Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Posts mit dem Label Reflexion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reflexion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 27. September 2017

Ein Jahresrückblick ohne Günther Jauch – ReFlexionen einer Kuckuckslehrerin



Es ist so weit. Frau Müller feiert einjähriges Blogbestehen. Was passiert jetzt? Eine Festwoche? Gewinnspiele? Ein Fanshop? Kollektives Ausrasten? Nichts dergleichen. Ich brauche keine Festivitäten um zu feiern. Aber manche Festivitäten brauchen eine Feier. Und manche eben nicht. Ob das Befüttern eines Blogs über die Dauer eines Jahres eine Feier braucht, vermag ich allerdings nicht einzuschätzen. 

  
Plusquamperfekt  - Ich hatte gebloggt (hatte ich aber eigentlich noch nie)

Am Anfang war die kreative Energie, die irgendwie in mehr als nur viel zu langen WhatsApp-Nachrichten umgesetzt werden musste. Dem gegenüber stand das gefährliche Halbwissen um Menschen, die im Internet irgendwie irgendwas schreiben. Ich hätte googlen oder mich durch die Blogosphäre lesen können. Tat ich aber nicht. Warum auch. Ich wollte doch schreiben, nicht lesen.

Außerdem war da eine rund 15 Jahre alte Abi-Zeitung, welche ich zwar zu nicht unerheblichen Teilen selbst geschrieben hatte, die allerdings dennoch viele Lügen über mich propagierte (von wegen ich bin arrogant und kann nicht einparken, pahh!). Diese prophezeite, auf Basis einer natürlich völlig unvoreingenommenen anonymen Befragung meiner Jahrgangskameraden, dass ich später einmal potentielle Besitzerin einer eigenen Fernsehshow werden würde. Gedanken sind da um weitergesponnen zu werden, meinem Größenwahn und den seherischen Fähigkeiten meiner damaligen Mitschüler sei Dank. Die Kulisse von Wahre Liebe auf einem Sendeplatz bei ARTE und ich mittendrin. So in etwa. 

Seit dem Untergang des Qualitätsformats „Talkshow“ in den 90ern allerdings, verliert Fernsehen an Substanz. Galileo erklärte in seinen Anfängen vorabendtauglich wie Faradays Käfig funktioniert – heute schauen bildungshungrige Acht- bis Achtzigjährige Jumbo Schreiner beim Schnitzel essen zu. Also was soll ich im Fernsehen… Potential verschwenden 2.0.

Kein Plan also, nur eine Idee. Und immer wieder Menschen, die mir zuhörten und meinten ich müsste das unbedingt mal aufschreiben. Hab ich dann gemacht. Für die Festplatte erstmal. Und für mich, ihr wisst schon: sich gerne schreiben lesen. Und ich tat es für Sarahs Kunden, die die analoge Papierversion samt Tippfehlern im Plastikschnellhefter vor dem Hintergrund meiner Anonymität auf Breitentauglichkeit prüften und für gut bekloppt befanden.


Perfekt - Ich habe gebloggt (zum allerersten mal)

Zum Glück funktioniert Blog bauen so ähnlich wie das Einrichten eines Hauses damals bei SIMS. Herr Müller, der Halb-IT-Experte hatte nämlich keine Zeit. Eigentlich auch egal. Dann mach ich‘s eben selbst. Natürliche Blog-Geburt aus eigenen Kräften. Kein Kaiserschnitt. Und weil ich zwar mein zeichnerisches Alter-Ego gedanklich erfinden konnte, sich aber meine Fähigkeiten im Umgang mit Grafiksoftware in etwa auf Hauptschüler-Niveau bewegen, übernahm das eine befreundete Berufsgrafikerin dankenswerter Weise für mich und gebar eine Version meiner selbst aus Primärfarben, die treffender nicht hätte sein können.

Wenig später veröffentlichte ich den ersten Artikel und musste feststellen, dass gar nichts passiert. Noch nicht mal eine einzige Email eines euphorischen Verlegers, der alle meine ungeschriebenen Bücher kaufen will und mir einen unverschämt unrealistischen Vorschuss bietet, geschweige denn ein Stalker oder sonst irgendwer. Wer soll auch wissen, dass ich an irgendeinem Baum X in der Taiga rumstehe und dort auf Besucher mit Kaffee und Kuchen lauere, wenn ich niemandem sage, dass ich dort warte und vor allem wo.

„Mach Social Media“ schrie es sogleich aus allen Ecken. Was jetzt kam war die eigentliche Überwindung. So als müsste der Arachnophobiker endlich seine Angst überwinden um in das geerbte Baumhaus im südamerikanischen Regenwald einziehen zu können. Und so legte ich mir einen Facebook-Account an, learnte by doing und entwickelte mich vom Analphabeten sozialer Medien zumindest zu einem Legastheniker. Teilleistungsschwäche Sozialmedien-Marketing. Ich fordere Nachteilsausgleich.


Präteritum - Ich bloggte (das schreibt kein Schwein so)

Ich beneide noch heute viele Blogger darum, dass sie aus ihrer wahren Identität kein Geheimnis machen müssen. Was muss ich euch für herrlich bescheuerte Bilder manchmal leider vorenthalten. Den Anonymitätskritikern sei gesagt: meine Artikel wären nicht halb so ehrlich und vor allem oft auch sehr privat, wenn ich Gesicht zeigen würde. Ist doch nicht so schwer zu verstehen, dass mir etwas unwohl bei dem Gedanken wird, auf Eltern und halb erwachsene Schüler zu treffen, die wissen, dass ich mit meiner besten Freundin im Bett manchmal den Ehemann tausche? (Übrigens kann man mir für mehr Bildmaterial auch auf Instagram folgen. Bei kuckuckseiimlehrerzimmer gibt es allerdings überwiegend Bilder von Dingen, die kurz davor stehen, meinen oder den Schlund meiner Familie zu passieren oder noch mehr Catcontent.)

Meinen Lesern kann ich allerdings versichern, dass ich auch ohne Gesicht authentisch bin. Die Handvoll Menschen, die wissen wer wirklich hinter Frau Müller steckt und denen ich ein tolles Präteritum zu verdanken habe, würden euch das bestätigen. Sie waren es, die in den Anfängen dank treuem und konsequentem Teilen und Liken immer mehr Menschen erreicht haben, für die Frau Müller nur die boshaft-lustige Sonnenbrillen-Bobfrisur-Lehrerin ist. 
Ich gebe zu, ich habe meine Freunde und Bekannten mit einer unfucking fassbaren Party, finanziert durch ebenso unfucking fassbaren Fame meinerseits, bestochen. Die fand übrigens noch nicht statt. Ich warte noch auf den Fame. Und die Leute auf die Party. Macht also weiter.

Hilfreich dabei, immer mehr Menschen zu erreichen, die in Blogs weniger den Mehrwert als vielmehr die Unterhaltung suchen und im günstigsten Fall die Vorliebe für grenzwertigen Humor teilen, waren natürlich auch die Bloggerkollegen. Ich danke an dieser Stelle allen, die mich verlinkt, geteilt, kommentiert, erwähnt und sonst irgendwie unterstützt haben. Einige ihrer Blogs findet ihr in meiner Blogroll.   
Info für Nicht-Blogger: eine Linkliste der Blogs, die ich selbst gerne lese oder einfach empfehle. 
Diese Liste ist nicht vollständig und wird immer mal wieder erweitert. Wenn sich jemand selbst vermisst, bitte melden. Ich hab schon zweimal den Geburtstag des Herrn Müllers fast vergessen. Ich mach sowas nicht aus Böswilligkeit, ich hab nur manchmal Schaltpausen. Leider gibt’s dafür kein Attest. Erinnert mich einfach dran.

Der ein oder andere Leser hat sicherlich auch durch die Veröffentlichung meines etwas provokanten Textes für die BRIGITTE hier her gefunden. Wobei, eigentlich war hauptsächlich die Überschrift schuld. Und die hat auch noch Sarah höchst persönlich ausgesucht. Ach ja, das BRIGITTE-Gate. Das war lustig. Sowas würde ich gerne mal wieder machen. Sarah und ich nennen uns heute gerne noch gegenseitig miese Drecksschlampen. Den Link zum Artikel gibt’s hier.

Last but not least war da natürlich noch die aus Autorensicht vermutlich größte Errungenschaft meines einjährigen Schaffens. Eine meiner Geschichten, eine von der schlüpfrigen Art, gedruckt und gebunden. Zwischen zwei Buchdeckeln. Ich bin ja selbst ein wenig bibliophil, E-reader sind Teufelswerk und ich empfinde es wie einen Mini-Orgasmus ein gelesenes Buch ins Regal zu stellen. Ein Buch allerdings, an dem man selbst mitgewirkt hat, ins Regal zu stellen, DAS ist dann schon ein Orgasmus der Kategorie Zugspitze. Ovids Erben erschien im Schwarzbuch-Verlag, ist ein Sammelband aus erotischen Kurzgeschichten und kaufen kann man das gute Stück zum Beispiel bei Amazon. Da ist natürlich noch Luft nach oben. Ich stehe im regen Austausch mit Tenzing Norgay und Reinhold Messner. Ein Autorenprofil hab ich ja schon mal.


Präsens - Ich blogge ("Ich roque" fetzt auch. Kennt das jemand?)

Der heutige Post ist der 63.Blogartikel. Im Lehrerzimmer waren knapp 58.000 Personen zu Gast und auf Facebook folgen rund 600 Menschen. Ich habe im vergangenen Jahr jede Woche mindestens einen inhaltlich mehr oder weniger hochwertigen -beachtet bitte meinen intermüllerschen Bewertungsmaßstab von Hochwertigkeit- Artikel veröffentlicht. Einzig in der Woche, welche ich am Krankenhaus-Ballermann verbrachte, blieb es still im Lehrerzimmer. Manche Artikel wurden fast 3000 Mal angeklickt, andere gerade mal ein Zehntel so oft (Das fühlt sich beim Schreiben komisch an, ist das echte Grammatik?).

Zahlen, die mich insgesamt fröhlich stimmen. Und dennoch zum Verständnis: ich brauche diese Zahlen nicht als Masturbationsvorlage oder Selbstwertstimuli. Und dennoch brauche ich sie. Erstens weil jeder, der öffentlich schreibt, für Menschen schreibt und eben nicht behaupten kann, er tut’s nur für sich. Logisch, dass man sich umso mehr freut, je mehr Leser man erreicht. 
Und zweitens – der weitaus wichtigere Aspekt: der überwiegende Teil der Leser folgt passiv aber er folgt. Das ist fein und darf so bleiben. Mein Antrieb (und das ganz ohne Schmalz und Überschwang) sind allerdings die Reaktionen. Eine kleine oder große Diskussion in der Kommentarspalte, in der sich Menschen, die sich nicht kennen, über einen Post austauschen, der meinem Hirn entsprang. Das ist der Ritterinnen-Schlag. Glaubt’s mir. Notfalls mach ich mich für sowas auch unbeliebt und schreib irgendwas über Polygamie und dicke Kinder in Faschingskostümen.


Futur I- Ich werde bloggen (wie Gargamel sagte: Und wenn es das Letzte ist...)

Im kommenden Monat Oktober, sozusagen dem ersten Monat des neuen Blogjahres, wird es wieder einmal ein großes Thema geben. Wir erinnern uns an den Gayzember, den Januar der ganz im Zeichen der „Friends with Benefits“ stand und an den qualvoll-frivolen SchMärz. Im nächsten Monat möchte ich den charmanten Esprit der vielfältigen Blogosphäre versprühen, ihr vielleicht auch etwas mülleresken Glanz verleihen, gleichzeitig selbst einmal hineinschnuppern in die vielen großen und wichtigen Themenbereiche und proppevollen Nischen, mich vielleicht auch vergewissern, dass meine Art zu Bloggen genau die richtige Art für mich ist, verborgene Talente aus mir herauskitzeln und mich ausprobieren. Daher eröffne den BLOGTOBER (nicht meine Erfindung).

Interessiert es wirklich die Masse, wie ich mich in meinem Arbeitsalltag als Lehrer erfolgreich vor derArbeit drücke oder wäre ich womöglich erfolgreicher im Inszenieren eines Fashionblogs, der den Einteiler runter vom Sofa und direkt hinein in die Modewelt holt?

Will jeder meine Bordellbewerbung und die Freakshow auf Vertriebsveranstaltungen lesen oder kommt ein gnadenlos ehrlicher Travelblog mit wunderbar stimmungsvollen Bildern vom anderen Ende der Welt bei den Lesern vielleicht besser an?

Sollte ich aufhören, mich immer wieder öffentlich über Eltern und ihre Macken zu beschweren und stattdessen einen ebenso pfiffigen wie durchdachten Do-It-Yourself-Blog bieten, der Mütter und ihre Kinder gleichermaßen verzaubert?

Ist statt Geschichten aus der Folterkammer und direkt aus der Mitte meiner Vierecksbeziehung ein Foodblog möglicherweise viel leserorientierter und bietet den hochgelobten Mehrwert?

Da fällt mir noch ein: Ein Gastbeitrag unserer schreibenden Domina Frau Schwarz wird übrigens auch dabei sein. 
 
Es kommt also Großes, Spannendes, Neues und Unterhaltsames auf uns zu.  Sag nie „Das ist nichts für mich!“ bevor du es nicht ausprobiert hast. So ging es mir übrigens mit Lasertag, Taekwondo, PoleDance und griechischem Puddingkuchen. Ihr dürft also gespannt sein. Ich bin es auch.


Futur II - Ich werde gebloggt haben (da fällt mir nix zu ein)

Auch wenn man es den Artikeln möglicherweise nicht anmerkt ist gerade in den letzten Wochen das regelmäßige Veröffentlichen für mich eher zur Qual als Freude geworden. Ein paar private und berufliche Veränderungen lassen kaum noch Zeit zum Schreiben aus Spaß an der Freude. Vielmehr fängt man Montags an verzweifelt zu überlegen, was und vor allem wann man für den Mittwoch schreibt. Die Tage zuvor bewegt man sich irgendwo zwischen Lähmung und schlafendem Schweinehund auf dem Sofa. Wobei „bewegt“ nicht wirklich zutreffend ist. 
Dieser Zustand hat mir die Freude am Schreiben ein bisschen vermiest. Und daher muss ich was ändern. Als Königin der Selbstgeißelung - ihr erinnert euch vielleicht an das gelbe Ekelgebräu, das mir zu Beginn des Jahres half in mein unverschämt knappes Faschingskostüm zu passen - hab ich mir selbst den Druck gemacht, der hier nicht hin gehört.

Es wird ab November vermutlich nicht mehr wöchentlich neue Artikel geben, Veröffentlichungstag bleibt aber dennoch der Mittwoch. Da gibt’s dann entweder wie gewohnt frische Gedankenrohkost oder aber etwas Recyceltes – ihr wisst schon, wie Reste-Kochen. Man macht aus dem, was da ist und zu gammeln anfängt irgendwas, bei dem keiner das abgelaufene MHD schmeckt. 

Zu Deutsch: ich krame einen alten Artikel heraus, hübsche ihn bei Bedarf ein wenig auf und versuche ihn noch einmal unter die Leute zu bringen. 

Vielleicht fällt er so Menschen vor die Newsfeed-Füße, die genau diesen einen Blogpost noch nicht kannten, weil sie sich eben noch nicht durch die unendlichen Weiten meiner Geistesleere gekämpft haben. Oder aber ihr macht es wie ich und lest einfach nochmal. Weil’s schön ist. Übrigens bleibt bei Facebook alles beim Alten, hier gibt es weiterhin den Untertitel zu allen Live-Alltags-Absurditäten. Und noch was bietet Beständigkeit: Tippfehler, Kommas und all die anderen charmanten Echtheitszertifikate.

Jetzt hab ich in einem Artikel, der verglichen mit dem Rest meines "Werkes" eher wenig Story aber dafür umso mehr Botschaft besitzt, knapp 1800 Wörter verbastelt. Und ihr habt genauso viele Wörter gelesen. In der Zeit hättet ihr übrigens auch was Interessantes, Informatives oder Lehrreiches lesen können. Und ich hätte etwas ebenso Interessantes, Informatives und Lehrreiches schreiben können. Haben wir aber nicht. Deswegen mag ich bloggen.

An dieser Stelle bitte drei Kreuzchen 
und eine "Frau Müller"-Unterschrift
mit Herzchen an Stelle der Ü-Striche vorstellen. 
Ich weiß nicht wie das geht. 
Bin doch Grafik-Hauptschüler.

So und jetzt rüber zu Facebook 

Damit ihr diese „Unfucking Fame“-Party nicht verpasst.

Mittwoch, 19. April 2017

Monster-Mom: Kindertuning bis zum Burnout



Eltern nerven mich eigentlich immer. In letzter Zeit jedoch besonders und immer mehr. Und weil ich nicht möchte, dass der kritische Leser zu dem falschen Schluss gelangt, ich ziehe alles und jeden durch den Kakao und mag eigentlich nur Schwule, Einhörner und mich selbst, fange ich direkt bei mir an. Weitere Artikel zum Thema "Eltern-Abrechnung" werden folgen...
  
Ich war früher eine völlig bescheuerte Mutter. Schon in der Schwangerschaft mit dem großen Müller habe ich damit begonnen, über wirklich alles nachzudenken, was irgendeinen Einfluss auf den Fötus in meinem Bauch haben könnte.
 
Zum Beispiel zog ich allabendlich gedanklich Ernährungsresümee. Ich fühlte mich schlecht, wenn ich einen Teil der „Schwangerschaftsoptimierten-Ernährungspyramide zur Anzucht eines maximal gesunden und intelligenten Kindes“ nicht ausreichend berücksichtigt hatte. Oh mein Gott, zu wenig „Synapsen-Optamin“ oder weiß der Geier was in meinem Mittagessen gefehlt hat. In Ratgeber XY stand, dass das besonders wichtig ist. Es wird für das Ungeborene wahrscheinlich nur zum Hauptschulabschluss reichen. Das Urteil lautet "Schuldig".

Während der Stillzeit setzte sich dieser Gedanken-Irrsinn fort. Aus der „Stillen nach Bedarf“-Empfehlung der Hebamme machte ich Stillen nach Stundenplan. Ort und Zeit legte ICH fest. Der kleine Müller hatte natürlich öfters mal so gar keine Lust aufs Brüste-Boot-Camp. Wahrscheinlich schmeckte er die Stresshormone raus. Mütter, die nicht oder nicht lange genug stillten waren für mich egomanische verachtenswerte Individuen. 
Mein anschließendes Studium über entwicklungs-proximale Beikost und nachfolgend Familienkost erwähne ich hier nur am Rande.

Aber nicht nur das Essen hätte ich am liebsten handgeklöppelt. Der Kauf jedweden Spielzeugs wurde sorgfältig mit der damals angehenden Förderpädagogin in mir abgewogen. Ich kaufte an Weihnachten und Geburtstagen alle Geschenke selbst und verteilte diese dann an sämtliche Tanten, Onkels, Omas und Opas.
Einzig mein Bruder machte mir einmal einen Strich durch die Rechnung als er MEINEM Kind zum ersten Geburtstag einen Miniatur-Spielzeug-Panzer schenkte. Der wurde natürlich erstmal ganz weit weg gepackt. In Kisten, die kein Kleinkind je zu öffnen vermag.

Der Irrsinn gipfelte als ich einmal zu meiner Schwiegermutter, die um mir Jung-Mama Arbeit abzunehmen, ein paar Kinder-Kleidungsstücke selbst mit gewaschen hatte. Ich sagte, dass das zwar lieb sei aber ich alles noch einmal waschen werde, da ich es nicht mag wenn mein Kind nach fremden Waschmittel riecht.
Die Arme. Und so hat sie mich auch angekuckt. Hab ich damals natürlich gar nicht mitbekommen. Ich war ja viel zu beschäftigt damit, die Entwicklungsschritte meines Kindes minutiös zu überwachen.

Herr Müller durfte zu alle dem natürlich nichts sagen. Der hatte ohnehin keine Ahnung, schließlich hatte er sich nur „weitergebildet“ wenn ich ihn dazu nötigte und ihm Broschüren und Bücher in die Dienstreisetasche packte. ICH war die Mutter UND Fast-Pädagogin, das Kind war MEIN Projekt. In meinem Mutter-Kind-Kosmos war er streng genommen zu viel und so etwas wie ein „Paar“ gab es nicht mehr. Oder doch. Mein Kind und ich.

Nach anderthalb Jahren als selbsternannte Mutter aller Mütter hatte ich im Rahmen einer Kur (selbstverständlich MIT Kind) erstmals Kontakt mit einer Psychologin. „Überreflektiert“ nannte sie mich. Damals war ich noch stolz drauf weil ich nur die Hälfte kapierte. Heute weiß ich, dass das ganz schön gefährlich sein kann. Zugegeben, Selbstreflexion ist nicht jedermanns Stärke. Aber ein Zuviel davon führt in einen Teufelskreis aus Selbstzweifeln.

Beim kleinen Müller wiederholte sich das Schauspiel. Nachdem ich meine tiefe Verzweiflung und Wut überwunden hatte, vom Leben so benachteiligt zu werden und gleich zwei Jungen zu bekommen - So hab ich gedacht, heute schäme ich mich dafür - wo doch das perfekte Bild in meinem Kopf eigentlich einen großen Bruder samt kleiner Schwester beinhaltete, startete ich Nachwuchs-Optimierung Part 2. 

Die Tatsache, dass ich meine Aufmerksamkeit und Kräfte jedoch zwischen beiden „Kinder-Baustellen“ teilen musste, nagte an mir. Wollte ich morgens um halb sieben mit Neun-Monats-Wampe im Sandkasten hocken weil der große Müller sich das von seiner engagierten Mutter so wünschte, konnte ich dem Fötus keine gute Mutter sein, die ihrem Körper die vom Baby benötigte Ruhe gönnte. Forderte der Mini in seinem „Nest“ nachmittägliche Ruhe ein, konnte ich dem Maxi nicht das täglich notwenige Abitur-vorbereitende Förderprogramm zuteilwerden lassen. Und wieder SCHULDIG!

Als der zweite Müller ein knappes Jahr alt war, hielten die Menschen um mich herum und ich mich selbst nicht mehr aus. 
Station 1: meine Flucht mit dem Kinderwagen. Und alle so: "Irgendwas stimmt mit ihr nicht!"
Station 2: Notbremse Hausarzt. Erziehungsurlaub Herr Müller.
Station 3: Innerhalb der Sitzungen beim Psychotherapeuten lernte ich, warum ich so geworden bin wie ich war. Als Teenager hatte ich eine Essstörung (von der ich bis zum Beginn der Therapie geglaubt habe, sie selbst geheilt zu haben WEIL sich gute Mütter schließlich unter Kontrolle haben). Mein Wunsch, die Kontrolle zu BEhalten und gleichzeitig Anerkennung zu ERhalten war der unterbewusste Antrieb.
 
Darauf, woher dieser Wunsch kam, möchte ich hier nicht weiter eingehen. Als ich dann Mutter wurde, verkleidete sich meine Essstörung. Sie versteckte sich in Eltern-Ratgebern, Nährstoff-Tabellen, pädagogisch- und ökologisch wertvollen Spielzeugkatalogen und Pekip-Kursen. Der Wunsch nach Kontrolle und Anerkennung blieb der gleiche. Und der Drang danach ALLES kontrollieren zu wollen hatte mich noch vor meinem dreißigsten Geburtstag in eine Überlastungsdepression, besser bekannt als Burnout, getrieben. Ich grollte gegen alles und jeden, war selbstgerecht und gleichzeitig traurig und kraftlos.
 
Heute geht’s mir gut, meistens zumindest. Den Müller-Jungs samt Herrn Müller übrigens auch. Ja, er ist bei mir geblieben. Verrückt, oder? Ich muss ein klein wenig sentimental werden. Ich bin ihm sehr dankbar. Ohne ihn hätte ich das alles gar nicht angepackt und wäre wahrscheinlich immer noch so „drauf“ wie damals.

Was ist aus den Müllerkindern geworden? Der große Müller ist unser Nerd. Liebevoll auch Sheldon genannt. Als sogenannter Under-Achiver macht er uns das Eltern-Leben nicht immer leicht. Dennoch ist er unglaublich empathisch, so gar nicht wie Sheldon. Das liebe ich besonders an ihm. Er hasst Gemüse (obwohl ich mir doch soo viel Mühe gegeben habe beim Brei kochen .. oder vielleicht gerade deshalb). Die Neigung, auf das eigene Recht zu bestehen, hat er wohl von mir. 
Der kleine Müller steht mit der Schule (noch) nicht so auf Kriegsfuß. Seine Art zu nerven, wenn er etwas möchte, fällt unter das Waffengesetz und trotzdem weiß er wie er mit Charme jeden Kriegsverbrecherprozess für sich entscheidet. Mal Diva und mal Don Juan ist er ein echter Charakterkopf.
 
Ich liebe beide, genauso wie ich sie damals liebte. Heute brauche ich aber nichts mehr, mit dem ich meine Mutterliebe definiere. Sie ist einfach da.
 
Kreativität ist überall - man muss sie nur sehen
Ein Abendessen vor dem Fernseher (und kein Tisch-Spruch inklusive Anfassritual), 
eine Polizei-Reality-Doku am Nachmittag (kein zweistündiges Kreativ-Knetmasse-Programm am Küchentisch), 
Mc Donalds nach dem Schwimmbad (keine CO2-freien Bio-Apfelschnitze), 
ein Sonntag im Schlafanzug (anstelle eines Familienspaziergangs) und eine High-End-Schaumstoff-Pfeil-Pistole vom Wunschzettel des Herzens (statt nachhaltige Holzbausteine)
– das alles gibt’s bei Müllers. Mal mehr mal weniger. Und alle sind GESUND und glücklich. Das ist was zählt.

All das macht ein Kind später nicht zum Kriminellen oder Schulabbrecher. Ich hab als Teenager jeden Nachmittag Talkshows gekuckt und mir selbst Fertignudeln gekocht während meine Eltern arbeiteten. Und hey, ich habe Familie, einen Studienabschluss, einen unbefristeten Arbeitsvertrag und keine Allergien. Außerdem bin ich nicht vorbestraft. Ich bin auch nicht bindungsunfähig weil ich genau wie die Müllerkinder schon früh fremdbetreut wurde. Ich bin seit über 15 Jahren mit Herrn Müller glücklich.

Ich möchte damit weder sagen, dass engagierte Mütter alle Fälle für den Psycho-Doktor sind, noch dass bestimmte Aufwachsbedingungen für eine gesunde Entwicklung keine Rolle spielen. Auch wir lesen vor, helfen bei den Hausaufgaben und kaufen nicht nur Weißbrot und Ketchup ein.

Weiterhin möchte ich MICH nicht als das mütterliche Non-Plus-Ultra verkaufen. Eingangs schrieb ich „ich war mal eine völlig bescheuerte Mutter!“ Ich bin mir nicht sicher, ob das heute nicht immernoch so ist. Wenn dann aber definitiv „anders bescheuert“.
Nur eins will ich damit sagen: Mütter, zieht euch endlich den Stock aus dem Arsch!

Mehr (hobby)psychologische Weisheiten nebst unterhaltsamer Alltagsabsurditäten (manchmal auch als Mutter) gibt's bei Frau Müller auf Facebook.