Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Freitag, 7. September 2018

Ich bin dann mal weg – Adieu FACEBOOK

 Am Anfang stand das Bloggen – am Ende auch

Es ist ein bisschen wie mit der Ernährung. Da gibt es Menschen, die sind uuuunglaublich diszipliniert. Permanent. Ihr Leben lang. Dadurch bleibt zumindest ein Teil dieser Leute gesund und in Form. Ein anderer Teil pfeift drauf, was er wann isst und den Körper juckt es nicht. Gesundheit und ein Körper, wie ihn sonst nur die Bildhauer der Antike hervorbrachten, sind sozusagen ein Geschenk. Ein bisschen wie diese Gutscheine, die man manchmal am Ausgang von Möbelhäusern oder diesen unmöglichen riesigen Supermärkten geschenkt bekommt. Man kriegt sie einfach in die Hand gedrückt und warum nicht nehmen, wenn sie schon mal da sind. Dann gibt’s noch alle anderen, die einfach essen und leben und dabei den Fokus beneidenswerterweise aufs Leben legen. Und es gibt mich, ich bin von allen ein bisschen. Nur der Gutscheintyp, der bin ich nicht. 

Mit dem Essen hab ich schon früher gehadert, aber 47 Kilo und ne Essstörung sind zum Glück Vergangenheit. Heute ist es eher so ein (un)gesunder Mix aus furchtbar furchtbar konsequent und ach leck mich doch. Aber immer dann, wenn auf das Leck mich doch ein Konsequent folgt, brauche ich eine Katharsis, ein Reset, einen Punkt Null.
 
Nun soll es aber nicht ums Essen und auch nicht um mein Bindegewebe, diesen miesen Verräter, gehen sondern um meine anstehende „sozial-mediale“ Entgiftung. Ich kann ohnehin unmöglich weiter übers Essen schreiben, ohne dass ich anfange, mich von innen selbst zu verdauen. Der Kühlschrank ist leer und es ist Freitagseinkaufsrentnerrushhour. Ich schaff das einfach nicht. Kann man aus einer Yuccapalme Salat zubereiten? Essig und Öl hätte ich noch da.

Schreiben wollte ich. Weil’s mir Spaß gemacht hat. Das tut es übrigens auch nach wie vor. Jetzt stellt euch vor, ihr schreibt einen Blogartikel und keiner liest ihn. Doof, ne? So geschehen vor knapp zwei Jahren. Kein Ding und ist ja letztlich auch logisch. Also wie Menschen erreichen, wenn nicht mit Social Media. Geile Sache eigentlich. Jenseits meines schreiberischen Geltungsbedürfnisses allerdings, hielt ich bis dahin nichts oder nur schlechtes von sozialen Medien. Aber Opfer müssen eben gebracht werden. 

So wie recht häufig in meinem Leben, fang ich also erstmal an, bevor ich mich informiere. Geduld gehört nicht zu meinen Stärken. Und eigentlich läuft dieses Facebook ja ganz gut, denkt sich zunächst Frau Müller, die nämlich neben wortreichen Blogartikeln, auch gerne mal den Instant-Alltagsgedanken-Murks direkt per Posting auf die Seite donnert. Just heute, an dem Tag, an dem ich Abschied davon nehmen will, bringt mich eine Kollegin mit der Aussage, dass sie ihren achtjährigen Sohn für eine Drei auch mal ausschimpft, so nah an die geistige Kotzgrenze, dass ich nur knapp der rettenden Entspannung an den Tasten des Smartphones (Scheiße, das Ding hat ja gar keine Tasten) widerstehen kann.

Dann ist da aber noch Susann. Also die private Müllerin. Die lernt nach und nach auch den Umgang mit der Zeitvernichtungsmaschine Facebook. Haha, ein lustiges Bildchen, schnell mal jemanden markiert, interessante Artikel, lustige Artikel , strittige Artikel, aha – beim X gibt’s heute Würstchen und Bierchen, aha, die Y hört sich gerade den Teufelsgeiger an. Und jenseits der sieben mal fünfzehn Zentimeter zieht das Leben vorbei.

Ich bin an einem Punkt, an dem mich weder die Verbindung von Frau Müller zu Facebook noch meine eigene damit noch glücklich macht. Nichtsdestotrotz tut es einem Teil meines Herzens auch leid. Lasst mich versuchen, zu erklären.

Die Susann in mir ist von weiten Teilen dieser Plattform schlicht und ergreifend nur noch angewidert. Ich müsste meine Filterblase schon in medizinischen Alkohol einlegen, um sie von allem zu reinigen, was mir auf die Nerven geht. Allen voran Menschen, danach Menschen und zum Schluss immer noch Menschen. Ich bewundere diejenigen von euch, die da Ruhe bewahren. Ich kann’s nicht. Ich bin ein Gefühlsgeysir. Und immer mal wieder wird man enttäuscht, von Leuten, die einem eigentlich zu wichtig sind, um sie weg zu ignorieren, und sei es nur, weil sie zeigen, wie sie wirklich ticken. 

Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass es einige durch Facebook entstandene Kontakte gibt, die mir ans Herz gewachsen sind. Allen voran, die Blogger hinter Vairvetzt, Bryke, Meine Drogenpolitik und Wasmansonichtsagendarf. Alle zusammen tolle Blogger – und tolle Menschen. Ich hoffe, ich habe niemand vergessen. Besonders Jule von Vairvetzt hat mir in den letzten zwei Jahren gelernt, dass man Menschen hassen und trotzdem aktiv was für gutes Karma tun kann. Yeah, ich habe einen ökologischen Fußabdruck. Und der wird immer besser.

Aber nicht nur den Kontakt zu diesen Leuten werde ich vermissen, die kleine feine Community mit einer Kommentarkultur, die ihresgleichen sucht, die in FrauMüllers Lehrerzimmer entstanden ist, wird mir ebenso fehlen. Dieser harte Kern, der einfach immer wieder konsequent dafür gesorgt hat, dass die Kommentare viel witziger, wertvoller, informativer oder lesenswerter waren, als mein ursprünglicher Post. Ich hoffe, ihr habt gemerkt, dass ihr mir wichtig gewesen seid. Ich habe versucht, nahezu jeden Kommentar zu würdigen, wenn nicht sogar zu beantworten. Danke euch.

Auch persönliches Feedback gab es, heimlicheQuattroehe-Verfechter, die aber lieber anonym bleiben wollten. Lehrer, die Kinder genauso wenig leiden können wie ich und Frauen, für die ich so eine Art Glutamat ihres sexuellen Gewürzschränkchens war. Ganz wunderbares Feedback. Allein die Tatsache, dass ich schreiben kann „Lehrer, die Kinder genauso wenig leiden können wie ich“ und dabei weiß, dass meine treuen Leser höchstens schmunzeln und nur ein paar besorgte Menschenrechtler aufs X drücken, macht mich glücklich.

Und dennoch stand zwischen mir und diesen Menschen immer Freund und Feind Facebook. Ich bin vermutlich zu sehr Idealist, wenn mich sowohl die Reichweitenregelung als auch zum Teil nicht nachvollziehbares Sperr- und Löschverhalten der Verantwortlichen unzufrieden macht. Das Ganze ist eine Maschine, an der du funktionieren musst, damit sie funktioniert. Dem mag ich mich nicht mehr unterwerfen. Am Ende werden Schreiber und Leser verarscht. Im echten Leben fände ich es ziemlich beschissen, wenn ich etwas abonniere, aber nur jede dritte oder vierte Lieferung bei mir ankommt. Und wenn es so ist wie gerade und das echte Leben zu schnell und zu voll ist, um auch noch im virtuellen Leben eine gute Figur abzugeben, dann fängt man quasi von vorn an, wenn die Muse zurück ist. Da hab ich keinen Bock mehr drauf. Nicht zu vergessen, die latente Angst vor irgendwelchen diffusen, willkürlichen Löschaktionen, weil man irgendwem irgendwie gerade nicht passt. Transparenz geht anders. Kein Bock. Ich kann mir nichts kaufen von alle dem. Aber mein Herz steckt drin. Und das ist mir wichtig.

Das Bloggen stand am Anfang und es steht am Ende. Jenseits von Facebook geht es hier bei Blogspot weiter. Auf der Festplatte jede Menge Angefangenes. Vom „Kinder-K.O.-Spray“ über Versicherungsexorzismus bis hin zu einer spektakulären Doppel-Vasektomie. Das muss raus. Dazu kommt die analoge To-Do-Liste in Form von ungezählten Post-its in der linken Ecke meiner Schreibtischplatte. Da geht’s um die verdammte Mitte, in der die Wahrheit liegt, die aber irgendwie immer mehr verschwindet. Um Kindergeburtstage zum Davonrennen und um die Geschichte, wie ich einmal mit Kind und Kegel für sechs Wochen bei der Schwiegermutter einzog und ÜBERLEBTE. Ich liebe den Blog. Oder das Blog? Mir wurscht. Das ist meine ganz eigene Katharsis. Wer mich lesen will, der findet mich hier. 

Nach einem DSGVO-Makeover bin ich mir im Augenblick meines Schaffens hier nicht sicher, was von der Möglichkeit, die Seite zu abonnieren noch übrig ist. Kuckt einfach mal. In der Webversion sollte es zu finden sein. Ich habe übrigens nur 2 – in Worten ZWEI – Abonnenten auf der Seite. Dagegen stehen über 850 auf Facebook. Ja, ich lehne mich gerade sehr weit aus dem Fenster.

Aber so weit nun auch wieder nicht. Ich möchte FrauMüller bei Facebook nicht löschen. Zwar würde ich sehr gerne mein Privatprofil löschen, das eine geht allerdings nicht ohne das andere. Einerseits ist die FrauMüller-Seite eine Art Mini-Blog. Viel zu viele Beiträge dort liegen mir fast genauso am Herzen wie die großen Brüder und Schwestern bei Blogspot. Andererseits hat die Müllerin hier eine Bühne, auf der sie, wenn der Staub beseitigt ist, die Menschen darüber informieren kann, dass sie es endlich geschafft hat, dieses Buch zu schreiben, von dem so viele immer reden. Die vielen kleinen, wütenden, verliebten, nachdenklichen und amüsierten Alltagsschnipsel werden wohl vorerst den Weg zu den anderen Post-its auf dem Schreibtisch finden. Und wenn sie Glück haben und Andreas sie nicht frisst oder Morticia sie durch die Wohnung jagt, während sie an ihrem Schwanz kleben, dann finden auch diese irgendwann irgendwie ihren Weg ins große Lehrerzimmer, fernab von fucking Facebook.

Ich freu mich jetzt aufs richtige Leben, auf geistiges anwesend sein. Ganz ohne Fakenews, Reichweite, Klickzahlen, Likes und Follower. Lest es oder lasst es. Ich bin da, wenn ihr mich sucht. Tief einatmen. Und los.

Staub müsste ich auch mal wieder wischen...




Mittwoch, 2. November 2016

Warum ich Facebook nicht mag und wir davon immer dümmer werden


Ich finde Facebook zum kotzen. Nein, ich hasse es. Es wimmelt von Menschen deren persönliches Tages-Highlight der Gang zur Mülltonne und der anschließende Post dazu ist.

Und dann die Anderen: täglich längere Laufstrecken, mehr Gewichte auf der Hantel, neue Medaillen der Kinder, Selfies beim Sightseeing an den stylischsten Orten dieser Welt. Ich hasse solche Menschen. Sie geben mir das Gefühl faul, arm, langweilig und erfolglos zu sein. 

Ich hasse Facebook. Ich hasse es wenn Herr Müller morgens nach dem Aufwachen bei geschlossenem Rollladen vor dem Fenster zu mir sagt: „Schatz, es hat geschneit!“ – er weiß es von Facebook. Verdammt, was bringt Menschen dazu morgens nach dem Aufwachen die Großwetterlage zu posten? 

Ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt, ich wollte nie Teil dieser ekelhaften Parallelgesellschaft werden, die ihren Selbstwert über Likes und die Anzahl ihrer virtuellen Freunde definiert. Diese Leute sitzen dann ganz real mit dir zusammen und beschäftigen sich mit ihren virtuellen Freunden. Wie wäre es denn wenn mal jemand in mein Face kuckt, ganz ohne Book? 

Eine Seuche ist das! Eine Epidemie die uns zuerst die Fähigkeit raubt Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und danach noch sämtliche Empathie und echte Interaktionsfähigkeit auffrisst. Selbstreflexion? Pah, was für Anfänger. Lass das doch die Facebook-Gemeinde übernehmen.

Und noch was nimmt uns Facebook: die Lust zu lesen. Alles nur Junk. Ein schnelles Video von onanierenden Schimpansen, bearbeitete Bilder von konkaven Häusern auf neongrünen Rasen in denen nie ein Mensch wohnen wird, dazwischen Werbung, Bilder von hässlichen Tieren oder Menschen mit einem „Fass dich an die eigene Nase“-Sprüchlein, dann der ganze Selbstdarstellungsmist von oben plus „Kenn ich nicht ist jetzt mit kenn ich nicht befreundet“ , „Nie gehört stellt dir eine Freundschaftsanfrage“ und „wer ist das eigentlich findet gut“. Und das unterhält die Menschen. Sie beschäftigen sich damit beim Warten auf etwas, um sich zu entspannen oder gar parallel zu real menschlicher Interaktion. 

Facebook real - real unkommunikativ. Oder weiß jetzt jemand wie es hinter dem Buch aussieht?
Eins hat all diese Convenience-Unterhaltung gemeinsam: man muss nicht viel lesen. Ein paar Icons, Emojis und die immer wiederkehrenden Bildchen von Betrunkenen, Dicken, Hässlichen oder Tierbabys massieren unsere Synapsen weich. Wenn dann das Text-Bild-Verhältnis mal umschlägt krampft es im Hirn. „Orr nee. Voll viel lesen" (für mehr Wörter reicht es nicht mehr) und weiter gescrollt. 

Ich dachte schon Hörbücher seien der Anfang vom Ende. Seitdem ich aber festgestellt habe dass meine Posts besonders gut ankommen wenn ich sie mit dem intonatorischen Sarkasmusschild vorlese, revidiere ich meine Meinung.

Soziale Netzwerke sind überall, sogar im Lehrerzimmer. Man wird aktenkundig belehrt, dass man in seinem so geschätzten Lehreramt auch im Privatleben darauf zu achten habe wie man sich öffentlich darstellt. Von da an hasse ich Facebook noch mehr. Vielleicht war dieser dienstliche Belehrungsakt aber auch so eine Art Stein des Anstoßes. Ein Weckruf an das trotzige Kind in mir? Klar, ich bin bekloppt. Aber so bekloppt nun auch nicht wieder. Kinder müssen ernährt, Autos getankt und Kredite abbezahlt werden. Ich kann die Hand ja nicht beißen die mich füttert (sagt man doch so oder?).  Ich nicht – aber Frau Müller kann (klingt irgendwie schizophren).

Meine Freundin Sarah hasst Facebook genauso wie ich. Als ich ihr von Frau Müllers Plänen erzählte, Teil der von uns so geächteten Cyber-Community zu werden war das für sie der einzige Grund dem „Druck von außen“ endlich nachzugeben. Ich betrachte es als großen Liebesbeweis und Ausdruck tiefster Verehrung dessen was ich hier tue, dass sie diesen schweren Weg mit mir gemeinsam geht.
 
Ich muss mich beugen, mir eingestehen dass auch ich MANCHMAL mit der Herde gehen muss, auch wenn man da bekanntlich meist nur Ärsche sieht. Ich war damals auch überzeugt das Internet eine Eintagsfliege ist aber unbelehrbar bin ich nicht. 

Der mittelalterliche Ausrufer hat längst ausgedient. Bei den Benzinpreisen ist ein Touren von Ort zu Ort um auf dem Marktplatz stehend seine Gedanken ins Volk zu tragen auch zu kostspielig, vor allem bei Lehrergehalt. Dort auch noch mit den Megaphonen von AfD und Pegida zu konkurrieren stelle ich mir deutlich anstrengender vor als belanglose Auswürfe auf der Basis von Sozial-Exhibitionismus aus meiner Timeline zu löschen (hoffentlich heißt das so). 

Nicht falsch verstehen, es ist nicht der Exhibitionismus. Daran ist überhaupt nichts schlecht. Es ist die Belanglosigkeit. Wobei das wiederum etwas sehr subjektives ist. Wenn im Leben sonst nichts passiert dann ist das Mittagessen bei McDonalds schon mal ein Highlight und damit wertvoll genug per Schnappschuss mit der ganzen Welt geteilt zu werden. 

Teilen von subjektiv aufgewerteten Belanglosigkeiten. Facebook in fünf Worten. Das verstehen ALLE User. Da mach ich auch mal mit, ich hab das Gefühl das wird zum Trend. 

In der Lehrerzimmer-Außenstelle mach ich mich fast täglich zur Hure des Freiers namens "Social Media".