Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Die Inklusionslüge ODER Füchse reisen nicht gerne im Radkasten


Ein ernsthaftes Wort vorweg: Ich bin mir völlig bewusst, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, welches jedem zusteht und das ich auch mit diesem Artikel niemandem absprechen möchte. Meine nennen wir es „kritische" Auseinandersetzung bezieht sich auf berufliche Erfahrungen in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit massiven Lernschwierigkeiten und die derzeitige Auslegung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention hier in meinem Bundesland. Jedem, der sagt: Inklusion? Bei uns funktioniert das hervorragend, den beglückwünsche ich. Vielleicht kommt der ein oder ander aber auch ins Nachdenken. Inklusion ist eben nicht nur das glückliche Kind im Rolli, mit Asperger oder einem Cochlea-Implantat zwischen völlig gesunden Kindern. Es sind eben auch viele, viele Kinder mehr, deren Aufwachsbedingungen das Handicap sind...
 
Ich hab es im Gegensatz zum letzten Jahr bei Facebook nicht an die große Glocke gehängt, aber kürzlich fand das diesjährige Casting „Deutschland sucht den Superkevin“ zum Zwecke der Nachwuchsgewinnung in unserer Bildungseinrichtung für Langsamlerner statt. Kurz: Begutachtung und Diagnostik der Schulanfänger, die aufgrund umfassender Auffälligkeiten in gleich mehreren Entwicklungsbereichen sehr wahrscheinlich Schwierigkeiten an einer Grundschule haben werden. Als ich am Nachmittag des ersten Tages den kleinen Müller aus dem Hort abhole, halte ich wie fast immer ein kleines pädagogisches Schwätzchen mit der Erzieherin. Ich erzähle ihr von meinem Vormittag und sie schaut mich mitten im Satz mit großen Augen und offenem Mund an: 
„Wie? Vorschüler? Da gibt’s das auch schon?“
„Ja, sicher gibt es das. Und wie. Was glaubst du, was uns für Kinder vorgestellt werden. Du machst dir kein Bild.“ 
Sie schüttelt betroffen und ungläubig den Kopf: 
„In all den Jahren, in denen ich hier und im Kindergarten als Erzieherin arbeite, habe ich nicht ein einziges Kind gehabt, bei dem ich Grund zum Zweifeln gehabt hätte. Ich kann das gar nicht glauben.“

Mir geben ihre Worte zu denken. Woran liegt es, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen so weit auseinander gehen? Tatsächlich wurde uns noch nie ein Kind aus diesem Kindergarten gemeldet, der das zu großen Teilen von einer ortsansässigen Stiftung finanzierte Herzstück unserer Viereinhalbtausend-Seelen-Gemeinde bildet. Ein Drittel der Menschen hier hat sich in den Neunzigerjahren den Traum vom Eigenheim erfüllt, die anderen vererben Haus, Hof und Garten von Generation zu Generation. Eine kleine Neubausiedlung gibt es auch. Dort wohnen überwiegend Rentner und ein paar Familien. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie gar nicht. Hier passt der eine auf den anderen auf. Das kann auch manchmal nerven, aber mit der richtigen Portion Misanthropie und Ignoranz hat es in der Summe mehr Vor- als Nachteile.

Und dann überlege ich, aus welchen Kindergärten unsere potentiellen Superstars der Förderschul-Unterstufe gemeldet werden. Da gibt es einen mitten in der benachbarten Kreisstadt, direkt angrenzend an einen Straßenzug, dem sein Ruf vorauseilt. In dem Menschenschwarz-weiß-rote Flaggen als akzeptable Fensterdeko betrachten, Kinder auch wochentags nach 21 Uhr mit viel zu großen Turnschuhen, offenen Schnürsenkeln und kurzen Hosen im März ihre am Eistee nuckelnden Geschwister im Buggy um die Häuser schieben und Eltern noch schlafen, wenn ihre Sprösslinge mit den selbst geschmierten Stullen (oder der Milchschnitte) im Gepäck die Wohnung zum Zwecke des Schulbesuchs verlassen. Der E-Zigaretten-Fachhandel, An- und Verkäufe und Spielotheken prägen das Straßenbild.

Im Kindergarten bietet sich das gleiche seltsame und irgendwie trostlose Bild. Erzieher, die sich scheinbar allen beruflichen Enthusiasmus eingebüßt haben und in einer Mischung aus Resignation und mechanischen Funktionierens auf die Saiten der Gitarre einhacken als wäre es ein Waschbrett und kein Musikinstrument, nur um fünf Minuten später die Kinder wieder sich selbst überlassen zu können. 
„Vorschule.. ach, sie meinen ich soll mal was kopieren? Kleinen Moment.... Kinder, kommt mal her. Die Beate hat euch ein hübsches Blatt mitgebracht.“ Und dann sind da noch die Kindergärten aus den Neubaugebieten der umliegenden Kleinstädte – gleiche Szenen, andere Architektur. Von dort kommt, bis auf wenige Ausnahmen, unser elitärer Nachwuchs.


In den letzten Jahren hat sich jedoch etwas verändert. Das bemerkt auch die Schulpsychologin. Seit nämlich alle Welt über die hochgelobte Inklusion diskutiert und die Schreibtischtäter der Bildungspolitik unseres Bundeslandes alles daran setzen, diesen Begriff aus seinem theoretischen Dornröschenschlaf unvermittelt aufzuwecken und in unser Schulsystem zu pflanzen, werden es immer weniger Kinder, die an unserem Casting für die Bildungselite links auf der Gaußschen Kurve teilnehmen. 

Jetzt könnte der unreflektierte Leser meinen „Na das ist doch prima!“. Das ist es aber mitnichten. Denn proportional zur Teilnehmerzahl sinkt auch der Durchschnitts-IQ der gesamten Gruppe. Und trotzdem werden, nur weil in irgendeinem Ministerialblatt plötzlich neue Verordnungen stehen, deren schwammige Umsetzung schon an fehlenden Mitteln und Fachpersonal scheitert, die Kinder nicht per Knopfdruck schlauer. Wo sind denn jetzt die Förderschüler hin?

Die Eltern sind nicht mehr verpflichtet, ihr Kind trotz entsprechender Indikation auf die Förderschule zu schicken. Hört sich ja erstmal gut an. Was dann allerdings gar nicht mal so selten passiert, ist folgendes: Die Eltern erzwingen den Besuch einer Regelschule auf Basis ihres Wahlrechts und entgegen aller Empfehlungen. Das Kind kommt in einer Klasse mit knapp dreißig Kindern und einem Pädagogen an, der im aller günstigsten Fall kein Quereinsteiger ist. Dort durchleidet das überforderte, unfertige Menschlein mehr schlecht als recht das erste Schuljahr und wird im Lehrplan mitgeschleift wie der tote Fuchs im Radkasten des Passaratis der Müllerfamilie im letzten MeckPomm-Urlaub. 

Vielleicht empfiehlt der ambitionierte (Neu)Pädagoge den Eltern die Wiederholung des ersten Schuljahres, vielleicht rät er aber auch zu einer Überprüfung durch die Förderschule. Weil aber die Nachbarn oder die besten Freunde jemand kennen, dessen Kind auch auf die Förderschule geht – assige Leute sind das dort – und sie außerdem kürzlich in der Zeitung lasen, dass Förderschulen bald abgeschafft werden, lehnen die Erziehungsberechtigten dankend ab, in der Annahme ihrem Kind etwas Gutes zu tun. 

Klasse Zwei beginnt und der Alptraum für Finley, Jason, Samantha oder Celina geht weiter. Bis es nicht mehr geht. Wenn es gut läuft, dann zieht er oder sie sich einfach zurück, igelt sich ein und macht die tägliche Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen still mit sich selbst aus, vielleicht kommen aber auch Bauch- oder Kopfschmerzen dazu. Wenn’s aber dumm läuft, wird Jason ein fieser kleiner Störenfried, das Arschkind der Klasse, das keiner mehr leiden kann. Dass Jason allerdings einfach nur reagiert, sieht keiner. 

Ungünstiger Weise ist vor der Einschulung auch noch eine Zurückstellung erfolgt, schließlich „verwächst sich ja auch so einiges“ und „Kinder sollte man so lange wie möglich Kind sein lassen“. Jeremy oder Jason, völlig egal, ist mittlerweile fast neun Jahre alt und damit zu alt, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Er kommt also zu einem Zeitpunkt in die Förderschule, zu dem selbst dort nicht unwesentlich viel Wichtiges längst gelaufen ist. Denkt daran – Jeremy war der tote Fuchs. Er hat weder von der Fahrt durchs sommerliche Seenplattenidyll noch von anderthalb Jahren Grundschule viel mitbekommen.
Diese Lücken in der verbleibenden Zeit zu schließen, ist eine Mammutaufgabe für Jeremy und seine engagierten Pädagogen. 

Man bedenke: Warum hat Jeremy bisher nicht erfolgreich lernen können? Weil seine intellektuellen Beinchen einfach zu kurz waren. Und mit kurzen Beinen rennt man eben nicht so schnell wie die anderen. Man hätte ihm Gehhilfen anbieten können, stattdessen ist er einfach umgerannt und niedergetrampelt worden. Jetzt läuft er in der „Kurze Beinchen“-Gruppe mit. Weil Jeremy aber lange gar nicht gelaufen ist und auf ihm herumgetrampelt wurde, hat er Mühe überhaupt auf die Beine zu kommen. Kurz: er muss jetzt trotz seiner Lernschwäche in zwei Jahren lernen, was er auch in vier Jahren hätte lernen können. Weil Zeit vergeudet wurde. Ob er das schafft, ist fraglich. Im schlimmsten Falle wechselt Jeremy nach einigen Jahren erneut die Bildungseinrichtung und geht den letzten abwärts möglichen Schritt. Und das, obwohl die Eltern und Bildungspolitiker ja immer nur sein Bestes wollten. Kinder, die nach zwei Jahren Grundschule kein einziges Wort lesen oder schreiben können, sind das Ergebnis dieses guten Willens.

Jeremy kam zu spät zu uns. Aber auch Lilly, Malik, Tim, Josua und Benjamin kamen zu spät – und das, obwohl sie ihre Einschulung noch vor sich haben. Sie kamen mit einem IQ von um die 60 und den Wahrnehmungsleistung von Granitgestein. Sie äußern sich in Einwortsätzen, können sich nicht alleine umziehen und wissen nicht, wie man einen Stift hält. Wohl aber wie man ein Tablet bedient. Sehr wahrscheinlich wird die Hälfte dieser Kinder niemals wirklich schreiben oder lesen lernen. Die Kinder kommen alle samt aus den oben beschrieben Kindergärten und Wohngebieten.

Aber wo sind unsere "guten" Förderschüler? Die mit Potential? Die, die bei guter Förderung das Zeug zum Hauptschulabschluss haben? Die bekommen im Sommer eine nette Zuckertüte und werden anschließend von 25 Kindern und einer Quereinsteigerin, die mal eine Fabrik geleitet hat, überrannt, nur um dann in zwei Jahren von uns leblos aus dem Radkasten gezerrt zu werden und die Jeremy-Karriere anzupeilen.

Inklusion in der Schule. Das ist die Palme, die wir im Urlaub so bewundern, die uns ein perfektes Bild von Ruhe und Entspannung vermittelt und die kläglich eingeht, wenn wir sie ins manchmal zumindest für Palmen recht unwirtliche deutsche Klima verfrachten. Inklusion – das ist in meinen Augen aber auch die Reanimation, die erst dann beginnt, wenn die Leichenstarre schon eingesetzt hat. Ich habe noch keinen einzigen Pädagogen im hiesigen Bildungssystem getroffen, der die Art wie Inklusion gegenwärtig hier umgesetzt wird, für gut befunden hat. 

Ich kann nicht wirklich sagen, wie es richtig geht aber ich kann sagen, dass es falsch ist, intellektuelle Ghettos zuzulassen und diese dann noch durch einschlägige Fernsehsendungen zu legitimieren. Erzählt mir nicht, dass das Aufklärungsarbeit sein soll. Es ist ein Vorführen, bei dem sich alle, denen es besser geht, angewidert abwenden und alle anderen die Rückmeldung bekommen, einer zweifelhaften Norm zu entsprechen.

Ich möchte gerne glauben, dass ich in ein paar Jahren Seite an Seite mit Grundschullehrern und Förderschullehrern in einer kleinen netten Klasse arbeite, in der Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen entsprechend ihrer individuellen Stärken und Schwächen erfolgreich miteinander lernen. Klingt nach der Sprache eines Werbeprospekts. In einer selektiven Gesellschaft wie der unsrigen belügen wir uns selbst, wenn wir glauben, alle Menschen hätten gleiche Chancen. Was entsteht ist eine Zweiklasseninklusion.

Für mehr Unterhaltsames,
seltener Kritisches,
immer aber müllereskes
aus Absurdistan, der MüllerMansion
und einer Quattroehe... 

Mittwoch, 25. April 2018

Bratpfannen, Gruppen-Masturbation und Gipfelscheißer


Es gibt kaum einen Ort, an den ich mich nicht traue - Neugier, Gutmütigkeit (soll vereinzelt vorkommen),schlichte Blauäugigkeit oder notfalls Recherche - die Gründe sind verschieden. Schachturniere, SM-Schlösser, Gottesdienste, Homopartys, Swingerclubs, martialische Fitnesskurse… Sogar ein Vorstellungsgespräch samt Betriebsführung im Bordell hatte ich. Heute erzähle ich euch vom mit Abstand seltsamsten Ort, an dem ich mich bisher aufhielt. Bedankt euch bei Herrn Müller.


Unter allen scheinpädophilen Schachtrainern, masochistischen Frauen und ihren seriösen Sadisten, Pfarrern, Transen, Studenten der Geisteswissenschaften und Puffmüttern (mit ehemaliger Führungsposition bei Bertelsmann) habe ich niemanden kennengelernt der mir so suspekt war, wie Vertriebsmitarbeiter unter sich. Ich denke Firmen mit Vertriebssystemen sind Sekten in seriösen Kostümchen.


Wenn mich zwischen Weihnachten und Neujahr das schlechte Gewissen packt und ich mich ekelhaft, fett und steinalt fühle, gehe ich laufen. Das tue ich regelmäßig -  einmal im Jahr. Meine Kondition gleicht daher der einer 85 Jahre alten, 120 Kilo schweren ehemaligen Kettenraucherin.


Kurz vor dem Herz-Kreislauf-Versagen versucht mich Herr Müller immer zu motivieren. Und dann hasse ich ihn. Dieses angewiderte Halt-deine-Fresse-Gefühl empfinde ich heute den ganzen Abend, während ich gezwungen bin, den beiden erfolgsverwöhnten Mitzwanziger-Geschäftsführern  zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig verbal einen runterholen.


Mir macht das Kopfschmerzen (kann aber auch das Parfüm meiner Tischnachbarin sein). Ich sitze Freitagnachmittag knapp zwei Stunden auf einem Stuhl, vor mir Saft und stilles Wasser. Mit dröhnendem Schädel und Hunger höre ich nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung, Motivationsmantras und Produktpräsentationen.


Wenn man die Bratpfanne nur heroisch genug ankündigt rastet die Freakshow in Anzügen förmlich aus. Aber der Hammer kommt erst noch. Wir verkaufen ja nicht irgendeine Bratpfanne. Wir – und nur wir – verkaufen die Bratwurst-Bratpfanne. Die kann etwas, das kann keine andere Bratpfanne. Sie kann – Achtung, es kommt gleich – Bratwürste braten.


Wenn jemand eine Pfanne zum Bratwurstbraten kaufen will und er die Wahl hat zwischen einer profanen Pfanne und einer Bratwurstbratpfanne, für welche Pfanne wird er sich wohl entscheiden? Natürlich für die Bratwurst-Bratpfanne, denn er kann gar nicht anders. Gleich springen alle aus ihren Anzügen vor Begeisterung (natürlich ging es nicht um Bratpfannen aber man könnte jedes andere Produkt von ähnlicher Weltbedeutung einsetzen).


Und weil diese Bratpfannen-Verkäufer, entschuldigt Bratwurst-Bratpfannen-Verkäufer so erfolgreich im Bratwurst-Bratpfannen-Verkauf sind, schenkt ihnen die Geschäftsleitung Urkunden, Plexiglas-Klötzer mit Firmenlogos und -Obacht- eine eigene Hymne. Ein wirklicher Gänsehaut-Moment.


Nachdem ich also diesen Business-Hengsten, Betriebsphilosophen und Motivationsgurus bei ihrem Onanie-Akt zugehört hatte, hob sich der Vorhang über dem Pausenbuffet verheißungsvoll. Nach unglaublichen Erfolgsstories und steigenden Umsätzen in Rekordzeit meint man etwas Großes erwarten zu dürfen.


Der inoffizielle Arbeitstitel „Viel Lärm um nichts“ wiederholt sich jedoch hinter diesem Vorhang. Kekse, es gibt Kekse, ganz ordinäres Sandgebäck, teilweise marmoriert. Dafür habe ich mir die Haare gekämmt, ein Kleid und Absatzschuhe angezogen (in denen ich jetzt auch noch für KEEEEKSE anstehen muss)!!! Wenn ich nur nicht solchen Hunger hätte.


Wenn harte Arbeit Früchte trägt
Nach dieser Pause zur Überlebenssicherung geht es ähnlich spannungsgeladen weiter. Der Stargast des Tages, ein Bergsteiger der auf einer unfassbaren gefährlichen Mission Unfassbares erreichte, gibt dem Motto des Abends ein Gesicht und referiert ebenfalls knapp zwei Stunden über riesige verplemperte Geldbeträge, abgefrorene Füße und Hochgebirgskacken - umrahmt von noch mehr Motivationsgelaber à la „Keiner interessiert sich für den Weg – allein das Ziel zählt“.


Der Pädagoge in mir möchte schon nach zwanzig Minuten Stillsitzen von seinem Sitznachbarn mit dem Igelball massiert werden oder zu einem Bewegungslied mit dem Tamburin singen und tanzen. Ich schau mich im Saal um und sehe gebannt zuhörende Verkaufstalente, die die Worte ähnlich dörrer Naturschwämme in sich aufsaugen.


Dazwischen vereinzelt Angehörige die wie ich auch gegen Hunger, Müdigkeit und Steißbein-Embolie kämpfen. Spontan überlege ich eine Selbsthilfegruppe für Familienangehörige von Vertrieblern zu gründen.


Endlich gibt es was zu essen -keine Kekse- und vor allem gibt es endlich Alkohol. Ich wollte zwischendurch schon googlen, wieviel Apfelsaft man trinken muss um betrunken zu sein. Im Halbdunkel versuche ich an einem Stehtisch unterzutauchen und beobachte diese Wirtschafts-Strategen. Nebenbei versuche ich meine Kopfschmerzen weg zu ignorieren.


Immer wenn ich denke, ja – jetzt wird es besser, stellt sich jemand neben mich und nötigt mir Gesprächsbereitschaft ab. ‚Herr Müller ist ein ganz Toller‘, sagen sie und wie ich es hier finde wollen sie wissen. Ich antworte immer das gleiche: "Irgendwie freaky das Ganze hier". Angewiderte Faszination. Wie Autobahnunfallgaffen für Menschen ohne Führerschein.
 

Mit vollem Magen und ausgestattet mit einem gesunden Pegel Blutalkohol bin ich mental knapp bereit für den dritten Teil des Abends, das Highlight. Wenn ich die Augen schließe, dreht sich mein Stuhl… Huiiiii.


Dem klugen Kopf hinter dem Veranstaltungskonzept gelingt es tatsächlich die Gruppen-Masturbation aus Teil eins mit der Gipfelbesteigung aus Teil zwei zu verknüpfen und so werden wir alle Teil der firmeneigenen Expedition und klinken uns ein in das selbst geknüpfte Seil aus Teamspirit, Kampfgeist und Wille zu Anstrengung und Erfolg.


Auf der Leinwand in Sepia und SlowMotion präsentierte Colgate-Gesichter, hinter denen die Nebelmaschine Charisma und Kampfgeist sichtbar macht, werden per Conquest of Paradies zur unversichtbaren Reisebegleitung aufgewertet.


"Herr!" denke ich, "reiß die Erde auf und verschling mich oder ich kotze jetzt gleich auf meine hübschen Schuhe!". Meine Freundin Sarah schreibt mir, dass sie einen Pickel auf dem Rücken hat. Ich soll kommen und ihn ausdrücken. Das würde ich jetzt so viel lieber tun.


Was dann folgt, ist der menschliche Teil der Veranstaltung. Endlich sind alle betrunken. Auf dem Klo höre ich den Chef ins Mikrophon singen. Er ist der DJ des Abends. Zum Glück ist er Geschäftsführer geworden. 

Der Abend endet für mich als ich kurz nach Mitternacht zur Bar wanke und mir vernünftigerweise ein Wasser bestelle. Der Barkeeper weist mich darauf hin, dass ich mein Getränk nun selbst zahlen müsse. Das sei der Wunsch der Geschäftsleitung. Ich antworte „Lieber verdurste ich“ und gehe.


Als ich am nächsten Morgen aufwache, hat mein Körper spontan angefangen zu menstruieren. Ich denke, er möchte sich von innen reinigen. Heute werde ich MICH mal feiern, denke ich und fange direkt damit an. 

Im Einteiler sitze ich ungekämmt am Küchentisch und gieße mir Eierlikör in den Milchkaffee. Zum Glück sind Lehrer nicht so furchtbar erfolgreich, um dauernd einen Grund zum Feiern zu haben.

Achtung: Mitgliedsanträge für die Selbsthilfegruppe, sowie vertrauliche Seelsorge für Aussteiger gibt es GRATIS zum Abo von Frau Müller auf Facebook hier.

Donnerstag, 19. April 2018

War meine Oma ein Nazi? ODER: Ein Riesenbaby, politischer Joghurt und das Bart-Gen

Oma Heidi war eine gute Oma. Sie war eine dieser Omas, die einem mit 4711 feuchtes Toilettenpapier herstellen lässt und es dann trocken bügelt. Eine, die Leggins mit Totenköpfen trug, weil sie das Muster nicht richtig erkannte und dachte, es seien Blumen aufgedruckt. Eine, die Schmuck und Kleidung (die in ihren Augen so edel war, dass sie sie selbst nie trug) gerne für Modenschauen vor dem großen Schlafzimmerspiegel zur Verfügung stellte. Eine, die zwischen den noch nie benutzten Handtüchern im Wohnzimmerschrank ihre Rente versteckte, um den Enkeln kurz vor dem Gehen mit der Körpersprache eines Koksdealers 20 Mark zuzustecken...


Ich war ein Omakind und noch dazu verdammt verwöhnt. Das ging so weit, dass ich eines dieser Riesenbabys war, die mit vier Jahren noch im Buggy gefahren werden, während die Füße schon auf dem Asphalt schleifen. Für Oma war das Buggy praktisch, denn da brauchte man die Taschen nicht schleppen. Und so ein Rentnertrolly war schließlich nur was für alte Leute. Die Logik, dann lieber ein 25 Kilo schweres Kleinkind plus Einkäufe einen steilen Berg hinauf zu schieben, erschließt sich mir auch nicht, aber Omas müssen auch nicht logisch sein. Nur lieb. So lieb, dass sie einem erlauben einen ganzen Kochbeutel Tiefkühlhühnerfrikassee alleine zu essen, weil es nun mal das Lieblingsessen ist oder so lieb, dass sie das Marmeladenbrötchen zum Frühstück auch dann noch in Häppchen schneiden wenn man längst gelernt hat unfallfrei zu essen.

Meine Mutter brachte es regelmäßig zur Weißglut, wenn sie in den Kaffeetassen im Küchenschrank die ganzen versteckten Schnuller fand, die während des Aufenthaltes in der Casa del Omma mein emotionales Wohlbefinden sicherten. Ohne auf den Schlamm zu hauen, möchte ich fast sagen, meine Großeltern vergötterten mich. Das mag daran liegen, dass ich das erste und einzige weibliche Enkelkind war, welches zudem zuletzt geboren wurde. Die kleine Prinzessin quasi. Ich kann den Hype um mein Geschlecht nicht wirklich verstehen, zumal mein Vater gerne skandierte, dass er lieber noch vier Jungs hätte als eine Tochter wie mich. Klingt hart, war aber lustig gemeint. Mülleresk eben.

Lieblingsplatz für den Heidi-Podcast
Jedenfalls habe ich sehr viel Zeit mit meiner Oma verbracht. Zeit, in der sie mir nach 1989 nicht nur die ersten 15 Barbies meines Lebens kaufte sondern mir auch ziemlich viele Kriegsgeschichten erzählte. Ja, Oma Heidi konnte nicht nur virtuos Märchen erzählen  (Erzählen, NICHT VORLESEN! Kann das heute eigentlich noch irgendjemand oder ist diese Fähigkeit mittlerweile ausgestorben?), sie erzählte auch für ihr Leben gerne von damals. Und ich hörte ihr ebenso gerne zu. Ein bisschen selbstzerstörerisch möglicherweise, denn für ein Kind meines Alters hatte ich damals wahrscheinlich überdurchschnittlich viel Angst vor Krieg und dennoch bettelte ich sie oft an, um eigentlich immer die gleichen Geschichten, die ich so oft und gerne hörte, dass ich mich heute noch an sie erinnern kann.

Meine Lieblingsgeschichten waren die vom BDM. Heidi wurde 1921 geboren und kam als junges Mädchen zum Bund deutscher Mädchen. Sie erzählte von Bauerfamilien, denen sie im Haushalt, bei der Ernte und mit den Kindern half. Beim BDM hatte Heidi in ihrem Spint lauter Bilder von Männern mit Bärten, weshalb sie die anderen Mädchen mit Spitznamen Bärdl riefen. Da bärtige Männer zur damaligen Zeit wohl eher auf Propagandamaterial als in Hochglanzmagazinen als Models für Bartöl und Barbershops abgedruckt waren, kann man sich gut vorstellen, wer genau auf den Bildern zu sehen war. Heidi verehrte diese Männer aus tiefstem Herzen. Nicht zuletzt, weil ihr der wichtigste Bärtige (allerdings der mit dem kleinsten…) in ihrem Leben einmal bei einer Parade zur Einweihung einer Brücke in ihrer Heimatstadt zugewinkt hatte.

Notiz am Rande: Liebe zu Bärten scheint vererbbar zu sein. Auch ich ziehe männliche Exemplare mit ausgeprägtem Gesichtshaar unterhalb des Jochbeins vor. Allerdings nicht ohne ausgedehnte Kinnbewaldung. Schnurrbärte und Schnäuzer sind –egal wie dimensioniert sie sind - etwas für Klischeezorros, Pädobären, Fasching und Horst Lichter.

Das Unheil und den Krieg brachten die Russen ins Land. Immer wenn Bombenalarm war, Heidi und ihre Schwestern die Flieger hörten und auch später, wenn sich russische Soldaten in der Nähe herum trieben, versteckten sich alle in einem großen Loch unter dem Kirschbaum im Garten, das mit Brettern und Laub von oben unsichtbar gemacht wurde. Mir spendete der gleiche Kirschbaum gut 40 Jahre später Schatten im Sommer und leckere Kirschen natürlich.

In all ihren Geschichten waren die Russen das Übel. Für Heidi gab es ihr Leben lang nur Schwarz und Weiß. Es gab ihren Führer, mit dem es den Menschen gut ging, der Familien und Kinder liebte. Und es gab die Russen. Vergewaltiger, Plünderer, Kriegsverbrecher. Mit diesen Geschichten und ironischerweise Märchen aus aller Welt – russische Märchen liebte Heidi besonders – wuchs ich auf. 


Ich liebte meine Oma und ihre Geschichten. Und ich liebte ihre Westverwandtschaft. Ihr Bruder Horst schickte nämlich regelmäßig Pakete von drüben. Minzschokolade mit der Kaminuhr, Schaumküsse, Butterspritzgebäck, goldene Sahnebonbons und den guten Markenkaffee hütete sie wie Reliquien in einer Truhe auf dem Dachboden, die nur zu besonderen Anlässen geöffnet wurde. Heute steht das gute Stück restauriert in der MüllerMansion und bewahrt die Skihosen der kompletten Sippe auf. Kekse und Süßkram werden konsumentenfreundlicher in der Nähe des Sofas aufbewahrt.

Horst schickte auch Feinstrümpfe. Wusstet ihr, dass man Feinstrümpfe stopfen kann, wenn sie Löcher haben? Oma Heidi war Profi darin. Horst war reich, er lebte mit seiner Frau in einer Villa im Westen. Bei den Beiden habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Becher Marken-Fruchtjoghurt gegessen. Und Horst war ein ehemaliger SS-Offizier. Allerdings fragte ein siebenjähriges Kind damals nicht: „Warum bist du so reich? Warst du mal ein Nazi?“

Die Welt um Heidi veränderte sich in den Jahren. Heidis Weltbild blieb bestehen. An ihrem Küchenschrank Bilder von Adolf und Kollegen. Jede politische Diskussion beendete sie schon bevor sie dement wurde mit dem Satz: „Mit dem Führer wäre uns das nicht passiert!“


Nachdem auch sie, wie meine andere Oma , wegen ihrer Demenz einige Zeit im Heim verbracht hatte, starb Heidi mit 93 Jahren. Bei der Regelung der Erbangelegenheiten stießen wir auf ein bisher unbekanntes Kind. Heidi hatte noch vor meinem Vater und seinen Geschwistern ein Kind zur Welt gebracht, offenbar ein Mädchen. Die Recherche ergab, dass dieses Mädchen nur wenige Wochen alt wurde. Was war passiert? Ein Kind, über das die Mutter nie ein Wort verlor? Unehelich in dieser Zeit und bald verstorben? In einer Zeit gezeugt und geboren, in der Vergewaltigungen durch russische Besatzer an der Tagesordnung waren? Die Russen, die Oma Heidi bis an ihr Lebensende inbrünstig hasste? Meinem Vater erzählte sie in den Jahren vor ihrem Tod einmal, dass sie und alle ihre Schwestern von russischen Soldaten vergewaltigt wurden…

Wir wissen nicht, was genau geschah und werden es nicht erfahren. Wir können nur mutmaßen. Heidis lebenslange Verbundenheit zu einem politischen Regime, mit dem sie als junges Mädchen aufgewachsen war, machte einen Teil ihrer Persönlichkeit aus. Ein Fakt, der ein letztes Mal interessant wurde, als die Trauerrednerin ihre Ansprache vorbereitete. Sie sprach in der Kapelle neben der blumengeschmückten Urne von einer „großen Heimatliebe, die Heidis Wesen ausmachte“, ein Moment in dem jeder der Anwesenden wusste, was gemeint war und unweigerlich schmunzeln musste.

Warum schreibe ich das Ganze? Oma Heidi war eine Zeitzeugin. Auch sie hat in einer Gesellschaft gelebt, die die Menschen bald nur noch aus Geschichtsbüchern und Dokus kennen. Ihre Persönlichkeit wurde durch die Zeit und ihre Erlebnisse geformt. Menschen sind Individuen, geprägt - aber auch begrenzt - durch ihren Horizont. 

Ist Oma Heidi ein schlechter Mensch gewesen, weil sie ihr Weltbild nie hinterfragt hat oder noch viel schlimmer: in mein unverdorbenes kindliches Hirn gepflanzt hat? Weil sie mich sehenden Auges Nazijoghurt hat essen lassen? Und warum hat sie eigentlich nie hinterfragt? Boten ihr die Erinnerungen an diese bessere Zeit, das nostalgische Schwelgen, vielleicht einen Rückzug? Eine Art Schutzraum? Waren die Schuldzuweisungen einfach nur eine Erklärung um Ruhe zu finden, für eine Frau, die auch lange nach Kriegsende vom Schicksal nicht verschont blieb, zum Beispiel als ihre einzige und innig geliebte Tochter als erwachsene Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel?

Sorgt euch nicht. Als Jugendliche hab ich den ein oder anderen kläglich gescheiterten Versuch unternommen, aus Heidis Schwarz und Weiß zumindest ein Grau zu machen. Jeder der mich schon länger liest, kennt einige meiner Ansichten und ahnt zumindest vage, dass sich diese nur schwerlich bis gar nicht mit der Weltanschauung um 1945, die aktuell ein erschreckendes Revival erlebt, vertragen. Also calm down and love Heidi. Es sind nicht nur die Geschichten, mit denen wir aufwachsen, die uns zu dem machen was wir sind, sondern es ist auch der Verstand, mit dem wir bewerten.

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