Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Mittwoch, 29. August 2018

Nachbarn, nackte Schafe und Naturschönheiten ODER Misanthropen beim Lasertag


Wenn ich am Sonntagvormittag aus meinem Küchenfenster schaue und sehe, wie sich die Nachbarn generationsübergreifend zum lockeren Wochenrückblick mit Boulevardnewssparte am Gartenzaun versammeln und die Sterbeanzeigen der Lokalzeitung kommentieren, widert mich das an. Ich kann noch nicht mal genau sagen warum. Vielleicht weil ich Dreiviertel der Beteiligten (Kinder eingeschlossen) einfach nicht leiden kann. Das ist nichts persönliches, ich kann den Großteil der Menschheit nicht leiden. Da ist Dreiviertel schon optimistisch formuliert und zeugt von einem ausgeglichenen Seelenzustand meinerseits in dem Moment, in dem ich diese Worte niederschreibe. Schnell veröffentlichen. Morgen kann das schon ganz anders aussehen. 

Aber ich meine, den Typen mit der Rotzbremse, der in typischer Dreiecksbadehose mit seinen Kindern auf der Straße Federball spielt, kann man einfach nur ablehnen. Und das Aas, welches extra die Hecke unterhalb seiner eigenen Augenhöhe beschneidet um meine Einkäufe im Kofferraum stalken zu können, verdient meine Akzeptanz ebenfalls nicht. Aber hey, ich hasse tatsächlich nicht alle meine Nachbarn. Die alte Fraumit den zerzausten Haaren, die früher mal Lehrerin war und sich heute zum Brötchen holen nur ne Jacke mit Sofamuster übers Frotteenachthemd wirft, ist mir sehr sympathisch. Lediglich die Tatsache, dass sie mit ihrem knapp dreißig Jahre alten Opel Corsa ausgerechnet zur Kirche fährt, nachdem sie mit viertausend Umdrehungen raketengleich rückwärts aus ihrer Einfahrt geschossen ist, verleitet mir ihren Vorbildcharakter etwas. Die Kirche, nicht das Auto.

Beim idyllischen Familienspaziergang (dafür müssen die Parameter Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Tageszeit und Verkehrsaufkommen in einem sehr sensiblen Gleichgewicht aufeinander abgestimmt sein), meide ich bestimmte Wege und Straßen, um nicht auf Bekanntschaften zu treffen, von denen ich erwarte, zum pseudofreundlichen Endlos-Smalltalk genötigt zu werden. Die Frau mit den dauergeröteten Bäckchen drei Straßen weiter hat es sogar drauf, mit dem Auto neben mir anzuhalten und bei heruntergelassener Scheibe ein Gespräch zu inszenieren in dem sie mir, unter dem Wissen dass ich die Lehrerin der Parallelklasse ihres Sohnes bin, Informationen jenseits meiner Schweigepflicht zu entlocken versucht. Fällt dieses Verhalten schon unter Stalking? Kann man das anzeigen? Irgendwann springe ich vermutlich in den Straßengraben, wenn ich das KfZ dieser distanzgeminderten Person herannahen sehe. Oder ich zieh‘ einfach um.

Diese Frau steht nur beispielhaft für eine ganze Reihe von Menschen, die mich von ihren Unkrauteimern aufblickend und gummibehandschut mit einem freundlichen Lächeln grüßen während ich froh bin, dass man hinter meiner Sonnenbrille das Augenrollen nicht sieht.

Mir drängt sich eine Frage auf: Ist mein Denken und Verhalten pathologisch? Und wenn ja, macht mich das zu einem schlechten Menschen? Oder bin ich vielleicht einfach wählerisch, was die Menschen angeht, denen ich meine Beachtung und Achtung schenke. Womöglich ist es eine Art Unverträglichkeit. Ähnlich wie bei Lactose oder Gluten?

Ich glaube, ich bin schon von Berufswegen täglich in so hohem Maße sozial, dass ich mir im Privatleben ohne schlechtes Gewissen eine gute Portion Misanthropie leisten kann. Das ist ein bisschen so wie sozio-emotionales Yoga. In den Asanas, also den Yogaübungen, versuche ich die Situation so gut es geht zu meistern, ich achte auf richtige Atmung, meine Haltung und die richtige Stellung der Gelenke. In meiner Arbeit tue ich das gleiche. Ich bin professionell (meistens), nehme Probleme ernst und bin Ansprechpartner für Kinder und Eltern. Weil es anstrengend ist, so professionell zu sein – beim Yoga ebenso wie in der Schule – verdient man sich eben Entspannung. Entweder in Form von Phantasiereisen durch die Körperzonen unter Begleitung von Klangschalen oder eben als ausgelebte Misanthropie. Ich gehöre sicher nicht zu den Menschen, die mit ihrem Freundeskreis den Jupiter bevölkern könnten und flüchtige Bekanntschaften, die nicht den intrinsischen Wunsch hegen, mich näher kennen zu lernen, neigen dazu mich zuweilen als arrogant einzuschätzen.

Es sprechen aber durchaus auch Argumente für meine erhöhte Sozialkompatibilität. So war ich vor einiger Zeit zum Beispiel zum Junggesellinnenabschied einer sehr langjährigen und sehr wichtigen Freundin eingeladen, die mir vorher extra noch gestand, dass ich eine der Personen sei, auf die sie bei diesem Unternehmen am wenigsten verzichten möchte. Warum kann ich mir jetzt auch nicht so gut erklären. Ich bin ja gerne mal die Frau fürs Grobe beziehungsweise Übernehme die Aufgabe des Auslotens der schmalen Grenzen zwischen fürchterlich lustig und unsagbar peinlich. Früher nannte man das glaube ich Klassenclown. Aber ob es jetzt wirklich daran lag?
Na klar nehme ich mir die Zeit für so etwas, ich bin ja sozusagen selbsternannte Junggesellenabschiedologin, beschäftige mich im Nebenfach mit dieser Art der kontroversen Freizeitgestaltung häufiger und verblogge das auch gerne mal. Und so fand ich mich ein halbes Jahr später in einer Gruppe Frauen wieder, welche allesamt Look „Ewige Studentin – ein Akademiker kennt keine Stylingzwänge“ einigte. Man stelle sich eine Schafherde vor, alle Schafe naturbelassen und ungeschoren. Nur eines steht „nackt“ dazwischen.

Nichts ist wie es scheint
Wir verbrachten bei aller Verschiedenheit einen durchaus kurzweiligen Tag in der Großstadt, auch wenn die Organisatorinnen noch viel über die Ausgestaltung eineserfolgreichen JGAs lernen sollten. Man erkennt nämlich die erfahrungslose Ersttäterin daran, dass sie vermutlich gegoogelte typisch „junggesellenabschiedische“ Freizeitaktivitäten auf die Tagesordnung setzt, bei der sie die Eignung der Teilnehmerinnen unberücksichtigt lässt.
Nicht zu vergessen der Fauxpas mit dem Alkohol. Ich habe das an anderer Stelle schon erwähnt: nur bei den Wenigsten steckt hinter der Aussage „Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben“ ein Fünkchen Wahrheit. Die meisten Spaßbremsen, die das behaupten, trauen sich noch nicht mal nüchtern im Auto zu singen weil sie Angst haben, jemand beobachtet sie im Rückspiegel. Vier Piccoloflaschen Sekt für acht Frauen sind zu wenig! Das trinke ich zum Warm-up auf dem Weg zur Straßenbahn. Kennt ihr den Ausdruck "Nur im Suff zu ertragen"? Er wurde erfunden, um Junggesellenabschiede in fünf Wörtern zu beschreiben.
Die nüchternen Akademikerinnen finden sich wieder beim Lasertag. Vorweg eine Preisfrage: Welche Personengruppe bildet an samstäglichen Nachmittagen im Sommer in der Großstadt wohl das Hauptklientel einer Lasertag-Anlage? Richtig! Der Kandidat hat 1 Million Punkte und gewinnt die Collectors Edition Wunderbäume und ein Originalpaar Filzpantoffeln handmade im Chemnitzer Umland. Es sind betrunkene Männergruppen.

Sozialkompatibilität hat auch bei den ehemaligen Pädagogikstudentinnen ihre Grenzen und die Vorstellung mit diesen betrunken „Wilden“ in einen dunklen Kellerraum bei Schwarzlicht gesperrt zu sein, erregt einiges an Besorgnis bei meinen Begleiterinnen, nein, es versetzt sie geradezu in eine Art Schockstarre, die nur durch intensives Diskutieren zu lösen ist.
Nachdem auch die Letzte verstanden hat, dass Lasertag nichts mit Besenreißern oder Sehfehlern zu tun hat und man pazifistisches Gedankengut hier eher schlecht unter die Leute bringt, folgt eine Grundsatzdiskussion, deren Länge in keinem Verhältnis zur eigentliche Spielzeit steht. Die Braut erhebt ein Machtwort – „man könnte es doch einfach mal probieren, denn schließlich ist man schon mal hier“ – und beweist damit, dass jede noch so wortreiche Diskussion mit nur wenigen richtigen Worten entschieden werden kann. Der hoch motivierte und durchaus sympathische Betreiber (Ja, ich fand ihn sympathisch!) weckt mit den Worten „Los, Mädels – macht die Jungs platt!“ die Amazonen mit Killerinstinkt in den Pippi Langstrumpfs: Feministinnen aller Lager vereinigt euch gegen den Chauvinismus in Biermarinade.
Das erste Spiel zur Orientierung noch verloren, sind wir durchaus angefixt nach 20 Minuten Jagd auf Männer, von denen viele schon bei der Wahl des Hauptschulbildungsganges unseren weiblichen Respekt verwirkt hatten. Spiel 2 gewinnen wir in der Unterzahl gegen eine Gruppe „männlicher Kampfmaschinen“, die mangelnde Orientierung und Koordinationsfähigkeit in der Dunkelheit durch brutales Umrennen der Leichtbauwände kompensierten. Da halfen ihnen auch plumpe Betrugsversuche nichts.
Als Killerinnen hatten meine skeptischen Mitstreiterinnen binnen kürzester Zeit Taktik entwickelt. Als Siegerin in der Gesamtwertung entpuppte sich allerdings meine Taktik „Schießen auf alles, was sich bewegt“ als die erfolgreichste. Am Schluss wird deutlich: Berufspädagoginnen und Trägerinnen akademischer Titel rücken bei einer Treibjagd auf Männern die Gewehrläufe eng zusammen.
Ich muss wirklich zugeben, ich hatte auf diese Art der Freizeitgestaltung wirklich keine Lust, vielmehr hätte ich mir etwas ladyhafteres gewünscht. Poledance beispielsweise, wobei ich mir meine wuschlig-wollige Schafherde dabei auch ungerne vorstellen möchte. Wahrscheinlich hätte der artistische Stangentanz mit exotischen Elementen zu ähnlichen Grundsatzdiskussionen im Vorfeld geführt wie der Lasertag-Plan. Aber auch Frau Müller irrt sich mal und muss sich revidieren. Mädels, das macht echt Spaß! Vergesst nur Sagrotan, Wechselklamotten und Duschsachen nicht! Ich mag meine Laserpistole nicht gerne, wenn überall an ihr Schweiß und Sabber von fremden Männern klebt. Ich bin eine Lady!
Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage. Bin ich sozial nicht kompatibel? Ist meine Abneigung einer Vielzahl von Menschen gegenüber gar pathologisch? Weil es so aufschlussreich ist: bleiben wir beim kollektiven Brautverramschen. Bei einem anderen JGA, welchem ich beiwohnte, war ein Viertel der Beteiligten schwanger. Schwangere sind auch nicht meine bevorzugte Peergroup, aber auch hier kam es zu keinerlei ernsthaften inneren oder äußeren Spannungen, die sich auf mangelhafte Kompatibilität meinerseits zurückführen ließen.
Ich empfinde den Wechsel aus Schwangeren, Ökofrauen, missratenen Kinder sowie deren Eltern und meiner Hand voller sehr guter Freunde  - die berühmte exklusive Sammlung ausgewählter Irrer, die Facebook so oft lobpreist -  als Kneippkur für mein Seelenwohl. Ich denke es ist wichtige Psychohygiene, wenn ich mich selbst vor Konversation und sozialen Interaktionen schütze, die weder meinen Geist noch mein Herz bereichern.
Eine Flora gedeiht besonders gut, wenn das Gleichgewicht zwischen den guten und schlechten Bakterien ausgeglichen ist. Das wissen wir schon aus den Antworten von Dr.Sommer, die es auf weniger reißerische Fragen gab. Ja, ich habe immer die ganze Doppelseite gelesen. Ich sorge für den Ausgleich wenn ich sonntags Umwege im Dorf gehe und auch bei bedecktem Himmel Sonnenbrille trage, mich dafür aber auch mal mit studierten Naturschönheiten in einen finsteren Keller sperren lasse und auf Spruchshirts mit Bier- und Senfflecken schieße. 
auf FACEBOOK und macht
werdet Teil des Menschenhass-
Shavasana... Oooohmmm. 

Sonntag, 26. Februar 2017

Fasching oder nicht: Verkleidet euch! (Die Welt bleibt auch ernst wenn ihr Mickey Mäuse seid)



Es ist Unterstufen-Konferenz. Themen für Projekttage werden entschieden, Ausflüge geplant, die Höhepunkte des Schuljahres besprochen. Bei einem Programmpunkt wird es plötzlich unruhig. Beim Blick auf den Kalender, in dem längst alle Ferienzeiten eingetragen sind, fällt es manchen Kollegen wie Schuppen aus den Haaren: FASCHING fällt in diesem Jahr auf einen Schultag. 
Sie beunruhigen jedoch nicht die schulorganisatorischen Hürden wie zum Beispiel veränderter Stundenplan, Pfannkuchen-Beschaffung, Beschäftigungsmöglichkeiten und allgemein Kinder „aus dem Häuschen“.
 
Nein, es ist vor allem das unausgesprochene Gesetzt: zumindest Unterstufen-Lehrer erscheinen kostümiert. Für mich keine große Herausforderung. Ich brauch nicht lange überlegen. Ein Griff in den Kleiderschrank, dazu Mäuseohren sowie Schnurrhaare und ich gebe eine perfekte Minnie-Maus ab. Den Kinder wird’s gefallen, auch die freuen sich schon wie irre und erzählen seit acht Wochen von zehn bis zwölf verschiedenen Kostümwünschen, die sie in die engere Auswahl ziehen. Mal als Prinzessin, Polizist oder Indianer in die Schule: dieses Privileg hat man sonst nur, wenn man Teil der aufführenden Elite zum Schulanfangsprogramm ist.

Ich werde mich an dem Tag nicht unwohler fühlen als sonst. Für den Großteil meiner lieben Kollegen bedeutet Kostümpflicht allerdings Verletzung ihrer „Menschenrechte“. Aber warum ist das so? Warum lieben wir es entweder uns zu verkleiden oder wir hassen es? 


Vorweg: meine Liebe zum Fasching erstreckt auf die Notwenigkeit von Kostümen und das Abhalten von Tanzveranstaltungen, deren einziger Sinn es ist Spaß zu haben. Ich bin kein Fan von  traditionellen Sachen, wie dieses ganze Bütten-Zeugs oder Karnevalsumzüge, für mich persönlich der reinste Horror – vor allem wenn es mir im Fernsehen begegnet. Allenfalls für die Heiratsbüros kann ich mich noch begeistern. Aber wie es kürzlich schon mal hieß: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. 

 Ich bin auch zu bequem zu recherchieren, wo der Unterschied zwischen Fasching, Fasnacht und Karneval liegt, was wo hin gehört und überhaupt. Primär soll es auch nicht um die sogenannte „Fünfte Jahreszeit“ gehen. Es geht viel mehr ums verkleiden. Darum warum ich es so gerne tue und darum warum auch IHR es mal probieren solltet.

Ich würde mal behaupten, ich verkleide mich schon immer gerne. Als Kind gab ich Teufelchen, Prinzessin, Squaw, Biene und Rotkäppchen. Frau Müller Senior war virtuos an der Nähmaschine. Im Jugendalter wurde Fasching uncool, dafür war die LoveParade willkommener Anlass sich mal ganz und gar alltagsUNtauglich in Schale zu werfen. Im selbst genähten roten Pailetten-Outfit (die gleiche Nähmaschine, die auch schon das Teufelchen ans Licht der Welt holte)  tanzte ich gleich mehrere Jahre um die Siegessäule. 

Rund 20 Jahre und zwei Kinder her :-o

Später waren die ersten Mottopartys Grund zur kreativen Verkleidung. Im FakeFur-Mantel und gelb-schwarzem Hahnentritt-Kostüm gab ich unter den Serienstars eine super Nanny Fine ab. Die Golden Girls konnte allerdings selbst ich nicht toppen. Auch nicht den Mut der beiden Mädels in Stützstrümpfen, Lockenperücke, Strickjacke, Pantoffeln und Uralt-Brille tanken zu gehen. Zur Ossi-Party im Popgymnastik-Outfit mit pinken Stulpen zu Leggings und Einteiler? Jederzeit wieder.
Aus einer Zeit in den man noch einen Film in die Kamera legen musste
Als Mama verlor ich den Spaß an so etwas zunächst aus den Augen. Vielleicht war ich zu ernsthaft dafür. Ich war in der ersten Zeit als Jung-Mama nicht immer ich selbst. Einen kleinen Einblick was genau ich damit meine gibt es in diesem Blogartikel, einen größeren später auf dem Blog. Natürlich waren die beiden kleinen Müllers immer perfekt ausgestattet zum Fasching. Ich selbst verlor hinter meinem Erziehungs-, Bildungs- und Intensivförderauftrag so einiges aus dem Auge was MICH ausmacht. Und logisch ist es mit Kleinkind in einer Stadt fern der Heimat organisatorisch auch nicht die leichteste Übung sich Freiräume für eine Faschingsparty zu schaffen... 

Ich war inzwischen als Mama schon viel entspannter als wir vor knapp drei Jahren Sarah und Marco kennenlernten. Vor allem für Sarah und ihre Freundin Mandy ist Fasching und das damit verbundene Verkleiden schon seit ihrer Jugend ein Highlight im Jahreslauf. Marco stieß dazu und wurde sofort vom Virus infiziert. Mandy verfügt über einen beachtlichen Fundus und ist so etwas wie die letzte Kostümierungsinstanz. Das ganze Jahr über ist sie im Rahmen ihrer Shoppingsucht unterwegs um für uns brauchbare Accessoires mit roten oder orangefarbenen Etiketten zu erstöbern.  Ich war anfangs zögerlich, ließ mich von den beiden aber schnell überzeugen. Seitdem beginnt die Kostümplanung etwa im Herbst. Gruppenoutfits sind bevorzugt.  Vorschläge werden erörtert, Themen der Veranstalter mit einbezogen, die Google-Bildersuche läuft heiß.

Superhelden BACKSTAGE...
... und im Einsatz
Alles begann mit drei Sailor-Kriegerinnen und selbst gebastelten Mondstäben. Später waren wir Superheldinnen und Helden, seitdem liebe ich Wonderwoman. Meiner Liebe zu Leoprint konnte ich in der Faschingsmanege ungehemmt freien Lauf lassen und als Raubkätzchen Dompteurin Sarah das andere Ende der Leine überlassen.
Führt übermäßiger Alkoholgenuss bei Katzen zu Riesenwuchs oder bei Menschen zu einer verzerrten Größenwahrnehmung? (Hinweis für Tierschützer: der Katze geht es ausgezeichnet)
In diesem Jahr sind die 90er als Faschingsthema mega angesagt. So ein schönes Jahrzehnt. Ich bin froh meine Jugend in dieser Zeit erlebt zu haben und die LoveParade-Outifts nicht nur aus den Google-Suchergebnissen zum Begriff „90er Kostüm“ zu kennen. Zum Glück habe ich meine rotglitzernde „Raver-Uniform“ von damals nicht gefunden. So waren wir die einzigen American Gladiators unter jeder Menge Techno-Fans.
    
Wir feilen lange an den Kostümen, nicht selten entstehen richtige Einzelstücke. Requisitenbau gehört auch dazu. Was ist schließlich ein Gladiator ohne seinen gigantischen Q-Tip? 
Warum tut man das? Warum investiert man Zeit und Geld? Einfach weil es Spaß macht. 
Es geht nicht um den Wurstkorb oder einen gewonnenen Blumenstrauß. Es geht nur um den Spaß. Um die Freude am gemeinsamen Ergebnis und daran mit der Gruppe und sich selbst eine Veranstaltung zu bereichern bei der (fast) alle das gleiche Ziel haben: Spaß. Und sonst nichts. Keinen tieferen Sinn, keine Botschaft, kein Denken, keine Meinungen - nichts von alle dem was im Alltag von uns erwartet wird und was manchmal so anstrengend sein kann. 

Klar geht’s auch ums trinken und ums flirten und weiß der Geier. Aber schaut man sich einmal um wird man feststellen, dass sich der Großteil dafür, dass es ihm nur um den Alkoholrausch geht, ziemlich viele Gedanken um sein Outfit zum Sinnlos-Betrinken gemacht hat.

Uns reicht die zeitlich begrenzte Faschings-Saison längst nicht mehr aus. Wir ergänzen mit selbst organisierten Mottopartys im privaten Umfeld. Wenns sein muss auch gerne mal politisch unkorrekt. Herr Müller im Leoparden-Bademantel als mein Zuhälter oder im Kurzarmhemd mit Krawatte und Trekkingrucksack als Mormone. Uns fällt immer wieder was ein. Sarah und Marco sowie eine Hand voll ausgewählter Bekloppter geben sich die Ehre.

Authentische Requisiten sind ALLES. Und Humor immer noch "dehnbar"...
Für Bad-Taste-Mottos brauche ich im Kleiderschrank nie lange suchen...
Aber warum polarisieren Verkleidungen so? In einer Facebook-Community habe ich erst heute eine Umfrage zum Thema entdeckt. Sicher, es ging um Fasching im Großen und Ganzen. Und wie oben schon erwähnt habe da auch ich meine Grenzen was das ganze Drumherum angeht. Aber so what. Jeder wie er mag. 
Was allerdings (nicht nur mir) auffällt: Während die Faschings-Fans mehr der „Leben und Leben lassen“-Argumentation folgen, argumentieren häufig sehr ernst bis sogar aggressiv. 
Es gehe nur ums „Saufen“, „Auf Kommando lustig sein“, „sich zum Deppen machen“ und eigentlich ist "der ganze Scheiß jenseits der Pubertät überflüssig“.

Ist das Gegenteil von überflüssig „NÜTZLICH“? Und wenn ja: Muss denn immer alles nützlich sein? Ich bin (und ich denke da spreche ich für die Mehrheit der Faschings- und Verkleidungsfreunde) kein realitätsferner Depp.

Auch ich war geschockt als Trump Präsident der USA wurde und mache mir so meine Gedanken was weltpolitisch auf uns zukommt, ich wurde im letzten Jahr mit Krankheit und Leid mir sehr nahe stehender Personen konfrontiert, ich habe eine Baufinanzierung unterschrieben, Geld und Hilfsgüter gespendet und achte darauf immer pünktlich zur Arbeit zu erscheinen aber WARUM ZUR HÖLLE WARUM muss man denn immer erwachsen, ernst, seriös und nützlich sein? Ist es angesichts der angespannten politischen Lage, dem Klimawandel und täglicher Flüchtlingsdiskussionen unangebracht mal nur „lustig“ zu sein? Sind die womöglich die Menschen, die Faschingsfans in die "Versoffene-Deppen-Schublade" stecken die gleichen, die sieben Tage die Woche arbeiten und sich nur darüber beklagen wie stressig ihr Leben und scheiße die Welt doch ist? 

Leute, atmet mal durch die Hose und macht was verrücktes. Stellt zur Frühstückspause doch mal einen Karton mit Perücken zwischen die Tupperdosen auf den Tisch eures mausgrau gestrichenen Aufenthaltsraums. Es können nur zwei schreckliche Dinge passieren: euer angespannter Kiefer lockert sich mal wieder (die Fissuren eurer Backenzähne danken es euch) UND eure Kollegen werden zu Menschen...

Mut zur Hässlichkeit. Neues Profilbild von Frau Müller mit Minipli und Oliba?
Anlässe gibt es immer - und wenn es ein Junggesellenabschied ohne Braut ist.
  
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