Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

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Dienstag, 10. April 2018

Mythos Lehrerzimmer: TripleK - Kaffee,Kopierer und Kollegen


Wenn ich im letzten Artikel auch die blumigsten Ruhestandsszenarien malte und in wenigen Wochen schon Zerstreuung von den Wirren des beruflichen Molochs darin finden werde, einem schwarzen Kätzchen mit Laseraugen zu lernen, auf meiner Schulter zu sitzen wenn Besuch kommt - das ein oder andere Jährchen werde ich im Schulsystem noch funktionieren müssen. Sonst kann ich mir weder die Altersruhe als schrullige Katzenlady noch als Bewohnerin einer polyamorösen Villa-Kommune mit Resort-Teil leisten. Also entwickelt man Überlebensstrategien, die einem den Aufenthalt im Berufsleben so erträglich wie möglich machen. Eine meiner Strategien sind Besuche des Lehrerzimmers in minimalen Dosen...
 
In unserer eigenen Schulzeit sahen wir von diesem sagenumwobenen Ort meist nur einen Ausschnitt. Nämlich ziemlich genau das, was zwischen Zarge und Türblatt, in Abhängigkeit vom BMI des Pädagogen, der unser zaghaftes Klopfen vernommen hatte und uns sein Ohr und Antlitz lieh, sichtbar wurde. Wurde uns doch einmal das Privileg zu teil, einen Fuß über die heilige Schwelle zu setzen, fühlten wir uns wie Frodo jenseits des Auenlandes. Drachenhöhle, Hort des Bösen und Urquell aller Prüfungsaufgaben samt Lösungen – Geburtsort aller vernichtenden Pläne und kindliche Bedürfnisse missachtenden Ideen. 

Während Studium und Referendariat wurde aus diesem Ort für den Junglehrer eine Art Zwischenwelt. Ich fühlte mich in meinem Leben an nur wenigen Orten so wenig zugehörig wie in den Lehrerzimmern der Praktikums- und Referendariatsschulen. Noch nicht mal die Vertriebsfeier mit integrierter Gruppenmasturbation, zu der mich Herr Müller später einmal geschleppt hatte, zerriss mich innerlich derart.

Ein Teil dieser inneren Abkehr, der menschliche Teil, ist mir bis heute geblieben. Man ist in diesem Ökosystem im Stadium beruflicher Adoleszens weder der Jäger noch der Gejagte, streunt deplaziert durch 90er-Jahre-Büromöbel aus Pressspan und möchte von niemandem angesprochen werden. In den Jahren der Ausbildung flößt einem die vermeintliche Kompetenz gestandener Lehrer – ich spreche bewusst NOCH nicht von Kollegen, denn es fühlte sich noch nicht kollegial an – noch Respekt ein. Dieser Respekt geht einher mit der Angst durch Interaktion das eigene Unvermögen bloßzustellen. Also meidet man diesen Ort, wenn man nicht gerade etwas kopieren muss, obwohl man längst im Besitz des heiligen Schlüssels ist.

Heute meide ich das Lehrerzimmer immer noch. Das liegt hauptsächlich an den Personen, die man auf Grund der Zweckgebundenheit der Räumlichkeit dort trifft: Lehrer. Dieser Raum ist nicht nur Umschlagplatz für selbst geräucherten Schinken und Gemüse aus dem Schulgarten, er ist auch eine Art Gerüchte-Schwarzmarkt. Wenn sich diese Gerüchte wenigstens überwiegend um Schüler drehen würden, könnte ich der Sache ja noch gerade so etwas abgewinnen. Aber da hauptsächlich mit dem Ruf der Kollegen gedealt wird, die gerade nicht in Hörweite sind, lass ich den lieben Menschen ihre Ruhe, die sie brauchen um auch mich ausgiebig durch den Kakao zu ziehen. Milch ist immerhin gut für die Haut. Das wusste schon Kleopatra.

Ihr kennt sicher auch diese Orte, denen ein solch penetranter Duft anhaftet, dass man (auch wenn das objektiv gar nicht so ist), noch stunden- oder tagelang diesen Geruch in der Nase hat. Ich rede also nicht von Frittierküchen oder dem Raucherzimmer eines Altenheims. Ich meine mehr Fleischereien im Sommer, die Schmutzwäscheräume in Pflegeheimen oder Kläranlagen. Im Lehrerzimmer riecht es immer nach altem Papierkram, Toner und Kaffee. Da können auch die 4711-benebelten Damen und das billige Rasierwasser der unterrepräsentierten Herren nichts dagegen ausrichten. 
 
Die Kaffeemaschine oder besser die Kaffeemaschinen, sind so etwas wie der Reaktor der Schule. Aus ihnen wird Energie gewonnen. Sie allein gilt es zu schützen. Der Dienst an der Kaffeemaschine ist sorgsam geregelt per minutiösen Plan am schwarzen Brett. In Abstimmung mit den Dienstplänen wird eine Kaffeemaschinenfachkraft für jeden Wochentag festgelegt, deren Pflicht es ist, nach dem ebenfalls aushängendem Trinkplan in der zweiten Stunde noch vor Beginn der Frühstückspause die korrekte Anzahl an Kaffeebechern rauszustellen, die zur Befüllung notwendige Menge Kaffee zu kochen und beides in einer dem Aroma und der Temperatur des schwarzen Brühgetränks nicht abträglichen Zeitspanne vor dem erlösenden Pausenklingeln miteinander zu vereinen. 

Mit der Präzision ähnlich eines Boxenstopps bei der Formel1 rauschen die vom Stress der zurückliegenden 90 Minuten gezeichneten Pädagogen durch die Tür, nehmen quasi im Vorbeimarsch die volle Kaffeetasse auf und parken auf ihrem seit 30 Jahren angestammten Platz am langen Tisch. Dort verbleiben sie exakt 15 Minuten bis zum nächsten Klingeln und produzieren durch fortwährendes Schnattern, Kreischen und Gaggern einen Lärmpegel, der „Rock am Ring“ in nichts nachsteht. Ein dritter Kaffeeplan am schwarzen Brett sorgt übrigens ebenso penibel wie zuverlässig für termingerechten Nachschub an Kaffeepulver, Kondensmilch und diversen Süßungsmitteln. Kommt ein Mitglied der Kaffeegang seiner Pflicht nicht rechtzeitig nach gleicht die Reglementierung des säumigen Kollegen einem Besuch von Inkasso Moskau. 
Reaktor, Altar, Solarplexus der Lehranstalt. 
DAS ist der Kaffeemaschinenbereich.

Nahezu gleichbedeutend für die reibungslosen Abläufe des Lehrens und Lernens in der Anstalt wie die Kaffeemaschinen, ist der Kopierer. Um dem Etat des Landkreises keinen Schaden durch frevelhaftes und verschwenderisches Kopieren zuzufügen, ist sowohl der Kopierer selbst als auch das Papier gesichert. So kann jede Kopie dem Pädagogen namentlich zugeordnet werden. Vergisst dieser, darüber buchzuführen wann und für wen die Kopie angefertigt wurde, findet er spätestens nach einem halben Jahr eine Rechnung über den entsprechenden Centbetrag in seinem Fach. Und weil Buchführung alles ist, gibt’s für die beglichenen 4 Cent auch eine Quittung der Schulsekretärin. 

Die Bedienung des Geräts erfordert special Skills. Das zumindest wird den Kollegen glaubhaft gemacht. Für Farbkopien ist ein besonderes Vorsprechen beim Informatiklehrer notwendig. Der Informatiklehrer, einziger Kollege mit Rollen am höhenverstellbaren Drehstuhl, schallabsorbierenden Teppichboden im Klassenzimmer und eigener Kaffeemaschine hat den wichtigsten und zugleich härtesten Posten inne. Dieses Aufgabenspektrum ist so anspruchsvoll, dass es schon einmal vorkommen kann, dass ihm real arbeitende Kollegen den wohlverdienten Feierabend um 12.30Uhr damit verderben, dass sie durch entsprechende Tätigkeiten der Unterrichtsvorbereitung das diffizile  Gerät selbstgerecht blockieren und der EDV-Fachmann nicht seiner geheiligten Aufgabe des Auschaltens nachkommen kann. Über dieses selbstgezüchtete innerpersonelle Abhängigkeitssystem administriert der Systemadministrator nicht nur die Technik. 

Ich persönlich gehe am liebsten während der Stunden kopieren. Das erspart mir erzwungene Warteschlangenkonversationen und die Schmach der Wartenden, wenn ich etwas am Gerät kaputt gemacht habe. Das Lehrerzimmer hat zwar Ohren aber (zum Glück noch) keine Augen. Außerdem kann man so ungesehen vom Kuchen oder den Pralinen der spendablen Geburtstagskinder essen, ohne dabei gesehen zu werden und obwohl man selbst nie etwas für den gefräßigen Haufen mitbringt.

Mal sehen, was gibt es noch. Einen Kühlschrank mit Kaffeesahne, Kühlpäckchen und den Diazepam-Rektolen der Epileptiker. Diverse Schwarze Bretter für Weiterbildungen und den Betriebsrat, eins für die Kaffee-Cosa Nostra und eins für Vertretungshinweise. 

Beobachtet man Kollegen beim Studium der Vertretungspläne trennt sich die Spreu vom Weizen. Während nämlich einige das Dokument nach den Vertretungs-, Zusatz- und vor allem Ausfallstunden ALLER inspizieren, kucken normale Menschen (also ich) nur nach ihren eigenen. Entsprechend kürzer fällt auch die Verweildauer vorm Schwarzen Brett aus. Positiver Nebeneffekt: wenig Konversationsangriffsfläche. 

Dann gibt es einen Schrank, in dem die Klassenbücher aufbewahrt werden. Dieser Schrank ist neben dem Vertretungsplan für viele Kollegen ein weiteres Instrument zur Überwachung der Arbeitszeit anderer und gleichzeitig Mittel zur Selbststimulation. An der Anzahl der nach getaner Arbeit an ihren Platz zurück gestellten Bücher, bemisst der beflissene Pädagoge nämlich den Grad der eigenen Aufopferung für die Bildungseinrichtung. Kurz: der, der sein Buch zuletzt zurück bringt, ist der fleißigste, alle anderen sind faule Säcke.

Dann gibt es noch die Fächer. Ein kleines Schließfach mit dem Namen jedes Kollegen, darunter zugehörig ein viertel so großes offenes Regalfach. An der haptischen Qualität des Namensschildchens lässt sich die Dauer der Zugehörigkeit zur Schule ablesen. Kollegen, die schon zur Grundsteinlegung anwesend waren, besitzen ein güldenes Schildchen mit graviertem Namen, Kollegen wie ich, Quereinsteiger oder Abordnungen kleben einen aus Notizzettel und Tesafilm selbst gebastelten Namen über die Provisorien ihrer Vorgänger. 

Das Fach selbst stellt eigentlich eine Art Briefkasten zum vereinfachten Austausch mit Kollegen und der Schulleitung dar, ist aber viel mehr Ersatzkofferraum für die Arbeitszeit. Die Strukturierten halten hier Ordnung und eine überschaubare Anzahl an nützlichen Dingen liegt stets am selben Platz, alle anderen nutzen den zur Verfügung stehenden Platz um alles Mögliche zu lagern und schließlich zu vergessen. Dem ein oder anderen Kollegen ist bei dem vorwurfsvoll gegrollten Satz „Das hatte ich ihnen aber in ihr Fach gelegt“ aus dem Munde der Schulleiterin schon alles Blut in die Füße geflossen. Sie hätte ebenso sagen können: Das habe ich ihnen ins schwarze Loch geworfen. Übrigens zähle ich selbst weder zur ersten noch zur zweiten Gattung, da ich weder strukturiert bin noch mich häufig im Lehrerzimmer aufhalte. Was allerdings Kofferräume angeht (und Autoinnenräume überhaupt) zähle ich mich zur Spezies „Schwarzes Loch“.

Symbolbild :)
Das letzte Objekt von zumindest rudimentären öffentlichen Interesse ist der große Tisch. Es ist wie mit den Schildern an den Fächern. Je besser der Platz desto länger die Zugehörigkeit. An diesem Tisch findet man sich entweder zu durch die Obrigkeit anberaumten Beratungen ein (dienstliche Pflicht, also tue ich mir das an) oder zu pseudokollegialen Zusammenkünften zum Beispiel vor Weihnachten oder an Geburtstagen. Über meine Teilnahme an dieser Art Beisammensein entscheidet das Zurverfügungstehen von alkoholischen Getränken und Speisen, die sich über die Qualität eines Pizzadienstes, der auch frittierte Schnitzel und indische Reisgerichte kann, deutlich erheben. Kuchen geht aber auch. 

Als ich damals vor der ersten Dienstberatung einen der wenigen verbleibenden Plätze nach dem Motto „Friss oder stirb“ einnahm, war mir noch nicht klar, dass die Platzwahl einer festgeschriebenen Ewigkeit gleicht, wie sie sonst nur der Lebenserwartung von Landschildkröten zugeschrieben wird. Wäre mir das klar gewesen, hätte ich mich nicht auf den Platz direkt gegenüber der Schulleitung gesetzt. Ich hätte misstrauisch werden sollen, lange Seite, Fluchtrichtung und noch nicht besetzt, das musste einen Haken haben. Vielmehr hätte ich sorgfältig Kosten und Nutzen erwogen und zumindest kurz über den Platz neben dem Hausmeister nachgedacht. Hätte, hätte… Nun sitze ich alle acht Wochen an der PolePosition des Fremdschams der Schulleitung gegenüber und muss dabei ganz analog in meinem Notizbuch kritzeln um wenigstens interessiert und geschäftig zu wirken.
Nichts Schlafen, nichts SocialMedia. 

Alles Weitere ist uninteressant. Klassensätze von Büchern, die noch den Stempel „Volkseigentum“ tragen, warten auf ihr zweites Leben als Fossilien, wenn sie in späteren Erdzeitaltern von zu Stein gewordenen Sedimentschichten aus Staub befreit wurden. Pädagogisches Material in den Regalen mit Buchenholzdekor schluckt das Echo des Hühnerstalls, darüber hinaus hat es keine Funktion. Denn entfernt man es von seinem angestammten Ort, verändert sich entweder die Neigung der Erdachse oder ein anderer Kollege benötigt das corpus delicti just in der selben Unterrichtstunde. Die einzigen Gegenstände mit Eigenleben sind das Laminiergerät und die Kugelschreiber in Kopierernähe. Nachdem bereits etliche Kollegen nach dem Verbleib dieser begehrten Gegenstände befragt wurden, einigte man sich einvernehmlich darauf, das Phänomen des Verschwindens und Wiederauftauchens schlicht nicht erklären zu können. Büroartikel mit dem X-Faktor.

Für mich persönlich hat das ganze Konstrukt Lehrerzimmer etwas von einer Art Glaubenseinrichtung. Für die Christen ist die Kirche ein Ort, an den sie gehen um sich (gegenseitig) zu versichern, dass sie Christen sind. Vermutlich weil die meisten von ihnen im Leben jenseits der Kirchenbänke ganz und gar unchristlich handeln. Ich habe nicht selten den Eindruck Lehrern, die sich überdurchschnittlich oft, lange und gerne im Lehrerzimmer aufhalten, benötigen diesen Ort zur Sicherung ihrer beruflichen Identität. Der einzige tragende Unterschied ist, dass Kirchen architektonisch etwa eine Million Mal reizvoller sind als Lehrerzimmer und man sie leichter in ein Boudoir mit Weinkeller umbauen kann.
 
In Abhängigkeit der Resonanz auf diesen Artikel behalte ich mir vor, weitere mysteriöse Orte wie zB. das Lehrerklo, das Vorbereitungszimmer, das Kabüffchen des Hausmeisters oder auch die Schulspeisung investigativ auszuleuchten.

Das schwarze Brett der Müllerin
befindet sich übrigens HIER auf
Facebook. Tragt euch per LIKE
in die Kaffeeliste ein 
und nehmt im Vorbeirauschen 
Synapsenkurzschlüsse auf.

Montag, 27. Februar 2017

Ich hab keinen Bock auf eure Schubladen! (außer es sind Süßigkeiten drin)

Dieser Artikel ist alt. Genau genommen fast ein Jahr. Gemessen an der Gesamtlebensdauer des Blogs von knapp einem anderthalben Jahr gehört er also zu den frühen Werken.Trotz seines Alters hat er für mich an Aktualität nichts verloren. Im Gegenteil: eigentlich könnte ich diesen Text alle vierzehn Tage rebloggen. Das zugegeben stark lädierte und müde Engelchen auf meiner rechten Schulter drängt oft dazu, mich zu erklären. Das linke Teufelchen wirft dann immer die Hufe auf den Tisch, lehnt sich lässig zurück, verschränkt die Arme, rammt das Dreizack neben sich in den Boden und sagt: "Paah, DAS HIER ist dein Zuhause. Du musst gar nichts. Wem es nicht gefällt, der soll gefälligst gehn." Ich mag dieses knuffige Kerlchen...



Es schreit aus allen Richtungen:

Du musst deine Nische finden!


Du musst eine Zielgruppe definieren!


Du musst Mehrwert bieten!

Einen Scheiß muss ich. Oder wie Herr Müller immer zu sagen pflegt:
"Ich muss nur zwei Dinge - Sterben und Scheißen."

In der Schule doziert der Lehrer über ein Thema, welches im ungünstigsten Falle weder ihn selbst noch die Schüler begeistert. Dass beide Parteien mehr oder weniger gezwungen sind zur Schule zu gehen, erschwert die Rahmenbedingungen zusätzlich. Stichwort: MÜSSEN.

Da ich hier aber nun mal nicht in der Schule sondern in MEINEM Lehrerzimmer bin MUSS ICH GAR NICHTS. Und wisst ihr was noch besser ist? IHR MÜSST AUCH NICHTS. Ihr dürft kommen wann ihr wollt und lesen was ihr wollt und ich schreibe WAS ICH WILL. Hört sich doch traumhaft an, oder?! Im günstigsten Falle finden wir sogar gelegentlich einen gemeinsamen Nenner… JACKPOT.

Warum schreibe ich das eigentlich. Naja. Auf die obigen Arbeitsaufträge stößt wohl jeder Blogger irgendwann, wenn er sich fragt, wie er Leser gewinnen und Reichweite generieren kann. 

Halt.Leser gewinnen? Reichweite generieren? Wofür? Wo bleibt da der Spaß? Ich erkläre es möglichst kurz den "Auskotzen über Facebook" soll nicht der Plot dieses Textes sein:

Wenn 700 Menschen Frau Müller abonniert haben (weil sie sie lesen WOLLEN - davon gehe ich aus), dann erreiche ich, ohne dass irgendeiner mit dem Post interagiert, etwa ein Zehntel dieser Abonnenten. FB verteilt nur weiter, wenn jemand liked, kommentiert oder teilt OOOOODER wenn ICH Geld dafür bezahle. Das heißt: ihr könnt euch nie sicher sein, dass ihr auch bekommt was ihr abonniert/bestellt habt WEIL ich im Traum nicht daran denke, Geld für etwas zu bezahlen mit dem ich nullkommanichts verdiene. Aus meiner Sicht werden hier Blogger und Leser verarscht. Aber gut, der junge Herr Zuckerberg muss ja auch von was leben.

Aber dafür nun bestimmte Dinge nicht schreiben, nur weil sie Leser X oder Y nicht gefallen könnten? Ein Thema vermeiden, weil es vermeintlich nicht zu einen anderen passt, über welches auch Menschen ins Lehrerzimmer fanden? Mich verbiegen? Nee. Das hier bin ICH.

Immer Lehrer, Lehrer, Lehrer. Schon vergessen? Ich bin das Kuckucksei in dieser Irrenanstalt. Wer erwartet, dass es bei mir nur bildungspolitisch (wenn auch mit einer gesunden Portion Sarkasmus gepfeffert) zugeht, der hat nicht verstanden was ein Kuckucksei ist.

Ich bin mehr als nur Pauker. Und ganz ehrlich: ich verbringe täglich rund acht Stunden mit meinem Job. Glaubt ihr ernsthaft, da will ich dann noch ellenlange Texte drüber schreiben? Ich bin doch nicht bekloppt! (aber manchmal lass ich mich eben doch hinreißen – vorallem wenn die Hutschnur platzt…)

Ganz nebenbei bin ich noch Mutter. Das nimmt im Schnitt die anderen acht Stunden des Tages (welche ich mehr oder weniger wach erlebe) in Beschlag. Auch darüber habe ich nur selten Lust zu philosophieren. Sicher – hier gibt es Reizthemen zu denen auch ich die Finger nicht stillhalten kann, aber wer NUR Mamagelaber lesen will, der wird wahre Uuuuuuunmengen an Elternblogs (auch durchaus lustige) in der Blogosphäre finden…

Wofür mir rein rechnerisch am wenigsten Stunden bleiben, ist meine Rolle als Frau im weiteren Sinne bzw. als ICH im engeren Sinne. 

Tja – und da sind wir beim magischen Kern des gewundenen Horns auf der Stirndes Fabelwesens angelangt: es geht um MICH, um das was MICH interessiert und ausmacht. 
Dass das nicht selten (entfernt) was mit Sex zu tun hat, kann man mir mit Mitte 30 jetzt nicht unbedingt verübeln, denke ich. Auch Themen rund um Freundschaft und Feiern sind nichts all zu ungewöhnliches. Ich hab mal gehört, das könnte entfernt etwas mit Lebensfreude zu tun haben.

Yoga macht flexibel - erhöht aber dadurch nicht die Schubladenkompadibilität

Menschen brauchen Schubladen. Um Ordnung zu halten. Weil sie sich anders im Chaos nicht orientieren können. Oder um Dinge wieder zu finden. Oder um einfach Dinge wegzupacken, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Wie auch immer: Schubladen geben uns Sicherheit. Jeder normale Mensch hat jedoch diese eine Schublade, in die er alles packt, was sonst nirgendwo reinpasst. 

Ich habe auch solch einen Schrank. Darin befinden sich diverse Bedienungsanleitungen meiner Küchengeräte, der Eiswürfelbereiter aus dem Gefrierfach, Schaumzuckeraugen von vor drei Jahren, die noch immer auf eine noch nicht gefeierte Halloweenparty warten und ein riesiger roter Doppeldildo, der im Praxistest versagte und nun auf seine Weiterverwendung als zu verschenkender Türstopper wartet. Irgendwann ist sicher mal wieder Schrottwichteln...

Wenn ihr Schubladen in eurem Kopf braucht, dann bitte gerne. Packt mich irgendwo rein. Gerne in den Kasten mit den Anleitungen und den vergessenen Geschenken.

Von mir aus auch in den Kasten mit der Aufschrift „Schlüpfrig“, der wäre mir noch der am wenigsten unbequeme. Wundert euch aber nicht wenn der Kasten nicht richtig zu geht – ich bin etwas sperrig. Es kann auch passieren, ihr findet irgendwas, das ihr so gar nicht in dem Kasten vermutet hättet, wenn ihr ihn das nächste Mal aufzieht.


Randnotiz aus meinem Erfahrungschatz: Mama-Communitys veröffentlichen meine Bildungskritischen-/Mama-Artikel nicht, weil ich wohl auch mal etwas "erotisch unterwegs" bin. Interessanterweise stört es die Erotik-Community gar nicht, dass ich auch mal Lehrer-/Mamakram schreibe... An dieser Stelle: Platz für eigene Überlegungen...
 
Tut mir bitte einen großen Gefallen: sperrt mich nicht in die Schublade mit den Lehrern. Ich verbringe wie erwähnt täglich acht Stunden mit dieser Spezies. Das reicht völlig aus.
  
Auch bitte nicht in die mit den Müttern. Ich könnte mir vorstellen mein Situations-Tourette führt dazu, dass sie mich mit ökologisch verantwortungsvollen Hartholzbauklötzen erst steinigen bevor sie mich mit Schnullerketten erwürgen.

Am wohlsten fühle ich mich übrigens wenn man mir Raum lässt. Wie der Wellensittich im Wohnzimmer – ich verspreche euch: ich kacke euch nicht von der Gardinenstange runter. Dass so ein hysterisch flatternder Wellensittich mitunter etwas stressig in der Bude ist, kann ich gut nachvollziehen. Wellensittiche sind was für Kenner. Wenn euch mein Geflatter zu doof wird: macht das Fenster auf. Ich setz mich irgendwo auf nen Baum und kreisch einfach dort weiter. 
Wenn ihr hinter meinem Flattern aber eine zugegeben gut verschlüsselte Botschaft erkennt, dann wartet einfach drauf, dass ich mich von ganz alleine wieder auf meine Stange setze und den Schnabel halte.

Meine Güte. Jetzt hat sie mit Schubladen angefangen und ist bei Käfigen rausgekommen. Ein toller roter Faden. Is mir egal. Käfige und Schubladen sind beide bescheuert. Genau wie Nischen.
Wisst ihr, was das Problem an Nischen ist? Was man da rein packt, staubt ein. Man vergisst es und an den Dreck, der sich dort ansammelt, kommt man noch nicht mal mit dem Staubsauger ran. Kurz: Nischen sind auch scheiße. Zielgruppe war da noch. Puh. Keine Ahnung. Wer seid ihr eigentlich? 


Ach und der Mehrwert. Schwieriges Wort. Menschen die immer nach Mehrwert dürsten finden bestimmt auch Fasching und Einhörner blöd. Wenn Unterhaltung auch ein Mehrwert ist, dann biete ich Mehrwert. 

Wenn ihr Mehrwert in Bücherrezensionen, Reiseberichten, Kochrezepten oder Produkttests seht, müsst ihr entweder damit leben, dass das Gewünschte dann mülleresk serviert wird oder ewig warten. Nämlich genau so lange wie es dauert, bis mich irgendwas aus einer der Sparten mal so begeistert, dass es mir einen Artikel wert ist. Im Blogtober hab ich mich mal an den Paradedisziplinen versucht. Was soll ich sagen: seit Sportfeste in der Schule ohne meine Teilnahme stattfanden, gab es keinen letzten Platz mehr.

Wenn ich also im SchMärz bald wieder über BDSM-Kram blogge, dann weil ich Lust drauf habe. Und weil ich mit Monatsthemen versuche wenigstens ein klein wenig Ordnung im Chaos zu schaffen. 

Das heißt aber nicht, dass ich in den kommenden Wochen und auch post-schmärz nicht mit weitaus weniger erotischen Anekdoten auskomme. Bunt gemischt ist mir eh am liebsten. Das Leben ist weder schwarz noch weiß. Die fünfzig oder mehr Abstufungen dazwischen sind am Ende auch nur monochrom. Es ist bunt – genau wie ich. 

Wer Colorado und Konfetti mag (wegen bunt und gemischt und so) sollte mir auf Facebook folgen.