Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Donnerstag, 18. Oktober 2018

Gladiatorenkämpfe, Sturzflüge und Gulaschpotpourri - Menschenhass über den Wolken


„Nächstes Mal buch‘ dir einen Plussize-Sitz, du Missgeburt in Überlänge – das kostet nur vier Euro mehr. Oder fliege nicht in meinem Flugzeug!“ höre ich mich im Geiste meinem Hintermann entgegenschmettern, während sich das Knie des Dreimetermannes mit Holzbein seit einer Stunde mit konstantem Druck genau in die Stelle diagonal zwischen meiner linken Niere und dem Kreuzbein bohrt. Ein innereuropäischer Flug der Discounterkategorie wirkt wie LSD auf Misanthropensinne.

Die ersten Fünkchen im Flächenbrand des Menschenhasses stieben bereits auf, als die unfreundliche Frau mit dem bajuwarischen Akzent hinter der Theke mit den belegten Backwaren mehrfach „Werte Kunden, bitte stellen sie sich in einer Schlange von rechts an“ wiehrt, während ich die Vielfalt der Auslage studiere und zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht entschieden habe, ob ich überhaupt Kundin von dieser bellenden Gans mit Fönwelle sein möchte. Nein, möchte ich nicht. Nach dem vierte „Werte Kunden“ habe ich beschlossen, auf das Frühstück zu verzichten. Gefühlsintern die richtige Entscheidung, um der Brötchenziege hinter dem Niesschutz gegenüber nicht handgreiflich zu werden. Gefühlsextern ein Risiko für all meine mir persönlich bekannten Mitreisenden. Sarah erkennt das und erwirbt mir ein Weizenmehlcroissant, vermutlich selbst unter der größten Anstrengung ihren für gewöhnlich tödlichen Laserblick als Teil der RestingBitchFace-Grundaustattung von „Todbringend“ auf deeskalierendes „Zutiefst verachtend“ herunter zu regulieren.

Die Auswirkungen des Weizenmehls auf meine Darmtätigkeit kämpfen nun mit dem Knie des misswüchsigen Riesen hinter mir einen ziemlich hässlichen Gladiatorenkampf, bei dem zwischen den Kontrahenten nur 2 ¾ Lagen billiges Kunstleder, ein paar Gramm Ladyhüftspeck und einhorngleiche Knochenmasse liegen. Sein Übriges steuert der Kleine Müller bei, der mir in regelmäßigen Abständen schlaftrunken seinen Ellbogen in die Flanke bohrt.
Während ich also das Knie angestrengt wegignoriere indem ich mir das Mantra meiner Yogalehrerin „Liebe den Schmerz“ in die Synapsen zwinge, damit ich mir nicht fortwährend neue Flüche gegen den Stelzenmann ausdenken muss, gießt der Rest der Menschen in der Kabine kontinuierlich Öl in den misanthropischen Großbrand.


Handgepäck. Ein Kapitel für sich. Handgepäck. Was inDreiteufelsnamen kann außer Buch, Telefon, Geldbörse, Penisstrohhalm und 1,5kg Handtaschensedimente am Boden der Tasche in zweieinhalb Stunden über den Wolken so wichtig sein, dass man es in einen Trolley packen muss, mit dem man dann allen gegens Knie fährt, bis man seinen Sitz in der hintersten Reihe erreicht hat? Und noch viel wichtiger die Frage: Warum packt man diese Scheißteile oben in die Fächer für das leichte Gepäck, nur um sie dann noch bevor das fucking Flugzeug seine Reiseflughöhe erreicht hat, wieder raus zu zerren? „Das Anschnallsymbol gilt auch für dich, du Pisser!“ schreit es wieder aus meinen Gedanken. Ich glaube, mittlerweile zuckt mein linkes Auge nervös. Pauschalreisen. Der Cruciatusfluch für Eigenbrötler. 

„…Und wenn ein Gedanke kommt, lass ihn einfach vorbei ziehen… rechts einatmen … verschließen… links ausatmen…“ höre ich die Stimme meiner Yogalehrerin aus dem Off.

Die Mehrzahl der Menschen wird, je länger man sie beobachtet, nur umso verabscheuungswürdiger. Warteschlangen zum Beispiel sind prädestiniert für solche Studien im Zeichen der Abneigung. Wie sie sich für das Gefühl, wenigstens einmal im Leben ganz vorne mit dabei zu sein, auf jedes Leben stürzen, das sich morgens gegen fünf hinter einem verwaisten Boardingschalter regt. Wie die Geier aufs Aas.

Die Flugbeleiterin rollt mit dem Fressalienwägelchen vorbei. Essen und Getränke gibt es, genau wie Beinfreiheit, bei ALDIfly nur gegen 24 Stunden vorher online zu entrichtendes Entgelt. Für die Kurzentschlossenen gibt’s Muffins mit dem Feuchtigkeitsgehalt einer Dose Babypuder zum Preis eines Fertigteilhauses. Ich verstehe Menschen nicht, die morgens halb sieben auf einem innereuropäischen Flug unbedingt eine warme Mahlzeit brauchen, die noch dazu weder schmeckt noch einen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Müllvermeidung leistet. Diabetiker natürlich ausgeschlossen. Sind wir doch mal ehrlich. 98,9% der Menschen in diesem Flieger werden die nächsten 7 bis 14 Tage zwischen Strandliege, Buffet und Poolbar verbringen. ALDIfly könnte stattdessen gratis Brotdosen , von mir aus in Trolleyform, an alle Fluggäste verteilen, in denen sich dann jeder für den nächsten Flug selbst geschmierte Stullen belegt mit Mett und Radieschen plus mundgerecht geschnippelte Kohlrabischnitze für’s kollektive Geschmacks-, Lausch- und Duftvergnügen, verpacken und im Handgepäck mitführen könnte. Das bindet gleichzeitig auch den Fluggast ans Unternehmen. Ja, Business kann ich auch. 

Vermutlich würde diese olfaktorische Sinfonie aus 250 Brotdosen auch genauso widerlich duften, wie das Bouquet aus Rindergulasch und Kichererbsen-Masala, welches sich gerade eben in der Kabine ausbreitet während hinter den Fenstern die Morgensonne freundlich strahlt. Lasst euch euer Umami-Frühstück schmecken, ihr Unmenschen.

Jetzt kommt die Halstuchfrau mit dem Müllwägelchen vorbei. Warum wasche ich mir eigentlich meine Haare mit unverpackten Seifenstücken, während diese Verpackungsfaschisten jeden Scheißkeks zum Kaffee extra in Folie wickeln?
Gerade hab ich gesehen, dass der Typ rechts vor mir ne Brotbüchse auf seinem Klapptischchen liegen hat. Sympathischer Typ. Den Pluspunkt bekommt er, wenn auch auf wackligen Füßen, da auf dem Schoß seiner Freundin neben ihm ein gefährlich kleines Kind sitzt. Die kleine Kröte schläft. Er darf seinen Sympathiebonus vorerst behalten.

Fünf Minuten später quäkt der Hosenscheißer. Scheiß auf die Brotbüchse. Alles Idioten hier. Und überhaupt. Was sind das eigentlich für Menschen, die ständig durch das Flugzeug latschen müssen. Vier Mal aufs Klo in zwei Stunden oder was? Wie wäre denn zur Abwechslung mal ein Wanderurlaub in der sächsischen Schweiz? Da lacht sogar die Venenpumpe.

Wir haben es inzwischen fast geschafft. Jetzt nur noch die Landeklatscher. Versteht mich nicht falsch, ich habe weder viel Vertrauen in Technik noch in Personen und gehe auch nicht davon aus, dass jeder meiner Mitmenschen seine Gefühlsausbrüche ebenso gut unterdrücken kann, wie ich. Aber der Pilot macht seinen Job. Okay, es ist für uns alle wichtig, dass er ihn gut macht. Aber sollte man das nicht von Jedem bezüglich der Ausübung seines Broterwerbs erwarten dürfen? Ich meine, mir applaudiert auch keiner, wenn täglich alle meine Schüler am Mittag das Klassenzimmer lebend und ohne offensichtlich bleibende Schäden verlassen. Ich habe auch Helmut und Lieselotte noch nie wie wild klatschen sehen, kurz bevor sie Herrmannplatz/Ecke Brechtstraße die Tram verlassen. Keiner feiert die Wurstfachverkäuferin fürs grammgenaue Mortadellaabwiegen und niemand springt aus dem Jackett, wenn er sein KfZ mit frisch montierten Winterreifen aus der Werkstatt abholt. Das könnte man noch ein Weilchen so fortführen. Und wo bitte bleibt eigentlich der Applaus für jede gewechselte Windel und all die gefütterten Senioren im Altersheim? Für 15 schlafende Terroristen in Spiderman-Schlafanzügen zur Mittagszeit im Kindergarten?

Mit den letzten Klatschern klicken im noch rollenden Flugzeug auch schon die ersten Gurtschnallen und die Geier machen sich zum Sturzflug auf den ersten Platz bereit. Wer das Flugzeug eher verlässt, ist länger im Urlaub, lautet die Devise. 2 Stunden, zwei Martini und ein Ouzo Sunrise, 6 Euro für drei Runden Airhockey und einen beinahe zertrümmerten Lobbycouchtisch später, sind Knie, Geier und Rindergulasch fast vergessen und meine Yogalehrerin im Kopf hat Feierabend. Der Seelenfrieden hält bis ich von meinem Balkon aus beobachte, wie vier stark übergewichtige Britinnen drei Kleinkinder, vier Luftmatratzen, ein Volleyballnetz und ungezählte Bälle in den Sharingpool werfen, während sie Bier aus Dosen trinken und die aktuellen UK Charts grölen. "Oooohm… einatmen.... ausatmen..."


Mittwoch, 14. Februar 2018

Von Leichenwägen, Cholesterinarchitekten und verstümmelten Pikachus (BLOGTOBER "Travel")


Die beiden vergangenen Blogtober-Artikel habe ich jeweils mit kleinen Schmankerln aus der müllerschen Vergangenheit eingeleitet. Eigentlich wollte ich dieses Vorgehen für die verbleibenden Nischen-Posts beibehalten. Also grübelte ich angestrengt nach einer Aufhänger-Anekdote zum Thema Reisen mit entsprechendem Unterhaltungswert und landete immer wieder bei Herrn Müller, der uns von einem ungarischen Ferienwohnungsklo aus, Wikipedia-Bilder eines Dietrichs schickte um ihm aus seinem gekachelten Gefängnis zu befreien, nach dem er innen den Schlüssel abgebrochen hatte. Da damit der dramaturgische Höhepunkt jedoch noch längst nicht erreicht war, entschloss ich mich die Story als Teil unseres Erwachsenenurlaubs am Balaton zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Blogpost auszuschlachten.

Wie dem auch sei, genug eingeleitet. Vorab muss allerdings noch gesagt werden: auf den nächsten Bildern und zwischen den folgenden Zeilen wartet keine unentdeckte Wildnis oder ein atemberaubendes Backpacker-Abenteuer auf den Leser. Rucksäcke assoziiere ich mit Wandertagen und um couchsurfer-mäßig durch mehr oder weniger vertrauenserweckende Privathaushalte zu tingeln bin ich zu soziophobisch drauf. Zwanghaft mit Menschen klarkommen, auf die ich keinen Bock habe, muss ich ja im Beruf schon ständig.

Dazu kommt außerdem, dass mir weitreichende Weltenbummel-Erfahrungen bisher fehlen, da ich das dazu notwendige Kleingeld in Modernisierungskredite investierte bzw. nebenbei noch eine gut fünfstellige Summe in buntes Ganzkörper-Permanentmakeup verwandelte.


Jedenfalls lag der letzte Aufenthalt unter südeuropäischer Sonne schon ein gutes Jahr zurück, als Müllers vor knapp zwei Wochen ihren Familienurlaub antraten. Eine Abflugzeit am frühen Vormittag garantiert einen Nachmittagsmartini an der Poolbar und die Reise vor der Reise ins Nachbarbundesland, um dort einen Vorferienflug zum halben Preis zu bekommen, veranlasste uns kurz nach Mitternacht anzuspannen gen Süddeutschland zu klappern. 

Kinder sind wunderlich und doch so berechenbar. Gehen sie dir in den 48 Stunden vor Abreise fast alle fünf Minuten auf den Kranz mit der Frage „Wann geht’s endlich los?“ und liegen abends mit radkappengroßen Pupillen im Bett, weigern sie sich spätestens nachts um 1.30 Uhr aufzustehen, wenn es dann tatsächlich ‚endlich losgeht‘. 

Gebt es zu, ihr Eltern. Ihr habt euch alle schon mal gedacht: wenn wir nachts fahren, dann schlafen die Kinder im Auto und wir haben Ruhe. Und hat es funktioniert? Es funktioniert nie! Und wenn, erst kurz vor Erreichen des Zielortes. So etwa in der letzten Kurve. Wenn alles entwicklungsphysiologisch rund läuft hat man Rücksitz-Terroristen, die sich mit den Fragen „Wann sind wir endlich da?“ und „Darf ich auf deinem Handy zocken?“ abwechseln, alle hundert Kilometer auf’s Klo müssen oder Hunger haben, nur um dann pünktlich beim Erreichen des Hotels so ausgeglichen zu sein wie Godzilla, den ein Heer Kampfhubschrauber umkreist.

Stichwort: Park&Fly. Tolle Erfindung, für die wir uns im letzten Jahr dank eines wirklich funktionierenden Systems des Anbieters begeistern ließen. Vermutlich gerade weil dieses System so irre funktionierte, konnte man uns in diesem Jahr dort eine Woche vor Abflug keinen Parkplatz mehr anbieten. Einen früheren Anruf hatte mein innerer Schweinehund verhindert, der entspannt auf dem Rücken schlief und alle Viere von sich streckte. 

Warum nur ein einziger Park&Fly-Anbieter noch Plätze sieben Tage vor Reisebeginn frei hatte wurde uns klar als wir aufs Gelände einbogen. Die Art, wie die Autos dort beinahe gestapelt wurden, verfehlte nur knapp Level Schrottplatz. The Baum ist the Limit - oder so. Danke an dieser Stelle übrigens unbekannterweise an die neben uns Parkenden, die es vermutlich durch Yoga aus dem Schiebedach schafften, auszusteigen ohne eine Prägung in unseren Türen zu hinterlassen.

Ein hutzliges Männlein mit Russen-Schapka und osteuropäischem Akzent gondelte uns schließlich zum Terminal. Das Auto schaute uns mit traurigen Scheinwerfen hinterher, wie ein Zwölfjähriger in einem rumänischen Kinder-Bootcamp bei der Abreise seiner Eltern.

Es folgte der übliche Flughafenwahnsinn und die sich mir aufdrängende Frage: Was sind das für Leute, die immer überall ganz früh ganz vorne stehen müssen? 
Ich meine Hallooo! Ein Flugzeug ist kein Bus. Es hat keine Stehplätze. Und es gilt auch nicht, wie auf Konzerten im Zuschauerraum möglichst weit vorne zu sein um den Idolen auf die Achselhaare schauen zu können. Das Flugzeug startet erst ,wenn alle drin sind, auf ihrem Platz sitzen und die Flugbegleiterinnen kommen sogar zum Platz gerollt mit ihrem Wägelchen. Also kein Grund hektische Flecken zu bekommen, wenn das Boardinglämpchen am Gate-Display von rot auf grün springt.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Die Wahrheit über Ferien, ein Hausmeister-Einhorn und schon wieder Justin


Achtung - Kann Spuren von Ironie enthalten.
Ferien sind etwas, um das die meisten Normalen Menschen Lehrer vermutlich beneiden. In der Tat, die Sache hat was für sich - das kann ich euch bestätigen. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten...
  
Aaaaahhhh, Ferien. Herrlich. Hier sind sie schon angekommen. An dieser Stelle halte ich kurz inne und gedenke der Kollegen, die noch bis zu vier Wochen vor sich haben, bevor sie abhängig vom Frustrationsgrad entweder die Tasche in die Ecke werfen und die nächsten fünf Wochen mit dem Staubsauger galant drum herum cruisen oder gleich am ersten Ferienmontag ihren Schreibtisch aufräumen und den Taschenboden vom Schuljahresschlamm befreien, bevor dieser zu Braunkohle wird.


Für mich bedeuten Ferien auch endlich mal vormittags einkaufen gehen können, in der Hoffnung sich nicht wie Super Mario zwischen den Monsterblumen zu fühlen, wenn jede Regalreihe von Rentnergrüppchen belagert wird. Ich nahm an, vormittags sitzen diese entweder im Wartezimmer oder kucken Serien im Öffentlich Rechtlichen, da sie ja sonst erfahrungsgemäß immer nachmittags einkaufen. Die Erkenntnis kam jäh: Rentner gehen zu jeder Tageszeit einkaufen UND -noch schlimmer- man trifft jetzt auch noch Schüler im Supermarkt. Die wissen anscheinend die nächsten sechs Wochen vormittags nichts Besseres mit sich anzufangen als in Einkaufszentren rumzulungern. Zumindest wenn es in der Nähe kein Kinderfest gibt, auf dem man rumhängen kann.

Die eigenen Kinder mal nicht im Schlepptau ganz in Ruhe in den Wühltischen nach Silikonbackpinseln, Barfußeinlege-Sohlen und Lebensmittelmottenfallen stöbern - das war mein Plan. Eine traumhafte Vorstellung! 

Doch schon im ersten Gang endet dieser Traum jäh mit einer Schülersichtung. Und dann ausgerechnet ein Justin. Es gibt ja auch Schüler, die grüßen schüchtern, flüstern ihrer Mutter mehr oder weniger unauffällig "Das is eine Lehrerin" zu und beobachten dann nur noch aus der Ferne. Justins tun das nicht. Vermutlich weil ihnen sonst niemand zuhört, der nicht dienstlich dazu verpflichtet ist.
 
Man versucht sich unsichtbar zu machen, wechselt mehrfach die Richtung, täuscht links an und fährt rechts, versteckt sich in Nischen, darauf wartend dass der Verfolger vorbei zieht - wie ein polnischer Autodieb auf der Flucht vor Cobra 11. Aber nix da, Schüler haben genau wie Lehrer ein eingebautes Feind-Radar.

Es passiert kurz vorm Obst- und Gemüse-Stand: 
„Hallo, Frau Müller!“ (kein normales Hallo, mehr ein "Ha, hab ich dich ertappt" mit bedrohlichem Unterton)
– „Hallo, Justin!“ 
Man beschleunigt den Schritt weil man verzweifelt hofft, dass die Konversation mit dem Beginn auch direkt endet. Aber nichts da - Justin ist wie Herpes. Hat man es einmal, wird man es nicht wieder los. Man wird zur Gejagten. Mit hastigen Schritten und fahrigen Bewegungen wirft man das Nötigste in den Wagen. Alles was man auch nur ansieht, kommentiert das Schlaumeierchen um eine Nähe zu erzeugen, die nur einer Seite angenehm zu sein scheint: 
„Oh, Frau Müller? Sie essen auch gerne Pomelo?“
"Diesen Sekt kauft meine Mutter auch immer!" 
"Ich wusste gar nicht, dass Lehrer auch Cola trinken!" 
(Booooaar, nein du Alphakevin. Ich trinke sonst auch keine Cola. Nur heute kaufe ich die. Um dir zu zeigen, dass ich ein normaler Mensch bin. Sonst trinke ich nur stilles Wasser, darauf kotzt es sich am besten nach solch bescheuerten Aussagen!")

Die Hoffnung, dass der aufgezwungene Kommunikationspartner durch minimale bis gar keine Reaktion inklusive "Geh einfach"-Metabotschaft seines Gesprächspartners von allein feststellt, dass er unerwünscht ist, löst sich bei genauerem Nachdenken und Einbeziehen sämtlicher justinscher Reflexionskompetenzen (also keine) von selbst in Luft auf.  

Nach der Erkenntnis, dass die ursprüngliche Einkaufs-Vision schon kurz nach dem Eingang zum Luftschloss wurde, sucht man den kürzesten Weg zur Kasse und hofft, dass vielleicht die lieben Mit-Kunden durch das übliche Gedrängel im Kassenbereich dem Problem ein Ende setzen. Heute ist alles ganz entspannt und die Massen überschaubar. Ach ja, sind ja Ferien.

Also veredelt Justin auch die Wartezeit an der Kasse durch seine heitere Art mich und die anderen Kunden zu unterhalten. Inständig hoffe ich, dass die Umstehenden unser Lehrer-Schüler-Bekanntschaftsverhältnis durchschauen. Kaum auszudenken, wenn der ein oder andere auf die absurde Idee käme, man wäre vielleicht verwandt oder die Basis der Bekanntschaft beruhe auch nur einen Hauch auf Freiwilligkeit.

Kurz um, diese liebenswerte Schülerpersönlichkeit begleitete mich bis zum Kofferraum meines Autos und bereicherte meinen Vormittag auch hier mit seiner Gesellschaft bis der letzte Soja-Joghurt sicher verpackt war. Toll.  Immerhin hat er meinen Einkaufswagen weggebracht.
Noch toller allerdings war die Erkenntnis beim späteren Auspacken des Einkaufs: WAS habe ich eigentlich eingekauft und vor allem WO sind die Dinge die ich BRAUCHE?

Ferien dienen der Erholung von Lehrern UND Schülern. Sachlicher Fakt für alle, die es interessiert: Lehrer haben etwa 30 Tage Urlaub, die sie wie die meisten anderen Arbeitnehmer ordnungsgemäß zu Beginn des Kalenderjahres beantragen müssen, die sie aber NUR IN DEN FERIEN nehmen dürfen. Für alle übrigen Tage gilt: Vor- und Nachbereitungszeit bei weitgehend freier Einteilung. So ist es zumindest bei uns an der Schule. Ich weiß aber, dass es viele Schulen gibt, in denen den Kollegen weitaus weniger freie Zeiteinteilung zugestanden wird.
 
Es dürfte klar werden: für den Einzelnen verbirgt sich hier natürlich enormer Interpretationsspielraum. Dieser hängt stark von der Fähigkeit ab, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Psychohygiene und Konsequenz bezüglich beruflicher Verantwortung herzustellen. Erweitert oder beschränkt wird das Ausmaß der Freizeit zudem je nach Arbeitseinstellung des Vorgesetzten, der sich bei Verdacht auf Faulenzerei die Tätigkeiten im unterrichtsfreien Zeitraum durchaus nachweisen lassen darf. 
Wenn man wie ich jedoch einen Vorgesetzten hat, der die Arbeit scheut wie Katzen das Wasser und gleichzeitig so inkompetent ist wie ein Säugling beim Bauen eines Kartenhauses, dann verschafft einem das enorm viel Freizeit.

Der Lehrer-Ferien-Freizeit-Spaß wird aber nicht nur durch Schüler getrübt. Drei Dinge sollte man außerdem bedenken.

Erstens: hat man selbst Kinder, haben die auch Ferien. Dingdong! Alles klar! Animiert man sonst vormittags fremde Kinder etwas halbwegs Sinnstiftendes zu tun, sind es jetzt die eigenen. Juhu. Nicht.

Zweitens: wenn man wie ich nicht mit Lehrern befreundet ist -ist ja kaum auszuhalten, ich mag die nicht besonders- ist die Auswahl der Menschen, mit denen man den Tag verbringen kann recht übersichtlich. Die anderen müssen ja ständig arbeiten. Man schreibt vormittags halb elf eine Whatsapp und bekommt fiesen Shitstorm à la „Frau Oberlehrerin hat ja Ferien…“ zurück. Das ist verletzend, Leute. Wer ist denn den ganzen Tag einsam weil keiner Zeit hat und muss sich die Zeit mit schlafen, putzen und Wäsche waschen vertreiben obwohl er sich nach der wochenlangen Plagerei in der Irrenanstalt mal was Schönes verdient hat? Selbst bei Hunden weist man darauf hin, dass sie nicht zu lange alleine zu Hause sein sollten, Katzenhaltern empfiehlt man die Anschaffung eines Partnertieres um Symptome der Vereinsamung zu lindern. Aber kein Mensch denkt an die LEHRER! Ja, jede Medaille hat zwei Seiten. 

Noch nicht mal der eigene Partner -natürlich kein Lehrer, das ist ja krank- kann dem wohlverdienten Regenerationszeitraum beiwohnen, der muss ja auch arbeiten. Das schlimmste: abends ist er müde, ab halb neun etwa. Noch vor den Kindern, denn die haben ja auch Ferien. Man selbst läuft um die Zeit erstmal zu Hochform auf, schließlich ist man ausgeschlafen. Die Folge: man geht mit ins Bett - aus Liebe- und liegt hellwach neben dem Scheintoten. Aktivitätsmodus: Eichhörnchen auf Speed.

Die Chancen auf Sex sind bei diesen ungleichen Wettkampfvorraussetzungen so groß wie die Siegeschance eines Teddy-Hamsters beim Rückenschwimmen. Das wiederum ist echt beziehungsgefährdend. Hat es da mal statistische Erhebungen gegeben? Werden Ehen, bei denen nur einer Lehrer ist womöglich deshalb öfter geschieden? Oder ist das der Grund, warum es gefühlt in keinem anderen Berufsstand so viele Paare gibt wie unter Lehrern? Werden aufgrund dieses Umstands in den Ferien statistisch mehr (Lehrer-)Kinder gezeugt? Fragen über Fragen. Sollte man echt mal überprüfen.

Ich hoffe jedenfalls der empathische Leser empfindet zukünftig weniger Neid und mehr Mitleid, wenn das Auto des Nachbar-Lehrers noch in der Einfahrt steht, während man selbst morgens zur Arbeit gehen DARF!

Dritte Schattenseite: Wenn alles gut läuft, genießt man vielleicht zwei, höchstens drei richtige Urlaubswochen, idealerweise im Ausland. Man bedenke auch hier: Nebensaison-Reisen zu Top-Preisen mit einem geringen Kinderanteil in Flugzeug und Hotel, weil man ja sonst schon so überkindert ist, fallen aus!

Man DARF ja nur in den Ferien Urlaub machen. Und jetzt stellen wir uns den Worst Case vor: man bezahlt viel Geld für eine Reise, die einem weit fort bringen soll. Fort von Begriffsstutzigkeit und Fettflecken auf Mathekontrollen. Und dann triffst man am gefühlt anderen Ende der Welt Lehrer. Es sind ja Ferien. Halt, noch schlimmer. Man trifft SCHÜLER. Und nur eins kann den Horror-Faktor von Schülern außerhalb der Schule multiplizieren: ihre ELTERN. Weil man als Lehrer logischerweise keinen Urlaub im Ferienlager macht, ist die Wahrscheinlichkeit Schüler in Begleitung ihrer Eltern anzutreffen also recht hoch. Ich sage euch, ALLES schon passiert! Das will KEINER! 

Der Lehrer-Job ist ein Leben am Limit. Und Ferien sind, wenn man alle Nachteile in die Waagschale wirft – nicht schöner als jeder stinknormale Urlaub auch.

Ich ende mit einem weiteren Horror-Szenario, das den sagenumwobenen Ferien den Glitzer nimmt. Ferien sind ein äußerst beliebter Zeitraum für familieninterne Seuchenausbrüche. So kann eine Woche Osterferien wunderbar damit verbracht werden, dass alle Familienmitglieder der Reihe nach zunächst unkontrollierbar Toilette und/oder Eimer befüllen um anschließend hinter dem nächsten Opfer mit dem Desinfektionsmittel zu nebeln.
Natürlich erfreuen sich alle pünktlich zum ersten Schultag wieder bester Gesundheit, ebenso Frau Müller. Die freut sich schon darauf, in den nächsten acht Schulwochen wieder gummi-behandschuht halbverdaute Cornflakes in flockigem Kakao von Tischen zu wischen oder mit Schülern im Fahrstuhl eingeschlossen zu sein, während diese aus Leibeskräften in den vorausblickend mitgenommenen Papierkorb brüllen.

Eine letzte Illusion muss ich dem erkenntnisgebeutelten Leser in diesem Zusammenhang rauben:  der Hausmeister im grauen Overall, der mit seinem Wischmob-Wägelchen stets dienstbeflissen um die Ecke gerollt kommt um zuverlässig und geruchsneutral Schüler-Kotze wegzuwischen, ist eine Erfindung der amerikanischen Unterhaltungsbranche und wurde in der Realität noch nie gesehen. Oder habt ihr die Beseitigung von Körperflüssigkeiten schon mal in der Stellenbeschreibung eines Facility Managers gelesen?
In meiner Stellenbeschreibung stand das auch nicht. Aber irgendeiner muss es ja weg machen. Das waren zumindest die Worte meines Vorgesetzen, als ich nach der ersten Kotzpfütze fragte, wer für die Beseitigung verantwortlich sei. So. Wer möchte jetzt noch Lehrer sein?

Schaut auch im Lehrerzimmer bei Facebook vorbei. Garantiert seuchenfrei und auch in den Ferien durch eine hochmotivierte Frau Müller besetzt. Sei kein Justin und klicke hier.