Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 28. Februar 2018

AA und SM – Ayurvedischer Alkoholiker und Shaolin-Mutter

Kürzlich habe ich der Schwiegermüllerin eine Stunde lang erklärt, dass Depressionen eine chronische Krankheit sind, dass das Maß an Belastungen, welches bei jemandem zu krankhaftem Stress führt individuell verschieden ist, dass es kein Recht auf Gerechtigkeit gibt, dass sich niemand für uns ändert und wir daher nur selbst etwas ändern können und dass man das Fenster eben zu machen muss, wenn einem die Zugluft nicht gut tut.

Dabei habe ich hinsichtlich Geduld und aufgebrachten Einfühlungsvermögen angesichts ihrer Reaktionen nicht nur einen lebenslangen Vorrat an Karmapunkten gesammelt sondern auch festgestellt, dass ich meine fast sieben Jahre zurückliegenden Therapieziele  recht gut verinnerlicht habe. Beim Lesen des unten stehenden Artikels, der älter als ein Jahr ist, wurde mir allerdings einmal mehr klar, dass trotz aller Bemühungen Zugluft zu vermeiden, so manches Fenster einfach undicht ist... 



Ich denke, ich werde eine Kur beantragen. Wenn ich dann allein in meinem Klinik-Einbettzimmer mit Seeblick sitze, verspreche ich mindestens drei Wochen niemandem meiner Familie oder Freunde zu schreiben oder jemanden von ihnen anzurufen. Ich möchte niemanden belästigen, mit Problemen wie Heimweh, Blutdruck oder Windows-Updates. Ich möchte aber auch niemandem an meinem inneren und äußeren Restaurationsprozess unter ayurvedischen Bedingungen teilhaben lassen.

Es ist nur eine Mutmaßung, aber ich denke die Menschen die ihren und meinen zurückgelassenen Alltag bewältigen, haben nur wenig Zeit für meine „Probleme“.

Ich freue mich schon aufs massiert werden, aufs Körbe flechten, aufs Bootfahren und auf stundenlange Wanderungen. Vielleicht lese ich auch endlich mal wieder was - außer immer nur mich selbst.

Besonders freue ich mich auf Gesprächskreise mit fremden Frauen, deren Probleme so haarsträubend sind, dass sich meine in Glitzer auflösen. 
Ich denke, ich bringe zunächst alle in der Gruppe gegen mich auf mit der Aussage:
„Hallo, ich bin Frau Müller. Ich kann Kinder nicht leiden und ich denke es war falsch, meine Eigenen nie zu schlagen.“

Daran schließe ich einen Monolog an: 
„Versteht mich nicht falsch, ich bin grundsätzlich dagegen Kinder zu schlagen. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Versagen, ein „Nicht mehr weiter wissen“. Aber sollte man Schwächen nicht auch mal zeigen dürfen. Ich bin Mutter und kein Shaolin-Mönch. Schüler darf ich nicht schlagen, das ist mir dienstlich verboten. Ich akzeptiere das, auch wenn es schwierig ist.

Mein großes Kind erzählte mir einmal, dass einer seiner Freunde von seinen Eltern mit einem Gürtel verprügelt wird. Nun, ich denke nicht, dass dieses Kind seiner Mutter jemals einen Brief mit den Worten „Ich mache nichts. Merk dir das!“ plus einem sorgfältig dazu gemalten Mittelfinger die Treppe runter entgegengeworfen hat.
Immerhin orthografisch nichts zu meckern

Seither ist das immer mein letztes Argument kurz vor dem Nervenzusammenbruch. „Willst du dass wir dich verprügeln? Ich denke dein Freund XY weigert sich nicht seine Mathe-Berichtigung zu machen.“
Zum Glück machen jetzt alle erstmal einen großen Bogen um die Versager-Mutter mit Gewaltphantasien. So brauche ich keine unnötigen Pseudo-Freundschaften zu knüpfen, die höchstens eine Postkarte lang halten und ich habe noch mehr Zeit zum Lesen während der Kur.

Außerdem ist Grüppchenbildung hier ohnehin überflüssig, da Alkoholkonsum im Kurheim untersagt ist. Da trinke ich lieber heimlich allein. Kann mich wenigstens keiner verpetzen und abgeben muss ich auch nichts. Das verspricht unter diesen Bedingungen eine tolle Zeit zu werden.

Mit Müttern, die das Heulen anfangen weil sie nach fünf Jahren im Beruf Vollzeit-Mama ihre Rockzipfellutscher zum ersten Mal für zwei Stunden in einer Fremdbetreuung zurücklassen müssen, kann ich eh nicht viel anfangen. 
Da liegen sie dann bei der Progressiven Muskelentspannung auf der Matte, innerlich aufgewühlt wie das Nesthuhn ohne Brut und die Milch schießt ein, weil sie die räumliche Trennung von ihrem Vorschüler nicht verkraften.

Stellt sich nur die Frage: 
Wie ran kommen, an den ALL-INCLUSIVE-WELLNESS-LANGZEIT-VERWÖHN-Wahnsinn auf Kassenkosten? Man hört ja gelegentlich, dass ein positiver Kurbescheid so etwas wie der Heilige Gral unter gesetzlich Versicherten ist. Zugegeben, ich hatte schon mal eine. Das war vor gut zehn Jahren. 
Damals hatte ich den einjährigen Erstmüller dabei, trank alkoholfreien Sekt, trug Kordhosen und Tuniken und während unseres Aufenthalts im Mutterkind-Kurheim brach eine Magendarmgrippe-Virus herein. Damit endet die freudlose Geschichte. Rheinlandpfalz im Januar. Mutter-Kind-Kur. Schon die Eckdaten lassen maßlose Freudlosigkeit vermuten. Die Müllerkinder sind heute zum Glück schulpflichtig. Wie? In den Ferien fahren? WARUM?

Der Zustand meines Körpers entspricht weitgehend meinem Alter, die Gebrechen der mittelfristigen Vergangenheit sind Geschichte und außerdem ebenso unspektakulär wie nutzlos beim Rennen um die Kassenleistung "Kur".

Nur im Kopf setzt es immer mal wieder aus. Ist wohl berufsbedingt. Sowohl Schutz als auch Folge der Arbeit im Irrenhaus. Mein Problem ist, dass ich nur sehr selten den Mut aufbringe, mit meiner als „Schlechte-Laune-Müde-Kein-Bock-Auf-Gar-Nichts-zünd-mich-an-mit-nur-einem-falschen-Wort-Phase“ getarnten Depression zum Arzt zu gehen.

Wenn ich das täte, dann säße ich vermutlich circa alle vier Wochen heulend auf diesem Stuhl. Ist halt nicht so einfach zu sagen: 
„Herr Doktor, ich kann nicht mehr. Mir wächst das alles über den Kopf. Ich habe an nichts mehr Freude und zu gar nichts Lust. Ich bin scheiße zu meinem Mann. Meinen Kindern. Zu all den wenigen Menschen, die ich gern habe.“ 

"Ja", sagt der gute Herr Doktor, „wenn sie das IMMER machen würden, dann würden wir auch eine Kur für sie bekommen.“ 

Er kennt meinen erhöhten Alkoholkonsum, scheint ihn zumindest meistens medizinisch für tolerierbar zu halten und weiß, dass ich nur dann zu Antidepressiva greife, wenn ich noch nicht mal mehr Lust habe, Mittwochs nach sechs Stunden in meiner Klasse nachmittags im Einteiler auf dem Sofa eine Dose Prosecco zu trinken oder den Eierlikör im morgendlichen Milchkaffee verschmähe.

Aber anstatt zum Arzt zu gehen, baue ich um mein eingefrorenes Gesicht regelmäßig einen Kokon aus Bademantel und Sofadecke und überlasse Herrn Müller den Familienalltag. Ich feige Sau. (DANKE Herr Müller).

So dann, morgen ist ein neuer Tag. Wir beginnen den Schultag mit einem Bewegungslied und Frau Müller schwingt das Tamburin. Dazu singen wir irgendwas mit den Worten „Sonne, Freude, Schule und Spaß“. Genau kann ich es nicht sagen. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich selbst zu beobachten und dabei den Kotzreiz zu unterdrücken.


Depressive Episoden,
 lustige Bewegungslieder
 und Katja Saalfranks persönlichen Alptraum
 gibts nahezu täglich neu zu belauschen

 

Mittwoch, 19. April 2017

Monster-Mom: Kindertuning bis zum Burnout



Eltern nerven mich eigentlich immer. In letzter Zeit jedoch besonders und immer mehr. Und weil ich nicht möchte, dass der kritische Leser zu dem falschen Schluss gelangt, ich ziehe alles und jeden durch den Kakao und mag eigentlich nur Schwule, Einhörner und mich selbst, fange ich direkt bei mir an. Weitere Artikel zum Thema "Eltern-Abrechnung" werden folgen...
  
Ich war früher eine völlig bescheuerte Mutter. Schon in der Schwangerschaft mit dem großen Müller habe ich damit begonnen, über wirklich alles nachzudenken, was irgendeinen Einfluss auf den Fötus in meinem Bauch haben könnte.
 
Zum Beispiel zog ich allabendlich gedanklich Ernährungsresümee. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich einen Teil der „Schwangerschaftsoptimierten-Ernährungspyramide zur Anzucht eines maximal gesunden und intelligenten Kindes“ nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Oh mein Gott, zu wenig „Synapsen-Optamin“ oder weiß der Geier was in meinem Mittagessen gefehlt hat. In Ratgeber XY stand, dass das besonders wichtig ist. Es wird für das Ungeborene wahrscheinlich nur zum Hauptschulabschluss reichen. Das Urteil lautet "Schuldig".

Während der Stillzeit setzte sich dieser Gedanken-Irrsinn fort. Aus der „Stillen nach Bedarf“-Empfehlung der Hebamme machte ich Stillen nach Stundenplan. Ort und Zeit legte ICH fest. Der kleine Müller hatte natürlich öfters mal so gar keine Lust aufs Brüste-Boot-Camp. Wahrscheinlich schmeckte er die Stresshormone raus. Mütter, die nicht oder nicht lange genug stillten waren für mich egomanische verachtenswerte Individuen. 
Mein anschließendes Studium über entwicklungs-proximale Beikost und nachfolgend Familienkost erwähne ich hier nur am Rande.

Aber nicht nur das Essen hätte ich am liebsten handgeklöppelt. Der Kauf jedweden Spielzeugs wurde sorgfältig mit der damals angehenden Förderpädagogin in mir abgewogen. Ich kaufte an Weihnachten und Geburtstagen alle Geschenke selbst und verteilte diese dann an sämtliche Tanten, Onkels, Omas und Opas.
Einzig mein Bruder machte mir einmal einen Strich durch die Rechnung als er MEINEM Kind zum ersten Geburtstag einen Miniatur-Spielzeug-Panzer schenkte. Der wurde natürlich erstmal ganz weit weg gepackt. In Kisten, die kein Kleinkind je zu öffnen vermag.

Der Irrsinn gipfelte als ich einmal zu meiner Schwiegermutter, die um mir Jung-Mama Arbeit abzunehmen, ein paar Kinder-Kleidungsstücke selbst mit gewaschen hatte. Ich sagte, dass das zwar lieb sei aber ich alles noch einmal waschen werde, da ich es nicht mag wenn mein Kind nach fremden Waschmittel riecht.
Die Arme. Und so hat sie mich auch angekuckt. Hab ich damals natürlich gar nicht mitbekommen. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, die Entwicklungsschritte meines Kindes minutiös zu überwachen.

Herr Müller durfte zu alle dem natürlich nichts sagen. Der hatte ohnehin keine Ahnung, schließlich hatte er sich nur „weitergebildet“ wenn ich ihn dazu nötigte und ihm Broschüren und Bücher in die Dienstreisetasche packte. ICH war die Mutter UND Fast-Pädagogin, das Kind war MEIN Projekt. In meinem Mutter-Kind-Kosmos war er streng genommen zu viel und so etwas wie ein „Paar“ gab es nicht mehr. Oder doch. Mein Kind und ich.

Nach anderthalb Jahren als selbsternannte Mutter aller Mütter hatte ich im Rahmen einer Kur (selbstverständlich MIT Kind) erstmals Kontakt mit einer Psychologin. „Überreflektiert“ nannte sie mich. Damals war ich noch stolz drauf weil ich nur die Hälfte kapierte. Heute weiß ich, dass das ganz schön gefährlich sein kann. Zugegeben, Selbstreflexion ist nicht jedermanns Stärke. Aber ein Zuviel davon führt in einen Teufelskreis aus Selbstzweifeln.

Beim kleinen Müller wiederholte sich das Schauspiel. Nachdem ich meine tiefe Verzweiflung und Wut überwunden hatte, vom Leben so benachteiligt zu werden und gleich zwei Jungen zu bekommen - So hab ich gedacht, heute schäme ich mich dafür - wo doch das perfekte Bild in meinem Kopf eigentlich einen großen Bruder samt kleiner Schwester beinhaltete, startete ich Nachwuchs-Optimierung Part 2. 

Die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit und Kräfte jedoch zwischen beiden „Kinder-Baustellen“ teilen musste, nagte an mir. Wollte ich morgens um halb sieben mit Neun-Monats-Wampe im Sandkasten hocken weil der große Müller sich das von seiner engagierten Mutter so wünschte, konnte ich dem Fötus keine gute Mutter sein, die ihrem Körper die vom Baby benötigte Ruhe gönnte. Forderte der Mini in seinem „Nest“ nachmittägliche Ruhe ein, konnte ich dem Maxi nicht das täglich notwenige Abitur-vorbereitende Förderprogramm zuteilwerden lassen. Und wieder SCHULDIG!

Als der zweite Müller ein knappes Jahr alt war, hielten die Menschen um mich herum und ich mich selbst nicht mehr aus. 
Station 1: meine Flucht mit dem Kinderwagen. Und alle so: "Irgendwas stimmt mit ihr nicht!"
Station 2: Notbremse Hausarzt. Erziehungsurlaub Herr Müller.
Station 3: Innerhalb der Sitzungen beim Psychotherapeuten lernte ich, warum ich so geworden bin wie ich war. Als Teenager hatte ich eine Essstörung (von der ich bis zum Beginn der Therapie geglaubt habe, sie selbst geheilt zu haben WEIL sich gute Mütter schließlich unter Kontrolle haben). Mein Wunsch, die Kontrolle zu BEhalten und gleichzeitig Anerkennung zu ERhalten war der unterbewusste Antrieb.
 
Darauf, woher dieser Wunsch kam, möchte ich hier nicht weiter eingehen. Als ich dann Mutter wurde, verkleidete sich meine Essstörung. Sie versteckte sich in Eltern-Ratgebern, Nährstoff-Tabellen, pädagogisch- und ökologisch wertvollen Spielzeugkatalogen und Pekip-Kursen. Der Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung blieb der gleiche. Und der Drang danach ALLES kontrollieren zu wollen hatte mich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag in eine Überlastungsdepression, besser bekannt als Burnout, getrieben. Ich grollte gegen alles und jeden, war selbstgerecht und gleichzeitig traurig und kraftlos.
 
Heute geht’s mir gut, meistens zumindest. Den Müller-Jungs samt Herrn Müller übrigens auch. Ja, er ist bei mir geblieben. Verrückt, oder? Ich muss ein klein wenig sentimental werden. Ich bin ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht angepackt und wäre wahrscheinlich immer noch so „drauf“ wie damals.

Was ist aus den Müllerkindern geworden? Der große Müller ist unser Nerd. Liebevoll auch Sheldon genannt. Als sogenannter Under-Achiver macht er uns das Eltern-Leben nicht immer leicht. Dennoch ist er unglaublich empathisch, so gar nicht wie Sheldon. Das liebe ich besonders an ihm. Er hasst Gemüse (obwohl ich mir doch soo viel Mühe gegeben habe beim Brei kochen .. oder vielleicht gerade deshalb). Die Neigung, auf das eigene Recht zu bestehen, hat er wohl von mir. 
Der kleine Müller steht mit der Schule (noch) nicht so auf Kriegsfuß. Seine Art zu nerven, wenn er etwas möchte, fällt unter das Waffengesetz und trotzdem weiß er wie er mit Charme jeden Kriegsverbrecherprozess für sich entscheidet. Mal Diva und mal Don Juan ist er ein echter Charakterkopf.
 
Ich liebe beide, genauso wie ich sie damals liebte. Heute brauche ich aber nichts mehr, mit dem ich meine Mutterliebe definiere. Sie ist einfach da.
 
Kreativität ist überall - man muss sie nur sehen
Ein Abendessen vor dem Fernseher (und kein Tisch-Spruch inklusive Anfassritual), 
eine Polizei-Reality-Doku am Nachmittag (kein zweistündiges Kreativ-Knetmasse-Programm am Küchentisch), 
Mc Donalds nach dem Schwimmbad (keine CO2-freien Bio-Apfelschnitze), 
ein Sonntag im Schlafanzug (anstelle eines Familienspaziergangs) und eine High-End-Schaumstoff-Pfeil-Pistole vom Wunschzettel des Herzens (statt nachhaltige Holzbausteine)
– das alles gibt’s bei Müllers. Mal mehr mal weniger. Und alle sind GESUND und glücklich. Das ist was zählt.

All das macht ein Kind später nicht zum Kriminellen oder Schulabbrecher. Ich hab als Teenager jeden Nachmittag Talkshows gekuckt und mir selbst Fertignudeln gekocht während meine Eltern arbeiteten. Und hey, ich habe Familie, einen Studienabschluss, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und keine Allergien. Außerdem bin ich nicht vorbestraft. Ich bin auch nicht bindungsunfähig weil ich genau wie die Müllerkinder schon früh fremdbetreut wurde. Ich bin seit über 15 Jahren mit Herrn Müller glücklich.

Ich möchte damit weder sagen, dass engagierte Mütter alle Fälle für den Psycho-Doktor sind, noch dass bestimmte Aufwachsbedingungen für eine gesunde Entwicklung keine Rolle spielen. Auch wir lesen vor, helfen bei den Hausaufgaben und kaufen nicht nur Weißbrot und Ketchup ein.

Weiterhin möchte ich MICH nicht als das mütterliche Non-Plus-Ultra verkaufen. Eingangs schrieb ich „ich war mal eine völlig bescheuerte Mutter!“ Ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht immernoch so ist. Wenn dann aber definitiv „anders bescheuert“.
Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch!

Mehr (hobby)psychologische Weisheiten nebst unterhaltsamer Alltagsabsurditäten (manchmal auch als Mutter) gibt's bei Frau Müller auf Facebook.

Freitag, 10. Februar 2017

Herr Müller und "Die Uschi auf dem rosa Kissen" (Beitrag zur Blogparade)

Das Thema der Blogparade von Paula und ihrem Blog wasmansonichtsagendarf.ch ist ja nicht gerade ein typisches Müller-Thema und lange bin ich um diesen Artikel herum geschlichen. Frau Müller beschäftigt sich in der Regel entweder mit Schlüpfrigem oder Alltags-Banalitäten, selten auch mal mit Lehrertypischem. An etwas so fundamentales und tiefgreifendes wie „Dankbarkeit“ habe ich mich bisher nicht ran getraut. Mein Metier ist eher boshaftes Meckern, eine gesunde Portion Sarkasmus und gerne eine Prise Provokation. 

Und dennoch hat mich das Thema nicht losgelassen. Dankbarkeit. Ich bin meistens ein optimistischer und positiver Mensch, hatte im Leben kaum Hürden zu meistern. Schon allein dieser Umstand macht mich dankbar. Ich bin dadurch nicht blind vor dem Leben anderer. Wenn ich meinen „irrsinns-bedingten“ Größenwahnsinn ausschalte und zwischendurch immer mal wieder auf dem Boden ankomme dann wünsche ich mir nur eins: Dass alles so bleibt wie es ist. 

Die für mich wichtigsten Dinge zum Glück habe ich und möchte sie nicht hergeben. Daher sage ich zunächst: Danke ans Leben. Danke, dass meine Familie (noch) in einer Gesellschaft lebt, die uns schützt, dass wir nicht mit gegenseitigem Leid und Tod zurechtkommen müssen, dass wir nicht hungern müssen, dass wir geliebt werden.

Ich reflektiere mehr als der Durchschnittsmensch über das was ich bin. Und in schwachen Momenten habe ich Angst davor, dass mir das Leben irgendwann einmal sagt: Jetzt ist Schluss mit der „Eier-Schaukelei“. Jetzt bist du mal mit „Einstecken“ dran. Nicht immer die anderen. Dein „Liebesperlen-Konto“ ist aufgebraucht, jetzt gibt’s mal Zitronen. Nach dem Spaziergang der letzten Jahre kommt jetzt die Prüfung. Komme ich dann damit klar? Der Gedanke macht mir Angst.
 
Verglichen mit dem was andere Menschen in ihrem Leben ertragen müssen, ist meine Hürde wohl ein Kinderspiel gewesen. Und dennoch hat mein Burn-Out und die Depression Spuren hinterlassen. Erst haben sie sich jahrelang gut vor mir versteckt und waren trotzdem immer da. Dann wurde das Versteck zu klein und das was versteckt werden sollte immer größer. Heute kenne ich die Verstecke. Ich vertraue noch immer nicht ganz darauf, dass nicht doch wieder etwas lauert, muss ab und zu mal nachgucken. Meistens ist nichts da. Wie das Monster unter dem Bett, an das wir erst nicht mehr glauben wenn wir zum 100sten Mal nachgeschaut haben. Und wenn ich doch mal was finde, in den Verstecken von früher dann ist es klein und schwach, viel schwächer als ich HEUTE. Es lässt sich meistens schnell verjagen. Oder ich ignoriere es einfach eine Weile, wie es da so hockt und wartet dass es wächst. Nach ein paar Tagen wird ihm langweilig und es verschwindet. Hört sich einfach an – ist es aber nicht immer.

Zurück zur Dankbarkeit. Es gibt Spiele, die machen erst Sinn wenn man sie im Team spielt. Und auch beim Versteckspielen hat man bessere Chancen auf den Sieg wenn einem ein Mitspieler den Rücken frei hält, während man selbst den Gegenspieler sucht. Meinem Teamplayer möchte ich DANKE sagen. DANKE, Herr Müller.
Kann gut mit Tieren, ältern Damen ... und mir

Herr Müller ist seit über 15 Jahren an meiner Seite. Wir gehören wohl zu den Allerersten, die sich dank Schülerchat im weltweiten Internet kennenlernten, sich fanden ohne sich je gesucht zu haben und dann auch noch in benachbarten Orten wohnten. Damals waren die Umstände unseres Kennenlernens noch sehr besonders.

Er kannte und liebte das Ei zunächst mit Schale, dann kannte und liebte er es auch mit sehr brüchiger ja bröselnder Schale und er kennt und liebt das Ei jetzt, ganz ohne Schale. Er war es, der mir geholfen hat in dem „Gefühls-Auf-und-Ab“ die miese Laune von der Krankheit abzugrenzen, der mich ernst genommen hat und mit mir zum Arzt gegangen ist, der Erziehungsurlaub genommen hat um mir während meiner Prüfungen den Rücken frei zu halten obwohl ich immer sooo stark sein wollte und dachte, das alles alleine zu schaffen. Und das obwohl ich ihm in den „schlechten Zeiten“ so wenig Liebe entgegen gebracht habe. 

Auch jetzt ist das Leben mit mir noch kein Spaziergang. Manchmal, wenn sich die „Reste“ der Schale bemerkbar machen, dann lässt er mich einfach gewähren. Er lässt mich das „Nichts“ tun, worauf ich die meiste Lust habe, erträgt meine Einsilbigkeit und die Gefühlsausbrüche, den Familienalltag managed er einfach alleine.

Ich bin eigensinnig, oft selbstgerecht, launisch und ICH BIN heute EINE USCHI. Was zur Hölle ist eine Uschi, werdet ihr denken. Uschi ist für mich Synonym für ein verwöhntes Frauchen. Herr Müller liebt und hegt die Uschi in mir. Er lässt mich morgens länger schlafen, geht zuerst ins Bad und räumt dann sogar den Geschirrspüler aus. Er geht im Winter früher raus um das Auto abzukehren und die Scheiben abzutauen, ja sogar die Sitzheizung macht er mir an. Er würde sich nie mit mir ums letzte Stück Pizza streiten, er überlässt es einfach mir. Er erledigt meinen Papierkram und tätigt Anrufe auf die ich keine Lust habe. Er nimmt den ollen Zweitwagen und lässt mich mit der großen Kutsche fahren, er duldet sogar das Chaos das ich darin veranstalte. Er überlässt mir zu 99% aller Fernsehabende das Bestimmungsrecht, nicht zuletzt teilt er mit mir natürlich diese besondere Offenheit, die uns unsere andere Art der Beziehung (auch in sexueller Hinsicht) ermöglicht… .

All das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, ich weiß das zu schätzen. Auch wenn es mir im Alltag nicht immer gelingt, ihm das zu zeigen. Ich setze das nicht voraus und er tut es nicht weil ich das so erwarte oder weil er gar Gegenleistungen erwartet. Er tut es einfach. Dafür (und natürlich noch für viel mehr) liebe ich ihn so sehr.

Müllers abends spät im Bett:
Frau Müller: "Schatz, hast du das gerade gehört. 
Da war was... unten ... ein Geräusch.
Herr Müller (schon halb schlafend): "Ich hab nichts gehört."
Frau Müller (lauscht immer noch): "Doch, wieder... hörst du das?"
Herr Müller (leicht genervt): "SCHATZ, soll ich mal kucken gehen?"
Frau Müller: "Ach, musst du nicht. War bestimmt die Katze."
Herr Müller steht auf und schaut nach.


Mir ist so viel Selbstlosigkeit manchmal unangenehm. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Herr Müller, wenn ihm das Schreiben liegen würde, in einer „Gegendarstellung“ jede Menge Gründe finden würde, warum er „seine Uschi so gerne auf ihrem rosa Kissen“ durchs Leben trägt.  
Danke Herr Müller. Danke dass du mir so oft die Angst vor der Zukunft nimmst weil ich weiß, dass das mit dir an meiner Seite schon irgendwie wird.

Der heutige Artikel hat in erster Linie eine Botschaft an Herrn Müller, an zweiter Stelle ans Leben. Ich möchte (wie auch in allen anderen Artikeln in denen ich über Besonderheiten unserer Beziehung schreibe) kein Richtig und kein Falsch definieren. So wie Menschen verschieden sind, sind es auch Beziehungen. Wir suchen uns den Menschen der zu uns passt (und mit dem jemand anderes vielleicht so gar nichts anfangen kann). Genauso sollten wir es auch mit der Art unserer Beziehungen halten…

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