Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 14. März 2018

Das Salz in der Suppe - ein SchMärz-Beitrag von Elly Addams



Trommelwirbel für Elly Addams. Sie bringt uns heute die erste SchMärz-Geschichte ins Übergangs-Lehrerzimmerboudoir und ist bis in die Haarspitzen motiviert, dies in Zukunft regelmäßig zu tun...

Ich bin Elly. Ich wohne mit Mann und Hund in der Großstadt und ich liebe BDSM, lebe ihn aber nicht.
Trotzdem ist BDSM ein Teil meines Lebens und ich erzähle euch heute, wie das kam.


Angefangen hat es nicht mit einem Millionär in grauen Tweedhosen, ebenso wenig mit einem geheimnisvollen Fremden in einem Club, nein. Bastian, mit dem ich Anfang 20 zusammen kam, hatte für die Wand über dem Kopfende seines Bettes eine, für meine jungen Augen, recht exotische Deko gewählt. Handwerker seines Zeichens, hatte er dicke Ösen in die Wand geschraubt und daran Handschellen befestigt. Darüber thronte eine Gerte. Spoiler: die ersten Schläge, die ich freiwillig kassiert habe, waren mit genau dieser Gerte geführt. Aber das dachtet ihr euch bestimmt schon.

März 2005. Ich spüre die Lederfesseln um meine Handgelenke, sie sind das einzige, was ich trage. Ich liege nackt auf Bastians Bett, meine langen Haare kitzeln auf meinen Brüsten und die Satinbettwäsche, die ich eigentlich total seltsam finde, fühlt sich gerade sehr edel auf meiner nackten Haut an. Ich höre Bastians Atem und dann beißt die Gerte scharf in meine Haut. Mein Schrei ist eher einer der Überraschung, aber der zweite Schlag tut richtig weh. Ich denke darüber nach, das ganze abzubrechen, bin aber rundweg zu stolz, ihn zu bitten, aufzuhören.

Nachdem wir uns und unsere Grenzen eine Weile ausprobiert hatten, war klar, dass er einen Hang zum Sadismus hatte, der sich gut mit meiner Neigung zu Schmerz vertrug. Jedoch war er nicht sonderlich dominant, während ich die Vorstellung, mich jemandem gänzlich zu unterwerfen, einfach lächerlich fand. Und weil wir nun so gar nicht zum gängigen Bild von BDSM passten, begann ich zu suchen. Tatsächlich wurde ich fündig und zwar auf einer Plattform, die BDSMlern vorbehalten war und ist.

Oktober 2005. Bastian hat mir ein Halsband gekauft. Es ist schmal, höchstens einen Zentimeter breit, aus schwarzem Leder, und statt eines Ringes wird es von einer einzelnen Silberperle geziert.
Es ist nicht dazu gedacht, mich festzuhalten. Es ist ein Symbol.
Ich knie vor ihm, in der Haltung, die in der Szene so geläufig ist: die Beine gespreizt, die Hände mit den offenen Handflächen nach oben auf die Knie gelegt, mit geradem Rücken. Aber nicht mit geneigtem Kopf. Ich knie erhobenen Hauptes, stolz und meiner selbst bewusst, und schaue ihm ins Gesicht, während er mir das Halsband umlegt. Es hat keinerlei Sicherung oder Schloss, ich könnte es jederzeit ablegen. Aber ich will nicht, denn es symbolisiert uns. In dieser Nacht haben wir den besten Sex seit langem. Ohne BDSM, aber mein Halsband wird unglaublich oft berührt, sowohl von ihm, als auch von mir.

Ich las und las, unterhielt mich mit wildfremden Menschen über meine Neigungen, stieß an eigene Grenzen, ekelte mich und fragte mich immer mal wieder, ob die Leute dort eigentlich noch alle Tassen im Schrank hatten.
Aber ich blieb. Ich lernte und wuchs, und ich kann heute tatsächlich behaupten, dass diese Zeit mich hat erwachsen werden lassen. Ich habe mich mit mir selbst beschäftigt, mich kennen gelernt und verstanden, warum ich dieses Bedürfnis nach Schmerz habe.
Es geht um Grenzen. Immer. Darum, sie zu finden, zu brechen, zu wahren, sie wieder aufzubauen. Es geht um Gefühle, in einer Welt, in der man 90% der wachen Zeit die Kontrolle über selbige haben muss.

Januar 2006. Bastian hat unsere Wohnung unseren Begierden angepasst. In der Wand hinter der Schlafzimmertür sind stabile Ösen verankert, an die er mich fesseln kann. Sie sind so hoch angebracht, dass ich gezwungen bin, hohe Schuhe zu tragen, wenn wir spielen. Natürlich war das genau so gedacht – er steht einfach auf High Heels.
Meine Gedanken werden unterbrochen, als die Peitsche auf meinen nackten Rücken saust.
Ich presse die Stirn an die kühle Wand, wild entschlossen, nicht zu schreien. Natürlich weiß ich, dass ich letztlich schreien werde, aber es ist Teil unseres Machtkampfes, dass ich so lange schweige, wie ich nur kann. Einfach, weil es ihn ärgert und anspornt.

Ich werde nie den Moment vergessen, in dem mich Bastian das erste Mal über meine persönliche Schmerzgrenze getrieben hat. Ich habe geschrien, geheult, versucht, zu entkommen und es nicht geschafft, und dann, auf einmal, war all die Anspannung, all der Stress aus dem Leben 1.0 weg. Einfach weg. Ich fühlte mich wie ein nasser Sack. Ein zufriedener nasser Sack, dem alles weh tat. Bastian legte sich damals zu mir, zog mich an sich und umarmte mich, umhüllte mich praktisch mit seinem Körper während ich mich dank lederner Handfesseln nicht für die Umarmung revanchieren konnte – und auch nicht musste.

April 2006. Ich hänge an der Wand, völlig fertig von der Session, die wir gerade hatten. Die Riemchen der High Heels schneiden ein und nerven mich, die Haut auf meinem Rücken und mein Hintern brennt und ich bin eigentlich echt durch. Ich mag und kann nicht mehr und möchte eigentlich nur noch ins Bett. Aber dann spüre ich Bastians Haut an meiner. Während ich kurz im stehen eingeschlafen bin, hat er sich ausgezogen. Er dreht mich um, greift zwischen meine Beine, krallt sich in meinen Po und hebt mich hoch. Eine Sekunde später ist er in mir und meine Müdigkeit ist vergessen. Mein Rücken, voller Furchen von der Peitsche, wird gegen die kühle Wand gepresst, während ich ihn in mir spüre, ihn aber nicht berühren kann, weil meine Hände immer noch in diesen verdammten Fesseln hängen. Zumindest küssen kann ich ihn, und das tue ich auch leidenschaftlich.

Wir blieben einige Jahre zusammen und erforschten unsere Grenzen und als die Beziehung endete, endete auch die Phase, in der ich mich und meine Rolle in einer Beziehung über BDSM definierte.
Aber die Leidenschaft ist geblieben.
Ich liebe es, zu provozieren. Ich liebe es, mein Gegenüber in den Wahnsinn zu treiben, mich aber so lang zu entziehen, bis er oder sie fast platzt. Ich liebe den Moment, in dem der oder die Andere die Geduld verliert, und sich nimmt, was so lang entzogen wurde. Ich liebe es, mich zu ergeben, aber niemals ohne Kampf. Im Grunde erfüllt BDSM für mich das, was die meisten Frauen sich ständig wünschen: ich kokettiere, verführe, entziehe mich und werde am Ende im Sturm erobert.
Klingt wie aus einem Schnulzenroman? Ja, fühlt sich manchmal auch so an. Gewürzt mit dem ein oder anderen Schlag auf den Hintern und einer Hand an der Kehle.

August 2011: Die Tür des Darkrooms schließt sich hinter mir mit einem vernehmlichen Krachen und als ich mich zu Mick umdrehe, kann ich kaum umhin, das Blitzen in seinen Augen zu bemerken. Er zieht den Gürtel aus den Schlaufen seiner Anzughose und mein Puls steigt.
Meine Arroganz gewinnt die Überhand und die 14 cm High Heels tun ihr übriges, sodass ich mein Kinn hebe und ihn von oben herab anschaue. Kaum eine Sekunde, nachdem die Tür geschlossen ist, fährt seine Hand in meinen Nacken und zwingt mich vornüber gebeugt über einen Barhocker. Ich muss mir eingestehen, dass er die besseren Karten hat, denn auf Pfennigabsätzen steht es sich nicht allzu stabil.

Ich lebe BDSM heute nicht mehr. Zumindest nicht so, wie man sich das im Allgemeinen vorstellt.
Meine Beziehung ist geprägt von einer tiefen Freundschaft und diese Freundschaft würde einfach keine Spielchen ertragen. Das ist auch gut so, denn ich habe die Freiheit, mir zu nehmen, was ich brauche. BDSM ist für mich nur noch das extra Salz in einer schon so sehr schmackhaften Suppe.

Februar 2016: ich habe ein paar schlimme Wochen hinter mir und besuche meinen Freund John. Als ich zur Tür rein komme, sieht er mir an, dass ich durch bin. Er umarmt mich zur Begrüßung, dann greift er mir ins Genick. Seine Hand in meinen Haaren verursacht mir eine Gänsehaut.
Einige Stunden später brennt meine Haut von den Schlägen seines Gürtels, und ich erlebe das Gefühl erneut, dass mir Bastian damals gegeben hat. Schmerz, Kontrollverlust, gecoverd von der Nähe eines Vertrauten.

Es passiert nicht oft und ist meist von enormem Zufall geprägt, aber wenn ich mit blauen Flecken und wildem Haar nach Hause komme, sind keine Erklärungen nötig.
Mein Mann weiß dann, dass ich einen Grenzgang hinter mir habe, und dass das wichtig für mich war.
Er weiß aber auch, dass ich mich an die Regeln halte, die wir für unsere Beziehung definiert haben.
Und auch das hat mir BDSM gebracht: ich bin absolut reflektiert genug, um meinem Partner zu erklären, dass ich keineswegs etwas in unserer Beziehung vermisse. Im Gegenteil, BDSM würde einfach nicht zum Charakter unserer Beziehung passen, und weil ich das erklären kann, kann ich auch leben, was ich bin, ohne dass jemand verletzt wird.
Naja.
Außer mir halt. Manchmal.
Mehr von mir? Dann bleibt dran!

Eure Elly

Der SchMärz ist zum Glück noch jung und bietet genug Bühne für den Auftritt einer zweiten jungen Frau und ihrer persönlichen sexuellen Revolution. Am 21.03. lernt ihr Diana Mars kennen. Seid gespannt. 
 



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