Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 1. November 2017

Fack ju Göhte: Realität mit Snapchatfilter - der Lehrerkommentar



An Fack ju Göhte scheiden sich sicherlich die Geister. Die Storys um die bildungsresistenten Jugendlichen Chantal, Zeynab, Danger, Burak und ihrem Zufalls-Pädagogen Herrn Müller werden von den einen gefeiert und von den anderen als Trash verschrien. Ähnlich polarisierend vermutlich wie Shades of Grey. Mit dem Unterschied, dass ICH Shades of Greyschlichtweg bescheuert fand, mich aber bei Fack ju Göhte bestens unterhalten fühle. Jetzt könnte man denken okaaayyy: du bist ja auch Lehrerin, bei SoG ging es um Sex und (Pseudo)BDSM. Nun, ich bin weder dem einen noch dem anderen abgeneigt. Vermutlich liegt es einfach daran, dass FjG genauso nah an der Realität geschrieben wurde wie SoG davon entfernt ist. Außerdem macht FjG in etwa das Gleiche wie Frau Müller: ein Abbild der  Realität schaffen, das garniert mit Stilmitteln wie maßlose Übertreibung, Sarkasmus und grenzwertigem Humor aus etwas Tragischem den Unterhaltungswert herauskitzelt.

Wie nah dran und manchmal eben auch nicht - das darf ja auch so sein, sonst wäre es keine Komödie sondern eine Doku- das zeige ich euch mit den folgenden, lose an einander gereihten Filmkommentaren.

„Chantal, heul‘ leiser!“
Herr Müller saß im Knast und der Versuch, dort seinen Hauptschulabschluss nachzuholen, ist gescheitert. Seine geringe Allgemeinbildung sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Stichwort Bildungskirse und Quereinsteiger. Aktuell leistet sich mein Bundesland den Luxus, bei Quereinsteigern noch mindestens einen Magisterabschluss zu verlangen. Ich denke es ist nur eine Frage der Zeit und der steigenden Ausfallquoten bei den Kollegen, bis die Anforderungen herabgesetzt werden. In der Praxis glaube ich, dass einem Lehrkörper Knast- und Kiezerfahrungen gerade im Haupt- und Förderschulbereich hilfreicher sein können als ein abgeschlossenes Germanistikstudium, was Herr Müller im Film ja auch eindrucksvoll beweist.

„Du bist echt die dümmste Lehrerin der Welt!“ – „Aber auch die geilste!“
Seine Freundin Charlie, die Stripperin mit dem wunderschönen Leotop und dem bemerkenswerten  „Bitch an Bord“-Autosticker, hat das erbeutete Geld, wegen dem Herr Müller 13 Monate im Gefängnis saß, auf einer Baustelle vergraben. Ein reichliches Jahr später steht dort die Turnhalle der Schule. Grober Filmfehler . In welchem behördlichen Schlaraffenland schafft man einen Neubau für eine Schule in EINEM Jahr?

Eine der Paraderollen im Job von Zeki Müllers Freundin ist die „sexy Lehrerin“ mit halterlosen Strümpfen und tiefem Ausschnitt. Unnötig, ein Klischee. Um Väter und Schüler ab Klasse 9 ungewollt wuschig zu machen reichen Jeans, T-Shirt und ein glaubwürdiger U30-Look. Das liegt an der durch die Überalterung im Kollegium ungewohnten Optik.

„Wir Lehrer werden den ganzen Tag verarscht – ab und zu muss man zurück verarschen.“
In der Goethe-Gesamtschule finden Bewerbungsgespräche statt, sowohl für Hausmeister als auch für Lehrkräfte. Wenn es in der Realität so wäre, dass sich Schulleiter ihre Arbeitskräfte selbst aussuchen könnten UND die motivierten Bewerber noch bevor sie den Arbeitsvertrag unterschreiben eine Livesequenz vom Schlachtfeld erleben (wie im Film), dann… tja, dann sähe die Bildungslandschaft anders aus. Wir hätten keine Kollegen, die eine undeutlichere Aussprache haben als meine gesamte erste Klasse zusammen oder die erst nach 45 Minuten Unterricht in einer sechsten Klasse der Förderschule feststellen, dass eine „Kasus“-Unterrichtseinheit in Deutsch gelinde gesagt deplatziert ist und noch gelinder gesagt zu Verhaltensproblemen führt. Und wir würden nicht jedes Schuljahr einen Hausmeister verschleißen.
 
Der Bullshit-Button, den auch Frau Gerster auf ihrem Schreibtisch stets griffbereit hat. Informiert mich bitte umgehend, wenn ihr irgendwo eine deutschsprachige Version entdeckt. Meiner spricht leider nur Englisch.
Die Schulleiterin Frau Gerster, übrigens meine Lieblingsfigur, schnüffelt zum Stressabbau am Leimstift. Meine Schulleiterin sitzt in jeder Pause in ihrem Auto vor der Schule und raucht. ICH als Schulleiterin würde wahrscheinlich den ganzen Tag Dosenprosecco statt Kaffee trinken und eine Katze streicheln. Kennt ihr Dr.Kralle aus Inspektor Gadget und seinen Kater? Oder wie Dr.Evil aus Austin Powers... so in etwa.

„Ey, red ma höflich du Opfa!“
Die Schülerschaft, ihre Gepflogenheiten und der Umgang miteinander sind verdammt nah an der Realität abgebildet. Rauchende Schüler sind ein Kapitel für sich, bei dem es für den aufsichtshabenden Lehrer viel Kapazität zum Kräfte sparen gibt. Schließlich kann man nicht alles sehen und wem außer sich selbst schaden sie damit? Das hat auch Film-Kollegin Caro Meyer verstanden und zündet sich erstmal in Ruhe eine an.
Bei uns in der Schule tun sie es hinter den Himbeersträuchern im Schulgartenbiotop. Zu meiner Schulzeit war es der Fahrradparkplatz. Dumm wenn der Lehrer, um das aus dem Schulhaus heraus zu maßregeln ans Fenster im Mädchenklo muss: „Ich sehe, dass ihr raucht!“ – „Wir sehen, dass sie im Mädchenklo sind, Herr Schlott!“ – wer im Glashaus sitzt, ne?

„Drücken sie sich mal aus, Frau Schnabelstedt, ich versteh kein Wehleidig!“
Referendarin Fräulein Schnabelstedt steht noch am Anfang ihrer Karriere auf dem Bildungssektor aber eine wichtige Sache hat sie schon gelernt: Im Kühlschrank muss Prosecco sein. Ihre Kollegin und Mitbewohnerin Frau Meyer ist mir wahrscheinlich am ähnlichsten, außer der Tatsache, dass Sie mit dem Rennrad zur Schule fährt. Wenn Caro Meyer telefoniert, dann klingt das so:  

„Elternabende sind das letzte… ich muss erstmal pissen … Lernbehinderungen kommen nicht von ungefähr … kann es sein, dass sie ihr Kind zu einem asozialen Penner erzogen haben … boar, ich hab schon wieder zugenommen, nur an den Titten nicht.“  
- Ja, definitiv ich.

„Ganz ehrlich Herr Müller, sind sie geborderlined oder was, sie Geisterkranker?“
Herr Müller nimmt einem Schüler das Frühstück weg und beißt genüsslich hinein. Lieber würde ich mich von innen selbst verdauen als etwas aus einer Schülerbrotbüchse zu essen. Einer meiner Schüler hat seiner Mutter einmal erzählt, ich würde ihm seine Brote wegnehmen. Und als wäre das nicht genug, behauptete er außerdem, ich würde seine Stullen meinen Kindern mit nach Hause nehmen. Ich lass das jetzt mal auf den Leser wirken.

„Das hab ich für dich in der Burnout-Klinik getöpfert.“ – „Ist das spülmaschinenfest?“
Kollegin Leimbach-Knorr, die geburnoutete Lehrerin, wie Chantal sagen würde, wünscht sich den Tod und springt aus dem Fenster des Lehrerzimmers im ersten Stock. Tatsächlich sind Lehrer mit Burnout einfach langzeitkrank. Das ist traurig für diese Kollegen und soll an dieser Stelle von mir keinesfalls bagatellisieren. Zumal ich selbst schon Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht habe. 
Wenn allerdings alle Lehrer mit Burnout aus dem Fenster springen würden, dann hätten die Tatortreiniger keine Zeit mehr Dielen und Teppichböden in Wohnungen von Blutflecken zu befreien, sondern würden hauptberuflich das Pflaster des Schulhofs schrubben. Außerdem können die Stellen toter Lehrer nachbesetzt werden, die von Dauerkranken jedoch nicht. Nachbesetzung würde das bis dahin Vertretung schiebende Kollegium schonen, ist aber auf Grund des fehlenden ambitionierten Pädagogennachwuchs gar nicht so leicht. Und hier schließt sich der Kreis. Ich geh‘ töpfern.

„Ich will Lehrerin werden, weil das der einzige Beruf ist, in dem Frauen Kinder haben können ohne dick sein zu müssen.“
Nach dem missglückten Suizid von Frau Leimbach-Knorr fragt die Schulleiterin das Kollegium wer die Arschlochklasse übernehmen will. Was dann passiert ist das wahre Leben, jeder hält seinen Job für den härtesten und hat natürlich keine Kapazitäten. In der Realität gibt es für sowas Dienstanweisungen, im Film eine übermotivierte Referendarin, die Schnabelstedt.

Die Szene in der Elisabeth Schnabelstedt zum ersten Mal im Klassenzimmer auf die 10. Klasse trifft ist absolute Realität. Problem: Sie nimmt sich zu viel vor. Sie möchte gesiezt werden, besteht auf Artikel und  alle sollen sitzen und ruhig sein. Utopisch. Sie sollte sich an Wygotski erinnern. Der sprach von der Stufe der NÄCHSTEN Entwicklung. Für diese Schüler hieße das, nicht in die Ecke zu kacken und an den Türrahmen zu pinkeln. 
Für bedeutet Schnabelstedt es: überleben, nicht heulen und zumindest dafür sorgen, dass man das Chaos nicht bis nach draußen hört. Wie auch immer sie das anstellt. Alles Weitere ist Wunschdenken.
 
„Wer heute noch Lehrer wird, muss wahnsinnig sein“
Bei der Lehrprobe der Referendarin entdeckt jeder Insider einen groben Filmfehler. Die Tafel ist nicht sauber abgewischt unter dem Tafelbild. Sowas wird als erstes angemahnt, wenn’s auf den Scheiterhaufen konstruktiver Kritik zur didaktischen Inquisition geht. Anfängerin.

Das Fräulein verknallt sich in den Herrn Müller und folgt ihm aufs Klo, als er von Chantal geschminkt und frisiert aufwacht, nachdem er seinen Rausch auf dem Lehrerpult ausgeschlafen hat. ICH würde noch nicht einmal den Chippendales an diesen Ort folgen, den ich nur betrete wenn Schülerleben oder vom Landkreis finanziertes Sanitärporzellan samt Rohrleitungen gefährdet sind. Ihr macht euch kein Bild … fliegende Klobürsten … Pausenbrote im Abfluss der Pissoirs … wie ein gekacheltes Mordor.

„… ich bin doch jetzt schon drei-  bis viermal pro Woche in der Schule!“
Herrn Müllers erster pädagogischer Ansatz ist eine Überlegung wert: „Ihr steht alle auf Eins. Jeder, der mir auf die Eier geht, kriegt ne Note Abzug.“
Gar nicht schlecht, die Idee. Bei den Kleinen funktioniert das, der Erstkontakt mit den Zehnern endet allerdings jäh. Der Neu-Pädagoge sitzt im Auto und schlägt brüllend auf sein Lenkrad ein: „Diese Wichseeeer!“ - Jeder Lehrer. Immer.

Am nächsten Tag fordert er die Schüler per Paintballkanone auf, den Schulhof zum Zwecke des Unterrichts zu verlassen. Mir persönlich würde manchmal schon ein Betäubungsgewehr reichen. Mein ganz individuelles Problem mit der Treffsicherheit lassen wir an dieser Stelle außen vor. Betäubungs-Schrot vielleicht...

„Sie haben nicht gesagt, dass das Asoziale sind!“ – „Wie bitte? Was ist das denn für ein Unwort. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten bitte schön.“
Daniel „Danger“ und Chantal sind das Zentrale Nervensystem und die Achilles-Sehne des Sauhaufens. Sozusagen der Dorn im Holzbein. Herr Müller schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Schmiert ihnen Dreck ins Gesicht, macht sie vor ihren Freunden lächerlich und nimmt ihnen das Gras weg. Und während die Jugendlichen der 10b immer mehr zu Schülern werden, wird Herr Müller immer mehr zum Lehrer. Er konfrontiert sie mit ihren (nicht vorhandenen) Berufswünschen und bringt sie zu Junkies auf Entzug, den HarztIV-Eltern seiner prostituierten Freundin und ihrem Bruder Ronny, dem gewalttätigen Nazi. Zum Mittag gibt’s Döner für alle. Lebensweltnaher Unterricht nenne wir Pädagogen das - mit dieser Deklaration bekommt man jede Exkursion bewilligt.

Und sonst? Er übersetzt Romeo und Julia mit ihnen in Bordsteindeutsch und begeistert sie so fürs Schülertheater. Er erörtert Jurassic Park und schafft es auf diese Art, zumindest halbwegs akzeptable Aufsätze produzieren zu lassen. Okay, er flunkert ein wenig wenn es darum geht, den Schülern ihr eigenes Kompetenzniveau vor Augen zu führen, spätestens als er Chantal für Jugend forscht anmeldet – wir alle erinnern uns nur zu gerne an den Wimperntuscheautomat -  aber immerhin gelingt es ihm so, die Klasse für Schule und Lernen zu begeistern und von ihren eigenen Fähigkeiten zu überzeugen.

„Wir waren ja seit vier Jahren nicht mehr bei Jugend forscht … seit diesem Hundescheiße-Vulkan.“
Ich bin ja ein Fan unkonventioneller Lernmethoden und Lehrplanreformen. Herr Müller kann die Klasse durch seine spezielle Art so für sich gewinnen, dass Chantal und Danger den Tunnel unter der Turnhalle auf ihre Kappe nehmen und behaupten, sie hätten einen Nazi-Schatz gesucht. Die Loyalität der Schüler ist wertvoller als jeder Nazi-Schatz. Das kann ich aus der Praxis bestätigen. Wenn du sie auf Streichholzschachtel-Größe zusammenfalten kannst und sie dir anschließend sagen, dass dein T-Shirt cool ist oder der Klassenrowdy aus der Neunten, der kurz vor der Suspendierung steht, handzahm wird und vor allen gesteht: „Orrr, das ist voll schön wenn mal eine junge Lehrerin mit uns Unterricht macht!“ obwohl die Klassenlehrerin noch nicht mal an der 50 kratzt, dann klopfst du am Lehrerolymp.

Für die Hackordnung gibt es an der Goethe-Gesamtschule ein Online-Lehrerranking auf dessen Ergebnisse die Lehrer ganz gespannt sind. Gewählt werden unter anderem die heißeste Lehrerin, der süßeste Lehrer und der größte Alptraum. Bei uns sind immer alle ganz heiß auf die Geburtsanzeigen des örtlichen Klinikums. Die Namen der ehemaligen Schüler werden bei den Eltern der Babys rausgesucht, markiert und im Lehrerzimmer ausgehangen. Fragt mich nicht.

„… und dann einfach aufpassen, dass keiner stirbt!"
Fräulein Schnabelstedt nötigt Herrn Müller zur Schwimmbegleitung. Bei uns schwimmen nur die Kleinen. DAS ist der Horror für jede Begleitung. Lieber acht menstruierende Jugendlich in Socken auf der Bank als geflochtene Zöpfe aufdröseln, Schuhe zubinden und ein Jason Lee mit Magen-Darm, der die ganze Dusche vollkackt.

Swagetti Yolonese, Burak!
Ein nachts von der ganzen Klasse besprühter Zug als Kunstprojekt, das ist doch mal was anders als bemalte Schuhe, Handpuppen aus Pappmache und Masken aus Gipsbinden. Ich bin ja leider Werkenlehrer. Aber vielleicht sollte ich mal eine Lichtinstallation aus Warnbaken, Begrenzungspfosten und Baustellenbeleuchtung vorschlagen. Schon alleine weil ich bei der nächtlichen Aktion auch so eine zauberhaftIGE Katzenmaske wie die Referendarin im Film tragen dürfte. Da ich immer die letzte beim Sprint zum alljährlichen Sportfest war, wäre ich wohl die Erste, die man verhaften würde. Aber ich hab ja Erfahrung darin, MEINEN Dienst zum Dienst der Freunde und Helfer in Uniform zu machen (Hier mehr dazu). 

Bei einem Ausflug auf den Biobauernhof  landet das Projektil mit den Sexualhormonen für die Lamas versehentlich im Hintern der Lehrerin. Damit kann ich auf Exkursionen bisher nicht dienen. Aber mit einem großen Brunnen im Eingangsbereich eines Zoos, der nach einem Ausflug ohne Zwischenfälle dafür sorgt, dass zwei Schüler an den Handtrocknern in den Toiletten ganzkörpertrockengeföhnt werden müssen damit sie überhaupt in den Bus zur Heimreise steigen dürfen.


„Die Klasse befindet sich in einem intellektuellen Vakuum!“
Am Schluss schenkt Zeki Müller das Beutegeld seines Banküberfalls von damals Fräulein Schnabelstedt, damit die Turnhalle instand gesetzt werden kann und so die Schule nicht pleite geht. Eine Schule kann Pleite gehen? Wie geht das? Werden Schüler und Lehrer dann an den Meistbietenden zu Spottpreisen versteigert und ein Sonderpostenkaufhaus zieht ein? Und vor allem: woran merkt man, dass eine Schule pleite ist? Wenn der Kaffee im Lehrerzimmer zweimal aufgekocht wird und statt einlagigem Toilettenpapier einfach gar keins mehr da ist? 

Die Schulleiterin hat bei entsprechenden Leistungen der Schülerschaft vielversprechende Belohnungen in Aussicht. Ein besserer Platz im Ranking steht für eine Cafeteria und Smartboards. Wenn das so wäre, würde man bei uns sicher noch auf Schiefertafeln schreiben.

„Sie is Nutte, sie weiß was gut aussieht!“
Der gröbste Fehler verbirgt sich am Filmende und hat eigentlich gar nichts mit Schule zu tun: eine verheulte Frau mit wüsten Haaren und Nutella in den Mundwinkeln schafft es binnen fünf Minuten sich zu schminken, zu frisieren und ausgehtauglich anzuziehen. Sind wir in Pandora? Pandora liegt in Asien, würde Danger sagen. Pandora gibt es nicht? Gibt es wohl, sonst wäre es nicht in 3D…

Fazit für die Leser: Ein bisschen als hätte Chantal die Realität mit einem Snapchat-Filter versehen. Kann man sich aber anschauen, wenn man sich der eigenen Intelligenz so sicher ist, dass man weiß sie ist auch da, wenn man einen Abend lang mal nicht Hermann Hesse oder Friedrich Nietzsche liest. 

Fazit für mich: Dass Erfahrunshorizonte jedweder Art jenseits des Schulgeländes auch im pädagogischen Überlebenskampf nützlich sein können - DAS wusste ich bereits vor Fack ju Göhte. Dass aber sowohl mein Kollegium als auch die Schülerschaft so normal sind, dass sich reale sowie fiktive Charakere fast schon erschreckend ähneln, DAS war mir bisher nicht bewusst. 

Ihr könnt vielleicht keinen Herrn Müller haben, der euch mit der Paintball-Kanone zur Arbeit treibt. Aber mit dem Klick auf "Gefällt mir" bei Facebook habt ihr eine Frau Müller, die euch immer gerne daran teilhaben lässt, wenn sie sich bei ihrer Arbeit eine Paintballkanone
herbeisehnt. 

Zum Abschluss noch Chantal und ihr Kommentar zum Literaturklassiker "Dschurässik Park": 








Mittwoch, 20. September 2017

The truth beyond the Klassenzimmertür: Ein Arbeitstag mit Frau Müller - Schulpraktische Studien Teil 2



An meinem Vormittag als Schneewittchen im Haus der Zwergen-Bildungselite habe ich euch bereits im letzten Blogartikel "The truth beyond the Klassenzimmertür: Ein Arbeitstag mit Frau Müller Teil 1" wortreich teilhaben lassen. Doch wer glaubt, Schneewittchen hat Zeit für prinzenrelevanten Schönheitsschlaf und ihre Maniküre während die Zwerge zurückkehren an ihre heimischen Fliesentische, der irrt gewaltig. Schließlich spielt das Leben nicht Grimms Märchen. Auch wenn es manchmal genauso grausam ist...


Mittlerweile ist es kurz vor halb zwölf. Große Mittagspause. Den König unter den Schwarzen Petern hat man, wenn man auch hier wieder Aufsicht hat. Nach vier Stunden Unterricht werden die Irren quasi auf dem Schulhof ausgewildert. Optimale Witterung: circa 17,5 Grad Celsius, bewölkt und niederschlagsfrei. Bei allen anderen Wetterverhältnissen drehen die sensiblen Schülerindividuen am Rad und pflügen übers Gelände wie eine Horde Affen nach dem ersten Schuss mit dem Betäubungsgewehr. Wenn es sein muss auch bei sengender Hitze und Sonnenschein, nur um nach der Pause mit heraushängender Zunge und hochrotem Kopf im Klassenzimmer eine Nahtoderfahrung zu machen.

Apropos Nahtoderfahrung: 
gehe nie zwischen eine Prügelei, 
bei der die Körpergröße 
mindestens eines Beteiligten 
deine eigene Körpergröße 
um mehr als die Hälfte übersteigt. 
Ich bin zum Glück nicht groß. 
Oder wie ein älterer Kollege zu sagen pflegt: 
Wir müssen unsere Ressourcen schonen – 
Schüler kommen immer nach, Lehrer sind rar.


Wenn man keine Aufsicht hat, macht man das Gleiche wie in allen Pausen – entweder sich erfolgreich verstecken oder Erledigungen, für die bisher keine Zeit war: Unterrichtsvorbereitung zum Beispiel oder leidige Telefonate mit Eltern:


 „Ja Hallo, Frau Erte-Elzwei. Hier Müller von der Hans-Meißer-Schule zur Lernförderung…neeein, es ist nichts Schlimmes passiert blabla…Federmäppchen bitte täglich kontrollieren…blabla… schon drei Wochen keinen Bleistift … blabla … hatte ich schon fünf Mal ins Hausaufgabenheft geschrieben… blablabla… sie müssen  mit der Schule zusammenarbeiten.“


Am anderen Ende: „Mimimi… den Luca-Finley-Tyron sein Papa ist ausgezogen… mimimi…kann mir die Wohnung nicht mehr leisten… wuuuhäää… muss noch umziehen bevor den Luca seine Schwester geboren wird…mimimi… Bleistifte schon in Umzugskarton… mimimi…das Hausaufgabenheft zeigt mir der Luca immer gleich wenn er um fünf mit den Taxi aus den Hort kommt … wuhäää…“


Das folgende Gestammel aus dreisten Lügen und dummen Ausreden wird übertönt vom „Dingdongdong“ und schon ist Hufgetrappel auf dem Flur zu hören. Pause ist rum. „Vielen Dank Frau Dings, einen schönen Tag noch.“

  
Die ganz Hartgesottenen gehen mittags Essen in der Schulkantine. Wenn ich ekliges warmgemachtes Essen aus Eimern und Dosen zwischen lauten und ungepflegten Menschen haben möchte, dann kauf ich mir ein Festivalticket für Rock am Ring und ne Dose Ravioli. Dort ist wenigstens die Musik besser.



 
Fächer mit einem hohen Grad an Eigenaktivität und praktischem Handeln werden ja bevorzugt auf die Zeit rund um das Mittagstief gelegt, das heißt so lange sich die Schulleitung bei der Stundenplanung diesen Luxus leisten kann. Für mich bedeutet das: Werkunterricht, yeah! 


Die Förderung im Bereich Feinmotorik, Koordination und Handlungsplanung beginnt bereits vor dem eigentlichen Unterricht, wenn die kleinen Körperwunder gefordert sind, auf ihrem Rücken aus den Bändern ihrer Schürzen eine Schleife zu binden. Bei einigen erinnern mich die ausgeklügelten Strategien an mich selbst, wenn ich abends auf dem Sofa meinen BH durch den Ärmel meines T-Shirts ausziehe. Der Rest sieht aus wie Pinguine beim Rückenkratzen. 


Eine Werkstunde kann so vielgestaltig sein – eigentlich ist dafür ein eigener Blogpost nötig. In Kurzform:


Schulgarten: für mich die angenehmste und netteste Version von Unterricht. Wenn diese putzigen Gartenzwerglein in den Furchen des Gemüsebeets kauern, Steinchen aufsammeln, ich dazwischen stehe und die kleinen Pflänzchen auf das Unkraut aufmerksam mache …halt nein, andersrum…erinnert mich das immer ein wenig an den Film „Die Verurteilten“. Schulgarten ist toll. An der frischen Luft riecht es auch in einer sechsten Klasse zur sechsten Stunde nicht nach ungewaschenen Vorpubertären. Und man braucht nichts vorbereiten. Unkraut, Kartoffeln und Bodendecker gedeihen quasi von allein. 


Töpfern und Modellieren: gut ist, wenn man das selbst nur semiprofessionell kann, denn dann sind die Ansprüche an die Schülerarbeiten auch nicht so hoch. Schlecht wenn man Schüler wie Mohammed hat, deren formbare Masse nach jedem Zwischenschritt, den man selbst erledigt um dem Kind zu helfen, wieder wie in dem Moment aussieht als man den Klumpen aus dem Eimer gefischt hat. Wie Schnee schippen wenn es schneit. Das, was den Schülern an Phantasie fehlt, braucht man als Lehrer zusätzlich, um die Lücke zwischen der Definition des Gebildes durch den Schöpfer und der deformierten Realität zu schließen.


Worst case Holzbearbeitung: es gibt hier zwei Sorten von Schülern. Die Einen, meistens die, deren Formulare für Ordnungsmaßnahmen auf dem PC der Schulleitung noch in der Taskleiste geöffnet sind um möglichst ökonomisch beim nächsten Vergehen nur das Datum zu ändern, sind wahre Paganinis an der Laubsäge. Wenn sie jetzt noch wüssten, dass Millimeter ein Längenmaß sind, könnte man sich direkt eine Zukunft im Handwerk für sie vorstellen. Und dann sind da noch die Anderen: man zieht eine Feinsäge aus dem Schrank, hält sie dem Schüler hin und die Körpersprache gleicht augenblicklich der Reaktion auf eine geladene und entsicherte Walter PP. 
Sie greifen nach den Werkzeugen mit zwei linken Händen an denen sich insgesamt zehn Daumen befinden, so als wären es Uran-Brennstäbe und sorgen auf diese Weise dafür, dass Frau Müller nach einer Doppelstunde Werken Muskelkater im Arm und Sägemehl vom Fuchsschwanzgebrauch auf ihren hübschen Schuhen hat, weil sie nicht mitverantwortlich sein möchte für den Tod von Schutz und Futter suchenden Standvögeln, die im Winter an Vogelhäuschen landen, welche eine Beleidigung für jeden TÜV-Prüfer darstellen.


Die letzten zehn Minuten einer solchen Unterrichtsstunde schenken wir der Erkenntnis, dass Dreck von oben nach unten fällt. Der Schwerkraft sei Dank. Wenn man nicht möglichst eingängig und anschaulich wiederholt, dass doch erst der Tisch abgeputzt und dann der Fußboden gekehrt wird, ergibt sich so etwas wie ein Putz-Perpetuum Mobile.


Die Kirsche auf der Pädagogen-Tagestorte verbirgt sich hinter einer schmucken Dienstberatung alle paar Wochen. Ihr könnt euch darunter nichts vorstellen? Kein Problem – das Ganze läuft in etwa ab wie ein Familienessen bei der Schwiegerfamilie. 
Alle treffen mehr oder weniger gestresst und pünktlich am Ort des Geschehens ein, während die Schwiegermutter bzw. Schulleiterin auch schon mit den Augen rollt. Sie ist es dann auch, die der Veranstaltung ihren anstrengend einzigartigen Charakter verleiht indem sie 90 Minuten wirres Zeug erzählt. Die Schwiegermutter drischt Phrasen, die aus dem Wahlprogramm der AfD stammen könnten. Die Schulleiterin stammelt irgendwas über Dienstvorschriften, Quereinsteiger und Altpapiersammlung. Dabei wirkt sie genauso kompetent und aufgeklärt wie ihr Pendant am Familientisch. Effekt beim Zuhören bei Beiden: Fremdscham und der Wunsch, an Ort und Stelle vom Blitz erschlagen zu werden.
  
Die stellvertretende Schulleiterin gibt den Schwiegervater, der sich nur ins Gespräch einklinkt, wenn er den Blödsinn nicht mehr aushält. Quittiert wird der vorwitzige Einwurf mit einem Laser-Blick, der selbst Metall trennen könnte. 


Weitere Gemeinsamkeiten zwischen Familienessen und Dienstberatungen: wenn es Alkohol gibt, hebt das die Stimmung ungemein, 
irgendjemand lacht ständig bescheuert an den unpassendsten Stellen, 
die Schlauen beschäftigen sich heimlich unter dem Tisch mit was anderem und alle, die nicht reden kämpfen gegen die Müdigkeit. 
Ach ja und mindestens einer schläft ein. 
Beim Familienessen ist das in der Regel die Oma. Bei der Dienstberatung ist das die Kollegin, die mangelnde Kompetenz mit Schwerbeschädigung ausgleicht und deswegen so fest auf ihrem Posten wie Schimmel im Mauerwerk von Gutshäusern sitzt. Das Figurenschlafen der Kollegin steht dem der dicken Omi im Seniorensessel in nichts nach und wenn die Zufallspädagogin auch sonst nichts kann, für die Belustigung des ganzen Kollegiums sorgen, in dem sie während den Redebeiträgen der Schwiegermutter… äh Direktorin gut sichtbar für alle am langen Tisch immer wieder einnickt – das kann sie. True Story.

Wie dem auch sei, genau wie bei Familientreffen werden solcherlei Zusammenkünfte bevorzugt genutzt um unangenehme Nachrichten, an die sich später keiner mehr erinnern kann oder will, unters „Volk“ zu bringen. Dennoch wird es immer heißen: „Darüber haben wir doch gesprochen!“ Haben wir? Vermutlich. Möglicherweise habe ich da aber auch gerade einen Post für Facebook geschrieben, Diktate korrigiert oder einfach diskret geschlafen. Und im Privatleben wie im Beruf freuen sich alle Beteiligten wenn das Leiden ein Ende hat.


Gegen halb drei macht Frau Müller sich endlich auf zur zweiten Schicht pädagogischen Wirkens und sammelt ihre Nachkommen ein. Sie hofft, dass beide heute möglichst wenig Hausaufgaben aufhaben. Ihre Geduld ist inzwischen so aufgebraucht wie die Plastik-Christbaumkugeln bei Ikea am letzten Wochenende vor Weihnachten. Noch schnell in die Hausaufgabenhefte kucken, rotes Gekrakel erblicken und sich fragen, welcher dieser nichtsnutzigen Lehrer heute lieber Einträge geschrieben hat, statt sich vor der Arbeit auf dem Klo zu verstecken.

"Werte Frau Müller, ihr Sohn hat heute in der Stunde
seinen Radiergummi gesucht!"
Frau Müller: "Und? hat er ihn gefunden?" 


Wenn man es zwischen oder nach den Stunden noch nicht geschafft hat, das didaktische Feuerwerk des nächsten Schultages zu planen, dann bleibt einem diese freudvolle Tätigkeit für die kostbaren Abendstunden. Ein ebenso variantenreiches Unterfangen, das stark von der intraindividuellen Motivation abhängt und in seiner Bandbreite vom Laminieren bunter selbst am PC erstellter Kärtchen über die Suchwörter „Arbeitsblatt“ und "Mandala" bei Google bis hin zur Auswahl einer Lehrbuchseite und der dazugehörigen Aufgabe im Arbeitsheft reicht. 
Seltener sammelt man Laubblätter, Blumen, Klorollen oder Bilder aus Zeitschriften. Immer allerdings reinigt man gummibehandschuht die Schreibfolien der Erstklässler mit Nagellackentferner.


Den wahren Experten erkennt man übrigens nicht daran, dass er täglich sein Equipment für jede einzelne Stunde im Trolly in die Schule karrt sondern dass er auch völlig unvorbereitet, übermüdet und wenn es sein muss auch mit 39Grad Fieber vier Stunden Klassenleiterunterricht abfeuert ohne dass Schüler oder Lehrer aus Frust durchdrehen oder dauerhafte Schäden erleiden. Ich nenne mich den Rüdiger Nehberg der Didaktik…


Mittwoch, 13. September 2017

The truth beyond the Klassenzimmertür: Ein Arbeitstag mit Frau Müller – Schulpraktische Studien Teil 1



Heute seid ihr Studenten der Förderpädagogik im Grundstudium, das heißt ihr dürft Zeit in der Schule verbringen – ganz nah an der Praxis sozusagen – ohne dass ihr selbst aktiv werden müsst. So war das zumindest zu der Zeit, in der ich einst meine berufliche Qualifikation erwarb. Das ist ein bisschen wie bei diesen mutigen Tauchern in den Stahlkäfigen zwischen den Haien. Nach dieser Erfahrung könnt ihr überlegen, ob ihr auch mal ohne schützenden Käfig mit den Haien spielen wollt oder ob ihr Haie einfach scheiße findet. Wenn ihr euch für Ersteres entscheidet, dann achtet darauf, dass ihr nie blutet und immer genug Futter dabei habt. Stellt ihr jedoch eher fest, dass Schwimmen mit Haifischen nicht so euer Ding ist, dann lautet die Diagnose Praxisschock.


„Schatz, du hast heute morgen Aufsicht!“, dringt es von der anderen Seite des Bettes an mein Ohr. Gerade wollte ich Herrn Müller zum fünften Mal auffordern, die Schlummertaste zu drücken. Er hat mich schon im letzten Schuljahr zuverlässig an meine Aufsichtstermine erinnert. 
„Fuck, stimmt. Ach verflucht!" und aus Trotz selbst auf die Schlummertaste gedrückt.  Also dann heute akzeptieren, dass der Lidstrich nicht symetrisch ist, den Ladyskaffee nur zur Hälfte austrinken, den kleinen Müller ins Auto scheuchen und ab, um vor der örtlichen Grundschule das Kind abwerfen. 

Im zweiten Schulbesuchsjahr des Minimüllers habe ich mich an den irritierenden Anblick meines Kindes gewöhnt, das den vorbeigehenden Klassenkameraden mit steinerner Miene den Rücken zudreht, so lange bis diese ganzen lauten Kinder außer Sichtweite sind, damit die letzten Meter zur Schule in herrlich ruhiger Einsamkeit zurück gelegt werden können. Ist eben mein Sohn.

Vor unserer Förderschule sind Parkplätze immer rar, also ist Resteparken angesagt, für diejenigen, die keine feuchte Wohnung haben und nicht schon eine Stunde vor offizieller Anwesenheitspflicht die heiligen Hallen bevölkern. Heißt also, ich parke in den Lücken längs zur Fahrrichtung, an denen meine Kolleginnen mangels autofahrerischer Fähigkeiten vorbeifuhren. Ja, einparken kann ich einigermaßen. Herrlich, wenn der Tag mit einem Erfolgserlebnis beginnt, doof nur wenn es das Einzige des Tages bleibt. Noch blöder, wenn irgendjemand besser einparken kann als ich und nur noch Plätze an der Hauptstraße übrig sind. Abgefahrene Außenspiegel traumatisieren langfristig. Das Gefühl, nach so einem Parkplatztag das Vehikel unversehrt vorzufinden, gleicht einem negativen Schwangerschaftstest.

Tasche reinbringen und direkt nach hinten durch zum Schülereingang. Heute ist Frühaufsicht, das bedeutet die bildungshungrige Meute, die entweder zu früh von den Eltern vor die Tür gesetzt wurde oder einfach die Busverbindungsarschkarte hat, davon abhalten, die Anwohner morgens halb Acht mit NeuKöllner Klassik aus ihren Smartphones und BlueTooth-Lautsprechern zu beschallen beziehungsweise in Abhängigkeit der Witterung, alles was Beine hat und im ersten Moment nicht als Lehrkörper identifizierbar ist, mit Schneebällen zu bombardieren. 

Schulhofsadomasochismus: masochistisch lächeln und winken, wenn die eigenen Erstklässler sich über das Wiedersehen am Morgen freuen und schon aus 50 Metern Entfernung „Hallo Frau Müllaaaa!“ rufen, dabei mehrfach über ihren auf dem Boden schleifenden Turnbeutel stolpern und du weißt, dass sie dich gleich umarmen wollen, an der Schultür für alle aber gut sichtbar der „Achtung – Wir haben Läuse“-Zettel hängt. Im nächsten Moment sadistisch lächeln und demonstrativ „Guten Morgen“ sagen, wenn die Karawane der Sieben- bis Neuntklässler stumm und blickkontaktmeidend an dir vorbei zieht und sich dabei über das Spachtelmake-up und die Smokey-Eyes der zukünftigen Influencerinnen amüsieren.

Wenn das letzte Opfer der Schulbesuchspflichtjahre im Höllenschlund verschwunden ist, geschwind ins Lehrerzimmer, das Klassenbuch holen und schnell was kopieren. Dabei entweder pseudokollegial tausend entgegen gestreckte Hände schütteln oder eine Erkältung vortäuschen, um die eigene Hand bei sich behalten zu dürfen ohne unsozial zu wirken. 
Am Kopierer steht eine Schlange und alle sind am Labern: 
„Nordic Walking hier… Räucherkäse da… Zucchinisuppe lecker ... das letzte Spiel war eine Katastrophe“. 
Lächeln und Winken. 
„Bla, du hast aber die Haare schön, blabla, Frau Müller, deine Ohrringe/Schuhe/ irgendwas anderes klamottenmäßiges sind/ist aber toll.“ Lächeln und Winken. 

Es klingelt, alle sind plötzlich weg und der Kopierer endlich frei. Er spuckt zwei Blätter aus und sagt mir dann freundlich-fordernd „Bitte legen sie mehr A4-Papier ein!“ Verdammte Axt, das Papierkarma. Also eine Etage höher im Sekretariat um Kopierpapier flehen und wieder runter. Die Zeit, bis der Kopierer begriffen hat, dass jetzt mehr Papier vorhanden ist, fühlt sich genauso lange an wie die letzte Minute auf dem Waschmaschinendisplay vor dem Freischalten der Tür.

Im Klassenzimmer angekommen stellt man fest, dass das Klassenbuch noch fehlt. Egal, braucht eh kein Schwein. Und Feueralarm wird es ja wohl jetzt nicht geben, nicht um die Zeit. Da ist Frühstück in der Schulleitung. Fünf Minuten vergehen bis alle Arbeitsmittel in überschaubar hübschen Häufchen auf den entkrümelten Schülertischen liegen. Was nämlich leider immer zuerst ausgepackt wird ist das Frühstück. Das sorgt dafür, dass schon vor der ersten Stunde die Möbelpolitur aus Nutella und Butter auf den Tischplatten erneuert wird.

Wenn die Milchschnitte und auch der letzte Babybel den kindlichen Schlund in Richtung Magen passiert haben, singen wir das Begrüßungslied. Die Tatsache, dass ich nach fünf Wochen, in denen wir jeden Morgen dieses Lied hören, uns dazu bewegen und mitsingen, immer noch überlegen muss, ob nun zuerst mit den Füßen gestampft oder mit den Händen auf die Schenkel geklopft wird, gibt mir zu denken. Vermutlich liegt es daran, dass ich die 2:32min in denen der Song läuft nutze, um noch einmal geistig abzuschalten bevor der Wahnsinn losgeht. Oder ich verblöde einfach solidarisch.
 
Als nächstes werden die Hausaufgaben kontrolliert. Drei Kinder diskutieren wie jeden Tag mit mir darüber, welchen Lobstempel ich ins Heft drücke, obwohl es für Hausaufgaben schon immer nur ein „Super“-Blümchen gibt. Fünf Kinder wissen nicht, in welchem Hefter die Hausaufgabe war, dabei haben wir nur zwei. Einen roten und einen blauen. Und einer heult, weil er die Hausaufgabe nicht hat. Jaaa, in Klasse 1 sind Eltern und Kinder noch hochmotiviert.

Danach machen wir irgendwas, bei dem jeder mal an die Tafel schreiben oder malen kann. Alle müssen sich die Tafel unbedingt auf ihre individuelle Zwergengröße einstellen und pfefferen dabei dank innenarchitektonischer Fehlleistungen mehrmals fast meine Teetasse runter, brauchen genauso lange sich für eine von vier Kreidefarben zu entscheiden wie Margarete Schreinemakers bei der Auswahl ihrer Showbrille und malen dann so ungeschickt zwei Striche, dass dabei die Kreide abbricht und der Fingernagel auf dunkelgrünem Metall fiese Quietschgeräusche erzeugt. Jedes Kind muss einzeln davon abgehalten werden, sich sofort die blauen oder roten oder grünen oder gelben Finger zu waschen, weil sonst irgendwann alle von spritzendem Wasser und Schaumbergen im Waschbecken abgelenkt sind.

Anschließend malen wir die Zeichen von der Tafel noch einmal mit den Fingern erst in die Luft und dann auf die Bank. Einige sehen dabei aus wie Emily Rose im Zuge ihres Exorzismus, wieder andere fühlen sich so ungelenk an wie halbseitig Gelähmte bei der Physiotherapie, wenn ich ihren Arm dabei führe.

Jetzt das Ganze ins Heft. In welches? In das Heft, in dem wir seit fünf Wochen jeden Tag schreiben. In das rote? In das? Ja, in das. 
„Alle Kinder nehmen einen Bleistift!“ Drei nehmen einen Bleistift, vier irgendeinen anderen Stift, zwei machen gar nichts und der Rest fragt zum fünfzehnten Mal, warum wir nicht mit Füller schreiben. 
Wenn der erste gleich seinen Bleistift weg wirft, die Hand hoch reißt und „Fääärtisch!“ ruft, sucht der andere noch einen Bleistift. 
Frau Müller mittendrin. 

Mach doch was mit Steinen, hatten sie gesagt. Steine reden nicht, hatten sie gesagt.
Kennt ihr dieses Spiel aus den Spielhallen, bei dem Trolle unvermittelt aus irgendeinem Loch auftauchen und man mit so einem großen Holzhammer möglichst schnell draufhauen muss, damit sie wieder verschwinden? So ungefähr fühlt sich dieser Unterrichtsschritt an. Hier ein Lob, da eine Aufforderung doch endlich mal anzufangen, dort verhindern, dass über drei Zeilen gleichzeitig gemalt oder die erste Zeile mit der rechten und die zweite mit der linken Hand geschrieben wird. Zwischendurch Fabians Hand führen, damit wenigstens eines der Zeichen der Vorgabe ähnelt. Danach schnell Hände waschen. Die Hand war klebrig. Fabian hat Schnupfen. Immer.

Dann eine Runde Smileys verteilen und der Hälfte der kleinen Selbstüberschätzer erklären, warum ich heute leider kein Foto für sie habe …äh… warum die Smileys in meinem Stift leider schon aus sind. Irgendwie haben es dann alle geschafft. Es gibt ein Blatt für die Hausaufgabe und die letzten fünf Minuten verbringe ich damit, beim Unterscheiden des roten vom blauen Hefter zu helfen und anschließend komplett verdrehte Blätter wieder aus- und richtig einzuheften. 

Bis zum Klingeln nach diesen 45 Minuten hat Kevin fünfmal gesagt, dass er Hunger hat, dreimal gefragt, wann er frühstücken kann und sechs Mal dazu angeregt, doch ein Spiel zu spielen. Dazwischen Justin, der ganz dringend pullern musste und die Hälfte der Klasse mit dieser Not ansteckte. Alle Bedürfnisbekundungen gerne ohne vorherige Meldung mitten in meinen Lehrervortrag oder mit Fingerzeichen als sinnvollen Beitrag zum Unterrichtsgespräch.

So, jetzt ist Pause. Vielseitig nutzbare Zeit in vier Varianten:

Variante 1: man hat Aufsicht und tingelt von Zimmertür zu Zimmertür um beim Betreten des Klassenraums entweder alle andächtig an ihren Bananen nuckelnd vorzufinden oder aber epische Schlachten á la „300“ zu befrieden. Dabei ist man selbst der akuten Gefahr ausgesetzt, von herum fliegenden Federmäppchen, Brotdosen, Tafelschwämmen oder Schülerkörpern außer Gefecht gesetzt zu werden.

Variante 2: man hat keine Aufsicht und verpisst sich irgendwo hin, wo man von keinem menschlichen Wesen entdeckt wird. Arztzimmer, Klo oder ein Kellerraum sind zu empfehlen. Dort hat man die Qual der Wahl: Notdurft, Frühstück oder Whatsapp und Facebook – sicherlich ein Stück weit abhängig von der gewählten Location. Da ich selten tagsüber zum Essen und Trinken komme, daher auch keine Notwendigkeit besteht, daraus entstehenden Bedürfnissen nachzugehen, bleibt viel Zeit für das Pflegen sozialer Kontakte.

Variante 3: man entscheidet sich für die Kaffee-Runde im Lehrerzimmer. Dafür muss man Menschen im Allgemeinen und Lehrer im Speziellen mögen. Fällt für mich also aus. Spätestens nach vier Minuten zwischen diesem verlogenen Gegacker sehnt man sich nach hochfrequentem Kindergeschrei oder Tod durch Enthauptung.
Variante 4: man hat keine Aufsicht und bleibt im Klassenzimmer. Keine gute Entscheidung aber leider die am häufigsten gewählte Variante. Dort wird man dann zehn Minuten dazu genötigt, fettige Trinkflaschen zu öffnen, Bananen mit Nutellaschmauch zu schälen, freundlich lächelnd leberwurstverschmierte Plätzchen oder gar matschige Obstschnitze aus schmutzigen Kinderhänden abzulehnen oder sich langweilige und agrammatisch vorgetragene Wochenenderlebnisse anzuhören. 
„Weisst duuu, Frau Müllaaa…“ und „Hier, für dich Frau Müllaaaa!“ und schon meldet sich der Fluchtreflex. Die ständige Behelligung durch die Oberpetzen Shanaia und Shakira  - Zwillinge, rote Haare und bescheuerte Namen – nicht zu vergessen. 

Dazwischen Schreibkram. Einträge schreiben: 
„Werte Frau K., ihr Sohn hat zur Aufsichtsführenden Kollegin „Fick dich!“ gesagt, als sie ihn zur Tür schickte. Bitte sprechen sie mit ihm über dieses Fehlverhalten."
Elternbriefe beantworten: 
„Der Justin hat gestern am Bus dem Finn seine Jacke kaputt gemacht. Die war teuer. Mein Mann und ich kriegen nur Hartz IV. Können sie mir die Telefonnummer von dem Justin seine Eltern aufschreiben?"
 
Ach ja – und den Streit um die Toiletten-Rangfolge schlichten. Toiletten, Toilettenpapier und Klobürsten scheinen einen unglaublichen Aufforderungscharakter auf den kindlichen Spieltrieb auszuüben. Das heißt entweder mit nassen, stinkenden Schülerschuhen im Klassenzimmer und dem Hausmeister als Dauergast leben oder isoliertes Einmann-Pullern. Weil das Jungsklo im Unterstufenbereich schlimmer riecht, als eine rumänische Autobahntoilette, mich diese Gruppenexzesse zwischen den Porzellanschüsseln aber immer wieder zum Betreten dieses Raumes nötigen, mach ich gerne den Zweitjob als WC-Ordner und sorge für geregelten Stuhlgang ... äh ... Einzelzutritt.

Nach dem Stundenklingeln wiederholt sich das Desaster aus der ersten Stunde in leicht abgewandelter Form noch bis zu dreimal, die Fragen bleiben die gleichen. Abwechslung bringen die Wutausbrüche der schlechten Verlierer und die offenbar gesteigerte Erdanziehungskraft im Bereich einiger Schülertische, deren Platzinhaber mehr Zeit unter dem Tisch beim Suchen von Stiften, Würfeln, Kärtchen und Chips verbringen als auf ihrem Stuhl. 
Ein Bewegungslied, bei dem Frau Müller regelmäßig mehr Ausdauer im Schütteln, Wackeln und Zappeln beweist als eine Gruppe Siebenjähriger oder eine spannende Igelballpartnermassage zwischen distanzgeminderten Bewegungslegasthenikern sind die Streusel auf dem Pädagogik-Keks. 

Zu guter Letzt noch sechs von neun Ränzen selbst einpacken, auf links gedrehte Jacken umkrempeln, Mützen aus dem obersten Regalfach fischen (dabei wieder an den Läusezettel erinnert werden) und den Körperwundern beim Hochstellen der Stühle helfen. Das gute alte „Auf Wiedersehen“ im Chor und der Wahnsinn hat für diesen Tag zumindest für die Zwerge ein Ende. Für die Müllerin geht es in Runde 2. Fortsetzung folgt...

Als Lehramtsstudent im Hospitationspraktikum dürftet ihr jetzt nach Hause gehen um dort brav an eurem Bericht zu schreiben. Wenn ihr jedoch einen guten Eindruck bei eurer Mentorin (mir natürlich) hinterlassen wollt, bleibt ihr noch ein wenig und zeigt Interesse am Werkunterricht, der Töpfer-AG und einer konstruktiven Dienstberatung. Nächste Woche im Blog (Hier klicken).
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