kann die Klasse durch seine spezielle Art so für sich gewinnen, dass Chantal und Danger den Tunnel unter der Turnhalle auf ihre Kappe nehmen und behaupten, sie hätten einen Nazi-Schatz gesucht. Die Loyalität der Schüler ist wertvoller als jeder Nazi-Schatz. Das kann ich aus der Praxis bestätigen. Wenn du sie auf Streichholzschachtel-Größe zusammenfalten kannst und sie dir anschließend sagen, dass dein T-Shirt cool ist oder der Klassenrowdy aus der Neunten, der kurz vor der Suspendierung steht, handzahm wird und vor allen gesteht: „Orrr, das ist voll schön wenn mal eine junge Lehrerin mit uns Unterricht macht!“ obwohl die Klassenlehrerin noch nicht mal an der 50 kratzt, dann klopfst du am Lehrerolymp.

Für die Hackordnung gibt es an der Goethe-Gesamtschule ein Online-Lehrerranking auf dessen Ergebnisse die Lehrer ganz gespannt sind. Gewählt werden unter anderem die heißeste Lehrerin, der süßeste Lehrer und der größte Alptraum. Bei uns sind immer alle ganz heiß auf die Geburtsanzeigen des örtlichen Klinikums. Die Namen der ehemaligen Schüler werden bei den Eltern der Babys rausgesucht, markiert und im Lehrerzimmer ausgehangen. Fragt mich nicht.

„… und dann einfach aufpassen, dass keiner stirbt!"
Fräulein Schnabelstedt nötigt Herrn Müller zur Schwimmbegleitung. Bei uns schwimmen nur die Kleinen. DAS ist der Horror für jede Begleitung. Lieber acht menstruierende Jugendlich in Socken auf der Bank als geflochtene Zöpfe aufdröseln, Schuhe zubinden und ein Jason Lee mit Magen-Darm, der die ganze Dusche vollkackt.

Swagetti Yolonese, Burak!
Ein nachts von der ganzen Klasse besprühter Zug als Kunstprojekt, das ist doch mal was anders als bemalte Schuhe, Handpuppen aus Pappmache und Masken aus Gipsbinden. Ich bin ja leider Werkenlehrer. Aber vielleicht sollte ich mal eine Lichtinstallation aus Warnbaken, Begrenzungspfosten und Baustellenbeleuchtung vorschlagen. Schon alleine weil ich bei der nächtlichen Aktion auch so eine zauberhaftIGE Katzenmaske wie die Referendarin im Film tragen dürfte. Da ich immer die letzte beim Sprint zum alljährlichen Sportfest war, wäre ich wohl die Erste, die man verhaften würde. Aber ich hab ja Erfahrung darin, MEINEN Dienst zum Dienst der Freunde und Helfer in Uniform zu machen (Hier mehr dazu). 

Bei einem Ausflug auf den Biobauernhof  landet das Projektil mit den Sexualhormonen für die Lamas versehentlich im Hintern der Lehrerin. Damit kann ich auf Exkursionen bisher nicht dienen. Aber mit einem großen Brunnen im Eingangsbereich eines Zoos, der nach einem Ausflug ohne Zwischenfälle dafür sorgt, dass zwei Schüler an den Handtrocknern in den Toiletten ganzkörpertrockengeföhnt werden müssen damit sie überhaupt in den Bus zur Heimreise steigen dürfen.


„Die Klasse befindet sich in einem intellektuellen Vakuum!“
Am Schluss schenkt Zeki Müller das Beutegeld seines Banküberfalls von damals Fräulein Schnabelstedt, damit die Turnhalle instand gesetzt werden kann und so die Schule nicht pleite geht. Eine Schule kann Pleite gehen? Wie geht das? Werden Schüler und Lehrer dann an den Meistbietenden zu Spottpreisen versteigert und ein Sonderpostenkaufhaus zieht ein? Und vor allem: woran merkt man, dass eine Schule pleite ist? Wenn der Kaffee im Lehrerzimmer zweimal aufgekocht wird und statt einlagigem Toilettenpapier einfach gar keins mehr da ist? 

Die Schulleiterin hat bei entsprechenden Leistungen der Schülerschaft vielversprechende Belohnungen in Aussicht. Ein besserer Platz im Ranking steht für eine Cafeteria und Smartboards. Wenn das so wäre, würde man bei uns sicher noch auf Schiefertafeln schreiben.

„Sie is Nutte, sie weiß was gut aussieht!“
Der gröbste Fehler verbirgt sich am Filmende und hat eigentlich gar nichts mit Schule zu tun: eine verheulte Frau mit wüsten Haaren und Nutella in den Mundwinkeln schafft es binnen fünf Minuten sich zu schminken, zu frisieren und ausgehtauglich anzuziehen. Sind wir in Pandora? Pandora liegt in Asien, würde Danger sagen. Pandora gibt es nicht? Gibt es wohl, sonst wäre es nicht in 3D…

Fazit für die Leser: Ein bisschen als hätte Chantal die Realität mit einem Snapchat-Filter versehen. Kann man sich aber anschauen, wenn man sich der eigenen Intelligenz so sicher ist, dass man weiß sie ist auch da, wenn man einen Abend lang mal nicht Hermann Hesse oder Friedrich Nietzsche liest. 

Fazit für mich: Dass Erfahrunshorizonte jedweder Art jenseits des Schulgeländes auch im pädagogischen Überlebenskampf nützlich sein können - DAS wusste ich bereits vor Fack ju Göhte. Dass aber sowohl mein Kollegium als auch die Schülerschaft so normal sind, dass sich reale sowie fiktive Charakere fast schon erschreckend ähneln, DAS war mir bisher nicht bewusst. 

Ihr könnt vielleicht keinen Herrn Müller haben, der euch mit der Paintball-Kanone zur Arbeit treibt. Aber mit dem Klick auf "Gefällt mir" bei Facebook habt ihr eine Frau Müller, die euch immer gerne daran teilhaben lässt, wenn sie sich bei ihrer Arbeit eine Paintballkanone
herbeisehnt. 

Zum Abschluss noch Chantal und ihr Kommentar zum Literaturklassiker "Dschurässik Park":