Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 30. Mai 2018

Cast of Absurdistan 2.0: Ein Klassenporträt ODER Neue Äffchen braucht das Land


Nach dem Erfolg des Artikels „Cast of Absurdistan – Alle meine Äffchen“, welchen ich vor etwa einem Jahr veröffentlichte, möchte ich es nicht versäumen, dem interessierten Leser im Hinblick auf das bevorstehende Ende dieses Schuljahres den diesjährigen Cast of Absurdistan, also 2.0 mit dem Titel „Neue Äffchen braucht das Land“ vorzustellen. Wie auch im letzten Klassenporträt war ich aus Gründen des Datenschutzes bemüht, zu den Originalnamen der Kinder ein zumindest für mich und mein Empfinden passendes Äquivalent zu finden. Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind daher rein zufällig.


Nicht nur die in Kürze zu schreibenden Zeugniseinschätzungen und damit wieder die schier unlösbare Aufgabe, die unangenehme Wahrheit in möglichst wertschätzende und ermutigende Worte zu verpacken und dennoch den Eltern, die bei der Aufgabe, ihren Kindern zumindest einen Teil ihrer Intelligenz zu vererben nicht gerade auf eine reiche Mitgift zugreifen konnten, einen Wink mit dem Zaun zu verpassen. Jedes Jahr erneut papiergewordener Iron Man.

Nein, zwar stimmte mich die erzwungene Übernahme der ersten Klasse, über die ich im Artikel „Lieber ein Kevin in der Hand als die Charlotte auf dem Dach“ bereits ausführlich berichtete, nicht gerade freudvoll. Aber wie ich das zum Beispiel auch vom Yoga kenne, bei dem ich Asanas, die ich nicht kann und die mir weh tun zunächst hasse und mit nachlassendem Schmerz immer besser meistere, habe ich mich mittlerweile so gut an die kleinen Rotznasen gewöhnt, dass mir die erneut bevorstehende Trennung von einigen Pflänzchen meines intellektuellen Mischwaldes, doch etwas zu schaffen macht. Nicht zuletzt, weil ich die Art der Veränderung pädagogisch so gar nicht vertreten kann, eine Änderung der Gesetzeslage und die Chefetage mir diesen Schritt jedoch abnötigte. Einige gehen, einige bleiben und einige kommen.

All die jenigen, die mir heute und in den verbleibenden Wochen dieses Schuljahres den Arbeitstag mit ihrer herzerwärmenden Anwesenheit und ihrem zuckersüßen kindlich-unverdorbenen Wesen verzaubern, sollen heute gewürdigt werden.

Beginnen wir mit Fabian, dem regelmäßigen Leser womöglich bereits als Rotzbläschenvulkan bekannt. Fabian klingt an vier von fünf Schultagen beim Atmen wie ein Poolfilter mit Herbstlaubfüllung. Und als könnte ich mir aus dieser Geräuschkulisse die frohe Kunde nicht selbst entnehmen, begrüßt er mich an solchen Tagen meist mit den rhinophonen Worten: „Frau Müllaaa, ich bin bissl krank.“ Aha. Fabian ist für mindestens dreiviertel meiner Kranktage in diesem Jahr verantwortlich, denn er ist es auch, der dank feinmotorischer Fähigkeiten eines 93jährigen Parkinsonpatienten mit zwei linken Händen an denen sich jeweils fünf Daumen befinden, ständig meine Hilfe beim Schreiben benötigt. Und wisst ihr womit sich Kind die krustige Schnupfennase abwischt, wenn gerade kein Taschentuch in der Nähe ist und die Zunge zu kurz zum popeln ist? Richtig, mit dem Handrücken. An dem klebt Frau Müller dann fest, wenn sie spontan zur Schreibhand greift bevor Fabian Gelegenheit hatte, seine kostbare Körperflüssigkeit abzulecken. Ach ja, ich wollte ressourcenorientiert schreiben. Also zu Beginn des Schuljahres beschäftigte sich Fabian häufig sehr vertieft damit, die kleinen Fädchen zwischen seinen Fingern zu beobachten, wenn er sie mit einem ordentlichen Spuckeklecks dazwischen auseinander streckte. Vermutlich hat er seine Studien dazu inzwischen abgeschlossen. Auch riesige Spuckepfützen auf seinen Arbeitsblättern, die er so lange versuchte trocken zu reiben bis das Papier ein Loch hatte, habe ich lange nicht mehr beobachten können. Außerdem ist Fabian sowas wie das Klassenbrain. Immer dann, wenn ich eine Frage stelle, die ernsthaftes Nachdenken erfordert (kommt hin und wieder vor), haut Fabian so ordentlich einen raus, dass es sich mein Hirn kurz vor der Selbstzerstörung durch Verzweiflung noch einmal anders überlegt.

Dann ist da Finn. Finn ist ebenso temperamentvoll wie charmant. So charmant und temperamentvoll, dass ihm die Betreuung durch mich allein nicht ausreicht. Und er ist der Schildkrötenjunge. Erinnert ihr euch noch an unseren ersten Wandertag, bei dem die kleinen Hobbybiologen glaubten, im Mittelgebirgswald eine Schildkröte entdeckt zu haben? Auf Facebook berichtete ich davon. Finn schert sich nicht viel um Individualdistanzen, auch nicht um die von Waldbewohnern. Nur mit Mühe gelang es mir die müllersche Lehrerinnencontenance zu bewahren, als mir die (Schild)kröte zwischen Finns Händen ihre hilflos hervorquellenden Augen entgegenstreckte und zu sagen schien: „Frau Müller, hättest du nicht einfach in den Zoo gehen können?“. 

Finns Stoffwechsel ist überaus aktiv – so aktiv, dass ihm der Inhalt seiner eigene Brotdose nur selten über den vierstündigen Vormittag bringt und er sich daher schon häufig als Taschen- äh.. Dosendieb ein Zubrot ergatterte. Scheinbar gibt es in jeder Klasse einen unglaublichen Hulk, in meiner letzten Klasse war es Justin, der mir den Abtransport im Streifenwagen einbrachte, in dieser ist es Finn. Wenn der sich verwandelt, kann man den Rest der Klasse und sich selbst nur noch in Sicherheit bringen oder läuft Gefahr, von umher fliegenden Stühlen und Tischkanten, mit dem Potential Zehen zu zermalmen, erwischt zu werden. Außerdem benötigen Außenstehende, wie zum Beispiel die Schulzahnärztin meine Dolmetscherdienste, da Finn eine Sprache spricht, die vermutlich eine Mischung aus Klingonisch und Suaheli ist. Wenn man sich ein wenig einhört, geht’s aber. Finns Stärke ist seine Fähigkeit, Arbeitsaufträge quasi nebenbei sowohl zu erfassen als auch zu erledigen. Während man als Beobachter durch seine merkwürdige Angewohnheit abgelenkt wird, auf Dingen herum zu kauen, die nicht dafür gedacht sind oder aber all seine Schreibgeräte in ihre ursprünglichen Bestandteile zu zerlegen, sind am Ende der Stunde dennoch alle Aufgaben erledigt.

Shanaia und Shakira sind eineiige Zwillinge. Und weil sie nicht nur gleich aussehen (ich kann sie bis heute nicht auseinanderhalten) sondern auch gleich liebenswert sind, erwähne ich sie gemeinsam. Kennt ihr Dideldumm und Dideldei aus Alice im Wunderland? Shanaia und Shakira sind zwar weder übergewichtig noch glatzköpfig aber wallendes rotes Haupthaar und ein ziegenähnliches Wesen sorgen für genauso viel Liebreiz. Der Look ist Programm. Und mehr gibt es über diese Beiden auch nicht zu sagen.


Sophie ist meine persönliche Stalkerin. Zu jedem Pausenklingeln steht sie pünktlich neben meinem Tisch, streichelt meinen Arm oder krault mir ungeachtet meiner Abneigung gegenüber nicht notwendigen Berührungen durch ungewaschene Kinderhände, den Rücken und säuselt mir dabei feengleich „Meine Frau Müller“ ins Ohr. Mit dem richtigen Filter und passender Musik könnte das durchaus der Opener einer Folge Tatort sein. Keine Ahnung ob Sophie Synästhesie begabt ist oder einfach nicht lesen kann, jedenfalls schaut sie mir beim Lesen permanent ins Gesicht. Und ich dachte immer, man liest aus Händen. Wenn etwas in meinem Gesicht stünde, dann sicher nicht „Momo und Papa TUN malen“ sondern so etwas wie „Herr, reiß die Erde auf!“ oder „Steinmetz ist sicher auch ein total interessanter Beruf“.

Ein ganz putziger Bub ist auch Ronny. Nicht. Wenn Ronny mich mit hängender Unterlippe und einer Zunge, die scheinbar so groß ist, dass sie nicht ganz in den Mund passt, anschaut und in jeder Pause aufs Neue fragt „Kannisch ma pullrn gehen?“ und dabei ebenso regelmäßig die Antwort „Du weißt, dass du in der Pause gehen darfst. Du brauchst nicht zu fragen“ bekommt, dann springt mein Herz vor Glück fast aus der Pädagogenbrust. Wenn wir eine Stunde lang darüber sprechen, dass jeder Mensch an jeder Hand fünf Finger hat (abgesehen von der Einfachheit halber unerwähnten Ausnahmen), kann ich mir sicher sein, dass Ronny am nächsten Tag jeden einzelnen seiner Finger zählt, wenn ich ihn nach der Anzahl seiner Finger frage. Egal ob man Ronny lobt, ermuntert oder auf Streichholzschachtelgröße zusammenfaltet, Ronnys Reaktion gleicht stets der eines Findlings in der mecklenburgischen Grundmoräne an einem Dienstagabend bei einem aufkommenden Sommergewitter. Ein Klassiker: „Ronny, schau mal. Ich habe zwei Bonbons. Eins ist hier in der offenen Hand. Wie viele Bonbons sind denn jetzt in der geschlossenen?“. Ronny mit dem Zauberblick: „Fünf?“

Tim hat einen echten Weg hinter sich. Nachdem er nämlich im ersten Halbjahr jede seiner Handlungen mit der nachdrücklichen Forderung „Ich brauch mal Hilfeee!“ anging, beginnt er mittlerweile selbstständig mit der Arbeit und fragt mich nach zwei Minuten „Meinst du so?“. Tim ist ein wirklich WIRKLICH liebenswertes Kerlchen, auch wenn ich mich in Förderstunden mit ihm manchmal fühle, als würde ich versuchen einem Hund oder einer Katze das Lesen zu lernen. Du wünschst dir nichts mehr, als das er es endlich schafft Mi, Ma oder Mo zu lesen und ein L von einem P zu unterscheiden, wirst aber statt mit einem Lernerfolg, mit einem ebenso verständnislosen wie niedlichen Hundeblick belohnt. Immerhin.

Carsten sagt nicht viel aber wenn er etwas sagt, dann bringt er es auf den Punkt. Mit der Stimme von Feivel dem Mauswanderer, bittet er mich „meinen Hintern einzuziehen“ damit er zum Abwischen an die Tafel kommt. Und nach einem Klassenanschiss, der sich zumindest in meinen Augen gewaschen hat und mit „Das ist NICHT lustig“ endet, schiebt er das schweinsteigersche „Aber funny“ nach. So pointiert wie Carsten sein kann, wenn er sich sicher fühlt, so stumm ist er, wenn er etwas verbockt hat. Da für quatscht Carstens Mutter jeden Elternabend in die ewigen Jagdgründe und sorgt mit ihrem Auftritt sogar bei den hartgesottensten Anwesenden für ein Übermaß an Fremdscham. 

Ich erwähnte es bereits: Justins sind das Salz in der Suppe des Klasseneintopfs und so darf er auch in Klasse 1 nicht fehlen. Justin erinnert mich optisch an Caillou aus der gleichnamigen Kinderserie, vor allem dann, wenn Justins Papa mal wieder die Haarschneidemaschine geschwungen und den Familienfriseur gespielt hat. Das nennen wir es nicht ganz schlüssige Verhältnis von Kopfgröße zum Körperbau ist bei beiden Jungen gleich. Justin ist das Lämpchen mit der niedrigsten Wattzahl. Und wenn er mich nicht gerade durch das fortwährend geräuschvolle laterale Einsaugen seines Speichels an den Rande des Wahnsinns treibt, dann spätestens wenn er voller Überzeugung versucht, den letzten verbleibenden Stein aus der vierten Etage des bereits gefährlich schwankenden Jengaturms zu ziehen. Mit Justin Logikaufgaben lösen fühlt sich an, als würde man versuchen, ein Domino in einem Trampolin aufzubauen, während eine ganze Kindergartengruppe darin springt. Unser gemeinsamer Start gestaltete sich etwas schwierig, nachdem er mir täglich mit grimmiger Miene beteuerte, dass er morgen nicht mehr kommt und seiner Mama sagt, dass ich gar nicht lieb sei. Nichts von allem geschah, aber die Bäche seiner Trotztränen versiegten immerhin.

Irgendwie hab ich sie trotzdem alle gern und das Hühnerfrikassee der Seniormüllerin ist kein Hühnerfrikassee, wenn kein Mais dran ist. Ihr wisst was ich meine. Wie oben bereits erwähnt, werden mich einige der kleinen Schwachstrompersönlichkeiten verlassen, dafür werden mir aber auch einige neue Passagiere in den Bus der Erkenntnis gesetzt. So widerwillig ich zu Beginn des Schuljahres war, nachdem man mir meine großen Äffchen weggenommen hatte, so wehmütig bin ich heute. Was mir Mut macht, ist der Gedanke an Tiefkühlfrikassee, das zwar nicht schmeckt wie von Muttern aber auch lecker ist. Ganz ohne Mais.

Das hat wesentlich mehr Spaß gemacht,

als echte Zeugnisse zu schreiben.

Spaß macht mir auch,

euch via FACEBOOK über Absurdistan

und Neues aus der Müllermansion

zu informieren. Also HIER reinschauen


Mittwoch, 10. Mai 2017

Cast of Absurdistan: Ein Klassenporträt ODER Alle meine Äffchen



Wichtig: Selbstverständlich habe ich die Namen aller Kinder geändert um ihre Anonymität zu wahren. Dennoch war ich bemüht, allen Schülerpersönlichkeiten einen möglichst passenden Namen zu geben. Ihr kennt das möglicherweise. Jeder von uns verknüpft bestimmte Namen mit Verhaltensweisen. Man sieht ein Kind und denkt: DAS kann nur ein Kevin sein...
 
Die Ausgabe der Jahreszeugnisse rückt allmählich näher. Schon in ein paar Wochen werde ich vor diesen Tasten sitzen und mir für jedes Kind eine Beurteilung aus den Fingern saugen. Bei etwa einem Drittel der Schüler geht einem diese Arbeit von der Hand. Für das nächste Drittel braucht man etwas mehr Mühe und beim letzten Drittel fragt man sich: „Wer war das gleich noch?“.  Die Herausforderung dabei ist, möglichst wenig herabwürdigend oder entmutigend zu sein und dennoch ehrlich genug zu schreiben, um den Eltern eine realistische Vorstellung des Leistungsvermögens ihrer kleinen „Einsteins“ zu vermitteln und gleichzeitig mit dem Zaun winkend dazu aufzufordern, doch mal statt Kippen einen Bleistift zu kaufen. Das ist nicht leicht. Bedenkt bitte: Intelligenz wird etwa zur Hälfte vererbt und zur anderen Hälfte erworben. Ihr versteht das Dilemma? 

Vorher werde ich noch das machen, was alle Lehrer in den letzten Tagen eines Schuljahres tun: überdurchschnittlich viele Kontrollen schreiben, weil mir erst jetzt auffällt, dass es bisher viel zu wenig Zensuren gab.
Ich lass heute schon mal alles raus, was ich mir sonst verkneife. Vielleicht vereinfacht dieser Artikel in diesem Schuljahr meinen bevorstehenden pädagogischen Schaffensprozess. Wir werden sehen. 
Außerdem kündigen sich in naher Zukunft einige tiefgreifende Veränderungen in der intellektuellen Landschaft meines Klassenzimmers an. Also ist Zeit für eine Bestandsaufnahme. 

Vorweg: Ich gehe wenig professionell bei der Einschätzung und Beschreibung der Schülerindividuen in diesem Artikel vor und werde mich nicht an Teilbereichen wie Lernleistungsverhalten oder sozio-emotionalen Kompetenzen aufhalten. Ich schreibe was mir spontan einfällt. Und jaaa. Ich bin eine gaaanz schlechte Lehrerin. Ich mach die Kinder nur schlecht. Und uuuhuuuu. Hoffentlich denken nicht alle Lehrer so. Ach und Blablabla. Beruf verfehlt. 
Macht’s doch einfach besser. Ist mein Blog.

Wir beginnen mit Kimberly. Sie ist unsere Pummelfee. Die kindliche Elsa wenn Eiszapfen Kalorien hätten. Sie kann ein A nicht von einem M unterscheiden und verbringt die dadurch entstehende Freizeit im Deutschunterricht gerne damit, ihre Haaraccessoires neu anzuordnen, zumindest so lange bis sie auf meinem Tisch liegen. In Mathe hat sie durchaus lichte Momente so lange nicht allzu viel logisches Denken erforderlich ist. Kimberly ist üppig ausgestattet, egal ob Gel-Stifte von Neon bis Glitzer oder Tupperdöschen mit Pausensnacks – von allem ist genug bis zu viel vorhanden. Kimberlys soziale Kompetenzen sind hochentwickelt. Ihr gelingt es außerordentlich gut, Schwachstellen anderer zu entdecken und diese in selbst erhaltene Aufmerksamkeit umzuwandeln. Kurz: Kimberly ist eine Petze. Durch Stirnfalten und gekräuselte Lippen generiert sie einen Vereisungsblick, mit dem sie Kritik des Lehrers einfach einfriert, gegenüber Mitschülern kombiniert sie dies gerne noch mit einem gezischten „Lass mich!“. Optisch erinnert sie in diesen Momenten schwer an eine diabolische Version von Mrs. Doubtfire.

Justin ist einer der heimlichen Stars in Absurdistan. Auf dem Blog und bei Facebook hat er durch einige Soloauftritte wahrscheinlich schon eine eigene kleine Fangemeinde. Justin ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Oder ein bisschen wie der Unglaubliche Hulk. Leistungsmäßig gibt es nicht viel über ihn zu sagen. Mit ihm arbeiten ist ein bisschen wie Hochseilakrobatik. Alles ist gut solange man das sensible Gleichgewicht zwischen Grenzen setzen und Bauchmietzeln hält. Verliert man die Kontrolle, geht es nur noch abwärts. Zunächst ändert sich Justins Mimik und Gesichtsfarbe. Stirnfalten und vital gerötete Bäckchen zeigen allerhöchste Alarmstufe. Mitschüler sollten besser "die Fresse halten" oder ihn am besten gar nicht erst anschauen. Der Lehrer hat verloren, wenn er sich dienstrechtlich nicht angreifbar machen will. 
Stufe 1: verbale Provokationen
Stufe 2: fliegende Arbeitsmittel und Möbel
Stufe 3: Sitzblockade 
Stufe 4: völliger Verlust der Selbstbeherrschung
Seit Justin allerdings zur Psychotherapie geht ist es ruhiger geworden. Ich mag Justin. Ehrlich.

Marvin ist Chantals Zwillingsbruder. Ohne es sicher zu wissen, vermute ich ganz stark, dass er seiner Schwester im Mutterleib den ohnehin schon spärlichen Sauerstoff weggeatmet hat. Er hält sich für die hellste Laterne im düsteren Lampenladen. Intellektuell ist er seiner Schwester weit überlegen. Wie sagt man: unter den Blinden ist der Einäugige König? DAS ist Marvin. Tatsächlich hat aber auch er seine Schaltpausen. Wenn alle zum Beispiel schon längst den halben Text abgeschrieben haben, fragt mich Marvin gerne: Sollen wir mit Füller oder mit Bleistift schreiben. Und auch, dass man Zahlen in Kästchen und Wörter in Zeilen schreibt, ist für unser Klassen-Brain nach drei Schulbesuchsjahren noch keine Selbstverständlichkeit.

Jerome erinnert mich an Tolkiens Gollum. Wenn er mit irrem Blick, wirrem Haar und verschlungen Beinen auf seinem Stuhl hockt, den Mund zu einem Lächeln verzieht, das nur noch die Eckzähne schmücken und sich wie besessen dabei die Hände reibt dann bin ich LIVE auf dem Schicksalsberg. Jerome ist Opfer seiner Gene (wie wahrscheinlich 90 Prozent aller Schüler unserer Schulart). Er gehört einer Dynastie an, die uns schon seit etlichen Generationen mit ihrer Einzigartigkeit beehrt. Seine Mutter ist wie BigFoot: keiner hat sie je wirklich gesehen aber es gibt Hinweise auf ihre Existenz. Jerome ist wegen Zahnstatus „Ruine“ manchmal schwer zu verstehen. Seine Ticks und die desaströse Feinmotorik machen seine schriftsprachlichen Äußerungsversuche ebenso unverständlich. Dank meiner im Berufsalltag erworbenen forensisch-anthropologischen Fähigkeiten gelingt es mir mittlerweile einigermaßen Jeromes Botschaften zu entschlüsseln.

Chantal hatte ebenso wie Justin schon diverse Kurzauftritte in Frau Müllers wortgemaltem Menschenkino. Als Marvins Schwester hat sie definitiv die weniger leistungsfähige Genkombination erwischt. Und ja, bevor Fragen aufkommen, Vater und Mutter sind bei beiden Kindern gleich. Liegt sicher daran, dass es Zwillinge sind. Wobei: Kann man sich sicher sein?
Wenn irgendwann einmal ein Impfstoff gegen zu hohe Intelligenz entwickelt werden soll, dann wird er wohl aus Chantal extrahiert. Ich pflege immer zu sagen: Wenn man so doof ist, dass man nicht merkt dass man doof ist dann ist man sehr doof. Chantal war meine Inspiration. Sie ist so fleißig, willig und motiviert, dass es fast schon schmerzt, sie für ihre völlig deplazierten Antworten nicht loben zu können. Ich denke Chantal wir irgendwann einmal Influencerin oder hat einen eigenen YouTube-Kanal.

Kevin gehört zusammen mit Kimberly und Chantal zu den Leistungsträgern der Klasse. Wenn diese drei Schüler fehlen, steigert sich das intellektuelle Niveau schlagartig um 300 Prozent. Kevin benötigt zum Lösen der Aufgabe 5 plus 3 neben seinen Fingern außerdem Nasenspitze und sämtliche Stifte seines Mäppchens. Er wirkt bei diesen Zähltechniken so geübt, dass die Anzahl seiner Fehler für mich völlig unverständlich ist. Kevin fehlt oft im Unterricht, Schuld ist die Mama. Die verpennt nämlich immer das Schülertaxi und für einen Anruf in der Schule reicht das Prepaid-Guthaben auf dem Handy nur sehr selten bis nie. Kevins Lieblingssatz ist „Neee, ICH hab nichts gemacht!“ inklusive einer überzeugenden Unschuldsmine als Teil einer ausgeklügelten Vertuschungsstrategie von Anfeindungsversuchen seinen Mitschülern gegenüber. 

Ich kann nicht leugnen, dass ich Lieblingskinder habe. Ich bin authentisch. Thorben ist solch ein Kind. Allerdings das Gegenteil eines Lieblingskindes. Unprofessionelle Kollegen würden womöglich Arschlochkind sagen. Thorben interessiert sich in überdurchschnittlichem Maß für alles was ihn gar nichts angeht und fightet engagiert mit Kimberly um den Petzen-Oscar. Optisch erinnert er mich von Gesichtsfarbe und –ausdruck her an Rüdiger, den kleinen Vampir. Das Antlitz krönt ein roter Schopf. Herzig. Die Sportlehrerin klagt über Unfallgefahr, da Rüdiger - HALT! Thorben - häufig beide Hände im Schritt seiner Hose vergraben hat. Alles in allem hätte Thorben mit seinem Talent für Koordination und Bewegung mindestens Backgroundtänzer in Michael Jacksons Thriller-Clip werden können.

Oleg hat, wie der Name vermuten lässt, osteuropäischen Migrationshintergrund. Er ist ein niedliches Bürschchen, dem allerdings sein Denk- und Arbeitstempo auf Valiumniveau stark handicapt. Oleg gehört wie Jerome zu den Schreibern, die mir bei Korrekturarbeiten dank ihrem kryptischen Gekrakel Kopfschmerzen bereiten. Ansonsten gibt es über Oleg nicht viel zu erzählen. Also ein „Drittes-Drittel-Kind“.

Johannis ist so harmlos wie anstrengend. Eine viel zu hohe Stimme in Verbindung mit extrem weinerlichen Tonfall plus Sommersprossen plus Rotschopf stellen eine enorme Herausforderung für den völlig unvoreingenommenen Pädagogen dar. Die Art seiner individuellen Gesamtkomposition allein bedarf keine zusätzlichen liebenswerten Charaktereigenschaften um ihn ins Herz zu schließen. Johannis lebt in einer sehr sparsamen Pflegefamilie, die, um das verdiente Pflegegeld möglichst gewinnbringend anzulegen, mit der Ausstattung der zu pflegenden Kinder sehr sparsam umgeht. Kurz: Im Sommer T-Shirt ohne Erb-Pullunder, im Winter MIT. Das reicht. Johannis sucht gerne 20 Minuten seine Mütze während er sie auf dem Kopf hat und vergisst alles außer seinen Namen. Ebenfalls Arbeitstempotyp „Valium“.

Sophie bildet den Abschluss. Immer niedlich und immer angepasst kann man ihr fast nicht böse sein. Viel zu klein und viel zu schmächtig für ihr Alter steckt, im Klassenvergleich betrachtet, vermutlich am meisten bildbare Hirnmasse in dem Mäuschen. Ein bisschen wie die niedliche und „schlauere“ Variante von Chantal. Ein Drittes-Drittel-Kind. Ich hätte gerne mehr davon. Vermutlich weiß Sophie das, denn sie deckt mich gerne mit Liebesbriefen ein.

Zwei Dinge verbinden mich sicher mit meinem kleinen Blinkie-Rudel: Kevin, Kimberly und ihre Klassenkameraden sind im Sommer bestimmt genauso froh, sechs Wochen Pause von meiner Wenigkeit zu bekommen wie andersherum.
Außerdem sind wir ALLE nicht nachttragend: ich habe Justin auch nach unserem Ausflug im Streifenwagen noch gerne und Johannis sagt mir ebenso regelmäßig wie schön ich bin, wie ich ihm sage, dass er einschläft wenn er noch langsamer läuft. Ich bin mir sicher, sie würden mir auch solch ein herzliches Zeugnis schreiben wie ich ihnen. Wenn sie könnten. 

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(Ich danke Marco und Sarah für's zur Verfügung stellen ihrer Urlaubsfotos von der Affeninsel)