Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 28. Februar 2018

AA und SM – Ayurvedischer Alkoholiker und Shaolin-Mutter

Kürzlich habe ich der Schwiegermüllerin eine Stunde lang erklärt, dass Depressionen eine chronische Krankheit sind, dass das Maß an Belastungen, welches bei jemandem zu krankhaftem Stress führt individuell verschieden ist, dass es kein Recht auf Gerechtigkeit gibt, dass sich niemand für uns ändert und wir daher nur selbst etwas ändern können und dass man das Fenster eben zu machen muss, wenn einem die Zugluft nicht gut tut.

Dabei habe ich hinsichtlich Geduld und aufgebrachten Einfühlungsvermögen angesichts ihrer Reaktionen nicht nur einen lebenslangen Vorrat an Karmapunkten gesammelt sondern auch festgestellt, dass ich meine fast sieben Jahre zurückliegenden Therapieziele  recht gut verinnerlicht habe. Beim Lesen des unten stehenden Artikels, der älter als ein Jahr ist, wurde mir allerdings einmal mehr klar, dass trotz aller Bemühungen Zugluft zu vermeiden, so manches Fenster einfach undicht ist... 



Ich denke, ich werde eine Kur beantragen. Wenn ich dann allein in meinem Klinik-Einbettzimmer mit Seeblick sitze, verspreche ich mindestens drei Wochen niemandem meiner Familie oder Freunde zu schreiben oder jemanden von ihnen anzurufen. Ich möchte niemanden belästigen, mit Problemen wie Heimweh, Blutdruck oder Windows-Updates. Ich möchte aber auch niemandem an meinem inneren und äußeren Restaurationsprozess unter ayurvedischen Bedingungen teilhaben lassen.

Es ist nur eine Mutmaßung, aber ich denke die Menschen die ihren und meinen zurückgelassenen Alltag bewältigen, haben nur wenig Zeit für meine „Probleme“.

Ich freue mich schon aufs massiert werden, aufs Körbe flechten, aufs Bootfahren und auf stundenlange Wanderungen. Vielleicht lese ich auch endlich mal wieder was - außer immer nur mich selbst.

Besonders freue ich mich auf Gesprächskreise mit fremden Frauen, deren Probleme so haarsträubend sind, dass sich meine in Glitzer auflösen. 
Ich denke, ich bringe zunächst alle in der Gruppe gegen mich auf mit der Aussage:
„Hallo, ich bin Frau Müller. Ich kann Kinder nicht leiden und ich denke es war falsch, meine Eigenen nie zu schlagen.“

Daran schließe ich einen Monolog an: 
„Versteht mich nicht falsch, ich bin grundsätzlich dagegen Kinder zu schlagen. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Versagen, ein „Nicht mehr weiter wissen“. Aber sollte man Schwächen nicht auch mal zeigen dürfen. Ich bin Mutter und kein Shaolin-Mönch. Schüler darf ich nicht schlagen, das ist mir dienstlich verboten. Ich akzeptiere das, auch wenn es schwierig ist.

Mein großes Kind erzählte mir einmal, dass einer seiner Freunde von seinen Eltern mit einem Gürtel verprügelt wird. Nun, ich denke nicht, dass dieses Kind seiner Mutter jemals einen Brief mit den Worten „Ich mache nichts. Merk dir das!“ plus einem sorgfältig dazu gemalten Mittelfinger die Treppe runter entgegengeworfen hat.
Immerhin orthografisch nichts zu meckern

Seither ist das immer mein letztes Argument kurz vor dem Nervenzusammenbruch. „Willst du dass wir dich verprügeln? Ich denke dein Freund XY weigert sich nicht seine Mathe-Berichtigung zu machen.“
Zum Glück machen jetzt alle erstmal einen großen Bogen um die Versager-Mutter mit Gewaltphantasien. So brauche ich keine unnötigen Pseudo-Freundschaften zu knüpfen, die höchstens eine Postkarte lang halten und ich habe noch mehr Zeit zum Lesen während der Kur.

Außerdem ist Grüppchenbildung hier ohnehin überflüssig, da Alkoholkonsum im Kurheim untersagt ist. Da trinke ich lieber heimlich allein. Kann mich wenigstens keiner verpetzen und abgeben muss ich auch nichts. Das verspricht unter diesen Bedingungen eine tolle Zeit zu werden.

Mit Müttern, die das Heulen anfangen weil sie nach fünf Jahren im Beruf Vollzeit-Mama ihre Rockzipfellutscher zum ersten Mal für zwei Stunden in einer Fremdbetreuung zurücklassen müssen, kann ich eh nicht viel anfangen. 
Da liegen sie dann bei der Progressiven Muskelentspannung auf der Matte, innerlich aufgewühlt wie das Nesthuhn ohne Brut und die Milch schießt ein, weil sie die räumliche Trennung von ihrem Vorschüler nicht verkraften.

Stellt sich nur die Frage: 
Wie ran kommen, an den ALL-INCLUSIVE-WELLNESS-LANGZEIT-VERWÖHN-Wahnsinn auf Kassenkosten? Man hört ja gelegentlich, dass ein positiver Kurbescheid so etwas wie der Heilige Gral unter gesetzlich Versicherten ist. Zugegeben, ich hatte schon mal eine. Das war vor gut zehn Jahren. 
Damals hatte ich den einjährigen Erstmüller dabei, trank alkoholfreien Sekt, trug Kordhosen und Tuniken und während unseres Aufenthalts im Mutterkind-Kurheim brach eine Magendarmgrippe-Virus herein. Damit endet die freudlose Geschichte. Rheinlandpfalz im Januar. Mutter-Kind-Kur. Schon die Eckdaten lassen maßlose Freudlosigkeit vermuten. Die Müllerkinder sind heute zum Glück schulpflichtig. Wie? In den Ferien fahren? WARUM?

Der Zustand meines Körpers entspricht weitgehend meinem Alter, die Gebrechen der mittelfristigen Vergangenheit sind Geschichte und außerdem ebenso unspektakulär wie nutzlos beim Rennen um die Kassenleistung "Kur".

Nur im Kopf setzt es immer mal wieder aus. Ist wohl berufsbedingt. Sowohl Schutz als auch Folge der Arbeit im Irrenhaus. Mein Problem ist, dass ich nur sehr selten den Mut aufbringe, mit meiner als „Schlechte-Laune-Müde-Kein-Bock-Auf-Gar-Nichts-zünd-mich-an-mit-nur-einem-falschen-Wort-Phase“ getarnten Depression zum Arzt zu gehen.

Wenn ich das täte, dann säße ich vermutlich circa alle vier Wochen heulend auf diesem Stuhl. Ist halt nicht so einfach zu sagen: 
„Herr Doktor, ich kann nicht mehr. Mir wächst das alles über den Kopf. Ich habe an nichts mehr Freude und zu gar nichts Lust. Ich bin scheiße zu meinem Mann. Meinen Kindern. Zu all den wenigen Menschen, die ich gern habe.“ 

"Ja", sagt der gute Herr Doktor, „wenn sie das IMMER machen würden, dann würden wir auch eine Kur für sie bekommen.“ 

Er kennt meinen erhöhten Alkoholkonsum, scheint ihn zumindest meistens medizinisch für tolerierbar zu halten und weiß, dass ich nur dann zu Antidepressiva greife, wenn ich noch nicht mal mehr Lust habe, Mittwochs nach sechs Stunden in meiner Klasse nachmittags im Einteiler auf dem Sofa eine Dose Prosecco zu trinken oder den Eierlikör im morgendlichen Milchkaffee verschmähe.

Aber anstatt zum Arzt zu gehen, baue ich um mein eingefrorenes Gesicht regelmäßig einen Kokon aus Bademantel und Sofadecke und überlasse Herrn Müller den Familienalltag. Ich feige Sau. (DANKE Herr Müller).

So dann, morgen ist ein neuer Tag. Wir beginnen den Schultag mit einem Bewegungslied und Frau Müller schwingt das Tamburin. Dazu singen wir irgendwas mit den Worten „Sonne, Freude, Schule und Spaß“. Genau kann ich es nicht sagen. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich selbst zu beobachten und dabei den Kotzreiz zu unterdrücken.


Depressive Episoden,
 lustige Bewegungslieder
 und Katja Saalfranks persönlichen Alptraum
 gibts nahezu täglich neu zu belauschen

 

Montag, 4. Dezember 2017

Grüße nach Absurdistan: Eltern sind auch nur Menschen! Ein Gastbeitrag

Gestern Abend habe ich mein Email-Postfach gewienert. Nicht das private Messi-Postfach mit ungelogen 7865 ungelesenen Mails (grausige Tatsache!) sondern das lehrerzimmereigene Frau Müller-Postfach. Das ist überschaubarer. Und weil ich das so emsig tat, hat mir der Nikolaus heute morgen einen Gastartikel geschenkt. So oder so ähnlich war's...

"Huhu - ich hab dir einen Blogartikel geschrieben - weil mir heute mal so war." Mit diesen Worten kündigte mir Mee Bodyless die Email per WhatsApp an. Mee ist Musikerin, nebenbei auch Mutter und Pädagogin und eine meiner langjährigsten Freundinnen. Wenn nicht sogar die Langjährigste. Definitiv die Langjährigste. Mit ihr teile ich  nicht nur Erinnerungen an eine gemeinsame Zeit auf der falschen Seite des erzieherischen Machtgefälles sondern auch das Glück, gelegentlich ziemlich spezielle Kinder zu haben...

Die Grippewelle ist im Anmarsch. Und da ich mich sorge, dass Frau Müller mal ausfällt, hab ich mich spontan und ungefragt in den Vertretungsplan eingetragen. Ganz uneigennützig ist das allerdings nicht - ich saß heute 2 Lehrern der Gymnasialstufe gegenüber und reflektierte gemeinsam mit ihnen das Sozialverhalten meines Sohnes im Unterricht. Ich befinde mich noch im Verarbeitungsprozess. Und auch wenn ich nicht veröffentlicht werde, wird mir das Niederschreiben meiner Erfahrungen mit Lehrern verschiedener Couleur sicherlich helfen.

Ich liebe Frau Müller. Sie ist meine Freundin. Schon lange. Und auch dann, wenn wir uns lange nicht hören. Und zwar bedingungslos. An meine Schulzeit erinnere ich mich nur partiell gern zurück. Und wenn, dann erinnere ich mich an Frau Müller. Mit ihren begnadeten, rhetorisch und visuell unschlagbaren Referaten über Kafka und Co übertraf sie selbst den leidenschaftlichsten Lehrer und holte mich, sicherlich ungewollt, aus meinem Sekundenschlaf zurück. Schon damals wünschte ich  mir, dass sie später die Lehrerin meiner Kinder werden würde. Schade, dass das nicht geklappt hat. Dann hätte ich jetzt vielleicht nicht folgende Probleme zu bearbeiten:

Ich war meinen Lebensaufträgen schon immer irgendwie voraus. Und als mein Sohn mit 4 Jahren damit begann, die Bundesligatabelle im Videotext hoch und runter zu lesen, wusste ich, dass bald Arbeit auf mich zukommen würde. Sozialarbeiter wittern das. So bemühte ich mich mehr als rechtzeitig um eine vorzeitige Einschulung.  Ich suchte Beratungsstellen, Begabungsforscher, freie Schulen, halbfreie Schulen, Hobbypsychologen und Schulen mit Gemeinschaftssinn und klassenstufenübergreifendem Unterricht auf. Am Ende wurde es die staatliche Schule auf dem Hinterwelterdorf,welches ich eigentlich verließ, um in der modernen Großstadt zu leben. 

Viel Auswahl hatte ich nicht, eigentlich gar keine. Denn die "Entfaltung der Persönlichkeit", wie im Kinder- und Jugendhilfegesetz beschrieben, hat in Schulen kein Gewicht. Zwei Dinge zählen: EINZUGSBEREICH und LEHRPLAN. Nur leider hat oftmals nur der Lehrplan einen Plan. Der Lehrer hingegen ist häufig planlos. Zumindest bei der Umsetzung des Plans. Und beim Versuch, keinen seiner Schüler der Planlosigkeit auszuliefern. 


Der Lehrer ist so voller Lehrplan, dass es ihm an Empathie für seine Schüler mangelt. Insbesondere bezüglich der verschiedenen Lernwege, Persönlichkeiten und Ressourcen. Am Ende landen die Eltern der Kinder, die fernab vom Mainstreben LEBEN, beim Verbindungsheft. Ich wollte mich zweimal dagegen wehren. Hatte aber keinen akzeptablen Gegenvorschlag, der messbar und kontrollierbar ist. Mein Vorschlag über "Beziehung" zu arbeiten wurde regelmäßig mit der Benennung der Gesamtschülerzahl abgeblockt. 

So brachte mir mein Sohn über 3 Jahre Tag ein, Tag aus,  kleine schriftliche Episoden aus dem Schulleben eines etwas zu intelligenten Schulkindes mit nach Hause. Das Beste nenn' ich gleich zuerst:

"Ben kommt morgens in der Schule an und fragt lauthals, ob alle Kinder ihren Penis mit hätten". Und damit nicht genug. Denn: "Dies fand er auch noch lustig!". Ich war entrüstet. Mein Sohn amüsiert sich in der Schule!!! 
Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht entsprechend geantwortet hätte:  
"Liebe Frau..........., als mein Sohn gestern nach Hause kam, teilte er mir völlig echauffiert mit, dass ich doch wissen müsse, dass der PULLERMANN eigentlich ein PENIS sei. Er hat sich so über diesen neuen Begriff gefreut, dass er ihn jetzt auch in der Kommunikation verwenden möchte. Er war schon immer ein Freund der Wortspiele." Und so war es wirklich.

Auf Platz 2 ist dieser Kommentar: "Die Klasse plante heute einen gemeinsamen Besuch der Kirche. Ben teilte lauthals mit, dass er darauf keinen Bock hätte...". 

Bezüglich der Abneigung gegenüber des Kirchbesuchs antwortete ich, dass wir uns immer alle wundern, dass gerade Männer oftmals Probleme haben, ihre Gefühle zu benennen und dass ich meine Kinder aber so erziehe, dass sie es sich von Anfang an gleich angwöhnen. Zudem sei es pägagogisches Geschick, meinem Sohn das Christentum schmackhaft zu machen. Gerade mit Kindern, die mitteilungsbedürftig sind und tagtäglich wirklich alles hinterfragen, ist die Kirche doch wirklich der beste Ort um ins Gespräch zu kommen. Lehrplan versus Plan Gottes. Warum hat er eigentlich nicht gleich 2 Frauen und 2 Männer erschaffen? Wäre alles viel schneller gegangen und die Erderwärmung wäre jetzt noch nicht soweit voran geschritten.


Aber gut. Null-Bock-Einstellungen waren in der Schule noch nie angesagt. Es folgten noch viele weitere kuriose Mitteilungen aus dem Schulleben meines Sohnes. Am Ende tat er mir nur noch leid. Und ich mir auch. Einer wirklich tollen Lehrerin, die sich die Jahre zuvor scheinbar in der Kirche versteckt haben muss, ist es zu verdanken, dass das letzt Jahr irgendwie glimpflich und mit 1,0 Bildungsempfehlung ausging. Gott segne sie. Übrigens trägt sie den gleichen Vornamen wie Frau Müller. Bei ihr blieb mein Sohn auch am Nachmittag noch freiwillig sitzen. Denn gedisst wird nicht nur durch Lehrer, auch Horterzieher stehen ihnen da nicht nach.

Wir springen ins Jetzt. Zu meinem heutigen Elterngespräch. Ich sitze mit zwei schon sichtbar gezeichneten Junglehrern im Klassenzimmer meines Sohnes. Schon zu Beginn weist Ben mich darauf hin, dass er nur einen Teil der im Zimmer präsentierten Klassenregeln abgesegnet hätte. Somit hat er natürlich auch Probleme, sich dran zu halten. Ich habe Verständnis, bin aber auch vernünftig und teile ihm zum 187. Mal mit, dass ich meinen Arbeitsvertrag auch nur unterschrieben habe und mich keine Sau nach meiner Meinung gefragt hat. 

Gleich zu Beginn wird mir klar: Es handelt sich um die alte Leier. Langeweile, Störverhalten im Unterricht, doofe Sprüche, schlechte Konzentration, rücksichtsloses Verhalten, Minderleister. Hochbegabte halt. Als hätte es der Lehrer von Wikipedia raus kopiert. Meine Hoffnung, dass Junglehrer hier auf einem neueren Wissensstand sind, zerschlägt sich innerhalb von Sekunden. Ich höre mir an, dass Kinder ohne Haargummi, 90 Minuten im Sportunterricht auf einer Turnbank verbringen müssen. Entrüstet wird mir mitgeteilt, dass mein Sohn den kurzen Zeitraum von NEUNZIG MINUTEN nutzt, um auf sich aufmerksam zu machen, Kinder zu bespaßen, Comedians zu rezitieren und aufzustehen. 

Überhaupt steht er im Unterricht auf. Die Tatsache, dass er einer bewegten Grundschule entspringt, lässt die Junglehrer dann doch mal aufhorchen. Man kommt mir entgegen und ich gebe gute Tips. Weil ich so entzückt davon bin, stimme ich dem Verbindungsheft zu. Dabei dreht es mir mehrfach den Magen um. Ich nehme mir vor, dies zu unterbinden, wenn ich merke, dass auch die Lehrer sich nicht an unsere Absprachen halten. 

Nach dem Gespräch bin ich nicht zufrieden, denke mir aber, dass es hätte schlimmer sein können. Ich maßregle meinen Sohn, dass er künftig andere Kinder wenigstens korrekt beleidigen soll. Einen Vietnamesen als Chinesen zu betiteln ist schon ganz schön flach. Ich bin auch beleidigt, wenn ich Kindergärtner genannt werde. Ich frage mich, wie ich beruflich und privat die Rechte der Kinder durchkämpfen soll, wenn Kinder schon soweit sind, dass sie im Klassenrat die absurdesten Konsequenzen beschließen. Als ich höre, dass mein Kind bei 3 Strichen fürs Stören etwas abschreiben muss, rutscht mir kurz die Abkürzung DDR aus dem Mund. Ich frage nach einem inhaltlichen Bezug zum Vergehen - und den gibt es. Sinn macht er keinen, aber er ist da: "Es ist Nachmittag und eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden spielen. Da ich aber heute gestört habe, muss ich an diesem Text schreiben...".


Hier bin ich an dem Punkt, wo ich nicht mehr weiß, was ich sagen soll, außer DDR. Der Junglehrer täuscht sein modernes Handeln vor, indem er Sanktionen unter dem Deckmantel der kindlichen Partizipation an mich herantragen will. Die Kinder haben entschieden. Ich frage nach Alternativen. Die gibt es wohl, aber konkreter wird es nicht. Am Ende wittert der Sozialarbeiter Überforderung beim Junglehrer.

Liebe Lehrer, euren Job möchte ich nicht haben. Ihr aber, habt euch dafür entschieden. 

Ich habe monatelang gestillt, Wochen in Krankenhäusern verbracht und 200 Päckchen mit pädagogisch wertvollem Spielzeug bei Amazon bestellt. Wir waren immer viel draußen und ich habe keine wechselnden Lebenspartner. Ich habe mein Kind nach der Geburt sofort mit nach Hause genommen. Ben hat Hobbies, unsere Urlaube sind individuell und in der Gemeinschaft. Ich komme zu jedem Elternabend. Ich habe viel gelesen und Tipps gegeben, die Kita gewechselt, mich mit den Großeltern und meinem Ehemann gestritten. Ich kontrolliere jeden Tag das Hausaufgabenheft. Wir spielen am Wochenende bis 23.00 Uhr Siedler obwohl ich eigentlich lieber vögeln oder Gitarre spielen würde. Ich höre so oft wie möglich zu. Mein Kind geht auf Fußballspiele und Konzerte. (Obwohl Sonntag ist). Ich denke, ich bin dabei. Ich denke, wir rocken das. Aber jetzt - jetzt seid ihr auch mal dran...

Ich gebe zu, ich habe mich nur dazu entschieden diesen Artikel zu veröffentlichen weil er sowohl meine Persönlichkeit als auch meine ganz individuelle berufliche Kompetenz beweihräuchert.

Soll also keiner sagen, ich wettere nur gegen Eltern und im Speziellen Mütter. Ich geb ihnen hier sogar eine Stimme - übrigens als Teil der ständigen Aktion bzw. Blogparade "Flohmarkt der Gefühle". Vermutlich, weil sich diese Stimme mit meiner bei einer Flasche Rotwein nicht nur über Analverkehr und unsere gemeinsame Schulzeit sondern auch über anstrengend-kluge Kinder austauschen kann...

HIER geht es zu den anderen Flohmarkt-Gastbeiträgen
 Facebook ist das Mutti-Heft
der Müllerin. Rein klicken


 

Mittwoch, 16. August 2017

Mom or not Mom – that’s the Question: 10 Müttersprüche, die Kinderlose hassen!



Dass ich Eltern (und insbesondere Mütter) im Allgemeinen nicht besonders mag – darum habe ich hier im Blog noch nie ein Geheimnis gemacht. Mein Elternhass beschränkt sich nicht nur auf meine Lehrerrolle sondern ist auch in meinem Mutter-Ich verwurzelt. 

Ironie und Übertreibung sind wie immer meine Stilmittel der Wahl. Die Kernaussage bleibt jedoch ganz „unironisch“.

“Früher hätte ich dich verurteilt. Ich hätte dich für eine selbstsüchtige, egozentrische und oberflächliche Person gehalten“ sage ich zu meiner besonderen Freundin Sarah, die mit ihrem Mann Marco überzeugt kinderlos lebt. Sarah schaut mich mit großen Augen an. Früher, das war mein Leben und Denken vor dem Burnout. Ein Leben zwischen Studentinnen der Pädagogik und Erziehungswissenschaften, die beneidenswert galant und glücklich Studium und Wunschmutterschaft vereinbarten, indem sie ihre Kinder in den Seminarpausen wahlweise stillten oder mit Dinkelwaffeln fütterten. Spielplatznachmittage zwischen Sandkasten und Familienratgeber in der Handtasche fürs Parkbank-Amüsement. Das war meine Welt. Hier fühlte ich mich angekommen.

„Das kann man sich bei dir gar nicht vorstellen!“ erwidert Sarah überzeugt. Sarah kennt mich im Heute als Mutter, die ihre Kinder liebend gerne auch mal länger als vom Schlafen gehen bis zum Aufstehen der Oma überlässt und nicht am zweiten Tag sofort in Sehnsuchtsgeheule ausbricht. Erwachsenenurlaube, Kurztrips ohne Kinder und das gute Gefühl, dass wohl alles in Ordnung sein muss, wenn sechs Tage kein Lebenszeichen aus dem Ferienlager kommt  - für mich völlig normal. Kinder am Sonntag bis zum Mittag im Schlafanzug vorm TV, Frühstück direkt aus der Cornflakesschachtel, weil man selbst viel zu verkatert von Samstagnacht ist. Auch das kommt vor. Ein ausgedehntes Hotelfrühstück ohne nervenden Nachwuchs, der statt sitzenzubleiben lieber die Schuhputzmaschine in der Lobby an ihre Grenzen bringen will. Herrlich.

Das Leben ist auch schön und sinnvoll ohne die permanente Anwesenheit indiskreter Spione, die viel zu viele Fragen stellen und Schmutzfinger rund um den Lichtschalter hinterlassen. Und dennoch: Kinder und Kinderliebe scheinen ein gesellschaftlicher Zwang zu sein – man darf sie nicht nicht mögen.  
‚Sie sind unsere Zukunft‘ schreit es aus allen Ecken. Von mir aus, Zukunft, los geht’s. Aber muss ich deswegen alles toll finden, was Kinder tun? 
Ich finde noch nicht mal alles toll, was meine Kinder tun: abends halb elf eine Grundsatzdiskussion anzetteln, Brillen an Bushaltestellen liegen lassen, Zahnbürsten im Klo runterspülen, Einträge vom Lehrer „übertip-exen“, Schuhe auf Nimmerwiedersehen auf dem Fußballplatz vergessen? Nicht toll. Scheiße sogar. Höchstens noch lustig. Wenn die Schuhe nicht all zu teuer waren und kein Handwerker ran muss, um das Klo wieder instand zu setzen.

Und dennoch liebe ich die beiden Müllers und bereue nichts. Aber ist mein Lebensentwurf der Lebensentwurf? Ist eine Biografie nur mit erledigter Fortpflanzung wirklich ernstzunehmen? Wir leben im 21.Jahrhundert! Eine Frau hat ein Recht auf den Verwendungszweck ihres Uterus und Paare müssen heute zum Glück weder verheiratet noch Eltern sein, um eine eigene Wohnung beziehen zu dürfen.
  
Ich hätte mir früher nichts sinnstiftenderes und erfüllenderes vorstellen können als Mutter zu sein. Fast ein bisschen wie religiöser Extremismus. Heute lebe ich nicht nur bezüglich meines etwas offeneren Beziehungskonzepts und meiner Einstellung zu queeren Menschen mehr denn je die oft schon „wund" zitierten Worte Leben und leben lassen. Das Leben ist schön – lasst uns verschieden sein.

Warum nehmen sich viele Mütter in ihrer Rolle so wichtig? Warum glauben sie, ist ihr Lebenssinn der Lebenssinn aller im gebärfähigen Alter? Und vor allem, wenn ihr das schon glaubt, warum müsst ihr wie Missionare durch die Kommentarspalten und Babyshowers dieser Welt ziehen und versuchen, alle mit eurem großen Glück anzustecken? 

Vermutlich wurde dieser Sinneswandel auch durch meine Erfahrungen als Lehrerin an einer Förderschule begünstigt. Ich werde in gut jedem zweiten Elterngespräch mit Personen oder Schicksalen konfrontiert, für die ein kritischerer Umgang mit Reproduktionsfähigkeit durchaus empfehlenswert gewesen wäre. In Deutschland braucht man zum öffentlichen Ausschank von Alkohol und zum Führen bestimmter Hunderassen eine Lizenz. Warum nicht zum Fortpflanzen?

Schließlich denke ich, sind bestimmte Paarkonstellationen einfach nicht für’s Kinderkriegen gemacht. Zwei Menschen, die wunderbar miteinander harmonisieren und dann den verhängnisvollen Fehler begehen, gesellschaftlichen Erwartungen zu unterliegen. Pow. Da ist das Kind. Und puff. Weg ist die Liebe. Weil nämlich pünktlich zum Einzug des kleinen Querulanten das Mächteverhältnis kippt und nicht mehr ihr bestimmt wann ihr esst, schlaft und duscht. Wollten das wirklich beide? Oder wollte es nur sie (oder er) und die Öffentlichkeit, vertreten durch die weinerlichen Stimmen der Verwandtschaft, die nach eine Babyschale gieren, in die sie mit verklärtem Blick reinhusten können. Zumindest einer muss sich für den Traum von der Familie vorübergehend opfern. Es hätte alles so schön sein können, hätte man nur nicht auf die Nachbarn gehört.

Nachbarn sind das Stichwort, stellvertretend auch Omas, Schwiegermütter, Schwestern, Tanten, Freundinnen, Kolleginnen und allen voran natürlich andere Mütter. Sie alle treiben die Kinderlosen nur allzu häufig mit stereotypen Sprüchlein, gerne fein abgestimmt an erhobenem Zeigefinger, in den Wahnsinn. Hier das Best-off und die Antwortvorschläge einer liberalen Mutter, die auch überzeugt kinderlose Frauen respektiert: 


Denk an deine innere Uhr!
Wie schaut es eigentlich mit deiner inneren Uhr aus? Die scheint irgendwie schneller zu ticken seitdem du Mutter bist.
    
Willst du mal halten?
Glückselige Wöchnerinnen fragen dies am liebsten mit verzücktem Lächeln ihre Singlefreundin. Säuglinge sind wie Haie, sie wittern Blut… äh… Ablehnung und fangen in der Regel das Plärren an, wenn man sie trägt wie einen staubigen Ziegel zum Baucontainer. Also am besten antworten mit „Ähm, nein.“ Wenn man dazu nicht mutig genug ist, dann einfach kurz halten und sich sehr ungelenk anstellen. Das Problem erledigt sich so von allein.

Warte erstmal, bis du selbst Kinder hast!
Also auf nie warten? Vielleicht will ich ja gar keine? Deswegen geht es mir aber trotzdem auf den Keks, dass deine Kinder mit ihren schmutzigen Fingern, die eben noch bis zum zweiten Gelenk in beiden Nasenlöchern waren, alle Brötchen auf dem Brunchbuffet angrabbeln. Ich hab keine, deswegen sitze ich hier und trinke seelenruhig Latte Macchiato. Du hast welche, also trink deinen Latte aber vergiss deine Brut dabei nicht.

Wann ist es bei euch soweit?
Was soll denn bitte soweit sein? Urlaub ist im Oktober und Februar, Weihnachten wie bei dir am 24.Dezember und Zalando schrieb in der Versandbestätigung Dienstag zwischen 10 und 12 Uhr. Ich versteh die Frage nicht. Ach so, du willst wissen wann ich endlich ein Kind bekomme? Tja, warte – lass uns doch gemeinsam erstmal meinen Menstruationskalender studieren. Vielleicht interessiert der dich auch.

Steht dir aber gut!
Folgt meistens direkt, wenn man nach Spruch 2 nicht den Mumm hatte, einfach NEIN zu sagen. Ich weiß, dass mir das steht. Mir stehen auch Highheels und gekämmte Haare. Die Spuckwindel und der Kotzfleck auf der Brust stehen dir aber auch unfassbar gut.
  
 Wenn du mal alt bist, wirst du seeehr einsam sein. 
Hmm, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Wenn ich heute bewusst kinderlos lebe, weil ich in der Lage bin, meiner Existenz auch ohne Hausbesetzer in Gummizughosen einen Sinn zu geben, warum sollte ich das mit 75 nicht auch können?

 Im Alter freust du dich über deine Enkelkinder.
Warum sollte ich das tun? Wenn ich heute keine Fettfinger an meiner Glastür haben möchte, dann möchte ich das wahrscheinlich auch mit 60 nicht. Zu guter Letzt bin ich vielleicht froh, dass die Kinder nach dem Studium endlich Kohle für eine eigene Einraumwohnung haben, ohne am Fünfzehnten des Monats Geld bei mir schnorren zu müssen, kann das Kinderzimmer endlich zum Yoga-Tempel oder BDSM-Kämmerchen umfunktionieren und dann wollen sie acht Jahre später womöglich ein Gästezimmer fürs Enkelchen? No way. Übrigens: Enkelkatzen sind auch was Tolles. Die kann auch mal der Nachbar füttern.


Du musst deinen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Denk doch mal an die Renten!
Muss ich das? Leistet doch bitte ihr einen Betrag für die Gesellschaft im Jetzt und erzieht eure Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Erwachsenen, die im Bus ihre siffigen Sneakers nicht auf dem Sitz ablegen. Das Geld, welches ich spare in dem ich mich gegen die kleinen Finanzbremsen entscheide, investiere ich in sinnvolle Altersvorsorge und alle werden glücklich. Wie? Erziehen ist gar nicht so einfach? (Oder wahlweise Spruch 3) Seht ihr, deswegen habe ich keine Kinder.

Kinder geben einem so viel zurück.  
Ja, schimmlige Brotbüchsen, teilkaskorelevante Schäden am geborgten Kleinwagen, alle fünf Tage vier Körbe Schmutzwäsche und halbjährlich einen Stapel nicht unterschriebene Mathekontrollen mit Viererschnitt.

 Man weiß erst was Liebe ist, wenn man Kinder hat.
Ist das so? Ich möchte behaupten, die Ausmaße meiner Selbstliebe übersteigen locker das nach Abzug von Schlafmangel, Edding auf der Ledercouch und schmerzenden Dellen in Form von Legosteinen in den Fußballen verbleibende Gefühl wahrer Liebe.


Ihr lieben Übermamis, tut unseren Geschlechtsgenossinnen und ihren potenten Kindermachern ohne Mitspracherecht den Gefallen und tätowiert nicht nur die Wand hinter eurem Sofa mit dem Motto „Leben und leben lassen“. Lasst den glücklichen Kinderlosen ihren Spaß. Es gibt genug andere Muttis, die sich liebend gern mit euch duellieren im Kampf um Muttermilch, Hirsebrei und Sandförmchen aus Bio-Plastik. 

Shitstorm Ahoi. Am liebsten auf Facebook.

Mittwoch, 19. April 2017

Monster-Mom: Kindertuning bis zum Burnout



Eltern nerven mich eigentlich immer. In letzter Zeit jedoch besonders und immer mehr. Und weil ich nicht möchte, dass der kritische Leser zu dem falschen Schluss gelangt, ich ziehe alles und jeden durch den Kakao und mag eigentlich nur Schwule, Einhörner und mich selbst, fange ich direkt bei mir an. Weitere Artikel zum Thema "Eltern-Abrechnung" werden folgen...
  
Ich war früher eine völlig bescheuerte Mutter. Schon in der Schwangerschaft mit dem großen Müller habe ich damit begonnen, über wirklich alles nachzudenken, was irgendeinen Einfluss auf den Fötus in meinem Bauch haben könnte.
 
Zum Beispiel zog ich allabendlich gedanklich Ernährungsresümee. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich einen Teil der „Schwangerschaftsoptimierten-Ernährungspyramide zur Anzucht eines maximal gesunden und intelligenten Kindes“ nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Oh mein Gott, zu wenig „Synapsen-Optamin“ oder weiß der Geier was in meinem Mittagessen gefehlt hat. In Ratgeber XY stand, dass das besonders wichtig ist. Es wird für das Ungeborene wahrscheinlich nur zum Hauptschulabschluss reichen. Das Urteil lautet "Schuldig".

Während der Stillzeit setzte sich dieser Gedanken-Irrsinn fort. Aus der „Stillen nach Bedarf“-Empfehlung der Hebamme machte ich Stillen nach Stundenplan. Ort und Zeit legte ICH fest. Der kleine Müller hatte natürlich öfters mal so gar keine Lust aufs Brüste-Boot-Camp. Wahrscheinlich schmeckte er die Stresshormone raus. Mütter, die nicht oder nicht lange genug stillten waren für mich egomanische verachtenswerte Individuen. 
Mein anschließendes Studium über entwicklungs-proximale Beikost und nachfolgend Familienkost erwähne ich hier nur am Rande.

Aber nicht nur das Essen hätte ich am liebsten handgeklöppelt. Der Kauf jedweden Spielzeugs wurde sorgfältig mit der damals angehenden Förderpädagogin in mir abgewogen. Ich kaufte an Weihnachten und Geburtstagen alle Geschenke selbst und verteilte diese dann an sämtliche Tanten, Onkels, Omas und Opas.
Einzig mein Bruder machte mir einmal einen Strich durch die Rechnung als er MEINEM Kind zum ersten Geburtstag einen Miniatur-Spielzeug-Panzer schenkte. Der wurde natürlich erstmal ganz weit weg gepackt. In Kisten, die kein Kleinkind je zu öffnen vermag.

Der Irrsinn gipfelte als ich einmal zu meiner Schwiegermutter, die um mir Jung-Mama Arbeit abzunehmen, ein paar Kinder-Kleidungsstücke selbst mit gewaschen hatte. Ich sagte, dass das zwar lieb sei aber ich alles noch einmal waschen werde, da ich es nicht mag wenn mein Kind nach fremden Waschmittel riecht.
Die Arme. Und so hat sie mich auch angekuckt. Hab ich damals natürlich gar nicht mitbekommen. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, die Entwicklungsschritte meines Kindes minutiös zu überwachen.

Herr Müller durfte zu alle dem natürlich nichts sagen. Der hatte ohnehin keine Ahnung, schließlich hatte er sich nur „weitergebildet“ wenn ich ihn dazu nötigte und ihm Broschüren und Bücher in die Dienstreisetasche packte. ICH war die Mutter UND Fast-Pädagogin, das Kind war MEIN Projekt. In meinem Mutter-Kind-Kosmos war er streng genommen zu viel und so etwas wie ein „Paar“ gab es nicht mehr. Oder doch. Mein Kind und ich.

Nach anderthalb Jahren als selbsternannte Mutter aller Mütter hatte ich im Rahmen einer Kur (selbstverständlich MIT Kind) erstmals Kontakt mit einer Psychologin. „Überreflektiert“ nannte sie mich. Damals war ich noch stolz drauf weil ich nur die Hälfte kapierte. Heute weiß ich, dass das ganz schön gefährlich sein kann. Zugegeben, Selbstreflexion ist nicht jedermanns Stärke. Aber ein Zuviel davon führt in einen Teufelskreis aus Selbstzweifeln.

Beim kleinen Müller wiederholte sich das Schauspiel. Nachdem ich meine tiefe Verzweiflung und Wut überwunden hatte, vom Leben so benachteiligt zu werden und gleich zwei Jungen zu bekommen - So hab ich gedacht, heute schäme ich mich dafür - wo doch das perfekte Bild in meinem Kopf eigentlich einen großen Bruder samt kleiner Schwester beinhaltete, startete ich Nachwuchs-Optimierung Part 2. 

Die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit und Kräfte jedoch zwischen beiden „Kinder-Baustellen“ teilen musste, nagte an mir. Wollte ich morgens um halb sieben mit Neun-Monats-Wampe im Sandkasten hocken weil der große Müller sich das von seiner engagierten Mutter so wünschte, konnte ich dem Fötus keine gute Mutter sein, die ihrem Körper die vom Baby benötigte Ruhe gönnte. Forderte der Mini in seinem „Nest“ nachmittägliche Ruhe ein, konnte ich dem Maxi nicht das täglich notwenige Abitur-vorbereitende Förderprogramm zuteilwerden lassen. Und wieder SCHULDIG!

Als der zweite Müller ein knappes Jahr alt war, hielten die Menschen um mich herum und ich mich selbst nicht mehr aus. 
Station 1: meine Flucht mit dem Kinderwagen. Und alle so: "Irgendwas stimmt mit ihr nicht!"
Station 2: Notbremse Hausarzt. Erziehungsurlaub Herr Müller.
Station 3: Innerhalb der Sitzungen beim Psychotherapeuten lernte ich, warum ich so geworden bin wie ich war. Als Teenager hatte ich eine Essstörung (von der ich bis zum Beginn der Therapie geglaubt habe, sie selbst geheilt zu haben WEIL sich gute Mütter schließlich unter Kontrolle haben). Mein Wunsch, die Kontrolle zu BEhalten und gleichzeitig Anerkennung zu ERhalten war der unterbewusste Antrieb.
 
Darauf, woher dieser Wunsch kam, möchte ich hier nicht weiter eingehen. Als ich dann Mutter wurde, verkleidete sich meine Essstörung. Sie versteckte sich in Eltern-Ratgebern, Nährstoff-Tabellen, pädagogisch- und ökologisch wertvollen Spielzeugkatalogen und Pekip-Kursen. Der Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung blieb der gleiche. Und der Drang danach ALLES kontrollieren zu wollen hatte mich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag in eine Überlastungsdepression, besser bekannt als Burnout, getrieben. Ich grollte gegen alles und jeden, war selbstgerecht und gleichzeitig traurig und kraftlos.
 
Heute geht’s mir gut, meistens zumindest. Den Müller-Jungs samt Herrn Müller übrigens auch. Ja, er ist bei mir geblieben. Verrückt, oder? Ich muss ein klein wenig sentimental werden. Ich bin ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht angepackt und wäre wahrscheinlich immer noch so „drauf“ wie damals.

Was ist aus den Müllerkindern geworden? Der große Müller ist unser Nerd. Liebevoll auch Sheldon genannt. Als sogenannter Under-Achiver macht er uns das Eltern-Leben nicht immer leicht. Dennoch ist er unglaublich empathisch, so gar nicht wie Sheldon. Das liebe ich besonders an ihm. Er hasst Gemüse (obwohl ich mir doch soo viel Mühe gegeben habe beim Brei kochen .. oder vielleicht gerade deshalb). Die Neigung, auf das eigene Recht zu bestehen, hat er wohl von mir. 
Der kleine Müller steht mit der Schule (noch) nicht so auf Kriegsfuß. Seine Art zu nerven, wenn er etwas möchte, fällt unter das Waffengesetz und trotzdem weiß er wie er mit Charme jeden Kriegsverbrecherprozess für sich entscheidet. Mal Diva und mal Don Juan ist er ein echter Charakterkopf.
 
Ich liebe beide, genauso wie ich sie damals liebte. Heute brauche ich aber nichts mehr, mit dem ich meine Mutterliebe definiere. Sie ist einfach da.
 
Kreativität ist überall - man muss sie nur sehen
Ein Abendessen vor dem Fernseher (und kein Tisch-Spruch inklusive Anfassritual), 
eine Polizei-Reality-Doku am Nachmittag (kein zweistündiges Kreativ-Knetmasse-Programm am Küchentisch), 
Mc Donalds nach dem Schwimmbad (keine CO2-freien Bio-Apfelschnitze), 
ein Sonntag im Schlafanzug (anstelle eines Familienspaziergangs) und eine High-End-Schaumstoff-Pfeil-Pistole vom Wunschzettel des Herzens (statt nachhaltige Holzbausteine)
– das alles gibt’s bei Müllers. Mal mehr mal weniger. Und alle sind GESUND und glücklich. Das ist was zählt.

All das macht ein Kind später nicht zum Kriminellen oder Schulabbrecher. Ich hab als Teenager jeden Nachmittag Talkshows gekuckt und mir selbst Fertignudeln gekocht während meine Eltern arbeiteten. Und hey, ich habe Familie, einen Studienabschluss, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und keine Allergien. Außerdem bin ich nicht vorbestraft. Ich bin auch nicht bindungsunfähig weil ich genau wie die Müllerkinder schon früh fremdbetreut wurde. Ich bin seit über 15 Jahren mit Herrn Müller glücklich.

Ich möchte damit weder sagen, dass engagierte Mütter alle Fälle für den Psycho-Doktor sind, noch dass bestimmte Aufwachsbedingungen für eine gesunde Entwicklung keine Rolle spielen. Auch wir lesen vor, helfen bei den Hausaufgaben und kaufen nicht nur Weißbrot und Ketchup ein.

Weiterhin möchte ich MICH nicht als das mütterliche Non-Plus-Ultra verkaufen. Eingangs schrieb ich „ich war mal eine völlig bescheuerte Mutter!“ Ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht immernoch so ist. Wenn dann aber definitiv „anders bescheuert“.
Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch!

Mehr (hobby)psychologische Weisheiten nebst unterhaltsamer Alltagsabsurditäten (manchmal auch als Mutter) gibt's bei Frau Müller auf Facebook.